Beiträge von giesbert

    „EUGEN (welche Last iss das Alter!): »Ja, geh nur. Du gehst gern – es ist natürlich.«; (er rafft sich wieder zum normal’n Ton auf. Oder halt): »Stillgestandn! – : hol mir noch ma’, aus den ›Gesammeltn Werkn‹, die Bände 52–56 her; (und wenn auch nur 1 Zett’l rausgefalln iss, stirbsDe ’n schlimm’m Tod!).«


    MARTINA (woran wolltsD’nn das seh’n?): »Bitte sogleich ab – oder ich zieh ne Handvoll raus! –«; […]


    (Arno Schmidt, ›Abend mit Goldrand‹, BA IV, 3, S. 215)

    Aber ich finde nicht, dass man Sue so einfach in eine andere Epoche versetzen könnte.

    Sue selbst natürlich nicht, der hat einen typischen Kolportage-Roman des 19. Jahrhunderts geschrieben (einen imho ganz fürchterlichen ;-)). Aber für den Roman selbst spielt sein historisches Setting de facto keine Rolle. Hätte Sue einen "historischen" oder "utopischen" Roman geschrieben: er wäre nur unwesentlich anders ausgefallen. (Das gilt übrigens auch für die Soaps der Gegenwart, die Erzählmuster, die Sue durchexerziert, haben sich praktisch nicht verändert.)


    Es kommt ja auch (hoffentlich …) niemand auf die Idee, Karl Mays "Der Weg zum Glück" als "König Ludwig"-Roman zu bezeichnen, auch wenn der Untertitel "höchst interessante Begebenheiten aus dem Leben und Wirken des Königs Ludwig II. von Baiern" verspricht.


    Um ein wenig die on-topic-Kurve zu kriegen: Napoleon III. taucht bei Karl May in "Waldröschen" und "Die Liebe des Ulanen" auf. Aber das ist für die Romane ziemlich egal, die sind, wie alle diese Erzeugnisse, letztlich im Irgendwann & Nirgendwo angesiedelt.

    Die Ritter vom Geist hab ich vor ein paar Jahren gewissermaßen als Test gelesen, ob ich überhaupt noch in der Lage bin, so dicke Bücher zu lesen ;-). Und war angenehm überrascht. Beim Zauberer von Rom hab ich dann allerdings kapituliert (der ist nóch dicker, dafür aber auch langweiliger …).

    Meine letzte Lektüre:


    Marlen Haushofer, Die Taptentür. Großartig! klare Empfehlung, als nächstes möchte ich von ihr Die Mansarde und Wir töten Stella lesen.


    Franzika von Reventlow, Herrn Dames Aufzeichnungen. Nicht so dolle - Schlüsselromane, bei denen man nicht so recht weiß, wer da nun genau gemeint ist und einem die beschriebene Szenerie nicht wirklich vertraut ist, lassen einen ja eher ratlos zurück. Der Roman ist als historisches Zeugnis zur Schwabinger Boheme um 1910 und den dort zirkulierenden Ideen (Stefan George - puh) sicherlich interessant und wichtig, aber so "als Roman" eher - naja.


    Coming Up: "Zettel's Traum. Ein Lesebuch".

    Ich hätte weniger oder vielleicht auch keine Probleme mit dem Buch gehabt, wenn ich die Lektüre nicht unterbrochen hätte.

    Daran wird's liegen. Ich kann mich zwar nicht mehr an meine erste Lektüre der Strudlhofstiege erinnern, aber wenn ich da ernsthaft Probleme gehabt hätte, dann hätte ich mir das wohl gemerkt. Ich bin allerdings auch sehr geübt darin, Dinge, die ich nicht verstehe, einfach zu überlesen …

    da hier noch fette ungelesene Schinken herumstehen wie z.B. Oppermanns "Hundert Jahre".

    Das hab ich als sehr kurzweilig in Erinnerung. Und so fett ist das gar nicht, die Bände sind zwar dick, aber auch recht klein; liest sich jedenfalls locker weg.

    Ja, das fängt sachte an und nimmt dann immer mehr an Fahrt auf. Hübsch fand ich ja, wie das Thema "Tee" immer stärker ins Zentrum rückt. Die Stellen müsste man glatt mal auszählen, bis zu dem Punkt, an dem es der Ich-Erzählerin selbst auffällt.

    Nach Eliot und Pym (die "Vortrefflichen Frauen" haben ja einen fiesen Schluss ;-)) bleib ich meinem Vorsatz, Literatur von Frauen zu lesen, treu und lese aktuell Marlen Haushofers "Tapetentür" (deren "Wand" war einer meiner stärksten Leseeindrücke). Dann kommt wohl Reventlows "Herrn Dames Aufzeichnungen" (für einen Wahl-Münchner ist ein Schlüsselroman zur Schwabinger Bohème um 1910 wohl Pflichtlektüre ;-)).

    über Eure Leselisten und überhaupt über Eure Ernshaftigkeit bin ich voller Bewunderung. Das hat wohl auch dazu geführt, dass einige von Euch Germanistik studiert haben

    Ich kann da nur von mir reden, aber imho gibt es da eigentlich nichts zu bewundern, viele Bücher lesen ist ja keine besondere Leistung. Schon gleich gar nicht, wenn man (wie ich) ein Lustleser ist. Bücher, die mich nicht interessieren, lese ich nicht (Monika Maron z.B. ;-)). Andere machen, können und kennen halt anderes, von dem wiederum ich nicht den Schimmer einer Ahnung habe (um nur bei den schönen Künsten zu bleiben: Musik, Malerei, Bildhauerei, Ballett – da kenne ich mich praktisch überhaupt nicht aus). Ich hab zwar Germanistik studiert, aber auch da habe ich ziemlich unstrukturiert gelesen (es gab natürlich Pflichtlektüre, aber etwa solche Gassenhauer wie "Die Glocke" hab ich erst deutlich nach dem Studium gelesen). Und kreuz und quer verläuft meine Lektüre auch heute immer noch. Wobei ich froh bin, wenn ich überhaupt Muße finde, ein Buch zu lesen und ich nicht auf Comics ausweiche …


    Don Quichote hab ich als Jugendlicher einmal in der Tieckschen Fassung gelesen, sehr viel später in der kompletten Übersetzung. Das hab ich vor ein paar Jahren noch mal versucht, hab das Buch aber dann doch eher gelangweilt beiseite gelesen: da liegen einfach ein paar Hundert Jahre zu viel dazwischen. – Den Tristram Shandy fand ich beim ersten Lesen klasse, beim zweiten noch besser, beim dritten Durchgang aber war der Zauber verflogen. Musil hab ich 2x versucht und bin 2x grandios gescheitert (so nach maximal 150 Seiten), Ulysses hab ich (in Wollschlägers Übersetzung) ziemlich früh verschlungen (wohl während des Zivildienstes, also mit 18, 19); sehr viel später hab ich's nochmal versucht, fand dann aber nicht die richtige Stimmung – dann sollte man ehrlich genug sein, dass das Buch und man selbst aktuell halt nicht zusammenpassen und abbrechen. Aber das lese ich garantiert noch mal (hm, könnte ich auf die Liste für 2021 setzen …). Mit den Joseph-Romanen bin ich nicht so richtig warm geworden (huch – nein, das sollte keine Anspielung sein …), da bin ich schon beim ersten Band gescheitert. Buddenbrocks und Zauberberg hab ich dagegen mehrfach mit Begeisterung gelesen.


    Schopenhauer ist übrigens einer meiner Hausheiligen ;-). Den hab ich so mit 17, 18 erstmals gelesen, das hat mich seinerzeit ziemlich umgehauen. Ähnlich wie Schmidts "Leviathan". Speziell Schmidt dominiert meine Lektüre wohl am stärksten, wobei ich nicht mehr der manische Schmidt-Leser meiner frühen Jahre bin (wobei – ich lese eigentlich alle zwei, drei Jahre das erzählerische Gesamtwerk bis zu den Typoskripten. Hm.).

    Ha, das hat mich jetzt dazu veranlasst, mal nachzuschauen, wann ich eigentlich Middlemarch gelesen habe... tatsächlich mit 26 Jahren.

    Du führst Buch über deine Lektüre? Hatte ich immer mal vor, bin da aber über schlamperte Ansätze nicht hinausgekommen ;-). Mit 25 hätte mir Middlemarch vielleicht gefallen, das weiß ich aber nicht. Ich müsste jetzt auch nachdenken, was ich in dem Alter gelesen habe (auf jeden Fall sehr viel, das gehört im Germanistik-Studium ja quasi zum Job). - Derzeit spiele ich mit dem Gedanken, mir die Eliot-Übersetzung von Zerbst auch noch zuzulegen und später einmal zu lesen.

    Also Eselsohren geh’n ja gar nicht ;-). Manchmal finde ich in Büchern, die schon lange in meinem Besitz sind, alte Eintrittskarten, Postkarten, Notizzettel oder was ich gerade als Lesezeichen zur Hand hatte. Da werd ich dann mitunter etwas sentimental.

    Für das großartige "Middlemarch" hab ich jetzt gut 10 Wochen gebraucht - das liegt aber an mir, nicht an Eliot. Früher hätte ich das in max. 10 Tagen gelesen - oder vielleicht auch nicht, ich hab den Verdacht, dass ich mit ~25 dem Roman nicht viel abgewonnen hätte, vielleicht hätte ich es auch nach 300 Seiten gelangweilt zur Seite gelegt, wer weiß. Virginia Woolf hatte schon Recht: Middlemarch ist ein Buch für Erwachsene ;-).


    Aktuell jetzt, nachdem hier im Forum so verführerisch geschwärmt wurde: Pym, Vortreffliche Frauen. Nach 50 Seiten: sehr amüsant.

    Ich lese oft mit dem Stift und freue oder wundere mich bei Wiederlektüre über meine Hervorhebungen und Anmerkungen.

    Mir sind solche Spuren früherer Lektüre eher peinlich ;-).

    Aus langjähriger Erfahrung: abgegebene,verlorene, weggeworfene und unauffindbare Bücher, krallen sich so im Kopf fest und erzeugen Kopfschmerzen, bis man sie nochmal gekauft hat.

    Einerseits ja. Andererseits hängt die Erinnerung genau an diesem einen bestimmten Exemplar, da ruft ein Neukauf (zumindest bei mir) nur noch ein sehr fernes Echo lang vergangener Zeiten auf. Einige meiner Kinderbücher habe ich all die Jahre aufgehoben, und ich bedauere es sehr, dass eines meiner seinerzeitigen Lieblingsbücher, das ich mindestens 10x gelesen habe – eine sehr stark gekürzte Version der "Schatzinsel", ein kleines, fast quadratisches, wennichmichrichtigerinnere: rotes Buch – leider verschütt gegangen ist. Einiges habe ich mir allerdings auch neu gekauft (Kästner, Lindgren, "Burg Schreckenstein") und natürlich auch noch einmal gelesen.

    (Ich hab mal aus Anlass eines Umzugs verschwiemelte Fischer-TBs von Jules Verne weggeworfen: 20 Bände, stark gekürzt, bearbeitet. War mal ein Weihnachtsgeschenk, da war ich ~15. Das hab ich bereut: Wenigstens „Die Propellerinsel“ hätte ich aufheben sollen, die Bearbeitung war von Wondrascheck, und der hatte ein paar Anspielungen auf Arno Schmidt eingebaut, der wiederum für seine „Schule der Atheisten“ auf Verne zurück gegriffen hat.)

    Dann muss man dir James Ellroy wohl nicht extra empfehlen ;-). Dessen "White Jazz" hat mich seinerzeit ziemlich umgehauen, ich hab dann alles von ihm gelesen, was mir in die Finger fiel, aber irgendwann war's auch mal gut … Und je älter ich werde, desto weniger ertrage ich diese Gewaltexzesse um der bloßen Gewaltdarstellung (Ellroy hat sich davon ja dann auch abgewandt und irrwitzig dicke Bücher über die US-Geschichte der 50er/60er geschrieben).


    Aber um mal beim Thema zu bleiben "was lest ihr": Ich lese immer noch Middlemarch (dass ich so langsam voran komme, liegt auch immer noch an mir, nicht an Eliot) und bin nach wie vor ziemlich begeistert. Danach steht Barbara Pym mit "Vortreffliche Frauen" auf der Liste, dann kommt Atwoods "Report der Magd" und schließlich, wenn in diesem Jahr noch Zeit bleibt, Ruth Klügers "weiter leben". (Alles Frauen, fällt mir da auf.)


    Das ist zumindest der Plan. Aber erfahrungsgemäß kann sich das bei mir sehr plötzlich ändern (Eliot stand zB gar nicht auf meiner Liste, darüber bin ich dann so gestolpert).