Beiträge von Diaz Grey

    Nächstes Revisiting-Experiment: wie liest sich Jean Paul noch einmal, nach ziemlich genau 25 Jahren? Zwischenergebnis nach etwa einer halben Unsichtbaren Loge: überraschend schnell und, wie sagt man noch gleich: verstehend. Ich entsinne mich noch recht gut an den ersten Durchgang, bei dem es galt, mir jede Seite zu erkämpfen. Das geht heute wesentlich flotter, und es erschließen sich damit auch mehr Zusammenhänge und ein klarerer Rhythmus - gerade so, wie eine Partitur im Ganzen gelesen wird, anstatt jeder Note einzeln nachzusteigen und darüber gar nicht mehr die Musik zu begreifen.


    Das Experiment wird sicher fortgesetzt werden, nach und nach, nicht en suite, das wäre zu viel verlangt.

    Vor Jahren, als ich mich für Meyrinks "Golem" begeisterte (warum nur????), ...

    Ja nun, es hat schon was Besonderes, und mit den Jahren wechseln die Begeisterungen eben auch ihre Bezugspunkte. Interessant, aber nicht wirklich herausragend, so war immer mein Eindruck. Zwei Punkte, die mir auf einer Metaebene auffielen, bestanden jedenfalls darin, dass einerseits die Titelfigur in der Geschichte selbst gar nicht als reales Phänomen in Erscheinung tritt, sondern nur als Projektion menschlicher Vorstellungen und Ängste; und andererseits, dass das kaum jemandem aufzufallen scheint.

    Ich bin auf die weiteren Novellen Meyers sehr gespannt!

    Eine gute Wahl. Wenn ich zwei Tipps loswerden darf: "Angela Borgia" und "Die Hochzeit des Mönchs". Bei dem letzteren verrate ich nicht zu viel, wenn ich die Meinung kundtue, dass die Einrahmung der Handlung durch zwei desaströs endende Hochzeitsfeste ohne weiteres als Kommentar zu Meyers traumatischen Eheerfahrungen gelten darf.

    Ja, volle Zustimmung: Das Bildnis des Dorian Grey erzählt eine raffinierte und tiefgehende Fabel, die sich zudem standhaft weigert, zu altern. Trotzdem gehört das Buch zu denjenigen, über die ich mich immer ernstlich geärgert habe und es bis auf den heutigen Tag noch tue. Warum das so ist, möchte ich an dem folgenden Textauszug deutlich machen:


    Zitat

    Das Warten wurde unerträglich. Die Zeit schien ihm mit bleiernen Füßen zu schleichen, während er von ungeheuren Stürmen dem schroffen Grat eines schwarzen Abgrunds zugeschleudert wurde. Er wußte, was dieses Warten für ihn bedeutete; er sah es und drückte schaudernd mit seinen feuchten Händen die brennenden Lider zusammen, als wolle er dem Hirn die Sehkraft nehmen und die Augäpfel in ihre Höhle sperren. Es war umsonst. Das Hirn hatte seine eigene Nahrung, von der es sich mästete, und die Phantasie, die von der Angst ins Groteske gesteigert war, drehte und wand sich vor Schmerz wie ein lebendes Wesen, tanzte wie eine schnöde Puppe in einem Schaukasten und grinste durch bewegliche Masken hindurch. Dann blieb plötzlich die Zeit für ihn stehn. Ja, die blinde, langsam atmende Zeit rührte sich nicht mehr, und, da sie tot war, jagten entsetzliche Gedanken mit furchtbarer Schnelligkeit über ihn hin und wühlten eine gräßliche Zukunft aus ihrem Grab und zeigten sie ihm. Er starrte darauf, und ihre Entsetzlichkeit machte ihn zu Stein.

    Unerträglich, ungeheuer, schroff, schwarz, schaudernd, brennend, entsetzlich, furchtbar, grässlich - und zum Abschluss nochmals eine Entsetzlichkeit, alles in das Tollhaus dieser wenigen Zeilen gesperrt, die bizarren Bilder noch gar nicht mitgerechnet. Es mag wohl schwerer sein, dies so zu formulieren, dass es mit wenigen scharfen Bildern, präzisen Metaphern und ohne den überbordenden Ballast an Ausschmückungen das Entsetzen des Helden glaubhaft erzählen kann. Wenn das gelingt, ist die Wirkung beim Leser aber auch viel nachhaltiger: so, wie sich Blaskapelle und Kammermusik voneinander unterscheiden.


    Kurz: jemand hätte Herrn Wilde auf ein Glas Port und eine Zigarette beiseite nehmen und ihm diesen hysterischen Gestus ausreden sollen. So aber zieht sich eine außer Rand und Band geratene Sprache durch das Buch und zieht es dort, wo es darauf angekommen wäre, formal auf eine Schauergeschichte herunter.


    Und im Übrigen bin ich ganz allgemein der Meinung:

    Zitat

    Notiz zum Adjektiv: wenn du nicht ganz sicher bist, lasse es weg.


    Mark Twain, Pudd'nhead Wilson. A Tale.

    Bäckerei, hm. Da muss ich mich mit dem Erwerb von sechs antiquarischen Dostojewski-Buchclubbänden aus dem Sozialkaufhaus wohl nicht zurückhalten. Dort verlangte man 50 Cent pro Band. Das war mir zu peinlich, ich habe gern ein Mehrfaches dortgelassen, anlässlich der Auflösung meines elterlichen Haushalts.


    Die Edition ist in der Aufmachung, aber nicht textlich einheitlich, als Übersetzer*innen werden Nötzel, Röhl und Girgensohn angegeben. Für den Überblick sollte das erst einmal reichen.


    Und ansonsten druckfrisch: Joseph Roth, Tarabas.

    Ulysses fiel mir so mit 18, 19 als Bertelsmann-Ausgabe in die Hände. Glücklicherweise lag der zitierte Aufsatz von Fritz Senn dabei, den ich zuerst gelesen habe ("Wer hat Angst vor Ulysses. Die meisten, leider.")

    Soviel Koinzidenz ist selten ;)

    Nochmals zu Joyces' Ulysses:


    Mit dem Ulysses kann man ganz gut klarkommen, wenn man sich damit abfindet, dass es gar nicht essenziell ist, die vielen Anspielungen und Bezüge identifizieren zu können. Wer mit dem Ehrgeiz herangeht, allen Bezügen nachzusteigen, verliert sich ohnehin in der Überfülle. Das wäre so ähnlich, wie ein Erdbeben in die Bewegung von einzelnen Atomen aufzulösen und am Ende immer noch nichts davon verstanden zu haben, was ein Erdbeben eigentlich ist. Mehr eine Forschungsaufgabe als ein Lesestoff.


    Ehrlich gesagt: ich schlich buchstäblich jahrzehntelang ehrfürchtig um den Ulysses herum, ohne mich heranzutrauen. Am Ende gab ich mir dann einen Ruck und genoss ihn wie ein riesiges Büffet, an dem sich jeder Gast ein ihm gemäßes Menü zusammenstellen und dabei sehr gut speisen kann, ohne von Allem gekostet zu haben. Mein Eindruck war, dass gerade diese Offenheit für ganz unterschiedliche Rezeptionen den Ulysses ausmacht. Ich denke mir, dass ein zweiter Durchgang nach einigen Jahren auch noch einmal einen deutlich anders wirkenden Ulysses entstehen ließe.

    Nun ja, Japan hat sich alleine schon territorial erst sehr spät der Welt geöffnet. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war das eine ziemlich rückständige und in sich abgeschlossene Kulturwelt. Der Anschluss an die technologische Entwicklung vollzog sich dann viel schneller, als der gesellschaftliche Comment nachziehen konnte, und damit durchaus anders als im Westen. Japan ist Beispiel einer Ungleichzeitigkeit wissenschaftlich-technischer Entwicklung einerseits und der gesellschaftlicher Anpassung andererseits. Deshalb wirkt das auf uns in mancher Hinsicht fremd - für mich sogar fremder als der große Nachbar China.

    Na gut, noch ein Schlusswort zum unsäglichen Meyern: ich nahm alle Teile, bis zum allerletzten Kapitel auf mich, denn es ging mir auch um die Frage, worin denn die von Schmidt behauptete Blaupause eines Super-Dritten-Reichs stecke. Kurz gesagt: nirgends.


    Schmidts Einschätzung ist interessant, aber durch ihre Einseitigkeit verfehlt, denn das Buch kultiviert zwar einen hypertrophen Vaterlands- und Nationengedanken, allerdings keine Rassenideologie. Es mag am Ende in die Verachtung des eigenen Volks wegen des angeblichen geschichtlichen Versagens einmünden, die in der Endphase der Nazizeit so charakteristisch war. Aber ihm fehlt völlig die mörderische Unterwerfungsideologie gegenüber Fremdem. Richtig bleibt andererseits, dass einige Organisationselemente eines totalitären Staatsgebildes lehrbuchartig vorgeführt werden. Was man hier nachlesen kann, ist dann auch weniger das Abbild eines Super-Dritten-Reiches, sondern eine Quelle des Nationalismus der Post-Restaurationsepoche, und, ganz am Horizont, der Maschinismus einer Volksrepublik.


    Und, was Jean Pauls Vorschule angeht: dort wird das Komische ja nicht als Gegensatz des Ernsten, sondern des Erhabenen herausgearbeitet. Wenn ein Buch wie Dya Na Sore etwas ganz bestimmt ist, dann ist es erhaben bis zur Lächerlichkeit.

    Wilhelm Friedrich Meyern, ›Dya-Na-Sore oder die Wanderer‹. Das war Ende des 18. Jahrhunderts sehr einflussreich und wichtig (etwa für Jean Paul) und eröffnete

    Das Buch aus der 2001-Reihe der Haidnischen Alterthümer steht jetzt seit 40 Jahren im Regal und ist jetzt endlich mal dran. Aber ob ich das durchhalte, weiß ich noch nicht. Das sind gut 900 Seiten und nach den ersten 120 Seiten möchte ich sagen: das sind ziemlich wirre Seiten. Im Anhang sind einige Rezensionen abgedruckt, da kann ich einem gewissen Walch von Schleusigen bislang nur zustimmen:

    Schiller machte sich in seiner Rezension lustig:

    Nachtrag: Ach ja, der Titel – Dya ist der Name eines von vier Brüdern, eben den titelgebenden Wanderern.

    Erst 120? Die ärgsten Lesewüsten liegen noch vor Dir. Meine Eindrücke hatte ich unter einem früheren Alter Ego hier schon einmal dargelegt:


    Was für ein Ritt! Von Perutz hatte ich bisher "St. Petri-Schnee", das ich in sehr guter Erinnerung habe, und seiner Prager Herkunft wegen ein bisschen über ihn selbst gelesen. Die “steinerne Brücke” habe ich noch irgendwo hier und weitere Werke werden da in Zukunft ganz sicher folgen. Ein ganz tolles Buch!

    A propos St. Petri-Schnee. Das Motiv einer obskuren gescheiterten Revolution taucht bei Leo Perutz noch einmal auf, nämlich im weniger bekannten "Turlupin", der wirklich köstlich zu lesen ist: ein bigotter Trottel, der von einer großen Staatsverschwörung im 17. (!) Jahrhindert als Werkzeug einer verfrühten französischen Revolution instrumentalisiert werden soll und im entscheidenden Moment durch seine Dappichkeit das ganze Kartenhaus umwirft. Die Bezüge auf den historischen Hintergrund sind etwas schräg, aber das schadet dem Spiel mit der Verschwörungstheorie nicht, an der Perutz die Theorie sowieso immer mehr interessierte als die Verschwörung.


    St. Petri-Schnee, wo eine der beiden Fabelvarianten die Geschichte eines drogenbefeuerten, aber aus der Spur gelaufenen Volksaufstands erzählt, könnte man beinahe als ironischen Kommentar zur Floskel vom Opium fürs Volk halten.

    Der Übersetzer und Joyce-Experte Friedhelm Rathjen hat übrigens jetzt (nachdem Joyce "frei" ist) seine Übersetzungsversuche zum Wake veröffentlicht. Allerdings mit 50,- nicht ganz billig:


    Der Übersetzer und Joyce-Experte Friedhelm Rathjen hat übrigens jetzt (nachdem Joyce "frei" ist) seine Übersetzungsversuche zum Wake veröffentlicht. Allerdings mit 50,- nicht ganz billig:

    ... und inzwischen auch zu den Dubliners, wieder in der Manesse-Bibliothek, Band 17. Mein Eindruck: die Übersetzung trifft die Sprache der Vorlage perfekt: es klingt eben auch im Originaltext wie der Plauderton eines Intellektuellen, der im Pub am Tresen steht und zwischen Dialekt, Jargon und Shakespeare-Zitaten zu changieren versteht.


    Was mich an der sonst gewohnt hübschen Edition offen gesagt etwas überraschte, war die nachlässige Schlusskorrektur. Wiederholte Male stockt der Lesefluss, wenn Satzfehler (Seite 11: ein "dann" anstelle eines "denn" - im englischen Originaltext steht hier ein "for", und an dieser Stelle kommt ein Leser wirklich ins Schleudern) oder inhaltliche Schnitzer (Seite 82: eine Personenverwechslung in einem Dialog - ein "Corley" wo ein "Lenehan" hingehört) den Leser ins Stolpern bringen. Ansonsten: sehr empfehlenswert.

    Zu den zwei letzten Posts von Finsbury und Zefira:


    Meine Bemerkung betraf die Paperback-Ausgabe von Franz Kafka beim FTB, und nur diese. Inzwischen habe ich festgestellt, dass sich Amazon die Freiheit genommen hat, meine Kritik an dieser Ausgabe auch an eine Werksammlung anzuhängen, die bei einem anderen Verlag als Hardcover erschienen ist. Diese kenne ich nicht.


    Und ja, Finsbury, auch die Mannschen Erzählungen stehen bei mir in der gleichen Ausgabe, sind aber etwas besser zu lesen, auch wenn es nur daran liegt, dass das Format etwas größer ist. Und bei behutsamem Umgang hält es sogar zusammen.

    Wenn wir gerade über die editorischen Qualitäten von Fischer-Taschenbüchern - früherer Jahrgänge - barmen, zitiere ich mal aus einer Amazon-Besprechung ("Rezensionen" nenne ich meine Anmerkungen nicht), zu der ich mich veranlasst sah:


    Zitat


    Ein Buch, das mit den legitimen Erwartungen des Lesers auf ein leicht zu rezipierendes Schriftbild so indolent umgeht, wie dieses hier, das muss man lange suchen. Wer es aufschlägt, betritt eine Buchstabenwüste. 388 Seiten Text (außerhalb des Anmerkungsapparates), das klingt zunächst verdaulich, aber das täuscht. Vielleicht sagen die nackten Zahlen, was sich zwischen den Buchdeckeln abspielt: das Buchformat beträgt 18x10,5 cm, davon sind 16x9 cm beschrieben; einen Rand gibt es praktisch nicht, und die Seiten sind von oben bis unten angefüllt, kaum dass noch die Seitenzahl darunter passt. Bei dem gewählten Schriftgrad lassen sich ziemlich genau 2500 Zeichen auf einer Seite unterbringen, verteilt auf nicht ganz 50 Zeilen mit je etwas mehr als 50 Zeichen, und das ist hier keine graue Theorie, sondern bittere Realität. In den längeren zusammenhängenden Erzählungen (zum Beispiel in den "Forschungen eines Hundes", ca. 30 Seiten) bestehen die Absätze nur daraus, dass eine Zeile nicht bis zum Ende beschrieben wird, und so tauchen immer wieder Textpassagen auf, bei denen auf mehreren aufeinanderfolgenden Seiten(!) diese 2500 möglichen Zeichen nahezu vollständig aufgebraucht werden. Man stelle sich einen mündlichen Vortrag vor, der als monotone Suada heruntergeleiert wird - das wäre die perfekte akustische Entsprechung dieses Satzbildes. Der Interessent mache sich dazu klar, dass er ein Buch erwirbt, das ein Äquivalent von mindestens 800 Seiten einer herkömmlichen (und bekömmlichen) Ausgabe darstellt. Es ist eine Mühsal, das zu lesen! Und, darauf lege ich Wert, es ist der einzige Grund für die Versagung des fünften Sterns.

    Und nun ein Klassiker der englischen Literatur: "Die Memoiren des Barry Lyndon, Esquire", eine Art Schelmenroman von WIlliam Makepeace Thackeray. Er ist außerhalb der englischsprachigen Welt besonders durch Stanley Kubricks Verfilmung von 1975 bekannt geworden. In meinem Kindler-Lexikon, das auflagenmäßig aus den Anfang-Siebzigern stammt, steht er noch nicht drin.

    Eine exzellente Wahl. Ich habe Barry Lyndon übrigens immer klar besser eingeschätzt als "Vanity Fair".


    Barry Lyndon ist nur gut halb so lang, aber es geht hier viel konzentrierter vorwärts. Vanity Fair zeichnete ein Sittenbild, in dem Tugend und Verworfenheit auf zwei Antipoden verteilt werden, deren Lebensgeschichten sich umeinander winden. Auf diese Weise entstehen quasi reine Charaktertypen, allerdings geht die dichterische Erzählung dabei manchmal unvermeidlich in die Breite, müssen doch zwei Lebensläufe nebeneinander entwickelt werden. In Barry Lyndon vereinigen sich Tugenden und Untugenden des Helden in einer Person. Natürlich ist der Held ein Schuft, spiel- und trunksüchtig, verschwenderisch bis zum völligen Ruin; unfähig, seinen Beutel beisammen zu halten und kaltblütig im Verschwenden eines riesigen angeheirateten Vermögens; völlig skrupellos, wenn es um die Durchsetzung seiner Interessen geht, oder um das, was er seiner Ehre schuldig zu sein meint. Andererseits kann er großzügig sein, lässt in der Tat keine Spielschuld offen und pflegt genau den Glanz, den der Autor ganz offensichtlich an jenem 18. Jahrhundert so bewunderte. In dem Helden dieses Romans sind, eingefangen in dem Begriff des ländlich geprägten "Gentleman", gesellschaftlicher Anspruch und bäurische Sitten, vereinigt: der Grundtyp des "Snob", den Thackeray in seinem Episodenbuch der "Snobs" entwickelte. Barry Lyndon ist kein reiner Charaktertyp, er ist eine schillernde Figur, er ist ambivalent, und das macht ihn so viel interessanter als jede der beiden Hauptfiguren in Vanity Fair.


    Darin liegt auch der Grund für das konzentrierte Voranschreiten der fiktiven Selbsterlebensbeschreibung des Helden. Von der ersten Zeile an hat das Buch, gemäß dem Temperament seines Titelhelden und Ich-Erzählers, den Vorwärtsgang eingelegt, und bis auf eine Episode an einem deutschen Fürstenhof, die übrigens klar Bezug nimmt auf reale historische Vorgänge im Königreich Württemberg, behält es diese Richtung bei, bis zum bitteren Ende. So ein Roman ist recht nach meinem Geschmack.

    Erzählungen von Joseph Roth, in der kleinen Auswahl bei dtv. Was Roth angeht, bin ich ein Spätberufener, aber eigentlich ist das ganz gut so, denn für die feine Firne der Rothschen Texte wäre ich früher vermutlich selbst nicht reif genug gewesen. Kurzum: ich bin einmal mehr schwer beeindruckt.


    MRR lobte ja einmal Roths Anteilnahme an seinen Personen, aber interessant ist auch das Maß der Distanz, das dabei er zu ihnen hält, daraus entsteht zugleich eine sachte Ironie. Sie ist ähnlich subtil, aber im Kern doch anders konnotiert als bei dem anderen großen Niedergangserzähler seiner Zeit, Eduard von Keyserling - weniger kühl, dafür zugeneigter.

    Kabale und Liebe also: Schillers strittigstes Jugendstück um fast alles, was die Zeitgenossen beschäftigte: eine polarisierte Gesellschaft aus zynisch-intrigantem Adel, dessen ererbte Macht an den jugendlichen Rändern zu erodieren beginnt, ein unterworfenes Bürgertum, dem hier der Zutritt zum Trauerspiel gewährt wird, und ein Brückenschlag über Standesgrenzen hinweg durch ein junges Paar, der durch die Ränkespiele mit tödlichem Ende eingerissen wird und alle Beteiligten am Ende in den Abgrund reißt. Das ist alles wahr, schön und gut, und unter den Händen eines Heinrich von Kleist hätte der Stoff vermutlich auch richtiges Leben geatmet. Nur leider: es schrieb ein anderer.

    Das beherrschende Problem in Schillers frühen Werken ist die Inkongruenz von Personen und Sprachen. Es ist nicht das Gleiche, wenn Maria Stuart und Luise Miller mit dem gleichen Pathos deklamieren. In einem Fall ist es plausibel, im anderen seltsam. Eine Musikantentochter von sechzehn Jahren ist dem hohen Ton ihrer Aussprache mit der Lady Milford, unter dem auch Helden von sophokleischem Format ordentlich zu schleppen hätten, nicht gewachsen.

    Kommt das von "schinden"? So wie finden - fand? fund?

    Ja, genau. Einen Kolleg - eine Vorlesung, oder auch eine Klavierstunde schinden muss in der Tat einmal gebräuchlich gewesen sein. Heinz Erhart spielte übrigens gerne mit solchen alten starken Imperfekten, da boll auch einmal ein Hund, dem ich zuletzt in den "Flegeljahren" einmal begegnete. Den Vogel schossen etwas später dann Gernhard/Bernstein/Waechter in ihrem "Sängerkrieg auf der Wartburg" ab: brimmen, bramm, gebrummen, tandaradei!