Beiträge von Zefira

    Ich sollte vielleicht dazusagen: Der Film ist sehr unkonventionell inszeniert. Große Teile der Szenen - in der ersten halben Stunde sogar alle - sind so gefilmt, als spielten sie sich auf einer Bühne ab. Man sieht in unterschiedlichen Perspektiven den Bühnenrand. Scheinwerfer, Teile des Zuschauerraums. In Gruppenszenen scheinen alle Gesten choreografiert. In der Ballszene haben sich ausnahmslos alle Personen unnatürlich bewegt wie Aufziehpuppen. Das hatte natürlich seinen Sinn, trotzdem hat mich diese aufgesetzte Künstlichkeit genervt; vor allem wurde jede persönliche Teilnahme am Schicksal der Hauptpersonen im Keim erstickt. Ein wenig authentischer wirkten die Szenen um Lewin, vor allem diejenigen, die in freier Natur spielten. In der zweiten Hälfte lockerte das Ganze nach und nach auf, der verkünstelte Eindruck ließ nach, aber da war es schon zu spät, ich wurde nicht mehr wirklich "hineingezogen".

    Es lohnt sich, ein wenig zu googeln und die Kritiken zum Film zu lesen, aber an meinem Eindruck hat es nicht viel geändert. Vielleicht hätte es geholfen, wenn Keira Knightley und vor allem Wronski so überzeugend gespielt hätten wie die Vikander. Aber die ist natürlich ein völlig anderer Typ.

    So, ich nun mal beide Filme rausgelegt hatte und wegen meines dicken Fußes ohnehin fast nichts zu tun habe (außer Steuer machen), habe ich mir den anderen auch gleich angeschaut.

    Bin sehr zwiegespalten. In der ersten halben Stunde fand ich es einfach nur furchtbar, vor allem die Ballszene. Nach und nach wurde es dann besser, oder ich habe die Absicht besser verstanden. Jude Law als fingerknackender Karenin war toll, auch die Szenen um Lewin herum fand ich wieder sehr schön, vor allem auch wegen der reizenden Alicia Vikander (als Kitty), an der ich mich nie satt sehen kann. Aber mit Keira Knightley und vor allem auch dem Darsteller des Wronski wurde ich bis zum Ende nicht warm. Knightley ist ja schon puppenhaft genug, das ist einfach ihre Ausstrahlung, vielleicht liegt es auch an mir, dass ich ihr Leidenschaft - mit Betonung auf Leiden - nie recht abkaufen kann. Aber Wronski war, wie soll ich es sagen, bis ans Ende einfach kein Mann. Was immer das heißen mag. Tut mir leid, ich kanns nicht besser ausdrücken.

    Die Verfilmung mit Sophie Marceau und Sean Bean habe uch eben angeschaut und mich sehr gefreut, dass Alfred Molina auch mitspielt, den schätze ich nämlich ganz besonders. Sophie Marceau hat mir gefallen, Mr. Bean weniger, was aber auch an mir liegen kann - für mich ist er ein bisschen auf eher bildungsferne Naturburschenrollen festgelegt, ich habe ihm die anfängliche Faszination nicht recht abgenommen.

    Einiges fand ich ganz toll, zum Beispiel die Szene, als Alfred Molina mit der Sense mäht. Ein wunderbar ins Bild gesetzter "workflow".

    Insgesamt ein erfreulicher Film.

    In den nächsten Tagen werde ich mir den anderen auch noch anschauen.

    Ich habe eben einen Blick in meinen häuslichen Fundus geworfen - beide Filme vorhanden, aber noch keinen von beiden geguckt. Schande über mich. Werde das so bald wie möglich nachholen.

    Keira Knightley hat mir in der Doktor Schiwago-Neuverfilmung überhaupt nicht gefallen - ich fand sie als Lara fehlbesetzt.

    "Zwölf Stühle" von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow, sehr witzig. Hat mir eine Freundin geliehen. Ich hatte vor zig Jahren mal eine Verfilmung gesehen, kannte das Buch aber noch nicht.

    Ah, das ist ja interessant. Die Szene im Brautbett fehlt in meinem Text (wohl die alte Fassung, ich hatte sie bei Gutenberg runtergeladen). Das erklärt den merkwürdigen Bruch im Text am Ende der Hochzeit. Da hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass ein wichtiges Stück fehlt.


    De Darstellung der Ida fand ich aber gar nicht so befremdlich. Ich dachte, sie wollte sich einfach die Zeit vertreiben mit ein paar Sommerflirts. (Männliche Figuren, die sich exakt so verhalten, gibt in der Literatur zuhauf.)

    Ich habe nun doch mal Pause von meinen Krimis gemacht und einen kurzen Roman von August Strindberg gelesen: "Die Leute auf Hemsö", erschienen 1887.

    Hemsö ist, wenn ich das richtige Hemsö gegoogelt habe, eine 54 Quadratkilometer größe Insel im Bottnischen Meerbusen. Der junge Carlsson kommt dort auf den Hof der Witwe Flod, um als Verwalter zu helfen, da der junge Norman Flod kein Interesse an der Wirtschaft hat und lieber fischen und jagen geht. Schon das erste Kapitel ist übertitelt: "Carlsson tritt seinen Dienst an und wird als Gauner charakterisiert", was über Carlsson ebensoviel aussagt wie über die ironische Erzählhaltung, die sich durch das ganze Buch zieht. Nachdem Carlsson sich unentbehrlich gemacht hat, schafft er es, die Witwe zu heiraten, die den ganzen Roman hindurch immer "die Alte" genannt wird. (So ganz alt kann sie übrigens nicht sein, da sie nach der Heirat noch einmal schwanger wird, aber das Kind wird tot geboren.)

    Bei Strindberg kriegt jeder sein Fett ab; Carlsson selbst, seine "alte" Ehefrau, die diese Ehe übrigens mit viel Selbstironie betrachtet, der trinkfreudige Pfarrer, der tüddelige Altknecht Rundquist, das liebestolle Dienstmädchen Ida ...
    Dem Buch fehlt eine Sympathiefigur; andererseits habe ich viel Freude gehabt an den Schilderungen der ländlichen Arbeiten (bei der Heuernte beginnt so ein Tag um drei Uhr früh und endet spät in der Nacht) und Feste, besonders des Hochzeitsfestes.

    Jetzt werde ich bald auch "Das rote Zimmer" lesen, das bei mir seit Jahren herumsteht.

    Meine Leserei ist völlig auseinandergefranst. Das Desaster mit meinen mehrfachen Fuß-Ops verhindert jede intensive Konzentration. Ich könnte, da derzeit an den Rollstuhl gebunden, die tollsten guten Bücher lesen, aber statt dessen liege ich auf dem Sofa, jammere über den dicken Fuß und verschlinge einen blutigen Krimi nach dem anderen. Auch mit dem Giordano bin ich vorerst nicht zurande gekommen.

    Nachträglich Danke für die guten Wünsche, JHNewman. Ein halbwegs normaler Alltag ist bei mir frühestens in vier bis sechs Wochen in Sicht.

    Ich habe "Orfeo" 2016 gelesen und war total begeistert über die Passage, in der die Entstehung des"Quartetts vom Ende der Zeit" von Messiaen geschildert wird. Damals war ich wild entschlossen, mir dieses Werk komplett anzuhören und mich eingehend hinein zu vertiefen; leider habe ich den Zugang dann doch nicht so gefunden wie erhofft.

    Bisher ist es mein einziges Buch von Powers geblieben, allerdings hat sich meine erwachsene Tochter "Die Wurzeln des Lebens" zum Geburtstag gewünscht und ich bin gespannt, was sie dazu sagen wird.


    ps. "Widerstand gegen den Abholzungskapitalismus" klingt jedenfalls sehr sympathisch ...

    Ich habe "Die Bertinis" von Ralph Giordano angefangen, weil mir morgen wieder eine Op mit nachfolgender langer Liegezeit bevorsteht. Das Buch ist schön dick und liest sich süffig. Es ist allerdings nicht immer einfach zu folgen, Giordano hat einen eigenwilligen Stil.

    "Haus aus Sand und Nebel" von Andre Dubus III.

    Es geht um ein Haus in der Nähe von San Francisco, eine ziemlich armselige Butze wahrscheinlich, aber es ist für die alternierenden Erzähler des Romans enorm wichtig. Die Besitzerin ist eine junge Frau, die das Haus geerbt hat und ansonsten in jeder Beziehung gestrandet ist. Da sie Steuerrechnungen nicht bezahlt hat, wird das Haus versteigert. (Dass die Steuerrechnungen, wie sich herausstellt, gegenstandslos waren, ändert daran nichts.)

    Der Käufer des Hauses ist ein geflüchteter Iraner, der unter dem Schah ein hohes Tier war, klotzig verdiente und jetzt als Müllsammler und Tankstellenverkäufer arbeitet, um seine Familie durchzubringen. Das günstig erworbene Haus soll der Grundstein seines neuen Vermögens mit Grundstücksspekulation sein. Er gibt es auf keinen Fall zurück.

    Der Roman führt für beide Erzähler auf direktem Weg in den Abgrund; das weiß ich, weil ich den großartigen Film mit Ben Kingsley gesehen habe, aber ich wüsste es auch so. Eine eigenartige Untergangsstimmung beherrscht jedes Kapitel. Gut zu lesen.

    Hier noch ein Interview zum Thema: Deklinationen sind ein Albtraum für Araber


    Das fand ich sehr lesenswert, besonders den letzten Absatz, in dem sich Khider ein wenig erklärt.

    Ich habe nur ein Buch von ihm gelesen (das mit der Ohrfeige), aber ich habe Hochachtung vor diesem Mann, der in einer fremden Sprache Romane schreibt. Die Reaktionen auf sein "Deutschbuch" (ich sehe das auch gerade bei Facebook) sind furchtbar humorlos und pampig.

    Ah, gut dass Du mch daran erinnerst, finsbury .
    Wenn Du möchtest, können wir Anfang nächster Woche starten oder auch schon am Wochenende, oder geht dir das jetzt zu schnell?. Ich verreise Ende Mai und wäre gern vorher damit durch, auf die Reise kann ich den dicken Brocken nicht mitnehmen.
    Welche Übersetzung hast du? Ich habe lange zwischen zwei neueren Übersetzungen geschwankt und mich dann für die von Rathjen entschieden, nicht zuletzt wegen der schönen Holzschnitte.

    Ich lese im Moment immens viel wegen meiner beiden OPs an den Füßen; die erste war im November, die zweite jetzt vor drei Wochen, und ich darf nur wenig herumlaufen - eigentlich liege ich fast nur auf dem Sofa. Neben unseren schönen Klassikern hier ziehe ich mir zwischendurch geliehene Krimis in endloser Reihe rein. <X

    Ich habe Flauberts "Reisetagebuch aus Ägypten" vorhin fertig gelesen - endlich fertig; großen Spaß hatte ich nicht.


    Flaubert hat seine Ägyptenreise angetreten, als er 28 war, zu seiner Zeit, als weite Reisen zumindest für Franzosen nicht gerade üblich waren. Wenn ich es richtig verstanden habe, geht die Reise den Nil hinauf bis nach Abu Simbel; die Tempelanlage befand sich damals noch am Nil. Flaubert schreibt das Datum nicht immer auf, aber wenn er es tut, hat man den Eindruck, dass er fast täglich Aufzeichnungen macht. Er notiert Eindrücke von Menschen und Landschaften, die oft völlig unverbunden nebeneinander stehen, und zwar in einem typischen gewissenhaften, aber meistens völlig unpersönlichen Stil, fast ohne jede eigene Stellungnahme. Obwohl er im letzten Drittel einmal schreibt, dass die Pyramiden und Tempelanlagen ihn "fürchterlich langweilen", sind seine Beschreibungen speziell von Tempeln oft derart besessen genau, dass man eine Zeichnung danach machen könnte - besonders unterhaltsam zu lesen ist das meist nicht, und auch da, wo er schlaglichtartig Beobachtungen hintereinander reiht, wird er mit der Zeit ermüdend.


    Beispiel: "Endloser Spaziergang auf der Ezbekije mit Lubert und Bekir. Furcht dieser Herren, sich zu kompromittieren. Welch ein dummes und trauriges Leben! Der Sohn des Scherifs von Mekka mt seinem ganzen Gefolge zu Pferde, Kaschmirturban, grünber Kaftan, kaffeefarbiger Teint. Diner; Unterhaltung mehr als leicht, dann sozial-philosophisch; muss die Gesellschaft wenig amüsiert haben." In seinem Nachwort zu meiner Ausgabe schreibt Wolfgang Koeppen, dass Flaubert in späteren Jahren seinen Freunden manchmal aus den Reisetagebüchern vorgelesen habe. Dann werden sie an solchen Stellen vermutlich nachgefragt haben und Flaubert hat sich erinnert - für den Leser, der mit solchen knappen Schilderungen stehen gelassen wird, bleibt bloße Spekulation, was da genau passiert sein könnte.


    Wirklich großartig sind die Landschaftsschilderungen, und hier kann man auch so etwas wie innere Teilnahme bemerken, während Flaubert sonst seine typische Kälte der Beobachtung bewahrt. Sklavenmärkte, Kinderprostitution, Tierquälerei und sonstiges Elend schildert er völlig unbeteiligt. Was speziell Tiere betrifft, muss ich sagen, mir ging die dauernde Schießerei nach einiger Zeit sehr auf den Senkel. Auf jedes Krokodil, jeden Reiher, jeden Schakal wird angelegt und geknallt; ein harmloses Chamäleon, das auf einer Tempelmauer sitzt, im Vorübergehen so nebenher totgeschlagen. Zu einigen - wenn auch seltenen - Anlässen taucht auch der typische Flaubertsche Hochmut auf: "Steine, die so viele Menschen beschäftigt und so viele Leute herbeigelockt haben, betrachtet man nicht ohne Vergnügen. Wie viele Blicke kleiner Spießer haben sich nicht zu ihnen erhoben! Jeder hat sein bisschen Meinung dazu abgegeben und ist weitergegangen." So etwas kann natürlich nur von Flaubert kommen.


    Ich habe eben gesehen, dass es bei Gutenberg auch ein Reisetagebuch aus der Bretagne gibt. Da werde ich auf jeden Fall noch hineinschauen; vermutlich finde ich da besseren Zugang als zu dem ägyptischen Tagebuch. (Dass mich letzteres so kalt gelassen hat, liegt z.T. sicher auch an meinem Widerwillen gegen dieses Land überhaupt, das ich selbst nie bereisen möchte.)

    Ich habe absichtlich den Thread "Reisetagebuch" betitelt, für den Fall, dass jemand zu Flauberts anderen Tagebüchern noch etwas sagen möchte. Bei Julian Barnes ("Flauberts Papagei") habe ich gelesen, dass Flaubert etliche längere Reisen gemacht hat.

    sandhofer : Otranto ist von Horace Walpole, der wesentlich früher gelebt hat (erschienen 1764). Ich weiß nicht, ob die beiden Walpoles verwandt sind.


    ps. Ich habe noch einmal nachgesehen: Auf der englischsprachigen Wiki-Seite steht tatsächlich, dass Horace Walpole ein Vorfahr von Hugh Walpole gewesen sei.
    Dort steht übrigens auch, dass Hugh Walpole homosexuell war. In "Der Täter und der Tote" gibt es einige subtile Hinweise auf homosexuelle Beziehungen.

    Ich habe einen frühen "Mystery" gelesen, "Der Täter und der Tote" (im Original: "The Killer And The Slain") von Hugh Walpole, erschienen erstmals 1942 aus Walpoles Nachlass (er starb 1941). Das Thema ist eine Variante des Jekyll & Hyde-Motivs. Der ermpfindsame, um nicht zu sagen zimperliche Schriftsteller und Antiquitätenhändler John Talbot fühlt sich verfolgt von dem vulgären, lebensprallen James Tunstall, den er seit seiner Schulzeit kennt. Nachdem er Tunstall auf recht geschickte Weise ermordet hat - es sieht wie ein Unfall aus und niemand verdächtigt ihn -, nimmt er zu seinem eigenen Entsetzen nach und nach die Züge des verhassten Gegners an. Das geht soweit, dass er sogar Erinnerungen des Toten als seine eigenen erzählt.


    Interessant an dem Buch, das Walpole Henry James gewidmet hat (mit dem er persönlich bekannt war), ist der Stil: Während Talbots Verwandlung in Tunstall wandelt sich die Erzählstimme in gleicher Weise. Immer wieder beschäftigen sich die Gedanken des Erzählers mit Hitler: Während dem Engländer Talbot Hitlers Politik verhasst war, äußert er in Gestalt seines alter ego Tunstall Verständnis. "Ich sagte, dass wir (gemeint sind die Briten) in Wirklichkeit eine Nation von Heuchlern seien . Welches Recht wir hätten, Deutschland an seiner Ausbreitung zu hindern? Wir besaßen ja schon mehr als den halben Globus - und wie hätten wir das erreicht? Durch Plünderung, Raub, Unterjochung von Eingeborenen. Ich für meinen Teil hielte Hitler für einen feinen Kerl. (...) Er sei klug und wisse, was er wolle, während wir borniert und dekadent seien." Das ist nur einer unter vielen derartgen Absätzen.


    Zudem bewirkt die konsequente Ich-Perspektive, dass der Leser nicht anders kann, als alles in Frage zu stellen. Wenn Talbot so offensichtlich verrückt geworden ist, wie wahrheitsgetreu kann dann seine Darstellung des Fieslings Tunstall sein? Das Buch ist äußerst vielschichtig. Dem heutigen erfahrenen Mystery-Leser ist natürlich klar, wo die Handlung hinsteuert, aber das mag für Walpoles Zeitgenossen noch nicht gegolten haben. Auf dem Weg in die Schlusskatastrophe gibt es einige überraschende, sogar pikante Wendungen.


    Walpole hat eine Menge Romane geschrieben, die heute aber kaum noch zu bekommen sind. Meine Ausgabe ist 1991 in der "Du Monts Bibliothek des Phantastischen" erschienen.