Beiträge von finsbury

    Ich meinte den 'Taumelnden Kontinent'. Ich hatte das Buch seinerzeit auch mit dem Eindruck gekauft, der Autor sei ja Deutscher (oder deutschsprachig). Nach einigen Seiten war ich aber dann verwirrt, weil sich das Buch wie eine sehr schwache Übersetzung aus dem Englischen las. Recht holprig und unelegant, mit Anglizismen durchsetzt. Und dann sah ich im Impressum, dass die Originalausgabe tatsächlich auf Englisch erschienen war und der Autor das offenbar etwas oberflächlich und schlampig ins Deutsche übertragen hat. Das war für mich sehr ärgerlich.

    Danke für die Info. In meinem Buch "Die Welt aus den Angeln" steht im Impressum, es sei im Hanser Verlag 2017 erschienen, ohne Übersetzer und Angabe zu einer anderssprachigen Originalausgabe. Jetzt habe ich aber bei Amazon gelesen, dass das Buch schon auf Englisch unter einem anderen Titel 2016 erschienen war. Ich finde das einerseits sehr unaufrichtig und schlampig vom Hanser Verlag, und andererseits sollte Blom dann wohl deutlich besser sein Lektorat kontrollieren, wenn die seine Übersetzung überarbeiten, bzw. selbst genauer arbeiten. Inhaltlich ist das Buch ja sehr gut, aber das oben Genannte finde ich daneben.

    Zu dieser Sammelbezeichnung für die Geschichten, die in Island im Laufe des 13.und 14. Jahrhunderts verschriftlicht, im 12. Jahrhundert entstanden sind und Ereignisse des 10. und 11. Jahrhunderts literarisch reflektieren, scheint es noch keinen Thread zu geben.

    Ich beschäftige mich gerade mit den drei Sagas, die sich mit den Grönlandfahrern und frühen Entdeckern Nordamerikas beschäftigen.

    Hier einige Zeilen zu

    Die Saga von Erik dem Roten

    Erik muss wegen eines Totschlags Island für einige Zeit verlassen und segelt mit seinen Knechten nach Westen. Er kommt zur Südostküste Grönlands, segelt um das Kap Farvel und überwintert in Südgrönland, im heutigen Qaqortoq/Julianehab. In den nächsten Jahren erforscht er den Südwesten nach geeigneten Siedlungsplätzen und kehrt nach ca. drei Jahren nach Island zurück, aber nur um dort Begleiter für eine dauerhafte Besiedlung der von ihm entdeckten Gegend zu gewinnen.

    Sein Sohn Leif segelt zum ersten Mal nach Westen und entdeckt dort Land. Er kehrt abe zunächst zurück und fährt dann nach Norwegen, von wo er mit dem Auftrag des norwegischen Königs zurückkehrt, Grönland zu kolonisieren. Später fährt er wieder mit anderen Siedlern von Grönland aus nach Westen, wo sie Flachsteinland (Labrador), Waldland (Neufundland) und Vinland (Neuschottland) entdecken. In Vinland, von dem die Saga behauptet, dort wüchse wilder Wein (was während des hochmittelalterlichen Klimamaximums auch durchaus möglich gewesen sein kann) siedeln sie sich an, kommen jedoch mit der Urbevölkerung, den Skraelingar, in Konflikt und brechen die Besiedelung nach der Begegnung mit einfüßigen Fabelwesen ab. Ein Teil der Siedler wird über den Ozean nach Irland abgetrieben, gerät dort in Knechtschaft und stirbt. Der Rest kehrt zurück und die Geschichte endet mit genealogischen Blicken in die spätere Zukunft und verknüpft die Siedlerfamilien mit isländischen Bischöfen des 12. Jahrhunderts.

    Die Saga ist einerseits sehr formelhaft erzählt, indem zum Beispiel die Abschnitte immer anfangen mit "Ein Mann hieß …" und gibt nur sehr selten Erzählerkommentare zum Geschehen oder Charakter der Beteiligten ab. Andererseits rückt gerade diese lakonische Erzählweise das Geschehen und die Menschen ganz nah an einen heran, weil sie so selbstverständlich erscheinen. Ein sehr interessanter Einblick in diese weit zurückliegende und scheinbar so karge Welt, die aber zumindest in der Saga viele Höhepunkte in Festgelagen hatte, in denen sich diese Kultur entfaltete und darstellte.

    Ich habe den Philip Blom: Die Welt aus den Angeln gerade zu Ende gelesen.Eine echte Empfehlung, wenn auch die philosophischen Schlussfolgerungen für unsere derzeitige Situation und Zukunft sehr düster, aber leider sehr nachvollziehbar sind.

    Außerdem gestern Nacht beendet die erste der drei Grönländersagas: Die Saga von Erik dem Roten

    Mir wäre ein etwas späterer Start lieber. Wie in dem anderen Thread erwähnt, habe ich am 20. 01. noch die vorletzte Powell-Leserunde im Mutterforum. In der Regel brauche ich nicht mehr als eine Woche für den Band, aber nur fünf Tage wäre mir doch etwas zu knapp. Wie wär's, wenn wir am ersten Februarwochenende anfangen würden, entweder am Freitag, den 1. oder am darauffolgenden Samstag?

    Wie verhält sich den Blom zu Illies? Das würde mich interessieren, denn Bloms Buch über die Beschleunigung fand ich recht unterhaltsam und nicht schlecht (wenn auch miserabel übersetzt), wobei ich Generation Golf von Herrn Illies seinerzeit sehr entbehrlich fand...

    Wieso ist Blom denn übersetzt worden? Er ist doch Deutscher und arbeitet in Wien. Ich lese gerade "Die Welt aus den Angeln" von ihm, das sich mit der Kleinen Eiszeit und deren sozioökonomischen und kulturellen Folgen beschäftigt. Das ist keine Übersetzung, mir sind aber im Stil ein paar Unbeholfenheiten aufgefallen, z.B. hin und wieder eine gewisse Armut an Synonymen, manchmal auch etwas schludrige logische Textbezüge. Dennoch gefällt mir die Darstellung sehr gut, weil ich viele historische Figuren, Ereignisse und Entwicklungen in einem neuen Zusammenhang präsentiert bekomme.

    Sehr interessante Anregungen! Ich werde sowohl den Seume als auch die "Meerfahrt" auf meine Liste nehmen.

    Finde ich ganz klasse! Dann sind wir bei der "Meerfahrt" schon zu dritt, beim Seume sogar zu viert, wenn du @ JVG, auch bei möglichen Leserunden mitmachen willst. Den Seume wollen wir Ende Januar, Anfang Februar beginnen, die Meerfahrt könnte ich ja bei Interesse mal als Leserundenvorschlag ausschreiben.

    Ich habe jetzt mit den Isländersagas, den dreien davon, die die Grönlandbesiedelung betreffen, begonnen. Die "Saga von Erik dem Roten" macht den Anfang.

    Als vor einigen Jahren schon mal Keyserling etwas bekannter wurde, war auch das Erscheinen einer Biografie angekündigt worden. Bisher ist die meines Wissens aber noch nicht erschienen, was ich schade finde. Gerade im Zusammenhang mit dem Modick-Roman wäre so eine sachliche Auseinandersetzung mit seinem Leben und Werk sicherlich sinnvoll.

    Auch von mir ein herzliches Willkommen. Emily Dickinson kenne ich (noch) nicht, aber alle deine Favoriten aus dem vorletzten Post mag ich auch, wobei mir von den englischen Schriftstellerinnen die anderen Brontes, Austen und Eliot mehr liegen.

    Vielleicht hast du ja Lust, an unserem Klassikerforumswettbewerb teilzunehmen. Da finden sich dann vielleicht Übereinstimmungen bei den Leseinteressen und Möglichkeiten für eine Leserunde.

    Das klingt ja wirklich sehr interessant, aber auch verstörend. Vielen Dank für diese differenzierte Besprechung. Ich hatte gar nicht mehr auf dem Regal, dass Zola auch diese Städtetrilogie geschrieben hat. War immer nur auf den Romanzyklus fixiert. Oder gehört die Trilogie auch dazu.

    Dir auch desgleichen, Vult .

    Wenn du auch Kolportage und Kitsch sowie reißerische Elemente verträgst, müsstest du an den "Elenden" deine Freude haben; Wenn du ein Vertreter der reinen Lehre bist, weniger.

    Aber da du ja ein Jean Paul-Verehrer bist, dürften dich die ersten beiden Ausreißer nicht so sehr stören, sie kommen ja auch hin und wieder bei JP vor. "Die Elenden" ist ganz anders, aber der Roman entwickelt einen unheimlichen Sog, wenn man sich ihm überlässt, und die Botschaft ist - wie bei allen guten und auch vielen durchschnittlichen Büchern - leider bis heute aktuell.

    Der Stricker war wohl ein Wander- und Vortragsdichter niederer Provenienz, also kein Ministerialer, aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts.


    "Daniel von dem blühenden Tal" ist ein Artusritter- Versepos, das starke Bezüge zu Hartmann von Aues "Iwein" aufweist, aber eine eigenständige nachklassische (bezogen auf die Hochzeit der mittelhochdeutschen ritterlichen Versepik) Dichtung ist und viele originelle Verarbeitungen antiker Stoffe und Motive, wie z.B. das Medusenhaupt, aufweist.


    Zum Inhalt:

    Daniel von dem blühenden Tal kommt an Artus' Hof, weil dort die weltbesten Ritter zu finden sind und er sich in dieser idealen Gemeinschaft aufhalten und beweisen will. Kurz nach seinem Eintreffen kommt ein Riese mit der Aufforderung des Königs Matur aus Cluse, dass er Artus die große Ehre erweisen wollte, dass dieser sein Vasall werden dürfe. Artus geht zum Schein auf das "Angebot" ein und Daniel macht sich auf, den Riesen zurückzuverfolgen und das Königreich Cluse auszuspionieren. Dabei hilft er unterwegs mehreren edlen Frauen, deren Männer oder Väter Opfer verschiedener Monster geworden sind, die oft ihre Ahnen in literarischen Werken der Antike haben. Neben heldischen Kräften nützt Daniel sein waches Hirn und setzt diese Bedränger immer trickreich außer Kraft. Auf diese Weise erobert er auch mit den inzwischen nachgezogenen Rittern unter Artus' Führung das Land Cluse, das er nun zum Dank für seine Verdienst von Artus als Lehen bekommt. Nach all den vielen Abenteuern feiert man nun ein mehrwöchiges rauschendes Fest.

    Zur Übertragung:

    Helmut Birkhan hat in den 90er Jahren eine erste Prosaübersetzung ins Neuhochdeutsche verfasst, die frisch und spannend zu lesen ist, aber sich, reflektiert und mit Anmerkungen versehen, nahe an das Original hält


    Meine Meinung:
    Es war witzig, so kurz nach Beendigung meiner Don Quichote-Lektüre einen echten Ritter"roman" aus der "Original"-Zeit zu lesen. Aber obwohl dieser Text alle Elemente des Märchens und der Übertreibung aufweist, die im DQ kritisiert werden, kommt er doch frisch und frech daher. Der Stricker lässt seinen Daniel - im Vergleich zu den klassischen Artusromanen von Chrétien, Wolfram und Hartmann - geradezu modern agieren: Er benutzt Listen und nicht nur die Kraft und das Geschick seines Armes und seine hohe moralische Überlegenheit, die er natürlich auch hat, um seine Abenteuer zu bestehen und die bedrohten Frauen zu befreien. Dabei kommt öfter sehr originell für diese Zeit, wie ich finde, der innere Monolog zum Zuge, in dem Daniel überlegt, ob er sich nun den Moralgesetzen des Rittertums beugen oder lieber seine List benutzen soll, um ein Abenteuer zu bestehen. Dass er öfter das Letztere wählt, hat auch einen Zug von Modernität, weil er sich aus dem Konzept seiner Zeit befreit. Es gibt auch eine schöne Szene, wo der Bescheidenheitskodex am Artushof ironisiert wird, weil er in diesem Falle sinnvolles Handeln verhindert.


    Fazit: Eine vergnügliche Lektüre, die gar nicht zopfig wirkt und einen mir neuen Dichter auf das Parkett des Mittelalters bringt.

    Ich wärme den Faden nochmal auf. "Vonne Endlichkait", Grass' letztes Buch war mein Lyrik/Mischmaschband in diesem Jahr (Ich habe jedes Jahr einen Lyrikband oder vermischte Texte zum Nebenherlesen).

    Viel Altmännerlyrik und -betrachtungen, aber einiges auch ganz abgeklärt und scharf beobachtet, ob nun Politik oder Literaturbetrieb. Die beigegebenen Zeichnungen sind meist mit dem Text ganz gut verzahnt, aber alles ist, wie meist bei Grass, auch stark manieristisch geprägt. Ich lese seinen Ton trotzdem immer noch gerne, auch wenn viele das hier anders sehen.

    EIch weiss wirklich nicht, warum sich Deutsche und Österreicher(innen) auf dieses komische 'ß' kaprizieren, wenn keiner die Regeln kennt, nach dem es angewendet wird... :saint:

    :belehr: ß= stimmloses s nach langem Vokal, ist seit der neuen Rechtschreibung eine der wirklich gut verständlichen Regeln. Wenn das immer wieder falsch gemacht wird, liegt' s nicht an der Unverständlichkeit der Regel, wie bei vielen anderen Dingen auch, wie z.B. der Unterscheidung von 3. Person femininum oder Plural und Höflichkeitsform.

    Auch Philip Blom: Die Welt aus den Angeln

    Eine Geschichte der kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700. Die Lektüre schließt an mein letztes Fachbuch an: Wolfgang Behringer: Kulturgeschichte des Klimas

    Die Aspekte, welchen Einfluss das Klima auf die Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur hat, ist faszinierend und angesichts des jetzigen Klimawandels höchst aktuell. Blom schreibt durchaus spannend, wenn ich auch bisher die Vorgängerlektüre noch besser, genauer dokumentiert und schlüssiger finde.