Klassiker in der russischen Literatur

  • Moin, Moin!


    Christa Wolf: “Sie schreiben in Ihrem Dostojewski-Essay sehr eindringlich über Ihre frühen Eindrücke von anderer Literatur, zum Beispiel gerade von der Erregung, die Sie und Ihre Freund während Ihrer Studienzeit für Dostojewski erfaßt hatte. Woher kam diese Erregung?”


    Anna Seghers: “Ich habe das, meine ich, in dem Essay sehr genau beschrieben. Eine Wirklichkeit ist uns aus den Büchern gekommen, die wir im Leben noch nicht gekannt haben. Für uns war es eine erregende, eine revolutionäre Wirklichkeit. Ich spreche jetzt nicht von der politischen Revolution, die ja nah war, zeitlich nah war damals, sondern ich spreche von einem revolutionären Herauswühlen, In-Bewegung-Gehen des menschlichen Schicksals, etwas durch und durch Unkleinbürgerliches.” (Christa Wolf: Ein Gespräch mit Anna Seghers)


    Einem Moskauer Freund schreibt sie [Anna Seghers] auf eine Frage nach der Wirkung russischer Literatur: “… Da kamen in den russischen Büchern die Gedanken und Handlungen, auch die größten, aus dem Leben heraus. Das Leben war dichter als meins, die Menschen waren mehr Menschen, ihr Leid war mehr Leid, ihre Freiheit war mehr Freiheit, der Schnee war auch mehr Schnee, das Korn mehr Korn. Weil aber alles unmittelbar aus dem Leben kam, gewann ich sozusagen den Mut zum Schreiben. Ich verstand, daß es nichts gibt, was man nicht schreiben kann… (Christa Wolf: Das siebte Kreuz)


  • Ich habe soeben Nikolai Karamsins "Briefe eines russischen Reisenden" gelesen. Dabei geht es um Briefe von einer Reise des Autors über Moskau, Twer, St. Peterburg, Riga, Deutschland, Schweiz, Frankreich nach England im Jahre 1790. Mit unbekümmerter Offenheit und frischer Wißbegier unterrichtet uns der junge Autor z.B. über Kirchen, Theater, Bibliotheken und Museen. Er trifft Kant in Königsberg, in Weimer Herder und Wieland ,in Paris Bartholomy. Lange verweilt der Verfasser in Paris. Dort beschreibt er das nachrevolutionäre Leben in all seinen damaligen Facetten. Sehr lesenswert in einem schönen Schreibstil.


    Jetzt hat sich ein neuer User nach Karamzin genannt. Über ihn gibt es noch keine neuere deutschsprachige Biographie. In Wolfenbüttel arbeitet jemand daran:


    http://www.hab.de/forschung/projekte/karamzin.htm

  • Ich habe in der letzten Woche zwei russische Autoren neu entdeckt, die mich beide auf ihre Weise begeistert haben:


    Sigismund Krzyzanowski, Der Club der Buchstabenmörder, Dörlemann Verlag
    Der Autor schrieb trotz seines polnischen Namens vorwiegend Russisch. Das Buch ist ein wundervolles Beispiel literarischer Dekonstruktion. Im Mittelpunkt steht eine Gruppe, die sich gegenseitig Geschichten erzählt, dabei Motive aufgreift, verändert, verwandelt - aber gegen die Drucklegung der Geschichten kämpft, da die Fixierung durch Drucklettern den Tod der Literatur bedeutet....


    Boris Sawinkow, Das fahle Pferd. Roman eines Terroristen, Galiani Berlin
    Der Klappentext behauptet, dieser Geschichte schreibe sozusagen Dostojewskis dunkelste Fantasien fort. In der Tat - von den Dämonen bis zu den Attentätern dieses Romans, die einen Anschlag auf den Generalgouverneur planen und durchführen, ist es nicht mehr weit.


    Eine herzliche Leseempfehlung für beide Bücher!

  • Scheint gerade gehypt zu werden. Ich bin über andere Geleise darauf gestossen und das Buch liegt nun auch bei mir...


    Ob das Buch gehyped wird, kann ich nicht sagen. Eine Rezension dazu habe ich noch nicht gesehen. Mir fiel es zufällig beim Stöbern in einer Berliner Buchhandlung in die Hand. Und da ich im Frühjahr bereits ein hinreißendes Buch einer russischen Autorin in einer Dörlemann-Ausgabe entdeckt hatte ("Untertauchen" von Lydia Tschukowskaja), habe ich nicht lange gezögert. Das Buch von Krzyzanowski hat dann wirklich gehalten, was es versprach. Es ist eine Collage aus verschiedenen Erzählungen mit Rahmenhandlungen, bizarr, modern, zum Teil atemberaubend apokalyptisch, mitunter auch herzlich komisch. Besonders die Erzählung über die 'Exen' führt Bulgakows Visionen aus dem Hundeherz fort und hebt sie auf eine neue Ebene.


    Von dem Autor gab es bislang auf Deutsch nur eine Sammlung von Erzählungen im Kiepenheuer-Verlag (Lebenslauf eines Gedankens), die aber auch antiquarisch derzeit nirgendwo zu bekommen ist. Ich hoffe sehr, der Dörlemann-Verlag setzt die Reihe fort.


  • Vielen Dank für diese Empfehlungen, JHNewman !


    Krzyzanowskis "Der Club der Buchstabenmörder" ist direkt auf meine "Wunschliste" gewandert. :winken:


    Gruß, Gina


    Auch auf meiner :zwinker:
    Der Bücherherbst 2015 kommt mir langsam teuer.


    Gruß,
    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

  • Wem sagst Du das... Ich habe letzte Woche in Berlin vier Bücher gekauft für knapp 80 EUR. Die waren gestern ausgelesen. Zum Glück habe ich noch ein paar andere daheim... :zwinker:



    So ein Lesetempo könnte ich gebrauchen :breitgrins: :lesen: :lesen: :lesen:

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

  • Um vielleicht hier noch einen russischen Schriftsteller zu erwähnen, den ich immer wieder gerne lese: Nikolai Semjonowitsch Leskow (1831-1895).
    "Die Lady Macbeth von Mzensk", oder "Am Ende der Welt", oder auch "Der Gaukler Pamphalon" sind einfach großartige Erzählungen, neben vielen anderen natürlich.


    Zu seiner Zeit war Leskow, neben Dostojewski und Tolstoi, einer der bedeutensten russischen Prosaautoren, also allemal einen, oder auch mehrere "Blicke" wert.
    Ich besitze zwei Bände seiner Erzählungen aus der Reihe "Sammlung Dieterich", diese dürften heute billig zu erstehen sein.


    Grüße,


    Vult

  • Sigismund Krzyzanowski, Der Club der Buchstabenmörder, Dörlemann Verlag


    Boris Sawinkow, Das fahle Pferd. Roman eines Terroristen, Galiani Berlin


    Vielen Dank für die interessanten Buchempfehlungen, sind somit auf meiner To-Read-Liste :-)


    Gruß


    Stefan

    Always look on the bright side of life.

  • Kennt jemand von euch noch weitere Werke und Autoren der russischen Literatur, die empfehlenswert sind?


    Mir fällt spontan noch der Autor Fjodor Sologub mit seinen Roman "Der kleine Teufel" ein, den ich gerne ausdrücklich empfehlen möchte. Der Roman hat gewisse Parallelen zu den Werken von Gogol und Dostojewskij, setzt aber natürlich eigene Akzente und ist etwas ganz Besonderes. Solugub lebte von 1863-1927, der Roman ist im Original 1905 erschienen. Ich habe eine Übersetzung von 1969 vom Winkler-Verlag (Reihe Die Fundgrube) vorliegen. Ich fand den Roman genial. Es geht um einen Lehrer, der nach und nach in den Wahnsinn verfällt. Hierbei leidet der Protagonist an der ein oder anderen grotesken Einbildung und es steigert sich im Laufe des Roman bis hin in den kompletten Verfall in den Wahnsinn. Begleitet wird der Verfall in den Wahnsinn durch eine Gesellschaft voller realer und eingebildeter Intrigen. Am Ende zündet der Protagonist ein Gebäude an und begeht einen Mord. Vielleicht ist der Roman ja für den einen oder anderen im Forum auch etwas. Viel Spaß beim lesen.

  • Oh, das ist ein Buch, das bei mir seit 20 Jahren oder mehr ungelesen im Regal steht. So ein Flohmarktkauf, den man mitnimmt und für "irgendwann" weglegt.
    Dann werde ich mich demnächst mal darüber hermachen. Danke für die Empfehlung!
    (Von Sologub kenne ich mindestens eine Gruselgeschichte. Weiß im Moment nicht den Titel, erinnere mich aber, dass der Name in einer meiner Gruselanthologien auftaucht.)


    Edit: ich habe mein "Teufelchen" herausgesucht, es ist nicht von Sologub, sondern von Alexej Remisow ... Verwechslung also.

  • Zwei Russen, die ich im letzten Jahr noch für mich entdeckt habe:


    Georgij Iwanow (sein meisterliches kleines Werk 'Zerfall des Atoms' gibt es neu bei Matthes &Seitz)
    Andrej Platonow


    (Sawinkow und Krzyzanowski hatte ich ja oben im Strang schon erwähnt)