Beiträge von finsbury

    Der Kästner war Klasse, lustig und bissig, daneben mit erstaunlicher Prophetie in Bezug auf heutige Verhältnisse.

    Nun erfreue ich mich an einem weniger bekannten kleinen Roman von Merk Twain: Knallkopf Wilson, im Original Puddnhead Wilson.

    Ja, das sind Abgründe im Menschen, die nicht nachvollziehbar sind. Aber im Moment reicht mir diese testosterongesteuerte Jägerwelt. Es darf jetzt auch bei den Protagonisten durchaus wieder etwas rationaler zugehen. Oder zumindest brauche ich nicht diese Lust am Vernichten wehrloser oder zumindest unterlegener Kreaturen in der Literatur.

    Da hast du Recht, ich finde das auch ganz schrecklich, was Lawrence schreibt. Es ist gerade im Abgesang dennoch Rassismus, erinnert mich an Spenglers Untergang des Abendlandes, aber nur vom Hörensagen, gelesen habe ich das nicht. Diese Tendenz kann man heute immer noch bei einigen sogenannten Intellektuellen beobachten, indem sie hervorheben, wie die "asiatischen Massen" - respektive China und Indien die europäische Kultur vom Planeten fegen würden, weil diese zu feinsinnig und schwach sei.

    Ich denke, dass Melville wohl im Überlegenheitsgefühl der sogenannten "Weißen" historisch verhaftet war, wie du ja auch oben mit Rückgriff auf Delbanco ausgeführt hast, Zefira , aber dass dieser Roman eine andere Intention hat, denn alle sterben ja, egal welcher Kultur sie entstammen, und der irrationale Jagdgeist hält sie alle vorher gefangen, neben Ahab auch die "heidnischen" Harpuniere.


    Für mich ist es die Hybris des Menschen gegenüber der Natur, welche keine Grenzen anerkennt und die Melville mit dem Roman zeigen will. Der spirituell überhöhte weiße Wal ist diese Grenze. Daher kann ich mir nicht vorstellen, dass der Autor beim Leser den Eindruck hinterlassen will, Moby Dick werde an den Folgen des finalen Duells sterben. Im Gegenteil ist doch der Wal, der an seiner Flanke triumphierend im Flechtwerk der Jagdinstrumente die Leiche des mysteriösen Fedallah trägt, in dieser Form ein noch größeres Symbol des Sieges. Denn Fedallah ist ja der ins Körperliche getretene Rachegedanke Ahabs.


    Das Einzige, wobei ich D.H. Lawrence zustimme, ist, dass auch ich den Symbolismus des Romans überfrachtet finde, aber das ist auch wieder ein Auswuchs des heutigen Zeitgeistes, der es etwas nüchterner nimmt. Wenn man den Roman in seiner Epoche sieht, ist das anders, genau wie man viele expressionistische Gedichte auch erst dann genießen kann, wenn man sich mit dem Pathos abgefunden hat, das sie transportieren.

    Aber was für welche!

    Welche meinst du denn? Dass er durch Quiquegs Sarg, der als Rettungsboje dient, überlebt, ist natürlich eine super Idee, aber auch schon so aufdringlich vorausgedeutet, dass die Überraschung fast ausbleibt. Die Ismael ruhig begleitenden Haie sind auch ein schönes Bild für die nun gesättigte Natur, aber so außerordentlich finde ich diesen Schluss sprachlich nicht, außer eben gerade wegen dieser Lakonie.

    Der finale Zusammenstoß mit Moby Dick kommt recht lakonisch daher, als ob der Autor nach der hohen Sättigung des Romans mit düsteren Vorausdeutungen keine Lust mehr hatte auf einen riesigen Spannungsaufbau. Moby Dick hebt sein runzliges Haupt, lässt es gegen die Pequod krachen und das war's. Danach zieht er noch Ahab in den Abgrund. Grausig, wenn auch ebenfalls üppig angedeutet, fällt Fedallahs Abschiedsvorstellung an der Flanke des Wals aus, sicherlich der Höhepunkt des dreitägigen letzten Aktes. Dass Ismael überlebt, ist nur noch ein paar Sätzchen wert.

    Ein beeindruckender Roman, wenn es mir auch schwer fällt, diese Getriebenheit Ahabs nachzuvollziehen und diese Abenteurerwelt mit ihren grausigen Schlachten gegen die Wale. Viele einzelne Szenen werden mir dagegen aufgrund ihrer erzählerischen Dichte im Gedächtnis bleiben.

    Auf den letzten Metern … . Immer mehr entpuppt sich der Roman als ein antikes Drama mit Verzierungen und Aufbauten aus verschiedenen anderen Epochen und Geisteshaltungen. Und jetzt am Ende fällt aber all dieser Zierrat ab, und die blanke Tragödie treibt unaufhaltsam auf ihr Ende zu. Die Hybris von Ahab entpuppt sich als tiefes Bewusstsein der Unabänderlichkeit des Kommenden.
    Dennoch ist das für das moderne Bewusstsein kaum zu ertragen: Die abgelehnte Hilfeleistung für die "Rahel", die zweimalige Warnung durch die ersten beiden Begegnungen mit Moby Dick, dagegen wehrt sich die eigene Vernunft, aber die ist hier wohl nicht gefragt.

    Bevor die drei Begegnungen mit Moby Dick beginnen, gibt es auch so einen typischen Verweis auf das antike Drama: Das Kapitel 132 "Zusammenklang" ist das retardierende Moment, bringt die Annäherung von Starbuck und Ahab, und kurz schöpft man Hoffnung, aber trotz des herrlichsten Wetters und einer kurzen Weiche in Ahabs Herz, das Ende lässt sich nicht aufhalten. Es ist ja auch von Anfang an klar.

    Ja , da bin ich auch gerade, in Delbancos Biographie. Als ich das Kapitel vorhatte, habe ich daran nicht gedacht und mich gewundert, welches Aufhebens Melville darum macht. Das Kapitel aus der Biografie, das sich mit Moby Dick beschäftigt, habe ich mir seitwärts jetzt auch vorgenommen. Es ist erstaunlich, wie stark Ideen der Romantik, die Unendlichkeit des Unbewussten, das Genie des Dichters, noch in die Mitte des 19. Jahrhunderts- auch in Amerika - ragen.


    Das Schicksal Pips, schon im Mittelpunkt zweier Kapitel, aber dennoch bewusst an den Rand gerückt, ergreift mich als Inländer besonders. Seine Angst ist verständlich und seine Reaktion auch. Ich denke, Melville sieht das auch so und will an seinem Beispiel die Unbarmherzigkeit der Seefahrt verdeutlichen. Nach dieser zweimaligem Todeserfahrung und Demütigung ist Pip für den Unbedachten nicht mehr bei sich, für den Autor noch mehr bei Gott, d.h. für mich bei der Einsicht in die inneren Zusammenhänge. Melville kommt äußerlich nicht raus aus dem Rassismus seiner Zeit, gibt aber dennoch gerade den ethnisch scheinbar unterlegenen Individuen wie Quiqueg und Pip die zum Teil tiefsten Gedanken ein. Allerdings steht zu befürchten, dass er damit diesen Einsichten nur ein naturnahes Entspringen unterstellen will, was wiederum ein Zeichen von kultureller Überheblichkeit ist.


    Ich befinde mich in Kapitel 104 und bin wieder etwas gelangweilt von den enzyklopädischen Kapiteln des Romans. Nun also zu den ollen Fossilien Leviathans, dann geht es hoffentlich wieder weiter mit Handlung.

    Dafür habe ich Fedallah mit Abdallah verwechselt. Ich halte im Moment in Kapitel 90 und werde in den nächsten Tagen wohl nicht besonders viel weiterkommen, weil jetzt wieder Arbeitshochzeiten beginnen. Da hast du genügend Zeit aufzuschließen, insbesondere weil du den Delbanco jetzt durchhast. Die Kapitel 89 und 90 sind übrigens sehr witzig und voll des englischen Humors.

    Sehr schön :lachen:, und von wem ist das Döner-Zitat?


    Das Zitat über Abdallah habe ich nicht gefunden, kannst du dich vielleicht im Kapitel geirrt haben?

    Die vielen Wal-Verarbeitungskapitel waren tatsächlich aufgrund der "launigen" Darstellung gut zu lesen. Interessant finde ich, wie hoch Melville sein Opfer schätzt, er stilisiert es ja fast ins Göttliche. Dennoch schien damals - auch bei ihm - nicht das Bewusstsein dafür da zu sein, dass man diese großartigen Tiere dezimiert und vielleicht sogar ihrem Untergang zuführen könnte, obwohl er mehrfach erwähnt, dass die Wale sich inzwischen anders verhalten und die Tiere auch schwerer zu finden sind. Geärgert habe ich mich in dem Zusammenhang auch über den deutschen Kapitän der "Bremen", der im Brass der Wettjagd seinen Gegnern die gerade erbettelte Ölkanne an den Kopf wirft, erstens wegen des Verhaltens gegenüber seinen Wohltätern und auch wegen der Nichtachtung des Tieres, von dem dieses Produkt stammt.

    Inzwischen bin ich bei Kapitel 83 angelangt und ganz froh, dass hier wieder die Waljagd ansteht, nachdem sich die vorherigen Kapitel zwar in witziger, aber insgesamt doch etwas ermüdender Weise den Einzelteilen des Pottwals gewidmet haben.

    Bin wieder zurück von meiner Verwandtentour, dabei aber kaum zum Lesen, geschweige denn zum Posten gekommen.

    Das Kapitel 48 fand ich auch sehr eindrucksvoll. Es ist das, was man sich naiv von der Lektüre des Moby Dick erwartet, aber dennoch viel mehr. Die Lebensgefahr, die Bedrohlichkeit der entfesselten Natur einerseits, die unadäquate, emotional gesteuerte Reaktion der Menschen andererseits, wie hier die des eigentlich besonnenen Starbucks, der sein Boot mitten ins Verhängnis steuert.

    Im nächsten Kapitel versucht Melville zu erklären, wie Menschen, die solche Situationen erlebt haben, sich ihnen dennoch wieder stellen. Schwer zu verstehen, für mich nur, wenn ich mir klarmache, dass die Schiffsbesatzung außer Meuterei mit den entsprechenden Folgen, keine Möglichkeit hat, auf einem Walfänger der Wiederholung solcher gefährlichen Einsätze auszuweichen.
    Außerdem ist es wohl dieses ans Limit gehen der Abenteurernaturen, der Thrill, den sie dadurch gewinnen. Das bleibt mir persönlich verschlossen, ich nehme es aber zur Kenntnis, dass es da wohl etwas gibt, was einen zu solchen Dingen antreibt. Anrührend fand ich in diesem Zusammenhang die Bemerkung, dass die Bevölkerung doch bitte mit den Waltranprodukten, den Kerzen und Öllampen sparsam umgehe, um das Leben der Walfänger zu schonen. Von der Vernichtung der Tiere ist hier, im 19. Jahrhundert, als der Tisch der Natur anscheinend zumindest im Meer noch im Überfluss gedeckt war, nichts zu vernehmen.


    Danach das Abenteuer mit der "Town Ho" (Kap. 54): wieder so ein kleiner erzählerischer Kringel, um die polyglotte Seite des Walfangs zu inszenieren: Ismael erzählt seine Geschichte, die er über Taschtego erfahren hat, "Freunden" in einer scheint's gehobeneren Kneipe in Lima, die ihn durch Einwürfe unterbrechen und ihm dabei die Möglichkeit geben, ein paar erzählerische Seitenstraßen einzuschlagen, auch hier wieder eine ferne Erinnerung an Jean Paul, der auch - natürlich in anderen räumlichen, zeitlichen Dimensionen und erzählerischen Zusammenhängen - so ähnlich vorging.

    Was du über das Frauenbild Melvilles schreibst und anscheinend auch in eingeschränkter Weise das des Biographen Delbanco, gibt zu denken. Diese Einstellung ist nicht nur aus unserer heutigen Sicht extrem chauvinistisch. Leider hat sich in mancherlei Hinsicht wenig geändert: Gestern ging durch die Medien, dass die Männer sich in der Regel erst dann Erziehungszeit nähmen, wenn die Schreiphase der Babys vorbei sei. Das hat jetzt nichts mit sexuellem Chauvinismus zu tun, sagt aber auch eine ganze Menge über die auch heute noch etablierte Rollenverteilung und die mindere Leidensfähigkeit vieler Männer in Sachen Kinderlärm u.ä. aus. Ich selber habe allerdings keine Kinder, deshalb ist das wohl eine unfaire Bemerkung.


    Ich bin inzwischen im Kapitel 56 angelangt, in einem der vielen Zettelkästen (s.o., Jean Paul), wo es um die künstlerische Darstellung des Wals geht. Bilder und Quellenangaben dazu findest du im Materialthread, für den ich einen tollen Link gefunden habe.

    Inzwischen bin ich im 42. Kapitel und habe die an die antiken Dramen gemahnenden Kapitel mit den Monologen Ahabs und der zwei Steuerleute hinter mir. Schon sehr ungewöhnlich! Und immer mehr habe ich den Eindruck, dass Melville der amerikanische Jean Paul ist. Dem konnte sowas auch einfallen. Starbuck, scheint mir, könnte einer realen Person nachgebildet sein oder Überlegungen und Versagensgefühle des Autors Ausdruck geben. Er ist viel differenzierter und widersprüchlicher als die anderen handelnden Personen.


    Mehr und mehr verdichtet sich Moby Dick zur zentralen Metapher. Es geht gar nicht um irgendeinen Wal, sondern um die nicht zu zähmende Natur, die sich der Hybris des Menschen, hier verkörpert in Ahab, aber auch in der Besatzung, die sich ihm nicht entgegenstellt, sondern seinem Vorhaben zujubelt, entgegenstellt.


    Im Kapitel 42 wird wieder das deutlich, was du, Zefira , anhand der Biografie von Delbanco, aufgezeigt hast, dass anscheinend die rassistische Vorstellung, dass die sogenannte weiße Rasse naturgegeben die anderen anführt, zu Melvilles Zeiten völlig verankert und "normal" war. Heute zieht man bei solchen Stellen doch scharf die Luft durch die Zähne … .


    Ab morgen geht's nun auf Verwandtenrundreise bis Anfang nächster Woche, da werde ich mich nur kurz zwischendurch melden können.

    Ich komme auch nur langsam voran, Zefira, und werde nächste Woche noch weniger Zeit haben, da wir eine kleine Verwandtenrundreise machen, und da kommt im Allgemeinen das Lesen zu kurz.

    Inzwischen hat sich Ahab an Deck gezeigt und der zweite Steuermann Stubbs hat ihn gleich mutig ermahnt, doch nicht durch das ständige Hin- und Hergehen mit dem Holzbein die schlafende Besatzung zu wecken. Dafür bekommt er einen gewaschenen Anranzer, und er ist selbst erstaunt, dass er sich das gefallen lässt. Wobei Ahabs Persönlichkeit solche Kolleranfälle anscheinend nicht nötig hat, denn allein seine Gegenwart, z.B. beim Offiziersessen, sorgt für gutes Benehmen und gedrückte Stimmung. Und der arme Dritte, Flask, muss fast verhungern, da er nur in aller Hast das von den anderen Übriggelassene verspeisen darf. Dass sozialer Aufstieg nicht immer nur glücklich macht, entpuppt sich hier mal wieder ganz eindrücklich.

    Vorher haben mich die Walkapitel aufgehalten, weil ich mein uraltes "Grizmeks Tierleben" ausgepackt habe, um meinerseits zu schauen, wie weit die Walforschung in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts war. Auch ich habe geschmunzelt, dass der Erzähler auf der Bezeichnung Walfisch beharrt, wenn er es auch besser weiß. Aber er lehnt das Linnésche Ordungssystem eben ab und macht sich augenzwinkernd seine eigene Kategorisierung nach Größe und im Vergleich zu Buchformaten. Sehr passend für einen Literaten, wenn auch biologisch nicht besonders zweckdienlich. Ich war diesen Sommer ja in Grönland und kann aus eigener Anschauung bestätigen, was Melville über den Buckelwal sagt, er sei von allen Großwalen der bewegungsfreudigste oberhalb der Wasserlinie. Wir hatten vier Wale um uns herum, die ständig ihre Finne oder Fluke zeigten und gewaltige Fontänen in die Luft bliesen, von den runden Buckeln, die sie machten, ganz zu schweigen (mit den Buckeln sind allerdings wohl eher die lustigen Warzen auf dem Rücken gemeint) . Springen gesehen haben wir sie aber nicht, das hätte wohl auch unserem Boot nicht gut getan.

    Zurück zu Melville: In dem oben erwähnten Kapitel 34 "Mittagessen" wechselt der personale Erzähler auch das erste Mal den Blickwinkel und ein paar Sätze werden aus Flasks Innensicht geschildert. Bin gespannt, ob so etwas noch häufiger vorkommt. Der personale Erzähler wird sowieso nicht so eng gesehen, denn oft werden Dinge erzählt, die Ismael gar nicht gesehen hat, wie z.B. die Kapitänsessen. Die "Zettelkastenkapitel" - wie ich mal nach Jean Paul die "Sach"kapitel nennen will - halten zwar an manchen Stellen die Illusion des Erzählers Ismael auf, wenn z.B. auf die Erfahrungen alter Nantucket-Seebären verwiesen wird, aber man ist sich nicht ganz sicher, ob hier der nautisch versierte Autor selbst oder Ismael sprechen.


    Ich stehe jetzt vor dem Beginn des 35. Kapitels "Der Ausguck". Erfreut hat mich zuvor die Schilderung der Harpunier-Gelage, die dem kleinen Steward eine Heidenangst (wie passend ;-)) einjagen. Das ist ja schon ein eindrucksvolles Trio.