Beiträge von finsbury

    Firiath , hast du inzwischen "Das grüne Gesicht" gelesen? Sonst wäre es vielleicht etwas für eine Leeserunde im Herbst-/Winterhalbjahr. Auch "Eine Meerfahrt" von Eichendorff wartet bei mir noch auf die Lektüre. Ich bin nächste Woche weg, und im Oktober lese ich mit Zefira den "Moby Dick", aber ansonsten hätte ich Zeit.

    Inzwischen habe ich einen weiteren der wichtigsten Romane von Gaskell gelesen und kopiere hier mal meine Bemerkungen herein:


    Elizabeth Gaskell: Frauen und Töchter

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    Gaskell konnte ihren letzten Roman nicht mehr fertigstellen, sie starb im November 1865, kurz bevor sie das Ende hatte schreiben können. Dennoch ist der Roman so gut wie fertig, das Happy End bahnt sich schon heftig an.


    Zum Inhalt:


    Molly Gibson, Arzttochter in der kleinen Stadt Hollingford, wächst mutterlos heran und erhält mit 17 eine Stiefmutter, ehemalige Gouvernante der führenden Adelsfamilie der Gegend, dünkelhaft wie diese und nur auf ihre Annehmlichkeiten bedacht. Hyacinth, wie sie von ihrem neuen Mann genannt werden möchte, bringt ihre Tochter Cynthia aus erster Ehe mit, die ungefähr im gleichen Alter ist. Mithandelnde sind außerdem noch die Squire-Familie mit den beiden Söhnen Osborne und Roger, letzterer ein aufstrebender Forschungsreisender und Wissenschaftler sowie die ganze Ortschaft mit ihren Gerüchten und Borniertheiten. Die eigentlich liebenswerte und sehr hübsche, aber auch flatterhafte und wenig bindungsfähige Cynthia verlobt sich im Laufe der Handlung dreimal und fügt mit zwei ihrer Verlobungen der ernsthaften und hilfsbereiten Molly großes Ungemach zu.

    Daneben gibt es noch Schicksalsschläge, große Geheimnisse und Liebe auf Umwegen.


    Meine Meinung

    Eigentlich ein netter Unterhaltungsroman, wenn man solche Familien- und Liebesromane gerne liest. Gaskell hat aber aufgrund ihrer Erfahrungen und Veranlagung einen durchaus analytischen Blick auf gesellschaftliche Strukturen, sie entlarvt die sterbende Welt des in seinen Traditionen verharrenden Landadels, aber auch die Engstirnigkeit und Borniertheit der Kleinstädter. Diesen entgegen setzt sie die Menschen der Zukunft, den hart arbeitenden Arzt, die Vertreter von Wissenschaft und Forschung und auch am Rande das Stadtbürgertum mit seinen aufstrebenden Wirtschafts- und Verwaltungskarrieren. Und sie erkennt und thematisiert auch, wie eng das Leben der Frauen gefasst ist, wie wenig Möglichkeiten sie nur haben, es selbst in die Hand zu nehmen und zu gestalten.

    Gaskell ist nicht annähernd so brillant wie die aus der vorherigen Generation stammende Jane Austen, aber durchaus ein gewichtiger Teil der literarischen Generation um die Brontes, Dickens, George Eliot und Thackeray, nicht mit ihnen auf der gleichen Stufe, aber in einzelnen Szenen doch zu ihnen aufschließend.

    Ein dicker Wälzer von über 800 Seiten, aber durchaus lesenswert!

    "Frauen und Töchter" von Elizabeth Gaskell

    Ein ziemlicher Schinken, der vor den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts spielt, nicht so ironisch und dialogisch perfekt wie die Austen und ohne das spannende Setting und die Emotionen der Brontes (wobei Letzteres Gaskells Roman nicht unbedingt zum Nachteil gereicht), aber immer wieder mit kleinen hübschen Beobachtungen zu Sitte und Borniertheit der kleinstädtischen Bevölkerung, egal um welchen Stand es sich handelt, aber insbesondere doch mit deutlicher Distanz gegenüber der angemaßten Arroganz des Adels.

    Durchaus lesenswert, aber auch sehr umfangreich.

    Hallo Lauterbach,


    wie weit bist du mit dem "Stechlin" und wie gefällt er dir? Das war nach der Lektüre eines meiner absoluten Lieblingsbücher, allerdings bin ich bisher nie zu einer Zweitlektüre gekommen.

    "Am Strand" von Ian McEwan. Ich mag die Bücher des Autors eigentlich sehr, aber mit diesem komme ich schlecht zurecht. Es geht um eine zerquälte Hochzeitsnacht zu Beginn der 60er. Nachdem die Rückblenden begonnen haben, wird es etwas interessanter, aber das Thema - psychologisierende Ehe- und Liebesgeschichte - ist nicht mein Genre.

    Wie schön, dass dir dieser sehr intensive Roman auch so gut gefallen hat. Das ist auch wirklich ein Lebensbuch, ich glaube, für viele Leser ist dieser Begriff nicht zu hoch gehängt.

    "Ewigkeitsfjord" von Kim Leine


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    Ein sehr interessanter zeitgenössischer dänischer Roman, der zum Ende des 18. Jahrhunderts in Kopenhagen und Grönland spielt. Es geht um einen - eher unwilligen - Pfarrer, der vom Sohn des Hans Egede, des ersten Grönlandbischofs der Neuzeit, zur Grönlandmission geschickt wird und dort auf die wenig einnehmenden dänischen Kolonisten mit ihrer rassistischen Einstellung gegenüber den Inuit und auch den "Mischlingen" stößt, sich selber in vielfacher Hinsicht schuldig macht und doch versucht, in dieser lebensfeindlichen Welt einen Sinn zu finden.
    Ein spröder, aber auch spannender und betroffen machender Roman. Sehr zu empfehlen!

    Herzlichen Glückwunsch, dass du es geschafft hast, thopas . So ein noch nicht zu Ende gelesenes Werk drückt einem ja auch aufs Lesegemüt. Geht mir jedenfalls oft so.

    Schade, dass dir das Ende nicht so gefallen hat. Für mich war gerade der nicht- italienische Teil am Ende wieder interessanter, weil sich in Italien doch viele Themen arg oft wiederholten. Ich interessiere mich allerdings auch sehr für Geschichte, deshalb fand ich den Teil, der in der in der Schweiz, in Frankreich und in Deutschland spielte, durchaus spannend. Man liest ja oft Sachbücher nur aus der gegenwärtigen Perspektive. Ich jedenfalls bin bis jetzt kein großer Memoirenleser und bekomme daher nicht so oft zeitgenössische Eindrücke geboten, außer wenn sie durch fiktionale Literatur gebrochen ist.

    Wenn ich bei einem Buch ein paar Monate Pause mache, dann les ich das nicht mehr zuende ;-). Wie gesagt, ich finde das ziemlich unkompliziert, handlungsreich und gradlinig erzählt. Mit satirischen Einlagen und mehr als einer Prise Kolportage. Das einzige, was mich mitunter aus der Bahn wirft, ist die Zeitgeschichte - dt. Geschichte um 1820 hab ich nicht so am Schnürchen, da muss ich gelegentlich nachschlagen. Aber da reicht auch ein grober Überblick, um der Handlung zu folgen.

    Ich habe die Epigonen sogar schon zweimal gelesen, einmal an der Uni im Rahmen eines Seminars über die Anfänge der Industrialisierung im Spiegel der Literatur und dann hier auch schon vor vielen Jahren in einer Leserunde. Ich schätze den Roman genauso ein wie du giesbert und mir hat die Lektüre auch Spaß gemacht.

    Nun habe ich das "Märchen" auch durch. Schon auf der ersten Seite als durchkomponiertes Kunstmärchen zu erkennen, spart es trotzdem nicht an erzählerischen Reizen.
    Eine Schlange, zwei Irrlichter, ein Fährmann, ein Mann mit Licht und dessen Frau, die sich um eine schwindende Hand grämt, zwei verwunschene Thronanwärter und ein verschwundenes Königreich, so setzen sich Personal und Setting im Groben zusammen. Über die Bedeutung werden sich wohl Generationen von Germanisten schon den Kopf zerbrochen haben, uns Lesern bleibt eine Welt mit inhärenten Gesetzen, wunderschöne Bilder (Schlange und Brücke), rätselhafte Metaphern und ein versteckter Aufruf zur Menschlichkeit. Mir hat's gefallen, das ist Goethes Niveau, die Unterhaltungen sind's nicht.

    Das ist es eindeutig, ja.


    Das "Märchen" fällt im wahrsten Sinn des Wortes aus dem Rahmen; jeder Versuch, es hinein zu quetschen, hätte wohl zu einem völligen Desaster geführt.

    Dann hätte er es auch ganz rauslassen und einzeln veröffentlichen können. Es soll laut KLL die poetologische Endstufe des Novellenzyklus sein. Da aber die anderen Erzählstücke wenigstens kurz in ihrer Funktion und Wirkung angesprochen wurden und nur das Märchen nicht, ist es trotzdem gegen die Struktur, auch wenn die familiäre Diskussion in der Rahmenhandlung sicher nicht angemessen gewesen wäre. Insofern hast du wohl Recht, war es dichterischer Selbstschutz, was die Qualität der "Unterhaltungen" dennoch fragwürdig erscheinen lässt.

    Der Novellenzyklus mit Rahmenhandlung wurde 1795 in Schillers Zeitschrift " Die Horen" veröffentlicht.


    Goethe bezieht sich in der Rahmenhandlung auf die Besetzung des linksrheinischen Rheinlands durch die Franzosen 1793 und die Mainzer Republik. Eine Baronesse flieht mit ihrer Familie und Freunden von ihren linksrheinischen Besitzungen vor den Franzosen auf ihre rechtsrheinischen Güter: Unter Auswanderung versteht man heute da doch etwas Anderes.
    Neben den Befürchtungen um Hab und Gut und die Gesundheit der Angehörigen unterhält sich die Flüchtlingsgemeinschaft auch über die politischen und ideologischen Hintergründe der Besetzung, und es kommt zu einer Auseinandersetzung zwischen dem jüngsten Sohn der Baronesse, der weiterhin den Idealen der Französischen Revolution anhängt und sich von der Besetzung Mainz' erhofft, dass diese Ideale auch wenigstens teilweise auf deutschem Boden durchgesetzt werden, und einem ihrer alten konservativen Freunde, der erzürnt die Gemeinschaft verlässt.
    Daran anknüpfend verlangt die Baronesse, dass man zu einer unpolitischen, Meinung und Gefühle schonenden Unterhaltung mit hohem moralischen Anspruch findet und eröffnet dadurch einen Reigen von immer länger und komplexer werdenden Novellen, die von den Söhnen, insbesondere aber dem katholischen Hausgeistlichen erzählt werden. Im Anschluss daran folgt immer eine kleine Auseinandersetzung über die Bedeutung der Erzählung, bevor die nächste folgt. Am Ende steht das berühmte "Märchen", das ziemlich unverbunden angehängt und auch nicht kommentiert wird.


    Das "Märchen" habe ich noch nicht durch, neige aber nach den ersten Seiten dazu, es für den absoluten erzählerischen Höhepunkt der "Unterhaltungen" anzusehen.

    Der Anfang der Geschichte hat durch die Zeitgebundenheit der Rahmenhandlung noch seinen Reiz, die Novellen selbst sind sehr zeitverhaftet: Es geht in ihnen zunächst um Geistererscheinungen bzw. das merkwürdige Zusammenspiel unterschiedlicher Ereignisse, Themen, die zu jener Zeit scheint's sehr beliebt waren, zu beobachten auch an Schillers "Geisterseher" oder vielen Texten der Romantiker. Auch die längeren moralischen Novellen, die danach folgen, haben für mich heute etwas Zopfiges, doch kann man durchaus eine erzählerische Steigerung in ihnen nachvollziehen.
    Mit der Rahmenhandlung hat sich Goethe aber nach dem Anfang gar keine Mühe mehr gegeben, und dass am Ende auf das Märchen nur kurz verwiesen, es gar nicht situativ eingeleitet und am Ende die Rahmenhandlung nicht mehr aufgenommen wird, halte ich für ein weiteres Manko des Werks.

    Zu dem "Märchen" schreibe ich noch etwas, sobald ich damit fertig bin. Den Rest kann man sich meiner Ansicht nach sparen: Da gibt es so viel mehr Goethe, der sich lohnt.

    Es ist aber auch schwierig, wenn man Schmerzen hat und Angst vor einer ungewissen Heilung. Da ist es doch ganz natürlich, dass man dann Ablenkung braucht. Mir geht es in Zeiten beruflichen Stresses nicht anders: Wenn ich dann nicht gerade einen einfach zu lesenden Klassiker wie Dickens, Gogol usw. vor der Nase habe, greife ich auch zu meiner Krimihalde.

    Ja, das klingt eingebildet und manieriert. Aber wenn man die Autoren nach den persönlichen Sympathiewerten einschätzt, auweia, da würde sich die literarische Wertung ganz schön umstellen müssen. Ich finde, sehr viele erfolgreiche Autoren - genau wie andere ebensolche Künstler - wirken oft sehr selbstverliebt und oft auch intolerant gegenüber ihren KollegInnen.
    Aber da hast du sicher mit deinen vielen Lesungs-Teilnahmen einen weiteren Eindruck.