Euer bestes Lektüreerlebnis 2019

  • Ich würde gerne von Euch wissen, welches Buch Euch dieses Jahr am besten gefallen hat.


    Ich hatte mit Colson Whitehead’s “The Nickel Boys” meine beste Lektüre in diesem Jahr.

  • Ich habe in meiner Leseliste mehrere Bücher als Hit markiert:

    Als letztes natürlich Richard Powers: Der Klang der Zeit (ein Buch, das bei mir noch sacken muss)

    Marlen Haushofer: Die Wand

    T.E.D. Klein: Verschwörung der Götter (ein Erzählband, Urban Legends der besonderen Art und tolles Lesevergnügen)

    Und ein Buch, das mich tief beeindruckt hat und das ich unbedingt nächstes Jahr wiederlesen will:

    Radka Denemarková: Ein Beitrag zur Geschichte der Freude


    Um die Spitzenposition streiten sich Marlen Haushofer und Richard Powers, gewinnen wird vermutlich "Die Wand", aber das liegt auch an der besonderes Lakonik, die dieses Buch ausstrahlt.

  • Deine Begeisterung für Richard Powers hat mich auch angesteckt - ich werde mir das Buch wohl auch besorgen.


    „Die Wand“ habe ich vor 2-3 Jahren gelesen. Es hatte mir gut gefallen, war für mich aber dann doch zu deprimierend.


    Das Buch von Denemarkova ist sowieso schon seit über einem Jahr auf meinem Stapel ungelesener Bücher 📚📚📚

  • Ich hatte es aus der Onleihe und fürchte, dass ich es nicht "richtig" gelesen habe. Ich lese aus der Onleihe fast nur Krimis und ein Buch mit derart komplizierter Struktur muss ich in Papierform in der Hand halten.

    Hab es mir auf die Merkliste bei Amazon gesetzt; wenn mich die Lust auf die Zweitlektüre ankommt - irgendwann nächstes Jahr -, werde ich es bestellen.

  • Vielleicht sind auch die größten Leseenttäuschugen dieses jahres interessant - mich interessert sowas immer. :D


    Ich hatte mich sehr gefreut, im Offenen Bücherschrank ein Buch von Iain Pears zu finden, weil ich "Das Urteil am Kreuzweg" als spannenden und vielschichtigen "History-Mystery" sehr schätze. Und dann auch noch der Titel "Caravaggios Erben", das muss doch was sein ...

    Und dann entpuppte es sich als fader Regionalkrimi um Kunstdiebstahl, der mich nicht fesseln konnte, ich habe nach fünfzig Seiten aufgegeben.

  • Meine beste Lektüre in diesem Jahr war der "Stechlin" von Fontane und "Das Leben meiner Mutter" von Oskar Maria Graf. Dann habe ich eine neue gute Autorin kenngelernt, nämlich Jane Gardam. "Arztgeschichten" von Michail Bulgakow hat mir auch sehr gefallen.

    Nichtsdestotrotz habe ich in diesem Jahr elend wenig gelesen.


    Gruß, Lauterbach

  • Für mich war es traurig, als ich Anfang des Jahres alle Bände von Anthony Powells "Ein Tanz zur Musik der Zeit" gelesen hatte. Der dort vorgestellte Kosmos schräger und tragischer Figuren, die subversive Ironie und auch in der deutschen Übersetzung brillanten Sprache war ein großer Lesegenuss. Sicherlich waren nicht alle Bände gleich gut, aber ich war immer wieder sofort drin und genoss jede Zeile. Wenn ich meine Rente erreiche, werde ich ganz sicherlich bald dieses Riesenwerk noch einmal lesen. Ist aber noch ein paar Jahre hin … .
    Des weiteren hat mir bei den modernen Romanen besonders gut Kim Leines "Ewigkeitsfjord" gefallen, das an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert in Kopenhagen und Grönland spielt und in einer sehr dichten Sprache das durch viele Zufälle und Fehlentscheidungen geprägte Leben eines norwegischstämmigen Muss-Priesters schildert. Das klingt sehr gequält, ist aber sehr abenteuerlich und spannend.

    Und Moby Dick von Herman Melville ist natürlich schon der Hammer, auch wenn man sich selbst an dem Werk erstmal bewähren muss.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Meine Lese-Höhepunkte in diesem Jahr waren:


    Andor Endre Gelleri, Stromern (Ich lese normalerweise nicht so gerne Erzählungen, aber diese ungarischen Texte haben mich vollkommen in ihren Bann geschlagen)

    Rachel Cusk, In Transit (eigenartig schwebende Episoden aus dem Leben einer Schriftstellerin, die mich begeistert haben)

    Stefan Zweig, Die Welt von gestern (unfassbar, aber diese großartigen Erinnerungen kannte ich bislang noch nicht)

    Herbert Kapfer, 1919. Fiktion (ein Roman, in dem kein Wort von Kapfer stammt, sondern der lediglich Auszüge aus anderen Büchern neu zu einem Kaleidoskop der Zeit zusammenstellt)

    Cornelia Koppetsch, Gesellschaft des Zorns (ein kluges Buch, das mir manche Phänomene endlich plausibel gemacht hat)

    Ocan Vuong, Auf Erden sind wir kurz grandios (ein gehyptes Buch, aber in diesem Fall zu recht)

    Andreas Maier, Die Familie (Teil eines auf zwölf Bände angelegten Zyklus - ich freue mich auf jeden neuen Band, aber mit diesem sechsten Buch hat Andreas Maier noch einmal völlig den Blick auf seine Familie und Herkunft verändert. Das kam wohl auch für ihn selbst überraschend. Umso gespannter bin ich, wie es weiter gehen wird).


    Und zuletzt mein persönliches Buch des Jahres *tada*
    Matthias Nawrat, Der traurige Gast

  • Zwei möchte ich hervorheben; beide keine Klassiker (zumindest noch nicht)

    John Banville: Die See

    Zunächst Überfällt mich bei der Lektüre eine wehmütige Stimmung, die Kindheitserinnerungen des Erzählers locken ab und zu eigene hervor, man schliesst die Augen, unterwirft sich dem Spiel der eigenen Erinnerungen. Manchmal grenzt die Wehmut ans Schmerzhafte.

    Banvilles Buch spielt sich auf drei Ebenen ab, die ineinanderfliessen, so dass man den Zeitwechsel nicht immer gleich bemerkt. Eigentlich gibt es auch keinen Zeitwechsel. Alles spielt sich in der Gegenwart der Erinnerung an Geschehenes ab. Der Ich-Erzähler , in einem unbestimmt fortgeschrittenen Alter, hat sich an einen irischen Küstenort zurückgezogen, in dem er in seiner Kindheit häufig seine Ferien mit den Eltern verbracht hat. Dort hatte er die Familie Grace kennen gelernt und es entwickelt sich an der Schwelle zwischen Kindheit und Pubertät eine eher scheue Liebe, die zwischen der Mutter und Tochter schwankt und sich meist diskret auf heimliche Blicke beschränkt.

    Die zweite Erinnerungsebene ist mit der Frau des Erzählers verbunden, die Jahre zurück an Krebs gestorben ist. Und die dritte Ebene ist die der Gegenwart, einer recht trostlosen Gegenwart, die fast nur aus diesem Strömen des Erinnerns besteht. Dazu die Kulisse des Meeres, die dem Buch seinen Titel gegeben hat.

    Banvilles Sprache ist voll prächtiger Bilder, manchmal auch schonungslose, die nichts beschönigen. Das Buch ist weder unterhaltsam noch spannend. Aber ich habe es nicht aus der Hand gelegt.


    Sorj Chalandon: Der Tag davor (Le jour d'avant).

    Man erweist jemandem die letzte Ehre, so sagt man doch, nicht wahr, wenn man einen Toten grüsst? Eine solche Ehrbezeugung ist das Buch "Am Tag davor" des tunesisch-französischen Autors Sorj Chalandon. Das Buch ist den 42 Bergleuten gewidmet, die kurz nach Weihnachten 1974 bei einem Grubenunglück in Liévain-Lens, im ungeliebten Norden Frankreichs, ums Leben kamen. Am Ende des Buches liest man ihre Namen. Unter ihnen viele polnische, auch einige flämische. Im Nachwort zur französischen Taschenbuchausgabe, es ist in der deutschen Ausgabe nicht abgedruckt, berichtet der Autor von seinen Lesereisen in den Norden Frankreichs oder Lothringens, überall dahin, wo sie standen, die Fördertürme der Kohlenbergwerke. In den 80-er Jahren wurden die letzten geschlossen. Da sassen sie vor ihm, die Alten mit ihren Staublungen, deren Husten die Lesung aus dem Roman begleitete. Da sassen sie auch, noch mehr, die Witwen, die Kinder, die Enkelkinder, die ihre Männer, Väter oder Grossväter meist sehr früh verloren hatten, - oder auch noch früher, wenn sie Opfer der zahlreichen Unfälle und Unglücke in den Gruben wurden.

    Der Autor war ein wenig besorgt. Hatte er doch ein Opfer nur erfunden, ein 43. Opfer der Katastrophe von Liévain. Und ob dieses 43. Opfer überhaupt ein Opfer war, konnte man sogar bezweifeln. Nach der Lesung aber kamen die Witwen und baten den Autor den Namen ihrer Männer, die früher oder später ein Opfer des Bergbaus geworden waren, mit der Hand an die Liste der 42 Opfer von Liévain hinzuzufügen. Das muss für den Autor ein ergreifender Augenblick gewesen sein, auch für den Leser heute.

    "Das Bergwerk tötet uns alle", heisst es im Roman. Michel Flavant, der viel jüngere Bruder, will eines dieser Opfer, seinen Bruder Joseph, rächen. Vierzig Jahre nach der Katastrophe, die leicht vermieden hätte werden können, findet er endlich den Schuldigen. Wenig später ist er selbst der Beschuldigte. Die letzten 100 Seiten des Romans schildern den Prozess. Der Autor war viele Jahre Prozessberichterstatter für die französische Zeitung 'Liberation'. Von seiner Erfahrung profitiert das Buch. Aber es profitiert vor allem von der - wie soll man sagen - Menschlichkeit des Autors. Darum ist es ein grosses Buch geworden.

  • Meine Highlights 2019 sind:


    Theodor Fontane: Der Stechlin

    Julia Beard: Queen Victoria

    Martha Gellhorn: Der Wetter in Afrika. Novellen

    Ernest Hemingway: Wem die Stunde schlägt

    John Burnside: Die Lügen meines Vaters

    Pierre Lemaitre: Die Farben des Feuers

    Hans Pleschinski: Wiesenstein

    Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht.

    Tjernshaugen,Andreas: Das geheime Leben der Meisen


    Außerdem haben mir die Romane von Celeste Ng sehr gut gefallen.




    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

  • Eine schöne Liste, JMaria!!


    "Wiesenstein" hat mir im Jahr davor auch sehr gefallen. Ein sehr eindrückliches Buch, viele Bilder sind mir noch im Gedächtnis. Und in diesem Jahr bin ich selbst einmal durch Bad Warmbrunn geschlendert und habe nach dem Café Ausschau gehalten, das im Buch beschrieben wird. In der Villa Wiesenstein war ich vor einigen Jahren einmal.

  • Unter anderem:

    Elias Canetti: Die Blendung.

    Eduard von Keyserling: Gesammelte Werke

    Joseph Roth: Die Kapuzinergruft und Radetzkymarsch

    Ich vergesse das meiste, was ich gelesen habe, so wie das, was ich gegessen habe; ich weiß aber soviel, beides trägt nichtsdestoweniger zu Erhaltung meines Geistes und meines Leibes bei. (G. C. Lichtenberg)

  • Eine schöne Liste, JMaria!!


    "Wiesenstein" hat mir im Jahr davor auch sehr gefallen. Ein sehr eindrückliches Buch, viele Bilder sind mir noch im Gedächtnis. Und in diesem Jahr bin ich selbst einmal durch Bad Warmbrunn geschlendert und habe nach dem Café Ausschau gehalten, das im Buch beschrieben wird. In der Villa Wiesenstein war ich vor einigen Jahren einmal.


    Das war sicher ein tolles Erlebnis !

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

  • Unter anderem:

    Elias Canetti: Die Blendung.

    Eduard von Keyserling: Gesammelte Werke

    Joseph Roth: Die Kapuzinergruft und Radetzkymarsch

    Keyserling lese ich immer mit großem Genuss.

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

  • Leibgeber

    Meinst du mit Keyserlings "Gesammelten Werken" eine bestimmte Ausgabe? Bei manesse gibt es ja jetzt eine Starnberger Ausgabe, in der zwei Bände erschienen sind: "Erzählungen" (Landpartie) und "Späte Romane" (Feiertagskinder). Ob, und wie das weitergeführt wird, ist aber nicht erkennbar. Die beiden manesse Bände (grossformatig) sind ausführlich kommentiert.