Dostojewski

  • Das Ergebnis ist ein soziales Panorama des Lebens in Russland, das man sonst kaum irgendwo findet. Erschütternde gesellschaftliche Zustände, Aberglaube, persönliche Tragödien - alles drin. In dieser Intensität findet man das m. E. sonst nur in den Erzählungen von Tschechow.


    Danke, allein dieser Satz in Verbindung mit Tschechow hat mich überzeugt und schon gekauft, in einer Ausgabe des Aufbau-Verlags. Von diesem Verlag besitze ich die Werkausgaben von Kleist (und vom Hanser-Verlag), von Hölderlin (hier noch von der WBG), von E. T. A. Hoffmann und meinen Eichendorff. Gut kommentierte Werkausgeben mit denen ich höchst zufrieden bin.


    Warum mögen wir (die alten) Russen eigentlich so? Ich liebe Tschechow, ein stiller und guter Geist auf dieser Erde.


    Grüße, Peter

  • Hier ist ja erfreulich viel los!:)


    JHNewman Vollständig war die DDR-Dostoevskij-Ausgabe also nicht, weil sie die Publizistik ausließ; "Die Dämonen" wurden nachgeschoben.


    Die Übersetzungen von Svetlana Geier sind in Nuancen "anders", ob sie "besser" sind als bisherige Übertragungen, dürfte Geschmackssache sein. Ich habe jedenfalls keine Sprachvergleiche angestellt.


    Die "Aufzeichnungen eines Jägers" Ivan Turgenevs werden ebenfalls von Vera Bischitzky

    übersetzt, es geht gut voran, und sie wird sicher bald fertig sein. Sie ist auch ausgebildete Anglistin und denkt immer sehr über verschiedene Übersetzungsvarianten nach.


    Bei einer Leserunde über "Die Auferstehung" Lev Tolstojs wäre ich ebenfalls gern dabei.

  • Um meine Frage aus dem Tolstoi-Thread hier an richtiger Stelle fortzuführen:


    OK, dann werde ich das Kapitel wahrscheinlich überspringen. Mal sehen.

    Um was für eine Art von Terrorismus geht es in dem Buch?

  • Nein, nicht überspringen. Das musst Du lesen!

    Es geht um politischen Terrorismus - Russland, 19. Jahrhundert, Destabilisierung des zaristischen Regimes. Aber eigentlich geht es um Anarchie und Zerstörungwut. Soweit meine Erinnerung. Ist schon ein paar Jährchen her...

  • OK, ich hab die Passage jetzt doch mal kurz überflogen. :) Wurde mir aber ziemlich schnell zu krass, ziemlich abschreckend, und hab dann aufgehört (obwohl es auch Passagen gab, die ich interessant fand). Gibt es sonst in dem Roman vergleichbar extreme Stellen, oder ist das ein Einzelfall?

  • Um zum Ausgleich an was "Positiveres" zu denken, wieder eine Frage zu Tolstoi: Was findet ihr im Vergleich an "Krieg und Frieden" besser, was an "Anna Karenina"?

    (Danke übrigens für die vielen Beiträge zu den russischen Autoren!)

  • Ich kann gar nicht sagen, ob mir nun "Krieg und Frieden" oder "Anna Karenina" besser oder schlechter gefällt: in diesen beiden Romanen eröffnen sich unterschiedliche Welten. In "Anna Karenina" der energische Wille einer Frau, die sich mit einem Leben auf einem Landgut begnügen muss, jedoch nicht aus dieser engen Welt mit ihren Rollenvorstellungen ausbrechen kann. "Anna Karenina" bietet subtile psychologische Studien und Einfühlsamkeit in die Gefühlswelt der adligen russischen Frau jener Jahrzehnte.

    "Krieg und Frieden" ist ein epochales "Geschichtsgemälde". Mit dem Philosophen Vladimir Kantor (*1945), von dem zwei Werke auch in Deutsch erschienen sind,

    http://www.ku.de/forschungsein…kantor-willkuer-freiheit/

    habe ich zu Beginn dieses Jahrtausends begonnen (im Rahmen einer "Sommerschule" in St. Petersburg), in diesem in meiner Jugendzeit recht unkritisch verschlungenen Werk auch bedenkliche Seiten zu entdecken.

    Es ist gegen die Rationalität der "europäischen Aufklärung" gerichtet. Das unbestimmte Gefühl des einfachen analphabetischen Bauern mit seiner religiösen Verehrung des Zaren wird über die europäische Vernunft gestellt. Die "Deutschen" erscheinen als 'Dummköpfe', die die "russische Seele" nicht zu erfassen vermochten, am Vorabend der Schlacht von Borodino reiten Clausewitz und Wolzogen vorbei, die angeblich nichts von Russland und seiner Seele verstanden hätten.

    Natürlich geselltensich vor Austerlitz Dezember 1805 zur russischen Verwegenheit und Planlosigkeit auch österreichische Pedanterie (General Weyreuther), die Napoleon mühelos mit kühlem Kalkül zu überwinden vermochte. Der Reformer Michail Speranskij, ein Popensohn, der Russland zu einem Rechtsstaat umgestalten wollte und um ein Jahrhundert seinen Zeitgenossen voraus war - Napoleon gab Zar Alexander I. 1808 in Erfurt zu verstehen, dass dieser mit dem Nichtadligen Speranskij den klügsten Mann in seinem Reiche besitze - erscheint bei Tolstoj als Karikatur eines kalten Bürokraten und Emporkömmlings, eine krasse Verzeichnung! Tolstoj wollte ursprünglich Karamzin, den bedeutendsten russischen "Europäer" und Schriftsteller seiner Zeit, in die Romanhandlung einbeziehen, ließ es aber sein, weil dessen historische Gestalt seine Voreingenommenheit beeinträchtigt hätte.


    Bei Tolstoj kommt immer wieder die Verachtung des Adligen gegenüber bürgerlichen Aufsteigern zum Durchbruch. Napoleon ist ebenfalls ein Zerrbild:

    Natürlich verstört, auch aus heutiger Sicht, dass mit dem Einmarsch der "Großen Armee" und ihrem Untergang 1812 mehr als eine halbe Million Mittel- und Westeuropäer ihr Leben verloren, doch auch das russische Volk verlor eine Million Menschen an Opfern, nicht zuletzt wegen der Kriegführung des Höflings Kutuzov, der in dieser kritischen Situation 1812 gleichzeitig Armeeabteilungen zur Niederschlagung der Aufstände leibeigener Bauern abkommandierte. Dennoch ist mit der widerspruchsvollen Napoleon-Figur, die im nachhinein Balzac, Stendhal, Manzoni, Hegel, Goethe, Heine, Grabbe und viele viele andere begeisterte, auch der Aufbruch Europas in die Neuzeit verbunden, mit dem Code Napoleon, der Emanzipation der Juden, der Bauernbefreiung und vielem anderen.

    Tolstoj eint - bei allen Unterschieden - mit Dostoevskij das Mitleid mit den einfachen Menschen, Duldsamkeit und allverzeihende Liebe erscheinen als Ausweg.

  • OK, ich hab die Passage jetzt doch mal kurz überflogen. :) Wurde mir aber ziemlich schnell zu krass, ziemlich abschreckend, und hab dann aufgehört (obwohl es auch Passagen gab, die ich interessant fand). Gibt es sonst in dem Roman vergleichbar extreme Stellen, oder ist das ein Einzelfall?


    Ich habe den Roman vor 12 Jahren gelesen, so ganz genau habe ich das nicht in Erinnerung, aber diese Passage ist mir sehr einprägsam in Erinnerung geblieben. Ich denke, so etwas gehört in einen Romanzusammenhang und es ist nicht so sinnvoll, sie nur selektiv zu lesen und zu überfliegen. Der Roman ist ja sehr umfangreich und Dostojewski schildert eine Gesellschaft, in der sehr unterschiedliche Menschen aufeinandertreffen. Stawrogin steht dafür für eine Möglichkeit des Menschlichen in seiner Abgründigkeit. Man sollte das weder absolut setzen noch übergehen.

  • Ach, das war bei Facebook. Ich mache da normal nix, aber dieser "Challenge" hat mich interessiert. Leider fand sich in meinem Freundeskreis niemand, der den Faden aufgenommen und seinen eigenen "Challenge" gepostet hat.

    Ich habe mir auch gar nicht erst die Mühe gemacht, die zehn wichtigsten Bücher meines Lebens auszusuchen, sondern habe die drei wichtigsten aus meinen ersten 20 Jahren genannt (nach meiner Erinnerung), dann drei wichtige aus meinem zweiten Lebensdrittel und drei aus dem dritten (ich bin Jahrgang 1957). Das waren dann neun, das neunte war der Tolstoi. Dann nannte ich noch einen Gedichtband von Artmann, weil ich den ständig mit mir herumschleppe (ich bin ein wenig autistisch und verschaffe mir mit den Artmann-Gedichten hin und wieder meine persönliche Echokammer) und schließlich noch den Christian Wahnschaffe als elftes Buch, weil ich den zur Zeit besonders schätze.

  • Erschütternde gesellschaftliche Zustände, Aberglaube, persönliche Tragödien - alles drin. In dieser Intensität findet man das m. E. sonst nur in den Erzählungen von Tschechow.

    Ich hatte vor einigen Wochen einen Band mit russischen Erzählungen aus der Bücherei ausgeliehen. Da sind auch Tschechows Erzählungen "Der Bischof" und "In der heiligen Osternacht" drin. Kennt jemand eine der Erzählungen und kann sie evtl. empfehlen?

  • Von Dostojewski fand ich den Roman Arme Leute noch erwähnenswert. Es handelt sich um eine spezielle Form - einen Roman in Briefen. In der Korrespondenz zwischen einen verarmten Beamten und seiner verarmten Bekannten erfährt man sehr viel über Menschen, die sich in einen Armenviertel durch den Alltag schlagen müssen. Die beiden scheinen befreundet zu sein, der Beamten empfindet sogar etwas mehr als Freundschaft für seine Bekannte. Am Ende heirat seine Bekannte einen anderen Mann um der Armut zu entfliehen und der Beamte muss seine Freundin auch noch bei den Hochzeitsvorbereitungen unterstützen. Neben Alltagsproblemen tauschen sich die beiden auch über Literatur in der Korrespondenz aus. Der Roman hat irgendwie etwas ganz Originelles.