Beiträge von JHNewman

    Theodor Fontane, Quitt.

    Ich habe den Roman in der Annahme begonnen, er spiele im Harz. Stimmt gar nicht: er spielt im Riesengebirge. Was mich mindestens ebenso freut, denn die Gegend um Krummhübel und Wang (heute Karpacz) kenne ich von mehreren Reisen recht gut. Was für eine schöne Überraschung!

    Vor einigen Tagen beendet:


    Wolfgang Büscher, Heimkehr

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    Nachdem Büscher sich durch Reiseberichte einen Namen gemacht, kehrt er mit diesem Buch in seine nordhessische Heimat zurück. Konkret verbringt er einige Monate in einer Jagdhütte im Privatwald eines ehemaligen Fürstenhauses in der Nähe seines Geburtsortes. Die Namen werden im Buch nicht genannt, aber es ist klar, dass es um die Fürsten von Waldeck-Pyrmont geht und um die Residenzstadt Bad Arolsen.


    Da ich sozusagen ein Landeskind bin (wenn auch aus einem anderen Teil des ehemaligen Fürstentums) und somit nicht nur die Region, sondern auch einige der im Buch genannten Personen kenne, war für mich die Lektüre besonders spannend. Insgesamt ein wirklich schönes Buch, das auf die heutige Situation gut eingeht. Viele Dinge beschreibt der Autor sehr anschaulich, manches mit gebotener Diskretion (etwa im Hinblick auf die fürstliche Familie), anderes erschien mir etwas geschönt und auch für die Erzählung zurechtgebogen, ok, das ist künstlerische Freiheit. Insgesamt ist dem Autor aber ein schönes Porträt einer Region in der Mitte Deutschlands gelungen, in dem er Historisches mit Gegenwärtigem verbindet und dabei sowohl die regionalen Besonderheiten wie auch die globale Klimaentwicklung und die Frage nach dem Umgang damit in den Blick nimmt. Durchaus lesenswert!


    Jetzt lese ich Olga Tokarczuks 'Taghaus - Nachthaus', was mich wieder sehr begeistert.

    Es ist manchmal seltsam, wie sich die Knoten schürzen: Vor ein paar Tagen las ich ein Interview mit Monika Maron, in dem es auch um ihren neuen Roman ging. Das Interview hatte eine Faltkollegin aus dem Erzgebirge eingestellt. Da dachte ich zurück an unsere interessnte Leserunde über Munín und wollte sie darauf hinweisen.Zuerst fand ich gar nichts wieder und dann nur Bruchstücke, ABER ich sah dann einen fast zwei Jahre alten Neujahrsgruß von finsbury an mich und, dass er z.Zt. mit Karamzin den Wallenstein liest. Da bin ich eingestiegen. Und nun tauchst Du mit der Maron auf. Was Du schreibst ist interessant. Ich werde mir das Buch nach Wallenstein kaufen und "unterhalte" mich dann sehr gern mit Dir, SO DU MAGST.

    Herzlich gerne, lieber Volker. Es freut mich, dass Du hier wieder dabei bist!

    Wie gefällt es Euch, dass auf der Seite des Buchpreises nur Hörproben zu finden sind? Mir persönlcih sind Leseproben lieber. Bei einigen der Hörproben mag ich die Stimme und die Art zu lesen überhaupt nicht - zumal es noch nicht einmal die Autoren bzw. Autorinnen selbst sind, die lesen.

    Ich habe drei der Titel gelesen:


    Leif Randt, Allegro Pastell. Zu dem Buch habe ich hier einiges geschrieben, ich fand es ausgesprochen gut und gelungen: Preis der Leipziger Buchmesse 2020


    Valerie Fritsch, Herzklappen von Johnson & Johnson hat mich ebenfalls sehr beeindruckt. Ein sehr dichter, geschliffener Stil, sehr ungewöhnlich. Der Roman ist eine Familiengeschichte über mehrere Generationen - und das auf wenigen Seiten. Ein ausgesprochen reifes Buch, das mich überzeugt hat.


    Robert Seethaler, Der letzte Satz: Das Buch ist ein völliger Fehlgriff. Dazu hatte ich hier bereits geschrieben: Was lest ihr gerade?


    Von Arno Carmenisch habe ich vor Jahren mal 'Der letzte Schnee' gelesen. Das war sehr charmant.


    Mir fehlen auf der Liste die sehr guten Romane von Dominik Barta, Monika Helfer, Michael Wildenhain, Anna Katharina Hahn...


    Aber ich möchte noch zwei Bücher von der Liste lesen: Thomas Hettche und Roman Ehrlich (dessen 'Kaltes Jahr' ich vor einigen Jahren sehr gut fand).

    Hier eine Rezension von Julia Encke in der FAZ:
    https://www.faz.net/aktuell/fe…onika-maron-16895836.html


    Julia Encke tappt voll in die Falle der Erzählerin. Sie wirft der Autorin am Schluss eine politische Agenda vor, wird aber selbst Opfer ihrer politischen Voreinstellung. Dabei lässt sie sogar Grundprinzipien der Literaturkritik außer acht (wie: die Autorin ist nicht einfach mit der Erzählerin zu identifizieren). Sie übersieht, dass nicht nur andere Personen, sondern vor allem die Erzählerin sich selbst immer wieder infrage stellt.


    Besonders erschütternd aber ist: sie ist offenbar eher bereit, einer gestandenen Autorin wie Monika Maron plumpe Agitation zu unterstellen, als ihre eigene Lesart des Romans zu überprüfen. Das ist bitter. Denn Monika Maron für so blöd zu halten, dazu gehört schon einiges.


    Ein Tiefpunkt der Literaturkritik, fürwahr.


    Aber letztlich liefert Julia Encke nur einen Beleg für das, was die Autorin weitaus subtiler schildert: In einer Zeit, in der es nur noch Polarisierungen gibt, in der selbst Literaturkritikerinnen einer Zeitung wie der FAZ nicht in der Lage sind, Zwischentöne wahrzunehmen, kann der Gedanke des Heldentums nur noch ins absurde führen und Menschen zu Pseudohelden machen.

    Da wir vor zwei Jahren hier eine sehr schöne Diskussion zu "Munin oder Chaos im Kopf" von Monika Maron hatten, starte ich zu ihrem neuen Roman einen Strang. Es würde mich freuen, wenn wir hier wieder ins Gespräch kämen. Das Buch bietet sehr viel Anlass zu Diskussionen und wird sicher in der Presse wieder ausführlich diskutiert werden.


    In "Artur Lanz" geht es ums Heldentum. Als ich noch in England lebte, ging mir das häufige Gerede von "our heroes" sehr auf die Nerven. Nicht nur Feuerwehrleute und 'Helden des Alltags', sondern vornehmlich Soldaten werden in England als 'heroes' bezeichnet. Nun hat man als Deutscher ein anderes Verhältnis zur Armee, nachdem sich unsere Wehrmacht unter Hitler alles andere als 'heldenhaft' aufgeführt hat. Was früher mal 'Heldengedenktag' hieß, ist heute weitaus passender als 'Volkstrauertag' benamst. Der Begriff erscheint mir daher entbehrlich und ich frage mich, wozu man ihn braucht...


    Nun arbeitet sich Monika Maron sich aber genau daran ab. Und sie tut das aus äußerst kluge, unterhaltsame und auch sehr witzige Weise. Ich habe diesen Roman jedenfalls sehr genossen und oft laut gelacht.


    Die Ich-Erzählerin, Charlotte Winter, ist Schriftstellerin und so um die 80 Jahre alt - also gewissermaßen wieder ein alter ego der Autorin (so kann man vermuten). Mehr oder weniger zufällig lernt sie Artur Lanz kennen, einen ca. 50 jährigen - ja, man muss so sagen - Waschlappen. Trotz seines heldenhaften Namens - er wurde von seiner Mutter nach König Artus benannt. Der Lanzelot steckte im Nachnamen schon drin. Artur ist nicht unsympathisch, aber etwas zögerlich, wenn es um grundlegende Entscheidungen geht. Seine Ehe ist kaputt, zu seiner polnischen Geliebten traute er sich nicht zu bekennen, geholfen hat es nichts. Jetzt versucht er, mittels israelischer Kampfkunst ein bisschen Männlichkeit zu üben, was aber auch schief geht.


    Die Begegnung veranlasst die Erzählerin, sich mit der Artussage zu beschäftigen und darüber nachzudenken, was eigentlich aus der ritterlichen Männlichkeit von früher geworden ist. Die Männer sind heute anders, auch weil die Frauen das so gewollt und eingefordert haben. Sie selbst hat sich ja auch eher in Proust-Leser statt Rambo-Typen verliebt. Trotzdem vermisst sie irgendwie den heldenhaften Männertyp von früher. Artur Lanz findet sie einerseits sympathisch aber auch schwächlich.


    Dann kommt es jedoch zu einer Konfliktsituation. Ein Kollege von Artur, Gerald, hat sich im Institut durch einen albernen Post auf Facebook unmöglich gemacht. Er hat einen albernen Spruch gepostet, der dann von der "Rechten Partei" übernommen wird. Die Sache wird von den üblichen Aktivist*innen aufgegriffen und skandalisiert.


    Nun kommt es zum Schwur. Gerald soll widerrufen, sonst droht ihm der Verlust seines Arbeitsplatzes. Artur muss sich dazu verhalten. Wird er sich zu seinem Freund bekennen oder ihn verraten?


    Das Buch ist ein großer Spaß. Nicht nur dienen die mittelalterlichen Epen der Erzählerin als Folie, sondern auch Gesprächspartner wie (natürlich) Brecht und Fontane. Wie schon in "Munin" werden auch hier alle Positionen durch Gegenpositionen verschiedener Gesprächspartner ironisch gebrochen. Und nicht zuletzt nimmt sich die Erzählerin auch selbst nicht immer ganz ernst. Das ist sehr erfrischend.


    Insgesamt habe ich das Buch als eine Don Quichotterie gelesen. Die Erzählerin verliert sich in Rittergeschichten, deren Zeit natürlich (wie bei Don Quichotte) längst vorbei ist. Gerald will unbedingt den Helden spielen und kämpft dabei buchstäblich gegen Windmühlen (er arbeitet ja in einem Institut, wo es um Windräder geht). Und Artur möchte so gerne Ritter sein, aber am Ende taugt er doch nur zum Sancho Pansa.

    Ich habe heute mit "Metropol" von Eugen Ruge begonnen. Ich weiß noch nicht, ob mir das gefällt. Es ist in einem sehr nüchternen Stil geschrieben. Es geht um seine Großeltern, die während der Prozesse 1936 in Moskau waren, für den sowjetischen Geheimdienst arbeiteten und mit einem der Verurteilten bekannt waren, was damals hochgefährlich sein konnte. Sein "In Zeiten des abnehmenden Lichts" hat mir damals sehr gefallen.


    Gruß, Lauterbach

    Ich habe Metropol vor einigen Monaten gelesen (auch erst in diesem Jahr) und fand es ausgezeichnet, sogar deutlich besser als die Zeiten des abnehmenden Lichts.

    Enttäuschend in welcher Hinsicht, JHNewman ?

    Meine Tochter ist absoluter Mahler-Fan und interessiert sich vielleicht dafür, wenn es kein allzu großer Quatsch ist.

    Leider ist es Quatsch. Oder sagen wir besser: es ist einfach hilflose Prosa angesichts eines musikalischen Genies. Über Musik zu schreiben ist extrem schwer, und im Roman wird genau das auch gesagt. Weil es aber über die Musik nicht geht, erfahren wir stattdessen einiges über die Gebrechen des alten Mahler und werden Zeugen unsäglich banaler Dialoge zwischen Alma und Gustav.


    Man kann das ganze natürlich auch als eine nette kleine Miniatur über einen alternden und sterbenden Künstler lesen. Aber letzlich weckt es nur die Sehnsucht, das Buch zuzuklappen und Mahler zu hören. Dann ist die Zeit besser investiert.


    Ich hatte mich auf das Buch gefreut, denn ich mochte sowohl den Trafikanten wie auch 'Ein ganzes Leben' sehr gern. Und ich liebe Mahlers Musik. Aber in diesem Roman ist die Diskrepanz zwischen dem Thema und der literarischen Verarbeitung einfach viel zu groß.

    Ich habe noch zwei weitere Bücher von Christa Wolf gelesen ("Was bleibt" und "Kassandra") - ihre Stimme tut mir im Moment ausgesprochen gut, diese ruhige Klugheit ist etwas, das ich im gegenwärtigen Diskurs vermisse.


    Gerade lese ich den neuen Roman von Robert Seethaler über Gustav Mahler. Bisher enttäuschend. Wenn's nicht so kurz wäre, würde ich wohl abbrechen.

    Lemprierers Wörterbuch ... habe ich seinerzeit gelesen, als es in Deutschland erschien. 1993 etwa? Es wurde damals ziemlich stark beworben. Ich erinnere mich an die Lektüre und an die intensive Atmosphäre des Buches, aber ich weiß auch, dass ich die Handlung als sehr wirr empfunden habe und mich am Ende nur fragte, was dieses Buch eigentlich sollte... Da ging es mir wir Dir, finsbury Daher habe ich auch kein weiteres Buch von Lawrence Norfolk gelesen.

    Zitat

    ...als Autorin war sie in ihren Ansichten damals kaum von ihrer Heldin Christa T. zu unterscheiden...

    Ja, Karamzin, das ist beim Lesen jetzt auch meine Erfahrung, dass ich immer wieder diese Christa T. für Christa W. halte oder doch stark den Eindruck habe, hier spreche eine Frau von sich selbst - wie könnte sie auch all das über die Freundin wissen. Dieses Spiel treibt die Autorin wohl ganz bewusst mit uns.


    In jedem Fall finde ich ungeheuer stark - und das sage ich als Leser des Jahres 2020, der keine DDR-Jugend erlebt hat - wie Christa Wolf es schafft, durch ihre Konzentration auf die Einzelne, das Individuelle, die Spannungen des Gesellschaftlichen zu vermitteln, ohne sie explizit zu benennen. Das hätte zum einen sicher den Text nicht durch die Zensur kommen lassen, aber zum anderen ist das auch nicht ihr Thema. Sie schreibt eben keinen Gesellschaftsroman. Und genau das macht ihre Prosa dann auch wiederum so gültig und zeitlos.


    Hach!