Monika Maron: Munin oder Chaos im Kopf

  • Ich habe erst jetzt richtig wahrgenommen, dass das Literarische Quartett im März als erstes Buch auch den Roman von Monika Maron diskutiert hat. Seitdem Maxim Biller die Runde verlassen hat, ist es deutlich besser. Ich bin zwar überhaupt kein Freund von Philip Tingler, aber die Diskussion über den Roman von Monika Maron läuft - bei aller Kontroverse - doch recht gesittet ab und bringt wichtige Dinge zur Sprache. Ansehen kann man das hier. Da 'Munin' gleich zu Beginn besprochen wird, muss man auch nicht suchen. :-)


    https://www.zdf.de/kultur/das-…vom-2-maerz-2018-100.html

  • Vielen Dank, Newman!, aber leider bin ich trotz Hoergeraeten in jedem meiner beiden Ohren offenbar so schwerhoerig, dass ich der interessanten Unterhaltung nicht folgen kann (laut genug hoere ich alles, aber verstehen tue ich nur wenig).

    Was ich aber verstanden habe, ist, dass auch die Diskussionsteilnehmerin, die ganz rechts sitzt, der Maron einen brillianten Stil und noch einige andere literarische Qualitaeten bescheinigt. Vielleicht fehlt mir da irgendeine Antenne, aber ich bleibe dabei, dass sie ihre Angst nicht "entwickelt", sondern sie legt den wahren Kern ihrer Angst schon ganz am Anfang sozusagen "auf den Tisch" (S. 11) und gibt sich dann Muehe, das wieder in die "Flasche zu kriegen" und langsamer zu entwickeln. Ich kann das nicht so gut formulieren wie Ihr, aber ich versuche es nochmal mit anderen Worten: Auf Seite 11 zeigt sich deutlich, worauf bei ihr alles hinauslaeuft (sie hat naemlich gar kein Chaos im Kopf!) und dann wirft sie Nebelkerzen, um den Eindruck zu erwecken, als sei ihr die Erkenntnis, dass die massive Zuwanderung ihr Angst macht, durch die Beschaeftigung mit dem 30 jaehrigen Krieg, die Saengerin usw. erst nach und nach gekommen. Ich sehe es so, dass sie ihre Befuerchtungen, die ich gut verstehen kann, nicht so unverpackt auf ihre Mitbuerger loslassen wollte, vermutlich auch deshalb, weil sie nicht sofort in die Sarrazinkiste gesteckt werden wollte(???). .....ist eben Literatur....

    Hab mich gefreut, dass es weitergeht, aber wir sollten uns weiterhin der Zivilisiertheit befleissigen.

    Nachtrag: Euch beide schaetze ich noch mehr, seit ich gelesen habe, was Ihr zur Romantik und Safranski schreibt. Was mich wundert, ist, dass Sandhofer und Ihr und auch Peter (Vult) so weit auseinanderliegt. "Geschmack" allein kann das doch gar nicht sein(?). Peter zitiert das wunderbare Eichendorff-Gedicht (um es gegen Safranski zu "verteidigen?" Ich habe noch nichts von Safranski gelesen, aber ein kluger Freund von mir schaetzt ihn sehr, )

    if all you have is a hammer, all you see looks like a nail.

    Einmal editiert, zuletzt von Volker () aus folgendem Grund: Hab einen Nachtrag geschrieben, nachdem ich die Aeusserungen zu Safranski gelesen hatte)

  • In der gestern erschienen ZEIT steht eine Rezension von Iris Radisch, die nicht online steht (jedenfalls nicht ohne zu bezahlen...). Den letzten Absatz zitiere ich hier:


    Zitat

    Am Ende versteht man, dass das Alter Ego der Autorin, das in ihren einsamen Lektüren ein wenig solipsistisch geworden zu sein scheint, den ganzen Roman über mit sich selber gesprochen hat - mit der alten germanischen Krähe ihres Inneren. Die meinungspolitische Götterspeise, die ihr der seltsame Vogel auftischte, hat die Echokammer ihrer Ängste und Vorurteile noch vergrößert. Um ein Haar wäre all das in einer grob vereinfachenden Polit-Parabel verendet. Doch funkelt im selbtironischen Porträt der komischen Berliner Alten, die die Vögel ihres verbohrten Unglücks mit Wurstscheiben aus dem Berliner Supermarkt füttert, noch immer die vertraute spöttische Intelligenz einer großartigen Schriftstellerin.

  • Newman, das Radischzitat hat mich bewogen, das Buch nochmal IN RUHE zu lesen. Beim ersten Mal habe ich es verschlungen und nur auf den Inhalt geachtet. Jetzt hab ich zwar gerade erst wieder angefangen, aber ich fange an, zu verstehen, warum ihr Stil gerühmt wird. Mal sehen. Was mir aber wieder gegen den Strich gegangen ist, ist, dass sie auf Seite 11 die (Haupt-) Katze schon aus dem Sack lässt.

    if all you have is a hammer, all you see looks like a nail.

  • Volker, das finde ich einen spannenden Aspekt. Ich werde das mal nachlesen.

    Ich hatte ja bei meiner Lektüre sehr stark den Eindruck, dass die Autorin aus Klugheit und aufgrund ihres enormen Könnens vermeidet, in die Falle der allzu großen Eindeutigkeit zu tappen. Und das finde ich im Grunde genommen im Urteil Iris Radischs bestätigt. Ich lese noch einmal nach.

  • Hm ... die Forensoftware will nicht so, wie ich es will ... Ich glaube, ich habe da eben 2 Beiträge im Nirvana versenkt, tut mir leid, jamx & JHNewman  :(


    Sandhofer, Du hast mein volles Verständnis, ich kenne das... Aber ich kann Dir frohe Kunde bringen: Du hast die Beiträge nicht versenkt, sondern in meinen vorigen Beitrag #68 hineineditiert. Vielleich kannst Du sie dort auch wieder herausholen? :):thumbup:;)

  • Oh. Dann ist hier noch der Beitrag von jamx :


    Endlich bin ich mal dort gelandet, wo ich schon lange mal hin wollte. Bei der Literatur. Liebe KA - Sie sprechen mir als altem MDer aus der Seele mit dem 16. Januar. Sehr wichtig, weil oft vergessen. Meine Schwiegermutter übrigens ist bei dem Wort "Weihnachtsbäume" (gegen Ende eines Jahres) sehr frustriert. Ihr Haus bekam auch einen Treffer. Nun mal zur Literatur. Die Religion betreffend, weil mehrfach angesprochen bei der M.M., insbesondere den Islam, so bin ich zwar kein Imam Schamyl, jedoch empfehle ich hierbei Grigol Rubakidse (1894-1963), ab 1945 in der Schweiz lebend mit seinen Veröffentlichungen. z. B. "Kaukasische Novellen". Übrigens heute noch im "Jetzt", oder wieder?

    vielen Dank euch allen, jamx

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • Mittlerweile hab ich das Buch zum zweiten Mal, diesmal in Ruhe, gelesen. Es stimmt, das Buch ist in einen sehr guten, praezisen, lakonischen Stil geschrieben. Was ich bemaengelt hatte, naemlich dass die Autorin mit ihrem Hauptanliegen zu frueh herausgerueckt sei, hatte ich zu unrecht kritisiert: Sie strebte keine langsame Steigerung oder Entfaltung an sondern sie hat - so wie ich es sehe - einen Teppich gewebt, in dem miteinander verknuepfte Faeden und Farben mal hinten mal vorne sichtbar sind: Die Saengerin, der Dreissigjaehrige Krieg, die Droste, die Kraehe, und immer wieder, gleichsam in Signalfarben, die von ihr als bedrohlich empfundene Situation durch Religionen, insbes. Islamismus, Fluechtlinge, Afrikaner usw. Das ist es, was Karamzin und dann auch mich so getroffen hat. Das ("Sach"-) Buch von Sarrazin habe ich nicht gelesen (ich stand "auf der anderen Seite"), aber ich bin sicher, es haette mich nicht beeindruckt. Der Maron ist es mit ihrem eindringlichen literarischen Werk, das aufs Gefuehl zielt, (fast?) gelungen. Vorher habe ich mir das nicht eingestanden, jetzt habe ich das deutliche Gefuehl: Das alles geht nicht gut aus.

    Iris Radisch kann ich nicht ganz recht geben. Das, was die Maron umtreibt, kommt doch ziemlich unverbluemt raus. Ich reihe die Kernstellen hier mal aneinander (das sind die im Vordergrund sichtbaren Faeden in Signalfarben):

    S. 12: "........dass es in Europa je wieder einen Krieg geben koennte, dass unser gutes Leben ein Ende haben koennte, dass afrikanische Stammes- und Religionskriege in Deutschland einziehen koennten. Und jetzt war der Krieg sehr nah......"

    S. 45: "Einige Stunden zuvor hatte ich gelesen, dass im Irak wieder einmal eine amerikanische Geisel von islamischen Terroristen enthauptet worden war." (Volker: Sie schreibt islamischen, nicht islamistischen)

    S. 55: " vieles sieht wie Vorkriegszeit aus, stand da als unuebersehbare Zwischenueberschrift in dem Artikel eines auf Kriege spezialisierten Historikers."

    S. 56: " Je laenger ich darueber nachdachte, umso sicherer war ich, dass es auch mit unserem Frieden in naechster Zeit vorbei sein wuerde, In jedem Aufsatz, in jedem Cicely- Kapitel" (Volker: Cicely Wedgwood ueber den dreissigjaehrigen Krieg) "fand ich Parallelen zu unserer Zeit, zu unserer Vorkriegszeit: die kreuz und quer laufgenden Fronten und Interessen, die religioes verbraemten Herrschaftskaempfe, wechselnde und undurchschaubare Buendnisse, und diese archaische Grausamkeit, die ploetzich wieder in unsere befriedete Welt eindrang....."

    Einschlaegige Stellen auch auf S. 66 und 73.

    S. 86 bis 88: "Vor einiger Zeit hatte ich den Artikel eines Wissenschftlers gelesen, der die Gefahr gegenwaertiger Kriege vor allem in den ueberzaehligen Soehnen armer, dafuer bevoelkerungsreicher Laender sah. Diese jungen Maenner, obendrein sexuell frustriert, weil ohne berufliche Zukunft nicht heiratsfaehig, wuerden wie Dynamit in einer Gesellschaft wirken, in der sie sich erobern muesten, was Ihnen verwehrt sei. Entweder wuerden sie kriminell oder erfaenden sich eine Theorie zu einer gerechten Gesellschaft, mit der sie das Toeten aller, die sie zu Feinden erklaerten, rechtfertigen koennten. Mir", so Monika Maron, "erschien diese Theorie logisch zumal er (der Professor) sie mit ueberzeugenden Zahlen belegen konnte." (Anmerkung von Volker: Diese These glaubt das "Berlin-Institut fuer Bevoelkerung und Entwicklung" widerlegen zu koennen. Das ueberzeugt mich allerdings nicht. Ich neige eher zur Ansicht des Professors der Maron). Weiter im Text: ".......Ploetzlich spuerte ich meinen Herzschlag, schnell und heftig, als haette mein Herz schon erkannt, was sich in mir erst muehsam als Gedanke formte: dass nichts vorbei war, dass die Gewalt, Rohheit Dumpfheit auch uns wieder erobern koennte, dass das Aelteste auch das Neueste sein koennte, und die Menschen in tausend Jahren an uns denken wuerden, wie wir an die Maya, die alten Aegypter oder Roemer. Klopfte diese Angst nicht laengst in meinem Kopf, wenn ich die abweisenden Gesichter der kopftuchtragenden Frauen sah, die sich selbst in unserer Gegend mit jedem Tag, wie mir schien, vermehrten; oder wenn ich ihren Maennern auf dem Gehsteig ausweichen musste, weil ich fuerchtete, sie wuerden mich sonst ueber den Haufen rennen;" (Anmerkung von Volker: Das kann ich bisher fuer unseren Ort so nicht bestaetigen, viele sind ausgesprochen hoeflich und charmant). Weiter im Text (S.88): "War es nicht so, dass die hundert Millionen Soehne uns laengst den Krieg erklaert hatten und wir glaubten immer noch, sie liessen sich beschwichtigen oder wir koennten sie besiegen?" (Volker: Das fange ich allerdings langsam auch an zu denken. Verwunderlich waere es nicht. Ursachen m.E.: 1.) s. oben ueberzaehlige Soehne, 2.) Islam m.E. schwer kompatibel mit saekularem,demokratischen Rechstsstaat westlicher Machart, 3.)Minderwertigkeitskomplex bei gleichzeitiger Ueberheblichkeit, wegen technischer Rueckstaendigkeit gegenueber dem Westen, aber auch gegenueber fernoestlichen Laendern).

    Ein interessantes, gut geschriebenes Buch, dessen Sog ich mich aber nicht ausgesetzt haette, wenn ich geahnt haette, wie es auf mich wirken wuerde. (Aber das ist halt die Unberechenbarkeit der Wirkung von finsburys, bzw. Kafkas Axt...)

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    Einmal editiert, zuletzt von Volker () aus folgendem Grund: kleine Rechtschreibkorrrekturen und ein kleine Ergaenzung

  • zuerst muss ich meine Gedanken etwas ordnen. Mein Sohn aus Berlin war hier und dann gab es ia den grossen Artikel im Spiegel. Beides bringe ich noch nicht so zusammen. Chaos in meinem Kopf. Ich habe die Absicht, hier in den nächsten Tagen nochmal was zu schreiben.

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  • Lieber Volker,

    ich bin noch nicht zum Hinterherlesen gekommen. Habe aber in den letzten Tagen ein nettes kleines Büchlein gelesen von Leander Steinkopf, Stadt der Feen und Wünsche. Es ist ein Berlin-Buch, ein Flaneur läuft durch die Stadt und beobachtet. Zunächst habe ich gar keine Verbindung hergestellt, aber im Nachdenken über das Buch fiel mir auf, dass ja auch die Hauptfigur in Steinkopfs Buch ein Wahrnehmender der Gegenwart, auch ein Wahrnehmender der Stadt Berlin. Und er sieht eine völlig andere Stadt - oder die gleiche Stadt völlig anders. Das hat mich dann doch fasziniert: dass eine Figur wie bei Monika Maron in einen Strudel aus Angst und Bedrohung gerät, während ein anderer Beobachter von diesen Dingen gar nichts bemerkt. Liegt es daran, dass Steinkopfs Flaneur treiben lässt, ohne eine Brille aufzuhaben? Dass er das Krisenhafte nicht sehen will? Oder dass es doch vor allem im Auge des Betrachters liegt?

  • Lieber Newman, das ist jetzt SEHR interessant und stellt fuer mich die Bruecke her zur Unterhaltung mit meinem Sohn: Sicher liegt vieles im Auge der Bertrachters. Berlin ist aber nicht gleich Berlin. Wenn man Flaneur liest, denkt man an den Kurfuerstendamm und Unter den Linden. Ich bin ja bisher jedes Jahr mindestens einmal in Berlin und besuche bewusst mehrere Stadtteile. Auf dem Ku-Damm war ich seit vielen Jahren mal wieder. Damals schien er mir im Niedergang wegen des (Wieder-) Aufstiegs der alten Mitte. Voriges Jahr war ich ueberrascht ueber die Eleganz, Gepflegtheit und die Unberuehrtheit von allen negativen Veraenderungen. Mein Sohn lebt im Wedding und auch sonst nicht auf der Sonnenseite. Er ist hier in der Pfalz aufgewachsen und charakterisiert die Pfaelzer zutreffend als etwas grob und direkt "aber nicht boesartig", ich wuerde sogar soweit gehen zu sagen: Die Pfaelzer sind tolerant (ich bin kein Pfaelzer, stamme aus dem Westerwald). Er sagt, dass aus seiner Sicht "die Intergartion hier gelungen" sei. Ob das ganz so zutrifft, lasse ich mal dahingestellt. Tatsache ist, dass hier die unterschiedlichsten Bevoekerungsgruppen recht gut miteinander auskommen. Das Wasserpfeifenlokal schraeg unter unserem Balkon scheint eine angesagte Adresse zu sein. Es gehen auch viele jugendliche Deutsche beiderlei Geschlechts rein oder sitzen bei schoenem Wetter zusammen mit den Molems draussen, Ich muss den Leuten das Zeugnis ausstellen, dass sie keinen oder kaum Laerm machen. Das war, als es noch ein Cafe war, anders. Eine zeitlang hat mein Sohn in Frankfurt gelebt und ist auch dort mit Leuten aus anderen Kulturkreisen - nicht aus der Oberschicht - zusammengekommen. Er sagt, dass auch dort das Zusammenleben geklappt haette, wenn man beachtet haette, dass man sich "vor Albanern in acht nehmen" muesse. Berlin sieht er in einer haerteren Kategorie mit grossen Unterschieden: "Die Syrer, das sind ganz oft gebildete Leute, die kann man als vornehm bezeichnen, aber wat soll ein junger Syrer machen, der in ner bestimmten Gegend im Wedding landet? Der geht dann vielleicht mit den Libanesen, weil die Kohle haben (in deren Hand liegt dort der Drogenhandel). Es muss in Berlin eine ziemliche Ablehnung in der Unterschicht gegenueber "den Auslaendern" geben. Die muss besonders ausgepraegt bei denen sein, die aus dem Osten kommen. Mein Sohn: "Mir hat mal einer erzaehlt, als ick nach dem Mauerfall rueberkam, det warn Schock fuer mich mit den vielen Auslaendern, ick kann mer noch jenau an meinen ersten Tuerken erinnern...." (dabei gab es ja damals kaum Auslaender). Mein Sohn hat ihn auf die Vietanmesen und andere Auslaender in der ehemaligen DDR angesprochen und sagt, dass sein Gespraechspartner kaum die Aehnlichkeit des "Problems" erkennen konnte. Wie schon mehrfach bemerkt, ich bin wider Willen von der Maron infiziert worden. Mich laesst auch vieles, weil hier alles ganz gut laeuft, unberuehrt, aber wenn ich weiterdenke und die Linien in die Zukunft verlaengere, bin ich ueberzeugt, dass es nicht gut ausgehen kann. Daran haben wir moeglicherweise einen gleich grossen Anteil wie "die Auslaender". Es kam in den Anfaengen auch schon haeufig vor, dass Auslander "augegrenzt" wurden. Irgendwer hat hier mal zutreffend geschrieben, dass vieles auch ein Schichtenproblem war und ist. Es kamen halt, besonders als die tuerkischen Arbeistkraefte angeworben wurden, nicht so viele "gutausgebildetet Leute". (Ich habe aber den Eindruck, dass viele Toechter dieser Tuerken der ersten Generation sehr tuchtig und ehrgeizig waren und einen "Aufstieg" geschafft haben). Mein Sohn denkt auch, dass es ein Fehler war, Erdogan keine Perpektive fuer Europa aufzuzeigen; ich denke, da ist was dran. Tatsache ist, dass ich hier seit Erdogan seinen nationalistisch-autokratischen Kurs faehrt, ein anderes Verhalten der Tuerken feststelle. Ein ganz grosses Problem ist ja auch, wie schon mehrfach hier erwaehnt, dass die Leute ihre Konflikte mitbringen und hier austragen (Tuerken-Kurden, Sunniten-Shiiten usw.). Vielleicht schreibt ja auch Kramzin mal wieder etwas und/oder Zefira hatte nicht auch mal Gontscharow hier etwas geschrieben(?).

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    Einmal editiert, zuletzt von Volker () aus folgendem Grund: Eine Passage etwas klarer formuliert.

  • Lieber Volker, ich habe das Buch noch immer nicht gelesen, daher kann ich hierzu nichts schreiben ...

    Zu der Flüchtlingsproblematik so ganz allgemein könnte ich eine Menge schreiben. Aber das tun ja andere schon überall.

    Edit, Rest gelöscht. Will hier lieber nicht in eine Flüchtlingsdebatte einsteigen. Hier in Fulda ist die Lage aktuell sehr angespannt.

  • Nur kurz, lieber Volker: Steinkopf schreibt nicht nur über die schönen Ecken Berlins, sondern auch sehr viel gerade über den Wedding und Plätze in Berlin, die eben eine andere Wirklichkeit zeigen als die Flaniermeilen. Aber im Unterschied zu Maron problematisiert er ganz andere soziale Unstimmigkeiten als die Anwesenheit von Menschen aus anderen Ländern und Kulturkreisen. Er schreibt schon auch böse und teilweise witzig. Bekannt geworden ist etwa sein bon mot, dass die Art und Weise, wie die Eltern in 'Mitte' alles richtig machten, ihn stört. Da wirke ja jede Ohrfeige im Wedding liebevoller als dieses Getue in den angesagten Vierteln... Oder über die Radfahrer, die die Umwelt mit ihrer Vorbildlichkeit verpesteten...


    Was dem Betrachter in Steinkopfs Buch fehlt, ist eine Auflehnung oder ein Widerstand gegen das, was passiert. Dazu ist er viel zu passiv und zu willenlos. Auch ein Symptom.

  • lieber Newman,vermutlich müsste man das Buch auch lesen um gerecht mitzureden. Das werde ich aber jetzt nicht tun. Nur soviel:auch Wedding ist nicht gleich Wedding.

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  • Ich lese derzeit Georg Schmidts großes Buch über den Dreißigjährigen Krieg (Die Reiter der Apokalypse, C. H. Beck 2018). Darin weist er ausführlich auf ein Thema hin, das m. W. in der Diskussion noch gar nicht diskutiert wurde. Mir ist im Moment auch nicht erinnerlich, ob Monika Maron das in ihrem Roman auch erwähnt: Aber ein entscheidendes Motiv in der Entstehungsgeschichte des Dreißigjährigen Krieges war die in Europa grassierende Türkenangst. Seit der Einnahme von Konstantinopel Ende des 15. Jahrhunderts waren die Osmanen weit in den Balkan und bis nach Ungarn vorgestoßen und befanden sich sozusagen in Sichtweite. Dies hat nicht nur der Reformation den Weg geebnet (weil sich die Kaiser der Unterstützung der protestantischen Reichsstände versichern mussten und daher Zugeständnisse bei der Religionsfreiheit machten), sondern auch ein beständiges Gefühl einer apokalyptischen Bedrohung in der Bevölkerung geschürt, das letztlich erst 1683 beim endgültigen Sieg gegen die Türken vor Wien abflaute. Eine interessante Parallele zur heutigen Situation.

  • Das Türkenthema kam seit der ersten Belagerung Wiens durch die Osmanen 1529 und den Reaktionen Luthers und Müntzers, die jeweils in deren Erscheinen eine Strafe Gottes oder ein Zeichen der Endzeit sahen, immer wieder wellenartig hoch. Zur Zeit des Ausbruchs des Dreißigjährigen Krieges scheint es vor allem um Reaktionen auf die Kriege der ersten beiden Jahrzehnte des 17. Jh. mit den Osmanen in Siebenbürgen und den Fürsten Bethlen Gabor zu gehen, die dem Habsburger Reich benachbart waren. Hinzu kamen die spürbaren Klimaveränderungen, der berühmte Komet, die die Menschen verunsicherten.

    Als die katholischen Spanier in Böhmen einfielen, um die Bewegung der protestantischen Insurgenten niederzuschlagen, war in Flugschriften um 1619 von den "spanischen Türken" die Rede.