Dostojewski

  • Hallo zusammen,


    ich überlege mir, in der nächsten Zeit ein paar Werke von Dostojewski zu lesen. Es wäre schön, wenn der eine oder andere eine Art persönliches "Ranking" der Dostojewski-Romane (gern auch mit Novellen etc.) machen könnte. Oder schreiben könnte, was er an einem der Romane besonders gut findet.


    MfG, benji

  • Ohne alles von Tolstoi gelesen zu haben - "Krieg und Frieden" fehlt mir zum Beispiel noch - nenne ich mal spontan als meinen Lieblings-Tolstoi den "Tod des Iwan Iljitsch".

    Anfang dieses Jahres habe ich mal an einem dieser Bücher-Challenges teilgenommen: "Nenne zehn der wichtigsten Bücher deines Lebens", da war der Iwan Iljitsch mein zweitwichtigstes von den zehn genannten.

  • Oh ja, „Der Tod des Iwan Iljitsch“ ist unglaublich gut, vielleicht die beste Erzählung überhaupt, die ich kenne. Aber auch „Herr und Knecht“, an die ich bei der Don Quichote-Lektüre @ zefira :)des öfteren denken musste, finde ich hervorragend, wie fast alle die vielen Erzählungen Tolstois , bis auf die… “Kreutzersonate“...

    Unter den Romanen ist für mich“ Anna Karenina“ die Nummer eins, gefolgt von „ Auferstehung“ und „Krieg und Frieden“... oder umgekehrt.


    "Der Idiot" @ newman war jahrzehntelang auch mein Lieblingsbuch! Heute sieht das „Dostojewski-Ranking“ so aus:
    Aufzeichnungen aus einem Totenhaus

    Der Spieler

    Die Dämonen

    Die Brüder Karamasow

    Der Idiot

    Schuld und Sühne


    Und was ist mit Tschechow, Gogol, Puschkin, Turgenjew und all den andern genialen Russen?^^

  • Da wirst Du so viele Meinungen hören, wie hier Leute sind ...

    Ich schätze zum Beispiel Dostojewskis Erzählung "Eine dumme Geschichte" ganz besonders. Aber wohl in erster Linie deshalb, weil ich Schilderungen von Festivitäten, die aus dem Ruder laufen, besonders mag (deshalb lese ich auch gern Zola) ...

  • Beitrag von Vult ()

    Dieser Beitrag wurde vom Autor gelöscht ().
  • Bei diesen Aufzählungen wird immer N. Leskow vergessen, seine Erzählungen schätze ich besonders. Die Lady Macbeth von Mzensk, Der Gaukler Pamphalon, Am Ende der Welt, oder Der ungetaufte Pope, alles feine Sachen. Obwohl für viele Russen hier Puschkin immer an erster Stelle sehen dürfte. Dostojewski war immer gut für alle Arten und Sorten von politischen und religiösen Demagogen. Ich wurde mit Dostojewski niemals "richtig warm".


    Eine Frage zu Gogol hätte ich noch, gibt es da eine gute Werkausgabe?


    Grüße, Peter

  • 1. Weiße Nächte

    2. Schuld und Sühne

    3. Die Brüder Karamasow

    4. Der Idiot

    5. Der Jüngling

    Zauberhaft diese „Weißen Nächte“, die ich dann in voller Länge erleben durfte, als ich in Leningrad lebte.

    „Schuld und Sühne“ habe ich zum ersten Mal als Zwanzigjähriger gelesen, als ich selbst Fieber hatte. Der Held wird auch selbst von Fieberanfällen geschüttelt. Die Übersetzerin Svetlana Geier hat anstelle von „Schuld und Sühne“ mit der Übersetzung „Verbrechen und Strafe“, die „Prestuplenie i nakazanie“ auch näher kommt, die religiöse Terminologie in den Hintergrund treten lassen. Sie knüpft damit an das gerade auch in Russland unter Katharina der Großen populär gewordene Buch des Cesare Beccaria „Über Verbrechen und Strafen“ (1764) an, in dem der italienische Jurist die Todesstrafe und die Folter ablehnte; Dostoevskij dürfte vor allem an den Buchtitel gedacht haben..

    Aus „Die Brüder Karamasow“ habe ich die typischen Szenen aus Altrussland (Orgie auf dem Lande, gläubige Einsiedler) und die Gerichtsszenen in Erinnerung. Der „Großinquisitor“ gemahnte an Auswüchse im Realsozialismus.

    Dostoevskijs Roman „Die Dämonen“ wurde bei uns in der Literaturwissenschaft als Verunglimpfung von Revolutionären dargestellt, der „individuelle Terror“ eines Nečaev wie entsprechende Erscheinungen der damaligen Gegenwart (gewaltsame Ausflüsse bei manchen 68ern, RAF-Terrorismus, Rote Brigaden usw.) allerdings strikt abgelehnt, da sich „Revolutionäre“ ja in Massenorganisationen zu organisieren hatten. „Die Dämonen“ wurden deshalb auch zunächt nicht in die dreizehnbändige Dostoevskij-Werkausgabe im Aufbau-Verlag aufgenommen. Die Dostoevskij-Übersetzerin Margit Bräuer hat sich 2017 an diese Jahre erinnert in: Ingrid Kästner/Michael Schippan (Hg.): Deutsch-russische Zusammenarbeit wissenschaftlicher und kultureller Institutionen vom 18. zum 20. Jahrhundert (Europäische Wissenschaftsbeziehungen; 14). Aachen 2017.


    Schon damals beunruhigte, dass sich Gruppen einer Minderheit anmaßten, moralisch der Masse der Bevölkerung überlegen zu sein und in ihrem Namen „Schicksal zu spielen“.


    An dieser Stelle möchte ich die neue Biographie des Schweizer Autors empfehlen:

    Andreas Guski: Dostojewskij. Eine Biographie. Verlag C. H. Beck, München 2018, 460 S., 28,- Eu.

    Nachdem ich sie ausgelesen hatte, erschien gerade in der vorgestrigen Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 2. Mai 2018, Nr. 101, S. 12, eine Rezension von Christiane Pöhlmann.

    Nun ärgere ich mich jedes Mal über mich, dass ich mich auch jedes Mal von dieser vergleichsweise teuren und durch ihr riesiges Format im Alltag schwer handhabbaren Zeitung ärgern lasse


    (wegen ihrer Verherrlichung von Finanzmagnaten mit ganzseitigen Annoncen, der notorischen Vernachlässigung der Interessen der Millionen Religionslosen im Land und dafür Bevorzugung endloser Bibel-, Kreuzesdebatten für die gebildete Mittelschicht, kein Mensch liest im Osten dieses riesengroße Blatt und der mit westlichen Vorurteilen aus dem Kalten Krieg belasteten Abneigung gegenüber Russland und seinen Bewohnern, allein die Journalistin Kerstin Holm bedient dieses Themenfeld mit Illusionen über große Opposition – Abschweifung weitgehend zu Ende, die in einer gleichfalls gelesenen Rezension der neuen Lawrence Sterne-Ausgabe als dessen Stilmittel hingestellt wird, aber ich bin ja nicht Sterne, mag diesen Humor eigentlich auch nicht so sehr, Abschweifung vom Thema ...)


    ja also in dieser Rezension wird darauf hingewiesen, dass Andreas Guski in den polarisierenden Auseinandersetzung über Dostoevskij seinen Kurs durchhält, dass er nicht in das nur Eingeweihten zugängliche literaturwissenschaftliche Kauderwelsch verfällt, seinen Helden in die Geschichte seiner Zeit stellt und auf die Etappen und Eigenart der Rezeption seiner Werke eingeht.

    Die Rezensentin, die mit der Überschrift „Schuld und Shitstorm“ internet-affine Leser bei Laune halten will, vermerkt, dass Guski nicht die Übersetzungen Svetlana Geiers zugrunde legt, und verweist m. E. zu Recht darauf, dass es bei der Darstellung seiner Auseinandersetzung mit Turgenjew und Tolstoj (die zu DDR-Zeiten weitgehend ausgespart wurden, wo alle drei Autoren in zahlreichen geschmackvollen Ausgaben verlegt wurden) hier nur um Charaktere und Honorare geht, die unterschiedlichen literarischen Konzepte der Schriftsteller aber zu kurz kommen.

  • Eine Frage zu Gogol hätte ich noch, gibt es da eine gute Werkausgabe?


    Grüße, Peter

    Zu DDR-Zeiten gab es zwar die eben erwähnte 13bändige Dostoevskij-Ausgabe sowie Turgenev- und Tolstoj-Werkausgaben, jedoch keine Gogol-Gesamtausgabe. Man hätte damals bei annäherndem Vollständigkeitsanspruch auch Werke aufnehmen müssen, die von den Entscheidungsträgern als "reaktionär" bewertet wurden oder bei denen die Religiosität und übrigens auch der russische Großmachtanspruch im Vordergrund standen. Aus morgigem Anlass des 5. Mai: Selbst die "Revelations" zur russischen Außenpolitik von Karl Marx waren wie die Artikel von Friedrich Engels zum Slawentum und Panslawismus verboten, eine Promotionsverteidigung zu diesem Thema fand unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt. Im Westen veranstaltete Bernd Rabehl eine deutsche Ausgabe, der von den 68ern nach ganz rechts abdriftete.


    Mit dem Aufbau-Verlag und natürlich Volk und Welt für die Sowjetliteratur gab es immerhin eine infrastrukturelle Unterstützung, die natürlich nach 1990 wie das Verlagswesen insgesamt zerschlagen werden musste (dazu das Buch von Christoh Links)


    So gab es also nur Einzelausgaben, z.B. der "Petersburger Skizzen" in der schwarzen Serie von Reclam in Leipzig.

    Dieses Problem stellte sich übrigens auch bei F. M. Dostoevskij. Da man sich vorwiegend auf Belletristik konzentrierte und nicht dessen publizistischen Werke berücksichtigte, fiel das nur bei den "Dämonen" auf.


    Empfehlen würde ich die Neuübersetzung der "Toten Seelen" durch Vera Bischitzky, die auch eine neue Übersetzung von Gontscharows "Oblomow" vorgelegt hat.https://de.wikipedia.org/wiki/Vera_Bischitzky und, obwohl ich selbst nicht Literatur am Bildschirm lese, dann die digitale Ausgabe.


    Von meinem "Helden" Karamzin gibt es zwar eine 18bändige russische Werkausgabe, doch ist sie nicht zuverlässig und schlecht kommentiert.

  • Ein Ranking mit Werken dieser 5 Autoren (evtl. inklusive all der andern genialen) wäre auch interessant.

    Och nö, man kann nicht Äppel mit Birnen vergleichen, und wie sollte man Dostojewskij, Gogol, Tolstoj oder Gontscharow oder Turgenjew in eine wertende Reihenfolge bringen? Einzig das Alphabet oder eine chronologische Reihenfolge würde ich da durchgehen lassen. Persönliche Vorlieben sind davon natürlich unberührt. ;-)

  • Zu DDR-Zeiten gab es zwar die eben erwähnte 13bändige Dostoevskij-Ausgabe


    Ist eigentlich die Mitte der 80er Jahre begonnene, auf 20 Bände ausgelegte Werkausgabe bei Aufbau je vollständig erschienen? Mir ist so, als wären da nicht alle Bände erschienen. Ich habe einige aus der Serie, bin aber auf der Suche nach dem 'Jüngling' nie fündig geworden.


    Ebenso ist für mich immer die Frage, ob Neuübersetzungen wirklich besser sind. Die Übersetzungen von Svetlana Geier wurden ja sehr gerühmt, ich habe sie auch einmal persönlich erlebt und war von ihr sehr beeindruckt. Jedoch gab es auch zuvor gute und fähige Dostojewskij-Übersetzer, sodass ich da immer etwas skeptisch war. Da ich kein Russisch verstehe, kann ich das nicht beurteilen.


    Hanser kündigt gerade eine Neuübersetzung der 'Aufzeichnungen eines Jägers' von Turgenjew an. Aber das Buch habe ich bereits in zwei Ausgaben und werde keine dritte hinzufügen.

  • Nachdem ich sie ausgelesen hatte, erschien gerade in der vorgestrigen Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 2. Mai 2018, Nr. 101, S. 12, eine Rezension von Christiane Pöhlmann.

    Nun ärgere ich mich jedes Mal über mich, dass ich mich auch jedes Mal von dieser vergleichsweise teuren und durch ihr riesiges Format im Alltag schwer handhabbaren Zeitung ärgern lasse


    (wegen ihrer Verherrlichung von Finanzmagnaten mit ganzseitigen Annoncen, der notorischen Vernachlässigung der Interessen der Millionen Religionslosen im Land und dafür Bevorzugung endloser Bibel-, Kreuzesdebatten für die gebildete Mittelschicht, kein Mensch liest im Osten dieses riesengroße Blatt und der mit westlichen Vorurteilen aus dem Kalten Krieg belasteten Abneigung gegenüber Russland und seinen Bewohnern, allein die Journalistin Kerstin Holm bedient dieses Themenfeld mit Illusionen über große Opposition – Abschweifung weitgehend zu Ende, die in einer gleichfalls gelesenen Rezension der neuen Lawrence Sterne-Ausgabe als dessen Stilmittel hingestellt wird, aber ich bin ja nicht Sterne, mag diesen Humor eigentlich auch nicht so sehr, Abschweifung vom Thema ...)

    Und auch das sollte endlich einmal gesagt sein.


    Danke für deinen Beitrag


    Grüße vom Vult, ein sich immer mehr den "postfaktischen" Medien verweigernder Nonkonformist.

  • Hanser kündigt gerade eine Neuübersetzung der 'Aufzeichnungen eines Jägers' von Turgenjew an. Aber das Buch habe ich bereits in zwei Ausgaben und werde keine dritte hinzufügen.

    Turgenjew, außer einem Band Erzählungen, Frühlingsfluten, habe ich nichts weiter von diesem Dichter gelesen.


    Lohnt es sich, die 'Aufzeichnungen eines Jägers' zu lesen, und wenn, warum? Turgenjew soll ja Goethe sehr nahe gestanden haben, vielen Russen war er wohl zu deutsch, ich weiß aber jetzt nicht, ob diese Kritik vorwiegend aus den Reihen der strammen Slawophilen kam.


    Grüße, Peter

  • Turgenjew, außer einem Band Erzählungen, Frühlingsfluten, habe ich nichts weiter von diesem Dichter gelesen.


    Lohnt es sich, die 'Aufzeichnungen eines Jägers' zu lesen, und wenn, warum?


    Unbedingt zu empfehlen. Die Aufzeichnungen sind eigentlich eine Sammlung von Erzählungen, die durch einen Rahmen lose verbunden sind. Die unstete Lebensweise des 'Jägers' erlaubt es dem Erzähler, immer wieder die Perspektiven zu wechseln und in unterschiedlichen Teilen des russischen Reiches mit unterschiedlichen Menschen zusammenzutreffen und deren Geschichten zu erzählen. Das Ergebnis ist ein soziales Panorama des Lebens in Russland, das man sonst kaum irgendwo findet. Erschütternde gesellschaftliche Zustände, Aberglaube, persönliche Tragödien - alles drin. In dieser Intensität findet man das m. E. sonst nur in den Erzählungen von Tschechow.

    Ebenfalls sehr wichtig: Väter und Söhne. Ein Roman über gesellschaftlichen und geistesgeschichtlichen Wandel in verschiedenen Ausprägungen. Ein herrliches Buch. Eher übrigens mit Fontane zu vergleichen (Der Stechlin) als mit Goethe.


  • Ist eigentlich die Mitte der 80er Jahre begonnene, auf 20 Bände ausgelegte Werkausgabe bei Aufbau je vollständig erschienen? Mir ist so, als wären da nicht alle Bände erschienen. Ich habe einige aus der Serie, bin aber auf der Suche nach dem 'Jüngling' nie fündig geworden.

    Dazu habe ich bei Wikipedia Folgendes gefunden:


    Einige Programmpunkte wie Klassiker der Weltliteratur oder Editionen lateinamerikanischer Autoren wurden über 1990 hinaus beibehalten. Einige der zu DDR Zeiten wegen des Papiermangels nie vollständigen Werkausgaben von Dostojewski, Egon Erwin Kisch, Turgeniew, E.T.A. Hofmann wurden komplett herausgegeben.

    Unter den Romanen ist für mich“ Anna Karenina“ die Nummer eins, gefolgt von „ Auferstehung“ und „Krieg und Frieden“... oder umgekehrt.

    Freut mich, dass jemand "Auferstehung" als ähnlich gut beurteilt wie "Krieg und Frieden". Ich befürchte ein bisschen, dass "Auferstehung" vielleicht übermäßig langatmig sein könnte; habe mal so etwas gehört. Ist das so oder nicht?



  • Dostojewski hab ich als Jugendlicher mit großer Begeisterung gelesen (in der 10bändigen Piper-Ausgabe*), eindrücklich "Arme Leute", "Dämonen", "Spieler" und ein paar Kleinigkeiten, von denen mir jetzt die Titel nicht mehr einfallen. Sehr viel später hab ich die "Dämonen" noch einmal in der Übersetzung von Swetlana Geier gelesen ("Böse Geister") und war immer noch beeindruckt. Dann hab ich mit "Verbrechen und Strafe" (aka: "Schuld und Sühne") weitergemacht, das aber als verlogenen Kitsch empfunden und nach ein paar Hundert Seiten verärgert abgebrochen. Ich fürchte, "Arme Leute" würde mir heute auch nicht mehr zusagen …


    *) Die Ausgabe stand ewig lang in der kleinen Buchhandlung in meinem Heimatdorf im Regal. Von meinem ersten Zivi-Sold hab ich sie mir das eingeschweißte und verstaubte Exemplar dann geleistet. An der Kasse zahlte ich die 120,- DM, eine Frau hinter mir sagte "Also das wäre mir für Bücher zu teuer", ich sagte "Mir nicht" und ging.