Beiträge von Zefira

    Ich habe "Neunzehnhundertfünfundachtzig - EIn historischer Bericht" von György Dalos inzwischen gelesen. Das Buch geht von der Prämisse aus, dass der Superstaat Ozeanien kurz nach den Ereignissen, die Orwell in "1984" schildert, durch eine gigantische militärische Niederlage die komplette Luftwaffe verliert. Damit wird Ozeanien wehrlos; in 1985 ist vom ganzen Gebiet Ozeaniens nur noch Airstrip One übrig, also Großbritannien. Im Eingangskapitel stirbt der Große Bruder.


    Abwechselnd kommen Figuren aus 1984 zu Wort: O'Brien (Chef der Gedankenpolizei), Winston Smith (der die Literaturbeilage der New York Times schreiben darf), Julia (die Kultusministerin wird), Syme, Ampleforth, Winstons Frau Catherine und der von Winston erfundene "Genosse Ogilvy" kommen vor, sogar Parsons darf mitmachen. Stand des Berichts ist übrigens 2035. Der "Historiker", der die Quellen zusammenstellt, erklärt alles Nötige in Fußnoten, nutzt diese Fußnoten aber im Verlauf des Buches immer mehr dazu, gegen seinen Chef zu hetzen. Wie sich am Schluss herausstellt, sitzt er selbst im Gefängnis (dieses Gefängnis ist aber der reinste Wohlfühlort, man bekommt Essen, Besuch und einen Schreibtisch; Folter gibts nicht mehr). Interessant ist, dass neben den in 1984 genannten drei Superstaaten noch zwei unabhängige Gebiete existieren: Brazzaville, wo Kokain für die ganze Welt produziert wird, und Hongkong, Hauptsitz der Vergnügungsindustrie. Hongkong ist auch der Erscheinungsort des Buches.


    Ich musste mehrmals heftig lachen, aber gegen Ende wird es derart bizarr, dass ich den Faden verloren habe. Ich könnte nicht sagen, wer Ozeanien am Schluss regiert.

    Das ist eine feine Liste. Die "Drei Geschichten" von Flaubert werde ich vielleicht selbst dieses Jahr noch lesen, als flankierende Lektüre, sobald die Biographie herauskommt (und ich die Muße dazu habe). Und der Perutz ist ein besonderes Schmankerl, daran erinnere ich mich gut.


    Ich komme wegen der laufenden Leserunden kaum voran (sagte ich wohl schon), habe mir aber nichtsdestotrotz den ersten Band von "Gormenghast" herausgelegt. Der Aufenthalt in diesem alten Gemäuer ist sehr inspirierend, die Fremdartigkeit dieses ganzen Settings geradezu erschlagend.

    Krylow : Danke für den Link. Es ist ein netter Zug, dass das Städtchen Turgenjew mit einer Gefenktafel geehrt hat; er schreibt auch sehr freundlich über die Umgebung. So einmal bei Gelegenheit einer mehrtägigen Wanderung: "Ich grüße dich aus der Ferne, du bescheidenes Fleckchen deutschen Landes, mit deiner schlichten Behaglichkeit, den unzähligen Spuren fleißiger Hände, geduldiger, nicht überhasteter Arbeit ... ich grüße dich! Friede sei mit dir!"

    Trotzdem muss ich leider sagen, dass mir von allen Erzählungen in dem Bändchen "Asja" noch am wenigsten gefallen hat. Das kann natürlich auch an mir liegen, ich mag die Darstellung sehr junger Mädchen in der Literatur des 19. Jahrhunderts oft nicht; mir ist da insgesamt zu viel von hübschen kleinen Köpfchen und übermäßig kapriziösem Wesen die Rede. Am besten gefallen hat mir "König Lear der Steppe" - das ist wirklich großartig erzählt, und "Mumu", die kürzeste Geschichte in der Sammlung, ist eine Perle.

    Ich habe meine Novellensammlung von Turgenjew heute ausgelesen.

    Sie enthält die Erzählungen "Erste Liebe" (dies ist auch der Titel der Sammlung), "Mumu", "Asja", "König Lear der Steppe" und "Die Uhr".

    "Asja" spielt übrigens in Deutschland, in einem linksrheinischen Städtchen mit Weinbergen. Da Turgenjew ausdrücklich von "Ausläufern des Hunsrück" spricht, müsste es wohl irgendwo zwischen Koblenz und Bingen liegen. Die Landschaft und die Menschen werden sehr liebevoll beschrieben.


    ps. Wenn ich mir jetzt meine Liste ansehe, denke ich, das ist wohl zu viel. Als ich sie aufgestellt habe, wusste ich noch nicht, wie interessant die Leserunden werden. Bis Ende April bin ich noch in vieren. Für weitere werde ich mich wahrscheinlich nicht mehr eintragen, weil man dann vielleicht wieder reisen kann - dann werde ich hoffentlich wieder mehr Zeit für die Liste haben. Aber man weiß ja nie ...

    Zitat

    die Formulierung eines Problems hilft bei dessen Lösung,

    Weiß Gott!
    Ich habe es drei- oder viermal erlebt im Leben, dass ich über ein Problem wirklich Stunden und Tage gebrütet habe.
    Dann habe ich es aufgegeben, die Frage in ein Fachforum gestellt und eineViertelstunde später, noch ehe dort eine Antwort aufschien, hatte ich die Lösung selbst gefunden.
    Einmal war mir das richtig peinlich, als es um das Konvertieren eines pdf ging. Es erschien die Antwort "Du weißt hoffentlich, was du da von uns erwartest, das ist stundenlange Arbeit!" und ich schrieb zurück "ja, weiß ich, aber inzwischen hat es sich erübrigt".

    Meiner Meinung nach - zumindest in den Fällen, die ich erlebt habe - liegt es nicht so sehr an der Formulierung. Mein Gehirn bockt einfach, wenn es angespannt wird. Sobald ich das Problem delegiere, entspannt es sich und schwups, ist die Lösung da. Das Gehirn arbeitet am besten und effektivsten, wenn man es einfach in Ruhe lässt.

    Auch von mir ein herzliches Willkommen!

    Was Malerei betrifft, bin ich interessiert, aber unwissend. :saint: Ilja Repin ist mir allerdings ein Begriff - in meinen geerbten "Kunstbilderbüchern" (betitelt "Meisterwerke im Detail" u.ä.) taucht er hier und da auf.


    Das Gründonnerstagsbild finde ich so schön, dass ich es mir spontan als Hintergrundbild genommen habe. Danke für den Link!


    lG Zefira

    Ah, natürlich, vielen Dank, das war es! Ich habe eben bei Wiki nachgesehen. Die Marquise de Merteuil wird am Ende, als sie sich bei einer Theatervorstellung in ihre Loge setzen will, ausgebuht oder ausgezischt - ich erinnere mich an diese Szene. Den Film habe ich sogar in meinem Fundus. Dann werde ich ihn in den nächsten Tagen mal hervorholen, die Zeiten eignen sich gut für lebensfremde Kostümschinken. :love:

    Hallo zusammen,

    eben lief auf Arte der schöne Film "Der Preis der Versuchung" ("Mademoiselle de Joncquières") nach einer Episode aus Denis Diderots Roman "Jacques der Fatalist und sein Herr", angeblich auch von Schiller verwurstet unter dem Titel "Merkwürdiges Beispiel einer weiblichen Rache".


    Das Thema war die Rache einer nicht mehr ganz jungen Witwe, die mehrere wunderbare Jahre (mindestens zwei) mit ihrem Geliebten, einem ebenfalls nicht mehr ganz taufrischen Marquis hingebracht hatte: Nachdem er sie verließ, dachte sie sich eine Intrige aus, um ihn ins Unglück zu stürzen und gesellschaftlich unmöglich zu machen.


    Eine Frage in die Runde, vielleicht kann mir jemand Auskunft geben. Mich hat der Film an einen anderen erinnert, den ich vor Jahren gesehen habe: Auch da fädelte eine verlassene Frau eine Intrige ein, um sich an dem Mann zu rächen. Ich glaube, er musste sich duellieren oder beging Selbstmord - jedenfalls kam er ums Leben. Die Frau, deren einziger Lebensinhalt "die feine Gesellschaft" war, wurde daraufhin gemieden und durfte sich nirgends mehr blicken lassen. Bei einer Soirée, die sie besuchte, wurde sie ausgezischt. Die letzte Szene des Films zeigte sie vor dem Spiegel, wie sie weinend ihren Schmuck abnahm.

    Irgendwie sitzt es in meinem Kopf fest, dass das die Verfilmung eines Stücks von Oscar Wilde war, aber ich bin nicht sicher, ob es stimmt. Auch nicht, ob der Film im 18. oder im 19. Jahrhundert spielte.


    Erinnert sich vielleicht jemand?

    Die Brüder Zemganno kenne ich ganz gut, kann mich aber an einen Franck jetzt nicht erinnern ... Das Buch ist jedenfalls unbedingt ein realistischer Roman und eine Liebesgeschichte gibt es, nach meiner Erinnerung, überhaupt nicht; jedenfalls nicht bei den Hauptfiguren.

    Eine Frage in die Runde: Es gibt eine Art Sequel zu "1984", nämlich "1985" von dem Ungarn György Dalos. Darin kommen alle Hauptfiguren von 1984 vor (es hat folglich keine Erschießung der verschiedenen wegen Gedankenverbrechen festgenommenen Leute gegeben), anscheinend kehrt sogar Winston Smith' vermisste Ehefrau Katharine zurück. Das Regime liegt in den Händen der "Großen Schwester", Witwe des Großen Bruders. Ich meine sogar, irgendwo gelesen zu haben, dass der von Winston erfundene "Genosse Ogilvy" einen Auftritt hat.
    Ich habe heute nachmittag eine Weile nach dem Buch gesucht; es muss irgendwann eine deutsche Ausgabe gegeben haben, aber ich finde kein Exemplar. ZVAB, findmybook, Medimops und Rebuy abgegrast, hat vielleicht noch jemand eine Idee?

    Edit, ich habe das Buch gefunden und gekauft, juhu!

    Ich habe auch schon an César Franck gedacht, aber m.W. war das ein sehr zurückhaltender und für sich lebender Mensch, der zu Flauberts Charakter (wie er sich aus seinen Briefen und Tagebüchern, soweit ich sie gelesen habe, erschließt) nicht recht passt ...

    Ich glaube, die muss ich mir gönnen, obwohl ich von Flaubert weg zu sein glaubte ...

    Ich habe einige kritische Bücher über Flaubert aus Frauenhand gelesen.

    Es gibt eine recht interessante Biographie über Flauberts Geliebte Louise Colet mit dem Titel "Was wir träumen, wenn wir lieben". Nun ja. Der Titel ist, hm, doof, aber das Buch fand ich damals wirklich interessant. Natürlich ist darin sehr, sehr viel von Flaubert die Rede.

    Nachdem Mario Vargas Llosa unter dem Titel "Die ewige Orgie" viel Geistreiches über Mme. Bovary vom Stapel gelassen hat und Carl Améry unter dem Titel "Charles Bovary, Landarzt" feststellte, dass Flaubert den Charbovari ungerecht behandelt hat, gibt es auch einen Gegenentwurf von Dacia Maraini mit dem Titel "Nachforschungen über Emma B.", in dem sie feststellt, dass Flaubert Emma ungerecht behandelt hat.


    Julian Barnes' Papagei ist hinreichend bekannt ...

    Aber ich besitze bislang keine einzige Biographie über Flaubert selbst.
    (Ich kann die Zahl der Bücher, die ich in diesem Jahr schon bestellt habe, schon gar nicht mehr angeben; erst gestern waren es wieder drei. Da kommt es auf das eine auch nicht mehr an ...)

    Ich kann mich erinnern, dass mich das Buch, das ich im Zuge meiner Flaubert-Begeisterung (im letzten Jahrtausend) gelesen habe, in jeder Hinsicht angesprochen und so richtig durchgerüttelt hat. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass ich zu dieser Zeit auch etliche vergleichsweise platte History-Bücher gelesen habe, in der Art wie der Medicus; da stach Flaubert doch wohltuend ab. Ich hatte immer vor, Salammbo noch ein zweites Mal zu lesen; andererseits denke ich manchmal, mit Flaubert bin ich weitgehend durch. Er war "eine Phase", ebenso wie etwa Eça de Queiroz oder Martin Andersen Nexø ... An Zola und Maupassant hänge ich dagegen immer noch.

    Ich habe die Neuübersetzung von "1984" von Lutz-W. Wolff vor. Das Buch kenne ich seit fast 50 Jahren - mein verstorbener Papa hat es mir schon, als ich 14 war, eindringlich ans Herz gelegt -, aber die literarische Qualität dieser berühmten Dystopie gehen mir jetzt erst richtig auf. Sehr nützlich sind auch die Anmerkungen des Übersetzers am Ende, zum Beispiel über die Herkunft des Liedes vom Kastanienbaum, das in dem Buch immer wieder vorkommt.


    Parallel lese ich nun endlich, endlich "Der Husar auf dem Dach". Ich habe dieses Buch seit letzten Herbst immer wieder mal gesucht, man bekommt es nur noch gebraucht und dafür war es mir immer zu teuer. Kurz vor Weihnachten bekam ich endlich ein gutes Angebot. Wunderbare Schilderung der glühend heißen Provence Mitte des 19. Jahrhunderts und ein liebenswerter Held - viel sympathischer als im Film.

    Salammbo nervt dich? Warum? Ich fand das Buch damals toll. Es enthält allerdings ein paar extrem saftige Szenen - ich schrieb ja wohl schon, dass das Schlusskapitel die reinste Schreckenskammer ist.

    Ja, das habe ich auch schon gesehen und sogar einen Moment heftig überlegt, ob ich mir auf die Schnelle noch was runterlade und wenn ja, was.
    Die Seite Mobile Read Wiki ist ganz praktisch, aber bei Gutenberg gibts mehr.
    Schade ...