Beiträge von finsbury

    Okay, auf das "gute" im Eingangspost bin ich nicht so eingegangen. Aber ich finde nicht, dass man Sue so einfach in eine andere Epoche versetzen könnte. Die Denkweisen und Klischees sind schon typisch für das 19. Jh. Und gerade auch der Kitsch!!! Der Roman ist genauso plüschig überfrachtet wie die Inneneinrichtung damals.

    Das hab ich als sehr kurzweilig in Erinnerung. Und so fett ist das gar nicht, die Bände sind zwar dick, aber auch recht klein; liest sich jedenfalls locker weg.

    Da machst du mir Mut. Vor vielen Jahren las ich ja schon hier mit einigen zusammen "Die Ritter vom Geiste" von Gutzkow, das ist auch so ein Zweitausendeins-Reprint sogar mit noch einem Band mehr, und das las sich auch recht flott. Dann sind die Hundert Jahre fürs nächste Jahr gebucht.

    Ich habe mich in die Niederungen oder Höhen, das ist wohl Ansichtssache, der historischen Finanzpolitik begeben und lese einen schon lange hier lagernden Roman um John Law, einem der Erfinder der Notenbanken und der Vorstellung, dass für Papiergeld nicht unbedingt Edelmetall, sondern auch Grundbesitz als Sicherung in Frage kommt.


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    Claude Cueni: Das große Spiel

    Es handelt sich um den Schotten John Law of Lauriston, der zur Zeit Ludwigs des Vierzehnten und der Regentschaft Philipps von Orléans auf dem Kontinent als Berufsspieler und Finanztheoretiker unterwegs war und schließlich 1716 in Paris eine Notenbank gründen durfte. Das Unternehmen scheiterte allerdings später in der sogenannten Mississippi-Blase an hoch- spekulativen Geschäftspraktiken, die scheint's gar nicht Law, sondern eher seinen Kunden und Konkurrenten anzulasten waren.
    Ein konventioneller historischer Roman, aber mit einem interessanten Thema!

    Auch wenn ich hier anscheinend nur mit mir selbst rede:
    Ich habe die Strudlhofstiege und damit meine komplette Klassiker-Leseliste für dieses Jahr abgeschlossen.

    Herzlichen Glückwunsch, Zefira! Du bist - glaube ich - die erste, die das von sich in diesem Jahr sagen kann. Aber ich habe ja auch nur noch die zwei Iphigenien.
    "Die Strudlhofstiege" möchte ich auch gerne nochmal lesen, aber noch nicht im nächsten Jahr. Da will ich sowohl in der "guten" als auch in der Unterhaltungsliteratur einen Schwerpunkt auf historische Romane legen, da hier noch fette ungelesene Schinken herumstehen wie z.B. Oppermanns "Hundert Jahre".

    Was übrigens das Schreiben mit dir selbst angeht, das ergeht mir in anderen Threads auch mal so, aber das heißt ja nicht, dass niemand es lesen würde. Aber z.B. an der Strudlhofstiege bin ich nicht mehr so nah dran, dass ich da auf einzelne Motive eingehen könnte.

    Den Roman habe ich nun abgeschlossen. Dass es so langsam voranging, lag nur daran, dass ich im Moment so wenig Zeit zum Lesen habe, nicht an fehlender Spannung oder fehlendem Interesse. Das Buch schließt mit dem, was der Titel ankündigt: Friedrich Ebert, der neu ernannte SPD-Reichskanzler telefoniert hinter dem Rücken seiner Genossen mit der obersten Heeresleitung, um das Offizierscorps dazu zu verpflichten, die neu entstandene Regierung zu unterstützen. Damit betoniert er die militärischen Machtstrukturen der Vergangenheit und verhindert eine wirklich freie Entwicklung auf der Grundlage basisorientierter Entscheidungen. Welchen Einfluss das auf die Weimarer Republik und weiteren Entwicklungen hatte, sehen Historiker unterschiedlich, aber es war spannend, sozusagen live mitzuerleben, wie die unterschiedlichen Gruppen diese letzten Monate des 1. Weltkriegs miterlebten und gestalteten.
    Über weite Strecken kam mir der Roman wie ein Drehbuch vor mit langen Anweisungen für Szenerie und Stimmung. Wäre bestimmt eine tolle Filmvorlage!

    Inzwischen bin ich mitten im Matrosenaufstand in Kiel. Der Roman besteht fast nur aus Schilderung in Außensicht, ohne Erzählerkommentar und sehr viel Dialog, oft auf historischen Quellen fußend, so dass man sich ein relativ unbeeinflusstes Bild machen kann. Trotzdem ist das Ganze sehr spannend, und man fühlt sich mitgerissen. Eine große Rolle spielt hier das Misstrauen der Matrosen, Soldaten und Arbeiter gegenüber der an der Regierung und für die Kriegskredite stimmenden SPD und den Gewerkschaften, die ebenso regierungstreu sind. Die Aufständischen fühlen sich daher eher von der USPD und den Kommunisten vertreten, misstrauen aber selbst Liebknecht, wenn der dazu aufruft, sich nicht zu verzetteln, sondern gemeinsam zu handeln. Man bekommt in den vielen EInzelentscheidungen recht authentisch mit, warum die Revolution scheiterte.

    Aus dieser ganzen Diskussion kann ich nur entnehmen, dass die Gräben zwischen Ost und West - gerade auch bei den Intellektuellen - anscheinend viel tiefer sind, als ich je geahnt habe. Z.B. diese Vorstellung, dass hier eigentlich gar keine Demokratie mehr herrscht und man sich deshalb resigniert ins Privatleben zurückziehen müsse, finde ich sehr befremdlich. Natürlich haben wir immer wieder mit Einseitigkeiten, medial gehypten Themen und der Pandora-Büchse der sozialen Medien zu kämpfen, aber Demokratie besteht nun mal aus Diskurs, und der strengt an, tut weh und macht einen oft wütend. Dennoch ist es für mich nach den Erfahrungen gerade unserer deutschen Geschichte die einzig menschliche Staatsform. Ich finde es zutiefst verstörend, dass viele Menschen sich anscheinend aus diesem Diskurs zurückziehen, verletzt schweigen oder sich rechtsnationalen Parteien mit einem chauvinistischen Menschenbild zuwenden.

    In diesem Thread möchte ich den Publizisten und Schriftsteller Theodor Plivier (1892-1955) vorstellen. Am bekanntesten ist sein dokumentarischer Roman "Stalingrad" von 1945, der den Untergang der 6. Armee in der Schlacht von Stalingrad thematisiert.


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    Plivier war eine sehr schillernde Gestalt. Er stammte aus einer Berliner Handwerkerfamilie, brach aber seine Lehre als Stukkateur früh ab und zog durch Europa. Wegen einer Schlägerei wurde er zu Beginn des 1. Weltkriegs festgenommen und in die Kriegsmarine gesteckt. Dort wird er durch andere Matrosen mit dem Anarchismus bekannt gemacht, dem er bis zum Ende grundsätzlich treu bleibt, weshalb er sich auch nie in bestehende Systeme wirklich einfügte und auch die DDR, die er als Wohnsitz gewählt hatte und von der er zunächst mit hohen Ehren überschüttet wurde, bereits 1947 wieder verließ.


    Plivier schrieb mehrere historische Romane, für die er viele Quellen studierte und die Geschehnisse historisch getreu, oft aus dem Blickwinkel verschiedener Personengruppen, darstellte.


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    Ich lese im Moment den Roman "Der Kaiser ging, die Generäle blieben" (1932) über das Ende des ersten Weltkriegs. Schon mit deutlichen Sympathien für das leidende Volk und die an der Front verheizten Soldaten und Matrosen stellt er doch auch die Entscheidungen der Politiker aus verschiedenen Parteien glaubwürdig und durchaus einfühlsam dar.

    Im ersten Teil spielt zum Beispiel Prinz Max von Baden, der letzte deutsche Reichskanzler 1918, eine wichtige Rolle, als es um den Waffenstillstand und die Abdankung des Kaisers geht. Der Prinz, stark an Grippe erkrankt, versucht dennoch, jemanden zu finden, der den Kaiser dazu bringt, von selbst abzudanken, was dieser gar nicht einsieht. Das ist eine sehr dichte Erzählung, bei der man sich wirklich in die Situation des Kanzler hineinversetzen kann. Das zweite Großkapitel, das ich jetzt angefangen habe, beschreibt die Lebensverhältnisse der einfachen Leute in Berlin zu Ende des Krieges. Auch hier schafft Plivier eine sehr authentische Atmosphäre.

    Ehrlich gesagt, finde ich diese Haltung merkwürdig. Frau Maron ist ein Markenzeichen. Das weiß sie auch. Dirk Nowitzky lässt sich nicht einfach von Coca Cola für deren Zwecke zitieren. Und daher kann es Frau Maron nicht recht sein, wenn sie von _dieser_ AfD im Bundestag als intellektuelles Aushängeschild in einer Rede verwendet wird. Da fühlt man sich nicht mal geehrt, sondern ich wäre beschämt und würde daher sofort für Klarstellung sorgen. Das ist zugegebenermaßen nervig für die Autorin, aber leider notwendig. Wenn das dann ausbleibt und es zudem zweideutige Aussagen in einem NZZ-Interview fallen, dann fragt der Verlag bei einer Veröffentlichung außerhalb des Hausverlags nun mal kritisch nach. Das finde ich einen ganz normalen Vorgang. Wenn die Antworten dann nicht zufriedenstellend ausfallen, dann trennt man sich. Frau Maron spürt doch, wie empfindlich Fischer ist. Offenbar wollte sie das dann auch nicht aus dem Weg räumen. Gut, vielleicht ließ man ihr dazu auch keine Gelegenheit. Am nächsten Sonntag ist sie zur Lesung in Frankfurt. Ich werde hingehen, wenn es denn stattfindet.

    Eigentlich habe ich kein Recht, hier mitzusprechen, weil ich noch nichts von Maron gelesen habe. Aber ich habe eure Diskussion mitverfolgt und auch viele der Links nachgelesen. Ich möchte daher an dieser Stelle dir , klassikfreund, ausdrücklich Recht geben: Sicher hat Maron Recht, ihre eigene Meinung zu vielen Entwicklungen hier in Deutschland und Europa zu haben, aber sie hat als öffentliche Person und Demokratin, und das will ich ihr absolut nicht absprechen, die Aufgabe, sich deutlich von Nazis zu distanzieren, genau wie das oben in klassikfreunds gutem Vergleich mit Nowitzky und Coca Cola klar gemacht wurde (wobei das letztere ja nur eine ungewollte Inanspruchnahme für Werbung wäre). Soviel Aufwand wäre es für eine eloquente Schriftstellerin nicht, klarzustellen, bis wohin ihre Meinung geht und wo sie sich distanzieren muss.

    Ja, ich führe eine Liste mit den Büchern, die ich lese. Damit habe ich ganz früh angefangen, sodass ich das ziemlich lückenlos dokumentiert habe. War natürlich früher analog, daher muss ich dann manchmal etwas blättern. Da ich aber in meiner Ausgabe (Rectlam Verlag, Übersetzung von Zerbst) auch das Jahr des Buchkaufs (1992) notiert hatte, habe ich das dann gut eingrenzen können...

    Das mache ich auch. Und ich habe mit der Listerei auch schon mit zwölf Jahren begonnen, auch damals schon in einem Vokabelheft und mit ganz viel Karl May! Die Vokabelhefte habe ich immer noch, daneben natürlich auch ein digitales Verzeichnis in Excel. Jede Zeile im Vokabelheft steht für ein gelesenes Buch. Dieses Jahr habe ich das vierte angefangen. So wahnsinnig viel ist das gar nicht ... . Als die schöne lesefreudige Zeit von Schule und Studium vorbei war, hat doch die Arbeit viel Zeit verschluckt und auch konkurrierende Medien wie Fernsehen und Internet. Aber in ein paar Jahren ist's vorbei mit der Arbeit, da hoffe ich dann doch, das angefangene Vokabelheft noch füllen zu können.


    Volker, mir ging es mit "Ein Glas voll Segen" auch so. Allein die Hauptfigur Wilmet, aber auch die andere Personnage bringen noch mehr Pep in die Angelegenheit. Und auch ich fand es sehr schön, wie dezent und tolerant die damals noch stark gesellschaftlich sanktionierte Homosexualität hier dargestellt wird.

    Ihr habt mich. Ich habe mir aus der Onleihe "Vortreffliche Frauen" geholt.

    Will ja mitreden können.

    Sehr schön! Das ist ganz leicht und amüsant zu lesen und sehr erholsam, wenn dich "Die Strudlhofstiege" mit ihren viele Erzählsträngen doch mal zu sehr fordert.

    Mir sind solche Spuren früherer Lektüre eher peinlich ;-).

    Och, na ja ... . Aber man entwickelt sich doch, und ich finde es interessant, zu sehen, welche Sätze ich damals interessant fand und mir etwas gegeben haben. Das hat sich stark gewandelt, aber das ist doch auch verständlich. Unsere Stellung zur Welt und unserem Inneren verändert sich in all den Jahren. Ich blicke eher etwas schmunzelnd auf meine Sturm-und-Drang-Jahre zurück, mnachmal auch mit einem gewissen liebevollen Bedauern darüber, dass man heute so viel skrupulöser in seinen Einschätzungen geworden ist.

    Für das großartige "Middlemarch" hab ich jetzt gut 10 Wochen gebraucht - das liegt aber an mir, nicht an Eliot. Früher hätte ich das in max. 10 Tagen gelesen - oder vielleicht auch nicht, ich hab den Verdacht, dass ich mit ~25 dem Roman nicht viel abgewonnen hätte, vielleicht hätte ich es auch nach 300 Seiten gelangweilt zur Seite gelegt, wer weiß. Virginia Woolf hatte schon Recht: Middlemarch ist ein Buch für Erwachsene ;-).


    Aktuell jetzt, nachdem hier im Forum so verführerisch geschwärmt wurde: Pym, Vortreffliche Frauen. Nach 50 Seiten: sehr amüsant.

    Ich merke auch, dass ich bestimmten Romanen heute viel mehr abgewinnen kann als früher, z.B. solchen diffizielen Gesellschaftsromanen wie Middlemarch oder auch dem von mir neu entdeckten Anthony Trollope. Allerdings habe ich Fontanes Stechlich schon in Studienjahren geliebt. Aber heute komme ich z.B. mit Hesse, auch mit einigen Dostojevskis wie "Verbrechen und Wahrheit" nicht mehr so gut zurecht: Diesen Gefühlsüberschwang kann ich nicht mehr nachvollziehen. Das ist wie mit der Musik, da ändert sich bei vielen der Geschmack ja auch von dem eher Aufdringlichen hin zum Diffizielen.

    Zu Pyms Roman wünsche ich dir weiterhin viel Spaß: Ich habe mir letzte Woche die Neuausgabe von "In feiner Gesellschaft" (Original "No Fond Return of Love") zugelegt. Aber ich habe gerade sehr gewichtige Leküre, da wird es noch etwas dauern. Habe aber noch drei andere Romane von Pym hier liegen.
    Momentan und noch monatelang bin ich mit Beauvoirs "Das andere Geschlecht" beschäftigt, eine sehr anspruchsvolle und verstörende Lektüre. Außerdem lese ich von Theodor Plivier "Der Kaiser ging, die Generäle blieben", einen sehr interessanten dokumentarischen Roman über das Ende des ersten Weltkriegs. Wenn ich dort etwas fortgeschrittener bin, werde ich in einem eigenen Thread etwas dazu schreiben. Der Autor ist relativ vergessen, lohnt sich aber sehr.
    Übrigens ein interessanter Kontrast, Beauvoirs feministisches Grundwerk und diese Darstellung einer reinen Männerwelt ... .

    Ich lese oft mit dem Stift und freue oder wundere mich bei Wiederlektüre über meine Hervorhebungen und Anmerkungen. Darauf will ich nicht verzichten. Außerdem entwickele ich auch zu dem Buch an sich in seiner materiellen Ausformung einen Bezug, wenn ich lange und gerne darin gelesen habe. Deshalb würde ich alte, solchermaßen benutzte Bücher nicht wegwerfen, sondern mir höchstens eine gut kommentierte Ausgabe dazu stellen. Und nochmal alles neu kaufen, bedeutet auch die Absicht zu haben, zumindest vieles davon noch oder wieder lesen zu können: Aber gerade bei Ü50 und 60: Unser Leben ist trotz der Aussicht auf Ruhestand endlich ... .

    Ja, das ist ein Thema, das bei den Ü60 interessant wird. Wir wollen in drei bis sechs Jahren auch nochmal umziehen, werden uns dabei aber nicht unbedingt verkleinern, denn momentan haben wir eine Dachgeschosswohnung, da fällt wegen der Schrägen viel Stellfläche weg.
    Von den Klassikern, geliebten Krimireihen und allen Unterhaltungsbüchern, deren Lektüre uns wirklich Spaß gemacht hat, werden wir uns sicher nicht trennen, aber einen kritischen Blick auf all die Bücher, die so lala waren, wird es wohl geben und dann weg damit. Wir haben aber auch eine große Comicsammlung und unendlich viele CDs, auch ganz viele selbst zusammengestellte, die werden wohl zum großen Teil mitkommen. Aber diesmal werden wir uns zum ersten Mal ein Umzugsunternehmen gönnen, bisher sind wir immer mit selbst und Freundesschleppen, vielleicht noch ein, zwei bezahlten Hilfskräften umgezogen. Das müssen wir uns nicht mehr antun, da verzichten wir lieber mal auf eine Reise, wenn's denn sein muss.

    Da hast Du absolut recht. Der Stechlin und 'Vor dem Sturm' sind die besten Romane von Fontane, da beißt keine Maus den Faden ab. Und die Effi ist einfach längst nicht so gut - da fehlt auch zu viel Humor.

    Das kann ich nur unterschreiben. Meine Lieblingsbücher von Fontane sind auch sein erster und sein letzter Roman. Eigentlich merkwürdig, dass diese beiden zeitlich so weit auseinanderliegenden Romane so besonders viel Lesefreude bereiten.


    Zefira, wenn ich mit dem Dahl fertig bin, melde ich mich im Krimi-Thread: Mal sehen, welche Skandinavier wir so lohnend finden.