Georg-Büchner-Preis

  • Josef Winkler ist ein Autor, der es immer schwer hatte, und der es darum sich selbst und seinen Lesern nicht leicht machen kann. Seine Bücher gehen unter die Haut, greifen an. Er will nicht erzählen, nicht mitteilen, sondern ihm ist die Sprache, sein Vermögen sich schreibend zu artikulieren, ein Überlebensmittel. Hervorheben möchte ich sein Buch "Domra", in dem es um die Verbrennungsstätten am Ganges geht. Dieser Text ist nichts für Zartbesaitete, man sollte ihn nur dann lesen, wenn man sich stark genug fühlt, um Winkler dahin zu folgen, wohin er bereit ist zu gehen.
    Grüße von der Leserin

  • Josef Winkler: Der Leibeigene


    Mit der Romantrilogie „Das wilde Kärnten“ (Menschenkind 1979, Der Ackermann, 1980, Muttersprache 1982) tritt Josef Winkler erstmals in die Öffentlichkeit und gewinnt 1979 mit „Menschenkind“ den zweiten Platz ders Ingeborg-Bachmann- Preises. Im Roman „Der Leibeigene“(1987) wird diese Thematik fortgeführt. Winkler schreibt von einem patriacharlisch unterdrücktem Leben in Kamering, einem Dorf in Kärnten, gleichzeitig der Geburtsort Josef Winklers. Er schreibt und windet sich gegen den Erzkatholizismus, gegen Hetze und Vorurteilen gegenüber Homosexualität (nicht zufällig sind seine literarischen Vorbilder Jean Genet und Hans Henry Jahnn). In dieser bedrückenden Atmosphäre fühlt sich der Erzähler vom Tod magisch angezogen. In geradezu expressionistischen Visionen nähert sich Winkler dem Morbiden und richtet sich gegen den strengkatholischen Wahn, der das Leben an sich zunichte macht. Neben expressionistischen Blicken führt auch eine realistische Schau der Dinge zu erstaunlichen Erkenntnissen:


    Zitat von "Winkler"

    Wie auf einer Bergspitze ist auf der höchsten Erhebung des Friedhofsabfallhaufens ein Kruzifix angebracht. Wenn die Klausnerliese die Kirche ausgekehrt hat und wenn am Kirchausgang ein Häufchen Sand, Staub, Ackererde und verdorrte Blütenblätter liegen bleibt und die Kehrichtschaufel an der Kirchenmauer lehnt, taucht sie ein Putztuch in einem mit Waschmittel und Weihwasser gefüllten Blecheimer. Mit Weihwasser wischt sie den Kirchenboden auf.


    Ausgehend von Winklers Schreiben ist der Selbstmord zwei homosexueller Jugendlicher:

    Zitat von "Winkler"


    Robert erhängte sich gemeinsam mit Jakob an einem dreimeterlangen Kalbstrick im Pfarrhofstadl. Zehn Zentimeter über dem Erdboden hängend, ineinander verkrallt, mit steifen Ruten, reckten die Erhängten den Dorfbewohnern ihre Zunge.


    Mir gefällt es eben außerordentlich, wie Winkler hier beim Anblick der Toten noch eine sozialkritische Komponente einflechtet. Wunderbar sind auch die Szenen, wenn der Erzähler auf dem Friedhof streift.

    Zitat von "Winkler"


    Ich ging auf Jakobs beschneiten Grabhügel zu und hörte jemanden schnaufen. Vielleicht steht ein Toter hinter einem rostigen beschneiten Eisenkruzifix und holt tief Atem?...Ich stellte mir vor, wie jemand mit einem Messer auf zuschreitet, mich tötet und ich über Jakobs beschneiten Grabhügel falle. Blut rinnt aus meinem Mund und sickert in den Schnee, in die Erde hinein, fällt auf Jakobs Sarg und rinnt in seine Nasenlöcher hinein. Jakob schlägt die Augen auf. Er hebt seinen Kopf und wirft den Deckel seines Sarges zur Seite. Er steigt aus seinem Grab und trinkt das restliche, noch warme Blut aus meinem Körper.


    Diese schon vampirmäßige Fantasie geht so weiter, dass Jakob dem Erzähler seine Totenmaske modelliert. Denkt der Leser zuerst, das literarische Ich wünscht, der sinnlose Tod Jakobs solle rückgängig gemacht werden, so wird der Erzähler aber von der magischen Anziehungskraft des Todes angesogen. Außerdem weist das Trinken des Blutes auf eine geschlechtliche Vereinigung hin.


    Die Verbindung von Leben und Tod liegt auch im Kalbstrick selbst. Durch Strangulation mit dem Strick werden junge Menschen in den Tod geführt, bei der Geburt eines Kalbes verhilft der Strang aber zum Leben, in dem der Strick um die Waden des jungen Kalbes gespannt und das junge Tier anschließend aus der Mutterleibshöhle einer Kuh gezogen wird. Wenn der achtzigjährige Ackermann Kälber gebiert, trägt er „eine goldene Monstranz auf seinen kahlen Kopf.“ Auf der geweihten Hostie ist „nicht der Leib Christi, sondern der Wassserzeichenkopf seines leiblichen Vaters eingepreßt.“


    „Die Stalltiere sind sein Heiligtum und der seit über zwanzig Jahren in der Friedhofserde modernde Leib seines Vaters ist sein Allerheiligstes.“ Hierauf gründet sich sein Famillienpatriachat. Der Patriarch, ürsprünglich der Führer eines Volkes, ist hier der erste Mann im Stall. Nach der Stallarbeit nimmt er eine Oblate, hält sie in seinen Händen und spricht ein Gebet, dann legt er das Geweihte auf seine Zunge.


    „Der Leibeigene“ ist kein Roman mit einer Handlung, die zum Plot führt. Stattdessen umkreist Winkler seine Themen. Er kommt immer wieder auf die Hauptthemen zurück, die dann variiert werden. Hierin hat erÄhnlichkeit mit Thomas Bernhard. Im Grunde genommen schreibt Winkler sein Leben lang an einem Buch. Die Themen zirkeln im Gesamtwerk Winklers. Es ist die große Kunst, immer wieder anders von einem und demselben zu erzählen. Das ist keineswegs langweilig, weil Josef Winkler mit einer sehr bildhaften dichterischen Sprache erzählt, die einzigartig ist. Wer bei Winkler doch nach einem Plot sucht, dem sei seine wunderbare Novelle „Natura Morta“ empfohlen, welche als Einführung in das Werk Josef Winklers sehr zu empfehlen ist.


    Leserin : "Domra" ist mein nächster Winkler :smile:


    Liebe Grüße
    mombour

  • Zitat

    Thomas Steinfeld nörgelt in der SZ an der Entscheidung herum, F.C. Delius den Büchnerpreis zu geben.


    Die Begründung ist originell: die Preisverleihung sei eine Zumutung für die Kritik, denn sie zwinge zu der Feststellung, Delius sei ein richtig netter Kerl und ein ganz passabler Autor....


    Die FAZ fand das übrigens auch so ähnlich. Das nenne ich eine lauwarme Aufnahme.

  • Hallo,


    ich habe von ihm "Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus" gerne gelesen, schon wegen dem Bezug auf Seume.


    Gruß,
    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)


  • Hallo,


    ich habe von ihm "Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus" gerne gelesen, schon wegen dem Bezug auf Seume.


    Gruß,
    Maria


    Das Buch las ich auch, allerdings, um Leuten bei einer Prüfungsvorbereitung zu helfen. Hat mir aber recht gut gefallen.


    finsbury

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Von Delius:


    Vor ganz langer Zeit: "Schöne heile Siemenswelt" (schade, das das verschwunden ist).


    und ein Buch über einen unbedachten und schlechten Scherz eines Musikers: "Die Flatterzunge"


    Den "Spaziergang" sollte ich mir wohl merken und irgendwann lesen denke ich.


  • Thomas Steinfeld <a href="http://bit.ly/kK047A">nörgelt</a> in der SZ an der Entscheidung herum, F.C. Delius den Büchnerpreis zu geben.


    Zugegeben, Thomas Steinfeld ist einer der wenigen Literaturkritiker, die oft meine Meinung in ihren Rezensionen ausdrücken und weiter zugegeben kenne ich mich in der deutschen Gegenwartsliteratur weniger aus als Thomas Steinfeld. Ich wage deshalb nicht zu sagen, ob es nicht einen anderen Schriftsteller gegeben hätte, der z.B. in Folge seiner Sprachgewalt den Büchnerpreis mehr verdient hätte als F.C. Delius.


    Andererseits, ich habe vieles von Delius gelesen und war eigentlich nie enttäuscht und ich habe Delius mindestens vier mal live erlebt: in Speyer, in Berlin, in Ludwigshafen (bei Lesungen) und in München (bei einer Veranstaltung zu Wolfgang Koeppen anl. einer Koeppen-Ausstellung im Gasteig) und war immer begeistert (geschlagen wird Delius unter lebenden deutschen Autoren da nur noch von Martin Walser und G. Grass, die ich noch öfter erlebt habe, aber beide haben den Büchner Preis längst bekommen), was ich sagen will: wenn es einen deutschen Schriftsteller gibt, dem ich den Büchner-Preis von Herzen gönne: dann F.C. Delius!
    :blume: :blume:


  • Moin, Moin!



    Geht mir exakt ebenso. Schweizer gehen wohl nicht, oder? Urs Widmer hätte ihn m.E. auch verdient.


    Hallo Markus,


    Schweizer gehen: 1958 hat Max Frisch den Büchnerpreis bekommen, 1994 Adolf Muschg,
    also wenn wir beide gefragt werden:


    Büchnerpreis 2012: Urs Widmer


    :trinken:

  • Moin, Moin!


    <a href="http://www.sueddeutsche.de/kultur/auszeichnung-fuer-literatur-felicitas-hoppe-erhaelt-georg-buechner-preis-1.1357635">Nun also</a> <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Felicitas_Hoppe">Felicitas Hoppe</a>, von der ich "Picknick der Friseure" und Pigafetta las. Beide Bücher haben keinen Nachhall in mir gefunden. Etwas ratlos...


  • Moin, Moin!


    <a href="http://www.sueddeutsche.de/kultur/auszeichnung-fuer-literatur-felicitas-hoppe-erhaelt-georg-buechner-preis-1.1357635">Nun also</a> <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Felicitas_Hoppe">Felicitas Hoppe</a>, von der ich "Picknick der Friseure" und Pigafetta las. Beide Bücher haben keinen Nachhall in mir gefunden. Etwas ratlos...


    Der Besuch ihrer Lesung vor wenigen Wochen ließ mich ebenfalls ratlos zurück, obwohl ich die genaue Konstruktion ihrer Literatur erkannte und auch anerkenne. Aber sie schreibt in einer Weise, die mich so gar nicht ansprach. Die Veranstaltung im Frankfurter Literaturhaus war nicht sonderlich gut besucht, aber die anwesenden Zuhörer hatten ihren Spaß an ihrem neuesten Werk "Hoppe". Ein kleines Werk "Der beste Platz der Welt" wartet noch auf mich.


    Schöne Grüße,
    Thomas

  • Hallo,


    ich kenne von ihr die Erzählung "Der beste Platz der Welt". Erlebtes und Fiktion in märchenhafter Verbindung gebracht, das hat mir gut gefallen.


    LG
    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

  • Das sind ja gute Neuigkeiten!
    Eine Autorin die sprachgewaltig ist, ideenreich, mutig und einen ganz eigenen Humor besitzt. Ich lese sie seit Jahren.


    Gruß
    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)