Beiträge von Karamzin

    Von Dante Alighieri habe ich eine zweisprachige Ausgabe: La Commedia. Die Göttliche Komödie. III Paradiso / Paradis. In Prosa übersetzt und kommentiert von Hartmut Köhler. Philipp Reclam jun. Stuttgart 2012.


    In Insel-Verlag erschien: Francesco Petrarca: Canzoniere. Rerum vulgarium fragmenta. Zweisprachige Ausgabe. Ausgewählt und aus dem Italienischen übersetzt von Karlheinz Stierle. Insel Verlag. Berlin 2011.



    In der DDR kostete 9,60 Mark, wie dem Schutzumschlag zu entnehmen ist und typisch für das Verlegen ansprechend ausgestatteter Klassiker-Ausgaben war:


    Francesco Petrarca: Dichtung und Prosa. Herausgegeben von Horst Heintze. Rütten & Loening. Berlin 1968.


    Schließlich handelt es sich zwar nicht um Belletristik, aber um ein sehr einflussreiches Buch von Cesare Beccaria (1738-1794) aus dem Jahr 1764, das die europäischen Verfechter von Todesstrafe und Folter in argumentative Bedrängnis brachte. Der katholische Klerus brachte dieses Werk auf den Index, noch 1871 wurde sein Autor als "gottloser" Literat bezeichnet, dessen Denkmal in Mailand niedergerissen werden sollte. Die Kaiserin Katharina II. nutzte das Buch zusammen mit Montesquieus Werk "De L'Esprit des lois" für ihre Instruktion für die Gesetzgebende Versammlung von 1767, in Frankreich wurde diese von der Zensur verboten.


    Cesare Beccaria: Dei delitti e delle pene. Milano 1994.


    Karl Ferdinand Hommel: Des Herrn Marquis von Beccaria unsterbliches Werk von Verbrechen und Strafen. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von John Lekschas (Philosophische Studientexte). Akademie-Verlag. Berlin 1966.


    Bei dem Übersetzer, dem Leipziger Strafrechtslehrer Karl Ferdinand Hommel (1722-1781), hörte der Student Johann Wolfgang Goethe.

    Die Italiener Mantegna und Bellini waren Zeitgenossen in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts und miteinander verwandt. Sie arbeiteten zusammen, wurden aber auch Konkurrenten und entwickelten unterschiedliche Malstile. Die Nationalgalerie besitzt eine reichhaltige Sammlung von Gemälden der italienischen Renaissance. Dieser gemeinsam mit britischen Ausstellern gestaltete Gemäldevergleich wird für uns ein ästhetischer Genuss und lehrreich sein.

    https://www.smb.museum/ausstel…AVHryCezTf9BW9N8GSqD8hHt4

    Hallo Jaqui ,


    ich habe das Tagebuch des Peter Hagendorf (1601-1679) über die Jahre 1625-1649 (also noch ein Jahr nach Friedensschluss) in der gedruckten Ausgabe gelesen, die Jan Peters (1932-2011) herausgegeben hatte, der in der Familie eines antifaschistischen Emigranten in Schweden aufgewachsen war, an der Akademie der Wissenschaften in Berlin ("Die alten Schweden" 1981) bis 1991 gearbeitet hatte, die dann "abgewickelt" wurde, und in Potsdam weiter an einem Projekt arbeiten durfte: der Erforschung von Selbstzeugnissen einfacher Menschen, von denen es im 17. Jahrhundert nur wenige gab. So:


    Peter Hagendorf: Tagebuch eines Söldners aus dem Dreißigjährigen Krieg. Göttingen 2012.


    In Österreich könnte man das Buch eventuell über Fernleihe bestellen.

    Das Digitalisat aber gibt die Handschrift wieder, deren Lektüre dann einige Fertigkeiten im Lesen alter Handschriften abverlangen dürfte:

    https://digital.staatsbiblioth…1&PHYSID=PHYS_0001&DMDID=

    Ich habe auch die weiteren Bemerkungen darunter noch gar nicht gelesen und mich in den Seume-Thread veriirrt - mache mal sicher eine Pause, ich kann jetzt sowieso keine Ruhe finden.



    Hallo Zefira ,

    als sich Goethe mit Schiller zusammentat, um in den "Xenien" zahlreiche seiner Zeitgenossen zu verspotten, war er noch nicht fünfzig Jahre, Schiller noch nicht vierzig Jahre alt. Sicher fühlten sich etliche dieser Schriftsteller ungerecht behandelt. Goethe und Schiller nahmen vor allem diejenigen Literaten aufs Korn, die ihrer Ansicht nach zu leichte Kost boten, also Aufklärungsschriftsteller, die leicht eingängige Antworten zu bieten schienen, wie zum Beispiel Friedrich Nicolai in Berlin.

    Das von Dir zitierte Gedicht findet sich in einem Alterswerk, den "Zahmen Xenien", die 1827 in einer Gedichtausgabe "Letzter Hand" erschienen. Da war Goethe 78 Jahre alt. König Lear war ein Narr, wenn er von seinen Kindern bedingungslose Liebe verlangte. Hat sich aber nicht auch Goethe wie ein Narr verhalten, als er 1823 um die Hand der 16jährigen Ulrike von Levetzow anhielt?

    In diesem Gedicht geht es fast knittelvers-mäßig zu, wie in Goethes Jugendwerk, wenn ich weiter unten die "tiefe" Zeile wiederfand, die mir tatsächlich immer wieder einfiel und ich nicht mehr wusste, woher ich sie kannte:

    "Manches können wir nicht verstehen, lebt nur so fort, es wird schon gehn".


    Damals als "aggressiv" empfundene Xenien, im Alter "Zahme Xenien":


    wer literarisch an die Öffentlichkeit trat, musste auch Spott einstecken können, wenn das auch damals die wenigsten konnten.

    Wie sehr stechen aber diese heute relativ harmlos anmutenden Auseinandersetzungen



    - das Phänomen der "Lohnschreiberei" hatte ja einen ziemlich ernsten Hintergrund, die wenigsten konnten sich als "freie Schriftsteller" auf dem literarischen Markt behaupten, sieh die Diskussionen hier im Forum über Johann Gottfried Seume und seine Wanderstiefel - und selbst bei den Weimarer Dioskuren machte es einen Unterschied, ob man 4000 Taler Einkünfte hatte oder 200 und so ein adeliges Frählein heimführen wollte -


    stechen diese Sticheleien ab von dem heutigen Hass, der Forderung nach eindeutiger Parteinahme in einer komplexen Welt mit schwer verständlichen Zusammenhängen, die vielfältige Antworten zulässt, aber man muss sich in bestimmten Medien unter "links" oder "rechts", "grün" oder "Nazi" eingeordnet sehen,


    nein, also flüchtet man im Alter, wenn man noch kann, in Zeiten, in denen es einen derartigen Hass noch nicht gab.


    Oder doch schon? Viel von diesem vernichtenden Haß, der auch die literarische Welt erfasste, brachte die Französische Revolution mit sich. 1793 wurde Caroline Böhmer, die mit dem Mainzer Revolutionär Georg Forster verheiratet war, zusammen mit anderen Frauen lediglich ihrer vermuteten Gesinnung wegen auf einer Festung eingesperrt, der junge August Wilhelm von Schlegel versuchte sie dort herauszuholen. Goethe hat beschrieben, wie der Mob einen Mainzer Revolutionär schlug und mißhandelte, bis der Weimarer Staatsmann selbst einschritt.


    Oder in Nantes lässt 1793 ein wildgewordener Revolutionär (Carrier) tausende unschuldige Opfer in den Fluss werfen, Stefan Zweig schildert, wie ein umgedrehter Oratorianerpriester (Fouche) zum "Mitrailleur von Lyon" wurde und Tausende wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schicht eiskalt erschießen ließ.


    Ich weiß, man könnte sagen, ein Linker in der Jugendzeit arbeitet sich im Alter, konservativ geworden, an den Revolutionslegenden der DDR-Zeit ab, in der ein Marat zum Volkshelden erhoben wurde, der sich in seinen Aufrufen als "Volksfreund" nicht mit 10000 zu Tötenden zufrieden gab, sondern lieber noch ein paar Nullen anhing.


    (Das ist jetzt die Goethezeit, 1793 schrieb er den "Reineke Fuchs")


    "Mein" Karamzin hatte einen einzigen Gegner (außer relativ harmlosen literarischen Neidern, mit denen er gar nicht erst die Klingen kreuzen wollte), einen feindlich Gesinnten, der ihn richtig übel politisch als "Jakobiner" und "Franzosenfreund" kurz vor dem Einfall Napoleons 1812 beim Zaren anschwärzte - Karamzin ließ sich später mit ihm an der Tafel nieder und sah, wie Fürst Pavel Golenischtschew-Kutuzow derart beschämt mächtig ins Schwitzen kam.



    1827 war Goethe, in der "Biedermeierzeit" vor der nächsten Revolution, altersmilde, er hörte schon in England die Lokomotiven keuchen und atmet hier noch den Geruch der Pflaume ein.


    Aber man lasse sich auch nicht gänzlich täuschen: er teilte auch noch aus und konnte sich das als gefeierter Schriftsteller leisten, vor dem sich die Kleists, Hölderlins und Heines wegducken mussten.


    Es geht bald weiter mit den nächsten Kapiteln Otfried Höffes, mein reales Leben hält, wie hier schon angedeutet, vieles bereit, das dem Alternden einige Bewegung abverlangt.

    @JH Newman

    Otfried Höffe beginnt sein Buch mit Überlegungen, die Du ebenfalls anstellst.


    Alter und Altern hätten in der Öffentlichkeit bisher kaum die nötige Aufmerksamkeit gefunden. Durch den „demographischen Wandel“ würden aber diese Themen verstärkt beachtet. „Die Philosophie meldet sich aber immer noch kaum zu Wort“ (S. 11).


    Die Leitfrage Höffes lautet: Gibt es eine „Kunst“ des Alterns ? Dabei ist unter „Kunst“ nicht künstlerisches Schaffen zu verstehen, sondern das „Können“, die Fähigkeit der konstruktiven Lebensbewältigung.


    Höffe wendet sich vehement gegen die Übermacht der Ökonomie, die den alternden Menschen nur zum Gegenstand finanzieller Geschäfte degradiert. Das anglophone Gequatsche des Managements mache sich auch auf diesem Gebiet überaus lästig bemerkbar, die Management-Sprache und BWL-Mentalität bringe solche Wortungetüme hervor, wie den „Effizienzpakt“ (beschönigend für Einsparungen) und gewissermaßen als Krönung das „sozialverträgliche Frühableben“. Einer der ersten literarisch-belletristischen Ausflüge Otfried Höffes bezieht sich auf Gogols „Die Nase“, in der ein Arzt beteuert, er habe keine finanziellen Interessen. So etwas könnten aber heute nur reiche Erben oder Geldspekulanten von sich sagen, auch Ärzte sind natürlich auf angemessene finanzielle Zuwendungen angewiesen.


    Höffe geht auf drei philosophische Altersdiskurse ein: 1. Die Ethik des glücklich-gelungenen Lebens, wie sie etwa in Kants Grundlegung zur Metaphysik der Sitten entwickelt wurde, 2.) die Ethik der moralischen Anforderungen, die Ethik des „kollektiven Wohls“, wie sie etwa bei John Stuart Mill und im britischen Utilitarismus zum Ausdruck kam, sowie 3.) die Moralkritik, wie sie radikal von Friedrich Nietzsche geäußert wurde. Der erste beträfe die „eudaimonistische Altersethik“ als Lebenskunst, die deontologische Altersethik frage als zweites danach, wie alte Menschen behandelt werden sollten, die Kritik beträfe negative Altersbilder.


    Philosophie und Medizin sollten im Sinne des „Arist-o-crates“ kooperieren: des „Aristo-teles“ sowie des „Crates“ = Hippokrates (S. 22). Gar nicht selten gäbe es eine Personalunion, eine Doppelbegabung als Arzt und als Philosoph zugleich, wie bei dem legendenumwobenen Empedokles in der Antike.

    Besonders im islamischen Bereich des Mittelalters sei häufig die Einheit von Körper und Geist betont worden, so von Ibn Sina (Avicenna) 1027, dem Leibarzt Ab Bahr Ibn Tufail und Ibn Ruschd (Averroes). Marsilius von Padua, der Autor eines Friedensvorschlages im 14. Jahrhundert, Paracelus, der sogar behauptete, seine Patienten zu lieben, und John Locke waren Ärzte und Philosophen zugleich (bei letzterem hatte ich zuerst die Pädagogik und Erkenntnistheorie im Auge, nicht sogleich seine Tätigkeit als Arzt).


    Gerade Avicenna und Averroes, möchte ich hinzufügen, wurden von dem aus Glauchau stammenden späteren Chemnitzer Bürgermeister, dem Arzt und Begründer dreier Geowissenschaften (Geologie, Mineralogie, Hüttenkunde) Georg Agricola (1494-1555) intensiv studiert, der sich dem Menschen wie dem einträglichen Bergbau seiner sächsischen Heimat gleichermaßen zuwandte und überaus ausgeglichen schrieb.

    Die Ärzte hätten sich von drei Maximen leiten zu lassen: dem Patientenwohl und der Schadensminimierung (wie sie im Eid des Hippokrates festgehalten sind), dann aber auch in neuester Zeit der Selbstbestimmung des Patienten.


    Diese Formulierung Höffes hat mich gerade in meiner jetzigen Situation berührt:


    ... Dazu zählt keine diagnostische und therapeutische Allwissenheit, wohl aber die Pflicht zur ständigen Fortbildung. Der Arzt muss nicht, wie Paracelsus behauptet, um den Patienten heilen zu können, ihn lieben. Unverzichtbar sind aber Verständnis und Einfühlungsvermögen, Gesprächsbereitschaft und Geduld, die Fähigkeit, zuzuhören und Mut zu machen, sowie die Bereitschaft, menschlich-seelische Probleme nicht bloß zu ‚somatisieren‘. Angst und Hoffnungslosigkeit verdienen mehr, als zu einer Depression etikettiert zu werden, die mit Psychopharmaka schon optimal behandelt werde.“ (S. 26)


    Es tut jetzt gut, so etwas zu lesen.

    In letzter Zeit gibt es in meiner unmittelbaren Umgebung Lebensereignisse, die tief eingreifen, mich sehr in Anspruch nehmen und zur Konzentration veranlassen. Daher kann ich an den meisten Diskussionen, die hier im Forum laufen, nicht teilnehmen.


    Doch ein Buch lenkt mich gar nicht von diesen Umständen ab, sondern führt auf eine mich angenehm berührende Weise an sie heran:


    Otfried Höffe. Die hohe Kunst des Alterns. Kleine Philosophie des guten Lebens. C. H. Beck Verlag. München 2018. 217 Seiten.


    Ich werde bald mehr dazu schreiben. Und vielleicht kommen wir über dieses Buch wieder ins Gespräch.


    Es gab bereits mehrere Rundfunkinterviews mit dem Autor Otfried Höffe, einem der herausragenden deutschen Philosophen der Gegenwart, der über Aristoteles und Kant geschrieben hat.

    Doch an die Philosophie wird auch der Anspruch herangetragen, nicht nur Klassiker zu interpretieren, sondern auch Hilfe für das Nachdenken über die Lebensgestaltung anzubieten.

    Zu DDR-Zeiten gab es zum Beispiel nur eine Lehrstuhlinhaberin, die die Kombination Philosophie und Medizin vertrat und auch dadurch zu überzeugen suchte, dass sie drei Kinder aufzog. Dabei war der Bedarf an Information über die Grenzbereiche des menschlichen Lebens und Sterbens gerade in einer vorwiegend nichtreligiösen Gesellschaft riesig (biologische Einflüsse auf die individuelle Entwicklung, Schwangerschaftsabbruch, geistige und körperliche Behinderung, würdevolles Altern, selbstbestimmtes Sterben).

    Doch waren das Tabuthemen, weil ja der durch die sozialistische Erziehung zu formende, immer im Kollektiv ohne ausgeprägten Anspruch auf Individualität lebende Mensch vor 1989 nach dem Willen der Partei gar nicht über solche Themen nachzudenken hatte. Einen Teil des Diskussionsbedarfs fing angesichts des Mangels einer relativ unabhängigen literarischen Öffentlichkeit die schöne Literatur auf (Christa Wolf, Brigitte Reimann, Maxi Wander), doch waren die Autorinnen oft selbst ratlos, traumatisiert oder unsicher, um wirksame Lebenshilfe vermitteln zu können.


    Geistreiche Plaudereien in den Medien sind vielleicht einmal unterhaltend, aber beim Altern, mit dem gemeinhin die Themen Krankheit und Tod verbunden werden, geht es um eine sehr viele Menschen ernsthaft berührende Problematik. Otfried Höffe führt in einer Auswahl das an, was Denker seit der Antike darüber gesagt haben, die Ergebnisse der modernen Medizin und der Alternsforschung werden herangezogen.

    Im Grunde war ich schon sehr früh, seit der Kindheit, mit dieser Problematik in der Lebensumgebung konfrontiert und habe eine große Menge an Literatur konsumiert, die allerdings oft Ratlosigkeit hinterließ.


    Zur Einführung vielleicht die folgende Rezension:


    http://www.informationsmittel-…n.de/showfile.php?id=9541


    Ich möchte mir mit Euch einmal ansehen, wie Otfried Höffe über das Altern nachdenkt.

    Man darf sich nicht vorstellen, dass Theodor Fontane die Mark Brandenburg tatsächlich zu Fuß durchstreifte, wie das Rousseau, Goethe oder Karl Philipp Moritz in anderen Territorien taten. Im Frühjahr 1981 hatte ich tatsächlich die Gelegenheit, als Fußgänger die märkischen Landschaften auf den Spuren Fontanes zu durchlaufen. Die Landkarten waren ungenau. Mitunter lagerten am Wegesrand Gruppen sowjetischer Soldaten und Offiziere, die dort ihre Übungen abhielten. Zumeist konnte ich mich erst dann mit den einfachen Soldaten auf Russisch unterhalten, wenn ich zuvor den Dienstältesten angesprochen hatte.


    Fontanes "Wanderungen" sind vor allem Streifzüge durch die Geschichte der Schlösser und Gutshöfe sowie Berichte über die Geschlechter, die sie bewohnten, keine Landschaftsschilderungen

    D'Aprile war zuvor vor allem auch in der Aufklärungsforschung tätig. Ich habe mir vorgenommen, diese Biographie zu lesen.


    Zuvor war es die von einer Germanistin verfasste Biographie:


    Regina Dieterle: Theodor Fontane. Biografie. Carl Hanser Verlag, München 2018. 832 S.


    Wenn ich sie hier durchaus empfehle, dann in dem Bewusstsein, dass jeder etwas anderes bei Fontane suchen mag. Man ist es schon gewohnt, dass die Verlage bei runden Jubiläen so richtig aufdrehen. Während das Lutherjahr 2017 durch die schon 2012 erschienene Biographie von Heinz Schilling bestens bedient worden war, ließ mich das Marx-Jahr 2018 weitgehend kalt, weil die Beschäftigung mit diesem Mann schon Jahrzehnte zuvor lange und intensiv betrieben worden war und jetzt nur für mich Nuancen wahrzunehmen waren.


    Für das Fontane-Jahr nehme ich mir vor, zum ersten Mal seit 1995 wieder "Vor dem Sturm" zu lesen, da freue ich mich schon darauf. Zu "Stine" und "L'Adultera" gab es in diesem Forum vor Jahren Leserunden, aber das werde ich wohl jetzt allein betreiben, weil es bei diesem umfangreichen Roman nicht gelingen dürfte, irgendwie synchrones Lesen mit anderen hineinzubekommen, was bei einem relativ kurzen Werk wie der "Stine" möglich war, und ich eher gewohnt bin, allein zu lesen.

    Ich entsinne mich, Huxley im Jahr 1988 in einer in Leipzig erschienenen Reclam-Ausgabe, also vor mehr als dreißig Jahren, in Südthüringen gelesen zu haben. Ich kannte zu jener Zeit keinen BRD-Bürger persönlich und sah in der Woche kein Westfernsehen, weil ich gar keinen Fernseher hatte. Doch lebte ich viele Monate in der Sowjetunion, in der einst Samjatin gewirkt hatte, und dort begannen jetzt "Perestrojka" und "Glasnost". Aldous Huxley schien also in der DDR eher ungefährlich zu sein, er wurde zum Lesen zugelassen, da seine "schöne neue Welt" scheinbar eine Kritik an Auswüchsen des 'gegnerischen Westens' enthielt. Außerdem war die Zensur 1988 schon keineswegs ein Monolith mehr, sondern bereits in zahlreichen Verlagen durchsetzt von Reformern und Anhängern der Perestrojka, was die "kehrenden Besen" der Jahre 1990-1993 nicht mehr wahrhaben wollten, die alle damaligen Reformansätze undifferenziert auf den Müllhaufen der Geschichte befördern wollten.


    Orwells "1984" hingegen war in der DDR verboten, aus gutem Grund natürlich, denn es griff wie kaum ein anderes Buch jener Art die Grundlagen der Gesellschaftsordnung an, und dafür hatte die Parteiführung ein untrügliches Gespür. Elemente der "Brave New World" gab es durchaus in der Realität, die uns umgab. Das 'Soma' gab es, und die schönen einlullenden Lieder der Partei und der Freien Deutschen Jugend (..."rums und bums und Ford und Spaß, Mädchen Jungs aus einem Glas" habe ich heute noch im Gedächtnis abgespeichert), von denen ich eines in einem Beitrag für eine 2019 erscheinende Festschrift zum Jubiläum meiner damaligen Schule wörtlich wiedergebe: "Das Wunderland" von Johannes R. Becher, dem "größten Dichter des deutschen Volkes", wie es damals hieß, das der Schulchor zu singen hatte, das schon damals hymnisch-entrückt klang und in dem allerdings für einige Zeit noch der Begriff "Deutschland" verwendet werden durfte, als schon unsere Nationalhymne nicht mehr gesungen werden durfte.


    Die Lektüre eines solchen Buches war nicht nur Zeitvertreib oder Analyse eines literarischen Werkes aus sicherem räumlichen Abstand heraus. Gleichzeitig las ich 1988 von Landolf Scherzer "Der Erste", eine Gegenwarts-Reportage über den Ersten Sekretär der Partei im Kreis Bad Salzungen in Südthüringen, der sich den Allerwertesten aufriß und sich den Herzinfarkt holte, um ein normales Leben in seinem Kreis noch aufrecht zu erhalten, der aber angesichts der nicht aufzubrechenden Strukturen in der Endzeit des realsozialistischen Systems ununterbrochen an seine Grenzen stieß - der eine Teil der Bevölkerung folgte ihm noch, überzeugt, zweifelnd oder schon verzweifelt, andere hatten sich bereits aus dem System verabschiedet.


    Belletristik hatte in der DDR zu jener Zeit eine andere Funktion als heute. Dieses kaum vereinbare Gemisch meiner Lektüre von Huxley, dessen tiefe Traurigkeit, etwa mit der Selbstmordszene, ansteckend wirkte (ob der Autor selbst schmunzelte, sei dahingestellt), und des Buches von Landolf Scherzer wirkte auf mich ein halbes Jahr vor den Ereignissen auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking (die durchaus bei uns Realität werden konnten), vor dem letzten Parteitag der USAP in Ungarn, auf dem die Teilnehmer nicht mehr die Internationale sangen, sondern ihre traditionsreiche Nationalhymne, vor dem Sieg des Runden Tisches im benachbarten Polen und vor all den Ereignissen ein Jahr später im Anschluss an die Montagsdemonstrationen in Leipzig, von denen ich die zweite selbst erlebte ...

    In der zweiten Jahreshälfte 1988 erfasste eine große Angst Teile der Gesellschaft, die bisher gewohnt war, dass das Kollektiv und nicht der Einzelne im Mittelpunkt stand, weil man zwar wusste, dass sich unbedingt sehr bald etwas ändern müsse, aber nicht im geringsten ahnen konnte, was da geschehen könnte.

    Mit diesem längeren Erguß hier, in dem ich nicht auf Einzelheiten des Romans, seiner Figuren und seiner Gestaltungsweise eingegangen bin - dazu müsste ich tatsächlich das Buch wieder in die Hand nehmen -, wollte ich nur darauf aufmerksam machen, dass solch ein Roman durchaus als Text zum Verständnis der realen Umwelt, nicht nur einer literarischen Fiktion, gelesen werden konnte. Und wenn ich heute Huxley wieder zur Hand nehmen würde, stellte ich fest: Ihr wisst gar nicht, in welcher Geschwindigkeit Ihr Euch damaligen Verhältnissen mit dem Versuch einer Durchsetzung monolithischer Macht und Deutungspoheit nähert, dieweilen ein großer Teil der Bevölkerung durch populäre, in den Massenmedien dargebotene Formate in den Bann geschlagen wird. Aber es gibt das Internet, von dem niemand etwas ahnen konnte, niemand hatte 1988 einen privaten Computer, und jetzt schreibe ich etwas in diesem Medium, während damals mit der Schreibmaschine verfasste Texte in mehrfacher Ausfertigung notdürftig durch "Tipp-Ex" korrigiert und mit Schere und Leim einer druckfertigen Fassung zugeführt wurden.

    Das war nun eine Lesung zu einem historischen Thema, nicht aus dem Bereich der Belletristik. Doch wurde hier in verschiedenen Diskussionssträngen auch auf solche Bücher eingegangen.


    Sergej Slutsch/Carola Tischler (Hrsg.): Deutschland und die Sowjetunion 1933-1941. Bd. 2: 1935 – April 1937.



    De Gruyter, 2018.


    Am 29. November 2018 wurde in einem voll besetzten Saal im Ministerium für auswärtige Angelegenheiten der BRD in Berlin, das im östlichen Teil Berlins in den letzten Jahren ein prunkvoll-protziges Innere erhalten hatte,

    der zweite Band der Dokumentenreihe „Deutschland und die Sowjetunion 1933-1941“ vorgestellt, der auf mehr als 1300 Seiten etwa 600 Dokumente über den Zeitraum 1935 bis April 1937, die meisten von ihnen erstmals präsentiert. Träger des Projekts von deutscher Seite ist die Behörde der Ministerin M. Grütters.


    Die gespannte Zeitlage wurde darin erkennbar, dass keine hochrangigen russischen Diplomaten eingeladen worden waren. Und auf der anderen Seite ist der Zugang zu etlichen russischen Archivalien noch/wieder versperrt.

    Im Publikum saßen viele, die noch die Erforschung der deutsch-sowjetischen Beziehungen in den Jahrzehnten vor dem Mauerfall 1989 miterlebt hatten.

    Es moderierten der Historiker Andreas Wirsching vom Institut für Zeitgeschichte und der auch aus Talkshows bekannte, an der Humboldt-Universität zeitweise von bestimmten Gruppierungen heftig angefeindete Russland-Historiker Jörg Baberowski, der sich u. a. mit stalinistischem Terror beschäftigt hat.

    Die Herausgeber des Bandes, der russische Archivkenner Sergej Slutsch und die Historikerin Carola Tischler, stellten den von ihnen mit Hilfe des unermüdlichen Sachkenners Lothar Kölm gestalteten Band als ein Gemeinschaftswerk vor, diskutierten zu viert auf dem Podium und stellten sich den Fragen aus dem Publikum.


    Die Frage nach der Aktualität knisterte im Raum. Wieder beeinflussen ideologische Gründe die Beziehungen der Länder.

    Zur Vorgeschichte:

    1922 waren die beiden „Parias“ in Europa, das Deutschland der Weimarer Republik, dem die stark belastenden Bedingungen des Vertrages von Versailles auferlegt worden waren, und die Sowjetunion, die im Verdacht stand, die Weltrevolution exportieren zu wollen, einander näher gekommen und schlossen den Rapallo-Vertrag ab.

    Auch nach 1933, der Machtübertragung an Hitler und die Nationalsozialisten, wurden trotz aller ideologischen Feindseligkeit die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern und die Zusammenarbeit zwischen Wehrmacht und Roter Armee fortgesetzt, war man in beiden Ländern bestrebt, jenseits ideologischer Barrieren eine pragmatische Politik zu betreiben.

    Die Annäherung an die Westmächte, die in der Sowjetunion, die erst 1934 dem Völkerbund beigetreten war und 1935 als Volksfrontpolitik erschien (mit Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger u.a., Pariser Letitia-Kreis), wurde vor allem von dem sowjetischen Volkskommissar Maxim Litwinow vorangetrieben. Doch hatte immer Stalin im Hintergrund das Sagen, eine eigenständige Politik solcher sowjetischer Diplomaten war undenkbar. Stalin und seine engsten Mitarbeiter lasen "Mein Kampf" und machten Randbemerkungen.


    Aus dem Publikum wurde angemerkt, dass man doch hätte erkennen können, worauf Hitlers annexionistische Pläne und die Absicht der Judenvernichtung hinausliefen - für meine Begriffe wird hier allerdings zu sehr aus der Kenntnis des später Geschehenen geurteilt. Vor 1939 hätten sich noch andere Konstellationen ergeben können, das Kommende war nicht zwingend vorherbestimmt.


    Im deutschen auswärtigen Dienst waren Diplomaten wie Rudolf Nadolny (1873-1953) tätig, die in traditioneller Weise ihren Geschäften nachgehen wollten, ohne sich von der nationalsozialistischen Ideologie treiben zu lassen. Botschafter von der Schulenburg, später Opfer des 20. Juli 1944, hatte zu dieser Zeit Hitlers Vorstellungen gefolgsam umzusetzen, wie er wirklich dachte, lassen die Dokumente jener Zeit nicht erkennen.


    Noch war in diesem Zeitraum nicht absehbar, dass der deutsche Nationalsozialismus Verderben über die Völker Europas und weitere Erdteile bringen würde. Doch die Unruhe in Europa nahm zu. Hitlerdeutschland griff an der Seite des spanischen Diktators Franco in den spanischen Bürgerkrieg ein.

    Volkskommissar Maxim Litwinow, jüdischer Herkunft, sollte für Stalin dann nicht mehr tragbar sein, als es 1939 an die Herstellung einer Übereinkunft mit Hitler gehen sollte, und er ersetzte ihn durch den treuen Gefolgsmann Molotow. Litwinow starb noch eines natürlichen Todes, doch die meisten Akteure auf sowjetischer Seite wurden wenige Jahre später umgebracht. Das tödliche Ringen im „Weltanschauungskrieg“ nach dem 22. Juni 1941 sollte seinen Lauf nehmen, wir aber können auf den nächsten und letzten Band warten, den sich mit seinen knapp unter 200 Euro allerdings auch kaum ein Sterblicher wird leisten können.

    Hallo Volker ,


    Dein etwas missglückter Einkaufsversuch weist darauf an, dass wir in unseren Landen beträchtliche Mentalitätsunterschiede haben. Einem Nord- oder Mitteldeutschen wird es nur schwer fallen oder nicht gelingen, das im Süden alltägliche "Grüß Gott" über die Lippen zu bringen.


    1992 saß ich mit meiner Frau in einem Regionalzug von der Höhe des Schwarzwaldes hinab nach Freiburg. Hinter uns drei einheimische Frauen. Eine versetzte in ihrem Badener Dialekt: "Jetzt kommen die ganzen Neger, Zigeuner und Ostdeutschen zu uns!" Mit letzteren waren wohl wir Bewohner der ehemaligen DDR gemeint. Wir waren ganz still geworden. So wurden wir als die Ortsfremden wohl eingeordnet.



    Dann fiel mir noch die folgende literaturkritische Betrachtung über die Nostalgie in die Hände. An Nostalgie finde ich an sich nicht Schlimmes. Wir Älteren werden oft sagen, dass wir bessere Zeiten erlebt haben.


    Hier scheint mir einiges in diesen Betrachtungen durcheinander zu gehen. Das Buch von Strauss möchte ich weder lesen, noch dürfte es die Befindlichkeiten von Monika Maron treffen, die man meines Erachtens mit den 1968ern und den nachfolgenden Irritationen der westdeutschen intellektuellen Eliten nun wirklich nicht in Verbindung bringen kann.


    https://literaturkritik.de/str…-vergangenheit,24721.html


    Hier scheint mir etliches durcheinander zu gehen und in einen großen Topf geworfen zu werden. Monika Maron machte im März auf Krisenerscheinungen im Land aufmerksam, die erst jetzt im Juni und Juli dieses Jahres deutlich geworden sind. Man kann von denen, die seit langem gewarnt haben, nicht ein geschlossenes Programm zur Behebung der Krise an der Spitze des Staatswesens verlangen, die jetzt wohl dem letzten sichtbar geworden ist. Wenn der Vergleich zu 1989 immer wieder angestellt werden wird, können diejenigen nichts dafür und nichts daran ändern, die nichts in der inszenierten Öffentlichkeit zu sagen haben.


    Wir waren heute in der Komischen Oper Berlin in der Aufführung von Georg Friedrich Händels "Semele" (1744). Das Publikation feierte die Künstler mit stehenden Ovationen. Hier in einer anderen Aufnahme die vielleicht bekannteste Arie aus der "Semele": "Where'er you walk".

    Gerade in diesen Tagen:

    ...

    Wer sich vermessen überhebt, wird wegen seines Hochmuts gestürzt und in Staub verwandelt.

    Am 6. Juni ist Professor Franz Wuketits (1955-2018) verstorben. Er war Autor zahlreicher Buchpublikationen, in denen er vor allem als Biologe die Grundlagen der modernen Evolutionstheorie darlegte und gegen Kreationisten aller Schattierungen verteidigte.


    https://www.giordano-bruno-sti…e/beirat/wuketits-franz-m


    Auf Schloss Schney bei Lichtenfels in Franken, wo er Stammgast der Freien Akademie e.V. war, konnte man seine schwungvollen Vorträge erleben.

    benji gibt genug im Internet. Reich-Ranicki hat einen Kanon. Dennis Scheck auch und wenn du nur Kanon und Literatur bei Google eingibst kommen etliche Listen.

    Vor einem Monat hatten wir hier eine Diskussion über die Zusammenstellung von Bestsellerlisten. Ich hatte die Vermutung geäußert, dass in einem bestimmten Fall manipuliert worden ist. Jetzt erschien ein zu diesem Thema passendes Buch von Jörg Magenau (*1961), der mir zuerst als Autor der Christa Wolf-Biographie bekannt geworden war, in den letzten Jahren auch eine Biographie Walsers sowie ein Buch über die Freundschaft Helmut Schmidts und Siegfried Lenzens vorgelegt hatte.


    https://www.hsozkult.de/public…eview/id/rezbuecher-29413


    Durch den "Spiegel" etwa wurden entsprechende Listen sehr stark beeinflusst. Meine Beobachtung zum Verschweigen des Buches von Monika Maron "Munin oder Chaos im Kopf" in Bestsellerlisten scheint in diesen Zusammenhang zu passen. Obwohl es breit diskutiert wird, taucht es dort nicht auf.

    Schoen dass Du wieder geschrieben hast, finsbury .Ich bin noch nicht viel weiter. Habe wieder mit meinen Bronchien und Lunge zu tun, weshalb ich auch am Dienstag zur Kur nach Bad Reichenhall fahre. Meine Frau hat so lange auf mich eingeredet, bis ich die Kur beantragt habe. Sie wurde auch sofort bewilligt. Leider kann ich das tablet nicht mitnehmen. Es ist die Hauptverbindung meiner Faru zum Rest der Welt. Mit dem PC will und kann sie folglich nicht. Guck mal, nun habe ich die Festungstid bestimmt schon zweimal gelesen. Aber an das, was Du schreibst, kann ich mich nicht mehr erinnern. Uebrigens lese ich jetzt die alten Schwarten mit Mundschutz, weil ich festgestellt habe, dass ich Asthma von den Dingern bekomme. SEHR schade. Wenn Du das liest, denkst Du bestimmt: Ach Gott, der arme alte Kerl ist ja ein Wrack. Wenn Du mich aber sehen und erleben wuerdest, wuerdest Du denken: Der macht ja noch einen ganz munteren und fidelen Eindruck. Und so ist es in der Tat.

    Hallo Volker, wenn ich auch nicht hier in der Reuter-Debatte mithalten kann, weil ich zur Zeit weder diesen Roman erfassen noch mich in der plattdeutsch-norddeutschen Welt zurecht finden kann, wünsche ich Dir doch sehr eine heilsame Wirkung Deiner Kur, auf dass Du noch viel munterer und fideler wieder zurückkommst! Meine Frau hat seit langem mit Asthma zu kämpfen, ich weiß, was das bedeuten kann.

    Alles Gute für Dich in Bad Reichenhall!:)

    Noch einmal zu den Bildern, den Illustrationen Leonid Pasternaks: Wenn man Google anwirft und Tolstoj "Die Auferstehung" eingibt, bekommt man tatsächlich einige dieser zeitgenössischen Illustrationen zu sehen.


    Kapitel 28

    Die moralische Wandlung Nechljudows geht allerdings recht schnell voran. Es ist eine "Reinigung" von dem "Schmutz", den er auch im Luxus der adeligen Standesgenossen erblickt. Er hatte schon einige Übung darin, seine "Seele" zu reinigen. Da war die Rechenschaftslegung in Tagebuchform, wie sie auch im deutschen Sprachraum bei den Pietisten üblich war. Da war die Flucht in den Kriegsdienst. Und jetzt sollte die Wandlung dauerhaft werden.

    Dieses Bild von der "Reinigung", es dürfte ein beträchtliches Maß orthodoxer "Reinigungsvorstellungen" im Spiel sein, die orthodoxe Kirche kennt ebenfalls das Fegefeuer. Der alltägliche "Schmutz" in Russland umgibt den Autor wie sein Geschöpf, den Fürsten Nechljudow.



    Aufmerken lässt die Bemerkung: "Der Gott, der in ihm war ..." Das heisst, Gott senkt sich in die Seele des Menschen, er ist nicht mehr oder nicht nur die übermenschliche Vaterfigur im Himmel mit Menschenantlitz, der allwissende, allmächtige, gütige, liebende oder strafende Gott, sondern Tolstojs Gott hat sich auch in einem einzelnen Menschen niedergelassen.

    In diesem Kapitel dürfte viel Autobiographisches enthalten sein. Tolstoj schildert sozusagen im Zeitraffer seinen eigenen Wandlungsprozeß, der sich über einen viel längeren Zeitraum hinweg vollzog.


    Die innere Wandlung betraf - und das dürfte jetzt in dieser Rigorosität eine Tolstojsche Besonderheit sein - auch das Verhältnis zum eigenen Landbesitz, dem Erbe der Mutter Nechljudovs. Um sich von dem schmutzigen, sündhaften Leben zu befreien, sollen die Bauern auch das Land übertragen bekommen.

    ---> bevor Boris Jelzin 1993 das Gesetz über das Eigentum erließ, gab es in Russland wie in der Sowjetunion keinen römisch-rechtlichen Eigentumsbegriff. Das Land gehörte dem Zaren, der es den Adligen lediglich übertrug und es jederzeit wieder durch Konfiskation entziehen konnte, es gehörte dem Staat, und man braucht sich überhaupt nicht zu wundern, dass in der Sowjetperiode die Einwohner nie ein im westlichen Sinne "richtiges" Eigentumsverständnis entwickelten: Alles gehörte offiziell allen (Volkseigentum) und allen gehörte nichts, und man brauchte sich um die Pflege und die Mehrung dieses Eigentums nicht zu sorgen.

    Es gibt eine Linie von Litauen im Norden, der einstigen polnisch-litauischen Adelsrepublik (1569 bis 1795), mitten durch die Ukraine eine Grenze - westlich von ihr wurde das römische Recht rezipiert, und es fand Eingang in die staatliche Gesetzgebung, östlich davon, im russischen Zarenreich, rezipierte man das römische weltliche Recht lediglich an der 1755 gegründeten Moskauer Universität, aber es ging nicht in die offizielle Gesetzgebung ein.



    Wein und Branntwein


    Noch etwas aus dem Alltagsleben: "Vino" heisst im Russischen sowohl "Wein" als auch "Schnaps", "vinokurenie" war Schnapsbrennerei, von der der Staat damals wie heute (und auch bei uns) kräftig profitierte, einer der bedeutendsten Posten in der russischen Wirtschaft. Im Gefängnis nun sehnt sich die Maslowa nach einem "Schnaps". Im Bordell jedoch lernte sie "Wein" in großen Mengen zu trinken.


    Ich will der Übersetzerin jetzt nicht zu nahe treten. Es gab ja auch für das Volk billigen "Wein", das war aber ein elendes Gesöff aus Essig und Kreide oder was weiß ich nicht noch. Auf jeden Fall gab es für das Volk keinen edlen Traubenwein, der war den Adligen und reichen Kaufleuten vorbehalten. Ob die Maslowa auch schon früher lediglich Schnaps in sich hineingeschüttet hat, um das Gefühl zu betäuben, und nicht "Wein", wie Barbara Conrad übersetzt ?

    Ich entsinne mich jedenfalls, dass ich das erste Mal, als ich für längere Zeit in Moskau leben sollte, unerwartet "Portwejn" in die Hand bekam. "Schmeckt irgendwie süß, das Zeug", dachte ich und erinnerte mich an Ungarn und dort speziell den Tokajer, der so edel war, dass ihn August der Starke für Zar Peter den Großen aus Ungarn als besonderes Getränk bezog, das die Eigenschaft hatte, den aufbrausenden Herrscher rasch zu besänftigen. Jedenfalls war ich nach vier Gläsern arglos getrunkenen "Portweins" so breit, dass ich mich am nächsten Tag nur noch an den Beginn erinnerte, ihn im Volkspark von Sokolniki erstmals probiert zu haben.


    "Aufhören!", mag mancher Leser jetzt unmutig anmerken, anstelle von "Seelenwandlungen" schreibt der jetzt bloß vom Branntwein! Was das andere "Laster" anbetrifft: man rauchte in Tolstoj Roman sowohl in den Oberschichten als auch im Volk damals wie heute Zigaretten (ich bin heute froh, dass ich nicht damit angefangen hatte, schmeckte mir irgendwie nicht). Bei seinem Zeitgenossen Fontane stecken sich die Herren in den Berliner Salons schwere Zigarren an

    https://www.smb.museum/ausstellungen/detail/wanderlust.html


    Das Wandern bedeutet, sich freiwillig zu Fuß fortzubewegen, ohne damit einem bestimmten Geschäft nachgehen zu wollen. Die unmittelbaren persönlichen Eindrücke von Natur und Landschaften stehen dabei im Vordergrund. Mitunter hat man nun die Muße, ins innere Ich zu schauen. Wenn man den riesigen Himmel über sich wölben sieht oder auf einem Berg steht und die Aussicht genießt, wird einem die Begrenztheit des eigenen Horizonts deutlich.


    Es gibt verbissene Einzelgänger, die sich am liebsten allein fortbewegen. Das war ich seit früher Jugendzeit und bin es auch heute noch geblieben, wenn mir auch die Begleitung durch liebe Nächste inzwischen recht ist.

    Es gibt Leute, die sich am liebsten in Familienverbänden oder mit einer Gruppe bewegen, wobei Bollerwagen, Flaschen und Picknickkörbe mitgeführt werden.


    Bei manchen geht in freier Natur die körperliche Ausarbeitung eher in Sport über, sie wollen (die Ärmsten :-)) bestimmte Ziele mit einer bestimmten Geschwindigkeit erreichen und entwickeln einen diesbezüglichen Ehrgeiz. Das ist aber dann schon kein beschauliches Wandern mehr, auch nicht der Alpinismus mit Seil und Haken. Nicht mehr mein Ding, ich habe seit der Kindheit ein gestörtes Schwindelgefühl und kann mich nicht mal lange auf einer Leiter stehend halten.


    Der Verlust der Gehfähigkeit oder des Augenlichts wären für einen Liebhaber des Wanderns sehr schlimme Ereignisse.


    Das Wandern wurde in der Bildenden Kunst eigentlich erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum Thema, für das Rousseau mit seinem "Emile", seiner "Neuen Heloise" und den "Betrachtungen eines einsamen Spaziergängers" einen gewichtigen Anstoß gab, ein unbeirrbarer Einzelgänger.

    Als sich Karl Philipp Moritz 1782 zu Fuß aus London fortbewegte, wurde er nicht nur von Gentlemen und Vergnügungsreisenden verlacht, sondern auch von Handwerkern und Bauern. Wirte wollten ihn nicht in den Gaststuben empfangen, weil man in ihm einen Bettler sah, so unsinnig erschien es, dass jemand ohne eine konkrete Verrichtung so einfach loslief. Nikolaj Karamzin unterhielt sich 1789 in Berlin mit Moritz und lief selbst im Tiergarten und dann auf dem Weg in die Schweiz immer wieder zu Fuß. Er machte dabei die Bekanntschaft des Kopenhagener Apothekers Gottfried Becker (1767-1845), der selbst zum Inhaber der Hofapotheke werden sollte, und große Teile seines Weges mit einem Knotenstock und in Begleitung eines Hundes zu Fuß zurücklegte.

    Bekanntester Fußreisender wurde schließlich Johann Gottfried Seume (1763-1810), der sich spezielle Stiefel fertigen ließ, die heute wohl niemand mehr anziehen würde, der zwar auf seinen Wanderungen nach Syrakus 1802 tatsächlich beachtliche tausende Kilometer zurücklegte, bei seiner Reise nach Russland 1805 aber beträchtlich "schummelte".


    Johann Wolfgang Goethe war ein großer Fußwanderer vor dem Herrn und verfasste die "Betrachtungen im Sinne der Wanderer", sein "Wanderers Sturmlied" ist so schön verrückt, dass man ihm abnehmen kann, dass er auch umnachtet seine Touren unternahm.


    Über das Wandern in der Literatur und in der Bildenden Kunst könnte man noch seitenlang berichten, von Caspar David Friedrich bis Auguste Renoir, von Adalbert Stifters Bergwanderern bis Reinhold Messner

    - von dem noch eine Geschichte: er war wirklich auf allen Achttausenden des Himalaya und in der Wüste Gobi, ein besonderes Erlebnis jedoch war für ihn das Besteigen des Brockens im Hochharz, wo er dem "Brocken-Benno" begegnete, der jetzt 85 Jahre alt ist und jeden Tag, bei jedem Wetter auf den 1141 Meter hohen Brocken steigt. Der Harz für den Südtiroler Messner ein einzigartiges Naturerlebnis


    Die Ausstellung in Berlin ist noch bis zum September zu sehen.

    Der Ostergottesdienst war für Nechljudow "eine der lichtesten und stärksten Erinnerungen".



    Auch für mich war er außerordentlich eindrucksvoll. An die Moskauer Staatliche Lomonossow-Universität waren 1980 Einladungskarten des Patriarchen von Russland ausgegangen, den nächtlichen Ostergottesdienst im Novodevichij-Kloster besuchen zu können, rote Kärtchen mit goldener Umrahmung, wie ich eine heute noch aufbewahre. Auf dem Friedhof, der die Klosterkirche umgab, waren überall Kerzen auf die Gräber gestellt. Mönche in schwarzen Kutten mit Sprechfunkgerät (!) patrouillierten auf dem Friedhof, auf dem nur wenige Frauen vorbeihuschten, die Miliz hatte außen alles abgeriegelt.

    Ein Universitätsbeauftragter spähte, ob er irgendwo einen Studenten erblicken konnte, dem es dann schlecht ergangen wäre, er fand aber keinen, ein Flachmann mit Pflaumenschnaps erleichterte ihm die Aufgabe. Am Ende der Brezhnew-Zeit (siehe dazu die vorzügliche Biographie von Susanne Schattenberg 2018) war der Staat daran interessiert, allmählich sein Verhältnis zur orthodoxen Kirchenführung zu normalisieren, denn nach außen hin hatte die Sowjetunion durch den Einmarsch in Afghanistan im Dezember 1979 stark an Ansehen eingebüßt, und es erschien ratsam, sich wieder einen Rückhalt in der Kirche zu suchen. Ein Höhepunkt dieser Normalisierung war 1988 die Feier der 1000jährigen Christianisierung des Alten Russlands. Doch Staat und Kirche blieben streng getrennte Bereiche.

    Als es Mitternacht wurde, schickte man mich zu den Vertretern der italienischen Botschaft, da es Gäste aus sozialistischen Ländern nicht gab. Die Kirche war strahlend hell erleuchtet durch Tausende von Kerzen. Gesänge erschallten, die ich heute noch nach fast vierzig Jahren im Ohr habe. Kirchenfahnen wurden in einer Prozession herumgetragen. Das Ganze dauerte mehrere Stunden.


    Und nun wieder zu Tolstoj. Die Handlung muss vor 1877/78 spielen, denn da wurde der Krieg Russlands mit dem Osmanischen Reich ausgefochten, an dem Fürst Nechljudow teilnehmen sollte. Und dieser nächtliche Ostergottesdienst wurde in der Provinz, in der Nähe von Adelsgütern, abgehalten. Weshalb beeindruckte dieser Gottesdienst Nechljudow noch, von seiner zu jener Zeit aufrichtigen Liebe zu Katjuscha abgesehen? Es kam zu einer, wenn auch nur kurzzeitigen Begegnung der Versöhnung zwischen den Angehörigen verschiedener sozialer Schichten, vom Adligen bis zum Bettler, nachdem die Stände und auch Frauen und Männer kurz zuvor streng voneinander geschieden in der Kirche gestanden hatten (Sitzbänke gibt es nicht in der orthodoxen Kirche). Dem Adligen und Reichen konnte das Gefühl gegeben werden, mit den Ärmeren doch einer gemeinsamen Volksgemeinschaft anzugehören. 1833 hatte der Bildungsminister Sergej Uvarov die Formel von der Dreieinigkeit "Zarentum - Kirche - Volkstum" regierungsoffiziell werden lassen, die im Grunde genommen bis in die heutige Regierungsdoktrin Vladimir Putins nachwirkt. Und dieses "vereinte Russland" konnte gemeinsam gegen äußere Feinde stehen: den "Westen" mit seiner Dekadenz, dem kapitalistischen Gewinnstreben der Großindustrie und dem Sittenverfall, für den Dostoevskij symbolisch der anlässlich der Weltausstellung errichtete Kristallpalast in London stehen sollte, mit seinem Vortrupp, den katholischen Polen, die vor der Befreiung durch Minin und Pozharskij 1612 jahrelang Moskau (mit Unterbrechungen) besetzt hielten, und 1812 fochten wieder zehntausende Polen im Heer Napoleons mit, der Russland angriff - "Krieg und Frieden" Tolstoj ist voll von großrussischer Verachtung für die Polen, die sich in Begeisterung für Napoleon als Erste in die Fluten des Neman stürzten, um vor seinen Augen zu ertrinken. Wenn wir uns heute wundern, warum das kleinere Polen für das riesige euro-asiatische Russland ein Trauma darstellt, dann wohl wegen dieser Demütigung durch die zweimaligen Besetzung Moskaus.


    Ich bewahre auch heute noch ein kleines rotes, bunt bemaltes hölzernes Ei auf, dass mir in Moskau in der Osternacht geschenkt worden war. Wenn nun zur damaligen Zeit auch selbst Parteimitglieder noch heimlich unter dem Kragen ein Heiligenbild oder Kreuz auf der Brust trugen, so bedeutete das nicht ein Symbol für ihre Frömmigkeit. Es war eine Art "Rückversicherung" und ein Andenken an das Familienmitglied, das einst dieses Symbol als Zeichen der Liebe schenkte.

    Nach 1989/90 war ich schon skeptisch in Bezug auf Verlautbarungen, wonach die Mehrheit der Russen eine Rückkehr zum orthodoxen Glauben vollzogen hätte. Nach mehr als 70 Jahren, nach der Stalin-Ära mit ihren Morden an zehntausenden Priestern und Gläubigen, der Enteignungen und Verwüstungen von Kirchen und Klöstern, schien dies kaum mehr möglich zu sein.

    Eine russische Freundin erklärte mir einen Zusammenhang, für mich doch etwas überraschend, so: "Für uns Frauen bedeutet das, wenn sich ein Mann plötzlich entschlossen hat, fromm zu werden, tagelang in der Kirche zu stehen und Ikonen zu küssen, dass er für die Familie, für seine Frau und seine Kinder jetzt verloren ist. Die haben nichts mehr von ihm. Er ist ein nutzloses Mitglied der Gesellschaft geworden. Kirche ist doch nur etwas für alte Frauen in Schwarz geblieben"

    Bei der Freundin klang hier noch das sozialistische Arbeitsethos aus vergangenen Zeiten an, das auch bei uns in der DDR verbreitet war. Der entscheidende Unterschied bestand für mich jedoch darin, dass wir als Religionslose zur gleichen Zeit bemerkten, wie jetzt die christlichen Gläubigen mit ihrer Bibelkenntnis (die es in Russland nicht gibt) und mit ihrer protestantischen Innerlichkeit entscheidend dazu beigetragen hatten, dass der Staat mit all seinen Waffen lautlos zusammenbrach, und jetzt versuchten, wieder ihren Einfluss in der Gesellschaft herzustellen. Im katholischen Eichsfeld hingegen, an der Grenze zum evangelischen Göttinger Land, in den saubersten Dörfern des Landes, hatten immer seit langem Bürgermeister, Dorfpolizist und katholischer Pfarrer einvernehmlich für Ordnung und Sauberkeit gesorgt.:)

    Lev Nikolaevič Tolstoj „Die Auferstehung“


    Bei den Teilnehmern der Leserunde sind die Kenntnisse über die Hintergründe und Zusammenhänge sicher unterschiedlich. Die Ausgabe in der Übersetzung von Barbara Conrad von 2016 hat mir zusätzliche Informationen beschert. Es mag auch Leser geben, die die biographischen und rezeptionsgeschichtlichen Zusammenhänge für nicht so wichtig halten, die sich in die Lektüre stürzen und ihren unmittelbaren Eindrücken vertrauen, was ja eine völlig gleichberechtigte Herangehensweise ist. Ich brauche da überhaupt nicht von mir auszugehen. Deshalb bringe ich hier von Zeit zu Zeit immer mal Stücke als ein buntes

    Kaleidoskop

    Und es kann diskutiert werden, wenn manches vertieft werden sollte.


    Tolstoj meinte, dass man verschiedene Leute eines Schlags beobachten sollte, um einen bestimmten Typ eines Menschen zu schaffen.


    „Wenn ich direkt nach der Natur irgendeinen Menschen abmalen sollte,“ meinte Tolstoj, „kommt dabei überhaupt nichts Typisches heraus – es ergbit sich irgendetwas Einheitliches, Ausschließliches und Unin teressantes.“

    L.N. Tolstoj: Vollständige Werkausgabe. Bd. 33. S. 315-316. Zitiert in:

    Kontstantin Lomunov: Nad stranicam „Voskresenija“. Istorija sozdanija romana L. N. Tolstogo. Problemy, obrazy, charaktery. Pervye otkliki [Auf den Seiten der “Auferstehung”. Die Geschichte der Entstehung des Romans L. N. Tolstojs. Probleme, Bilder, Charaktere. Erster Widerhall]. Moskva 1979, S. 352.


    Die Handschrift von „Krieg und Frieden“ umfasst 5202 Blätter, die der „Anna Karenina“ 2651 Blätter, die der „Auferstehung“ hingegen 7044 Blatt. Der endgültige Text des Romans „Krieg und Frieden 1460 Seiten, „Anna Karenina“ 857 Seiten und „Die Auferstehung“ ursprünglich 443 Seiten (Lomunov, S. 7).


    Die Korrekturen des Romans konnten erheblich sein. Sie sind an den Rändern in einer gestochenen deutlichen, auch heute lesbaren, zusammenhängenden, leicht nach rechts geneigten Schrift ohne Pausen zwischen den Buchstaben verfasst, während etwa Balzac seine Korrekturbögen zu „Tapeten" zusammenklebte und die Setzer derart zur Verzweiflung brachte, dass sie in den Streik zu treten drohten, wenn sie weiter Werke Balzacs setzen müssten.


    Relativ früh befand sich der Buchillustrator Leonid Pasternak in Tolstojs Nähe und beobachtete die Entstehung des Werks.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Leonid_Ossipowitsch_Pasternak


    So gibt es beispielsweise eine Skizze, ein aufgestützter Kopf, direkt auf einer Korrekturseite des Romans, die offenbar einen nachdenklich gewordenen Nechljudow darstellen soll.

    Die fertigen Illustrationen (1898-1899) geben Katjuscha in einem wärmenden Mantel und zwei Wächter mit Gewehren und Pelmützen mit dem Doppeladler wieder, die sie abführen. Der eine, ein verbissener russischer Kopf, steckt gerade den Überstellungsbefehl in den Ärmel, unbeweglich steht ein Kalmyke daneben.

    Ein anderes Bild: Ein dicker Anwalt mit aufgesetztem Monokel, Orden am Revers und Aktenmappe schreitet stolz im Korridor des Gerichtssaales umher. Ein Gerichtsdiener verbeugt sich still vor ihm.

    Schließlich wendet sich der sichtlich angeheiterte Kutscher zu Fürst Nechljudow um, der in der Kutsche sitzt.

    Nach dem Urteillspruch steht die Maslova noch aufrecht und unbeweglich da, während die Personen den Gerichtssaal verlassen, hinter ihr ein Gendarm mit gezücktem Säbel, der sie am Rücken angreift und zu halten sucht.


    Tolstoj lieferte auch selbst Skizzen zu seinem Roman, zum Beispiel vom Innenhof eines Gefängnisses mit einer Gruppe dreier Männer, auf der linken Bildhälfte schwebt eine Frauengestalt wie ein Engel.





    Kurz bevor der Schluss des Romans erschien, schloss die Bevölkerung in de Öffentlichkeit Wetten ab, ob Nechljudow und Katjuscha am Ende heiraten würden. Die Herausgabe des Romans in Fortsetzungen war vollends zu einer öffentlichen Angelegenheit geworden. Man könnte das mit dem Erscheinen der „Nouvelle Heloïse“ 1762 vergleichen, der Autor Jean-Jacques Rousseau hielt sich verborgen.

    Tolstoj selbst plante nach 1900 hingegen, den Roman fortzusetzen. Das bäuerliche christliche Leben Nechljudows sollte dargestellt werden.

    Thomas Mann schrieb im Exil 1940 in einem Aufsatz:

    „Die rein erzählerische Macht seines Werkes ist ohnegleichen, jede Berührung damit auch dort, wo er Kunst gar nicht mehr wollte, sie schmähte und verschmähte und nur gewohnheitsmäßig sich ihrer zur Erteilung moralischer Lehren bediente ….“.