Beiträge von JHNewman

    Ich habe mir die Sendung heute im Mediaplayer angeschaut. Insgesamt sehr angenehm. Ein wenig merkwürdig finde ich das neue Konzept schon, bei dem neben der Gastgeberin drei Gäste eingeladen werden. Es gibt also keine feste Runde mehr, bei der sich im Laufe der Zeit ja dann auch die Diskutanten ein wenig aufeinander einstellen können. Trotzdem: Mit Ulrich Matthes, Andrea Petkovic und Lisa Eckhart waren drei Gäste eingeladen, die eine wirklich niveauvolle und anregende Diskussion über die Bücher hingelegt haben, ohne dabei immer einer Meinung zu sein. Eine wirkliche Verbesserung zu den Zeiten, als Maxim Biller wie ein bockiger Teenager die Gespräche gestört hat.

    Am Freitag ist Lisa Eckhart beim Literarischen Quartett zu Gast.


    Dazu hat Maxim Biller heute in der Süddeutschen eine geifernde Polemik losgelassen. (Leider hinter der Bezahlschranke)

    https://www.sueddeutsche.de/me…reduced=true&ieditorial=2


    Der Artikel hat mich beim Frühstückstee doch sehr erheitert. Zum einen, weil Biller Lisa Eckart vorwirft, Nazi-Vokabular zu verwenden - er selbst aber in seinem Artikel eine Nazi-Metapher nach der anderen in ihre Richtung wirft ("Truppenbetreuerin", "Nazi-Domina", "HJ-Frisur"). Zum anderen wirft er Lisa Eckhart vor, mit ihrem Auftritt das Erbe Marcel-Reich Ranickis zu zerstören. Dabei hat Biller das doch selbst erledigt, als er durch seine unsäglichen Auftritte im LQ am Niedergang dieser einstmals großartigen Sendung mitgewirkt hat. :D:D

    Neben dem Klepper, der ja etwas niederdrückend ist, lese ich jetzt zum wiederholten Male die 'Buddenbrooks'. Das ist immer ein bisschen wie Nachhausekommen. Obwohl man TM ja gerne vorwirft, zu langatmig zu sein, fällt mir auf, dass die Buddenbrooks erzählökonomisch ganz ausgezeichnet gearbeitet sind. Die Handlung schreitet wirklich schnell voran und die Kapitel sind sehr leserfreundlich überschaubar. Und ein riesiger Spaß ist es jedesmal. Gestern hat mich die Lüb'sche Revolution wieder sehr erheitert.

    JHNewman, verrätst Du mir den Namen des Städtchens?
    Ich wohne auch in Hessen, früher Nähe Gießen, jetzt Nähe Fulda.

    Du hast eine PN. :-)


    Mit Gießen verbinde ich nicht so wundervolle Erinnerungen, das liegt vor allem daran, dass ich dort meinen Wehrdienst abgeleistet habe, sowas kann eigentlich jede Stadt ruinieren.


    Fulda mag ich sehr gerne, die Stadt ist wunderschön, mit so beeindruckender Geschichte und der Rhön vor der Tür! Ich bin dort immer sehr gern.

    Ich lese gerade mal wieder in Jochen Kleppers Tagebüchern 1932-1942, eine Lektüre, die ich irgendwie immer als sehr 'adventlich' empfinde, im eigentlichen Wortsinn...


    Das ist aber natürlich schwere Kost, daher gibt's zum Ausgleich den fünften Band von Rico und Oskar von Andreas Steinhöfel: Rico, Oskar und das Mistverständnis (sic!). Die ersten Bände habe ich den Kindern vorgelesen, aber aus dem Alter sind sie jetzt raus. Trotzdem bin ich immer noch ein Fan, und auch dieser fünfte Band macht mir großen Spaß, vor allem, weil diesmal Rico und Frau Dahling eine Reise nach Hessen unternehmen und tatsächlich in meiner Stadt ein paar Tage verbringen, das hat mich dann doch allerhöchst entzückt. Schon zum zweiten Mal kommt unser beschauliches Städtchen in diesem Jahr in einem Buch vor, das ich nichtsahnend gelesen habe... (zuvor im 'Mariannengraben' von Jasmin Schreiber)

    Nachdem ich mich die letzten Tage literarisch fast ausschließlich von US-Nachrichtensendern, dem Guardian-Blog und Youtube-Videos zur US-Wahl ernährt habe, kann ich mich jetzt endlich wieder anderen Dingen zuwenden.


    Gestern habe ich den Mammut-Roman "Max, Mischa und die Tet-Offensive" von Johan Harstad begonnen. Bisher überraschend gut...

    Vielen Dank für Deinen Bericht!


    Zu meiner Kritik an Julia Encke: Gewiss benennt sie in ihrem Artikel zentrale Aussagen des Buches - diese findet man wirklich im Buch wieder. Aber sie beachtet zu wenig die Frage, wer eigentlich spricht. Aussagen und Gedanken der Hauptfigur Charlotte Winter werden eins zu eins Monika Maron als Autorin zugeordnet. Und das ist letztlich ein Anfängerfehler. Die Unterscheidung zwischen Figur und Autor gilt es zunächst zu wahren, wenn im nächsten Schritt sicher auch die Frage erlaubt ist, was von der Autorin in ihren Figuren zu finden ist. Im vorliegenden Fall tappt man besonders leicht in diese Falle, weil es Parallelen zwischen den Gedanken Charlotte Winters und den öffentlichen Aussagen Monika Marons gibt. Zugleich ist aber auch davon auszugehen, dass auch die anderen Figuren im Buch Schöpfungen Monika Marons sind - und auch sie (das ist meine Meinung) Ansichten der Autorin aufgenommen haben. Zumindest möchte die Autorin, dass diese Ansichten im Buch vorkommen. Im Gegensatz zu Julia Encke bin ich der Meinung, dass das Buch tatsächlich dialektisch angelegt ist. Ihr vernichtendes Urteil entbehrt daher einer textlichen Grundlage im Buch.


    Julia Enckes Reaktion ist aber insofern symptomatisch, als es eine affekthafte Reaktion auf den Text ist. Die Gedanken von Charlotte Winter erregen Anstoß, sie regen die moderne Leserin auf. Der Affekt wendet sich gegen die Autorin. Und beeinträchtigen damit den klaren Blick auf die Konstruktion des Textes. Allerdings kann sich Julia Encke sicher sein, dass die zitierten Ansichten bei einem großen Teil ihrer Leserschaft ähnliche Affekte auslösen - womit sie sich die Mechanismen unserer heutigen Empörungskultur zunutze macht (wenngleich natürlich auf gehobenem Niveau, wir sind ja nicht bei der BILD). ;-)


    Zum Thema Heldentum: Die Idee, dass wir in einer postheroischen Gesellschaft leben, ist kein Gedanke Monika Marons. Er taucht in der politischen Analyse seit einigen Jahren auf, ich habe ihn durch Herfried Münkler kennengelernt, der ihn wohl auch geprägt hat. Monika Maron hat ihn in ihrem Roman lediglich auf das Erleben der Erzählerin und eine konkrete Figurenkonstellation angewandt.

    https://www.nzz.ch/postheroische_gesellschaft-1.8205032

    Das ist interessant, Zefira


    Ich wohne ebenfalls auf dem Dorf und könnte hier niemanden nennen, von dem ich sicher weiß, dass sie AfD gewählt haben. Bei der letzten Landtagswahl hatten wir allerdings im Dorf einen AfD-Stimmenanteil, der über dem hessischen Durchschnitt lag, ebenso aber auch einen höheren Anteil bei Stimmen für die Grünen. Meine Vermutung war und ist, dass bei den AfD-Stimmen die Russlanddeutschen einen erheblichen Anteil stellen. Wenn ich allerdings bei Dorffesten oder sonst mal beim Frisör Unterhaltungen von Leuten hier zuhöre, wird ganz schnell klar: Die Meinungen, die die AfD im Hinblick auf Migration vertritt, wären hier keine Ausnahme, eher die Regel.

    finsbury: Zustimmung! Aber ich denke, die Ost-West-Trennlinie ist nur eine von vielen Bruchlinien, an denen sich die Polarisierung unserer Gesellschaft heute manifestiert. Daneben und überlagernd gibt es auch die Alterslinie, die Stadt-Land-Linie, die Linie von konservativeren und progressiveren Milieus usw... So denke ich, dass viele ältere Menschen auf dem Land in Ost und West gar nicht so sehr unterschiedliche Ansichten haben. Dass im Osten mehr AfD gewählt wird, hat sicher dann einfach damit zu tun, dass es im Westen tiefer in der alten Parteienstruktur verankerte Identitäten gibt. Aber das ändert sich auch...

    Vielleicht gibt es ein paar Antworten am Sonntag von Maron. Moderator ist Martin Maria Schwarz, der für seine hervorragenden, reflektierten Fragen bei mir ganz hoch im Kurs steht. Es gibt keinen besseren Moderator, der er es meist schafft, eine Verbindung zum Autor aufzubauen und sich nicht nur gerne selber reden hört (wie so manche xxx-Redakteurin). Ist der letzte Tag vor dem Lockdown der Kultur.

    Was für eine Veranstaltung ist das? Live oder medial?

    Warum schreibt sie nicht:

    Ja, ich weiß schon... Du musst ja auch gar nicht gut finden, was sie da schreibt. Du musst ihr auch nicht zustimmen. Das tue ich in vielen Punkten auch nicht. Aber ich kann das aushalten, was sie da schreibt, ohne sie gleich aus dem Diskurs zu verbannen. Und das ist eigentlich auch bloß das, was ich von anderen und von unserer Kulturindustrie auch erwarte. ;)

    Schwarz-grün wird dort als größtes Übel bezeichnet. Merkel mit Göring-Eckardt als größter anzunehmender Wahlunfall! Einige Monate nach dem Artikel ist die AfD mit über 12 Prozent erstmals in den Bundestag eingezogen und das war durchaus absehbar, aber Maron verliert im Vorfeld kein Wort dazu. Marons Haltung findet man durchaus in der CDU und es war sicherlich der Anlass einiger CDU-Mitglieder, die konservative Werteunion zu gründen, die in vielen Positionen der AfD nahesteht.


    Nun, drei Jahre später könnte Maron mal was zu den überwiegend peinlichen Reden der AfD im deutschen Bundestag sagen und dass diese Partei eben auch keine Lösung ist. Ich finde nichts.

    Es ist Dein gutes Recht, davon befremdet zu sein. Nur eine Anmerkung möchte ich aber machen: Es ist interessant, dass bei den Optionen, die für MM infrage kommen, die AfD mit keinem Wort erwähnt wird. Sie zählt nicht zu den Parteien, die MM als mögliche Wählerin überhaupt diskutiert. Als einzige Option nennt sie die FDP und gibt zu, damit sogar gegen ihren Willen Merkel zu wählen.


    Das finde ich mindestens bemerkenswert. Denn im Umkehrschluss bedeutet das für mich: sie hält die AfD für unwählbar. Was angesichts der im Raum stehenden Vorwürfe schon recht interessant ist...

    Weder der Fischer Verlag noch sonst wer hat behauptet, sie sei rechtsextrem oder gar ein Nazi. Das schwingt zugegebenermaßen mit.

    Ja, den Eindruck habe ich. Dem Vernehmen nach wurde bei S. Fischer gesagt, MM sei 'politisch unberechenbar'. In jedem Fall meine ich, dass der Vorwurf im Raum steht, sie sei 'zu rechts'.


    Zum Rest Deiner Ausführungen: Ja, da hast Du recht. Es gibt immer wieder Situationen, in denen sich Verlage von Autoren trennen (und umgekehrt). Martin Walser und Suhrkamp ging es ja ebenso. Was diesen Fall jetzt so brisant macht, ist imho die Frage, ob Stimmen wie die von MM noch in einen Mainstream-Verlag passen. Oder umgekehrt: Ob man es namhaften Autorinnen durchgehen lassen kann, mit Rechten zu kuscheln....


    Ingo Schulze hat darüber heute ausführlich in der Süddeutschen Zeitung geschrieben. Er hat die Trennung bedauert und hätte sich gewünscht, dass man nicht so schnell das Tischtuch zerschnitten. Zugleich betont er aber auch, dass er froh ist, dass S. Fischer nicht weggeschaut hat, was die Verbindungen von Monika Maron angeht.

    Während der Artikel die Inhalte von Marons Texten nicht reflektiert, setzt er sich mit dem Umfeld auseinander, in dem sich die Autorin bewegt.


    Die Diskussion hier im Forum zeigt eigentlich ganz gut, woran diese Debatte m. E. krankt.


    Die Dynamik läuft ungefähr so:

    Monika Maron soll sich von etwas distanzieren, was sie nicht selbst gesagt oder getan hat, sondern was andere gesagt oder getan haben. Es geht um das Umfeld, aus dem man einen Vorurf (sie sei rechtsextrem oder nazi) konstruiert. Und dabei wird mehr oder weniger explizit gesagt: Wenn Du Dich nicht distanzierst, dann wissen wir: Du bist wie die. Oder dann behaupten wir das. Unwidersprochen.


    Und dabei spielt überraschend wenig eine Rolle, was die durchaus eloquente Monika Maron selbst alles schon in Interviews (von denen es nicht wenige gibt) und ihren eigenen Büchern gesagt und geschrieben hat. Aber das hat nicht die formelhafte Bekenntnishaftigkeit, die die mediale Öffentlichkeit von ihr fordert.


    Ich kann mittlerweile besser verstehen, wo Monika Maron darin die Parallelen zum Sozialismus erkennt. Man muss nur 'Nazi' durch 'Klassenfeind' ersetzen, und erkennt sofort die Strukturen wieder. Ich würde nicht so handeln wie sie, aber ich kann aufgrund ihrer Geschichte ein wenig verstehen, warum sie sich weigert, nach diesen Regeln (mit)zuspielen.


    Die bittere Ironie: das ist so ziemlich das Szenario, das sie in ihrem letzten Roman vorweggenommen hat.


    (Und nein, ich bin durchaus nicht der Meinung, dass unsere heute Gesellschaft eine DDR 2.0 ist...)

    Du führst Buch über deine Lektüre? ... Derzeit spiele ich mit dem Gedanken, mir die Eliot-Übersetzung von Zerbst auch noch zuzulegen und später einmal zu lesen.

    Ja, ich führe eine Liste mit den Büchern, die ich lese. Damit habe ich ganz früh angefangen, sodass ich das ziemlich lückenlos dokumentiert habe. War natürlich früher analog, daher muss ich dann manchmal etwas blättern. Da ich aber in meiner Ausgabe (Rectlam Verlag, Übersetzung von Zerbst) auch das Jahr des Buchkaufs (1992) notiert hatte, habe ich das dann gut eingrenzen können...