Beiträge von Diaz Grey

    Wenn die Messlatte fürs Vergessensein so niedrig liegt, nenne ich mal Henry Fielding. Sein Tom Jones ist nicht nur einer der ersten, wenn nicht der erste bürgerliche Roman schlechthin, er ist auch ein erzählerisches Wunderwerk.


    Unter den Portugiesen fällt mir Miguel Torga ein, unter den neueren Erzählern seines Landes ist er derjenige, dessen Erzählstil am deutlichsten den Landschaften entspricht, aus denen er stammte und von denen er erzählt: von archaischer Strenge des Trás-os-Montes, dem nordöstlichen Hinterland der Douro-Region. Torga ist eine der groteskesten Auslassungssünden des Nobelpreiskommittees.

    Nicht "gerade", nur gerade aus der Hand gelegt: Manesses neue (2019) kleine, feine Ausgabe von Joyces' Dubliner. Die Übersetzung durch Friedhelm Rathjen (den kennen wir doch noch aus anderem Zusammenhang?) trifft die Sprache der Textvorlage perfekt: es klingt eben auch im Originaltext wie der Plauderton eines Intellektuellen, der im Pub am Tresen steht und zwischen Dialekt, Jargon und Shakespeare-Zitaten zu changieren versteht, eben ein Ulysses in nuce.


    Umso ärgerlicher: wiederholte Male stockt der Lesefluss, wenn Satzfehler (Seite 11: ein "dann" anstelle eines "denn" - im englischen Originaltext steht hier ein "for") oder kapitale inhaltliche Schnitzer (Seite 82: eine Personenverwechslung in einem Dialog - ein "Corley" wo ein "Lenehan" hingehört) den Leser ins Stolpern bringen. Hier sollte der Verlag noch einige Verbesserungspotentiale heben, dann wird es perfekt.

    Ohne die Zeitangabe hätte ich auf "Esti" von Peter Esterhazy getippt. Da gibt es ein dreiseitiges Kapitel „Mottokollektion“, das tatsächlich nur aus Zitatschnipseln besteht. Als „erstes“ Kapitel geht es durch, wenn die zwei vorangegangenen kurzen Abschnitte nicht als Kapitel, sondern als Einleitung, Vorwort oder ähnlich verstanden werden, was tatsächlich nicht ganz abwegig wäre. Immerhin ein Dankeschön für die Einsicht: auch diesen Gimmick hat er kollagiert.

    In vertrauter Runde - ich war hier schon einmal und komme jetzt als Juan Carlos Onettis Serienheld wieder, in guter Hoffnung, dass auch mein gelegentlich etwas gegen den Strich gebürstetes Urteil mit Wohlwollen aufgenommen wird. Ich will wirklich nur spielen...


    Beste Grüße an alle hier,

    Diaz G.