Beiträge von klassikfreund

    In den nächsten Wochen/Monaten stehen einige interessante Lesungen an:

    Reinhard Kaiser-Mühlecker

    Günter Kunert

    Julian Barnes

    Herta Müller

    William Boyd

    Ales Steger

    Ingo Schulze / Esther Kinsky

    Feridun Zaimoglu

    Siri Hustvedt

    Pierre Lemaitre

    Alex Capus

    Bernhard Schlink

    Christopher Clark

    Maria Stepanova

    Donna Leon

    Nora Bossong

    Jetzt lese ich den im letzten Jahr erschienen Roman von Nino Haratischwili "Die Katze und der General". Ich war aufgrund der verhaltenen Kritiken etwas skeptisch, aber bislang (nach 100 Seiten) gefällt mir das Buch richtig gut. Dazu mag auch beitragen, dass ich die Autorin im Januar bei einer Lesung gehört habe und sie sehr sympathisch fand.

    Ich war nun auch auf einer Lesung der Autorin, die zwei Lesepassagen fand ich durchaus ansprechend. Im großen Forum wird das Buch (durchaus gut begründet) von Morwen zerrissen. Schreib doch mal ein paar Zeilen dazu, was die Autorin gut kann.


    Gruß, Thomas

    Ich frage mich schon die ganze Zeit, wie gerade die Lektüre der Texte von Houellebecq ein Trost sein kann.

    Zitat Seite 9: "Zwei junge Frauen um die zwanzig stiegen aus, und selbst aus der Entfernung war zu erkennen , dass sie hinreißend aussahen; ich hatte in letzter Zeit vergessen, wie hinreißend Frauen sein konnten, ...."


    Da höre ich jede Menge Schmerz beim Ich-Erzähler heraus, aber eben auf eine Weise, dass man gern weiterlesen will. Dieser eine Satz spannt schon den ganzen Roman auf. Wir müssen Bücher ja nicht auf gleiche Weise lesen.

    Ich lese gerade den Sonderband von Text + Kritik über "Gelesene Literatur - Populäre Lektüre im Medienwandel" mit einer Vielzahl einzelner Beiträge, die sich mit dem Leseverhalten in der heutigen Zeit beschäftigen. Ausgangspunkt ist die im Sommer 2018 veröffentlichte Studie "Buchkäufer - Quo vadis?", die feststellt, dass immer mehr Erwachsene mit einer stabilen Lesebiografie in der Mitte ihres Lebens den Kontakt zum Medium Buch vollständig verlieren. Einige Beiträge beschäftigen sich direkt mit diesem Phänomen, die meisten beleuchten jedoch das Leseverhalten insgesamt. Mark-Georg Dehrmann untersucht beispielsweise, warum Dan Browns Bücher so erfolgreich sind und erläutert dabei, wie Brown die reale Welt (Kunstwerke, Plätze, Orte etc.) mit Fiktion verknüpft, so dass nach "The Da Vinci Code" (dt. "Sakrileg") eine ganze Reihe von Sekundärliteratur entsteht, die dem Wahrheitsgehalt der aufgestellten Thesen auf den Grund gehen. Man nennt die verwendete Technik "Referenzeffekt". So reisen nicht wenige Leute an die Schauplätze der von Brown verarbeiteten Orte. Brown hat diese Technik keinesfalls erfunden, nur perfektioniert, schon bei Doyle findet man im Sherlock Holmes die gleiche Verknüpfung von Wirklichkeit und Fiktion. Hirschi untersucht, warum "große Männerbücher", das sind populärwissenschaftliche, dicke geschichtliche Wälzer wie Christopher Clarks "Die Schlafwandler" so erfolgreich sind. Interessante Einsichten in das Verlagswesen werden hier präsentiert, da die Verlage große Honorare zahlen, die u.U. nicht mehr eingespielt werden. Sandra Kegel und Jürgen Kaube von der FAZ werden interviewt und unterhalten sich über die eingangs erwähnte Studie. In der knappen Zeit der Lebensmitte gibt es für den Leser zu wenig Orientierung. Wenn es eben zehn Bestsellerlisten gibt und auf jeder stehen andere Titel, dann ist man so schlau wie zuvor. Man muss also als Leser nach wie vor Eigeninitiative aufbringen, auszuwählen. Genau diese Eigeninitiative, die ja im Beruf ebenfalls ständig gefordert und dort auch aufgebracht wird, können sie - warum auch immer - für die Lektüreauswahl nicht mehr aufbringen. Einige Beiträge setzen sich mit der Literaturkritik im Netz, auch in Foren, auseinander. Julika Griem setzt sich mit konkurriendem Zeit-Regime am Beispiel von dicken Gegenwartsromanen auseinander, Thomas Steinfeld beleuchtet David Foster Wallace und die Selbstoptimierungsindustrie. Die Geschichte von Homo Faber als Longseller wird ebenfalls in einem Beitrag dargestellt. Es gibt zudem Beiträge über den Erfolg von Lyrics, Groschenheften und Graphic Novels. Tilman Spreckelsen sieht Grimms Märchen als Inspiration für die Bücher von Cornelia Funke, Henning Ahrens und Karen Duve.


    Die Lektüre ist ein bibliomanes Vergnügen. Jedoch nicht ganz preiswert. 39 Euro. 283 Seiten.

    Natascha Wodin - Irgendwo in diesem Dunkel. Lesung im Frankfurter Literaturhaus. Natascha Wodin wurde im Dezember 1945 in Fürth als Natalja Nikolajewna Wdowinageboren. Da sich solch ein Name in Deutschland jedoch nicht verkaufen lässt, hat der allererste Verlag darauf bestanden, dass sie sich einen Künstlernamen zulegt. Ihre russischen Eltern waren als Zwangsarbeiter in die Flickwerke deportiert. Und das ist auch Wodins Thema. 2017 gewann sie mit "Sie kam aus Mariupol" den Preis der Leipziger Buchmesse. In dem Buch setzt sich sich mit dem Schicksal ihrer Mutter, die sich das Leben nahm, als Natascha 11 Jahre alt war. Im neuen Buch setzt sie sich nun mit ihrem Verhältnis zum Vater auseinander, ein Vater, der gewalttätig war, ihr verbot rote Sachen zu tragen, da dies nur Huren machen und der mit der von Natascha geleisteten Hausarbeit nie zufrieden war. Wodin vermeidet jedoch jegliche Zuschiebung von Schuld, das macht das Buch noch trauriger. Das Buch wirkt in weiten Teilen wie ein autobiografischer Bericht, der Verlag vermeidet eine Klassifikation. ob es sich nun um einen Roman oder eine Biografie handelt. Es ist wohl beides. Die Sprache ist präzise und kommt doch leicht daher. Man nimmt der Autorin ab, dass sie um manchen Satz einen ganzen Tag lang gerungen hat. Das Ende erzählt mit fünf Sätzen eine Anekdote von der Beerdigung ihres Vaters, bei der man (vermutlich) das einzige Mal lachen muss. Der Moderatorin der FAZ Rose-Maria Gropp merkt man an, wie nah ihr einzelne Passagen gehen. Wodin verharmlost das gar nicht, weist aber darauf hin, dass es auch heute noch außerhalb Deutschlands noch viel mehr Leid gebe und täglich passiere. Eine Leseempfehlung.