Warum lest ihr nur Klassiker??

  • Halihallo Leutchen


    Ich nehm das Thema nicht so ernst, wäre ja noch schöner, wenn es starre Leitplanken und Lesehierarchien gäbe. Eine Diskussion darüber finde ich jedoch nicht verkehrt, da es einiges über unsere Lesebedürfnisse verrät, im Sinne von: ich mag Eis... :eis:
    Eine Bekannte von mir hasst es, liebt dafür die Nidel auf der heissen Milch, igitt :entsetzt:
    Doch interessant, wie verschieden die Geschmäcker sein können, macht das Leben doch abwechlungsreicher und verschiedenfarbiger, wäre ja schön doof, wenn alle das gleiche Shirt tragen würden. :frieren:


    Da ich gerade den Ulysses lese... ich liebe dessen anschauliche Szenen, komme mir trotzdem etwas dümmlich vor bei all den vielen Dingen, welche ich da wissen muss. Im Vergleich dazu wirkt Kafka für mich wie ein klares Bächlein.


    Aber ich verstehe, wenn es nicht jedermanns/frau Sache ist, manchmal will man einfach nur in eine unbekannte Stadt/Welt entführt werden, ohne in einen existenzialistischen Sog zu geraten.


    Auf eine gewisse Weise haben wir alle ein ähnliches Motivationsmuster:


    Wir wollen auf dem neuesten Stand bleiben, orientieren uns oft an Listen, ob es nun die Spiegel-Bestsellerlisten oder eher in Richtung Bestenliste/Nobelpreisträger/Longseller/Klassiker geht , entscheidet letztlich unser Geschmack. Alles, was es nicht auf irgendeine Liste geschafft hat oder sonstwie irgendwann einmal "ins Gespräch" gekommen ist, scheint nicht zu existieren, bis es ein Trüffelschwein ausgräbt. :elch:


    Wir ALLE selektieren, da wir nicht alle Zeit und Lust der Welt haben, ist auch OK so. Die Frage ist nun, welche Art von Selektion verwerflich ist und welche nicht. Ich z.B. mag alte und moderne Klassiker, weil diese mir einiges an Gedankenarbeit abnehmen, bin zu faul, um alle meine existenzialistischen Probleme allein zu wälzen. :urlaub:


    Lesen ist (wie auch das Schreiben) immer eine Art Therapie. Und da nicht jeder dieselben Bedürfnisse hat, braucht es auch verschiedene Lesetherapien. Bei Momo z.B. fand ich die Strassenwischer-Szene ganz lebenstauglich und tröstlich. Im Tod in Venedig etwa gefällt mir Venedig als todhafte jenseitige Stadt und wie die Titelfigur im Schiff dorthin übergeht und stirbt. Sowas spricht mich an, teilen wir doch alle dieses Schicksal. :schmetterling:


    Bye, Ivy

  • Hallo zusammen,
    zunächst möchte ich mich auch mal als Potter-Ignorierer outen. Da ich bisher keines dieser Bücher gelesen habe, kann ich nicht sagen, ob ich es mag oder nicht. Jedenfalls interessieren mich diese Bücher nicht genug, als daß ich mich bisher damit beschäftigt hätte oder dies in naher Zukunft vorhätte. Was mich an HP dann nur wirklich nervt ist das unheimliche Aufhebens, daß darum gemacht wird. Ich erinnere mich noch mit Grauen an den Veröffentlichungstag des letzten Bandes. Ich war ignorant genug, um den Termin vollkommen aus den Augen zu verlieren und wurde dann von einer riesigen Potterwelle überschwemmt, als ich eine meiner Stammbuchhandlungen betrat. Im Eingangsbereich gab es direkt eine große 'Potter-Verkleide-Aktion', das erste Stockwerk war vollständig dekoriert mit Spinnweben, Pappaufstellern, etc. und ich konnte gerade noch ins 2. Obergeschoß flüchten, bevor mich eine Busladung Kinder überrannt hätte. Im 2. Stock ließ ich mich dann zwischen Reclam-Ausgaben in Sicherheit wiegen, nahm zeitweise sogar an, der Sturm habe sich gelegt. An der Zentralkasse im 1. Stock wurde ich dann aber wieder eines Besseren belehrt: Alle Kassen waren geöffnet und ich mußte dennoch eine gute Viertelstunde warten, bis ich zahlen konnte. Als mich dann die Kassierin fragte, ob ich denn trotzdem auch einen Potter-Kalender wolle, hatte ich den Kaffee irgendwie auf...


    Zur eigentlichen Frage möchte ich nur sagen: Die Potter-Fans im HP-Forum haben meiner Ansicht nach genau richtig geantwortet (vielen Dank für diesen Versuch Hubert!!!): Wie kannst Du annehmen, daß wir nur HP lesen? Für einige mag das zutreffen, aber wir wollen uns in keine Ecke drängen lassen.
    Genau das würde ich auch auf die hier gestellte Frage antworten: Warum sollte ich 'nur' Klassiker lesen (abgesehen davon, daß ich die Entrüstung der HP-Fans über das negativ angehauchte 'nur' auch hier teile)? Ich lese nicht nur Klassiker, einige hier im Forum tun dies vielleicht, viele aber nicht. Das ist allein schon an den Themen hier ersichtlich. Es gibt genug Diskussionen über bzw. Anmerkungen zu Texte/n, die ganz eindeutig (noch) keine Klassiker sind. Würden hier alle Mitglieder ausschließlich Klassiker lesen, gäbe es diese wohl nicht.
    Zudem ( summer00) halte ich die Frage 'Warum lest ihr nur Klassiker?' durchaus für eine andere als 'Wie sortiert ihr eure Bücher?'. Die zweite Frage sammelt schlicht unterschiedliche Verhaltensweisen, die erste verlangt eine Rechtfertigung für eine bestimmte Verhaltensweise und ich denke nicht, daß mein Leseverhalten zu den Dingen gehört, für die ich mich rechtfertigen sollte/ müßte. Würde man diese Frage auf das gleiche Level bringen wollen wie die Büchersortier-, die Leseort-, oder die Bücheraussehnsfrage, müßte man formulieren: 'Lest ihr auch zeitgenössische Literatur?'.


    Was mir in diesem Thread allerdings auch wieder aufgefallen ist, ist, daß viele Diskussionen schlicht deshalb hochkochen, weil viele unterschiedliche Auffassungen zu der Bedeutung einzelner Termini haben (so wird die Kategorie 'Klassiker' z.B. einmal als Genre aufgefaßt, was meiner Ansicht nach falsch ist). Es könnte sich durchaus als nützlich für zukünftige Diskussionen erweisen, wenn wir für einige Begriffe klare Definitionen finden könnten, wie dies teilweise auch schon geschehen ist. Das mag jetzt auch wieder 'typisch deutsch' klingen, aber ich denke, dies könnte unsere Diskussionen doch erheblich vereinfachen...


    Gruß
    Berch

  • Hallo zusammen! :wink:


    Natürlich kann jeder seine eigenen Begriffe und Definitionen kreieren, aber ich finde es realistischer, der allgemein anerkannten Bedeutung den Vorzug zu geben, sonst herrschen bald mal Rechtschreibreformsitten!
    :breitgrins:


    Soviel ich bis jetzt mitbekommen habe, haftet dem Klassiker mehr als nur sein Alter an, denn sonst wären ja ausnahmslos ALLE Bücher über 50 Jahre Klassiker.


    Hubert z.B. will den Zauberberg oder den Ulysses noch nicht als Klassiker bezeichnen, aber die Mehrheit der literarisch Rezensierenden tun es unter dem erweiterten Begriff "moderne Klassiker" o.ä.


    Was man auch davon hält, die gängige Bedeutung eines Wortes leitet sich selten von seiner Herkunft ab, sondern wie es nun mal mehrheitlich gebraucht wird, wobei ein Wort natürlich mit der Zeit eine Veränderung erfährt, aufgewertet oder abgenutzt wird.


    Die Bezeichnung "Klassiker" wird ja auch in anderen Kunstbereichen gebraucht, z.B. im Film (Nosferatu, Charly Chaplin usw.).


    Ja, das Alter als Longseller-Merkmal mag auf den Klassiker zu einem gewissen Grade zutreffen, aber nur im Sinne von: hatte Vorbildfunktion, wurde nicht vergessen, hat die Literatur/Kunst/Filmwelt verändert, stellt eine Abweichung oder Neuerung dar.


    Diese rückblickende Feststellung setzt naturgemäss eine gewisse Zeitspanne voraus, allerdings wird diese in der heutigen schnelllebigen Zeit immer kürzer. Deshalb kann es durchaus sein, dass ein Autor/Künstler/Schauspieler/Musiker zur "lebenden Legende" wird und dessen Werk bereits Klassikerfunktion aufweist.


    In diesem Sinne sind der Zauberberg und der Ulysses durchaus Klassiker, haben sie doch die Nachfolgegeneration entscheidend inspiriert.


    Allerdings wird ohne Zweifel auch Harry Potter ein Kinderbuch-Klassiker werden, so wie Tolkien es bereits ist, alle Anzeichen sprechen dafür, schon allein deshalb, weil Harry Potter auch für die Nachfolgegenerationen lesenswert bleiben wird.


    In der Literaturszene spricht man deshalb von verschiedenen Klassikern:


    Literaturwissenschaftlich genannte Klassiker (Weltliteratur/Klassikerkanon)
    Kinder-Klassiker (wie Dschungelbuch, Pippi Langstrumpf)
    Jugendbuch-Klassiker (z.B. Lederstrumpf, Karl May)
    Fantasy-Klassiker (Tolkien usw.)
    Krimi-Klassiker (u.a. Agatha Christie oder Sherlock Holmes)
    Film-Klassiker (etwa Nosferatu, Charly Chaplin)
    etc.


    Sogar Trivialliteratur kann zum Klassiker werden, eben triviale Klassiker.


    Hier im Klassikerforum hat sich m.E. der in Schulen gängige Klassikerkanon durchgesetzt.


    Solange wir auch die Genre-Klassiker (Fantasy, Science Fiction, ...) und Bestseller-Klassiker (Parfum, Name der Rose, etc) anerkennen, finde ich das absolut OK, nicht weil es die beste Definition ist, sondern weil es sich nun mal im allgemeinen Sprachgebrauch so eingebürgert hat. :rollen:


    Bye, Ivy

  • Hallo zusammen!


    Zitat von "Berch"

    so wird die Kategorie 'Klassiker' z.B. einmal als Genre aufgefaßt, was meiner Ansicht nach falsch ist


    Da kann ich Dir nur zustimmen. 'Klassiker' gehen irgendwie quer durch alle Genres, und zwar nicht in dem Sinne, wie es Evelyne Marti formuliert, also dass es 'Klassiker des Kriminalromans' gibt u.ä., sondern in dem Sinne, dass ich, wenn ich z.B. «Das Märchen» lese, ich auch Fantasy lese, beim «Fräulein von Scudéry» auch einen Krimi etc. etc. "Auch", weil Klassiker immer mehr sind, formal wie inhaltlich. 99,9% der heute veröffentlichten Fantasy wird wohl in 10-20 Jahren nicht mehr gelesen; «Das Märchen» wohl in 100 Jahren noch ...


    Zitat von "Evelyne Marti"

    Allerdings wird ohne Zweifel auch Harry Potter ein Kinderbuch-Klassiker werden, so wie Tolkien es bereits ist, alle Anzeichen sprechen dafür, schon allein deshalb, weil Harry Potter auch für die Nachfolgegenerationen lesenswert bleiben wird.


    Ich bin kein Prophet. Nach dem, was ich von HP kenne, haftet Rowling aber zu sehr im Hier und Jetzt, als dass sie die nächste Generation erleben wird.


    Zur Liste Deiner Klassiker möchte ich nur bemerken, dass m.M. die «Jungle Books» genausowenig Kinderbücher sind wie «Robinson Crusoe» oder «Gulliver's Travels», und m.W. Cooper seine Bücher gar nicht und May die seinen nur teilweise für die Jugend geschrieben haben.


    Es ist schwer, sich auf einen Begriff des 'Klassikers' zu einigen; auch gibt es m.M. keine "allgemein anerkannten" - wie Hubert schon bemerkt hat, gibt jeder Literaturwissenschafter seine eigenen. Insofern ist die Frage "Warum lest Ihr nur Klassiker" auch nicht beantwortbar ...


    Grüsse


    Sandhofer

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • Hallo, Berch.


    Zitat von "Berch"

    Hallo zusammen,
    zunächst möchte ich mich auch mal als Potter-Ignorierer outen. Da ich bisher keines dieser Bücher gelesen habe, kann ich nicht sagen, ob ich es mag oder nicht.


    Danke für diese Worte der Vernunft. Potter-Hasser-ohne-ihn-gelesen-zu-haben mag ich nämlich nicht :evil: Das trifft natürlich auch auf alle anderen Bücher zu. :zwinker:
    Und was deine Abneigung gegen den Potter-Hype betrifft, schließe ich (als Potter-Narr) mich dir absolut an. Aber man weiß ja wie das ist. Solange man damit Geld machen kann, tut man es. :rollen:


    Liebe Grüße,
    Wendy

    "All children, except one, grow up."

  • Zitat von "Wendy"

    Danke für diese Worte der Vernunft. Potter-Hasser-ohne-ihn-gelesen-zu-haben mag ich nämlich nicht :evil: Das trifft natürlich auch auf alle anderen Bücher zu. :zwinker:



    Hallo zusammen,
    Hi Wendy


    ich habe noch keine Potter-Hasser hier gefunden, du?


    Viele Grüße
    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

  • Hallo zusammen!


    Hubert
    Deine Aussage

    Zitat von "Hubert im Harry-Potter-Forum"

    ich verspreche euch, wenn ich mit den Klassikern durch bin, dann lese ich auch Harry Potter, aber nicht im Klassikerforum, sondern bei Euch.


    kann ich nur mitunterschreiben. Allerdings fürchte ich, dass ich - selbst wenn ich kein einziges Buch nochmals lese, was denn doch der Fall sein wird - an den Klassikern der Weltliteratur ungefähr noch 50 Jahre zu lesen habe, bevor ich halbwegs "mit den Klassikern durch bin". :smile:


    Und ob ich dann in einem Antiquariat noch ein Exemplar von Harry Potter finde??? (Und ob mir die hübschen Pfleger und Pflegerinnen im Altenheim dann überhaupt noch so aufregende Lektüre erlauben werden???)


    Ich glaube, es ist ZVAB, die mir einmal im Monat ein e-mail schicken: "Die Spiegel-Bestseller von vor 10 Jahren bei ZVAB". (Oder so ähnlich, es können auch 20 Jahre sein, oder 25 ...) Jedenfalls liegt die Bestseller-Liste bei. Es ist ganz interessant, was damals so über den Ladentisch ging. Den Jüngeren unter uns werden wohl die meisten Titel gar nichts sagen ...


    Grüsse


    Sandhofer

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • Zitat von "sandhofer"

    Allerdings fürchte ich, dass ich - selbst wenn ich kein einziges Buch nochmals lese, was denn doch der Fall sein wird - an den Klassikern der Weltliteratur ungefähr noch 50 Jahre zu lesen habe, bevor ich halbwegs "mit den Klassikern durch bin". :smile:


    Und ob ich dann in einem Antiquariat noch ein Exemplar von Harry Potter finde???


    Hallo Sandhofer,


    sehe ich genau so, allerdings werde ich, da ich nicht so schnell lese, nicht nur lese, und nicht nur Klassiker lese, vermutlich auch in 100 Jahren noch nicht mit den Klassikern durch sein. :breitgrins:


    Und vermutlich wird sich schon in 20 Jahren kein Mensch mehr für Harry interessieren, ich müsste mich jedenfalls sehr täuschen, wenn die Kids sich dann noch für einen Jungen begeistern könnten, der sein Tante Magda aufbläst und sie dadurch zum Fliegen bringt, mit einem "fahrenden Ritter" durch London braust, und auf dem Rücken von Hippogreif Seidenschnabel davon fliegt. (Szenen aus dem neuen Potterfilm: Der Gefangene von Askaban). Wahrscheinlich werden die Kids dann über die heutige Generation nicht einmal lachen können, sondern allenfalls mitleidig lächeln.


    Gruß von Hubert

  • Zitat von "Evelyne Marti"

    Hi Leute :zwinker:


    Gerade die Definition der Novelle veranschaulicht die Sonderrolle im deutschen Raum. In anderen Sprachräumen gibt es nämlich kein entsprechendes Pendant, Bye, Ivy


    Hi Ivy,


    da hab’ ich jetzt eine kleine Verständnisfrage. An welche „anderen Sprachräume“ denkst Du da im speziellen? An den arabischen, den japanischen, den chinesischen oder den indischen Sprachraum?


    Neugierige Grüsse


    Hubert

  • Hallo liebe Runde,


    ist schon lustig was aus so einer harmlosen Frage am Anfang geworden ist. Da wird sich plötzlich angegiftet und gegenseitig eins auf die Mütze gegeben... Wobei ich denke, dass das was hier steht, manchmal einfach nur falsch aufgefasst wurde und gar nicht persönlich gemeint war. Das geschriebene Wort unterliegt nunmal, wie auch jedes Buch, der Interpretation jedes einzelnen. Gut so.


    Ich find die Diskussion doch sehr interessant, intoleranz konnte ich eigentlich noch nicht ausmachen und wer sich wegen Kleinigkeiten und Wortspielereien auf den Schlips getreten fühlt sollte sich wohl von Foren fern halten. Es ist ja niemand gezwungen seinen Senf dazu zugeben. :smile:


    Übrigens Hubert, Deine Aktion beim HP-Forum find ich Klasse. Ich hab mich sehr amüsiert. :klatschen:


    Ich gehör ja zu diesen "Misch-Masch-Leser" (eigentlich eine total bescheuerte Wortschöpfung :smile: ). Ich kann alle Seiten gut verstehen und stehe fest auf dem Standpunkt: WAS MAN NICHT SELBST GELESEN HAT, SOLLTE MAN NICHT VERURTEILEN! Es geht mir ja selbst so, was ich heute als nicht so mein Ding empfinde, kann mich morgen schon total begeistern.


    Ich bin froh, dass es diese breite Palette an Literatur gibt. Es ist ist für jede Persönlichkeit, jeden Charakter und jede Stimmung was dabei.
    Niemand ist besser oder schlechter, intelligenter oder dümmer weil er Klassiker oder Nichtklassiker liest. Wenn jemand jetzt behauptet man wäre was Besseres oder würde für Intelligenter gehalten werden, wenn man grüne Schuhe trägt, würden dann ab morgen alle grüne Schuhe tragen???


    Also ich mag Eure Diskussionen, gerade weil die Meinungen so verschieden sind und in meinen Augen viel Tolleranz herscht. Alles andere wäre langweilig!


    So und jetzt noch einen schönen Tag und viel :sonne:


    Eure Leseratteh




  • Heyho zusammen!



    Hubert, nun, ich hab wirklich sehr viel Sekundärliteratur über die Novelle als Gattung gelesen, von der ganz strengen Definition der Novelle, wo sogar die phantastischen Novellen ausgeschlossen werden, da nicht naturalistisch, bis zur Novelle als Modell des Kriminalschemas.


    Bei allen Unterschieden wurde immer wieder betont, dass eine derartige literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Novelle ein absolut deutschsprachiges Unikum ist. Wenn's anders ist, dann kläre mich auf! :breitgrins:


    Wie's in Indien, China oder Japan damit aussieht, weiss ich nicht. Da diese jedoch sehr von der deutschen Kultur beeinflusst wurden, könnte sich die Novellentheorie bis dorthin verlagert haben.


    Na, Hubert und Sandhofer, ich hab wenigstens Band 1 von Harry Potter gelesen und Teil 2 als Film gesehen, wegen meinem Neffen und aus purer Neugier! :zwinker:


    Da es nicht allzu viele phantastische Kinderbücher gibt, glaube ich doch, dass Harry Potter, der auf jeden Fall Unterhaltungsqualitäten aufweist, zumindest im englischen Raum unvergessen bleiben wird und sich in die Kinderbuchklassikergarde (Momo, Unendliche Geschichte, Pippi Langstrumpf, usw.) einreihen wird.


    Was heute bei Harry Potter noch unheimlich empfunden wird, bekommt später mal Märchencharakter, so ähnlich wie die alten Horror-Filme Frankenstein u.ä. :breitgrins:


    Sandhofer, auch wenn viele sogenannte Jugendbuch-Klassiker eigentlich für Erwachsene geschrieben wurden, haben diese sich mit der Zeit zu Jugendbuchklassikern entwickelt, z. B. Der Schimmelreiter, der gleichzeitig zum Klassikerkanon gehört.


    Meine Klassikereinteilungen überschneiden sich natürlich, sind sozusagen grobe Schnittmengen, hab auch etc. angegeben.


    Bye, Ivy


    P.S. Leseratteh Heike, ich stimme Dir völllig zu: take it easy! :urlaub:

  • Hallo zusammen!


    Zitat von "Evelyne Marti"

    Na, Hubert und Sandhofer, ich hab wenigstens Band 1 von Harry Potter gelesen und Teil 2 als Film gesehen, wegen meinem Neffen und aus purer Neugier! :zwinker:


    Wenn ich mich recht erinnere, geben wir ja beide zu, Potter mangels Interesse nicht gelesen zu haben. Und beide, wenn ich mich recht erinnere, verbinden wir damit kein Qualitätsurteil. Ich sehe jetzt also nicht, was Du uns sagen willst.


    Zitat von "Evelyne Marti"

    Da es nicht allzu viele phantastische Kinderbücher gibt, glaube ich doch, dass Harry Potter, der auf jeden Fall Unterhaltungsqualitäten aufweist, zumindest im englischen Raum unvergessen bleiben wird und sich in die Kinderbuchklassikergarde (Momo, Unendliche Geschichte, Pippi Langstrumpf, usw.) einreihen wird.


    Unterhaltungsqualitäten hat auch Karl May. Trotzdem kennen ihn die Kids von heute kaum noch. Was Du unter "Kinderbuchklassikergarde" nennst, ist m.M. zu jung, um schon als Klassiker qualifiziert zu werden. Kinderbuchklassiker - lass mich nachdenken ... der Struwwelpeter?


    Zitat von "Evelyne Marti"

    Sandhofer, auch wenn viele sogenannte Jugendbuch-Klassiker eigentlich für Erwachsene geschrieben wurden, haben diese sich mit der Zeit zu Jugendbuchklassikern entwickelt, z. B. Der Schimmelreiter, der gleichzeitig zum Klassikerkanon gehört.


    «Der Schimmelreiter» - ein Jugendbuchklassiker? Wusste ich gar nicht ... Es ist sicherlich Storms bestes Werk. (Auf die Gefahr hin, unsere Freunde aus dem Norden zu vergrätzen: Storm wird m.M. masslos überschätzt.) Zum ersten Satz: Dass Bearbeitungen ad usum delphini von Klassikern ihrerseits zu Jugendbuch-Klassikern werden, ist zwar ein interessantes Phänomen, darf aber nicht den Klassikern angelastet werden. (Genausowenig wie es dem Morphium angelastet werden darf, dass es auch ein Suchtmittel werden kann.)


    Grüsse


    Sandhofer

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • Zitat von "Evelyne Marti"


    Heyho zusammen!


    Hubert, nun, ich hab wirklich sehr viel Sekundärliteratur über die Novelle als Gattung gelesen, von der ganz strengen Definition der Novelle, wo sogar die phantastischen Novellen ausgeschlossen werden, da nicht naturalistisch, bis zur Novelle als Modell des Kriminalschemas.


    ....... Wenn's anders ist, dann kläre mich auf! :breitgrins:


    Heyho Evy,


    da es den Rahmen dieses Threads sprengen würde, habe ich einen eigenen Thread "Novelle" angelegt. Du findest ihn hier:
    http://www.klassikerforum.de/forum/viewtopic.php?t=830



    Zitat


    Na, Hubert und Sandhofer, ich hab wenigstens Band 1 von Harry Potter gelesen und Teil 2 als Film gesehen, wegen meinem Neffen und aus purer Neugier! :zwinker:


    Eigentlich kann ich mich den Ausführungen von Sandhofer anschliessen. Aber nochmal ganz kurz:


    Ich interessiere mich nicht für Potter, deshalb lasse ich mich jetzt auch auf keine weitere Diskussion mit Dir ein.


    Wenn ich mal das Bedürfnis habe, über Potter zu diskutieren, gehe ich ins Potter-Forum.


    Um zu wissen, dass mich Potter nicht interessiert, brauch ich weder Band 1 zu lesen, noch Band 2 als Film zu sehen. Es gibt vieles das mich interessiert und einiges das mich nicht interessiert. z.B. interessiere ich mich auch nicht für "Formel 1-Rennen". Da ich aber beruflich viel mit Menschen zu tun habe, gibt es meistens nach dem Wochenende irgend jemand, so auch heute, (deshalb dieses Beispiel) der mich darauf anspricht, dass Schummi gewonnen oder nicht gewonnen hat. Wenn ich dann sage das interessiert mich nicht, ernte ich zwar oft Unverständnis, aber keiner hat mich bisher als Schummihasser beschimpft und auch noch keiner hat verlangt, dass ich erst zum Nürburgring oder zum Hockenheimring muß, um das beurteilen zu können.
    Ich denke, ich als erwachsener Mensch kann ohne je ein Formel-1-Rennen gesehen zu haben, für mich beurteilen, dass es mich nicht interessiert, wenn ein paar Multimillionäre Wochenende für Wochenende im Kreis fahren. Und ebenso denke ich ich kann für mich entscheiden, dass mich Kinder die ihre Tante Magda durch Aufblasen zum Fliegen bringen, nicht interessieren, ohne Bücher über diese Kinder gelesen oder Filme gesehen zu haben.


    Gruß von Hubert


    PS: Zu deinen Anmerkungen wg. dem Klassikerbegriff, insbesondere zu deiner Unterscheidung in alte und moderne Klassiker werde ich gelegentilich noch etwas sagen, aber jetzt gibt für mich noch angenehmeres. :zwinker:

  • Hi zusammen!


    Ich selbst bin kein eigentlicher Harry-Potter-Fan, finde die heutige Harry-Potter-Begeisterung jedoch als Phänomen bemerkenswert und beurteile sachlich nach Unterhaltungsqualitäten, Formgefühl und Meta-Ebene usw. Ausserdem definiere ich, wie bereits erwähnt, den Klassikerbegriff IM WEITEN SINNE.


    Im Grunde genommen sind unsere Einstellungen im Bezug auf die Klassiker gar nicht so weit voneinander entfernt. Für mich sind rein von der Definition her nicht nur die alten weltliterarischen Werke Klassiker, m.E. gibt's auch moderne Klassiker. Vom Geschmacklichen her stehen wir gar nicht so weit auseinander, na ja, ich bin eher episch orientiert, kann allerdings Goethes Verse gut vortragen! :breitgrins:


    Also: Freude, Friede, Eierkuchen!


    Bye, Ivy

  • Gute Nacht! :sonne:


    Ich habe gerade diese Diskussion voller Spannung durchgelesen. Zwischendurch hatte ich immer wieder das Bedürfnis, etwas dazwischen zu rufen, das geht ja nu nich :zwinker: - also mal schauen, was mir jetzt noch einfällt.


    Auf die Ausgangsfrage "Warum lest ihr nur Klassiker" antworte ich:
    Ich lese nicht nur Klassiker. Im Gegenteil! Viele, viele Jahre meines Lebens habe ich Bücher vor allem "konsumiert", was mit vielen Klassikern schon aufgrund der oft altmodischeren Sprache nicht so gut geht. Lange war ich sehr stolz auf die Bandbreite meines Lesestoffs - ich las alles von Micky Maus bis Dostojewski. Momentan interessiert mich übrigens weder das eine noch das andere...
    Tatsächlich lese ich - ähnlich wie Nimue - meinen Stimmungen entsprechen (langfristige und kurzfristige Stimmungen). Und ich habe für mich eine Tendenz festgestellt, das die Klassiker, die ich lese, tendenziell eine andere Wirkung auf mich haben als die modernern Bücher.


    Zitat

    Ein Klassiker ist ein Buch, das nie aufhört zu sagen, was es sagen möchte.
    (Italo Calvino).


    Ich finde das Zitat toll :smile: Vielleicht hängt es damit zusammen, dass die mir bekannten Klassiker eine solche Ruhe ausstrahlen, als hätten sie ein Stück Ewigkeit gefressen.


    Zur Novelle:
    Ich habe mich mit dem Thema auch a bisserl beschäftigt, im Zuge meiner Jahrsarbeit und muss Evelyne Marti zustimmen und widersprechen. Tatsächlich haftet der Novelle etwas urdeutsches an. Dies liegt aber hauptsächlich daran, dass es im (18./)19. Jahrhundert eine Novellen-Welle im deutschsprachigen Raum gab, mit deren Früchten arme Schüler heute noch geplagt werden, ein Los das weder die Novellen noch die Schüler verdient haben. :rollen: Und dazu haben sich ein paar Deutsche an einer Eingrenzun dieser Literaturform versucht, allen voran Goethe himself und Paul Heyse, denen wir das Zitat "eine sich ereignete unerhörte Begebenheit" und das "Dingsymbol", den Heyseschen "Falken" verdanken.


    Aaaaber wo kommt er denn her, der Falke? Er kommt ja aus dem Decamerone, von Boccaccio, aus Italien. Und so wie der Ursprung der Novelle nicht in deutschen Landen liegt, ist sie auch kein deutsches Phänomen. Es gibt berühmte Erzählungen, die man den Novellenzyklen zuordnen kann (! nicht muss, die Zuordnung ist "etwas" schwammig), etwa Cervantes' "Don Quixote" oder Chaucers "Canterbury Tales". Auf unter den Einzelnovellen haben ausländische Schreiber großes vollbracht - Balzac, de Maupassant...
    Und vielleicht kennt jemand Carson McCullers' "The Ballad of the Sad Café"? Eine Novelle par excellence, wenn auch eine lange. Lohnt sich sehr, die mal zu lesen, auch wenn sie mit ca. 50 Jahren noch kein Klassiker ist, hat sie doch etwas zu sagen und selbst wenn man - wie ich! - mit der Philosophie nicht übereinstimmt, kann sie zum nachdenken anregen.


    Uffza. Das war lang, ich beende den Beitrag mal und mache einen neuen auf, das ist vielleicht einfacher zu lesen :zwinker:


    Bis gleich
    Nightfever[/i][/url]

  • So, zweiter Teil.


    Als einer dieser schrecklichen "Harry Potter"-Fans kann ich mir eine Bemerkung zum Thema nicht verkneifen. Ja, ich weiß, wir nerven, vor allem, weil es so viele von uns gibt. Aber trotzdem! Wer nicht mag, muss es ja nicht lesen...


    Ich habe angefangen, Harry Potter zu lesen, weil ich damals alles las, was mir in die Finger kam (hatte auch die Zeit dazu). Dann wollte ich halt wissen wie's weiter geht, las den zweiten und dritten Band. Dann ging der Hype um die Bücher los und ich bin im Nachhinein froh, dass ich vorher davon gehört habe, ansonsten hätte ich mich bestimmt geweigert, etwas zu lesen, was der breiten, dummen Masse gefällt :zwinker: Ja, ja, so war ich...


    Dann bekam ich den vierten Band auf englisch und meine Liebe zu dieser Sprache entflammte endgültig. Ich fand und finde sie unglaublich faszinierend! Und daran ist Rowling (die HP-Autorin) nicht ganz unschuldig. Sie hat ja Sprachen studiert und weiß, womit sie da umgeht. Und sie hat etwas phantastisches geleistet: Menschen an Sprache, an Bücher heranzuführen. "Harry Potter" beginnt klein, ein dünnes Buch mit einfachen Sätzen und einfacher Geschichte, gute gegen böse etc., wächst dann aber und nimmt uns mit. Ohne zu wissen wie die Serie ausgeht, behaupte ich jetzt mal: "Harry Potter als Ganzes betrachtet ist vor allem ein Entwickungsroman.
    Und noch etwas: Man kann sich darüber streiten, ob die Bücher "Fantasy" sind - Rowling sagt, eher nicht - aber darin sind sie es jedenfalls, dass sie eine ähnliche Funktion und Wirkung haben wie Tolkiens Werk, welches das Genre begründet hat: Sie bieten einen Zugriff auf die Welt und sie inspirieren.


    Ich lese wirklich gerne Schillers Dramen, sie unterhalten mich auch ganz prächtig, ebenso wie die Novellen des Decamerone. Eschenbachs "Parcival" zu lesen war ein Genuss, ebenso "Die Brüder Karamasoff" und "David Copperfield". "Utopia" war sehr hilfreich, wie auch "Der Fürst". Keines dieser Werke hat mich aber freiwillig lange beschäftigt. Gelernt habe ich vor allem von dem, was wir in der Schule durchgenommen haben (Sartre, Camus, Frisch, Kafka - hohe Literatur, aber keine Klassiker).


    "Harry Potter" aber gehört zu den wenigen Büchern, die mich nicht nur erfreut und amüsiert haben, sondern beschäftigt und inspiriert. Ich habe daran Englisch gelernt, ich habe hunderte "Fanfiction" gelesen, selber welche geschrieben, übersetzt, mich mit Sprache auseinandergesetzt, eine Jahresarbeit aus dem Thema entwickel (nicht zu HP, zum Übersetzen).


    Generell ist es meine Erfahrung, dass ich auf zwei Arten von Büchern gelernt habe: Wenn ich durch den Unterricht zur Auseinandersetzung gezwungen wurde, und wenn mich etwas berührt hat. Bücher, die letzteres ausgelöst haben, waren fast nie Klassiker (im Sinne von "alt und bewährt") und meist "Unterhaltungsliteratur". Merkwürdig, oder? Aber ich bin ja noch jung, vielleicht ändere ich mich noch. Bis dahin lese ich halt die Klassiker nur zum Vergnügen.


    LG
    Nightfever


    PS: Goethes "Wahlverwandtschaften" sind häufiger erwähnt worden. Ich fand sie soooo langweilig... aber das lag sicher an den vielen Landschaftsbeschreibungen, die habe ich schon bei Karl May immer überschlagen, weil ich mit Pflanzen und Steinen nu mal nix anfangen kann, weder im Leben noch in der Schule noch im Lesen ... :sonne:

  • Und noch ein drittes:


    Ich möchte die Ursprungsfrage, wie sie teilweise auch schon beantwortet ist, noch einmal umformulieren:


    Warum lest ihr Klassiker? Und bitte dazu eine Mini-Definition, was ihr jewiwils unter "Klassiker" versteht.


    Ich lese "Klassiker" im Sinne von "alt und irgendwie bedeutungsvoll" aus zwei Gründen:


    Erstens Neugier - ich will wissen, was an den Büchern jeweils so toll ist, will mir eine eigenen Meinung bilden.


    Zweitens Bildung - ich will manche Sache einfach gelesen haben, damit ich weiß, wovon die Rede ist.


    Seit ich solche Bücher lese, ist auch noch ein dritter Faktor hinzugekommen:


    Vergnügen.
    Der Zugang ist of weniger leicht als zu den modernen Unterhaltungsromanen, aber wenn die Nuss erst einmal geknackt ist, schmeckt sie oft hervorragend. Bei "Wilhelm Tell" habe ich mich gefragt, warum es davon noch keine "Jerry Bruckheimer"-Version gibt, das "Decamerone" ist eine tolle Toiletten-Lektüre, "Faust" lee ich am liebsten rückwärts, Eschenbachs "Parcival" wird auch in fünfzig Jahren noch mich und meine kleinen Enkelkinder begeistern...


    Gute Nacht :winken:


    Nightfever

  • Zitat von "Nightfever"

    Schade ;-) Aber vielleicht fällt ja jemand anderem noch etwas ein.


    Was mir dazu einfällt, ist schlicht und einfach: :klatschen::klatschen::klatschen:

    "Date a girl who reads. Date a girl who spends her money on books instead of clothes. She has problems with closet space because she has too many books. Date a girl who has a list of books she wants to read, who has had a library card since she was twelve."