Beiträge von Diaz Grey

    Noch nicht ganz angefangen, aber morgen oder übermorgen: Hesperus von Jean Paul. Auch das wird der zweite komplette Durchgang sein, mit etwa 15 Jahren Abstand. Ich bin also vorgewarnt und werde, spätestens nach der letzten Vorrede, eine Personentafel erstellen.

    Faserland war nicht so interessant, ich kehre wieder zu meinen Freunden nach Argentinien zurück für kurze Zeit zumindest.


    Juan Carlos Onetti: Para una tumba sin nombre - Für ein Grab ohne Namen


    auch nur ein dünnes Büchlein

    Para una tumba sin nombre: Das begegnete mir in einer Erzählungssammlung als "Grab einer Namenlosen". Eine der Onetti-Erzählungen, die in dem ebenso fiktiven wie wandlungsfähigen "Santa Maria" spielt, aber nicht nur deshalb ein sehr typischer Onetti. Was die Lektüre so widerhakig macht, ist die höchst eigenwillige Metaphorik, die einen süffigen Lesefluss einerseits hemmt, andererseits gerade dadurch aber auch konzentrationsfördernd (und -fordernd) sein kann. Ich habe aus Anlass dieses Posts noch einmal an einer beliebigen Stelle aufgeschlagen und fand, ohne langes Suchen, ein treffliches Beispiel:


    Der eine oder andere Kaktus, die Friedhofswand, Stein auf Stein, wiederholt ein Brüllen im unsichtbaren Grund des Nachmittags.

    Kehlmanns "Ruhm" ist inzwischen durchgelesen, und mein Eindruck einer Selbstspiegelung des Autors in der zitierten "etwas sterilen Brillianz" war anscheinend kein zufälliger. Jener "Leo Richter", der als Schriftsteller in fast allen Episoden irgendwie mitmischt, ist genau ein Selbstportrait von und mit Daniel Kehlmann. Das wird spätestens klar in der betörend schönen Episode "Rosalie geht sterben". Rosalie, das muss angemerkt werden, ist selbst in der Haupterzählebene keine reale Person, sondern eine Figur aus Leo Richters oevre, die in dieser Geschichte eine Restlebenserwartung von nur noch wenigen Wochen hat und sich entschließt, eine Sterbehilfeeinrichtung in der Schweiz aufzusuchen - nachdem sie ihrem Schöpfer, den Autor, vergeblich eine Lebensverlängerung abhandeln wollte, was dieser mit einem Verweis auf Rosalies Fiktionalität verweigerte. Im entscheidenden Moment, mit dem Todestrank schon in der Hand der Heldin, entschließt sich der Autor zu einem verwegenen Gnadenakt: er verjüngt sein Geschöpf um gut sechzig Jahre und lässt sie davonlaufen.


    Und ja, in der zweiten von zwei Erzählungen, die "In Gefahr" heißen, verwischen sich brachiale Realität und traumhafte Irrealität noch einmal in einem Zusammentreffen von Personen und Motiven aus den vorangegangenen Episoden.


    Es ist genau das Programm, das Kehlmann in seiner Frankfurter Poetikvorlesung ausgebreitet hatte, nachzulesen in seinem Buch "Kommt, Geister": das Bekenntnis zum magischen Weg.


    Abgesehen davon ist "Ruhm" ein ganz hervorragendes Buch, auch sprachlich turmhoch über der Erzählungssammlung von Clemens Setz ("Die Liebe in Zeiten des Mahlstädter Kindes"), die ich kürzlich in der Hand hatte.

    Zunehmende Tendenz, Klassiker aus dem 20. Jahrhundert zu lesen. Völlig okay, klar, trotzdem im Hinterkopf behalten, irgendwann unbedingt Jean Paul wiederzulesen. ETA Hoffmann, Arnim, Tieck ....................... Hölderlin.

    Derzeit aber:

    David Foster Wallace: Unendlicher Spaß.

    Daphne du Maurier: Rebecca.

    Mit Jean Paul bin ich schon dabei. In diesem Frühling (in welcher Jahreszeit sonst) ist das Wiedersehen mit dem Hesperus vorgesehen. Unter allen seinen Schriften hat dieser im ersten Kennenlernen vor gut 20 Jahren den tiefsten Eindruck auf mich hinterlassen - gerade wegen des planmäßigen Überschwangs auf allen Ebenen. Man muss wirklich aufpassen, dass man das Buch nicht zu schräg hält, sonst laufen die vielen Tränen heraus.

    Daniel Kehlmann: Ruhm.


    Fehlte mir noch in der Kehlmann-Sammlung, warum weiß ich auch nicht. Hat man schon mehr von ihm gelesen, ist da die Freude des Wiedererkennens. An einer Stelle im zweiten Kapitel ("In Gefahr"), das unter anderem von einem Schriftsteller handelt, der ihm nahestehende Menschen zu Personen seiner Werke zu machen pflegt, musste ich grinsen. Es heißt dort:

    Zitat

    Leo Richter...der Autor vertrackter Kurzgeschichten voller Spiegelungen und unerwartbarer Volten von einer leicht sterilen Brillianz..."

    Wenn es etwas gibt, was das Wiedererkennen eines Kehlmann-Textes erleichtert, dann ist es genau diese Charakterisierung. Und zumindest die erste Hälfte dieses Episodenromans hat auch genau die Anmutung der Kehlmann-Schriften vor dem "Tyll": als lege es ein Tausendsassa darauf an zu zeigen, was er alles kann. Offensichtlich brauchte Kehlmann einmal eine so monumentale Folie wie den Dreißigjährigen Krieg als angemessenen Gegner.

    Etwas Maritimes, und obendrein ein Sachbuch - mit literarischem Bezug.


    Melville's Moby-Dick greift für das äußere Gerüst der Erzählung bekanntlich auf die Geschichte des Walfängers "Essex" zurück, der im Pazifischen Ozean von einem Pottwal angegriffen und versenkt wurde. Den auszugsweisen Bericht eines Überlebenden findet man übrigens im Anhang zum Moby-Dick in der Zweitausendeins-Edition der Rathien-Übersetzung.


    "Im Herzen der See" von Nathaniel Philbrick rekonstruiert die Reise der "Essex" noch einmal, aber darum herum behandelt er die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse, die den Walfang im 19. Jahrhundert bedingten - und natürlich auch die Bedingungen des Walfangs selbst. Ein umfangreicher Anmerkungsteil verweist auf die Quellenlage, durchaus auch in kritischer Betrachtungsweise.

    Die Zitierweise des Titels zeigt an, welche Edition mir vorlag: es ist die aus der Edition Suhrkamp. Einige andere deutsche Ausgaben nennen den Titel „Der alte Herr und das schöne Mädchen“. Gemessen am Originaltitel („La novella del buon vecchio e della bella fanciulla“) ist die Suhrkamp-Version die genauere; hauptsächlich ist ein „buon vecchio“ nicht schlechthin jede Art von „altem Herrn“. Das „buon“ transportiert also einen eigenen Sinn.


    Dieser gute alte Herr aus einer Zeit, die sich auch ohne Nennung einer Jahreszahl auf den ersten Weltkrieg eingrenzen lässt, beginnt aus einer momentanen Faszination heraus ein Verhältnis mit einem schönen Mädchen, über alle Alters- und Klassenschranken hinweg; verführt sie wohl auch, was aber züchtig hinter dem Erzählhorizont bleibt, und gerät darüber in moralische Verwicklungen, die er auf zunächst zwei Wegen zu lösen sucht: er verschiebt das moralische Motiv auf seine junge Freundin, und er definiert seine Rolle als hauptsächlich geistig-moralischer, daneben aber auch als materieller Wohltäter. Die materiellen Wohltaten sind wohl klein, reichen aber aus, das naturbuntschöne Mädchen nach und nach in seidige Hüllen zu kleiden, was den guten Alten nicht wenig irritiert. In den zunehmenden Verwirrungen ereilt ihn ein mit einer verstörenden Traumvision verbundener Herzanfall, der ihn zu weiterer Kontemplation veranlasst. Aus ihr heraus beginnt er das Schreiben an einem opus maximus über das Verhältnis zwischen Jugend und Alter, voll von hochfahrenden unausgegorenen Ideen, und begonnen (!) mit einem monströsen Vorwort. Selbstverständlich bringt er die Arbeit nicht zu Ende, er stirbt am Schreibtisch über einer ungelösten Frage.


    Italo Svevo, eigentlich Aron Hector Schmitz, gilt heute als einer der Väter der modernen italienischen Prosadichtung. Die Geschichte vom alten Herrn ist ein Spätwerk, wie es viele Spätwerke sind, in grundsätzlich heiterer, gelassener Sprache und Stimmung, voller ironischer Zuneigung zu dem Helden. Aber da ist noch etwas, was in den Feuilletons, die jede Neuauflage begleiten, etwas unter den Tisch fällt. An drei oder vier Stellen gibt es beiläufige Ausblicke auf die Schrecken der Zeit, in der die hübsche Geschichte spielt, denn im Hintergrund donnern buchstäblich die Kanonen. Der Schauplatz ist, wie wohl bei allem, was Svevo schrieb, die Stadt Trieste, und die Kanonen, die dort zu hören sind, donnerten entlang des Isonzo-Flusses. In den Isonzo-Schlachten von Mai 1915 bis zum November 1917 betrugen die Verluste auf beiden Seiten über eine Million Mann, am Ende ohne greifbaren territorialen Gewinn für eine der beteiligten Seiten. Eine in der Tat elegante Weise, Leser*innen klar zu machen, dass die Anekdoten von guten alten Herren und ihrer Techtelmechtel mit schönen jungen Mädchen nicht über die Maßen überhöht werden sollten. Altersweisheit eben.

    Ich möchte an @sandhofers Post anschließen und allen Weimarer Besuchern, die vielleicht auch Wieland mögen, den Besuch des Wielandgutes im nahe gelegenen Oßmannstedt ans Herz legen, eine wunderschöne schlossartige Anlage mit historischer Inneneinrichtung, Parkanlage und Wielands Grabstätte an der Ilm.
    Für mich ein wunderbarer, wie aus der Zeit gefallener Ort, der ganz zu dem Charme von Wielands Romanen passt.

    Ausgezeichnete Empfehlung! Wer beide Wirkungsstätten Wielands kennt, staunt auch über den Kontrast zu dem Gartenhaus in Biberach - nicht nur des Größenunterschiedes wegen, sondern auch wegen der epischen Verschandelung der Lage durch die angrenzende Rückfront der Kreisverwaltung.

    Na, dann mache ich mal den Anfang - als bekennender Jean-Paul-Bewunderer.


    Natürlich weiß ich, wo der Reichsmarktflecken Kuhschnappel liegt, und Flachsenfingen und Scheerau. Es sind Chiffren für Hof, den Ort seiner Schulzeit, mit dem ihn eine lebenslange Aversion verband. Aber das möchte ich nicht vorstellen, sondern drei Orte, die keine zehn Kilometer voneinander entfernt liegen.


    Das eine ist das Grab des Dichters auf dem Friedhof in Bayreuth, ein unscheinbarer Findling, dessen Inschrift die Grabstätte als die seine und die seines Sohnes Max Emanuel ausweist, von Efeu dicht umwuchert. Ein Blatt des Bewuchses liegt, mumufiziert, im Buchblock meines "Siebenkäs". Die Grabstätte liegt, wenn man von der Stadtseite aus den Friedhof durchquert, rechts des Mittelgangs, und man kann auf Anhieb schon einmal vorbeilaufen, also aufpassen!


    Verlässt man den Friedhof in westlicher Richtung, gelangt man auf der B 22 nach etwa 4 km alsbald nach Eckersdorf-Donndorf. Unmittelbar links der Bundesstraße liegt ein zentraler Schauplatz des "Siebenkäs", Schloss Fantaisie. Es ist nun nicht das ganz große umwerfende Baudenkmal, und es soll in den vergangenen 200 Jahren auch äußerlich verändert worden sein; aber die Anmut der Gesamtanlage mit ihrer talseitigen Gartenlandschaft ist bestechend. Genau so ein Ort ist dem Lustwandeln des Firmian Siebenkäs mit seiner verehrten Natalie gemäß.


    Und wenn wir schon einmal dabei sind: verlässt man Bayreuth auf derselben Bundesstraße nach Osten, erreicht man nach wiederum etwa 5 km die "Rollwenzelei", einstmals der Gasthof der Familie Rollwenzel, in dem der Dichter in seinen späten Jahren seinen Arbeitsmittelpunkt unterhielt und den Berichten nach erkleckliche Mengen an Kartoffeln, Salat und fränkischen Bieres vertilgte. In dem Gebäude ist das Arbeitszimmer des Dichters erhalten und wird hoffentlich bald wieder zur Betrachtung und Kontemplation offenstehen.

    Das bringt mich dazu, ob wir hier nicht mal einen Faden zu literarisch interessanten Orten und Landschaften eröffnen sollten, denn ich denke, viele von uns gehen auf ihren Reisen auch gerne solchen Verweisen nach.

    Zum Beispiel Wandern mit Jean Paul - gerne. Nur, wo liegt noch gleich Kuhschnappel?


    Aber die Idee ist gut (*schubs*).

    Nun ja, gekauft nicht gerade, aber gefunden in Beständen, von denen sich mein Schwiegervater trennt:


    Lew Tolstoi: Hadschi Murat

    Italo Svevo: Vom guten alten Herrn und vom schönen Mädchen

    Umberto Eco: Gesammelte Streichholzbriefe


    Von Tolstoi las ich vor vielen Jahren "Krieg und Frieden" mit dem Gefühl der Überforderung, aber einer Ahnung von der absoluten Größe. Das wird wohl noch einmal ein Wiedersehen geben. Vor nicht so langer Zeit erschrak ich gehörig vor der "Kreuzersonate". Die kaukasische Geschichte werde ich als Friedensangebot angehen.


    Svevo (eigentlich Aron Hector - oder auch Ettore - Schmitz) ist ein Zufallsfund, der mich darauf aufmerksam machte, wie wenig italienische Literatur ich kenne, obwohl ich der Landessprache sogar halbwegs mächtig bin. Ariost, Boccaccio, eine kleine zweisprachige Erzählungssammlung und ein paar Dinge von Tabucchi, den Portugal aber mehr interessierte, und das war's auch schon.


    Und Umberto Ecos Essays mit ihrem freundlich lächelnden Tiefsinn lohnen eigentlich immer.


    Dazu als kleine Sachbuchergänzung: ein Reclambändchen "Mathematik, Maße und Gewichte in der Antike" von O.A.W. Dilke - Schwiegerpapa war Maschinenbauingenieur.

    Heute in der Frankfurter Rundschau: "Es gibt Gott, und er verhindert kein einziges Verbrechen", zum 200. Geburtstag des Dichters, und wie eigentlich alles von Arno Widmann sehr, sehr lesenswert.

    Gestern: Clemens J. Setz, Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes.


    Etwas neugierig war ich schon auf den aktuellen Herrn Preisträger, da kam mir das Exemplar in der Buchhandlung gerade recht. Lese ich dort länger als 10 Minuten hin und her, nehme ich das Buch mit.


    Auf ähnliche Weise lernte ich unter den Laureaten der letzten Jahre Erfreuliches (Mora), dann doch nicht so Überzeugendes (Lewitscharoff) und umwerfendes (Jirgl) kennen, wobei ich letzterem das Wunderwerk der "Stille" (aber auch leider den missratenen Splatter in "Nichts von euch auf Erden") verdankte. Die zehn Probeminuten ließen jedenfalls die Hoffnung zu, dass mich Setz irgendwo hin mitnimmt, wo ich noch nicht war.

    "Glück ist etwas mit Käse Überbackenes""


    ...ließ Terézia Mora den Helden ihrer Kopp-Trilogie in deren drittem Teil, "Auf dem Seil", denken. Abgesehen davon, dass ich das auch ohne in der Lage eines Darius Kopp zu sein ganz gut nachvollziehen kann: die Schilderung, wie sehr die Gedanken eines Menschen in prekärer Lebenslage um die erhoffte nächste Mahlzeit kreisen, gehört zu den subtilen Vorzügen dieses Buchs.

    Danke, finsbury, für die Reaktion auf meine Einschätzung. Weshalb ich dazu nochmals schreibe: eben ist mir eingefallen, wie sich die seltsam gärende gesellschaftliche Lage in Dostojewskis Romanen ganz kompakt zusammenfassen lässt. Es gibt im "Idiot" eine Kernpassage, die das schlüssig erfasst, nämlich die Verlesung des Manifests durch Ippolyt; sowohl wegen des Inhalts als auch nach der Form. Alleine der Ablauf der Szene mit aller Ziererei und allem - jawohl - rhetorischem Brimborium, bis es endlich zur Verlesung kommt; dann der so hochfahrende wie verquaste Inhalt des verlesenen Manifestes, das ist der umfassende Ausdruck einer Generation, die alles Dagewesene umstürzen möchte, aber am Ende eigentlich gar nicht weiß, was sie mit ganzer Kraft will.


    Nun ja, eine Generation später wusste sie es. Wobei - was sie nach dem Umsturz mit der Macht eigentlich anfangen sollte, wusste sie wiederum doch auch nicht recht. Und Marx hatte gerade dazu bejammernswert wenig zu sagen.

    Gerade angefangen: der letzte Band meiner antiquarisch ergatterten Dostojewski-Sammlung, die Brüder Karamasow. Die anderen Bände (Der Spieler, Erniedrigte und Beleidigte, Schuld und Sühne, Die Dämonen, Der Idiot) sind absolviert, und es setzt sich ganz langsam ein aussagekräftiges Bild des Werks zusammen. Kurz: es ist irgendwie gemischt.


    Auf der Habenseite steht wieder einmal die Bestätigung meiner Einsicht, dass man, wenn man einen zutreffenden Eindruck von Ort und Epoche haben will, nicht nur die Geschichtsbücher, sondern auch die Geschichtenbücher der Zeit lesen sollte – es sind authentische Innenansichten, genauer gesagt: Primärquellen; selbst dort, wo sie rückschauend irren. Historische Primärquellen findet man dagegen allenfalls in allgemein kaum zugänglichen Archiven. Osteuropäische – und speziell russische - Historie (und Literatur) war bisher gewiss nicht mein bestes Fach, aber alle Subjektivität der Darstellung beiseite: die Romane Dostojewskis vermitteln eine greifbare Vorstellung von den Strömungen, die diese Gesellschaft in der voranschreitenden Erosion einer Zarendynastie und ihrer Adelskaste umtrieben.


    Die literarische Qualifizierung macht mir Kopfzerbrechen, irgendwie ist sie nicht restlos befriedigend. Die beste Figur hat meinem Eindruck nach „Die Dämonen“ abgegeben, die schwächste „Erniedrigte und Beleidigte“, im unteren Mittelfeld „Schuld und Sühne“; „Der Idiot“ und „Der Spieler“ liegen auf unterschiedliche Weise etwas darüber, soweit ein vorläufiges Ranking.


    Überraschend fand ich durchweg den Eindruck „leichter Lesbarkeit“ und der zurückgenommen- distanzierte, manchmal ironische Stil des Autors. Was mir dabei allerdings störend auffiel, lässt sich am „Idiot“ am deutlichsten klarmachen. Es ist ein Eindruck unkonzentrierten Erzählens, dem das Gespür für die Verdichtung am richtigen Ort fehlt. Episoden, die für den Fortgang und den Rhythmus der Erzählung nur von nachrangigem Interesse sind, werden in langatmigen Wortprotokollen festgehalten – ganz wesentliche Vorgänge dagegen in summarischen Notizen vermerkt. Ein rein auktorialer Erzähler, der nirgendwo in der erzählten Handlung auftritt, aber einerseits suggeriert, ein bestimmtes Gespräch wortgetreu wiedergeben zu können, mit allen Ab- und Umschweifen, während ein mindestens so wichtiger Vorgang, dessen Details den Leser durchaus interessieren müssen, in demonstrativer Abwesenheit und hinter unsicherem Raunen liegt, hat mindestens ein Glaubwürdigkeitsproblem.