Beiträge von Bladwijzer

    Ich neige dazu, dass die Lagerung die Ursache ist, da das Buch überall denselben Geruch hat; auf den gedruckten Seiten, aber auch auf der Innenseite des Schutzumschlags. Jedenfalls ist es nicht so ein typisch muffiger Geruch, den viele alte Bücher haben. Ich werde wohl am besten gleich das Tiefkühlfach wählen. Ich hoffe, dass ein Buch diese Behandlung in einem lesbaren Zustand überlebt (gegen kalten Tabakgeruch soll es ja helfen). Danke für die Tipps!

    Vielen Dank, Volker, für den Hinweis auf Blackbourn's "Die Eroberung der Natur". Ohne die Empfehlung hier wäre ich nie auf die Idee gekommen, ein Buch zu diesem Thema zu lesen. Die Lektüre ist wirklich ein Vergnügen Mit einer Ausnahme. Obwohl mein Buch neuwertig antiquarisch ist, riecht es sehr unangenehm. Ich wüsste nicht, womit der Geruch vergleichbar wäre.

    Die ersten 7 Romane aus der 'Thibault' Serie (ein roman fleuve) haben in der frz. Pleiade Ausgabe einen Umfang von ca. 800 Seiten. Die beiden letzten Bände, die auf Deutsch nur in der DDR erschienen waren, haben zusammen ca. 1000 Seiten. In der dtv Ausgabe fehlt also mehr als die Hälfte. Die DDR Ausgaben findet man sehr häufig zu geringen Preisen im zentralen Verzeichnis antiquarischer Bücher. Ich muss aber zugeben, trotz aller RMdG-Begeisterung, dass insbesondere "Sommer 1914" die Geduld der Leser wirklich strapaziert. Da wird sehr detailliert, meist in der Form von Dialogen zwischen Anhängern der sozialistischen Bewegung in Genf, das politische Klima in den letzten Monaten vor Ausbruch des 1. Weltkriegs dargestellt.

    Eigentlich hätten "Die Thibaults" viel umfangreicher werden sollen. Ein schwerer Autounfall, aber auch der Wandel des politischen Klimas, zwangen Martin du Gard sein Romanprojekt zu ändern. Was ursprünglich geplant war, wissen wir nicht genau. Der Autor hatte für alle geplanten Bände sehr umfangreiche Materialsammlungen angelegt. Als er den Entschluss gefasst hatte, die Romanserie deutlich zu kürzen, und mit dem Ausbruch des 1. Weltkriegs enden zu lassen, hat er alle Materialien für die ursprünglich geplanten späteren Bände vernichtet. Er wollte nicht in Versuchung kommen, seine früheren Pläne wieder aufzugreifen.

    Aber sein nächstes Romanprojekt, der 'Sergeant-colonel de Maumort' war wieder so ausufernd, dass ihm klar war, es nie fertigstellen zu können. Das veröffentlichte Fragment zählt etwas mehr als 1000 Seiten. Trotz seines fragmentarischen Charakters, kann man es lesen, ohne den Faden zu verlieren. Es fehlt nicht nur der Schluss, auch das ganze Buch ist sozusagen durchlöchert, da RMdG zwar alle Kapitel skizziert, aber nicht alle ausgeführt hat. Was fehlt sind hauptsächlich die Teilen die sich mit der Militärzeit in den afrikanischen Kolonien beschäftigen. Ich halte das Maumort Romanfragment für das beste Werk, das RMdG geschrieben hat. Wer Französisch lesen kann (ich kann es mit einiger Mühe) sollte dem Maumort den Vorzug vor den "Thibaults" geben (Es gibt auch eine Niederländische Übersetzung). Und auf Deutsch gibt es leider nur dieses schon vergriffene kleine Kapitel, das im FAZ Artikel besprochen wird.

    Vielen Dank, J. Maria, für diesen Hinweis auf den sehr guten FAZ- Artikel. Dieses grosse Romanfragment Martin du Gards ('Le lieutenant-colonel Maumort' ) hatte ich ja mit Begeisterung gelesen, und gerade dieses kleine Stück, als die Nazis sein Haus besetzen, habe ich in guter Erinnerung. Ich habe bei der Lektüre zum ersten Mal das Gefühl gehabt zu verstehen, warum die nationalsozialistische Ideologie so eine Anziehungskraft hatte. Hoffentlich ist das schmale Bändchen der Auftakt, so dass man doch noch hoffen kann, dass das ganze Buch übersetzt wird. Inzwischen habe ich auch die drei Gallimard-Bände mit autobiographischen Dokumenten Martin du Gards gelesen, hauptsächlich Tagebücher (ca. 3000 Seiten).

    (Jetzt verstehe ich auch, wie es möglich war, dass 'Die Thibaults' in einen Taschenbuchband passen. Wenn man die beiden Teile weggelassen hat, die kurz vor und zu Beginn des 1. Weltkriegs spielen, dann hat man ungefähr die Hälfte weggelassen.)

    Um zu verdeutlichen, warum mich Merciers Roman doch eher enttäuscht hat:


    Inzwischen ist meine Begeisterung für Pascal Merciers "Das Gewicht der Worte" etwas abgeklungen, gegen Ende wird das Buch doch etwas ermüdend und nicht nur weil ich es am Bildschirm gelesen habe.

    Ich mag das Wort 'Gutmensch' nicht, aber trotzdem hat es sich mir nach der Lektüre aufgedrängt. Die zahlreichen menschlichen Beziehungen, die die Hauptfigur (Leyland) im Laufe der Handlung anknüpft, sind nämlich alle ausnahmslos geradezu unendlich verständnisvoll und harmonisch. Der neue Nachbar im geerbten Londoner Haus, scheint zunächst sehr distanziert, aber schon 24 Stunden später beginnen beide eine tiefe, verständnisvolle Freundschaft, die durch nichts getrübt wird. Einem englischen Verleger, bei dem seine Übersetzungen ercheinen, hilft er aus einer den Verlag bedrohenden Notlage. Mit einer halben Million Euro. Einfach so. Geschenkt. Damit einem Übersetzerkollegen nicht die Wohnung gekündigt wird, kauft er diese und überlässt sie ihm mietfrei auf Lebenszeit. Einem italienischen Verlag bietet er an, die Druckkosten für ein 1000-seitiges Werk zu übernehmen, da das wirtschaftliche Risiko zu hoch eingeschätzt wird. Mit Sohn und Tochter (die Frau ist schon länger verstorben) gibt es keinerlei Spannungen. Jeder fühlt sich durch jeden perfekt verstanden. In einer Erzählung, die gegen Ende in den Roman eingebaut ist, flüchtet ein ruhebedürftiger Grossstädter ins Luberon. Schon nach dem ersten Besuch in der Dorfkneipe wird er ein geschätzter Mitspieler bei den täglichen Petanque Partien und von der Schwester des Vermieters lässt er sich zigfach porträtieren, obwohl er ihretwegen schon die Koffer gepackt hatte, aber nach einer Tasse Kaffee den Kofferraum wieder leerte. Das ist nur eine kleine Auswahl. Und obwohl ich nichts gegen das Gute habe, ist dies doch des Guten zuviel.

    Alle Übersetzer, denen man im Roman begegnet, die Hauptfigur Leyland gehört auch dazu, sind geradezu unglaubliche Perfektionisten, die ihre Zielsprachen bis in die kleinste Nuance beherrschen. Zeitdruck scheinen sie nicht zu kennen.

    Und dann gibt es ein erzähltechnisches Problem. Leyland schreibt fiktive Briefe an deine verstorbene Frau, da er glaubt, dass dieser Rahmen ihm hilft, grössere Klarheit über sich selbst zu gewinnen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber sehr wohl dagegen, dass der Leser jetzt vieles gleich doppelt zu lesen bekommt. Er weiss was am Tage geschehen ist und was besprochen wurde, und jetzt liest er es in Briefform noch einmal. Gegen Ende des Buches wird das fast 'mechanisch'. Das wäre interessant, wenn die Briefversion des Erlebten auf eine interessante Weise von der romanhaft erzählten Geschichte abweichen würde, etwa weil die erste Fassung spontan ist, aber in der Briefversion das Erlebte nicht mehr erlebt, sondern beschrieben wird. Zunächst scheint das die Erzählstrategie Merciers zu sein. Die Briefe scheinen 'reflektierter' zu sein, aber im Laufe des Buchs geht dieser Eindruck verloren.

    Schade, dass es Mercier nicht gelungen ist, ein Buch ohne solche Schönheitsfehler zu schreiben. Dass die ganze Geschichte sich fast gänzlich im Milieu von Figuren abspielt, die beruflich mit Sprache beschäftigt sind, Autoren, Verleger, Übersetzer, das muss man dem Autor nicht ankreiden.

    Deine Enttäuschung kann ich sehr gut nachvollziehen, Zefira. Mir ging es mit dem Buch genauso. Habe viel, gewiss zu viel, erwartet. War anfangs auch sehr angetan, aber dann wurde es zunehmend eine wirklich grosse Enttäuschung.

    HJ Newman schrieb:

    "Aber ich möchte einem Autor nicht dabei zusehen müssen, wie er hübsch nach Worten sucht. Diese Arbeit soll er geleistet haben, bevor ich das Buch lese. Am Ende soll er sich für ein Wort entscheiden und das hinschreiben. Und ich kann dann als Leser entscheiden, ob das treffend ist."


    Unter diesen Bedingungen hätte Mercier sein Buch natürlich gar nicht erst schreiben können, da es ja gerade um diesen Entscheidungsprozess selbst geht. Natürlich muss man es nicht mögen, wenn so etwas in Romanform vorexerziert wird, noch dazu auf fast 600 Seiten.

    Ich bin vielleicht nicht gebildet genug, um Merciers oder Bieris Werke als banal zu empfinden. Was den Philosophen Bieri betrifft, höre ich da ein bisschen das Vorurteil, was verständlich geschrieben sei, könne nicht tief sein. Bieris 'Handwerk der Freiheit' ist eines der besten Bücher, die zum Thema Willensfreiheit geschrieben wurden. Man spürt den grossen Einfluss des späten Wittgenstein, obwohl dieser weder stilistisch, noch inhaltlich einfach wiedergekaut wird. Einen Gedanken deutlich auszudrücken, ist eine grosse Kunst.

    Nach mehr als der Hälfte, gefällt mir Pascal Merciers neuer Roman noch immer. Gewiss, er lässt sich Zeit. Warum auch nicht.

    "Das Gewicht der Worte", das weckt vielleicht die Assoziation "gewichtig", es erinnert an den Ausdruck, dass jemandes Worte Gewicht haben, etwa weil er ein Experte, eine Autorität auf einem bestimmten Gebiet ist. Nein, das ist nicht gemeint. Auch nicht, dass Worte auf einem lasten können, dass sie einem das Leben schwer machen können. Es geht in diesem Buch sehr viel, häufig sogar explizit, um das Abwägen, welches Wort am besten geeignet ist, um das zu treffen, was man sagen möchte. Wobei das, was man sagen möchte, ja gar nicht von Anfang an feststeht, sondern eigentlich erst im Prozess des Abwägens sich formt. Es gibt ja diesen schönen und richtigen kleinen Aufsatz von Heinrich von Kleist: "Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden". Undenkbar, dass Mercier ihn nicht kennt. Aber auch beim Schreiben werden die Gedanken allmählich verfertigt. Sobald der Gedanke ausgesprochen oder aufgeschrieben ist, gewinnt er eine Unabhängigkeit, eine feste Form, die der spontane Gedankenfluss nicht hat. Und danach können wir ihn schmieden.

    Lesen wir es in den Worten Merciers:

    "Das eine ist, dass die Gedanken, wenn sie aufgeschrieben werden, auf andere Weise zu existieren beginnen: Ich kann ihnen, statt sie nur zu vollziehen, nun mit einer erwägenden und prüfenden Distanz gegenübertreten, sie erlöschen nicht gleich wieder, sondern haben Bestand und sind etwas, auf das ich stets von neuem zurückkommen kann. Indem sie in geschriebenen Worten zum Ausdruck kommen, erlangen sie eine Bestimmtheit, die sie vorher, als stille und flüchtige Episoden des Geistes, nicht besaßen. Und durch diese Bestimmtheit lerne ich erst richtig kennen und verstehen, was ich denke und wer ich in diesen Gedanken bin."

    Ist das die Prosa eines Brauereipferdes, wie ein Rezensent meinte? Nein, es sind nachdenkliche, abgewogene Sätze. Und gerade sie machen den Reiz des Buches aus, in dem das erzählerische Element immer wieder ins philosophische umschlägt und umgekehrt. Der Abstand zwischen dem Romancier Pascal Mercier und dem philosophierenden alter ego Peter Bieri ist mit diesem Roman noch kleiner geworden, als er ohnehin schon war. So wie es in den grossen philosophischen Werken Bieris (Das Handwerk der Freiheit und Eine Art zu leben) auch erzählerische Passagen gibt, so gibt es im Roman 'Das Gewicht der Worte' auch philosophische Passagen, wie etwa die oben zitierte.

    Es ist kein Zufall, dass die Hauptfigur im Roman Übersetzer ist. Denn das 'Wiegen der Worte', das Abwägen, welches Wort das im Original Gemeinte trifft, ist die Aufgabe des Übersetzers. Und das dies im Roman mit liebevoller Häufigkeit illustriert wird, hat ja manchen Rezensenten gestört. Warum?

    Aber es geht nicht nur um das treffende Wort beim Übersetzen. Es geht noch viel mehr um das treffende Wort, wenn wir unsere Erfahrungen artikulieren. Auch hier finden wir unseren Übersetzer immer wieder beim Abwägen der Worte, eigentlich durch das ganze Buch hindurch, das den Leser immer wieder auf eine Suche nach der sprachlichen Artikulation von Erlebtem mitnimmt. Wenn der Erzähler etwa auf die verheerende Fehldiagnose seines Arztes zurückblickt, der die gebotene nötige Sorgfalt vermissen lies, so spricht er zunächst von einem Fehler. Und dann zögert er. Nein, es ging nicht um einen Fehler, es ging um eine Verfehlung. Dieses Wort hat das nötige Gewicht, um den Sachverhalt auszudrücken.

    Und so kann der Leser Mercier 600 Seiten lang beim Abwägen der Worte begleiten. Und dabei lernen wir, dass dieses Abwägen der Worte auch sehr viel mit dem zu tun hat, was man emotionale Intelligenz nennen könnte. Wir sollten dem Autor dafür dankbar sein.

    Ich werde es mit Sicherheit lesen, aber das wird noch ein wenig dauern. Gut das Buch wurde oft verrissen, eine Ausnahme ist DER SPIEGEL und in 'Druckfrisch' landete es immerhin nicht in der Tonne, auch wenn die Behauptung "kaltblütige Bierpferdprosa" (oder ähnlich) nicht gerade eine Werbung war. "Lea" wurde auch verrissen, hat mir aber gefallen. Ich schätze einen Autoren, der mit Pascal Mercier identisch ist, ganz besonders. Nämlich Peter Bieri. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er ein wirklich schlechtes Buch schreibt. Aber ich hätte lieber ein neues Buch gelesen, auf dessen Umschlag Peter Bieri steht.

    Nachdem ich gestern das lange, großartig zugespitzte Gespräch zwischen Stolz und Oblomow (Teil II, Kapitel 4) gelesen habe, bin ich nicht mehr so sicher, welche Lebensauffassung die "bessere" ist - ob Oblomow mit seiner "Oblomowerei" (das Wort fällt hier zum ersten Mal) nicht doch recht hat.


    Immerhin hat diese quirlige Betriebsamkeit, wie Stolz sie vorlebt, in unseren Zeiten auch nicht mehr den besten Ruf. Diese Sucht, sich umzutun, tun und machen und verändern, bringt unsere Industriegesellschaft gerade an den Rand des Ruins. Oder? Ein wenig mehr Oblomow täte uns allen gut.

    Aber das Problem mit Oblomow ist ja nicht, dass er nicht zur Tür raus geht, sondern dass er zuhause nichts Gescheites tut. Er könnte lesen, schreiben, malen, musizieren….

    Und ob die Kindheit alles erklärt? Manche werden ja eine ähnliche Kindheit gehabt haben, aber wurden doch nicht wie Oblomow.

    "Prokrastination" scheint mir die Diagnose zu sein, die die Sache am ehesten trifft. Dass er ein "Messie" ist, kann man ja als Folge der Prokrastination verstehen. Schwieriger ist es mit dem Verdacht "Depression". Hier sind einige Psychologen der Meinung, dass das prokrastische Verhalten eine Folge der Depression sein kann. In diesem Fall wäre die Depression die dominierende psychologische Diagnose. ('Prokrastination' ist übrigens schon der Name der Krankheit, - eine krankhafte Prokrastination ist ein Pleonasmus).

    Ich bin nicht sicher, ob Oblomow heute sich intensiv auf den sozialen Medien herumtreiben würde. Denn er hat halt auch so eine Haltung die ausdrückt: "Das interessiert mich alles nicht". Später wird sein Jugendfreund Stolz ja probieren, ihn auf Gesellschaften mitzunehmen. Dagegen wehrt er sich mit dem Argument, solche Gesellschaften seien zu oberflächlich. Aber das ist vielleicht nur ein Vorwand.

    Ich selbst neige auch zur Prokrastination. Aber da ich, anders als Oblomow, gerne lese, gewinnt man so viel Zeit für Lektüre (und die wichtigen, aufgeschobenen Sachen erledigt man dann sehr effizient unter hohem Zeitdruck.)

    Meine Ausgabe des Oblomow ist 1956 in der Deutschen Buch Gemeinschaft erschienen, übersetzt von Reinhold von Walter. Ich weiss nicht, ob diese alte Übersetzung Mängel hat, sie liest sich jedenfalls recht gut. Und nach 250 Seiten bereitet die Lektüre mir noch stets Vergnügen. Wenn die russischen Namen nicht gewesen wären, hätte ich nie gedacht, einen russischen Autoren zu lesen (aber gut, ich lese nur wenig Russen, vor langer Zeit Dostojewski, in jüngerer Zeit Tolstoi). Ich hätte eher auf eine Prosaversion einer Komödie, vielleicht von Molière, getippt. Die ersten acht Kapitel lesen sich ohnehin wegen des 'Dialogstils' fast wie ein Bühnenstück (es gibt ja auch eine Bearbeitung für die Bühne, von Kroetz, glaube ich). Ich hatte zunächst die Befürchtung, dass das Buch eintönig wird, da es ja seitenlang fast ausschliesslich um Oblomows Unfähigkeit geht, auch nur einen Schritt zu unternehmen. Aber Gontscharow schreibt so farbig, dass sich nie Langeweile einstellt. Zum Glück ist der Ton nie moralisierend. Und wer hätte nicht Freude am Lesen, wenn er etwa einen Satz wie diesen liest: "Seine Kleidung genierte ihn gar nicht, und er trug sie gleichsam mit zynischer Würde" (S. 48/Ende des 2. Absatzes des 3. Kapitels).

    (Eine Russin hat mich übrigens belehrt, dass die korrekte Aussprache Ablomow lautet.)

    Leibgeber

    Meinst du mit Keyserlings "Gesammelten Werken" eine bestimmte Ausgabe? Bei manesse gibt es ja jetzt eine Starnberger Ausgabe, in der zwei Bände erschienen sind: "Erzählungen" (Landpartie) und "Späte Romane" (Feiertagskinder). Ob, und wie das weitergeführt wird, ist aber nicht erkennbar. Die beiden manesse Bände (grossformatig) sind ausführlich kommentiert.

    Zwei möchte ich hervorheben; beide keine Klassiker (zumindest noch nicht)

    John Banville: Die See

    Zunächst Überfällt mich bei der Lektüre eine wehmütige Stimmung, die Kindheitserinnerungen des Erzählers locken ab und zu eigene hervor, man schliesst die Augen, unterwirft sich dem Spiel der eigenen Erinnerungen. Manchmal grenzt die Wehmut ans Schmerzhafte.

    Banvilles Buch spielt sich auf drei Ebenen ab, die ineinanderfliessen, so dass man den Zeitwechsel nicht immer gleich bemerkt. Eigentlich gibt es auch keinen Zeitwechsel. Alles spielt sich in der Gegenwart der Erinnerung an Geschehenes ab. Der Ich-Erzähler , in einem unbestimmt fortgeschrittenen Alter, hat sich an einen irischen Küstenort zurückgezogen, in dem er in seiner Kindheit häufig seine Ferien mit den Eltern verbracht hat. Dort hatte er die Familie Grace kennen gelernt und es entwickelt sich an der Schwelle zwischen Kindheit und Pubertät eine eher scheue Liebe, die zwischen der Mutter und Tochter schwankt und sich meist diskret auf heimliche Blicke beschränkt.

    Die zweite Erinnerungsebene ist mit der Frau des Erzählers verbunden, die Jahre zurück an Krebs gestorben ist. Und die dritte Ebene ist die der Gegenwart, einer recht trostlosen Gegenwart, die fast nur aus diesem Strömen des Erinnerns besteht. Dazu die Kulisse des Meeres, die dem Buch seinen Titel gegeben hat.

    Banvilles Sprache ist voll prächtiger Bilder, manchmal auch schonungslose, die nichts beschönigen. Das Buch ist weder unterhaltsam noch spannend. Aber ich habe es nicht aus der Hand gelegt.


    Sorj Chalandon: Der Tag davor (Le jour d'avant).

    Man erweist jemandem die letzte Ehre, so sagt man doch, nicht wahr, wenn man einen Toten grüsst? Eine solche Ehrbezeugung ist das Buch "Am Tag davor" des tunesisch-französischen Autors Sorj Chalandon. Das Buch ist den 42 Bergleuten gewidmet, die kurz nach Weihnachten 1974 bei einem Grubenunglück in Liévain-Lens, im ungeliebten Norden Frankreichs, ums Leben kamen. Am Ende des Buches liest man ihre Namen. Unter ihnen viele polnische, auch einige flämische. Im Nachwort zur französischen Taschenbuchausgabe, es ist in der deutschen Ausgabe nicht abgedruckt, berichtet der Autor von seinen Lesereisen in den Norden Frankreichs oder Lothringens, überall dahin, wo sie standen, die Fördertürme der Kohlenbergwerke. In den 80-er Jahren wurden die letzten geschlossen. Da sassen sie vor ihm, die Alten mit ihren Staublungen, deren Husten die Lesung aus dem Roman begleitete. Da sassen sie auch, noch mehr, die Witwen, die Kinder, die Enkelkinder, die ihre Männer, Väter oder Grossväter meist sehr früh verloren hatten, - oder auch noch früher, wenn sie Opfer der zahlreichen Unfälle und Unglücke in den Gruben wurden.

    Der Autor war ein wenig besorgt. Hatte er doch ein Opfer nur erfunden, ein 43. Opfer der Katastrophe von Liévain. Und ob dieses 43. Opfer überhaupt ein Opfer war, konnte man sogar bezweifeln. Nach der Lesung aber kamen die Witwen und baten den Autor den Namen ihrer Männer, die früher oder später ein Opfer des Bergbaus geworden waren, mit der Hand an die Liste der 42 Opfer von Liévain hinzuzufügen. Das muss für den Autor ein ergreifender Augenblick gewesen sein, auch für den Leser heute.

    "Das Bergwerk tötet uns alle", heisst es im Roman. Michel Flavant, der viel jüngere Bruder, will eines dieser Opfer, seinen Bruder Joseph, rächen. Vierzig Jahre nach der Katastrophe, die leicht vermieden hätte werden können, findet er endlich den Schuldigen. Wenig später ist er selbst der Beschuldigte. Die letzten 100 Seiten des Romans schildern den Prozess. Der Autor war viele Jahre Prozessberichterstatter für die französische Zeitung 'Liberation'. Von seiner Erfahrung profitiert das Buch. Aber es profitiert vor allem von der - wie soll man sagen - Menschlichkeit des Autors. Darum ist es ein grosses Buch geworden.