Monika Maron: Munin oder Chaos im Kopf

  • Karamzin, Danke, dass Du auch noch geschrieben hast ueber die schlauen Kraehen am Kanal, vor allem aber Dein staccato: Ja, das sind Fragen, mit denen ich mich auch beschaeftige und bei denen man zu keinem Ende kommt. Es ist auch so, wie Du schreibst: Man wechselt im Laufe seines Lebens mehrmals die Einstellung und kann - was noch irritierender ist - auch kurzzeitig schwanken. Ich hatte einen sehr guten Bekannten, der seit jungen Jahren querschnittsgelaehmt und auf fremde Hilfe (Ziwis) rund um die Uhr angewiesen war, fuer mich eine Horrorvorstellung. Der rechnete sein EIGENTLICHES Leben vom Datum dieses Unfall aus. ER hat viel nachgedacht, vielen Leuten mit seinem Humor Mut gemacht und war ueberhaupt ein ganz erstaunlicher Kerl. ICH moecht so nicht leben (denke ich jetzt). Frohe Ostern und einen fleisigen Osterhasen wuensche ich Euch auch! Ja, und die rechts-links Kategorien taugen nix.

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  • Hier aber finden sich eher düstere Gedanken, aneinandergereiht, sie passen vielleicht eher zum christlichen Karfreitag.


    Ich finde das ganz passend, schon Goethes Faust wälzte in der Osternacht schwere Gedanken und war dem Suizid nahe - nur der aus dem Ostergottesdienst schallende Gesang hielt ihn dann endlich davon ab.


    Ich ergänze die vielen Gedankensplitter durch ein paar eigene:


    Für mich ist grundlegend der Gedanke, den ich oben schon genannt habe: Keiner hat sich sein Leben selbst gegeben. Es ist eine Gabe. Daher gibt es für mich auch ethische Grenzen, was das Nehmen des Lebens betrifft - aber genauso auch, was die unendliche Verlängerung des Lebens betrifft.


    Interessanterweise sind es vor allem auch die Religionen, die den Gedanken eines ewigen Lebens oder Lebens nach dem Tod kennen, die zugleich auch recht hohe Hürden davor setzen, das Leben (vorzeitig) zu beenden. Eigentlich ein Widerspruch.

    Zugleich hält besonders das Christentum an dem Gedanken fest, dass auch Leiden zum Leben gehört. Ein Leben wird nicht lebens-unwert, weil es Leiden umfasst oder bedeutet. Die spirituellen Traditionen haben immer wieder darauf hingewiesen, dass sich auch und manchmal sogar besonders im Leiden Erkenntnisse gewinnen lassen oder Erfahrungen machen lassen, die ohne diese äußeren Beeinträchtigungen nicht gemacht worden wären. Und es gibt bewegende Zeugnisse von Menschen, die im Leiden besonderen Trost und Halt erfahren haben.


    (Damit ist nicht gemeint, dass darin der Sinn des Leidens läge. Ich bin sehr weit davon entfernt, im Leiden der Menschen einen Sinn suchen zu wollen. Da bin ich ganz auf der Seite derer, die das Leiden als einen ganz großen Skandal ansehen, und deswegen am liebsten ihre 'Eintrittskarte' zurückgeben möchten, wie in den Brüdern Kramasov oder etwa in Camus' Pest).

    Zudem bewegt mich immer wieder ein Gedanke: Wir alle waren am Beginn unseres Lebens kleine hilflose Menschenbündel, die auf Hilfe angewiesen waren. Wir mussten gefüttert und gewindelt werden und brabbelten unverständliches Zeug. Nicht wenige Menschen fallen am Ende ihres Lebens in einen solchen Zustand zurück. Was alle bei Säuglingen niedlich finden, wird nun zum Skandal und abstoßend. Warum?


    Der Gedanke der 'Last'. Ich nehme in meinem Umfeld wahr, dass immer mehr Menschen im Alter sich selbst als Last empfinden, nicht zur Last fallen wollen. Das reicht bis zu den Begräbnissen, die immer häufiger nur im engsten Familienkreis stattfinden, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, ohne Beteiligung anderer, es gibt keine Gräber mehr (die müssten ja von Angehörigen gepflegt werden) und so weiter. Und die Angehörigen sagen dann oft: X Y wollte das so. Es war ihr Wunsch, kein großes Aufhebens um die Beerdigung zu machen... Ich frage mich dann, woher der Wunsch kam, ob es schon eine vorweggenommene Erleichterung für die Hinterbliebenen sein sollte. "Ihr sollt meinetwegen keine Umstände machen..." Es ist m. E. gut gemeint, aber falsch gedacht.

    Ich leben in einem kleinen Dorf. Als ich jung war, war es selbstverständlich, dass die Alten in den Häusern und auf den Höfen lebten und gepflegt wurden, bis sie starben. Heute hat sich das radikal verändert, weil sich auch die Familienstrukturen verändert haben. Aber auch, weil es weniger Bereitschaft gibt, einen Angehörigen in der Familie zu pflegen. Es gibt eine gesellschaftliche Tendenz, das Alter als 'Last' wahrzunehmen, und dies spüren vor allem alte Menschen ganz besonders stark. und reagieren darauf.


    Das ist meine größte Angst in dieser ganzen Diskussion: dass das, was unter den Ideen von Menschlichkeit und Humanität beginnt, am Ende in eine Dynamik des 'sozialverträglichen Frühablebens' mündet. Will sagen: Man wird zur Altlast abgestempelt, es wird von außen entschieden, welches Leben noch wert ist, gelebt zu werden, und wo man ein Ende setzt, weil es "für alle Beteiligten besser" ist.


    In der Diskussion geht es oft um den Blick auf mich und mein Leben. Das Motto ist: ich will selbst über mein Ende bestimmen können, und zwar so lange, so lange ich das noch kann.


    Aus dem Blick gerät dabei leicht:

    Mein Leben gehört nicht nur mir. Es gehört auch denen, mit denen ich lebe. Denen, mit denen ich in Beziehung stehe. Ich bin Teil einer Gemeinschaft. Mir wird das etwa dann deutlich, wenn hier im Dorf jemand stirbt und es keine öffentliche Beerdigung gibt. Dann sind die Menschen verärgert, weil man ihnen keine Möglichkeit gegeben hat, sich von dem/der Verstorbenen auf angemessene Weise zu verabschieden. Ebenso ist der Verzicht auf eine Grabstelle ein Verlust, weil kein Gedenkort mehr da ist. Und obwohl die Angehörigen oft vor aufwendigen Feiern zurückschrecken, ist das doch ein Ritual, das allen hilft, den Tod zu verstehen und zu bewältigen.

    Diese Beziehungen sind wichtig und prägen auch die Entscheidungen, die wir treffen. Ich kann zum Beispiel für mich selbst sagen, dass ich eine endlose künstliche Ernährung ablehne. Nur, was ist, wenn ich einen akuten Zustand habe, der noch Hoffnung auf eine Besserung lässt, soll ich dann auch für zehn Tage oder drei Wochen auf eine solche Ernährung verzichten? Wann kommt der Punkt, die Geräte abzuschalten? Und solange es für mich klar ist, dass ich Nahrungsaufnahme verweigere, weil ich nicht mehr leben will - das ist ok - könnte ich bei einem geliebten Menschen, der oder die ohne Bewußtsein ist, so einfach die Entscheidung treffen, ihn oder sie verhungern zu lassen?


    Ein Vorbild war in dieser Frage für mich Papst Johannes Paul II. (obwohl ich nicht katholisch bin). Ich habe manches Mal gedacht, den alten Mann solle man doch in Ruhe lassen, der habe doch nun verdient, sich zurückziehen zu können. Aber am Ende war mir klar, welch wichtige Botschaft er durch seine Präsenz bis zum Ende ausgesendet hat: Das Alter und auch der Verfall gehören dazu zum Leben. Und es war ein Leben bis zum Ende, mit voller Würde.

  • JHNewman ,


    habe besten Dank für Deine Betrachtungen, die ich mehrfach gelesen habe. Ich glaube alles gut verstanden zu haben, was Du geschrieben hast, und es hat mich auch berührt. Du schreibst, wie wichtig für Dich nähere Bezugspersonen waren und sind.

    In meiner Kindheit hatte ich erlebt, dass sich zur Goldenen Hochzeit meiner Großeltern väterlicherseits in einerm Dresdener Vorort noch eine große Gemeinschaft von Verwandten und Bekannten einfand, die einen ganzen Saal füllte. Schon meine Eltern hatten nach 1950 ihre Geburtsstädte verlassen. Nach einem halben Jahrhundert sind nur noch drei Personen übrig geblieben: meine Frau, mein Sohn und ich, die wir in Berlin, einer Stadt leben, wo wir keinerlei Wurzeln haben und wo es keine Verwandten gibt.

    Will damit anhand der Entwicklung meiner Familie sagen: Innerhalb eines halben Jahrhunderts ist diese Großfamilie komplett verschwunden. Als meine allein in Karl-Marx-Stadt lebende Großmutter als letzte Verwandte mütterlicherseits 1985 hochbetagt starb und entsprechend ihrem Willen auf einer Wiese des Friedhofs beigesetzt wurde, gab es dort in dieser Stadt buchstäblich niemanden mehr, der sich hätte an sie erinnern können.


    Es hat vielleicht im 20. Jahrhundert überdurchschnittlich viele Einzelkinder in unseren Familien gegeben. Die Mobilität im Laufe unseres Lebens hat es mit sich gebracht, dass nur noch mein Sohn in seiner Geburtsstadt lebt, aber auch von Ost nach West umgezogen ist, was auf Berlin bezogen, Welten bedeuten kann. In seiner Schulklasse in Ostberlin gab es vielleicht zwei oder drei Kinder, die die Christenlehre besuchten; in Westberlin fand er sich hingegen allein mit einem muslimischen Mädchen in einer Klasse von lauter Schülern aus christlichen Elternhäusern wieder.


    Um auf den Roman von Monika Maron zurückzukommen: es erstaunt uns alle drei, die wir "Munin oder Chaos im Kopf" gelesen haben, nicht im geringsten dieses Gefühl des Fremdseins, des Unbehaustseins in einer Stadt, in der man zwar durchaus eine Reihe von Jahren gelebt hat, aber siebenmal umgezogen ist. Dass die Bewohner der Straße, ja selbst eines Hauses, einander nicht kennen und kaum verstehen, sich vielleicht gerade einmal freundlich grüßen, ist für mich überhaupt nichts Ungewöhnliches, sondern der Normalfall. Die Situation des Ehepaars Herforth, mit dem Mina Wolf ins Gespräch kommt, ist der unsrigen völlig ähnlich und dadurch sehr verständlich.


    Freunde, die es aus verschiedenen Lebensperioden gegeben hat und noch gibt, leben verstreut in verschiedenen Gegenden unseres Landes und Europas.

    Ich kann mir vorstellen, dass ich am Schluss noch in einer ganz anderen Gegend meinen Lebensabend verbringen könnte, interessante Menschen, mit denen man sich austauschen kann, gibt es überall.

    Ja und was die Frage des Leidens im Alter und der eventuell notwendig werdenden Pflege oder eines Hospizes betrifft: da wird man sich einfach auf kompetente, zuvor völlig fremde Hilfskräfte einstellen und verlassen.

  • inzwischen habe ich das Buch gekauft und werde heute mit dem Lesen zu Ende kommen. Leider bin ich eine Weile ausgefallen, weil meine Frau eine heikle Operation im Ohr hatte, die gut ausgegangen ist. Werde mich vielleicht heute Abend noch melden. Mich beeindruckt sehr, mit welcher Wucht Karamzin durch das Buch getroffen wurde (ein Buch muss die Axt sein.....finsbury) und fange an, das zu verstehen. Schoen, dass Newman dabei ist, der immer wieder alles "rational" einordnet. Damit Ihr inzwischen was Interessantes zu lesen habt (es geht ja im Buch und in unserer Diskussion auch stark um Religion) setze ich Euch einen Link. Ich kannte die Texte von Schopenhauer zwar (bin sozusagen ein "Fan" von ihm) hab sie aber auf die Schnelle nicht gefunden. Aber das Internet ist inzwischen wirklich mein Freund und Helfer. Im Gegensatz zu Goethe, der den Koran schaetzte, war Schopenhauer gaenzlich anderer Meinung : https://www.philognosie.net/wi…chopenhauer-und-der-islam

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  • Na, Newman, versprich Dir mal nicht zu viel von mir. Bevor ich etwas selbst Erbruetetes schreibe, hier noch ein interessanter Link zu der Passage, in der Maron sich auf einen Wissenschaftler beruft, der "ueberzaehhlige Soehne" als moegliche Ursache fuer Kriege und Konflikte sieht (S. 86/87). Ihr und auch mir scheint die These sehr einleuchtend. Ich bin auch nicht so ueberzeugt, von der "Entwarnung", die das Berlin-Institut geben zu koennen glaubt. Seht selbst: https://www.berlin-institut.or…_und_Kriegsgefahr_web.pdf Wie geschrieben, ich bleibe dran und melde mich wieder, versprochen!

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  • Hallo Volker,


    auch ich freue mich, dass Du jetzt bei dem Buch mit als aktiver Leser dabei bist. Ich hoffe sehr, dass es Deiner Frau wieder besser geht, können doch solche Komplikationen schmerzhaft und belastend sein.

    Ich sehe aus Deinen Überlegungen und dem Link, dass Dich das Buch ebenfalls auf aktuelle politische Probleme der Gegenwart stößt, in der ganzen Welt und auch in unserem Land. Um auf meinen Eingangstext zurückzukommen:
    ich wusste natürlich, wer Monika Maron war, hatte jedoch tatsächlich seit der Wendezeit weitgehend vermieden, Gegenwartsliteratur zur Kenntnis zu nehmen. Damit konnte ich auch nicht an verschiedenen Diskussionen dieses Forums teilnehmen. Um 2012 hatte ich einmal gefragt, ob es neuere Literatur gäbe, die Trost spenden würde und mir bisher entgangen wäre, und erhielt auch verschiedene Anworten. Im Hinterkopf hatte ich dabei die Wirkung, die die erste Lektüre des "Nachsommers" Adalbert Stifters in tiefsten DDR-Zeiten 1981 hinterließ, als ich dachte, nicht mehr im Leben selbst die Alpen sehen zu können, und den Roman daraufhin noch mehrfach las (Flucht aus trister Lebenswirklichkeit in eine Idylle, die es im wirklichen Lebens nicht gegeben hat oder nur für Betuchte, die sich einen solchen "Ausstieg" aus dem Heute leisten konnten). Hier im Forum habe ich dann die verschiedenen Leserunden, so die zu Goethes "Wilhelm Meisters Wanderjahren" in Erinnerung, das war die Welt um 1800, in der ich mich viel bewege. Jemand hatte mich zu Recht darauf hingewiesen, dass meine häufigen DDR-Erinnerungen nur den Fluss der Betrachtungen der klassischen literarischen Texte störten, hier nervten und besser unterlassen werden sollten.

    Monika Maron spendet nun nicht etwa Trost, sondern stößt einen wieder in die Gegenwart, allerdings enthält ihr kleiner Roman auch poetische Momente, das ist ganz andere Kost.

    Aber ich habe hier sowieso schon sehr viel Persönliches von mir gegeben, ich bin also jetzt gespannt, was Ihr, Volker , weiterhin JHNewman und andere gelesen habt und was Euch auffällt.

  • Jemand hatte mich zu Recht darauf hingewiesen, dass meine häufigen DDR-Erinnerungen nur den Fluss der Betrachtungen der klassischen literarischen Texte störten, hier nervten und besser unterlassen werden sollten

    ???

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • wie es meine Art ist, gehe ich ganz unsystematisch an die Sache ran: Als ich hier ganz am Anfang den Text von Karamzin las, war ich gleich fasziniert von dem Einstieg ueber die Religion und der spuerbaren Betroffenheit. Im weiteren Verlauf hat mich dann das Wort "Vorkriegszeit" geschockt. Inzwischen habe ich das Buch gelesen, in dem tatsaechlich auch dieses schockierende Wort vorkommt (S.55). Ausser in der Schule (lange her) habe ich mich nie damit befassen muessen, Literatur zu beurteilen und Texte zu analysieren, bin aber froh, dass ich hier auf Leute gestossen bin, die darin versiert sind. Newman, der das Buch genossen hat, aber wohl nicht so im Innersten ergriffen vom schockierenden Inhalt ist, hat alles sehr schoen und sachverstaendig dargelegt. Wenn ich jetzt meinen Eindruck schildere, kann es sein, dass Ihr das alles voellig "daneben" findet: Es kommt mir vor, als haette die Maron, das Bedrohungsgefuehl, das vor allem die hohe Zahl der hier schon lebenden und noch zu erwartetenden juengeren Maennern aus fremden Kulturen ausgeht, "einigermassen vertraeglich verpackt" in ein Gespinst anderer viel weniger gefaehrlicher Probelme, als da sind: Die Saengerin, der laengst vergangene 30 jaehrige Krieg (die Parallelen sind aber wirklich interessant!), Genderdebatten (eine herrliche Passage! S. 74). Sie schreibt das ja als Literatur und moechte sich - so vermute ich - nicht brutal als "fremdenfeindlich" outen, deshalb die "Verpackung". Vor einem Jahr haette ich sie vermutlich sofort in die rechte Schachtel gesteckt. Inzwischen ist mir selbst ganz Aehnliches passiert: Wir sind aus unserem Einfamilienhaus am Rand unserer Stadt (ca 20 000 EW mit einem eingemeindeten "Vorort") in ein Mehrfalmilienhaus in der Innenstadt gezogen (sog. Betreutes Wohnen). Vorher wohnte nicht weit von uns der Buergermeister, der Sparkassendirektor, der Betreibsleiter eines Moebelherstellers, ein Rechtsanwalt, aber auch drei Russlanddeutsche, alle in Einfamilienhaeusern (einer hat unser Haus gekauft), mit so urdeutschen Namen wie Schepp, Scheibel und Thiede. Auch ein tuerkischer Stukkateur. Alles gut angepasste Leute. Unser Blick fiel auf wenig mehr als den eigenen Garten. Wenn ich hier aus dem Fenster gucke, sehe ich "gefuehlt" ueber 80% Leute, vorwiegend tatsaechlich junge Maenner, aus moslemischen Kulturen. Ein nettes Cafe direckt vor "unserem" neuen Haus hat sich inzwischen zu einer Wasserpfeifenbar gewandelt. In der andern Richtung, keine 80m entfernt, ist ein Spezialgeschaeft in dem man Wassrpfeifen samt Zubehoer kaufen kann. Ein anderes gegenueberliegendes Haus, in dem vor zehn Jahren noch ein kleines Kaufhaus war und daneben ein ehemaliges Schuhgeschaeft, wurden von der Stadt erworben, die bisher alle Asylbewerber sehr gut auf eine Reihe von Privathaeusern verteilt hatte (garantierte Miete). Jetzt wird sie vom Landesrechnungshof dazu angehalten, die Leute in stadteigenen Gebaeuden unterzubringen. Das soll jetzt auf diesen beiden Grundstuecken passieren, dazu werden die bestehenden Gebaeude abgerissen und neue gebaut. Das Ganze spielt sich ab in der ehemaligen Hauptgeschaeftsstrasse, in der heute drei Friseure (alle "Orientalen"), zwei Baeckerlaeden und vier Kneipen existieren, dazu immerhin noch ein Brillenladen und ein Hoerakustiker, sonst nichts mehr. Das hat natuerlich nicht alles mit Auslaendern zu tun, sondern mit ueber Jahre verfehlter Stadtpolitik. Dennoch, ich haette nie gedacht, dass ich gefuehlsmaessig mal anfaellig werden koennte fuer "auslaenderfeindliche" Anwandlungen. Die hohe Zahl bringt mich aber dazu. Insofern verstehe ich, dass die Maron das Thema aufgreift und es in eine Form kleidet, die nicht gleich als Keulenschwingerei erkannt werden soll. Damit lasse ich es erst mal bewenden. Es ist schon spaet.

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  • Hallo Volker,


    für meine Begriffe siehst Du das alles so wie ich. Die Vorsicht Monika Marons dürfte nicht nur typisch für sie selbst sein, sondern für viele Angehörige ihrer Generation. Sie hat ja sogar noch als Kind den Zusammenbruch der ersten Diktatur erlebt, ein "Ende mit Schrecken". Ich fahre heute erst einmal mit dem Zug (habe nie ein Auto gehabt, kein Handy) in die Stadt, wo die vielen Krähen nisten. Viele Grüße

  • Wir sind ja ziemlich privat geworden. Nochmal zurueck zur Literatur (so wie ich sie verstehe): Die Maron macht mir das etwas zu "statisch" und zu sehr nebeneinander. Als gelungenes Beispiel fuer eine Steigerung, bei der sich eine "Gereiztheit" bis zur Unertraeglichkeit zuspitzt, habe ich die Passagen um Potiphars Frau und Joseph in Thomas Manns "Joseph und seine Brueder" in Erinnerung (Endpunkt: Schlafe mit mir). So aehnlich haette die Maron das m.E. bringen muessen, wenn sie auch weniger sensible Menschen haette erreichen wollen. Wir beide waren ja "irgendwie" schon auf Empfang gepolt. Uebrigens haben die Wasserpfeifenraucher heute bei dem schoenen Wetter ihre grossen Sonnenschirme aufgespannt: Schwarz mit dem Coca-Cola-Schriftzug in Weiss. Hat eine (gewollte?) Anmutung in Richtung IS-Fahne, auch wegen der vegetabilen Schriftzuege von Coca-Cola. Tuerkenhochzeit war - wie oft samstags -auch mit Autokorso, Hupen und Tuerkenfahnen wie beim Fussball.

    Wo gerate ich hin?: Bei Don Quichote habe ich zustimmend Thomas Manns Text aus dem Jahre 1934 zitiert und sein und Cervantes Mitgefuehl mit den vertriebenen "Morisken" und auf die zeitliche und sachliche Paralelle mit der Judenverfolgung im Dritten Reich hingewiesen. Hier gebaerde ich mich fremdenskeptisch bis fremdenfeindlich, etwas, was ich glaubte nicht zu sein und wohl auch nicht war. Es ist die grosse Zahl und das nicht absehbare Ende, was mir Angst macht.

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    2 Mal editiert, zuletzt von Volker () aus folgendem Grund: Habe eine Ergaenzung angefuegt (Don Quichote). Fehlendes i bei Potiphar eingesetzt.

  • Herzlichen Dank, Volker, für Deine Gedanken dazu.


    Ich will einfach ein paar Splitter ergänzen, und auch einfach mal unverbunden nebeneinander stellen:


    Ich habe, wie schon erwähnt, längere Zeit in London gelebt, in einer Stadt also, die weitaus multikultureller und multiethnischer ist als alles, was wir in Deutschland so kennen. In der britischen, zumal der Londoner Gesellschaft, gibt es eine Durchmischung von Menschen unterschiedlichster Herkunft auch in den beruflichen Zusammenhängen. Man steht, reist, trinkt, arbeitet, isst und lebt dort täglich neben Menschen aus aller Herren Länder, die teilweise seit vielen Jahren, mitunter schon ihre Vorfahren, in England leben. Manche dieser Menschen, die fremd aussehen, haben bereits einen Abschluss von Cambridge oder Oxford in der Tasche oder sind gar auf eines der Eliteinternate gegangen. Ich bilde mir also ein, eine gewisse Erfahrung mit ethnischer Diversität zu haben. Einschränkend ist allerdings zu sagen, dass natürlich immer eine Auswahl stattfindet. An den Unis begegnet man den Gebildeten, in der Kirche den Gläubigen, in der Firma den wirtschaftlich ähnlich Situierten, im Stadtviertel einer ähnlichen sozialen Schicht. Daran merkt man aber schnell: entscheidend ist nicht der ethnische oder religiöse Hintergrund, sondern viel häufiger die Frage nach Ausbildung, Einkommen, sozialer Zugehörigkeit - daran hängt es dann, ob man mit den Menschen klarkommt oder nicht.


    Trotzdem, obwohl ich das weiß und diese Erfahrung habe: wenn ich durch unsere nahe gelegene Kleinstadt gehe und dort kleinere Gruppen von dunkelhäutigen jungen Männern sehe, die offenbar als Flüchtlinge gekommen sind und jetzt vor der Einkaufsgalerie oder in der Fußgängerzone herumlungern, stört es mich. Warum? Wäre das besser, wenn mir diese Menschen einzeln und in einer anderen Situation begengen würden? Etwa als Kellner im Restaurant oder an der Hotelrezeption?


    Ich merke, dass ich auf mir unangenehme Menschen unterschiedlich reagiere. Wenn im Zug ein besoffener Kegelclub aus Süddeutschland Randale macht, stört mich das natürlich. Wenn es eine Gruppe von Migranten ist, reagiere ich sofort mit der Anfrage an die Berechtigung ihres Hierseins. Woher kommt diese Schere?


    ---


    Letztes Jahr verbrachte ich einige Wochen in Polen, wo ich natürlich wiederholt auf die Flüchlingssituation in Deutschland angesprochen wurde. Es war zu Zeit der Bundestagswahlen. Selbst junge und sehr weltoffene Polen halten die hohe Zahl von Flüchtlingen, die Deutschland aufgenommen hat, für einen Fehler. Meine Lehrerin fragte mich konkret: wie ist das bei Dir, in Deinem Wohnort, mit den Flüchtlingen, besonders mit den Muslimen. Ich antwortete dann wahrheitsgemäß, dass ich in einem kleinen Dorf lebe. Bei uns gibt es keine muslimischen Flüchtlinge. Wir haben allerdings eine Minderheit, bei der es mit der Integration und teilweise auch mit der Sprache hapert: die Rußlanddeutschen. Ihr fiel buchstäblich die Kinnlade nach unten. Mit einer solchen Antwort hatte sie überhaupt nicht gerechnet. Es ist aber so. Die Russlanddeutschen bleiben bei uns weitgehend unter sich, manche der Älteren können noch gut Deutsch, die mittlere Generation zum Teil gar nicht gut. Sie integrieren sich schlecht, bleiben weitgehend unter sich und bauen sich gegenseitig Häuser. Ab und an mieten sie das Dorfgemeinschaftshaus für Parties, die dann auch mal aus dem Ruder laufen....

    Unterschied: bei den Russen sehe ich, dass sich das Problem in der Regel in der nächsten Generation deutlich verringert. Die Kinder lernen Deutsch und kommen dann auch klar. Bei den anderen Migrantengruppen dauert das u. U. länger.


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    Als Reaktion auf das sehr missglückte Gespräch zwischen Uwe Tellkamp und Durs Grünbein hat Letzterer einen langen und lesenwerten Artikel für die Süddeutsche Zeitung geschrieben ("Die süße Krankheit Gestern"). Vielleicht war das Gespräch am Ende auch gar nicht so missglückt - denn immerhin hat es zwei Grundpositionen sehr deutlich gemacht. Denn es zeigte zwei Diskutanten, von denen der eine dem Alarmismus verfallen war, der andere aber davon gar nicht angefochten wurde. Durs Grünbein zeigte sich eher ratlos, wie er dem verletzen, aufgebrachten und innerlich bebenden Uwe Tellkamp denn begegnen sollte, wie er eine Basis für ein Gespräch finden könnte.


    In seinem Artikel schrieb er dann:

    (Kontext: Grünbein meint, es bringe nichts, eine geistige Raumaufteilung vorzunehmen in rechts oder links, das bringe die Menschheit nicht voran.)

    Zitat

    Der Terror, der das Klima unserer Städte bestimmt und jedes Gespräch unterwandert, kommt aus der Paranoia, die zur Gesinnung wird. Behauptungen, oft unbeweisbar, interessieren mich nicht die Bohne. Keine der Zahlen, die angeführt werden, haben mich je beeindruckt: Geburtenraten, Kriegsindex alias youth bulge nehme ich ernst, aber ich ziehe daraus nicht den Schluss: Deutschland schafft sich ab.

    Immerhin bringt er einen Begriff in die Diskussion, der Marons 'Vorkriegszeit' noch um deutlich verschärft: 'Terror'.


    Was mich an Grünbein beeindruckt: Er lässt sich die Deutung dessen, was passiert, nicht vorschreiben. Er lässt sich keine Empörung diktieren. Und er lehnt es ab, sich bedroht zu fühlen.


    Letzteres geht mir ebenso. Ich bin nicht mit allem einverstanden und mich stört manches an der gegenwärtigen Migrationslage. Manchmal bin ich genervt. Aber ich fühle mich nicht bedroht. In keiner Weise. Und das ist möglicherweise auch der Schlüssel dazu, dass mich das Buch von Monika Maron nicht existenziell ergriffen hat.

  • Vielen Dank, Newman fuer Deine - wie immer - klaren Worte und die rationale Argumentetion. Wie hoffentlich ausgefuehrt, beurteile ich mich ja EIGENTLICH als noch nicht von Paranoia befallen. Nach dem Umzug kriecht es aber wider Willen deutlich in mir hoch. Hier leben ja seit vielen Jahren sehr viel Tuerken, die zunaechst hauptsaechlich in einer Moebelfabrik als "einfache Arbeiter" taetig waren, spaeter dann auch im Zentrallager von Daimler Benz (Mercedes) und der BASF in Ludwigshafen. Alles im Wesentlichen unaeuffaellig neben uns her lebende Menschen. Meine Soehne hatten tuerkische Schulfreunde. Seit Erdogan seinen autokratischen Kurs faehrt, hat sich das Verhalten der jungen Maenner fuer mein Gefuehl jedoch deutlich veraendert. Es waren immer schon Machos UNTER SICH, jetzt lassen sie den Macho auch nach aussen "raushaengen". Oft sind es Kleinigkeiten, die einen stoeren: Die Shisha-Bar schraeg unter uns haette ich vielleicht noch mit einem Schulterzucken akzeptiert, was mich wirklich geschockt hat, sind die vier grossen pechschwarzen Sonnenschirme mit den weissen Coca-Cola-Schriftzuegen, die unuebersehbar an die IS-Fahne erinnern. Ich werde einfach den Verdacht nicht los, dass das Absicht ist. Wie gesagt, trotz der grossen Zahl hier im Ort ist das alles ueberwiegend ruhig (vor Jahren haben allerdings mal zwei Polizisten und eine Polizistin auf Streife ein Gluecksspiellokal betreten, augenblicklich fielen Schuesse und zwei Leute waren tot. Die Polizisten waren unverletzt, die Polizistin fiel in Ohnmacht, die Polizisten und die Polizistin hatten nachweislich keinen Schuss abgegeben. Ich habe nicht verfolgt, ob das ueberhaupt mal richtig aufgeklaert wurde). Was allerdings unheimlich stoert, auch mich, ist, dass alle oeffntlichen Plaetze von Auslaendern, nicht nur Tuerken, besetzt sind. Mitschuldig daran sind wir natuerlich auch selbst: Wenn mehrere Baenke oder der Rasen von Fremden besetzt sind, setzten sich Deutsche nur zoegerlich dorthin. Natuerlich hast Du mit den Schichten recht. Die farbigen Studenten und Studentinnen von der hiesigen Sprachen-Uni (Zweig der Uni Mainz) sind akzeptiert, halten sich aber -leider- ebenso wie ihre deutschen Kommilitonen, weitgehend vom staedtischen Leben fern.

    Es gibt einen sehr nuetzlichen Verein "Interkultur" hier mit engagierten ehrenamtlichen Leuten, auch Studenten. Die erreichen - soweit ich das sehe - auch viele Fluechtlinge. Die jungen Maenner der Russlanddeutschen waren anfangs auch hier ein Problem, Gewalt, Alkohol. Das hat sich seltamerweise in Wohlgefallen aufgeloest. Durch die gegenseitige Haeuslebauerei? Jobs gefunden? Ehrgeizige angepasste, tuechtige Frauen? Wie schon geschrieben, es waere sicher alles kein Problem, wenn nicht gerade an Problempunkten wie z.B. hier in der Innenstadt die Zahlenverhaeltnisse so eklatant verdreht waeren, vermutlich mehr als in London und dann eben vornehmlich durch Leute mit wenig "Bildung", aber dicken Autos, die stark aufgedreht werden (ansonsten sind die Leute, das muss ich sagen, weniger laut als die Pfaelzer, vor allem wenn die einen ueber den Durst getrunken haben). Du weisst ja selbst, welche Probleme die blossen Zahlen und die haefige Bildungsferne mit sich bringen: Eine Schulklasse mit 10% Deutschen (auch aus bildungsfernen Schchten), das kann nichts werden und wie sieht dann die Zukunft aus??? Rechtsmittel gegen Asylentscheidungen: Wenn Du wegen einer versagten Baugenehmigung klagst, wann kommst Du dran? Hab den Durs Gruenbein nicht gelesen, aber manches glaube ich selbst aus eigener Anschauung beurteilen zu koennen und wenn Du so wohnst, wie ich noch im letzten Jahr gewohnt habe, kannst Du leicht tolerant und entspannt sein.

    Nachtrag: Das Internet ist ja unglaublich. Ich habe den Artikel von 1995 im Spiegel gefunden. Es war etwas anders, als ich es in Erinnerung hatte, eigentlich aber wesentlich beaengstigender. Das ist ja auch so ein Punkt, dass die ihre Konflikte auf deutschen Boden austragen. Sowas hat es ja noch nie gegeben. Unvergleichbar mit der assimilierten juedischen Bevoelkerung hier und den Mauren in Spanien:

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-9209087.html

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    Einmal editiert, zuletzt von Volker ()

  • Volker , mit der Besetzung des öffentlichen Raums sprichst Du einen wichtigen Punkt an, der in der Wahrnehmung vieler Deutscher so besteht: Es gibt Plätze, da massiert sich das. Selbst in unserer Kleinstadt, die nun wirklich nicht unter 'Überfremdung' leidet, tauchen an bestimmten Plätzen überdurchschnittlich viele Migranten auf. Das gilt auch für das kleine Einkaufszentrum, das vor Jahren noch den Beinamen 'Russenrennbahn' hatte, jetzt aber schon anders benannt wird. Der Grund ist ja klar: junge, arbeitslose Migranten, die als Zuflucht nur ein Wohnheimzimmer haben, halten sich natürlich überwiegend andernorts auf. Ein zweiter sensibler Punkt ist der öffentliche Verkehr. Eine Freundin, die jüngst zu einer Probe aus der näher gelegenen Großstadt mit einer Regiobahn anreiste, meinte nur lakonisch, sie sei im 'Orientexpress' gekommen. Ganz ohne Häme und Unterton übrigens, rein als Tatsachenbeschreibung. Sie legte nach, dass die Regionalzüge in die Vororte und umliegenden Kleinstädte eben ganz stark von Migranten dominiert seien.

  • Besonderheiten 'weiblicher' Kommunikation


    Heute möchte ich einen Aspekt ansprechen, der in unserer Diskussion noch nicht so viel Beachtung gefunden hat. Monika Maron rückt als eine Autorin mit Mina Wolf eine ebenfalls weibliche Akteurin in den Mittelpunkt, die wiederum gleichfalls schreibt.


    Möglicherweise sind wiederum Klischees in die Welt gesetzt worden, wenn die beiden Pearce oder John Gray mit zahlreichen "Mars und Venus"-Büchern in den 1990er Jahren auf die Besonderheiten männlicher und weiblicher Kommunikation in Büchern aufmerksam machten, die in Millionenauflagen erschienen und an denen sie natürlich tüchtig verdienten. Ich kam aus einer Gesellschaft, in der 93 Prozent aller Frauen der entsprechenden Altersgruppen berufstätig waren, es den Status der "Hausfrau" so gut wie nicht gab (vielleicht einige Arztgattinnen, aber insgesamt klang "Hausfrau" damals wie "asozial" = nicht arbeitend) und in der zwar, wie überall, zwischen Männern und Frauen auch zwischendurch Spannungen entstehen konnten. Aber das Verhältnis zwischen den Geschlechtern war insgesamt unkompliziert. Mit diesem ganzen "Genderscheiss", wie es freundlich im Roman heisst, kann eine berufstätige Frau, wie ich sie kenne, die voll im Leben steht, nichts anfangen. Die maßlosen Übertreibungen und extremen Deutungen der wirklichen Verhältnisse (60 Geschlechter) dürften eine Angelegenheit innerhalb von bestimmten akademischen, nach außen hin weitgehend abgeschlossenen und durch "Netzwerke" durchaus wirksamen Universitätsschichten sein, aber die Wirklichkeit von 80/90 Prozent der Menschen weitgehend verfehlen.

    Neu war in derartiger Ratgeber-Literatur der Hinweis darauf, dass es Unterschiede in der Kommunikation zwischen Frau und Mann gäbe, deren man sich nicht bewusst war und die erheblich dazu beitragen können, dass unbewusst Konflikte entstehen können. Bei Gray sieht man dann die US-"Hausfrau", die ihren Mann erwartet, der von der anstrengenden Erwerbsarbeit nach Hause kommt, nichts anderes möchte, als seine Beine hochlegen und eine Sportübertragung sehen will, während sie den ganzen Tag über einen großen Vorrat an Ungesagtem angestaut hat, den sie loswerden möchte, aber er hört überhaupt nicht mehr richtig zu.

    In früheren Zeiten sei etwa das gemeinsame Wäschewaschen am Fluss eine Gelegenheit für die Frauen gewesen, sich untereinander auszutauschen. Es gibt das Bild eines Frauen-Kaffeekränzchens: jede redet drauflos, jede ist imstande, gleich verschiedene Gesprächsfäden aufzunehmen (was Männer wahrscheinlich tatsächlich nicht können), von außen hört sich das alles ziemlich laut und unsortiert an, aber offenbar befriedigt auch dieses Zusammensein, die Frauen sind wieder einmal etwas losgeworden.


    Dann kommen noch bei John Gray die berühmten Zahlen, wie viele Worte mehr eine Frau am Tag loszuwerden hat, als der eher wortärmere Mann, das alles braucht man nicht so bierernst zu nehmen, man kennt viel mehr verquatschte Männer, die nicht aufhören können. Klischee voll im Gange...


    Aber ein Körnchen Wahrheit ist dennoch dran: Männer könnten demzufolge lernen, zuzuhören, während die Frau beim Sprechen inzwischen schon sortiert und sich dabei über etwas klar wird. Der gute fachmännische Rat des Mannes ist in dem Moment vielleicht gar nicht gefragt, sondern nur seine Fähigkeit, einfach mal den Mund zu halten und vielleicht nur einige sie ermunternde Floskeln hervorzubringen.

    Allerdings können Hilfestellungen zum unterschiedlichen Kommunikationsverhalten (Gray will 25.000 Paare therapiert haben) unter Umständen manchen Konflikt entschärfen oder gar nicht erst aufkommen lassen. Ich weiß nicht, wie viele Männer so etwas lesen. Wir kannten keine Ratgeberliteratur zu solchen Themen, nur die Belletristik gab Hilfe in zwischenmenschlichen Lebenslagen (etwa Maxie Wander, Brigitte Reimann, Christa Wolf).

    Ich kann mir vorstellen, dass jetzt manche Leserin (oder auch Leser) dieser Zeilen schon unwillig wird: Was schreibt denn der für ein abgedroschenes Zeug? (Ihr könnt das auch gern hier schreiben, das würde ich nicht übelnehmen!)


    Und nun komme ich wieder zu Monika Maron und ihrer Mina. Diese ist eine alleinstehende frei schaffende Frau, ohne Mann und Kinder in der Nähe. Aus westlicher Sicht die "Single-Problematik". Mina will sich nicht von jemandem abhängig machen lassen. Ihr Alltag ist nicht durch feste Arbeitszeiten strukturiert. Schöpferische Arbeit am Schreibtisch, zu der sie in dieser Lebensphase verurteilt ist, verträgt keine Kontrolle, keine "Stechuhr" einer Behörde oder Institution, manche Menschen arbeiten eben lieber nachts (auch ohne Sängerin) und müssen dann am Tag dafür ein paar Stunden schlafen. Der tägliche Kontakt mit Arbeitskolleginnen entfällt für Mina. Für Millionen Frauen in der DDR war hingegen der alltägliche Kontakt mit Kolleginnen und mit Männern am Arbeitsplatz fester Lebensbestandteil. Durch die sogenannte "Wiedervereinigung" (es wurde ja nichts "wieder"vereinigt, was es zuvor zu Lebzeiten gegeben hätte) wurden Millionen von Frauen aus diesen gewohnten Verhältnissen herausgerissen und zum Teil wieder an den heimischen Herd verbannt.

    Es ist für mich faszinierend, in der Darstellung von Schriftstellerinnen zu lesen, wie Frauen ihre Art der Kommunikation aufbauen. Ich lasse mir nicht nehmen, dass sich diese von der Art der männlichen Kommunikation zum Teil beträchtlich unterscheiden kann. Ganz große Literatur braucht das ja gar nicht zu sein, hier fiel schon der Name Thomas Mann.

    Mina Wolf unterhält sich mit Friedrich, der schippert aber durch die Gewässer, nunmehr vor allem in Nordeuropa - das ist eine für sie fremde Welt, gibt ihr jetzt nichts. Rosa gegenüber kann sie ihre Gefühle und Ängste loswerden, sie haben beide Verluste erlitten. Aber bei der Beantwortung der Fragen, was denn nun hinter all dem Mina jetzt Bedrängenden sei, da kann der Erzählerin auch kein "Frauenkränzchen" (für die Männer "Stammtisch") helfen, die Nachrichten in den Medien wiederholen sich und schläfern ein...

    Minas Kommunikationsverhalten, für das sie in normalen Zeiten alle Voraussetzungen mitbringen würde, ist gestört. Sie würde ja gern ein "Netzwerk" bauen, wie das Frauen wahrscheinlich besser können als Männer, aber die Situation dafür ist in der in Parteien gespaltenen Straße nicht gegeben.

    Und in solch eine Situation gestörter individueller und kollektiver Kommunikation (gefühlte "Vorkriegszeit") erscheint dann eine einbeinige Krähe als einzige Partnerin für eine Unterhaltung über das "Große und Ganze".

  • Noch etwas zur Migrationsproblematik, beileibe nicht alle Migranten sind ja Flüchtlinge.


    Die Publizistin Caroline Fetscher sucht den inzwischen wohl an die 90.000 Unterzeichnern der nur aus zwei Sätzen bestehenden "Gemeinsamen Deklaration 2018" vom 15. März (vier Tage vor der Threaderöffnung hier) zu begegnen, indem sie die öffentlich angegebenen Berufe der Unterzeichner auf Korn nimmt, zum Teil ironisch "ad hominem".

    https://www.tagesspiegel.de/po…nde-buerger/21151466.html

    Darunter sind neben Schriftstellern wie Tellkamp, dem Publizisten Broder und Thilo Sarrazin außerordentlich viele Professoren, Oberärzte, Schauspieler, Künstler aller Sparten, Historiker, Pädagogen zu finden, also Leute, die keinesfalls die diffamierende Bezeichnung "die Abgehängten" verdienen ("abgehängter" Schinken, Dauerwurst usw.), auch der Psychologe Hans-Joachim Maaz, der das Wort von einem "Gefühlsstau" in der östlichen Bevölkerung aufbrachte. Monika Maron gehörte nicht zu den Erstunterzeichnern, man kann vermuten, dass sie nicht so schnell bei Massenauftritten dabei sein will, vielleicht gibt es auch inhaltliche Differenzen. Das sind Menschen, die sich Sorgen vor allem bezüglich der einen Frage machen: wie dem gefühlten Verlust an Rechtstaatlichkeit begegnet werden kann. Die Deklaration wird in den Bundestag gelangen, wohin auch sonst am besten in einer Demokratie?


    Wenn ich Führungsoffiziere, Kapitäne zur See und leitende Richter unter den Unterzeichnenden sehe, dann nehme ich an, dass sie von Berufs wegen wissen, was im Land abgeht, und was sie tun. Natürlich können sich auch Neonazis und alle möglichen Finsterlinge unter die Unterzeichnenden gemischt haben, aber das ist immer möglich, damit muss man rechnen, wie im Fussballstation, wo auch Hooligans neben echten Fans auflaufen können.

    Auch ich einmal deutlich: Im Land muss ein Dialog beginnen, aber so, wie Frau Fetscher das macht, wird das nichts.


    "Die Liste der Namen ist ein kostbares Geschenk". Für wen?!!

    Wenn Frau Fetscher meint, dass es schon für Studienzwecke interessant sei, wer so alles unterzeichnet hat, dann will ich bloß hoffen, dass sie vielleicht zu jung ist, um zu ermessen, was das für Assoziationen auslösen kann: bis zur Zahl 2018 sind die Namen (1990 lernten wir erstmals den Begriff "Klarnamen" kennen) der Unterzeichnenden allen zugänglich (auch radikalen Schlägern und Denunzianten, Familienangehörige können einbezogen werden), wenn Frau Fetscher auch die Namen der übrigen zehntausenden Unterzeichner kennen sollte (woher dann aber?)


    dann erinnere ich mich eben doch, vor einigen Tagen noch einmal die erste regimekritische Publikation zur Hand genommen zu haben, die Anfang 1990 zensurfrei erscheinen konnte: "Ich liebe Euch doch alle". Lageberichte des MfS Januar 1989 - November 1989, herausgegeben von Stefan Wolle und Armin Mitter. Berlin 1990 (und diese beiden Herausgeber wurden bald darauf von Joachim Gauck gefeuert, weil sie Belastendes über Lothar de Maiziere gefunden zu haben glaubten). Die Dienste waren einerseits sehr gut namentlich informiert über all die Oppositionellen, zunächst vor allem aus Kirchengruppen. Aus zunächst einigen Dutzend Kritikern mit Konzentration auf Berlin, Leipzig und Dresden wurden dann im Herbst Hunderttausende und Millionen. Die Namen der ersten "Dissidenten" tauchten dann fast alle später wieder in der Politik auf, etliche wurden Parteigründer und Minister in der Regierung Lothar de Maizieres.

    "Vorkriegszeit" bei Monika Maron

    Schon ein Unterschied zur damaligen Situation wird sichtbar: zu den schärfsten Kritikern der Migrationspolitik der Regierung gehörten heute Leiter des Verfassungsschutzes und des Bundesnachrichtendienstes, die wissen mussten, wie sich die Lage seit September 2015 entwickelte. Und wenn sich führende Militärs und leitende Richter ihnen anschließen, dann bin ich einigermaßen beruhigt, dass hier wahrscheinlich nicht mehr ein straff zentralisierter Machtapparat sein Eigenleben entfalten und kritische Stimmen im Innern zum Schweigen bringen wird. Die DDR implodierte, ohne dass Blut floss, das ist doch auch eine zivilisatorische Leistung, die von Leipzig und Dresden ausging und wo gesehen wurde, dass auf der anderen Seite, der Partei, bei den Noch-Anhängern des Sozialismus, ja auch denkende Menschen vorhanden waren, die zunehmend zu kritischen Positionen gelangten und nicht auf das Volk geschossen wurde, wie in Peking oder Bukarest.

    Wenn behauptet wird, dass es vor allem um die Durchsetzung der Rechtstaatlichkeit oder die Wiederherstellung rechtstaatlicher Grundsätze geht, dann kann man dieses Anliegen zwar leugnen, es kann aber nicht zurückgewiesen werden, nur weil das von der CSU in Auftrag gegebene Gutachten Di Fabrios von einer Mehrheit an Juristen bestritten wird. Das muss alles auf den Tisch, die bisher nur moralisch begründete Politik muss auch nach rechtlichen Maßstäben diskutiert werden können.


    Zum Bericht @JHNewmans: ja ich habe auch eine Zeitlang in London gelebt und mich hat besonders beeindruckt diese Zurückhaltung, Unaufdringlichkeit ("distinguished") im Umgang der Engländer und der Vertreter vieler anderer Völker. In so einer riesigen Stadt haben sich praktikable Regeln des gesitteten Umgangs miteinander herausgebildet. In dieser Zeit haben sich keinerlei Szenen der Gewalt abgespielt, der Wirt schwingt zum Feierabend seine Kupferglocke, und alles verlässt in Minutenschnelle friedlich den Pub.

    In Berlin und Hamburg hingegen kommt es zu Eruptionen maßloser Gewalt und eines Hasses auf Staatsorgane und Andersdenkende, der fast mit Vergnügen verbunden ist.

    Es geht nicht um "Ausländerfeindlichkeit" an sich, sehr viele von uns haben täglich mit Ausländern zu tun, sind mit ihnen befreundet.

    Wenn hier niemand ausgegrenzt werden soll: der kollektivistisch ausgerichtete Islam, der von den Gläubigen vorbehaltlose Unterwerfung verlangt, während das heutige Christentum weitgehend das individualistische Prinzip vertritt und in seinen Geboten jeden einzelnen anspricht: "Du sollst" (wie heute in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zu lesen war, deren pauschal antirussische, kenntnisfrei undifferenzierte, nur auf Putin konzentrierte Haltung sowie die weitgehende Mißachtung der Interessen der Religionsfreien mich ansonsten abstößt),

    dieser Islam sieht Ungläubige - zuerst in den eigenen Reihen, Sunniten und Schiiten wie bei uns in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges - Juden und Homosexuelle als minderwertig an und lädt ein zu deren Verfolgung.


    Noch einige Sätze, dann verabschiede ich mich wieder für einige Zeit:

    Man nenne auch nur ein europäisches Land, in dem das Vorgehen der deutschen Regierung 2015 vorbehaltlos begrüßt würde! "Wir" folgten den Geboten der Mitmenschlichkeit. Es wurden 2015 nicht nur die Busse mit einigen Tausenden Migranten aus Budapest durchgelassen, sondern die Grenze bleibt generell monatelang offen wie ein Scheunentor. "Wir" sind ja so moralisch gewesen, wie das auch in diesem Artikel von Caroline Fetscher zum Ausdruck kommt - Pech nur, dass das im übrigen Europa nicht entsprechend gewürdigt wird - dass "wir" es uns leisten können, sowohl Russland als auch Polen gleichzeitig moralisch zu verurteilen und zu bekämpfen, obwohl diese Mächte untereinander spinnefeind waren. Und "wir" vergessen, was den Völkern dieser Länder im 20. Jahrhundert angetan wurde (27 Mio. bzw. 6 Millionen Tote), die sich im Falle von Sanktionen und Drohungen von außen bloß wieder um die eigenen Führer scharen. "Wir" liefern Waffen nur an die Guten, Pech, wenn sich dann die Lage ändert und die Kurden damit getötet werden.

    Nein, "wir" sind weitgehend isoliert. Diese Selbstgerechtigkeit wird ihre Folgen haben.

  • Das Problem mit dieser Petition ist aus meiner Sicht, dass sie in zwei Sätzen zwei fundamental falsche Behauptungen aufstellt - die zweite schlimmer als die erste. Man kann m. E. durchaus die Politik der Kanzlerin kritisieren, aber man sollte das nicht mit zwei derartig plumpen Falschaussagen tun, wie das diese Erklärung tut. Das ist es, was mich dann doch zutiefst irritiert: wie so viele Menschen, die es wirklich besser wissen müssten, und die auch aufgrund ihres Wissens und ihrer Informationsmöglichkeiten eine gewisse Verantwortung haben, so etwas unterschreiben.


    Und dann stellt sich die Frage: Kann man mit zwei solchen Behauptungen, die nicht mit der Realität übereinstimmen, ein Gespräch beginnen oder einfordern?


    Es wäre aus meiner Sicht weitaus klüger gewesen, eine Petition zu verfassen, die eine Reduzierung der Einwanderung fordert und eine Wiedereinführung von Kontrollen an den Grenzen (auch wenn das gegen derzeit gültiges EU-Recht verstößt), ohne eine solch angreifbare Beschreibung des Ist-Zustands.

  • Wir kommen ja vom Hoelzchen aufs Stoeckchen, aber interessant ist das allemal! Nochmal Danke an Euch beide!!!, auch dass alles bisher noch zivilisiert ablaeuft. Langsam bekomme ich aber Bedenken und da fragt es sich, ob wir unsere Unterhaltung bald schliessen(?). Falls das mit der privaten Konversation funktioniert, koennten wir uns ja "privat" weiter schreiben(?), zumal wir uns von dem Buch, jedenfalls der direkten Beziehung dazu, immer wieder entfernen. Natuerlich haengt alles mit allem zusammen. Mit dem RICHTIGEN Zitieren das habe ich immer noch nicht raus, obwohl Zefira es mir erklaert hat. Also Zitat von Karamzin:


    "Die DDR implodierte, ohne dass Blut floss, das ist doch auch eine zivilisatorische Leistung, die von Leipzig und Dresden ausging und wo gesehen wurde, dass auf der anderen Seite, der Partei, bei den Noch-Anhängern des Sozialismus, ja auch denkende Menschen vorhanden waren, die zunehmend zu kritischen Positionen gelangten und nicht auf das Volk geschossen wurde, wie in Peking oder Bukarest."


    Das ist ein Satz, der in goldenen Lettern über den Plenarsaal des Bundestages geschrieben werden muesste und jedes Schulkind muesste ihn auswendig lernen! Das war sowas Unglaubliches und wenn man weiss, wie Menschen sind, zumal, wenn sie ihre Macht verlieren, etwas voellig Unerwartbares. Eine geraume Zeit nach der Wende traf ich bei einem Krankenhausaufenthalt zufaellig auf jemanden aus dem gehoben Dienst der Justiz, der zusammen mit einem Vorsitzenden Richter aus Kalrlruhe (BGH?, Bverf G? weiss ich nicht mehr) mithelfen sollte, das "DDR-Unrecht", das es ja zweifellos gegeben hat, aufzuklären. Als ich ihn noch nicht so recht einschaetzen konnte, wagte ich mich mit der Bemerkung hervor: "Also, obwohl es da bestimmt viele schraege Voegel und auch richtige Verbrecher gegeben hat, wuerde ich eine Generalamnestie erlassen, denn sowas, dass Leute, die immerhin noch die Macht hatten, ein grosses Blutbad anzurichten, ohne dass ein einziger Schuss faellt, die weisse Fahne hissen, hat es meines Wissens in der Geschichte noch nie gegeben". Das Beispiel Hitler lag ja noch nicht so lange zurueck. Zu meiner Ueberraschung sagte der Mann: "Das ist genau meine Meinung".


    Noch etwas zur DDR, was einen starken Eindruck auf mich gemacht hat: Ihr erinnert Euch an Kohls oft belaechelten Ausspruch von den bluehenden Landschaften. Ich war kein Freund von Kohl und unterschaetzte ihn vermutlich stark, aber in DIESEM Punkt, dachte ich damals, dass er recht behalten wuerde, weil ich das "Wirtschaftswunder" bei "uns" noch in guter Erinnerung hatte. Eine Kollegin von mir, deren Vater in den oberen Etagen einer deutschen Weltfirma taetig war, sagte damals zu mir: " Mein Vater hat mir gesagt, die Wirtschaft da drueben sei total marode und das "bisschen",, was die 17 Millionen da drueben brauchen, das koennen wir hier, wenn wir die Kapazitaetsreserven nur ein wenig hochfahren, mitbedienen." Ich verstehe wenig von Volkswirtschaft und Wirtschaft ueberhaupt, aber ich denke, die Beurteilung hat den Nagel auf den Kopf getroffen und ist die tiefere Ursache dafuer, dass viele Menschen die dort drueben hart gearbeitet und tatsaechlich ihr bestes gegeben haben, sich so demuetigend behandelt gefuehlt haben. Ich habe zehn Jahre in Westberlin gewohnt und fuhr immer wieder mit dem Zug durch die "Zone", da kam man irgendwo vorbei, Vockenrode(?), da gab es kilometerlange Dampfleitungen, deren waermedaemmende Ummantelung in Fetzen von den angerosteten Rohren hing, ueberall trat Dampf aus. Bei der BASF in Ludwigshafen war das alles silberglaenzend verpackt und wie neu. Wenn ich mir nun vorstelle, wie einem Arbeiter zumute gewesen sein mag, der ein Grossteil seiner Zeit damit verbracht hatte, diese Rohre abzudichten, zu flicken und notduerftig in stand zu halten, wenn er gesagt bekam, was Du da gemacht hast, mag Dir wichtig erschienen sein, aber es war alles fuer die Katz. Dass so etwas tiefe Spuren in einer Biographie hinterlaesst, ist klar. Womit wir wieder beim Buch sind und bei der unterschiedlichen Resonanz auf die es trifft.

    Was ich sehr interessant finde, ist, dass einer von Euch den mutmasslichen Unterschied von weiblicher und maennlicher Betrachtung ins Spiel gebracht hat. Dem versuche ich mal nachzugehen. Uebrigens die Beobachtung von Newman, bei der es um die ueberproportionale Anwesenheit von Migranten in Oeffentlichen Nahverkehrsmitteln geht, kann ich nur bestaetigen. Wie Karamzin bin ich leidenschaftlicher Zugfahrer. Ich muss aber den Migranten das Zeugnis ausstellen, dass ich noch nicht erlebt habe, dass sich jemand daneben benommen haette und ich fahre viel mit dem Zug. Es gab zwei unschoene Erlebnisse in Zuegen, eines vor vielen Jahren im "Interzonenzug" als ein (deutscher) Boxer aus Wuppertal (grundlos) drohte, mich zusammenzuschlagen, eines 2003 in einem Regionalzug bei Dessau, als (betrunkene?) Fussballfans rhythmisch die Faeuste emporrissen und skandierten: "Hier, regiert, der Bla, Bla, Bla, Hier, regiert, der Bla, Bla, Bla" und dabei den Mitreisenden derart bedrohlich auf die Pelle rueckten dass man sich fuerchtete.

    Zu der Petition will ich mal lieber nichts schreiben, weil ich - wie weiter oben ausgefuehrt - fuerchte, dass sonst die Diskussion aus dem Ruder laufen koennte.

    if all you have is a hammer, all you see looks like a nail.

    Einmal editiert, zuletzt von Volker () aus folgendem Grund: ein wenig ergaenzt und Rechtschreibung etwas korrigeiert.