Beiträge von Zefira

    Es ist ja grundsätzlich erstmal ne Platzfrage, wir haben halt sehr viel Platz.

    Meine Töchter lesen auch sehr gerne, aber da sie beide in Zweizimmerwohnungen leben, können sich nur je ein kleines Regal erlauben. Da werden Bücher geliehen oder nach dem Lesen vertauscht.

    Irgendwann werden auch wir uns wahrscheinlich einschränken, schon aus Altersgründen, und da wird es bei uns eine Menge geben, wovon wor uns schweren Herzens trennen müssen. Nicht nur Bücher. Ich habe zum Beispiel fünf Spinnräder ... :saint:

    Ich habe (nach oberflächlicher Schätzung) um die 3000 Bücher. Darunter eine große Sammlung an Fantasy-Taschenbüchern, die mein Göttergatte gekauft hat, aber zum Großteil noch nicht gelesen - eine Sammlung Literatur der klassischen Phantastik, die mir lieb und teuer ist - und die geerbte Bibliothek meiner Eltern.

    Was für Bücher ich selbst habe und wo sie jeweils stehen, weiß ich ziemlich gut, aber über die geerbte Bibliothek habe ich keinen genauen Überblick. Im Augenblick bin ich dabei, alles zu durchforsten und je nach Erhaltungszustand wegzuwerfen oder zu spenden, was ich nicht behalten will.
    Da ich, wie gesagt, recht gut Bescheid weiß, was ich habe und wo es einsortiert ist, brauche ich keine Datenbank. Vor sechs oder sieben Jahren habe ich angefangen, ein kurzes Lesetagebuch zu führen, weil ich wissen wollte, in welchem Verhältnis Erst- und Zweitlektüre bei mir stehen. Ich vermerke alle gelesenen Bücher (auch abgebrochene) in einer Excel-Liste und schreibe jeweils ein paar Worte dazu. Ich mag gern Krimis, aber die meisten sind so grottenschlecht, dass ich schon nach vier, fünf Seiten abbreche. Deshalb lade ich mir meine Krimis aus der Onleihe runter und mache mir Vermerke ins Lesetagebuch, damit ich den Überblick behalte, welche Autoren ich evtl. mag und welche nicht. Tatsächlich gibt es auch im Krimigenre richtig gute Bücher, aber sie sind nicht leicht zu finden.
    Ebooks kaufen vermeide ich, das ist mir zu windig. Wenn ich ein Buch bleibend haben will, bestelle ich es, evtl. gebraucht, falls möglich. Aber für die Onleihe ist der Reader super, möchte ich nicht missen. Und auch für die Klassiker bei Gutenberg.

    Da hier auch Klassiker genannt werden, die nach 1900 geboren sind, möchte ich Johan Borgen (1906 bis 1979) erwähnen.

    Ich habe zufällig in einem Offenen Bücherschrank seinen Roman "Lillelord" gefunden, den ersten Teil einer Trilogie um den Osloer (damals noch Kristiania) Wilfred Sagen. Das war einer dieser Zufallsfunde, für die ich die Offenen Schränke liebe - man nimmt ein Buch probehalber mit, weil Titelbild oder Klappentext irgendwie reizen - kostet ja nix -, und entdeckt ein Juwel.

    Dieser erste Band hat mich derart tief beeindruckt, dass ich mir die beiden Folgebände "Die dunklen Quellen" und "Wir haben ihn nun" gekauft habe - sie erreichen m.M.n. allerdings nicht die stilistische Meisterschaft des ersten Bandes. Leseempfehlung.

    Ich kannte mal einen Kleinverleger, der zusammen mit einer Literaturprofessorin in Freiburg eine Buchreihe gestartet hat, die sich vergessenen oder wenig gewürdigten Autorinnen widmete. Ich erinnere mich im Moment nur noch an Helene Böhlau, deren Romane "Der Rangierbahnhof" und "Halbtier!" in dieser Reihe aufgelegt wurden. Beides sind frühe Emanzipationsromane, "Halbtier!" ist m.M.n. mit seiner ausufernden Dramatik, die wir heute als kitschig empfinden, der schwächere, aber "Der Rangierbahnhof" ist heute noch lesenswert.

    Edit, und da ich schon mit frühen Emanzipationsromanen angefangen habe, möchte ich auch ausdrücklich "Aus guter Familie" von Gabriele Reuter noch einmal empfehlen. Ich glaube, es hier schon vorgestellt zu haben. Das Buch ist, obwohl es in einer Welt spielt, die uns heute recht fremd geworden ist, stilistisch erstaunlich modern.

    Ich habe früher mal Hörbücher gehört (jetzt schon sehr lange nicht mehr) und hatte damals meine Freude an einer Winnetou-Lesung, die ich bei Librivox runtergeladen hatte. Die Sprecher waren, soweit ich mich erinnere, Studenten, die die Lesung aus Spaß an der Freud gemeinsam durchgezogen hatten, und die meisten, wenn nicht alle, hatten einen ausgesprochen sächsischen Zungenschlag. Ich habe die Lesung aber nicht bis zu Ende gehört.

    Oh, das ist ein Buch, das bei mir seit 20 Jahren oder mehr ungelesen im Regal steht. So ein Flohmarktkauf, den man mitnimmt und für "irgendwann" weglegt.
    Dann werde ich mich demnächst mal darüber hermachen. Danke für die Empfehlung!
    (Von Sologub kenne ich mindestens eine Gruselgeschichte. Weiß im Moment nicht den Titel, erinnere mich aber, dass der Name in einer meiner Gruselanthologien auftaucht.)


    Edit: ich habe mein "Teufelchen" herausgesucht, es ist nicht von Sologub, sondern von Alexej Remisow ... Verwechslung also.

    „Das Teufelsschiff“ (wörtliche Titelübersetzung: Die Arbeiter des Meeres) ist laut Vorwort der dritte Teil einer Trilogie über die Gewalten, denen der Mensch ausgesetzt ist. Teil 1 „Der Glöckner von Notre Dame“ widmete sich dem Dogma, Teil 2 „Die Elenden“ dem Gesetz und den gesellschaftlichen Regeln. Im „Teufelsschiff“ nun soll es um die Natur gehen.

    Der Roman spielt auf der Kanalinsel Guernsey. Die Hauptfigur ist ein Fischer namens Gilliatt, ein nachdenklicher Außenseiter in seinem Dorf und unsterblich in die hübsche Déruchette verliebt, die bei ihrem Onkel lebt. Dieser Onkel ist Eigentümer des Dampfschiffs Durande, das als hauptsächliches Transportschiff zwischen der Insel und dem Festland für alle Dorfbewohner wichtig ist. Durch ein absichtliches Manöver des verbrecherischen Schiffsführers Clubin läuft die Durande eines Tages auf einer Klippe auf und bricht auseinander, die Dampfmaschine jedoch bleibt an den Klippen hängen. Darauf verspricht Déruchette ganz offen demjenigen die Ehe, der die Maschine wieder an Land schafft – ein seltsam märchenhafter Zug in dem realistisch-naturalistischen Roman.

    Gilliatt macht sich heimlich auf den Weg und versucht die Maschine zu bergen – eine wochenlange Aktion, die übermenschliche Kraft und Todesverachtung erfordert. Während dieses Zeitraums verbleibt Gilliatt in einem selbstgebauten Unterschlupf auf der Klippe, ernährt sich von Krabben und Muscheln und trinkt Regenwasser, nachdem ihm der Proviant ausgegangen ist. Ich musste beim Lesen mehrmals an „Moby Dick“ denken, einmal wegen Gilliatts letztlich ungenügend motivierter Besessenheit (er kennt das Mädchen kaum), zum anderen wegen eines lang und breit erzählten Kampfs mit einem Riesenkraken am Ende der Bergungsaktion.

    Der Einzelgänger Gilliatt, den in seinem Dorf niemand mag (er wird sogar der Hexerei beschuldigt), ist ein durch und durch romantischer Held. Seine Verliebtheit in Déruchette stützt sich lediglich darauf, dass sie hübsch ist und einmal spielerisch seinen Namen in den Schnee geschrieben hat. Vermutlich hat sie sich gar nichts dabei gedacht. Nachdem er nämlich unter schwersten Bedingungen und Einsatz seines Lebens die Maschine geborgen hat, stellt sich heraus, dass sie einen anderen liebt, den jungen und hübschen Pfarrer des Dorfes. Gilliatt besteht nicht auf Einhaltung ihres Versprechens, sondern fungiert sogar bei der Heirat der beiden als Trauzeuge, um sich anschließend das Leben zu nehmen.

    Als Leser bzw. Leserin des „Teufelsschiffs“ steht man vor einigen Problemen. Das Meer, die Wetterphänomene, das Aussehen der Klippen usw. sind nachvollziehbar und mit großartiger visionärer Kraft geschildert. Dazwischen finden sich aber immer wieder langatmige Beschreibungen irgendwelcher seemännischer oder technischer Aktivitäten, die für mich schlicht unverständlich sind. Zola soll sich begeistert über „Das Teufelsschiff“ geäußert haben, das kann ich mir sehr gut vorstellen. Die Romantisierung technischer Vorgänge, die auch bei Zola mehrfach auftaucht (vor allem in „Das Tier im Menschen“ bei der Behandlung der Eisenbahn), nimmt auch im „Teufelsschiff“ breiten Raum ein und ist genauso schwer verdaulich wie bei Zola.

    Ich habe eine 1994 erschienene Ausgabe von Diogenes mit der Abbildung eines Kraken auf dem Titel, die von Victor Hugo selbst stammt. Die Übersetzung ist von Hans Kauders.

    Ich habe einen wunderschönen Prachtband geschenkt bekommen, der H.P.Lovecraft gewidmet ist. Er enthält neben einem einleitenden Essay die achtzehn wichtigsten "Arkham"-Erzählungen, mit einer Unmenge erläuternder Anmerkungen und Illustrationen, wirklich ein wahres Prachtstück von einem Buch; siehe hier: H.P.Lovecraft .

    Ich bin in den Siebzigern und Achtzigern begeistert auf der damals grassierenden Gruselliteratur-Welle mitgeschwommen und habe damals eine ganze Anzahl Bände aus der "Phantastischen Bibliothek" von Suhrkamp erworben. Die Büchlein, alle in verschiedenen Schattierungen von Violett, sind heute noch ein wichtiger Aktivposten meiner Bücherwand. Darunter ist eine ganze Anzahl von Lovecraft-Sammlungen, die ich früher gern gelesen habe. Ich sehe sie heute z.T. ziemlich kritisch, aber sie sind eiin wichtiger Teil meiner persönlichen Lesebiographie, deshalb habe ich mich narrisch über das wunderschöne Buch gefreut, das ich gestern geschenkt bekam. Selbstverständlich werde ich es mit viel Freude lesen, auch wenn ich alle Erzählungen, die drinstehen, schon kenne.
    Suhrkamp hat sich übrigens damals aus meiner Sicht sehr verdient gemacht um einige Autoren, die man hierzulande wenig kennt, nicht genug würdigt oder jedenfalls nicht als Gruselautoren würdigt: Jean Ray zum Beispiel, Adolfo Bioy Casares, Wolfkind (den ich besonders mag), auch von Maupassant gibt es ein Bändchen mit Gruselgeschichten, und natürlich die klassischen Autoren dieses Genres wie Algernon Blackwood und Sheridan Le Fanu.

    Oh, dann erzähle unbedingt, wie es dir gefallen hat.

    Passuth geht insbesondere auf den Orfeo und die Krönung der Poppea sehr eingehend ein. Es ist wohl gut für das Verständnis des Buches, wenn man diese Werke ein paarmal gehört und noch ein wenig im Gedächtnis hat.

    Ich glaube, das allererste Werk von Monteverdi, das ich gehört habe, war das Madrigal "Zefiro, torna". Davon habe ich meinen Nick, den ich ununterbrochen benutze, seit ich online bin - irgendwann in den Neunzigern. :love:

    So, jetzt bin ich fertig ...

    Vor zwei oder drei Jahren war ich einmal für einen Tag in Cremona und habe den Dom besichtigt. Ich erinnere mich noch genau an eine Geigenwerkstatt am Domplatz. Drinnen war gerade jemand dabei, ein Instrument probezuspielen. Ich habe mich nicht hineingetraut, aber von draußen eine Weile zugehört.

    Monteverdi wird dort hoch geschätzt. Ich spreche kein Italienisch, aber eine Bäckereiverkäuferin, zu der ich mit Geste zum Dom hin "Divino Claudio!" sagte, strahlte sofort auf, mit begeistertem Nicken. :D

    Ah, dankeschön. Da hätte ich auch gleich selbst nachsehen können, ich Depp.

    Monteverdi ist inzwischen (ich bin im letzten Fünftel) in Venedig tätig. Nach dem Tod des Herzogs Vincenzo Gonzaga hat sein Nachfolger ihn mehr oder weniger aus dem Dienst geschickt. Monteverdi ging nach Venedig, wo er beste Bedingungen vorfand. Er wurde anständig bezahlt und genoss den Ruhm des größten Komponisten von Italien, was ihm einen Haufen Arbeit eintrug, da er mit Kompositionsaufträgen überhäuft wurde.

    Er blieb befreundet mit Striggio, dem Sekretär des Gonzaga-Hofs und Textdichter des Orfeo. Striggio schickte ihm eine Dichtung mit dem Titel "La finta pazza Licori", die er vertonen sollte; es sollte eine neue Oper daraus werden. Passuth zitiert (ich nehme an bzw hoffe, es sind tatsächlich Zitate) aus dem Briefwechsel zwischen Monteverdi und Striggio, aus dem hervorgeht, dass Licori in dem Stück abwechselnd als Mann und als Frau auftritt - das mag für den Komponisten eine reizvolle Aufgabe gewesen sein. Die Oper wurde fertig und Monteverdi zur Uraufführung in Mantua eingeladen; er zögerte aber hinzufahren, weil inzwischen sein Sohn, der als Arzt in Mantua wirkte, von der Inquisition eingekerkert worden war - weil er ein indiziertes Buch gelesen hatte. Kurz darauf brach der mantuanische Erbfolgekrieg aus; als Monteverdis Sohn entlassen wurde, war an einen Besuch in Mantua nicht mehr zu denken. Während des Kriegs wurde das Notenarchiv des Palastes der Gonzaga von Plünderern angezündet - so beschreibt es Passuth. Die Oper "La fina pazza Licori" und alle mantuanischen Kompositionen Monteverdis verbrannten.

    Passuth beschreibt das mit trockenen Worten, aber deutlich durchklingender Entrüstung. Eini phantastischer Autor. Ich wollte, das Buch ginge nie zu Ende.

    Im Internet finde ich (zum Beispiel bei Booklooker und Amazon) Angebote für einen Roman von Passuth mit dem Titel "Monteverdi - Der Roman eines großen Musikers".

    Ich versuche gerade herauszufinden, ob es dasselbe Buch ist, das ich habe. Wäre kurios, wenn Passuth zwei Monteverdi-Romane geschrieben hätte; es sei denn, das Ganze ist ein Zweiteiler, aber ich sehe nichts, was dafür spricht.

    Danke fürs Verschieben. Dann sage ich noch ein paar Worte dazu:

    Wenn ich es richtig verstanden habe, ist Orfeo tatsächlich die erste "Oper" in heutigem Sinn. Überhaupt scheint Monteverdi den einstimmigen, am Text orientierten Gesang ("am Text orientiert" in dem Sinn, dass der Text verständlich und die musikalische Untermalung diesem in Rhythmus und Ausdruck angepasst war) mehr oder weniger als erster eingeführt zu haben. Die allererste bekannte Oper, "Eurydike" von Jacopo Peri, einem Zeitgenossen Monteverdis, ist nicht erhalten.
    Passuth geht in seinem Monteverdi-Roman ausführlich darauf ein, wie neuartig die musikalische Gestaltung des Orfeo für das damalige Publikum war. Dass die Musik dem Text rhythmisch folgte, die im Text ausgedrückten Gefühle transportierte, auch dass jedem Sänger ein untermalendes Instrument zugeordnet war, war damals etwas ganz Neues. Passuth bringt aber auch zum Ausdruck, dass Monteverdi, obwohl er als größter Musiker Italiens galt, persönlich nicht viel davon hatte. Musiker waren untergeordnete Angestellte, wurden schleppend bezahlt, obwohl Monteverdis Dienstgeber Gonzaga sehr reich war und das Geld mit vollen Händen ausgab. Passuth zitiert einen Brief von Monteverdis Vater an den Herzog Gonzaga, in dem der Vater schreibt, es ginge nicht an, dass er den erwachsenen Sohn immer noch mit Geldzuschüssen unterstützen müsse, weil Gonzaga bzw. sein Schatzmeister ihm seit Monaten seinen Verdienst schuldig sei. Wenn sich das nicht schleunigst ändere, kündigte Vater Monteverdi an, werde er seinem Sohn raten, sich sein Brot woanders zu suchen, etwa in Venedig. Eine solche Drohung konnte Vater Monteverdi sich nur erlauben, weil er kein Untertan Gonzagas war. Die Cremonenser waren Lombarden und nicht Mantua unterstellt. Claudio Monteverdi hatte von Gonzaga die mantuanische Ehrenbürgerschaft erhalten, war aber darauf nicht angewiesen. Er war quasi Inhaber einer doppelten Staatsbürgerschaft.
    Passuth zitiert großzügig Briefe und Tagebuchaufzeichnungen Monteverdis, erwähnt z.B.auch wiederkehrende Migräneanfälle. Leider, leider geht aus dem Buch selbst nicht hervor, inwieweit er sich dabei auf verlässliche Quellen stützt.
    Passuth ist ein großartiger Autor, auch wenn er vieles erfunden haben mag. Heute abend habe ich ein Kapitel gelesen, in dem es um die Komposition des berühmten "Lamento d'Arianna" geht. Kurz vorher ist Monteverdis Frau Claudia an der Schwindsucht gestorben; er denkt an sie, während er das Lamento schreibt. Die Passage hat mich fast zu Tränen gerührt. (Und ich bin normal beim Lesen nicht rührselig.)

    Endlich geht es um den Orfeo in meinem Monteverdi-Buch. Rückschauend klingt für den heutigen Opernfreund befremdlich, worüber man damals, als die Oper oder vielmehr das Dramma in musica noch keine feste Form hatte, diskutiert hat. Ein ganzer Trupp Künstler verschiedener Disziplinen trifft sich regelmäßig und redet sich die Köpfe heiß. Sollen die Sänger durchgehend singen oder zwischendurch auch sprechen? Wenn sie abwechselnd sprechen und singen, welche Passagen sollen gesungen werden? Soll die Musik dazu nur untermalen, sich quasi der Stimme anschmiegen, oder eine eigene Farbe mitbringen? Wie leidenschaftlich und ausdrucksvoll darf Gesang überhaupt sein? Eine heutige veristische Oper würde auf die Musiker der damaligen Zeit wohl ungefähr so abstoßend wirken wie auf uns der grölende Gesang Besoffener.
    Die Arbeit am Orfeo hat begonnen. Das Buch ist einfach bezaubernd.
    (Für mich zählt der Orfeo halt auch zum Höchsten ...)

    Ich wusste bisher nicht, dass der Komponist Monteverdi einen Kreuzzug mitgemacht hat, und zwar als Hofmusiker des Herzogs Vincenzo Gonzaga von Mantua. In Esztergom geht er abends durch das Lager und trifft einen deutschen Soldaten, der Dudelsack spielt. Das ist ein Instrument, das er noch nicht kennt. Er bittet den Deutschen, ihm den Dudelsack zu leihen, probiert darauf herum, versucht Harmonien hervorzubringen. Nach einigen Minuten antwortet jenseits der Donau die schrille Flöte eines türkischen Soldaten.

    "Das ist mein Freund", sagt der Besitzer des Dudelsacks, "er antwortet mir jeden Abend, wenn ich spiele."

    Monteverdi spielt weiter, horcht gespannt auf die Flöte, die nach ganz anderen musikalischen Gesetzen gespielt wird, als er sie kennt.

    Wenn die Weltpolitik von Musikern und Komponisten bestimmt würde, hätten wir vielleicht weniger Kriege.

    Immer noch "Divino Claudio" von László Passuth. (Der unbekannte Vorbesitzer hat zwar auf der inneren Schutzumschlagklappe vermerkt, das Buch sei langweilig, aber trotzdem eine Passage über Peter Paul Rubens angestrichen. ^^ )

    Ich habe den Buchtipp in irgendeinem Forum gelesen, weiß aber nicht mehr in welchem. Habe schon das Forum hier, das Büchereulenforum und das Forum für klassische Musik mit den Suchfunktionen abgesucht, aber den Hinweis nicht mehr gefunden. Ich danke mal dem unbekannten Leser, der mir das Buch empfohlen hat. Es ist stilistisch für einen "History" etwas eigenwillig (um es klar zu sagen, nicht so primitiv wie die meisten modernen Historys) und nichtsdestotrotz leicht und flott zu lesen. :thumbup:

    Ich habe mit einer "Romanbiographie" über Monteverdi begonnen, "Divino Claudio" von László Passuth. Das Buch gibt es nur noch antiquarisch, ich habe ein guterhaltenes Exemplar von Rebuy, in das ein Vorbesitzer (innen auf die Schutzumschlagklappe) geschrieben hat: "Für mich langweilig". Wenn man sich nicht wirklich für Monteverdi und seine Epoche interessiert, ist es wohl auch langweilig. Es enthält eine Fülle von Einzelheiten über den Alltag am Gonzaga-Hof in Mantua, das Arbeitsleben der Musiker, die damalige Aufführungspraxis usw.

    Bisher - ich habe ungefähr ein Fünftel gelesen - ist es aber recht unterhaltsam. Monteverdi hat sich eben gerade in die Sängerin Claudia Cattaneo verliebt, die er später heiraten wird. Ich bin sehr gespannt, wann die Rede auf den Orfeo kommt, die erste erhaltene Oper.

    Noch ein Nachtrag zu zwei Punkten, die mir aufgefallen sind. Einmal das Duell. Duroy muss sich wegen einer ziemlich läppischen Verleumdung zum Duell stellen, was zu einer Farce ausartet. Eine ganz ähnliche Beschreibung eines Duells habe ich auch bei Zola und anderen Autoren dieser Zeit gelesen. Hier wird um eines hohlen Ehrbegriffs willen etwas abgespult, was kein Mensch mehr ernst nimmt, es ist ein reines Kaspertheater und jeder weiß es, aber nichtsdestotrotz muss es sein ...


    Das andere ist der Punkt der Erbschaft. Duroy hat nach dem Tod seines Freundes Forestier dessen Witwe Madeleine geheiratet (die Frau, die seine Artikel für ihn schreibt - was sie weiterhin tut). Madeleine erbt später ein großes Vermögen von einem alten Freund der Familie, der selbst keine direkten Nachkommen hat und bei der Familie ein- und ausgegangen ist. Obwohl der Haufen Geld Duroy sehr zupass kommt, macht er ein Riesentheater, dass diese Erbschaft ein schiefes Licht auf seine Frau und damit auf ihn selbst werfen könnte. Ein Kapitel, in dem Maupassants Meisterschaft deutlich wird. Es kommt zu einem langen Dialog zwischen Duroy und seiner Frau, in dem Duroy immer wieder betont, wie blöd er bei dieser Erbschaft dastehe und dass seine Frau diese unmöglich annehmen dürfe - während der Leser die ganze Zeit deutlich vor Augen hat, wo dieser Dialog hinsteuert, und dasselbe gilt zweifellos für Madame Duroy, die ständig wiederholt: "Ganz wie du willst, Liebster." Am Ende des Dialogs hat Duroy die Hälfte des Riesenvermögens für sich persönlich gesichert - durch ein Manöver, das umso ekelhafter erscheint, als man den Eindruck hat, dass seine Frau es sehenden Auges hinnimmt. Das Gleiche gilt übrigens für die wenig später erfolgte Scheidung.


    Wie auch immer, Thema Erbschaft: Eine ganz ähnliche Situation habe ich in Maupassants Roman "Die Brüder Pierre und Jean" gefunden. Die titelgebenden Brüder sind ein Herz und eine Seele, bis ein Freund der Familie stirbt und einem von den beiden sein ganzes Vermögen vererbt. Das gibt zu Spekulationen Anlass. Warum bekommt der eine Bruder alles und der andere nichts? Könnte da ein Ehebruch im Spiel sein? Ich weiß nicht mehr, wie es ausging (ich werde es mir demnächst nochmal vornehmen, es ist kurz und man kann es an einem verregneten Sonntag auslesen), aber es kam jedenfalls unter dem Strich zu einem bleibenden Zerwürfnis zwischen den Brüdern. Das Thema scheint Maupassant beschäftigt zu haben.