Monika Maron: Munin oder Chaos im Kopf

  • Dass sich unser Gespräch über den „Munin“-Roman Monika Marons auf die verschiedenen Gegenwartsthemen ausgeweitet hat, wird sicher auch verständlich angesichts des Umstands, dass zeitgleich die Debatte um Tellkamps Dresdner emotionalen Ausbruch und die von Vera Lengsfeld gestartete „Gemeinsame Erklärung 2018“ die Gemüter zu erregen begannen.


    Nicht überall, mancherorts in unserem Land ahnt man gar nicht, was da so Aufregendes sein soll, mitunter nur im Internet, das sowieso manchem nach wie vor gar nicht zugänglich ist. Auch das wäre völlig verständlich, in manchen Gegenden und manchen Kreisen gibt es gar keine Debatten um das, was Monika Maron so bewegt.


    Wir haben uns, glaube ich, wie auch Volker mehrfach hervorhob, trotz unterschiedlicher Ansichten in Einzelfragen darum bemüht, die Positionen des anderen zu verstehen und die Diskussionspartner nicht in eine bestimmte Ecke zu manövrieren, wie es gegenwärtig häufig geschieht. Mir ist bewusst, dass man sich in bestimmten, von anderen weitgehend abgeschlossenen Diskussionszusammenhängen bewegen kann („Filterblasen“), die Gesellschaft ist tatsächlich in verschiedener Hinsicht gespalten wie kaum zuvor. Die Debatten um 1968 beispielsweise berühren mich als ehemaligen Ostbürger nur wenig, weil sich für uns mit diesem Jahre vor allem der „Prager Frühling“ verband, weniger die emanzipatorischen Ansätze, Befreiungsversuche, die elitäre Abgeschlossenheit bestimmter Zirkel und ihr gewaltsames Gehabe gegenüber friedlichen Bürgern im Westen, die einfach ihrer Arbeit nachgingen und als „faschistisch“ denunziert wurden.


    Wenn ich auch immer wieder in der jetzigen Zeit an die Ereignisse von 1989 erinnert wurde (mit Einsichtnahme in Stasi-Akten usw.), ich sage offen:


    ich weiß es nicht, wie es bei uns im Land jetzt weitergehen soll und ob die von Angela Merkel geprägte (hätte ich jemals gedacht, dass eine Ostfrau so mir nichts dir nichts mehrere in der Politik gestandene, ausgebuffte Mannsbilder wegputzt und in die Wüste schicken würde!) „Normalität“ so weiter gehen wird.

    Ich verstehe jeden, der sich angesichts dieser Wirklichkeit auch gern einmal – zumindest zeitweise - in die Privatsphäre, in die Lektüre guter Bücher und wirkliche Ornithologie zurückziehen will, um die Grenzen seiner Einflussnahme auf die Parteiendemokratie wissend.

    Monika Maron hat also am 11. April, vor bald einem Monat, der „Berliner Zeitung“ ein Interview gewidmet. Sie setzte das Gespräch mit der ihr vertrauten Journalistin Cornelia Geißler fort.


    https://www.berliner-zeitung.d…6104?view=fragmentPreview

    Die „Berliner Zeitung“ gab es schon zu DDR-Zeiten. Nach 1990 musste sie sich, in Konkurrenz zum „Berliner Tagesspiegel" und zur „Morgenpost“ sowie zur anfangs so unkonventionellen „taz“ in der Hauptstadt behaupten und auch das Westberliner Publikum ansprechen. Immerhin können auch in der Gegenwart auf einer Seite Beiträge erscheinen, in denen einerseits warnend auf die Folgen der unkontrollierten Einwanderung hingewiesen, andererseits, völlig entgegengesetzt, hinter jedem Busch ein Rechtsradikaler vermutet wird.

    Es kam also zu einer Begegnung der Journalistin Geißler mit Monika Maron. Durch die Fensterscheiben äugten zwei Krähen herein, die gibt es also wirklich. Das Bild von der „Kassandra“ in unserem Eingangsbeitrag findet sich auch wieder.

    Es geht zu Anfang um „Abschiebung“ von Menschen, die hier nicht bleiben können. Die Ereignisse von Ellwangen der letzten Tage zeigten das Dilemma des Rechtsstaats.

    In dem Interview ist von diesem Mißtrauen die Rede, das die Diskussionen so unergiebig werden läßt.

    Ich will ausdrücklich sagen, daß die Diskussionen mit JHNewman hier im Forum gerade eben keinerlei Mißtrauen aufkommen ließen, weil er die Karten offen auf den Tisch legt. Und das wird gewiß so weiter gehen.

    Monika Maron findet Höcke und den inzwischen abservierten Poggenburg von der AFD furchtbar.

    Dann kommt man auf die Haltung zum Islam zu sprechen, ein Thema, das Monika Maron seit geraumer Zeit umtreibt.

    Hier schaue ich vor allem auf die Partei Die Linke: Auf der einen Seite ist man bestrebt, alles auf die soziale Frage und die Ungerechtigkeiten im kapitalistischen System zurückzuführen (Katja Kipping z. B.). Die Folgen einer radikalisierten Ideologie des militanten Islamismus und ihre Wirkungen auf unsere Bevölkerung werden demgegenüber m. E. völlig vernachlässigt. Nicht alles, was von dieser Region des Nahen Ostens ausgeht, ist mehr auf den europäischen Kolonialismus zurückzuführen oder nur mittelbar.

    Sodann gibt Monika Maron wieder, was auch ich hier mehrfach festgehalten habe: man verspürte nach 1990 eine Re-Christianisierung an Orten, wo das Christentum schon aufgehört hatte, einen nennenswerten Einfluss zu nehmen. In der Debatte um Söders Kreuzes-Verordnung geht es in maßgeblichen Presseorganen vorwiegend darum, wie die maßgeblichen Vertreter der großen christlichen Konfessionen, ob Bedford-Strohm oder Bischof Marx, dazu stehen.


    Nie interessiert in diesen Presseorganen, dass sich Millionen von Deutschen eben nicht dem so genannten „christlichen Abendland“ zugehörig fühlen.

    Einig werden wir uns hier allerdings wahrscheinlich alle auf den „Verfassungspatriotismus“ im Sinne von Habermas: mit dem „Grundgesetz“ haben wir wirklich eine feine Sache zu spüren bekommen, von einigen - aus verschiedener Sicht - nach annähernd 70 Jahren - verbesserungswürdigen Passagen abgesehen.

  • es ist schon toll, dass Ihr hier so tiefschuerfend schreibt. Newman als Historiker und Karamzin als Literaturwissenschaftler. Die Angst vor den Tuerken als EINE der Ursachen fuer den 30j. Krieg war mir gaenzlich unbekannt. Aber es gab ja wohl sowieso ein fuer einen Laien schwer zu durchschauendes Geflecht von Ursachen, was ja die Protagonistin der Maron schon bald zu der Erkenntnis kommen liess, dass es fuer sie und ihre Aufgabe (Festschrift) unmoeglich sei, das zu entwirren. Wonach sie sich dann klugerweise auf den Muellerssohn und die Droste konzentriert hat. (Mein Vater war Hobbyhistoriker. Er hatte eine ungebundene Schwarte: "Die Politik Philipp von Soeterns im Dreissigjaehrigen Kriege", in die ich mal zaghaft reingeguckt habe. Schon nach einer Seite brummte mir der Kopf. Ich habe sie einem entfernten Cousin geschenkt.) Newman hat sich - bewusst(?), angeregt durch das Maron-Buch - (nochmal) den dreissigjaehrigen Krieg vorgeknoepft. Mir ist durch Zufall ein Buch ueber eine andere VORKRIEGSZEIT in die Haende gefallen, was ich schon immer mal lesen wollte: Josef Roths Radetzkymarsch. Ein grossartiger Schriftsteller (und Miniaturmaler). Im Radetzkymarsch, m.E. besser noch im Zauberberg, kann man spueren, wie sich Vorkriegszeit anfuehlt. Es laesst sich schwer uebertragen aber mit der Donaumonarchie zerfiel ja auch etwas, was wegen seiner Heteroginitaet nicht mehr zusammenzuhalten war. Funktioniert Nordamerika, der vielgeruehmte Schmelztiegel, wirklich? Ich weiss zu wenig, aber es faengt ja schonmal damit an, dass die Urbevoelkerung fast ausgerottet wurde und deren Reste ueberwiegend ein kuemmerliches Dasein fristen. Und die WASPS haben immer noch hauptsaechlich das Sagen(?), trotz des Katholiken Kennedy und des (gemaessigt) Farbigen Obama. Karamzin und ich als Atheisten oder Agnostiker haetten einen scfhweren Stand und koennten wohl nix rechtes werden. Das Wasserpfeifenlokal schraeg unter unserem Balkon vivat, crescat, floreat. Laerm gibt es nur, wenn die jungen, baertigen, gutaussehenden Machos ihre Autos bei der Abfahrt volle Pulle aufdrehen; wenn sie an ihren Wasserpfeifenschlaeuchen nuckeln, sind sie bemerkenswert ruhig.

    if all you have is a hammer, all you see looks like a nail.

    Einmal editiert, zuletzt von Volker () aus folgendem Grund: Schreibweise Philipp von Soetern korrigiert

  • Hallo Jaqui , wir sind uns in anderen Leserunden begegnet, in denen es um klassische Literatur des 19. Jahrhunderts ging. Da würde ich es auch begrüßen, wenn Du dann nach der Lektüre Deine Eindrücke von diesem Buch der Gegenwartsliteratur mitteilen würdest.

    Volker , ich bin übrigens kein ausgebildeter Literaturwissenschaftler und finde mich in deren Debatten oft nicht zurecht, die in einem eigentümlichen Jargon geführt werden. Die von Dir angeführte Berufsbezeichnung für JHNewman würde es eher treffen.

  • Mir ist durch Zufall ein Buch ueber eine andere VORKRIEGSZEIT in die Haende gefallen, was ich schon immer mal lesen wollte: Josef Roths Radetzkymarsch. Ein grossartiger Schriftsteller (und Miniaturmaler). Im Radetzkymarsch, m.E. besser noch im Zauberberg, kann man spueren, wie sich Vorkriegszeit anfuehlt. Es laesst sich schwer uebertragen aber mit der Donaumonarchie zerfiel ja auch etwas, was wegen seiner Heteroginitaet nicht mehr zusammenzuhalten war.


    Ja, Volker, eine ganz großartige Nebenspur. Ich liebe Joseph Roths Romane sehr und natürlich auch den Radetzkymarsch. Ich weiß nicht, wie weit Du vorgedrungen bist, aber es gibt diese grandiose Szene eines Festes irgendwo am östlichen Rand von Galizien, in die dann die Nachricht vom Kriegsausbruch hineinplatz. Roth beschreibt ganz hinreißend, wie das gesamte Gefüge innerhalb des k.u.k.-Militärs sich in just diesem Moment in Luft auflöst. Mit Eintreffen der Nachricht brechen sofort Animositäten zwischen den unterschiedlichen Ethnien der Monarchie auf, die bis dato keine Rolle gespielt hatten. Das fand ich so bemerkenswert. Denn ich habe auch andernorts (ich weiß leider nicht mehr genau, wo) darüber gelesen, dass man mal die Publizistik, Tagebücher und Briefe etc. daraufhin untersucht hat, wie das Habsburgerreich wahrgenommen wurde. Und das Ergebnis war überraschend: NACH dem ersten Weltkrieg und dem Zerfall des Reiches gab es viele Stimmen, die - wie Du auch oben schreibst - das Reich schon längst auf dem Totenbett gesehen hatten. Die meinten, ein solches Vielvölkerreich hätte nicht funktionieren können und hätte zwangsläufig auseinanderbrechen müssen. Jedoch sind diese Stimmen VOR 1914 kaum zu finden. Die Untergangsstimmung im Hinblick auf Österreich-Ungarn war also offenbar ein rückwirkend wahrgenommenes Gefühl, keines, das vor 1914 stark wahrgenommen und geäußert wurde. Das ist doch bemerkenswert. Und ich neige auch der Auffassung zu, dass man schwerlich etwas als 'nicht lebensfähig' bezeichnen kann, das doch immerhin mehrere Jahrhundertelang gelebt hat. Das Vielvölkerreich der Habsburger war sicher nicht ohne Probleme und hatte mit großen Schwieriegkeiten zu leben, aber es hat über mehrere Jahrhunderte hinweg funktioniert.


    (Noch wilder wird dies, wenn man es auf das Deutsche Reich bezieht, dass ja beinahe 1000 Jahre Bestand gehabt hat (wenn man großzügig rechnet und die Krönung Karls des Großen mal als Anfangspunkt akzeptiert) und das einige Historiker heute immer noch als 'nicht lebensfähig' kategorisieren wollen...)


    Das schreibt auch Georg Schmidt über den Dreißigjährigen Krieg. Er listet eine ganze Anzahl von Krisensymptomen auf (Ihr habt schon einige davon benannt). Aber die Koexistenz von zwei bzw. drei Konfessionsparteien im Reich hatte immerhin schon seit fast 100 Jahren Bestand, als es zum Krieg kam. Insofern ist es wenig schlüssig davon zu sprechen, dass die Frontstellung der Konfessionen den Krieg ausgelöst hätten. Das war nur eins der Mosaiksteinchen, die schließlich zum Kriegsausbruch beitrugen.

  • Sodann gibt Monika Maron wieder, was auch ich hier mehrfach festgehalten habe: man verspürte nach 1990 eine Re-Christianisierung an Orten, wo das Christentum schon aufgehört hatte, einen nennenswerten Einfluss zu nehmen. In der Debatte um Söders Kreuzes-Verordnung geht es in maßgeblichen Presseorganen vorwiegend darum, wie die maßgeblichen Vertreter der großen christlichen Konfessionen, ob Bedford-Strohm oder Bischof Marx, dazu stehen.


    Nie interessiert in diesen Presseorganen, dass sich Millionen von Deutschen eben nicht dem so genannten „christlichen Abendland“ zugehörig fühlen.

    Vielleicht überraschend, aber ich sehe das ganz ähnlich. Mich befremdet diese neue Art der 'öffentlichen Religion'. Nicht, weil ich etwas gegen das Christentum hätte. Aber meines Erachtens handelt es sich hier zumeist gar nicht um das Christentum. Die Religion wird an diesen Stellen eher als eine 'kulturell-identitäre' Chiffre eingesetzt. Das ist bei den Pegida-Demonstranten so, die in Dresden Kreuze schwenken und damit eigentlich nur einen Anti-Islamismus meinen und nicht den christlichen Glauben. Und das ist bei Söder genau so, der jetzt alle Eingangshallen mit Kreuzen zieren will, sich darin aber eher wie ein Hundetier verhält, das sein Revier markieren will. Ganz explizit spricht er ja auch vom Kreuz als einem nicht nur religiösen Symbol, sondern als Zeichen unserer 'Werte'.


    Ich kann es nachvollziehen, dass Menschen sich dadurch ausgegrenzt fühlen. Das soll ja auch genau so erreicht werden. Wobei ich denke, das Söder und Co. hier vor allem Menschen aus muslimischen Ländern im Blick haben.


    So eine wurschtige Art von Staatsreligion will ich aber nicht haben. Das Kreuz, wo es als religiöses Symbol ernst genommen wird, kann immer nur ein Zeichen von Demut und von Offenheit sein, keines von Ausgrenzung oder gar Triumph über andere. Deshalb sollte der Staat die Finger davon lassen.


    Dieses Gehabe von Söder und Seehofer und anderen führt in letzter Konsequenz zu einem neuen Bündnis von Thron und Altar, wie man es wieder in Russland beobachten kann, wo sich die orthodoxe Kirche willig vor den Karren einer antiwestlichen Ideologie Putins spannen lässt, oder zu einem heuchlerischen System wie in den USA, wo sich die Politiker mit den Floskeln der evangelikalen Fernsehprediger verkaufen. Mich stößt das beides ab.

  • Ich sollte diesen Thread meiden. Ein weiteres Buch dass ich demnächst lesen sollte. Der radetzkymarsch steht schon lange ungelesen in meinem Regal. Mit einigen anderen Romanen die es in einem Schuber gab.

  • Den Radetzkymarsch habe ich ausgelesen, Newman. Danke fuer DEINE Sicht auf das Fest. MIR kam das zu wenig vorbereitet mit dem Zerfall en miniature auf dem Fest vor (Gott sei Dank, dass das Schwein hin ist, oder so aehnlich sagte der Serbe(?) in Bezug auf den Thronfolger). Durch Dich ist mir klargeworden, dass es Roth, aehnlich wie Maron, nicht darum ging, etwas langsam ins Unertraegliche zu steigern. In Wirklichkeit war es ja auch offenbar ein Ploetzlch und Unerwartet(?), wie Du schreibst. Eine falsche Erwartungshaltung bei mir. Auf den Zusammenbruch wird man vorher - wenn man nicht sehr zwischen den Zeilen liest - nur hingewiesen durch den sagenhaft reichen Fuerst und Weltmann mit dem unausprechlichen Namen. Was das Schreiben betrifft und den Blick auf Menschen, Natur und Situationen, ist der Roth m.E. doch noch ein ganz anderes Kaliber als die Maron. Merkwuerdig, Auch Wassermann hat z.T. diesen "Blick". Beide mit juedischen Wurzeln.

    Mit dem Soeder hast Du natuerlich recht. Ich dachte mir, dass Du das so siehst. Fuer jemanden, der es mit dem Christentum und dem Kreuz ernst meint, muss das einer Gotteslaesterung gleichkommen. Ich finde auch, dass es problematisch ist zu sagen: Weil viele Muslime ihren Glauben ernst nehmen, muessen wir jetzt auch religioes "aufruesten". Ob er glaubt oder nicht und wie er das macht, sollte man jedem selbst ueberlassen, natuerlich duerfen die Kirchen "Angebote" machen, aber wichtiger finde ich, dass wir unser Staatsverstaendnis mit Gewaltenteilung, unabhaengiger Justiz, Gewaltmonopol des Staates, Gleichberechtigung der Frau, Religionsfreiheit, Trennung von Kirche und Staat usw. deutlich machen. Nix Scharia, nix "Ehren"-Morde. Was da die Vaeter und Muetter unseres Grundgesetzes zu Papier gebracht haben ist - wie Karamzin schreibt - bewunderns- und lebenswert.

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  • Ich sollte diesen Thread meiden. Ein weiteres Buch dass ich demnächst lesen sollte. Der radetzkymarsch steht schon lange ungelesen in meinem Regal. Mit einigen anderen Romanen die es in einem Schuber gab.

    Hallo Jaqui , wenn Du den Thread meiden würdest, weil der Roman von Monika Maron sehr schnell zu Betrachtungen über aktuelle politische Erscheinungen anregt, die von der Literatur wegführen könnten, würde ich dies sogar sehr gut verstehen können. Das wirst Du am besten wissen und selbst entscheiden. Ich empfinde allerdings die Atmosphäre hier als angenehm, um einmal auch Sorgen über aktuelle Entwicklungen loswerden zu können, ohne befürchten zu müssen, unsachlicher Polemik ausgesetzt zu sein.

  • Marons Schreibweise finde ich sehr angenehm zu lesen. Ihre Sätze erzeugen sofort eine Stimmung bei mir und sie lässt einen das Brodelnde in der Bevölkerung förmlich spüren obwohl sie gar nicht so richtig darauf eingeht.


    Ich bin froh, dass ich mir das Buch zugelegt habe.

  • In Kapitel drei, ganz am Schluss, bringt Maron es voll auf den Punkt.


    "Einige Stunden zuvor hatte ich gelesen, dass im Irak wieder einmal eine amerikanische Geisel von islamistischen Terroristen enthauptet wurde.....

    Und nun saß ich in der kaskade und sollte über Maßnahmen zur Herstellung des allgemeinen Friedens und Deeskalation der gegenwärtigen Lage in unserer Straße beraten. Wegen einer so armen, verwirrten Person wie der Sängerin..."


    Unsere Welt ist so skuril. Auf der einen Seite der Welt flüchten sie vor Terror und Krieg und wir regen uns wegen einer Frau auf die am Balkon singt.

    Das sind echte Luxusprobleme.

    Wir wissen gar nicht wie gut es uns geht.


    Ich darf gar nicht anfangen über das Thema zu schreiben. Sonst rege ich mich nur über unsere Gesellschaft auf.


  • Das Christentum als Idee, als Lebensmaxime, als gelebter Inhalt aus der Verkündung vom Kreuz heraus, warum nicht. Denn dieses - „Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg' auch keinem andern zu!" Das zieht sich als goldene Regel durch viele Religionen und ich achte das bei jedem Menschen, der das auch wirklich lebt, im Glauben und auch in der täglichen Tat. Aber gab es eigentlich einen Zeitpunkt in der Geschichte des Monotheismus, in dem diese Glaubensformen nicht instrumentalisiert wurden. Und immer waren es die religiösen Fanatiker und Fundamentalisten die die Geschicke und schließlich auch die Geschichte der Religion bestimmten. Der Herr Söder macht das gerade vor, die Politisierung des christlichen Symbols, wieder einmal bedenkenlos um die Folgen.


    Die Kirche unter dem Hakenkreuz, die Kirche in der Zeit der Kreuzzüge und der Inquisition, die Kirche als verantwortlich für den Massenmord nicht nur auf dem südamerikanischen Kontinent, und wenn heute islamische Fundamentalisten öffentlich vor dem Brandenburger Tor die israelische Staatsflagge verbrennen, wenn jüdische Bürger in aller Öffentlichkeit geschlagen, gedemütigt und misshandelt werden, dann sind wir an einem Punkt angelangt, von dem aus nur noch ein zurück in eine Vergangenheit gibt, die wohl nicht zu den glücklichsten Stunden der Menschheitsgeschichte gehört.


    Denn was für mich wirklich beängstigend ist, das Merkel mit ihrer völlig verfehlten Politik die Neofaschisten, die Revanchisten uns sonstiges braunes Gesindel wieder „wach geküsst“ hat, sozusagen wieder hoffähig gemacht hat, die neuen Nazis wittern wieder Morgenluft, sie sind wieder wer und man hat mit ihnen politisch zu rechnen. Und nicht wenige von diesen braunen Dämonen träumen wieder von einem Deutschland der Richter und Henker, verkünden das immer ungenierter und lauter. Über den abnormen Judenhass, der bei diesen braunen Landsknechten eine Art von Passion ist, darüber lieber höflich zu schweigen.


    Ich sehe diesen Entwicklungen mit grösster Sorge entgegen und wie man in diesem Forum liest, wohl nicht nur ich, die aktuelle Tagespolitik hat das Klassikerforum erreicht, schade aber wohl unumgänglich.

  • Ich möchte noch ein paar abschließende Worte sagen. Das meiste wurde ja schon ausführlich diskutiert.


    Dass der Artikel von Mina in der Festschrift abgelehnt wurde, hat mich überhaupt nicht überrascht. Im Gegenteil. Ich habe sogar damit gerechnet und wäre verwundert gewesen wenn es anders gekommen wäre. Das liegt aber vielleicht auch an meiner zehnjährigen Erfahrung als Journalistin. Der Auftraggeber hat sich sicher etwas anderes vorgestellt, als diesen düsteren Artikel. Das will ja keiner lesen in einer Festschrift, egal ob es wahr ist.


    Obwohl ich Geschichte studiert habe, habe ich vom 30-jährigen Krieg nicht wirklich eine Ahnung. Meine Zeit mit der ich mich beschäftigt habe, war eher rund um Maria Theresia angesiedelt. Aber ich finde Bücher in denen es um geschichtliche Ereignisse geht immer besonders spannend. Weil ich immer neues dazu lerne. Dass es Mina aber so schwer fällt einen Ansatz zu finden, finde ich sehr eigenartig. Gerade der 30-jährige Krieg bietet eine Fülle an Möglichkeiten einen Artikel zu schreiben.


    Genau wie JHNewman fand ich die Hervorhebung der jungen Männer die alle Frauen bedrohen als befremdlich. Sicherlich ist das subjektive Empfinden plötzlich ein anderes und sogar ich, die in einer österreichischen Kleinstadt lebt, bemerke natürlich den Zuzug. Zumal wir im Ort einige Flüchtlinge/Migranten aufgenommen haben. Bedroht habe ich mich aber noch nie gefühlt.


    Die Sängerin tut mir leid, aber ich muss gestehen, dass ich im Laufe des Lesens auch einen kleinen Groll gegen sie gehegt habe. Es kann ja wirklich nicht sein, dass eine einzige Frau eine ganze Straße Tag für Tag nerven kann, ohne dass jemand was unternimmt. Aber ich gehe mal davon aus, dass es im wirklichen Leben nicht so weit gekommen wäre.


    Alles in allem bin ich sehr froh, dass ich diesen Roman gelesen habe.

  • von Berlin zurueck, haette ich Stoff in Huelle und Fuelle, um die Diskussion hier neu zu "beleben". Ich moechte aber (vorerst?) nicht tiefer einsteigen. Nur soviel: Alle Entwicklungen muessen nicht gradlinig verlaufen. Ich habe z.B. Erstaunliches gesehen: Der Goerlitzer Park, genannt Goerli, wo frueher der Goerlitzöer Bahnhof war, war vor wenigen Jahren fuer einen "normalen" Buerger eine No-Go-Area und man hatte das deutliche Gefuehl, dass die deutschen Behoerden das Terrain aufgegeben hatten. Jetzt bin ich ohne Bgelitung meines Sohnes allein (allerdings am hellichten Tag) durch den Park geschlendert, in dem ueberwiegend Einheimische mit Kind und Kegel unterwegs waren, keine "Ausgeflippten", sondern ueberwiegend "Buerger". Die jugendlichen Schwarzen sind immer noch da, die Polizei (die mit zwei Mann in einem Auto STAENDIG langsam im Gebiet patroulliert) sagt auch, dass sie immer noch Drogen verkaufen, aber nicht mehr agressiv (wer nicht kaufte, war Geld oder Handy los). Viele von denen machen uebrigens einen leicht verruekten Eindruck, jemand sagte, das kaeime vom Koks(?). Dann habe ich mir auf dem Tempelhofer Feld (ehemaliges Flugfeld des Flughafens Tempelhof) das riesige Asylbwerberlager aus Containern angsehen. Man konnte am Montag nicht rein, wegen eines "Events". Es ist alles eingezaeunt, wie im Zoo, die Leute koennen aber wohl an bestimmten Stellen frei raus und rein(?). Trotzdem ein deprimierender Anblick. Der Gegensatz: Ein Freund von mir in einem Dorf in der Nachbarschaft war als Ingenieur jahrelang in arabischen Laendern, spricht arabisch und kocht arabisch. Dort sind mehere syrische Asylbewerber. Er besuccht sie, sie besuchen ihn. Sie kochen gemeinsam usw. So koennte sowas funktionieren, aber die Gegebenheiten liegen natuerlcih kaum irgndwo vor und sind auch nicht herzustellen.....

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