Erster Weltkrieg im Roman

  • Hallo Forum,
    inzwischen hat sich herumgesprochen, dass sich der Beginn des Ersten Weltkriegs zum hundersten Mal jährt. Begleitet wird dieser Umstand von einer interessanten Reihe fachlicher Publikationen, etwas vernachlässigt wird indes der Bereich der Romanklassiker zum Themenfeld Erster Weltkrieg. Hier ist zunächst zu unterscheiden, zwischen Romanen, die, wie etwa Manns 'Der Zauberberg', das Thema gesellschaftlich fokussieren, und Romanen, die den Schwerpunkt auf die Kriegserfahrung legen. Ich möchte hier das Thema in beiderlei Richtung lancieren und nach Erfahrungsberichten mit klasssichen Romanen zum Ersten Weltkrieg, sowohl deutscher als auch ausländischer Autoren, fragen und zur Diksussion anregen. Vielleicht gelingt es dabei Romane aufzustöbern, die kaum noch bekannt sind und auf Neuerscheinungen bzw. Neuauflagen hinzuweisen. Dabei wäre es gut, dass etwaige Literturhinweise mit Angaben zum Typ bzw. der Romangattung versehen werden. Als Klassiker verstehe ich in diesem Fall vor allem Romane, die zeitnah am Geschehen (z.B. Remarques 'Im Westen nichts Neues') oder zumindest aus direkter oder indirekter Erinnerung entstanden sind (z.B. Solschenizyn 'August Vierzehn'). Ich gebe zu, dass dieser Post noch etwas vage ist, aber ich denke, dass sich daraus eine Präzisierung entwickeln könnte, an deren Ende nicht nur eine Bücherliste, sondern auch eine Diskussion über Inhalte, Themenstellungen und Qualitäten stehen könnte.


    Portogruaro

  • Ich erlaube mir mal auf einen Erzählband hinzuweisen: "Über den Feldern: Der Erste Weltkrieg in großen Erzählungen der Weltliteratur", herausgegeben von Horst Lauinger. Eine breit gefächerte Auswahl von Werken, die zeitnah enstanden sind. Gut zu lesen.


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    "Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym (2001)

  • Besten Dank schon mal für den Auftakt. Hat derweil jemand Erfahrungen zu Solschenizyns 'August Vierzehn', das ja zunächst 1971 in einer kürzeren, dann 1989 in einer über eintausend Seiten umfassenden Version veröffentlicht worden ist. Hat es jemand gelesen und kann dazu etwas sagen?


  • Besten Dank schon mal für den Auftakt. Hat derweil jemand Erfahrungen zu Solschenizyns 'August Vierzehn', das ja zunächst 1971 in einer kürzeren, dann 1989 in einer über eintausend Seiten umfassenden Version veröffentlicht worden ist. Hat es jemand gelesen und kann dazu etwas sagen?


    Den Roman habe ich in der langen Version vor etwa 2 Jahren gelesen.


    Ich halte ihn literarisch für schwach, was ich generell über die Romane die ich von Solschenizyn gelesen habe, sage. S. versucht aus meiner Sicht Tolstoi nachzuahmen, indem er Massen an Figuren, die so ziemlich alle Schichten des russsischen Volkes repräsentieren sollen, einführt, die Fäden aber öfters verliert. In August1914 kommt noch hinzu, dass der Autor seiner russische Seele und seiner Liebe zu Russland die Zügel schießen lässt und die Kriegsgeschehnisse im August 1914 verklärt. Da ich eine deutsche Übersetzung gelesen habe, kann ich wenig über den originalen Stil schreiben. Sollte er dem der Übersetzung entsprechen, ist er ziemlich platt.


    Opwohl ist nicht zur Frage gehört, möchte ich hinzufügen, dass es mir gegenwärtig genauso mit dem Rom "Der Zusammenbruch" von Emile Zola geht.

  • Gutenberg.de hat ebenfalls einen Themenkreis WK I
    http://gutenberg.spiegel.de


    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)


  • Hab's selber (noch) nicht gelesen, aber natürlich


    Ernst Jünger: In Stahlgewittern


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    Ich habe es gerade beendet. Und bin jetzt zwiegespalten. Es ist halt sehr tagebuchmäßig. Dazu sehr nüchtern und etwas egozentrisch geschrieben. Für mich kommt es an ein "Im Westen nichts neues" nicht heran, aber als zeitgenössisches Dokument, eines definitiv intelligenten und recht sprachbegabten Menschen, ist es wertvoll. Ich würde es niemals als kriegsverherrlichend bezeichnen, aber eine gewisse Kriegslust kann man dem Protagonisten nicht absprechen und auch das Hochhalten "klassischer" männlicher Kampfestugenen ist vorhanden.


    Ansonsten kann auch ich den Schwejk sehr empfehlen. Leider unvollendet aber ein herrlicher Spottroman.

  • Hallo, ich hoffe, man sieht es mir nach, daß ich eine Antwort schreibe, ohne mich erst vorgestellt zu haben ( wird bald nachgeholt :engel:)


    Ich habe mir zum Thema Erster Weltkrieg mit folgender Literatur eingedeckt:
    1. Schlump (Hans Herbert Grimm)
    2. 14 (Jean Echenoz)
    3. Heldenangst (Gabriel Chevallier)


    Als Fachbücher liegen für mich bereit


    1. Die Büchse der Pandora (Jörn Leonhard)
    2. Der Griff nach der Weltmacht ( Fritz Fischer)
    3. The Sleepwalkers (Christopher Clark)


    So, jetzt hoffe ich nur noch, daß ich diese Werke auch wirklich bald in Angriff nehme - bin in letzter Zeit nicht so oft zum Lesen gekommen, da ich zur Zeit viel Zeit mit Pendeln verbringen muß :entsetzt:

  • Den Roman habe ich in der langen Version vor etwa 2 Jahren gelesen.


    Ich halte ihn literarisch für schwach, was ich generell über die Romane die ich von Solschenizyn gelesen habe, sage. S. versucht aus meiner Sicht Tolstoi nachzuahmen, indem er Massen an Figuren, die so ziemlich alle Schichten des russsischen Volkes repräsentieren sollen, einführt, die Fäden aber öfters verliert. In August1914 kommt noch hinzu, dass der Autor seiner russische Seele und seiner Liebe zu Russland die Zügel schießen lässt und die Kriegsgeschehnisse im August 1914 verklärt. Da ich eine deutsche Übersetzung gelesen habe, kann ich wenig über den originalen Stil schreiben. Sollte er dem der Übersetzung entsprechen, ist er ziemlich platt.


    Opwohl ist nicht zur Frage gehört, möchte ich hinzufügen, dass es mir gegenwärtig genauso mit dem Rom "Der Zusammenbruch" von Emile Zola geht.


    Ja, dem kann ich, nachdem ich nun mit dem Roman 'August Vierzehn' angefangen habe, zustimmen. Die Intention, etwas ähnliches wie ein modernes 'Krieg und Frieden' zu schreiben, lässt sich erkennen, verflüchtigt sich jedoch rasch in den allzu vielen Strängen, die der Autor verfolgt. Was besonders schade ist, ist dass das gesellschaftliche Panorama, das Solschenizyn in den ersten Kapiteln anreißt, nicht mehr weitergeführt wird. Personen aus den unterschiedlichen Schichten, die in den Anfangskapiteln eine wichtige Rolle einzunehmen scheinen, tauchen dann gar nicht mehr auf, so dass man keineswegs mehr von einem Gesellschaftsroman sprechen kann. Vielmehr gleicht das Werk einer militärgeschichtlichen Chronik. Schade, dass Solschenizyn das Potenzial seiner Idee nicht ausgeschöft hat, es hätte ein Werk von einzigartiger Güte werden können, so ist es tatsächlich literarisch viel zu schwach und das Narrativ ermüdend.

  • Ich habe vor ein paar Jahren mehrere zeitnahe Bewältigungen gelesen:


    1916 Fritz von Unruh: Opfergang - expressionistisch verzerrt

    1916 Walter Flex: Der Wanderer zwischen beiden Welten - sehr christlich, mit dem Glauben ringend

    1920 Ernst Jünger: In Stahlgewittern - sachlich, heroisch

    1926 Johannes R. Becher: Levisite - spätexpressionistisch(?) mit Fokus auf Giftgas und Revolution(?)

    1928 Ludwig Renn: Krieg - sachlich, unheroisch, aus der Perspektive des Verantwortungsvollen

    1929 Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues - sachlich, mit Betonung der Sinnlosigkeit


    Den Jünger habe ich dann kürzlich nochmal gelesen - zuerst hat mich der Heroismus trotz drastischem Gräuelrealismus abgestoßen, nun wollte ich als Leser dem Text besser gerecht werden, und die Sinnstiftung als Leistung anerkennen, obwohl sie mir fremt bleibt. Wahrscheinlich ist es der beste Text der 6 und auch geschichtlich der interessanteste, da man den Weg zum nächsten Weltkrieg besser verstehen wird: Im Krieg wurde ein neuer Menschentyp geboren, der dann sozusagen an die Herrschaft drängt.


    Das ständige Bemühen, ausgerechnet christlichen Sinn in der Schlächterei zu finden, hat mich bei Flex ziemlich genervt, den sollte ich auch nochmal lesen. Schließlich sollte Lektüre besonders interessant sein, wenn sie nicht die eigenen Gewohnheiten abbildet, oder?


    Die übrigen sind Antikriegstexte, wobei ich an den Becher kaum Erinnerungen habe. Renn ist weniger "modisch" neusachlich als Remarque und beschäftigt sich mehr mit den positiven Regungen des verantwortungsbewußten Vorgesetzten.


    Wie das damalige Frontleben (oder -sterben) funktionierte ist stets faszinierend (der historisch reale Horror liegt mir mehr als der fiktive) aber die unterschieldichen Arten, damit umzugehen, sind vielleicht noch interessanter.

  • Kürzlich las ich einen Roman, der das Zerbrechen einer bürgerlichen Familie zur Zeit des ersten Weltkriegs zum Inhalt hat, Bernard von Brentanos Theodor Chindler (1936). Während mich vor allem die von mir so empfundene bitterböse Härte des Erzählers gegenüber seinen Geschöpfen entzückte und der damit verbundene trockene Humor, sind für dieses Thema hier wohl vor allem die politischen Aspekte (die Hauptfigur ist katholischer Reichstagsabgeordneter, seine Tochter mit einem Revolutionär verbandelt, die Söhne mehr oder weniger stramme Soldaten) und die Folgen des Kriegsdienstes (Fremdgehen, Verwundung) von Interesse. Dass Brentano in Lexika so gerne übergangen wird, kann ich nicht nachvollziehen, ich habe den Band als sehr stark empfunden.