Beiträge von finsbury

    Das, was du am Ende geschrieben hast, Zefira , schoss mir auch direkt durch den Kopf. Heutzutage würde Oblomov ein Serienjunkie entweder vor dem Fernseher oder durch Streamen sein, aber wohl eher vorm Fernseher, weil das Draufschaffen der neuen Technologien ihm bestimmt zu anstrengend gewesen wäre.
    Bücher liest er ja auch nicht, weil ihm das zu mühsam ist, aber das Seriengucken könnte ich mir sehr gut vorstellen: die Neugier befriedigen, ohne sich anstrengen zu müssen.

    Dabei ist er ja nicht dumm und beobachtet durchaus fein: Den Literaten Penkin geißelt er für seinen borniert-realistischen Stil, der das Elend der Bevölkerung von oben herab beobachtet und gefühllos oder eben sogar darüber spottet.

    Zitat


    "Sie stellen Diebe und gefallene Frauen dar" sagte er, "aber den Menschen vergessen sie oder können ihn nicht darstellen." (I,2)

    Kurz danach vergaloppiert er sich aber in seiner Kritik und fällt, von seinem argumentativen Eifer geschwächt, auf den Diwan zurück.


    Bladwijzer , deine Beobachtung, dass es sich zu Beginn um Bühnenauftritte handelt, gefällt mir auch gut. Die Welt kommt zunächst zu Oblomov, um ihn aus seiner Lethargie zu reißen, was aber bisher alles an ihm abprallt. Fuzuli , der faule Diener, der nur auf dem Ofen liegt, ist wirklich ein schönes Spiegelbild seines Herrn, auch in seiner Art und die Dialoge zwischen ihnen, wo sie sich gegenseitig ihre Lethargie vorwerfen, sind köstlich.

    Ich lese übrigens die dtv-Dünndruck-Ausgabe aus den Achtziger Jahren und in der Übersetzung von Josef Hahn, der ja viele russische Klassiker ins Deutsche übertragen hat.

    Ach, ich freue mich schon, dass ich dieses Jahr im Herbst wieder für ein paar Stunden dahin komme. Und vielleicht auch im Sommer .. Wir schwanken noch zwischen Eifel und Erzgebirge. Vom letzteren bietet sich ja ein Ausflug nach Leipzig oder eine Zwischenübernachtung ja vom tiefen Westen aus gesehen wirklich an.

    Aber es gibt auch wirklich schöne stadtnahe Vororte. Ich war letztes Jahr für ein paar Stunden dort und begeistert, was sich in den letzten 18 Janren seit meinem letzten Aufenthalt dort verändert hat. Leipzig hat für mich neben ganz wenigen anderen deutschen Städten etwas Weltstädtisches. Man merkt, dass sie eine uralte Tradition als selbstbewusstes Handels-, Wirtschafts- und Bildungszentrum hat, was sich nun wohl auch wieder äußert. Laut der Stadtführerin unterscheidet sich auch das Wahlverhalten der Leipziger signifikant von anderen ostdeutschen Gemeinden und Städten.

    "Alles, was wir geben mussten" von Kazuo Ishiguro. Zu Beginn fand ich es etwas fad, aber nach 100 Seiten hat es mich gepackt.


    Gruß, Lauterbach

    Der Film dazu ist auch sehr schön. Gar nicht reißerisch, mit stillen, bedrückenden Bildern, dennoch spannend.

    Keller setzt er in diesem Aufsatz vor allem auch in Beziehung zu Karl Gutzkow (von dem ich nichts kenne, was sich aber ändern sollte).

    Das ist ja interessant! Ich wusste nicht, dass Keller und Gutzkow sich kannten. G. wirkt auf mich wie eine typisch Berliner Pflanze, was man auch sehr schön an einigen Kapiteln der Ritter vom Geiste nachvollziehen kann. Keller hätte ich da nicht gesehen.

    Zu den "Rittern vom Geiste" hatten wir hier übrigens mal eine Leserunde.

    Ansonsten habe ich von Meyrink nur einige Erzählungen gelesen. In der Sammlung "Des deutschen Spießers Wunderhorn" gibt es faszinierende Geschichten von gruselig bis urkomisch.

    Diesen Band habe ich mir vor anderthalb Jahren in einem faszinierenden Antiquariat in Bamberg gekauft, aber auch noch nicht gelesen.

    Ich kenne nichts von Arno Schmidt. Aber nach dem, was so im Forum steht, hat er z.T. auch merkwürdige Ansichten vertreten. Natürlich kann man auch einiges gegen den "Nachsommer" sagen und man muss vor allem Spaß daran haben, wenig Handlung und viel Atmosphäre zu erlesen, wenn man dieses Werk liest. Ich werde ihn auf jeden Fall noch einmal lesen.

    Ich habe mittlerweile die sehr unterhaltsame britische Wiederentdeckung

    Barbara Pym: Vortrefflliche Frauen in kürzester Zeit gelesen. Ein großer Spaß für Freunde der englischen Literatur und der Ironie, wie sie nur diese beherrschen. Im Nachbarforum habe ich dazu ein paar Zeilen geschrieben.

    Frohes Neues an alle!

    Ich beginne das neue Jahr mit der Lektüre einer wieder entdeckten britischen Schriftstellerin aus der Mitte des letzten Jahrhunderts:


    Barbara Pym: Vortreffliche Frauen

    Es geht um die englische Gesellschaft Ende der vierziger Jahre . Der Roman lässt sich auch stilistisch gut an und ist unterhaltsam.

    Ich weiß nichts dazu, aber es ist hoch amüsant und auch ein bisschen geraderückend, wenn der Herr sagt, dass er sich gerade monatelang mit den "Feinden" im Schützengraben herumgestritten habe. Das zeigt doch, dass Literatur, gerade des Symbolismus und artifizieller Art, für viele Menschen nichts mit alltäglichen Grenzerfahrungen zu tun hat. Das soll uns nicht weiter von unserer Lektüre abhalten, die uns so sehr bereichert, aber auch demütig machen gegenüber dem Blickwinkel von Menschen, die nichts damit anfangen können und dennoch in ihrer Art mit dem Leben zurechtkommen müssen.

    Momentan lese ich parallel:

    Jane Smiley: Die Grönland-Saga, anlässlich meines diesjährigen Grönlandaufenthaltes als Reread


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    und

    Kirsten A.Seaver: Mit Kurs auf Thule. Die Entdeckungsreisen der Wikinger


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    Im ersteren Roman erzählt die Autorin im Ton der nordischen Sagas, den sie erstaunlich gut trifft, von zwei Generationen Nordländern in Südgrönland, ihrem harten, dennoch auch farbigen Leben, ihren Konflikten und dem Niedergang, der im 15. Jahrhundert zum Aussterben der Nordmänner auf Grönland führte.

    In dem zweiten Buch, einem Sachbuch zur Geschichte der Nordmänner auf Grönland und weniger, wie der irreführende Titel sagt, zu den Entdeckungsfahrten z.B. des Leif Erikssons, der Nordamerika entdeckte, was natürlich auch vorkommt, wird aufgrund neuerer Forschungen davon ausgegangen, dass einige frühere Annahmen zum Ende der nordischen Grönländer nicht stimmen. Die Autorin wendet sich vehement gegen einige frühere Theorien, die Nordmänner seien nicht in der Lage gewesen, sich ihrer Umgebung erfolgreich anzupassen - schließlich hätten sie das über ein halbes Jahrtausend ja erfolgreich gekonnt - bzw. dass die Kleine Eiszeit ihre Kultur zum Scheitern brachte. Diese aber äußerte sich in Südgrönland nicht so heftig, sondern bestand aus einer Reihe wechselhafter Zeiten einiger harter Winter, denen auch immer wieder wärmere Zeiten folgten und war nicht heftiger als auf Island, das weiter nördlicher liegt als die damaligen Siedlungen der Grönländer und dennoch durchgehend besiedelt blieb.
    Was sie nun als Grund angeben wird, weiß ich noch nicht, aber man bekommt eine genaue Anschauung über die Lebensumstände dieser Menschen, die gründlich recherchiert erscheint. Das Sachbuch zeigt außerdem, wie genau Smiley in dem Roman diesen Alltag der Grönländer nachzeichnet. Sie kommt vielleicht zu einem anderen Schluss als Seaver, was das Ende der grönländischen Wikinger angeht, aber beides parallel zu lesen ist sehr bereichernd.