Beiträge von JHNewman

    Ich bin noch nicht viel weiter gekommen. Der Fall Mordann ist abgeschlossen, nun bin ich auch mit Kerkhoven in die Berge gereist, wo er sich des Falls von Ganna Herzog annimmt. Mich irritiert auch etwas das Episodenhafte, das scheinbar wahllos (?) Fallgeschichten aneinanderreiht und dabei die Hauptprotagonisten (was ist denn nun mit Marie?) vernachlässigt. Der Einstieg zur Ganna-Thematik wird ja auch recht ausgewalzt, ohne dass ich als Leser erfahre, was denn nun genau stattgefunden hat. Das wird aber sicher noch kommen, denn gerade hat Kerkhoven vorgeschlagen, Alexander solle doch die Ereignisse schriftlich niederlegen.


    Bemerkenswert finde ich auch die esoterischen Anklänge des Romans. Sicher auch ein Zeitphänomen. Der schwüle Okkultismus erinnert mich etwas an Steiner und seine Anthroposophie. Aber die Lösung eines Kriminalfalls durch 'Hellseherei' sowie die innere Verbindung Kerkhovens mit seinem schweizerischen Vorbild (vor allem dessen Lehre) ist doch etwas schräg. Zumal Kerkhoven ja zugleich als so hervorragender Arzt und - ja eben auch Wissenschaftler dargestellt wird.


    Insgesamt macht mir die Lektüre aber noch Freude.

    Ach, dann bist Du ja jetzt eingestiegen, Zefira!


    Den Anfang finde ich erzähltechnisch schon sehr bemerkenswert. Man erfährt zwar auf den ersten Seiten, dass es diesen Ehebruch Maries mit Etzel gegeben hat. Die Fakten werden aber eigentlich nur durch ihre Wirkung auf die Seelenzustände der Protagonisten referiert. Und das hat es in sich. Man wird auf den ersten 20 bis 30 Seiten durch alle Höhen und Tiefen der Seelenzustände gelotst, die Marie und vor allem Joseph durchleben. Dass ein Autor sich das traut und dass seine Leserinnen und Leser das goutier(t)en, finde ich schon stark.


    Ich bin bei Kapitel 53 oder so (es sind ja kurze Kapitel).

    Das Ehepaar hat sich für eine zeitweise Trennung voneinander verabschiedet. Marie flieht aus ihrer Ehekrise in philanthropische Tätigkeit, was dem Erzähler die Chance bietet, ein gerüttelt Maß an sozialem Elend auszubreiten. Die Geschichte des kleinen Chaim ist berührend, und ich hatte fast den Eindruck, dass sie einen leicht antisemitischen Zug hat - bis mir einfiel, dass Wassermann ja selbst Jude war und somit wohl eher keine antisemitischen Hintergedanken hegte.


    Joseph begibt sich ins Ausland, hat eine kurze - platonische - Affäre mit einer Britin und ist jetzt befasst sich gerade mit dem Fall Mordann. Die zahlreichen Schilderungen von 'Fällen' - sowohl sozialpathologischer wie psychopathologischer Art, lassen mich ein bisschen an populäre Bücher wie die von Oliver Sacks denken. Offenbar gab es eine große Faszination im Publikum für derartige Fälle. Ich finde sie sehr spannend, zugleich merke ich aber auch schon nach der Lektüre von nur ca. 100 Seiten, dass die Romanhandlung dadurch doch etwas wirr wird. Auf das Problem, die Handlungen der Romane Wassermanns zusammenzufassen, hattest Du ja bereits hingewiesen, Zefira. Die Erzählung wird gewissermaßen zu einem Panoptikum besonderer Schicksale. Jetzt bin ich aber erst einmal gespannt, wie Kerkhoven den Fall Mordann löst...

    Hier nun also der Strang zu unserer eher spontanen Leserunde zu Jakob Wassermanns Roman 'Joseph Kerkhovens dritte Existenz'.


    Der Roman ist der Abschluss einer Trilogie, die folgende Romane umfasst:


    Der Fall Maurizius (Handlung ca 1924 ff.)

    Etzel Andergast (Handlung Teil eins 1913/14, Teil zwei 1928/29)

    Joseph Kerkhovens dritte Existenz (Handlung 1929 ff.)

    Nein, die Kenntnis des Falls Maurizius ist nicht vonnöten, eher die des dann folgenden Romans 'Etzel Andergast'. Dieser behandelt in seinem zweiten Teil den Ehebruch der Frau Kerkhovens mit Etzel, was Josef Kerkhoven in eine tiefe existenzielle Krise stürzt. An diesem Punkt setzt der neue Roman ein. Ich habe 'Etzel Andergast' vor mehreren Jahren gelesen und die Handlung nicht mehr präsent. Aber was Du wissen musst, findest Du auf Wikipedia, oder es wird natürlich auch im neuen Roman so eingeführt, dass die Leserin weiß, worum es geht.


    Ich mache einen Strang auf!

    Zefira, jetzt hast Du etwas angerichtet. Gestern hatte ich ein Buch beendet und wusste nicht, was ich als nächstes lesen soll. Und dann habe ich nach dem Wassermann gegriffen und zu lesen begonnen. Jetzt bin ich drin. ich weiß nicht, wie ich durchkomme, aber der Ton und das Seelengewühle haben mich gleich wieder ergriffen... Dass ein Autor es wagt, die Leser auf den ersten 30 Seiten mit null Handlung, aber endlosen Beschreibungen von Seelenzuständen in ein Buch mitzunehmen, ist schon bemerkenswert. Vor allem, dass die Leser das seinerzeit so klaglos mitgemacht haben. Under Mann auch noch Bestsellerautor war.

    Stanisic hat in dieser kurzen Rede echte Größe bewiesen. Er hat mit wenigen klaren Worten gesagt, was geht und was nicht geht. Das war persönlich und bewegend und frei von jedem Hass und jeder überzogenen Emotionalität.


    Mir hat besonders dieser Satz gefallen:

    Zitat

    Und das ist komisch, finde ich, dass man sich die Wirklichkeit, indem man behauptet, Gerechtigkeit für jemanden zu suchen, so zurechtlegt, dass dort nur noch Lüge besteht. Das soll Literatur eigentlich nicht.

    Noch eine Anmerkung zu Stanisic: Was mir bei all seinen Büchern aufgefallen ist, ist diese ungeheure Menschenfreundlichkeit. Das ist auch in "Herkunft" so. Jemand wie Stanisic könnte voller Bitterkeit sein, er könnte anklagen und zornig sein. Ist er aber nicht. Er schafft es, jede Situation so zu betrachten und zu erzählen, dass man etwas Gutes darin entdeckt. Das ist eine große Gabe und als Leser empfinde ich das auch immer ein bisschen wie ein Geschenk.

    Scheuer wird morgen gewinnen.

    Mal sehen, ob Du Recht behältst...
    Wenn nicht Stanisic gewinnt, würde ich eher auf Jackie Thomae tippen. Aber das ist nur so ein Bauchgefühl und orientiert sich rein an sekundären Gesichtspunkten.

    Dass "Herkunft" nicht im engeren Sinne ein Roman ist, halte ich für nicht so bedeutsam. Mit "Du stirbst nicht" wurde schon einmal ein nichtfiktionaler Text ausgezeichnet.

    Als fun fact: Ich habe acht der bisherigen Preisträgerromane gelesen, von denen ich aber nur zwei oder drei wirklich preiswürdig fand: Tellkamps "Turm", Seilers "Kruso" und (so halb) Geigers "Es geht uns gut", das ich allerdings erst Jahre später gelesen habe.


    Insofern kann ich tatsächlich sagen: die Trefferquote des Buchpreises ist im Hinblick auf literarische Qualität nicht besonders hoch.

    Wie war eigentlich die Lesung mit den Nominierten??


    Ich habe neben Stanisic bisher nur das Buch von Kühmel gelesen. Mein Urteil darüber fällt eher gemischt aus. Es hat starke Passagen, auch einige starke Figuren, aber insgesamt passt doch einiges darin für mein Empfinden nicht zusammen. Den Schluss empfand ich als wenig überezugend. Und während sich die Autorin bei der Schilderung der seelischen Zustände der einzelnen Charaktere eines eher gehobenen Stils bedient (und das auch recht gekonnt!), lässt sie sie in den Zwischenkapiteln in schnoddrig-dialekttgefärbten Floskeln daherschwatzen, was mich irritiert hat. Kein schlechtes Buch, aber nicht unbedingt preiswürdig.


    Rein aus sekundären Motiven könnte die Jury dem Serbienfreund Handke als Nobelpreisträger nun den in Bosnien geborenen Stanisic entgegensetzen. Sein Buch ist ohnehin ausgezeichnet.


    Von der Liste der Nominierten möchte ich noch die "Winterbienen" von Norbert Scheuer lesen. Mehr dann aber auch nicht...

    JHNewman es wird kritisiert dass es wieder Europäer sind. Ob man sie nun kennt oder nicht. Es sind weiße Europäer.

    Ja, das meinte ich mit 'sekundären Kriterien'. Es geht um's ethnische. Und nicht um die Frage, ob die beiden gute Literatur geschrieben haben. Das finde ich bedauerlich.

    Die Diskussion ist ja voll entbrannt, viele scheinen Peter Handke wegen seiner politischen Einstellungen als Preisträger abzulehnen. Ich habe das seinerzeit nicht so intensiv verfolgt. Für mich war Handke immer schon eher ein rotes Tuch, weil seine Literatur mir wie eine endlose Selbstbespiegelung vorkam, die ich schlecht ertragen konnte. Vor einiger Zeit sah ich aber dann im Theater 'Immer noch Sturm', was mir ausnehmend gut gefallen hat.


    Nebenan im Literaturschock-Forum wird die Wahl vor allem aus sekundären Gründen kritisert. Man beschwert sich darüber, dass wieder europäische Autoren ausgezeichnet werden. Fischen in bekannten Tümpeln - dabei hat offenbar von Olga Tokarczuk kaum noch jemand etwas gelesen. Die polnische Literaratur ist ja bei uns nicht allzu sehr bekannt. Warum das dann bekannte Tümpel sein sollen, verstehe ich nicht.

    Über Olga Tokarczuk freue ich mich besonders. Ich habe einige ihrer Bücher gelesen, vor Jahren 'Unrast' und 'Gesang der Fledermäuse', im Polnischunterricht im letzten Jahr etwas aus 'Opowiadania bizarne'. Die Jakobsbücher sind - mit mehrjähriger Verspätung - gerade auf Deutsch erschienen und liegen hier schon. Wie schön!


    Handke war für mich eine Überraschung - nach all den Jahren doch noch. Ich kann nicht behaupten, ein großer Freund seiner Bücher zu sein.

    Ich habe am Wochenende das Buch von Ocean Vuong gelesen: Auf Erden sind wir kurz grandios.


    Bisher hatte ich es nur am Rande wahrgenommen und dachte eigentlich, dass mich das nicht interessiert (Geschichte vietnamesischer Einwanderer in den USA...).


    Dann sah ich aber in einer Anzeige des Verlags hymnisches Lob für dieses Buch von Sasa Stanisic und Herta Müller. Wenn diese beiden ein Buch so sehr empfehlen, kann es nur gut sein. Und so war es auch.


    Ein ungeheuer starkes und reifes Buch, sprachlich changierend zwischen verschiedenen Genres, mit eher deskriptiven und eher lyrischen Passagen. Unbedingt lesenswert!


    https://www.deutschlandfunk.de…ml?dram:article_id=453914