zeitgenössische deutschsprachige Literatur

  • Hallo zusammen !


    Anläßlich des "Russen"-threads ist mir aufgefallen, daß ich eigentlich die deutschsprachigen zeitgenössischen "großen" Dichter fast nicht kenne !
    Spontan fällt mir nur Max Frisch (so zeitgenössisch nun auch nicht mehr), Günther Grass "Die Blechtrommel" und Bölls "Die verlorene Ehre der Katahrina Blum" ein.


    Was sollte ich in nächster Zeit unbedingt mal lesen ? Zeitgenössisch vielleicht so im Sinne der letzten 50 Jahre ?


    Gruß von Steffi

  • Hallo Steffi


    Da sprichst Du wirklich ein Dilemma an. Mir fallen nämlich auch keine zeitgenössischen deutschen Autoren von Bedeutung ein. Höchstens Grass natürlich. Mit Abstrichen noch Martin Walser, der sich mit seinem "Tod eines Kritikers" allerdings in meinen Augen endgültig disqualifiziert hat. Aber ob man die Vertreter der sog. Pop-Literatur (Stuckrad-Barre, Rainald Goetz etc. oder die Vertreterinnen des "Fräuleinwunders", Julia Frank, Judith Herman, Juli Zeh, Malin Schwerdtfeger etc. dazuzählen soll ist eher zweifelhaft. Von "Erfolgsautoren" wie Bohlen und Effenberg natürlich ganz zu schweigen.[IMG:http://www.handykult.de/plaudersmilies.de/puke.gif] Es sieht wirklich mau aus.


    Aber: Amerika, du hast es besser!
    Die beste zeitgenössische Literatur kommt meiner Meinung nach aus Nordamerika. Philip Roth, John Updike, Tom Wolfe, William Gaddis (lebt leider nicht mehr), Don DeLillo, T. C. Boyle, John Irving, Steward O´Nan, letztes Jahr Jonathan Franzens "Korrekturen" oder ganz neu Jeffrey Eugenides` "Middlesex" fallen mir so spontan ein. Diese Autoren verstehen es aktuelle gesellschaftliche Zustandsbeschreibungen, teils sehr ironisch, in Literatur umzusetzen. Und das erwarte ich und vermisse es in unserer gegenwärtigen deutschen Literaturszene. Deshalb gilt für mich bei zeitgenössischer Literatur: Go West!


    Viele Grüße
    ikarus

    "Der Umgang mit Büchern bringt die Leute um den Verstand" (Erasmus von Rotterdam)

  • Hallo ikarus,


    (ACHTUNG: PROVOKATION !)


    wenn einem keine zeitgenössischen deutschen Autoren einfallen, muss es nicht an fehlenden deutschen Autoren liegen!


    Zu Walser: Selbst wenn „Tod eines Kritikers“ Mist wäre (da ich es nicht kenne, urteile ich auch nicht!), werden dadurch die unumstritten guten Werke, die Walser in der Vergangenheit abgeliefert hat, nicht schlecht. Wenn man auf MRR und seinen Kumpan K. hören würde, hätte sich auch Grass mit „Ein weites Feld“ endgültig disqualifiziert – allerdings nach Erhalt des Nobelpreises war er plötzlich für beide wieder „der schon immer geschätzte, bedeutende Schriftsteller.


    Zitat:
    „Erfolgsautoren" wie Bohlen und Effenberg


    Bitte solche Namen nicht in einem Literaturforum nennen!


    Zitat:
    Die beste zeitgenössische Literatur kommt meiner Meinung nach aus Nordamerika. Philip Roth, John Updike, Tom Wolfe, William Gaddis (lebt leider nicht mehr), Don DeLillo, T. C. Boyle, John Irving, Steward O´Nan
    ,


    Philip Roth und Don DeLillo: okay


    aber


    John Updike und John Irving: ist das schon Literatur?



    Hoffentlich habe ich jetzt eine spannende Diskussion angeregt!!


    Viele Grüße


    Hubert

  • Zitat: Was sollte ich in nächster Zeit unbedingt mal lesen ? Zeitgenössisch vielleicht so im Sinne der letzten 50 Jahre


    Hallo Steffi


    Neben den fünf Giganten der deutschsprachigen Literatur der Nachkriegszeit (Böll, Grass, Walser für Deutschland, Frisch für die Schweiz und Thomas Bernhard für Österreich) von denen man zumindest einiges kennen sollte; Empfehlung: Bölls „Gruppenbild mit Dame“ und „Ansichten eines Clowns“ sowie Grass „Das Treffen in Telgte“ (aber vorher „Grimmelshausen“ lesen) sollte man zumindest folgende drei modernen Klassiker der deutschen Nachkriegsliteratur kennen:


    1. „Das Parfum“ von Patrick Süskind (1985)
    2. „Die Entdeckung der Langsamkeit“ (1983) von Sten Nadolny
    3. „Der Vorleser“ (1995) von Bernhard Schlink


    Diese Bücher werden aber von jedem empfohlen, deshalb hier mein persönlicher Geheimtip:


    1, Wolfgang Koeppen: „Tauben im Gras“ (das Buch zeigt dem Leser im Stil von DosPassos „Manhattan Transfer“ einen Nachkriegstag in München; es dauert etwas bis man die filmschnittartigen Szenen zu einem ganzen zusammen fügen kann, aber dann lässt einem das Buch nicht mehr los)


    2. Wolfgang Koeppen: „Das Treibhaus“ (erzählt das persönliche Schicksal eines Bonner Politikers der Adenauer-Zeit und zeigt lt. Umschlagstext „was Koeppen von Politik hält. Sie ist ein Geschäft, und wer sich nicht an die Regeln hält ist verloren.“)


    3. Wolfgang Koeppen: „Der Tod in Rom“ (demonstriert lt. Umschlagstext die Vitalität des Faschismus noch lange nach 1945 durch die Geschichte einer Handvoll Menschen, die in Rom zusammentreffen. Erinnern und Vergessen sind gleichermaßen verhängnisvoll)


    Jeder der drei Romane zwischen 180 und 210 Seiten und zwischen EUR 7 und 8 in der Taschenbuchausgabe.


    Da Koeppen ein Meister des ersten Satzes ist, habe ich (auch um Dich neugierig zu machen) die Anfänge im Thread „Romananfänge“ wiedergegeben.


    Viele Grüße


    Hubert

    Einmal editiert, zuletzt von ()

  • Hallo Hubert


    Zitat

    (ACHTUNG: PROVOKATION !)


    Das hätte ich über mein Posting auch schreiben sollen, denn das sollte natürlich auch eine sein. :smile:


    Zitat

    wenn einem keine zeitgenössischen deutschen Autoren einfallen, muss es nicht an fehlenden deutschen Autoren liegen!


    Schon richtig. Allerdings finde ich es seltsam, daß mir so auf Anhieb fast keine deutschen Autoren eingefallen sind, dafür aber gleich eine ganze Reihe amerikanischer. Woran das wohl liegt?


    Zitat

    Zu Walser: Selbst wenn „Tod eines Kritikers“ Mist wäre (da ich es nicht kenne, urteile ich auch nicht!), werden dadurch die unumstritten guten Werke, die Walser in der Vergangenheit abgeliefert hat, nicht schlecht.


    Sehr richtig! Ich hätte auch klarmachen sollen, daß sich Walser für mich eher menschlich disqualifiziert hat als literarisch. Deshalb habe ich "Tod eines Kritikers" auch nicht gelesen und werde es auch nicht tun.


    Zitat

    Zitat:
    „Erfolgsautoren" wie Bohlen und Effenberg


    Bitte solche Namen nicht in einem Literaturforum nennen!


    Kommt bestimmt nicht wieder vor. Versprochen! :redface:


    Zitat

    Philip Roth und Don DeLillo: okay


    aber


    John Updike und John Irving: ist das schon Literatur?


    OK. Über John Irving kann man streiten. Aber Updikes Rabbit-Romane halte ich schon für bedeutend in dem Sinne, daß sie einen guten Einblick in das Lebensgefühl, und dessen Veränderung, des Durchschnittsbürgers im Amerika der letzten Jahrzehnte gewähren.


    Viele Grüße
    ikarus

    "Der Umgang mit Büchern bringt die Leute um den Verstand" (Erasmus von Rotterdam)

  • Hallo Steffi


    Meine "Polemik" hat Deine Frage natürlich nicht beantwortet. Deshalb jetzt noch ein paar ernst gemeinte Tipps.


    Hubert hat Dir ja schon einiges nahegelegt. Grass, Böll und Köppen in jedem Fall. Als Ergänzung dazu sind mir noch ein paar Bücher eingefallen:


    Uwe Johnson: Jahrestage
    Jurek Becker: Jakob der Lügner
    Peter Weiß: Abschied von den Eltern
    Martin Walser: Ein fliehendes Pferd


    Viele Grüße
    ikarus

    "Der Umgang mit Büchern bringt die Leute um den Verstand" (Erasmus von Rotterdam)

  • Hallo zusammen!


    Ein interessantes Thema...


    Mir scheint, wir haben einen Unterschied zu machen, zwischen den inzwischen 'klassisch' gewordenen Autoren, die unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg einsetzten und den heute schreibenden Autoren. Die Themen und Probleme sind doch ziemlich unterschiedlich.


    Zu den Nachkriegsklassikern würde ich mindestens noch Dürrenmatt, Celan, Bachmann zählen.


    Etwas neuer wären Kroetz und Handke.


    Von den ganz neuen kenne ich wenig; zur Zeit lese ich Menschning, weiss aber noch nicht, ob das Buch gut ist oder nicht.


    ikarus
    "Allerdings finde ich es seltsam, daß mir so auf Anhieb fast keine deutschen Autoren eingefallen sind, dafür aber gleich eine ganze Reihe amerikanischer. Woran das wohl liegt?" - Vielleicht an DEINEN Lesegewohnheiten??? *ggg* Um ehrlich zu sein: Ich kenne die wenigsten 'Deiner' Amerikaner auch nur dem Namen nach - gelesen habe ich keinen von ihnen. Nach DosPassos, Hemingway und Faulkner kam für mich in Amerika nicht mehr viel, höchstens noch die Beat-Generation.


    Grüsse


    Sandhofer

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • Hallo sandhofer


    Zitat

    Vielleicht an DEINEN Lesegewohnheiten??? *ggg*


    Vielleicht. Aber Gewohnheiten entwickeln sich eben ohne daß man groß über sein Tun nachdenkt. Und diese ist dadurch entstanden, daß ich die zeitgenössische amerikanische Literaturszene wesentlich intertessanter und spannender finde als die deutsche. Natürlich ist das nur mein rein subjektives Empfinden. Ganz klar.


    Noch ein Autor ist mir eingefallen der bisher nicht erwähnt wurde: Siegfried Lenz. Seinen Roman "Deutschstunde" kann man auch zu den Klassikern der Nachkriegsliteratur zählen.


    Viele Grüße
    ikarus

    "Der Umgang mit Büchern bringt die Leute um den Verstand" (Erasmus von Rotterdam)

  • Hallo zusammen !


    Ach, da kenne ich ja doch schon ein paar: die Rabbit - Romane würde ich auch, genau wie ikarus, als angehende Klassiker sehen. Und T.C.Boyle ist einfach beißend satirisch - wer America gelesen hat und auch schon in US war und sich ein bißchen mit dem Thema befaßt hat, genau getroffen, würde ich sagen.


    Uwe Johnson habe ich auch schon gelesen, Kroetz ebenfalls, natürlich Dürrenmatt und Handke.


    Was mir eben bisher so aufgefallen ist, daß bei den heutigen Autoren oft der Inhalt eines Buches im Vordergrund steht und dieser Inhalt nicht über die Sprache bzw. den Stil transportiert wird.


    Danke für eure bisherigen Tips - es scheint doch gar nicht so einfach zu sein !


    Gruß von Steffi

  • Hallo zusammen!


    ikarus :
    Updikes Rabbit-Romane halte ich schon für bedeutend in dem Sinne, daß sie einen guten Einblick in das Lebensgefühl, und dessen Veränderung, des Durchschnittsbürgers im Amerika der letzten Jahrzehnte gewähren


    Einverstanden!


    Steffi
    Was mir eben bisher so aufgefallen ist, daß bei den heutigen Autoren oft der Inhalt eines Buches im Vordergrund steht und dieser Inhalt nicht über die Sprache bzw. den Stil transportiert wird.


    Da hast Du, was die Amerikaner betrifft, sicher recht. Aber in der deutschen Nachkriegslieratur gibt es viele Gegenbeispiele. Wolfgang Koeppen ist genau der beste Beweis!


    Übrigens sind abgesehen von den „klassischen“ Nachkriegsautoren auch viele deutsche Gegenwartsautoren empfehlenswert. In meinem SUB befinden sich z.Zt. noch 2 Werke die ich bei Lesungen der/des AutorIn so toll fand, dass ich spontan zugriff:


    1 „Das verborgene Wort“ von Ulla Hahn


    2. „Hellblau“ von Thomas Meinecke


    Zwar hat Ulla Hahns erster Roman bei MRR nicht gut abgeschnitten, aber das sagt ja nichts über die Qualität des Buches aus. Wenn die beiden Romane das halten, was die Lesungen versprachen: empfehlenswert!


    Bei dem Werk des Musikers Thomas Meinecke sollte man ev. vorher seine Vorgänger „The Church of John F. Kennedy“ und „Tomboy“ lesen. Alle drei bilden lt. Meinecke eine Trilogie der Identitätsfindung. Ach ja, da Meinecke auch als DJ arbeitet, sollte man auch in der Pop-Musik nicht ganz unbewandert sein, - Die Figuren in „Hellblau“ leben vor allem durch die Musik, die sie konsumieren.


    Grüße


    Hubert

  • Hallo Hubert !


    Du scheinst dich ja in der modernen Literaur gut auszukennen - danke für deine Tips. Wolfgang Koeppen werde ich auf jeden Fall lesen, da habt ihr mich sehr neugierig gemacht! Vielleicht auch Ulla Hahn, obwohl mir Frauen als Autoren nicht unbedingt liegen (komisch, oder?).

    Zitat


    In meinem SUB befinden sich z.Zt. noch 2 Werke die ich bei Lesungen der/des AutorIn so toll fand, dass ich spontan zugriff:


    Wenn man bei einer Lesung den Autor über sein Buch sprechen hört, dann wird man immer neugierig auf das Buch, dabei spielt dann das persönliche Engagement des Autors eine große Rolle und die Absicht, die hinter dem Buch steckt. So geht es wenigstens mir !


    Bezüglich der Sprache hatte ich mehr an die deutschsprachige Literatur gedacht. Die Amerikaner versuche ich im Original zu lesen, aber da es doch ein anderer Kulturkreis ist, ist eben die Sprache als Stilmittel manchmal schwer festzustellen! Was mir halt fehlt, auch bei der meisten deutschsprachigen Nachkriegsliteratur ist z.B. die Art Thomas Manns, der oft durch seine Sprache weit mehr ausdrückt als mit dem Inhalt. Ob man das in einer Fremdsprache so nachempfinden kann ? Thomas Wolfe, den wir gelesen haben, hat das meiner Meinung nach aber ganz gut geschafft. (Nein, ich suche keinen zweiten Thomas Mann !)


    Gruß von Steffi

  • Hallo !


    So, ich habe nun erst mal Thomas Bernhard "Holzfäller" und von Wolfgang Koeppen "Das Treibhaus" bestellt (ich hoffe, man muss nicht zuerst die "Tauben" lesen ?). Im "Holzfäller" habe ich die ersten Seiten mal angelesen und ich muß sagen, es ist außerordentlich fesselnd, genauso, wie ich es mir gewünscht habe und ich hoffe, dass Bernhard diesen Stil durchhält. Übrigens nach Ulysses und der Ulysses - Biografie ein wahrer Genuß für mich, da mehr die Sinne als der Verstand gebraucht wird. Der Stil erinnert mich übrigens ein bißchen an Hermann Hesse.


    Vielen Dank nochmal an euch für die vielen schönen Vorschläge !


    LG von Steffi

  • Hallo Steffi,


    zwar werden die drei von mir empfohlenen Koeppen-Romane gewöhnlich als Trilogie bezeichnet, aber nein - man muss sie nicht in einer bestimmten Reihenfolge lesen (wenn man nicht unbedingt die Stiländerungen Koeppens verfolgen will). Allerdings ist "Das Treibhaus", das meiner Meinung nach am wenigsten gelungene Buch? Aber da bist Du ja vielleicht nachher völlig anderer Meinung.


    Schön, dass Dich Bernhard schon am Anfang fesselt, da wirst Du wahrscheinlich auch später nicht enttäuscht. Die meisten Leser finden es am Anfang langweilig und brauchen etwas bis sie sich an Bernhards Stil gewöhnt haben.


    Viel Lesespaß


    Hubert (der an Deinem weiteren Urteil zu den Beiden interessiert ist)

  • Hallo zusammen,


    habe heute so zwischendurch immer mal die Themen gelesen, die ihr so in den letzten Wochen "verbrochen" :breitgrins: :breitgrins: habt.


    Ich hoffe, dass ich nichts übersehen habe, aber für mich gehört Walter Kempowski wirklich zu den "besseren" neueren deutschen Schriftstellern. Oder liege ich da falsch? Ich kenn mich mit den neueren Deutschen eigentlich nicht auch nicht so richtig aus, lese bzw. habe Kempowski aber sehr gerne gelesen.


    Ich stelle mal wieder fest, ich habe Lücken... :entsetzt::entsetzt:, nicht nur, was die alten Klassiker betrifft!


    Also bleibt nix anderes übrig, als versuchen, sie so nach und nach zu schließen.


    Schönen :sonne::sonne: Tag noch
    Ingrid

  • Hallo


    Zur Erinnerung ... am 25. Mai 2003 schrieb Hubert die sagenhaften und schicksalsschweren Worte:



    Zitat

    John Updike und John Irving: ist das schon Literatur?


    Oh Hubert!!!!! :grmpf:



    Ich kenne zwar John Updike nicht aber wohl John Irving!!!


    Naja, wir leben ja in einem Land, in dem Meinungsfreiheit herrscht ... :breitgrins:



    :winken:


    Daniela

    "Kunst und Unterhaltung sind verschwistert und keine Feinde." - John Irving

  • Hallo Daniela,


    hoffentlich hast Du gesehen, dass ich mein sagenhaftes Posting vom 25. Mai mit den Worten: „(ACHTUNG: PROVOKATION !)“ einleitete und mit dem Satz: „Hoffentlich habe ich jetzt eine spannende Diskussion angeregt!!“ beendete. Wie Du aber siehst, hat bei John Irving bisher niemand protestiert. :zwinker:


    Nun, ich gebe zu, dass Irvings absurder Klamaukhumor unterhaltsam sein kann, aber ist das schon ein literarisches Qualitätsmerkmal?`- Nein, im Ernst, ich habe den Satz unter dem Eindruck von „Witwe für ein Jahr“ geschrieben, und wenn Du willst, kannst Du mir mal die literarischen Qualitäten dieses Romans erklären, ich bin lernfähig.


    Sicher ist sein „Owen Meany“ besser und „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ auch, aber mir sind 800 Seiten für die Geschichte zweier Jungs einfach zu lang und um mir eine Meinung für oder gegen Abtreibung zu bilden, lese ich auch keinen Roman.


    Nun ich habe gemerkt, dass Irving zu Deinen Lieblingsautoren gehört, also lass dir die Freude an seinen Romanen nicht verderben.


    Gruß von Hubert


    PS:
    Zitat:
    John Updike und John Irving: ist das schon Literatur?
    Oh Hubert!!!!!


    Wie Du siehst, war mein Satz als Frage formuliert, - ich denke "Oh Hubert" ist noch nicht die Antwort. :zwinker:

  • Hallo zusammen,
    oft habe ich jetzt in diesem Forum Urteile ueber Schriftsteller bzw. Buecher gelesen. Dabei handelte es sich meistens um Meinungen und Geschmacksrichtungen. Aber welches sind denn die Kriterien fuer Literatur im Sinne von Kunst? Und gibt es innerhalb dessen, was wir als Kunst erkennen noch Rangunterschiede?


    Gruss
    Antonio

  • Hallo


    Zitat

    ...einleitete und mit dem Satz: „Hoffentlich habe ich jetzt eine spannende Diskussion angeregt!!“ beendete. Wie Du aber siehst, hat bei John Irving bisher niemand protestiert


    Ja - das habe ich auch mit Schrecken feststellen müssen.


    Zitat

    ...aber ist das schon ein literarisches Qualitätsmerkmal?



    Zitat

    Aber welches sind denn die Kriterien fuer Literatur im Sinne von Kunst?



    Hubert und Antonio .. ich glaube, genau hier liegt das Problem. Das ist der Punkt, an dem sich die Geschmäcker unterscheiden. Ich habe schon oft gehört, dass der Litaraturpapst hier nicht sehr beliebt ist, aber fast jeder versucht doch selbst immer mal wieder, zu bewerten, was ja auch normal ist. Und das macht ja auch eben die Diskussionen spannend!



    Zitat

    ...aber mir sind 800 Seiten für die Geschichte zweier Jungs einfach zu lang


    Nee nee, das lasse ich nicht gelten ... ich habe z. B. hier in verschiedenen Foren schon Loblieder singen hören über "Schuld und Sühne" - und das sind mehr als 800 Seiten und die Geschichte nur eines Jungen.
    Man muss das Buch mögen oder halt nicht, das ist ja auch erlaubt :elch:



    Zitat

    ..und wenn Du willst, kannst Du mir mal die literarischen Qualitäten dieses Romans erklären, ich bin lernfähig.


    Der Anfang ist genial!! Auch die Geschichte selbst ist gut, reicht allerdings nicht an die anderen heran, da hast Du Recht :smile:


    P.S. - Habt Ihr Euch schon mein l"iterarisches Weihnachtsgeschenk" (aus einem anderen Thread) zu Gemüte geführt?
    immer wieder Irving ....:)


    :winken:


    Daniela

    "Kunst und Unterhaltung sind verschwistert und keine Feinde." - John Irving


  • hallo zusammen!


    entschuldigt bitte, wenn ich dieses alte thema "aufwärme"...:zwinker:


    ich bin der meinung, dass die qualität von literarischen werken (und damit die entscheidung, ob ein besonders gelungenes werk als "klassiker" zu bezeichnen ist) definitiv keine frage des persönlichen geschmacks des einzelnen lesers sein kann und darf.
    nein, es bedarf objektiver kriterien, die - weitgehend geschmacksunabhängig - eine bewertung des literarischen gehalts eines werkes zulassen. in grober annäherung würde ich 3 mindestkriterien definieren, die ein prosastück erfüllen muss, um als "klassiker" zu gelten:


    a) ein virtuoser (oder zumindest sicherer) gebrauch der sprache
    b) ein dem inhalt und der intention des prosastücks angemessener einsatz von stilistischen mitteln (im idealfall werden vom autor neu entwickelte mittel eingesetzt)
    c) eine gewisses maß an sozialkritischer bzw. -analytischer relevanz


    den kommerziellen erfolg eines buches würde ich nicht zu den wesentlichen merkmalen eines echten "klassikers" zählen - als optimist gehe ich jedoch davon aus, dass ein werk, das die obigen kriterien erfüllt, gute chancen hat, auch an den ladenkassen der buchläden ein "renner" zu werden; eine hinreichend kritische und gebildete leserschaft sei einmal vorausgesetzt.
    so glaube ich, wir leser tun gut daran, uns während der lektüre immer wieder zu fragen: "was fasziniert mich an diesem buch? warum rührt es mich an, macht es mich weinen, zornig, glücklich?". fehlt dieses mindestmaß an reflektion, so können wir uns gleich vor die glotze setzen. je einfacher wir es uns mit der beurteilung eines buches machen, desto leichter machen wir es auch den autoren, uns mit mittelmäßigen geschichten zu "unterhalten" - und pauschalurteile wie "dieses buch ist einfach genial!" gehören eigentlich nicht in ein literaturforum.
    ich bin der ansicht, dass seit anbruch der postmoderne eigentlich keine echten "klassiker" mehr geschrieben werden können. es fehlt ein gesellschaftlicher konsens, den es zu bedienen oder - noch besser - zu verurteilen gilt.
    in zeiten völliger beliebigkeit fällt selbst das härteste korn der (gesellschafts)kritik auf einen sumpfigen, unfruchtbaren boden...


    so viel von mir zum thema "wo bleiben die modernen klassiker?"


    liebe grüße
    Settembrini
    :blume:

    "Herr Settembrini, du pädagogischer Satana - du bist zwar ein Windbeutel und Drehorgelmann, aber du meinst es gut..."

  • Hallo zusammen!
    Hallo Settembrini!


    Du schreibst:

    Zitat

    ich bin der meinung, dass die qualität von literarischen werken (und damit die entscheidung, ob ein besonders gelungenes werk als "klassiker" zu bezeichnen ist) definitiv keine frage des persönlichen geschmacks des einzelnen lesers sein kann und darf.
    nein, es bedarf objektiver kriterien, die - weitgehend geschmacksunabhängig - eine bewertung des literarischen gehalts eines werkes zulassen.


    Einverstanden. Nur, wie willst Du diese objektiven Kriterien definieren? Klassiker kommen m.E. nur durch den jahrelangen Konsens fleissiger Leser zustande.


    Zitat

    in grober annäherung würde ich 3 mindestkriterien definieren, die ein prosastück erfüllen muss, um als "klassiker" zu gelten:


    a) ein virtuoser (oder zumindest sicherer) gebrauch der sprache
    b) ein dem inhalt und der intention des prosastücks angemessener einsatz von stilistischen mitteln (im idealfall werden vom autor neu entwickelte mittel eingesetzt)
    c) eine gewisses maß an sozialkritischer bzw. -analytischer relevanz


    Punkt a) ist etwas, das auch für Nicht-Klassiker gelten sollte, ja selbst für einen Journalisten der Bild-Zeitung, selbst für Mit-Diskutanten dieses Forums ...
    Punkt b) erste Hälfte: s. Punkt a); zweite Hälfte: "neu entwickelte Mittel" - damit raubst Du jedem, der bewusst sich einer prätentiösen, ungewöhnlichen oder was auch immer Sprache enthält, die Möglichkeit, ein Klassiker zu werden. Da 'Klassiker' aber auch immer Vorbilder der nächsten Generationen sind, führt dieses Argument sich auch ein bisschen ad absurdum. Demzufolge müsste Arno Schmidt der 'bessere' Klassiker sein als z.B. Musil. Eine Entwicklung der Literatur, so etwas wie eine Literatur- oder Geistesgeschichte würde unmöglich.
    Punkt c) Das sind Werte, wie sie erst das 20. Jh., und da v.a. die zweite Hälfte, entwickelt hat. Du darfst aber - finde ich - nicht mit zeitlich bedingten Werten ein Werk beurteilen, das - als Klassiker - überzeitlich 'funktionieren' sollte.


    Wir hatten irgendwo mal einen Thread, der sinngemäss hiess: "Was macht einen Klassiker aus" ...


    Grüsse


    Sandhofer

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus