Beiträge von finsbury

    Bis zum sechsten Kapitel habe ich mich jetzt vorgearbeitet, und es wird immer mehr zu einer mystisch angehauchten Räuberpistole - mit hysterischer Tötung, Mord und immer mehr zwielichtigen Gestalten. Das Setting ist sehr gelungen, dieses mittelalterlich-düstere Amsterdam, andererseits im Vergnügungsrausch der langen Sommernächte. Das Ganze erinnert mich ein wenig an Sues "Die Geheimnisse von Paris", das wir vor vielen Jahren hier einmal gemeinsam lasen. Auch dort gab es viele schauerliche Verwicklungen, Mord und Totschlag. Allerdings klärte sich da alles auf der Ebene der Vernunft, was hier ja nicht zu erwarten steht. Ich mach jetzt mal eine kleine Lesepause, damit ihr aufschließen könnt.


    Zefira, der Stil macht mir gar keine Schwierigkeiten. Was für Sätze meinst du denn? Ich habe nur nicht alles Niederländische verstanden, aber das meiste.

    Ob das wohl Absicht ist? Die anderen Wortspielereien sind ja absichtlich gesetzt wie z.B. das verballhornte Goethezitat. Die arme Frau Consul kriegt es ja dicke ab. Ich bin jetzt im vierten Kapitel und wundere mich, dass es immer noch so gut lesbar ist. Es wird im Netz von einigen so dargestellt, dass der Roman wegen der esoterischen Abschweifungen recht sperrig zu lesen sei.

    Wir werden sehen. Im vierten Kapitel tritt - so denke ich - die weibliche Hauptperson zum ersten Mal auf. Auch sie ist ruhelos bis hin zu Suizidabsichten, also die ideale Kombination (oder auch eben nicht?) zu Hauberrisser.

    Das zweite Kapitel habe ich inzwischen auch gelesen. Interessant ist das Zeit-Setting. Der Roman ist 1916 erschienen und spielt in dem zeitgenössischen Amsterdam, das von Flüchtlingen vor den Kriegsfolgen, die weiter in den Westen, wohl vor allem nach Amerika wollen, überfüllt ist. Dieses Zeitraster setzt voraus, dass der Weltkrieg zu dem Zeitpunkt schon vorbei ist und die Menschen an den Folgen, besonders Sorgen um die berufliche Zukunft und inneren Konflikten in den Nachkriegsländern leiden. Das ist eine interessante Parallelwelt zur eigentlichen Entwicklung! Ich habe schon einmal einen Roman gelesen, bei dem das auch so war, der das Ende einer politischen Entwicklung schon als gegeben ansah, obwohl sie noch anhielt. Aber ich weiß leider nicht mehr, welches Buch das war.
    Tucholsky hat in seiner Rezension dieses Kapitel durchaus gelobt, weil es schonungslos auf die gesellschaftlichen Konflikte der damaligen Zeit hinweist, und ich finde auch, dass man im Moment den Roman noch gut lesen kann.
    Allerdings stößt mir bei Meyrink - wie schon im "Golem" - die latent rassistische und chauvinistische Schreibe auf, so wie er von den Afrikanern, aber auch den Juden, also seinen eigenen Leuten - er war der Sohn der jüdischen Hofschauspielerin Maria Meyer, ein sogenannter "Kryptojude", der sein Judentum verleugnete - spricht und wie er Frauen entweder als raffinierte Verführerinnen oder Wohltätigkeitsschrapnells darstellt. Aber vielleicht wird das Letztere ja noch etwas differenzierter.

    Das erste Kapitel habe ich abgeschlossen. Es spielt in einem wenig fashionablen Viertel von Amsterdam, in dem der bisherige Er-Erzähler, Fortunat Hauberrisser, ein elegant gekleideter Ingenieur, etwas haltlos umherstreift. Um einer Bande neugierig gekleideter, nach Fisch riechenden Halbstarker zu entgehen, flüchtet er in einen Laden für Magie und erotische Schlüpfrigkeiten. Dort trifft er auf seriöse Überseekaufleute mit Interesse an Erotika, einen Zulu-Medizinmann, der sich Tricks von einem Preßburger Professor für einen noch gelungeneren Auftritt in seiner Heimat beibringen lässt, sowie auf eine aufreizende Verkäuferin und schließlich den Ladenbesitzer, anscheinend schon der Träger des titelgebenden grünen Gesichts.

    Bisher hat mir die Lektüre mit der farbigen Darstellung des Personals viel Vergnügen bereitet, allerdings zeigt sich in den Reflexionen des Er-Erzählers schon eine Weltmüdigkeit, die dann vielleicht in diese mystische Sinnsuche münden wird, für die der Roman anscheinend bekannt ist. Interessant, dass ein solcher Typus ausgerechnet Ingenieur ist, einem Berufsstand, bei dem man eher eine erdfeste Rationalität vermuten würde.

    Hallo,


    hier lesen wir in der nächsten Zeit den mystisch angehauchten Roman "Das grüne Gesicht" von Gustav Meyrink. Er erschien 1916 und spielt in Amsterdam.

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    Zefira

    Firiath

    finsbury.

    Wir freuen uns natürlich auch über mehr Mitleser.

    thopas, lass dir Zeit mit dem Oblomov, jetzt zwangsoblomoven ja viele von uns. Wir teilen aber gerne auch jetzt noch deine Leseeindrücke in der Leserunde. Ich habe diesmal auch gefühlt ewig gebraucht, und im erst im zweiten Teil ist der Funke bei mir übergesprungen, und ich bin einigermaßen dran geblieben.


    Gerade habe ich nachgeschaut: "Die Verlobten" habe ich 1988 gelesen, als ungekürztes Bastei-Lübbe-Taschenbuch. Ich war damals über den Verlag sehr verwundert, denn er hat sich ja inzwischen vom Verlagsprogramm her sehr positiv entwickelt, aber damals war er eher die Plattform für Nackenbeißer-Romane und ähnlich billige Genres. Aber die Ausgabe ist vollständig und die Übernahme einer Aufbau-Übersetzung von Caesar Rymarowicz (was für ein Name!).


    Ich hätte durchaus auch Lust, den Roman nochmal zu lesen, aber aus den gleichen Gründen wie Zefira nicht in diesem Jahr.

    Ich habe die Islandglocke abgeschlossen und bin sehr, sehr angetan von diesem perfekt komponierten und mit großer Stilsicherheit geschriebenen Roman. Eine echte Bereicherung!

    Der war auch für mich ein großes und nachhaltiges Leseerlebnis, an das die anderen Laxness-Romane trotz vieler Stärken nicht heranreichten.