Beiträge von JHNewman

    giesbert

    Stimmt, der Hans Pleschinski hat ja früher bei Haffmans veröffentlicht. Als ich anfing im Buchhandel zu arbeiten, war der Verlag gerade sehr en vogue. Damals habe ich aber Pleschinski nicht gelesen, ich stieß erst später dazu. Seinen Hauptmann-Roman 'Wiesenstein' finde ich jedoch wirklich sehr bemerkenswert und gut. Das Büchlein über den Holzvulkan habe ich dann in der hübschen Neuausgabe beim Beck-Verlag kennengelernt.

    Gestern beendet: Am Götterbaum von Hans Pleschinski.


    Der Roman dreht sich um Paul Heyse. Drei Damen (eine Schriftstellerin, eine Stadtbaurätin und eine Bibliothekarin) marschieren gemeinsam durch München, um über die Möglichkeit eines Paul-Heyse-Kulturzentrums in dessen ehemaliger Villa am Königsplatz zu beraten. Schließlich ist doch nicht zu rechtfertigen, dass die Stadt den ersten deutschen Literaturnobelpreisträger für Erzählendes nur mit einer stinkenden Unterführung ehrt.... Auf ihrem Weg rekapitulieren sie die Lebens- und Werkgeschichte des Autors, beizu aber auch auch die Geschichte der Stadt und Kultur in seiner Zeit und noch alle möglichen anderen Weltfragen. Das ist eine sehr unterhaltsame, an einigen Stellen auch etwas bizarre Geschichte geworden, die mir aber großen Spaß gemacht hat. Zum Heyse-Fan werde ich deswegen wohl eher nicht werden, die im Text zitierten Gedichte haben mich nicht unbedingt mitgerissen, wobei ich sicher einmal eine seiner Novellen lesen sollte...

    Eine Frage in die Runde: Es gibt eine Art Sequel zu "1984", nämlich "1985" von dem Ungarn György Dalos. Darin kommen alle Hauptfiguren von 1984 vor (es hat folglich keine Erschießung der verschiedenen wegen Gedankenverbrechen festgenommenen Leute gegeben), anscheinend kehrt sogar Winston Smith' vermisste Ehefrau Katharine zurück. Das Regime liegt in den Händen der "Großen Schwester", Witwe des Großen Bruders. Ich meine sogar, irgendwo gelesen zu haben, dass der von Winston erfundene "Genosse Ogilvy" einen Auftritt hat.
    Ich habe heute nachmittag eine Weile nach dem Buch gesucht; es muss irgendwann eine deutsche Ausgabe gegeben haben, aber ich finde kein Exemplar. ZVAB, findmybook, Medimops und Rebuy abgegrast, hat vielleicht noch jemand eine Idee?

    Edit, ich habe das Buch gefunden und gekauft, juhu!

    Ich habe es auch gerade gesucht. Man findet es nur, wenn man die Zahl im Titel ausschreibt, aber dann gibt es recht viele Angebote.

    Den Ingraban habe ich nun beendet. Ich mag es, wie Freytag die Geschichten mit heute noch bestehenden Orten verbindet, wie Siedlungs- und Herrschaftsstrukturen sich herausbilden und wie die Geschichte der Christianisierung erzählt wird. Das ist Edutainment im Stil des 19. Jahrhunderts, aber gekonnt gemacht und man versteht, warum Freytag seinerzeit so erfolgreich war. Ich habe jedenfalls große Lust, weiterzulesen und den nächsten Roman in Angriff zu nehmen (dazwischen lese ich aber noch etwas anderes...).

    Ich bin jetzt mit dem 'Ingraban' fast zur Hälfte durch. Das Buch gefällt mir richtig gut. Hängt auch damit zusammen, dass die Sprache der Dialoge nicht mehr ganz so verschwurbelt daherkommt... Zu Beginn dachte ich, dass Freytag hier das Bonifatiusmotiv nett verarbeitet. Bis sich die Figur dann als Bonifatius selbst zu erkennen gab. :-D


    Die Darstellung der Slawen ist schon, sagen wir mal, etwas einseitig. Aber wie Freytag hier die Geschichte mit dem Thema Abenteuer verbindet, gefällt mir.

    Da stimme ich Finsbury gerne zu. Man muss auch ein wenig differenzieren zwischen dem, was dann sozusagen als zeittypisch gelten kann, und regelrechten Auswüchsen. Mir ging es ja neulich mit Gogols 'Taras Bulba' so, dass ich den triefenden Nationalismus, den Antisemitismus und die abwertende Beschreibung der Polen ziemlich unerträglich fand. In anderen Werken Gogols findet sich das so auch nicht, da bleibt Gogol sozusagen eher zeittypisch. Und klar: Manche Autoren sind uns dann heute auch eher zugänglich, weil sie über das Denken ihrer Zeit hinauswuchsen - wie eben Fontane.


    Ganz wichtig finde ich, die Sicht zu kontextualisieren. Ich führte letzte Woche eine recht bizarre Diskussion um zwei zeitgenössische Autoren: Johann Scheerer und Christoph Peters. Scheerer hat ein Buch über die späten 90er Jahre geschrieben. Er ist der Sohn von Jan Philipp Reemtsma und war von dessen Entführung betroffen. In dem Buch reden die Menschen, wie Menschen in den 90er Jahren geredet haben. Es werden Begriffe wie Indianer und Schimpfwörter wie Mongo oder Spasti gebraucht. Auch Christoph Peters erzählt in seinem Dorfroman davon, wie der Erzähler mit Indianerfiguren spielt. Dem Rezensenten war das nicht recht. Er war der Meinung, dass in Büchern, die 2021 erscheinen, solche Begriffe nicht mehr unkommentiert stehen dürften. Ggf. müsse der Verlag einen Disclaimer in das Buch setzen. Ich wiederum bin der Meinung, dass Figuren der 80er oder 90er Jahre nicht von 'Native Americans' sprechen können, denn das wäre ein Anachronismus. Wir hatten damals kein anderes Wort für 'Indianer'.

    Zitat von Finsbury

    Ach wie schön, dass du auch in die "Ahnen" eingestiegen bist, JHNewman!

    Das regionale Kleinkönigtum in Form einer Herrschaft mit einigen festen Kriegern (die Freytag ja lustigerweise Knaben nennt, was natürlich aufs Hochmittelalter verweist) und ansonsten bäuerlichen Untertanen ist aber wohl typisch in der Völkerwanderungszeit - ich lese gerade das GEO-Epoche-Heft zu diesem Thema. Auch die Holzhäuser auf dem Anwesen mit der Halle sind wohl eine typische Bauweise dieser Zeit.

    Dagegen hast du mit den Dialekten wohl Recht. Obwohl: Nach den neueren Forschungen ist die Völkerwanderung gar keine von Völkern gewesen, sondern von losen Verbänden aus bestimmten Gegenden, denen sich auf ihren Wanderungen durch Europa immer mehr unbehauste, vertriebene oder ansonsten unzufriedene Menschen anschlossen. Da muss sich wohl so eine Art Pidgin-Germanisch entwickelt haben, vermutlich mit lateinischen Versatzstücken, die zur rudimentären Verständigung diente. Abgesehen davon lagen die Vandalen, die ursprünglich zwischen Oder und Weichsel siedelten, gar nicht so weit von den Thüringen, die eventuell mit den gotischen Terwingen, die ursprünglich aus einer ähnlichen Gegend wie die Vandalen kamen, zusammenhängen. Jedenfalls wanderten die Germanen, welcher Stamm auch immer, aus dem Nordosten im 2.u.3. Jh. unserer Zeitrechnung in das mittelelbische Gebiet ein.


    Vielleicht kann sandhofer die beiden letzten Beiträge ja abtrennen und dem Freytag-Thread anfügen. Dort können wir dann weiterdiskutieren.

    Gestern habe ich den ersten Band (Ingo) beendet.

    Die Sprache ist etwas altertümelnd und verschwurbelt. Aber die historischen Entwicklungen der Völkerwanderungszeit hat Freytag m. E. schon recht gut eingefangen. Die Dynamik der Herrschaftsbildung, auch das fluide der einzelnen 'Stämme' kommt schon gut raus. Und die Götterdämmerungsähnliche Schlussszene hat natürlich was...


    Sehr erheiternd fand ich auch das Gespräch über die Römer und diese komische Religion, die sich jüngst bei ihnen ausgebreitet hat.


    Ich bin schon gespannt auf die Entwicklung im nächsten Band, dann springen wir ja gleich ins 8. Jahrhundert.

    Und ich habe nach der Leserunde mit "Noch alle Zeit" eine neue Runde begonnen, diesmal mit einem Buch von Julian Barnes.
    Bin noch ganz am Anfang, sieht aber interessant aus. Die Ausgabe ist jedenfalls sehr schön, sogar bebildert.

    Dazu habe ich vor einigen Tagen eine hymnische Besprechung in der Süddeutschen Zeitung gelesen. Scheint wirklich gut zu sein...

    Ich habe mit Gustav Freytag begonnen und den 'Ingo' zur Hälfte gelesen. Die Handlung spielt ja zur Völkerwanderungszeit im Thüringer Land an der Grenze zu den Chatten - da fühle ich mich dann gleich zuhause. Im Hintergrund mischen noch die Römer mit... Etwas fragwürdig finde ich, wie Freytag das Leben der thüringischen Adligen doch offenbar sehr stark am mittelalterlich-höfischen Leben orientiert. Das kommt mir etwas anachronistisch vor. Aber die Konflikte zwischen den einzelnen Stämmen und den landsässigen Adelsfamilien und der Königsgewalt kommen gut raus. Ich frage mich allerdings, welche Sprache man damals wohl gesprochen hat. Für Althochdeutsch ist es noch zu früh. Es werden wohl germanische Dialekte gewesen sein... Aber ob ein Vandale sich so einfach mit Thüringern und Burgunden unterhalten konnte???

    Du hast mir große Lust gemacht, es jetzt auch einmal damit zu versuchen. Werde die ersten Bände mal aus der UB entleihen, wenn ich das nächste Mal dort bin... :-)

    Volker: Dann wirst Du sicher sehr viel in dem Buch wiedererkennen. Ich fühlte mich an so viele Szenen erinnert, wilde Diskussionen, die ich seinerzeit mit meinem Vater hatte, als ich anfing, die einschlägigen Sticker zu tragen, die man seinerzeit so hatte (Atomkraft? Nein danke! etc). Peters' Buch ist sehr wahr in dieser Beziehung, aber auch ungeheuer genau, was das Innenleben seines Erzählers angeht, die Dinge, die ihn prägen, die Sendungen, die er im Fernsehen schaut... Und dann die gekonnte Beschreibung der bäuerlich-katholischen Gesellschaft am Niederrhein... Zwar kenne ich die katholischen Milieus nicht, die er beschreibt, aber die bäuerlichen sehr wohl. Und besonders bemerkenswert: es ist auch sehr heutig: denn die Sprüche und Aktionen der Aktivisten im Buch findet man eins zu eins bei den Aktivisten im Dannenröder Forst wieder...

    Ich habe gestern den 'Dorfroman' von Christoph Peters beendet. Dem Autor folge ich - wenngleich nicht lückenlos - seit seinem ausgezeichneten Debut im Jahr 1999 'Stadt Land Fluß'.


    Dieser neue Roman ist von einer meisterlichen Abgeklärtheit. Erzählt wird die Geschichte eines Jungen und Mannes auf drei Zeitebenen: einmal als Grundschüler, dann als 15-Jähriger, später als erwachsener Mann, der zu einem Besuch aus Berlin in die niederrheinische Heimat kommt. Der Ort der Handlung ist ein Kleines Dorf bei Kalkar (im Roman als Calcar bezeichnet). Hintergrund der Geschichte ist der Bau des damals geplanten 'Schnellen Brüters', der das Leben der Dorfbewohner prägt und die bis dahin gut funktionierende Dorfgemeinschaft teilt. Zunächst ist der Erzähler als Kind selbstverständlich Teil dieser Gemeinschaft, übernimmt und teilt ihre Ansichten, auch die seiner Eltern. Als Fünfzehnjähriger gerät er dann in einen inneren Konflikt - während seine Eltern den Bau des Brüters befürworten, schließt er sich der Anti-Atom-Bewegung an, was ganz wesentlich auch mit einer sieben Jahre älteren Frau zusammenhängt, die in einer Bauernhof-WG in der Nachbarschaft lebt, die sich gegen den Bau engagiert.


    Peters verbindet hier also eine Geschichte des Erwachsenwerdens auch mit einer politischen und gesellschaftlichen Erweckung. Und beizu erzählt er auch eine politische und kulturelle Geschichte der Bundesrepublik in jenen Jahren. Die Meisterschaft dieses Buches liegt in der Fähigkeit des Autors, sich zurückzunehmen. Er bleibt stilistisch und perspektivisch ganz dicht an seinem kindlichen/jugendlichen Erzählers. Daher wirkt in diesem Roman nichts aufgesetzt oder forciert. Zugleich schafft eine eine enorme atmosphärische Intensität. Das Lebensgefühl jener Jahre rückt einem ganz dicht auf die Pelle. Da der Autor mein Jahrgang ist, kann ich sehr viele Szenen, Dialoge und Anspielungen direkt nachvollziehen.


    Große Empfehlung!


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    Das Eisschloss ist auch sehr gut, mir persönlich haben die 'Vögel' noch deutlich besser gefallen, aber der größte Teil meines Lesekreises war vom Eisschloss sehr begeistert. Mich hat das Eisschloss ein wenig an Stifters Bergkristall erinnert. Es gibt eine wunderbare Schilderung eines überfrorenen Wasserfalls. Ich wünsche Dir damit viel Vergnügen!


    Interessanterweise bietet der Guggolz-Verlag keine E-Books an, daher frage ich mich, wie die Bibliotheken das dann machen, wenn sie Bücher in die Onleine übernehmen. Erstellen die die E-Book-Versionen dann selbst?

    Oh, dieses Buch gibt es in der Onleihe? Kann ich mir bei den schön gestalteten Guggolz-Büchern gar nicht vorstellen, da ist ja auch das haptische Erlebnis sehr angenehm, und bei diesem Buch gefällt mir auch die Cover-Gestaltung ganz ungemein.


    Aber zum Buch: Das ist wirklich wundervoll. Für mich war das auch ein Lesehöhepunkt am Ende des letzten Jahres. Diese Geschichte ist so berührend, dabei vollkommen kitschfrei und so nachvolllziehbar. Man erfährt so viel von Mattis' Gedanken, zugleich versteht man auch seine Schwester so gut - dieses kleine bisschen Glück, das sich ihr bietet und die schweren Entscheidungen, die es ihr abverlangt. Die kleinen Projekte, die sie Mattis überträgt. Schon die Szene des Rübenhackens werde ich so schnell nicht vergessen.


    Kurz: das ist wirklich ein Juwel!

    Ich musste mich von dem 'Taras Bulba' erholen und habe daher einen Gogol nachgeschoben, den ich vor vielen Jahren schon einmal gelesen hatte: Das Porträt. Eine sehr schöne Erzählung ohne die oben genannten negativen Klischees.


    Dann habe ich mich letzte Woche ausführlich mit dem wunderbaren neuen Band aus der Beck'schen Geschichte der deutschen Literatur über die Jahre 1830-1870 befasst. Autor ist Peter Sprengel. Das ist natürlich kein Buch, das man so von vorne bis hinten liest, aber ich habe es sehr genossen, darin zu stöbern und Themen, Stränge und Autoren zu entdecken, die - so ist das in dieser Epoche - immer so ein bisschen im Schatten zwischen dem Anfang des 19. Jahrhunderts (Goethe, Romantiker, Kleist usw.) und den späten Jahren des Realismus und Naturalismus stehen (Fontane, Hauptmann...). Sprengel erzählt einfach ganz wundervoll von dieser Epoche. Seine Leitsterne sind Stifter, Keller, Raabe und Gutzkow (der hier ja schon häufiger Thema war). Bei den Dramatikern muss ich unbedingt mal meine Lücken füllen - ich habe noch nie etwas von Hebbel oder Grabbe gelesen...


    Das Buch ist also sehr zu empfehlen, und mit 49.80 EUR auch gar nicht exorbitant teuer. Den Band zu den Jahren 1870-1900 hat auch Peter Sprengel verfasst, der liegt hier schon bereit. (Ich habe aber beide Bände aus der UB entliehen).


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    Ich habe in den letzten Tagen mal wieder Gogol gelesen, diesmal den 'Taras Bulba'. Ich habe einen Band mit sämtlichen Erzählungen aus der Reihe Winkler Weltliteratur. Im Gegensatz zu anderen Werken Gogols, die ich sehr schätze (Erzählungen, Tote Seelen) war diese Novelle doch eher ungenießbar. Es ist eine Kosakenerzählung, angesiedelt im 17. Jahrhundert. Das Werk trieft von russischem Nationalismus und ätzenden Klischees. Die Kosaken bekämpfen vor allem Polen, die durchgängig als 'Polacken' bezeichnet werden und eitel und ehrlos sind. Die Juden werden als ekelhaft dreckig, geldgierig und kriecherisch dargestellt. Die Kosaken als wild, versoffen und unfassbar tapfer. Das erweist sich doch als heute ziemlich ungenießbar und geht auch weit über das hinaus, was man als zeitgenössisch üblich oder normal erwarten würde.


    Menschen, die in Russland zur Schule gegangen sind, haben mir berichtet, dass sie den Text in der 8. Klasse gelesen und teilweise sogar auswendig gelernt haben. Da fragt man sich, was man Achtklässlern mit so einer nationalistischen und antisemitischen Lektüre in die Hirne pflanzt...

    Ah, herzlichen Dank!

    Stephen King kenne ich in der Tat nicht. Und den Amphitryon habe ich bisher auch weder gelesen noch gesehen. Ich habe gerade nachgeschlagen, die letzte Silbe lautet nicht 'O', sondern 'Ach'! Im Rästeltext war noch von einem einsilbigen Laut die Rede, hinter dem ich 'O' vermutete...


    Damit sind die Rätsel alle gelöst!