Beiträge von giesbert

    Ich hab ja ganz vergessen, etwas zu Bd. 2 der Proust'schen "Suche" zu schreiben ;-). Dafür hab ich etwas länger gebraucht als gedacht, weil ich zwischendrin einige Wochen (außer ein wenig Fachliteratur) gar nichts gelesen habe. Ts. Hier also mal ein paar Eindrücke, kreuz & quer notiert.


    Nachdem Bd. 1 überwiegend in der Zeit vor der eigentlichen Romanhandlung spielt – Eine Liebe von Swan ist gewissermaßen die Vorgeschichte –, führt Bd. 2 die Chronologie weiter und widmet sich den ersten amourösen Verwirrungen des Erzählers und seinem Sommeraufenthalt im fiktiven Badeort Balbec in der Normandie (dem wohl Cabourg als Vorbild diente), den der (immer noch namenlose Erzähler) zusammen mit seiner Großmutter und der Bediensteten Françoise besucht. Wie lang er dort bleibt, wird nicht erwähnt, aber es müssen mehrere Monate sein.


    Was übrigens auch gleich wieder anzeigt, dass die Gesellschaft, die da beschrieben wird, ein Problem garantiert nicht hat: Geld. Überhaupt arbeitet da niemand, konkrete bürgerliche Berufe werden am Rand erwähnt, spielen aber (bislang) keine Rolle. Immerhin: es gibt eine Szene, in der der Ich-Erzähler durch das Hotelfenster die an diesem Fenster vorbeigehenden Arbeiter und Arbeiterinnen erwähnt, die auf dem Weg in die/eine Fabrik (oder ähnliches) sind. Und da fällt ihm ein, dass sie ja nicht nur an den Fenstern vorbei gehen, sondern sie auch einwerfen könnten, wenn's hinter den Fenstern vielleicht zu protzig hergehe.


    Dass die meisten Personen dem gehobenen, finanziell saturierten Bürgertum angehören, aka: einer bestimmten sozialen Schicht wo nicht Klasse angehören, die nach unten (und auch nach oben) nur sehr bedingt durchlässig ist, führt natürlich auch dazu, dass praktisch jeder jeden kennt, und sei es um drei Ecken oder weil man jemanden kennt, der jemanden kennt – man bewegt sich halt in seiner Schicht.


    Wie der Titel "Im Schatten junger Mädchenblüte" schon andeutet, geht es hier vor allem um die (jugendlichen) Befindlichkeiten des Erzählers. Um die geht es zwar immer, aber in Bd. 1 kamen ausführliche, satirisch eingefärbte Beschreibungen des gesellschaftlichen Treibens in den Salons, Theatern etc. dazu, die hier – bis auf einige wenige Beschreibung der anderen Badegäste und des Hotelpersonals – eher in den Hintergrund treten.


    Der Titel selbst erschließt sich erst relativ am Ende des Romans, wo sich der Erzähler so seine Gedanken über den Reiz junger Frauen / Mädchen macht und sie u.a. mit Blüten vergleicht. Er trudelt ein wenig arg selbstverliebt um seine Gefühle für allerlei Mädchen, es gibt ein paar ganz amüsante typisch pubertäre Verwirrungen, diverse Gedankenspiele und Pläne, um ein bestimmtes Mädchen zu treffen (die dann billigerweise fehl schlagen oder er auf gänzlich anderen Wegen zum Ziel kommt). Der Versuch, ein Mädchen zu küssen klappt natürlich auch nicht. (Und es ist natürlich sensationell, wenn man mal einen unbekleideten Arm zu sehen bekommt oder der Hals etwas sichtbarer ist als normalerweise.)


    Es gibt nur sehr wenig Hinweise auf zeitliche Einordnung, es werden eher nebenbei zeitgeschichtliche Eckpunkte genannt (Dreyfus z.B. oder dass ein bestimmtes Bild einer der zentralen Figuren 1872 (oder so) gemalt wurde). Aber da hat die Proustforschung natürlich für Abhilfe gesorgt und diverse Versuche unternommen, die Chronologie des Romans aufzudröseln. Ich geb mal ein paar Daten nach Fischers "Handbuch" (das Buch selbst habe ich nicht, aber ein Bekannter hat mir freundlicherweise die Seiten eingescannt):


    1879/1880: Eine Liebe von Swann

    1880: Geburt des Erzählers (andere Forscher: 1878)

    1890: Der "Combray"-Teil von Bd 1

    1895: Ich-Erzähler & Gilberte (Tochter von Swann)

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    1895–1897: Bd 2

    Mitte August bis (mind.) Mitte Oktober: Balbec

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    Allerdings springt der Erzähler mitunter zwischen den Zeiten hin und her (es gibt zB immer mal wieder Verweise auf spätere Ereignisse, dass man noch sehen werde, wie wichtig dies und das gewesen sei etc.). Zudem erlaubt sich Proust verschiedene Anachronismen (und in späteren Teilen wohl auch ziemlich drastische, die zu Diskrepanzen von mehreren Jahren führen und eine widerspruchsfreie Chronologie unmöglich machen – aber da bin ich noch nicht :-))


    So.


    Und bevor ich mit Bd. 3 beginne, lese ich mal was gánz anderes: Wilhelm Raabe, Vom alten Protheus.

    Gerade hab ich ein hübsches Stanislaw-Lem-Zitat gelesen, das ich einfach mal hierher setze:


    1. Keiner liest.

    2. Wenn einer liest, versteht er’s nicht.

    3. Wenn einer liest und er versteht’s, vergisst er’s gleich wieder.


    Gilt jedenfalls für mich …

    Och, in meinen wilden Lesejahren hab ich auch so um die 100 pro Jahr gelesen. Aber das ist sehr lange her :-). 2020 waren es so um die 40, da waren dann teilweise auch sehr dicke & komplizierte Dinger dabei (Schule der Atheisten, Abend mit Goldrand, Julia), aber auch viel Krams von May, Verne, Kästner oder diese fürchterlichen "Geheimnisse von Paris". Dieses Jahr wird's vor allem Proust sein (gerade mal geschaut, begonnen hab ich Anfang Juli und hab jetzt erst, nach schändlichen langen Pausen, in denen ich gar nichts gelesen habe, weder Proust noch sonst irgendwas, die "Mädchenblüte" durch).

    Mir erscheint das hier eher in der Art einer Reiseplanung.

    Ich bin mit meiner Liste ja grandios gescheitert, weil ich da schon so ab März auf Abwege geraten und dann irgendwann bei Proust gestrandet bin, bei dem ich jetzt bleibe und der mich noch ein paar Monate beschäftigen wird :-). Am Ende ist es mir auch egal, auf welchen verschlungenen Pfaden ich dann bei diesem Roman gelandet bin. Der gehörte zu den Beständen in meinen Regalen, von denen ich dachte, dass ich sie in diesem Leben wohl nicht mehr angehen würde. So kann man sich täuschen …


    Aber Stichwort "Stress" und "Challenge": den gibt es bei der Lektüre ja durchaus auch, nicht hier, aber anderswo. Bei LinkedIn erzählte jemand stolz, dass er jetzt genug davon habe, seine Zeit mit Social Media und ähnlichen Kram zu vergeuden und statt dessen Bücher lese. Der hat dann scheint's eine Art Hochleistungssport daraus gemacht und 150 Bücher im letzten Jahr gelesen. Es bekam dafür viel Zustimmung und postete auch eine Liste der von ihm gelesenen Bücher (eine ganz und gar fürchterliche Ansammlung von Titeln, die ich nicht mal mit der Zange anfassen würde). Das klang mir alles eher zwanghaft und schien mir mehr Symptom als Lösung. Aber mei, soll's wohl auch geben. "Lesen" ist, wie so vieles, jedenfalls nicht per se "gut".

    Ich habe für die verlorene Zeit drei Jahre gebraucht, da bist du richtig gut. Aber ich brauchte damals auch viele Bücher als Erholung dazwischen, vor allem bei den Bänden mit Albertine im Mittelpunkt. Die ersten drei Bände fand auch ich teilweise sehr witzig und gut zu lesen.

    Meine längste Lesedauer waren mal 2,5 Jahre für Zettel's Traum … Vor "Die Gefangene" und "Die Entflohene" graut's mir jetzt schon, darüber liest man ja eher selten etwas Gutes. Aber erstmal muss ich soweit kommen ;-) -- und wie's der Teufel will, bin ich prompt in den letzten Tagen überhaupt nicht zum Lesen gekommen. Naja. Wenn ich Ende des Jahres damit durch bin, will ich’s zufrieden sein – Lektüre ist ja kein Wettbewerb, wer am schnellsten lesen kann oder wer am meisten Bücher gelesen hat.

    Naja, 3 Wochen für 600 Seiten find ich jetzt nicht schnell. Wobei sich das Lesetempo erhöht, je mehr ich gelesen habe. Prousts Tonfall braucht wohl einfach etwas Übung.

    Ich komme nur langsam voran

    ich hab das gerade mal überflogen – wenn ich in dem Tempo weiterlese, werd’ ich wohl den Rest des Jahres damit beschäftigt sein. Hm. Eine Entscheidung, für etwas ist halt auch immer eine gegen etwas anderes …

    Kleiner Zwischenbericht in der Pause zwischen "Swanns Welt" und "Mädchenblüte": Ich komme nur langsam voran, aber das liegt nicht an Proust, sondern an mir – der Roman hat imho regelrechte Schmökerqualitäten, verlangt aber auch Aufnahmebereitschaft und Konzentration bei der Lektüre. Man muss in der richtigen Stimmung sein, um sich von den weit ausladenden Satzgebilden tragen zu lassen.


    Was mich überrascht hat: Proust kann sehr komisch sein, das hatte ich jetzt nicht erwartet. Bei "Eine Liebe von Swann" musste ich mehrfach lachen, nicht nur über die Dialoge und das Gehabe des gehobenen Bürgertums, das Proust ebenso minutiös wie satirisch mitprotokolliert, sondern auch über das Gefühlsdurcheinander von Swann. Aber das ist wohl eine Frage des Alters – mit 20 oder so hätte ich vermutlich viel identifikatorischer gelesen als jetzt mit 60 … Es ist ein wenig bedauerlich, dass mir da jetzt der Vergleich fehlt, ich kann das nur aus den Lektüreberichten anderer Leser:innen schließen. Aus dem hier z.B.:


    Die Wahrnehmungen, Erlebnisse, die Leidenschaft Swanns für Odette, die Ängste, die Selbstqual und Eifersucht, die Seligkeiten: Das alles kannte ich!

    https://tell-review.de/schattenlektuere/


    Alles richtig. Aber mit 60 kennt man das nicht nur, sondern hat auch genügend ironische Distanz zu sich selbst, um die Komik zu erkennen. Oder sollte sie haben …


    Überraschend auch, dass es (bislang) eigentlich keine sympathischen Figuren gibt (also jedenfalls keine, die mir sympathisch wären), der Ich-Erzähler ist ein weinerlicher Hypochonder, das übrige Personal ein Haufen snobistischer Deppen. Der Ton des gesamten Romans scheint mir bei aller Intimität seltsam distanziert und gänzlich unempathisch, fast schon klinisch.


    Na, mal sehen, wie das weiter geht :-)

    Proust and the Sex Rats

    A modest investigation into whether the French writer indulged in an unusual fetish. Marcel Proust's head is framed by plants and two rats staring intently at each other. The story of Proust’s paraphilia for rat-fighting has several tell-tale symptoms of a poisonous fabrication but is multiply attested.

    Och, Probleme hab ich keine, ist halt auch nur ein dickes Buch, dem man geduldig zu Leibe rücken muss ;-). Combray hab ich jetzt hinter mir, kurze Pause, dann geht's mit Einer Liebe von Swann weiter. Problematisch ist weniger der schiere Umfang von rund 5000 Seiten, auch nicht der enorm ausladende Satzbau (auch wenn ich da manchmal zweimal lesen muss, weil ich mittendrin den Faden verloren habe), eher schon, dass mich als Leser die exzessive Erinnerungsarbeit des Erzählers ins eigene Erinnern und damit vom Text abbringt. Ich habe bislang aber immer wieder zurückgefunden … Bei meinem aktuellen Lesetempo werde ich wohl noch ein paar Monate mit dem Roman beschäftigt sein. Also falls ich durchhalte, versteht sich.

    Ich hab ja ganz vergessen, was zu meiner dritten Lektüre von "Die Frau in Weiß" zu schreiben. Viel gibt's da auch nicht: Hat mir wieder einmal gefallen, aber jetzt reicht's, noch einmal werd ich das nicht lesen. Dazu ging mir das Personal mitunter dann doch etwas zu sehr auf die Nerven … Was ich nicht verstehe, ist die Heirat zwischen Walter & Laura: Zu dem Zeitpunkt gilt sie ja noch als aus dem Irrenhaus entflohene Anne Cathrick, hat also keine gültigen Papiere: Konnte man sich denn im 19. Jhrd. einfach so trauen lassen, ohne Identitätsnachweise? Anscheinend ja. Hm.


    Dann hab ich eine Lesepause eingelegt. Und hab jetzt gestern Abend einfach mal Proust angefangen – die 10bändige Inselausgabe steht jetzt seit gut 30 Jahren ungelesen im Regal. Ich bin erst auf S. 60 oder so, bin aber doch ziemlich angetan. Mal sehen, wie lange ich das durchhalte ;-).