Auf welcher Lesung seid / wart ihr gerade?

  • Hallo


    da ich deutlich mehr auf Lesungen bin als Bücher im Jahr lese, dieser Thread.


    Heute bin ich bei Martin Walser, der sich mit seinem Sohn Jakob Augstein untrrhält. Moderieren wird Thea Dorn im Stuttgarter Literaturhaus. Es wird die einzige Veranstaltung mit beiden Autoren sein. Ich werde später noch berichten.


    Gruss Thomas

  • Hallo Thomas


    Gute Idee, dieser Thread. Habe das schon vermisst, seitdem Du den Zwilling "drüben" niccht mehr befüllst. (Ich selber lese ja mehr, als ich auf Lesungen bin.)


    Gruss


    sandhofer

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • Es gibt noch einiges aus den letzten Wochen nachzuberichten. Mein Job hat mich daran gehindert, diesen Thread nicht schon früher aufzumachen. Nora Gomringer, Peter Nadas und Zsusanna Gahse waren absolute Highlights in den letzten Wochen und in diesem Jahr insgesamt. Auch darüber schreibe ich noch was.

  • Das war ein merkwürdiger Abend. Jakob Augstein und sein Vater Martin Walser lesen aus ihrem Gesprächsbuch "Das Leben wortwörtlich". Ein 350 Seiten langes Gesprächsbuch. Man hätte sich am gestrigen Abend auch einfach über die dort behandelten Themen unterhalten können. Aber nein, beide lesen ihre eigenen Gespräche. Nach wenigen Minuten ist man irritiert, die reden gar nicht miteinander, sie lesen Texte, die wirken als seien sie nicht ihren eigenen Mündern entsprungen. Hölzern und konstruiert wirkt das alles. Da schaut man sich auch beim Lesen nie in die Augen, so weit sind Vater und Sohn voneinander entfernt. Der Inhalt der Lesestellen: Es geht um Liebe und es geht um Politik (der 60er). Augstein sieht sich als Ideengeber, als Konstrukteur für das Buch. Er bringt immer wieder kürzere und längere Zitate aus den verschiedenen Büchern seines Vaters, der sich dann 60 Jahre später nicht weiter verwunderlich über so manchen Satz wundert, den er fabriziert haben soll. Ich bin mir nicht sicher, ob man Walser in diesem Buch wirklich nahe kommen kann. Es soll auch Textstellen über den Tod geben, die hoffentlich nicht ganz so kühl und konstruiert wirken wie die vorgetragenen Textstellen. Die Tagebücher Walsers wirken in den Zitaten viel echter. 200 Zuhörer und ein Fernsehteam waren gestern in Stuttgart dabei.


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    Will man einem Menschen nahe kommen, dann greife man lieber zu Peter Nadas "Aufleuchtende Details", der sehr bewegend aus seiner Kindheit und Jugendzeit berichtet. Schon der Anfang schockiert (wenn auch nicht von ihm in der Lesung vorgetragen, aber man kann das bereits in der Leseprobe lesen), wenn er darüber berichtet, wie der Vater mit der Pistole vor seinen beiden Kindern stand und diese dann doch nicht mit in den Tod nahm. Nadas beschreibt ein Familienleben mit Hauspersonal, lässt auch kleinste Details über die Sonntagssuppe oder die Reinigung der Bettwäsche mit Spermaflecken nicht aus. Und schafft zugleich ein Panorama der Zeit. 1300 Seiten, die ich für eines der wichtigsten Bücher dieses Jahres halte.


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    Schöne Grüße, Thomas

  • Zwei Lyrikerinnen Nora Gomringer und Zsuzsanna Gahse wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten.


    Uelzen mit Zsuszanna Gahse. Wer kennt schon Uelzen? Eine Kleinstadt vor den Toren Hamburgs. Mit einem Bahnhof von Hundertwasser gestaltet. Man besuche die öffentlichen (kostenpflichtigen) Toiletten, denn gerade dort gibt es Hundertwasserkunstdetails zu bestaunen. In Uelzen sitzt auch die Werner-Bergengruen-Gesellschaft, ein wenig bekannter deutsch-baltischer Schriftsteller. Eine Jury vergibt jedes Jahr einen Preis, der 2017 an Zsuzsanna Gahse geht. Am Vorabend eine Lesung im Weinkeller. Als ich am Nachmittag in der Weinhandlung nach einer Karte frage, sagte man mir, dass das schwierig sei. Erst später bemerkte ich den norddeutschen Humor dieser Aussage. Ich entgegnete gleich, dass ich mir eine Karte zurücklegen habe lasse und so holte man diese aus dem Tresor. Sollte die Veranstaltung wirklich ausverkauft sein? Ich begab mich rechtzeitig in die Weinhandlung, in dessen Gewölbekeller, Raumhöhe nur etwas über 2m, der Boden mit Holzschnitzel ausgelegt, etwa 50 Stühle standen. Urgemütlich. Der schönste Leseort, den ich bisher hatte. Am Ende waren nur 20 Plätze besetzt. In diesem kleinen Kreis entspann sich eine besondere Atmosphäre zwischen der Autorin und dem Publikum. Gahses Gedichte sind nicht auf Reime angelegt, sie lassen sich fast wie kleine Geschichten lesen. Zwischendurch immer wieder hilfreiche Erläuterungen. Über ihre "Donauwürfel", ein Fluss, den Gahse beeindruckt und den sie literarisch in eine 10 Silben - 10 Zeilenform gegossen hat. Ganz ungeplant gab es dann auch noch eine Lesestelle aus ihrem Roman "Oh, Roman", der leichter konsumierbar ist als ihre Gedichte, die zum Innehalten auffordern. Sie hat auch Esterhazy aus dem Ungarischen übersetzt, oder Peter Nadas, dessen Fotoband ich (von Nadas) signiert dabei habe. Sie hat die Texte dazu ins Deutsche übertragen.


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    Schifferstadt mit Nora Gomringer. Wer kennt schon Schifferstadt? Eine Kleinstadt in der Pfalz, die als deutsche Hochburg des Ringens von sich Reden gemacht hat. Ein kleiner Kuturverein hat es geschafft, Nora Gomringer in eine alte Scheune zu einer Lesung einzuladen. Sehr privater Rahmen mit vielleicht 50 Zuhörern. Gomringer muss man als Leserin erleben, das ist auch der Grund, weshalb ihren Büchern von ihr selbstbesprochene CDs beigelegt werden. Gomringer liest nicht nur, sie spielt ihre Gedichte, sie lautmalert sie. Da kann es dann schon mal eine halbe Minute dauern bis das Wort "langsam" fertig ausgesprochen wird. Ihre Gedichte sind nah am Leben, relativ leicht zu verstehen, ohne allzu viel doppelten Boden. Dennoch oft überraschend. Sie leitet ein Künstlerhaus in Bamberg und schreibt über vielfältige Themen. Für die katholische Kirche schreibt sie Gebete, für einen Schulbuchverlag ein dreiteiliges Gedicht über den Holocaust. Viele ihrer Bände sind in Zusammenarbeit mit einem Illustrator entstanden. Sie lässt keine Themen aus, das Gedicht über den weiblichen Uterus hat ein Gynäkologe gekauft und an seine Praxisdecke pinseln lassen, so dass Frauen nun während der Untersuchung diese ironisch-respektvollen Zeilen lesen können. Oder ein Paartherapeut, der zwei Zeilen eines Paargedichtes an die Wand anbrachte und nun jedes Jahr ein Paar mit dem Sofa davor fotografiert und dieses Foto dann an Frau Gomringer schickt. Sie wechselt die Sujets. Moden, Krankheiten. Eines ihrer Gedichte war Abitur(wahl-)thema. Die meisten Schüler haben dann doch lieber Goethe gewählt. Eine Schülerin rief an und fragte, ob sie das denn richtig interpretiert habe. Gomringer war ganz begeistert. Und rief dann im Kultusministerium an, denn eine Musterlösung war nicht zuvor mit ihr abgesprochen. Und ein kleines Filmchen gab es auch noch. Eine Schriftstellerin, die ich unbedingt live empfehle.


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  • Hallo klassikfreund,


    deine Berichte sind eine Bereicherung! :klatschen:


    Die Lesungen mit Jakob Augstein und sein Vater Martin Walser (Buch interessiert mich) und die Lebenserinnerungen von Peter Nadas (gekauft) haben meine Aufmerksam geweckt.


    Gruß,
    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

  • Der Newsletter der litcologne meldet, dass bis zum Mittag bereits über 40.000 der 116.000 Karten verkauft worden seien. Da sage noch einer, Literatur würde in der breiten Bevölkerung nicht auf Interesse stoßen. Bin dann dennoch froh, dass es immer wieder Lesungen gibt, bei denen gerade mal 20 Leute dabei sein wollen. Ich habe mir übrigens eine einzige Karte gegönnt. Paul Nizon. Das wird sehr spannend.

  • Das war gestern noch mal ein besonderer Jahresabschluss meines Lesungsjahrs 2017. Stuttgarter Literaturhaus. Es ging um Wendelin Niedlich. Bis 1998 betrieb wer wohl einen der ungewöhnlichsten Buchläden in Deutschland. Zunächst gab es einen SWR-Film von 1990 zu sehen, der diesen buchverrückten Händler, der seine Rechnungen immer "fast pünktlich" bezahltem, aber eben nur fast ;-), eindrucksvoll portraitierte. Ein Buchhändler, der nur Bücher verkaufte hinter denen er stand. Im Anschluss gab es ein Gespräch mit vier Teilnehmern, die ihn persönlich kennen. Ursprünglich war hier Sibylle Lewitscharoff und der Künstler Friedrich Meckseper angekündigt, die leider erkrankt waren (sehr ärgerlich, da ich noch einige schöne Bände zum Signieren dabei hatte). Die "Ersatzkandidaten" Hannelore Schlaffer, Friedrich Schirmer, Jan Peter Tripp sowie einer Moderatorin waren jedoch sehr unterhaltsam, ja es entbrannte gar ein regelrechter Kleinkrieg auf der Bühne, wie denn nun Niedlich zu sehen sei. Schirmer konstatierte, dass Niedlich seinen Beruf verfehlt habe, denn er wollte eigentlich seine Bücher gar nicht verkaufen. Das bestätigte auch die Moderatorin, die als junge Studentin doch Schwierigkeiten hatte, dass von ihr gewünschte Buch auch übergeben zu bekommen. Der Laden war vollgestopft mit Bücherstapeln. Schlaffer erhob das zur "Kunst", sein langjähriger Mitbewohner und Künstler Trapp nannte es einfach "Schlamperei". Walter Jens gab dort unentgeltliche Lesungen, da war der kleine Laden dann zum Bersten voll, Frau Schlaffer berichtete jedoch von anderen Veranstaltungen mit Marcel Beyer, die kaum angenommen wurden. Ein sehr unterhaltsamer Abend.


    Nun ist es Zeit, Bilanz für 2017 zu ziehen:


    Besuchte Lesungen: 52
    Buchmesse Autoren-Kontakte: 41
    Signierte Bücher (2017): 55
    Signierte Blätter im Fotoalbum (nur 2017): 56
    Signaturen im Ohlbaum-Bildband: 104 (+13)
    Signaturen im Mangoldt-Bildband: 87 (+12)
    Signaturen im Koelbl-Bildband: 11 (+7)
    Signaturen Barbara Klemm-Bildband: 3 (+1)
    Signaturen im Abireden-Band: 4 (+4)
    Signaturen im "Erstes-Buch"-Band: 12 (+12)
    Signaturen in Leseproben Deutscher Buchpreis 2017: 13


    Mein Kalender mit Lesungen für 2018 ist schon äußerst gut gefüllt. Auf die folgenden Berichte könnt ihr Euch freuen (in alphabetischer, nicht chronologischer Reihenfolge):
    Irene Dische
    Doris Dörrie
    Arno Geiger
    Wilhelm Genazino
    Felicitas Hoppe
    Daniel Kehlmann
    Martin Mosebach
    Paul Nizon
    Peter Stamm
    Adam Zagajewski
    Matthias Zschokke


    Schöne Grüße, Thomas