• Hallo Leila,


    wenn jemand hier seine Meinung äußert, werde ich ihr/ihm dies sicher nicht verübeln - und dir schon gar nicht.


    Im übrigen wurden die 5 Kriterien nicht von mir genannt, sondern von Dostoevskij (ich habe sie nur vor meiner Antwort wiederholt, damit man sieht auf was sich mein Beitrag bezieht.)


    Im übrigen glaube ich schon, dass die Bücher die gewöhnlich als "Moderne Klassiker" bezeichnet werden eher diese Kriterien erfüllen, also eigentlich "Longseller" sind. Warum kann man Arno Schmidts Werke (damit keine Mißverständnisse aufkommen: ich mag Arno Schmidt) nicht einfach als anspruchsvolle zeitgenössische Literatur bezeichnen oder noch besser als anspruchsvolle Literatur der Nachkriegszeit?


    Liebe Grüße


    Georg

  • Zitat von "Dostoevskij"

    Moin!



    Sie sind Klassiker. Denn sie setzen sich nicht in Beziehung zu den Modernen Klassikern, sondern diese werden in Beziehung zu jenen gesetzt und dadurch abgegrenzt, daß sie den Zusatz "modern" enthalten, damit verdeutlicht werde, daß sie den Klassikerstatus erst erreichen, wenn entsprechend viel Zeit verflossen ist. Was in der Katholischen Kirche die Heiligen, sind in der Literatur die Klassiker. Die Seligen, die Modernen Klassiker, sind zwar schon zur Ehre der Altäre erhoben, aber bedürfen eben doch noch eines Schrittes, endgültig als Heilige anerkannt zu werden. :-)


    n'abend Fedor,


    also, "Moderne Klassiker" sind noch keine Klassiker, sowie Selige noch keine Heilige sind? Einverstanden.


    Aber so wie man Selige, die ja auch möglicherweise nach einer gewissen Zeit Heilige werden, bis dahin nicht "moderne Heilige" nennt, so könnte man je Bücher die möglicherweise mal Klassiker werden, weil sie nicht sofort nach Erscheinen wieder verschwunden sind, zunächst mal "Longseller" nennen. Wäre jedenfalls weniger verwirrend.

  • Moin, Moin!


    Zitat von "Georg"

    so könnte man je Bücher die möglicherweise mal Klassiker werden, weil sie nicht sofort nach Erscheinen wieder verschwunden sind, zunächst mal "Longseller" nennen. Wäre jedenfalls weniger verwirrend.


    ACK. Man könnte und wir können. Das verhindert aber nicht, daß der Rest der Buchwelt doch wieder eher von Modernen Klassikern sprechen wird. So gesehen also ein Kampf gegen Wind/Sprachmühlen.

  • Hallo zusammen!


    Zitat von "Georg"

    so könnte man je Bücher die möglicherweise mal Klassiker werden, weil sie nicht sofort nach Erscheinen wieder verschwunden sind, zunächst mal "Longseller" nennen. Wäre jedenfalls weniger verwirrend.


    Zitat von "Dostoevskij"

    ACK. Man könnte und wir können. Das verhindert aber nicht, daß der Rest der Buchwelt doch wieder eher von Modernen Klassikern sprechen wird. So gesehen also ein Kampf gegen Wind/Sprachmühlen.


    Auch weil, soviel ich weiss, "Longseller" ein Begriff ist, den der Buchhandel auch z.B. auf die Bibel anwenden würde ... Eigentlich auf jedes Buch, das über den kurzfristigen Bestseller-Erfolg hinaus kommt.


    Grüsse


    Sandhofer

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • Zitat von "sandhofer"

    Auch weil, soviel ich weiss, "Longseller" ein Begriff ist, den der Buchhandel auch z.B. auf die Bibel anwenden würde ... Eigentlich auf jedes Buch, das über den kurzfristigen Bestseller-Erfolg hinaus kommt.


    Na und, wenn dem so wäre, wäre es ja nicht falsch, sowohl die Bibel, als auch sogenannte "Moderne Klassiker" wie z.B. Max Frisch sind Longseller, aber die Bibel ist auch ein Klassiker und heute immer noch modern, genau wie Goethe und Schiller und Max Frisch ist eben noch kein Klassiker.


    Wenn man aber den Begriff Klassiker nicht nur auf Bücher wie die Bibel oder Werke von Goethe und Schiller, sondern z.B. auch für Max Frisch verwendet, dann sind in der Tat, alle Bücher, die über einen kurzfristigen Bestseller-Erfolg hinaus kommen, Klassiker und das ist imho falsch.

  • Moin, Moin!


    <i>Weltwoche</i>: Fühlen Sie sich Arno Schmidt nahe?


    <i>Walter Kempowski</i>: Ja, ich bin nur viel dümmer, als er es je war. Wir haben uns beide gegen die Verherrlichung des Sozialismus gestellt. Er war natürlich gegen die überkandidelte deutsche Intelligenzija, aber er hat immer die Kirche im Dorf gelassen. Seine Armut, dass er immer weitergemacht hat, beeindruckte mich, ich lese seine frühen Sachen und was er an Lektüre empfiehlt. Meine Frau liest gerade Herder, von einem Feature von Schmidt angeregt. Wielands Schriften haben die Deutschen verbrannt und als Fidibus benutzt – ist das ein Volk? Ich muss aber sagen, wenn es heute TV-Journalisten gibt, die vor laufender Kamera Bücher in den Papierkorb werfen, die ihnen nicht gefallen, das verurteile ich auch. (<a href="http://www.weltwoche.ch/artikel/?AssetID=16974&CategoryID=62">Quelle</a>)

  • Hallo Dostoevsij,
    vielen Dank für den Link zu diesem Interview :klatschen:.
    wie immer bei Kempowski, so auch hier wieder die Wirkung eines Bades in klarem, sauberen Wasser - im Unterschied zum schlammigen Mainstream der absatz- und einschaltquotenorientierten Schecks, Heidenreichs und Konsorten und so manchem eitlen Autor (zuletzt gelesen:Grass und Walser in "Die Zeit" in sinnfreiem Gespräch), die einen Markt von Smalltalkern als Vorkoster und Meinungslieferanten bedienen.
    Ich hoffe, ich bin in der Lage, mir das ausdrucken :redface:.


    Dies zur Frage, ob Arno Schmidt ein Klassiker ist :breitgrins:
    Gruß
    g.

  • Hallo zusammen,
    habe jetzt ganz interessiert die Beiträge hier gelesen, und da mein Bücherregal voll gestopft mit Arno Schmidt, bzw.mit Büchern von und über AS , ist, wird’s Zeit, daß auch ich meine Leseerfahrung mitteile und damit auch die Frage ob Klassiker oder nicht (für mich) beantworte.
    Wobei ich zugeben muß, daß AS für mich als Leserin eine so wichtige Rolle gespielt hat, daß es mir egal ist, ob man ihn in diesen heiligen Kanon beruft oder eben nicht.
    Als ich 1975 in die Lüneburger Heide zog, tobten dort grad jene schweren Heidebrände, die auch AS in ziemliche Panik versetzten. Ich hatte keine Ahnung, wer da in meiner Nähe wohnte, und meine Leidenschaft für diesen literarischen Solitär begann erst ich sechs Jahre später, als ich aus der Gegend „floh“ (die Heidschnucken unter Euch mögen mir dieses Wort verzeihen).
    Ich denke bei vielen war AS eine literarische Lebensauffassung, man war anders als der etablierte Kulturbetrieb,man konnte mit gutem Gewissen Goethen und ThomasMann verachten und hatte seine eigene literarische Welt, ganz für sich und mit anderen Gleichgesinnten (man fing z. B. an, ASs Schreibweise nachzuahmen, welche Vermessenheit :entsetzt: ). Dieser Abgrenzungswunsch spielte bestimmt für viele eine wichtige Rolle, für mich gilt das mit Sicherheit.
    Heute sehe ich alles nüchterner: große Nachwirkung hat sein Werk wohl nicht gehabt, es lebt eher aus dem Hintergrund (was auch so paßt), viele seiner literaturkritischen Äußerungen (über Karl May oder Stifter!?) sind mit Vorsicht zu genießen, denn meist sagen sie mehr über den Akt des Schreibens als über den Autor selbst. Oder sind Polemik, vielleicht auch Wut gegen den Betrieb. Was aber bleibt ist das Wichtigste: seine Texte und die Lust zu lesen. Ich möchte, frei nach Harry Rohwolt, jedem Arno Schmidt Entdecker raten, irgendeins bis „Kühe in Halbtrauer“ auszuwählen (ab da wird’s wirklich schwerer zu verstehen). Auch viele seiner Übersetzungen sind eigentlich AS Texte und ein guter Einstieg (Bulwer-Lytton: „Was wird er damit machen“). Meine Favoriten bleiben bis heute „Seelandschaft mit Pocahontas“ und „Das steinerne Herz“ (keine sehr originellen Vorschläge,aber ist eben so).Und wenns hakt, einfach mal laut lesen, oft erschließt sichs dann von allein.
    Apropos: eine meiner schönsten Vorleseerlebnisse war „Zettels Traum“, live mit dem Trio Kersten/Rauschenbach/Reemtsma.

    Tschuldigung für soviel Text, aber das mußte raus, Lena :winken:


    PS., ein kleiner Nachtrag. Oft kann man aus einer Kritik, ist sie konstruktiv und intelligent formuliert , mehr über einen Autor erfahren als aus dem Kreis seiner Fangemeinde: „Arno Schmidts Werk oder Eine selfmadeworld in Halbtrauer“ von Marcel Reich-Ranicki, 1967. Gibt’s zu lesen in MRR „Literatur der kleinen Schritte“. Was für ein klasse Kritiker der Reich - Ranicki doch war (...auch wenn ich hier und anderswo nicht seiner Meinung bin).

    &quot; wenn ein neues Buch erscheint, lies Dú ein altes&quot;&nbsp; (aus Zettel&#039;s Traum)

    Einmal editiert, zuletzt von lenas vorstellung ()


  • (man fing z. B. an, ASs Schreibweise nachzuahmen, welche Vermessenheit :entsetzt: ).


    Was soll daran vermessen sein? Arno Schmidts Manierismen sind prägnant und leicht zu kopieren. Das Problem ist nicht, dass Leute versucht haben, seine Schreibweise nachzuahmen, sondern dass diejenigen, die das taten, nicht auch Schmidts Humor hatten und deshalb zumeist Quatsch mit dunkler Sauce produzierten. Aber z. B. die Parodie auf "Sitara" durch Robert Neumann ist doch einfach brillant. BTW: Auch Neumanns "Sitara"-Rezension für den Spiegel war ein Meisterstück!


    Was ich einen ganz wichtigen Hinweis finde, den Du gegeben hast, ist das mit dem Lautvorlesen der Texte. Damit öffnet man viel. Ich selbst habe bei Gelegenheit Freunden Arno Schmidt vorgelesen und plötzlich werden diese oft hermetisch wirkenden Texte durchsichtig. Von daher empfehle ich oft auch eines der Hörbücher zum Einstieg in Schmidt.


    Meiner Erfahrung nach sind die besten Einstiege "Seelandschaft mit Pocahontas" für Frauen und "Schwarze Spiegel" für Männer. Die Phantasiewelten sind doch deutlich verschieden. :smile:

  • Lieber bonaventura,

    Zitat

    Was soll daran vermessen sein? Arno Schmidts Manierismen sind prägnant und leicht zu kopieren


    das war meinerseits auch eher ironisch gemeint. Trotzdem: man muß es eben können.
    Vielen Dank für den Hinweis auf die Sitara - Parodie. Konnte mich noch dunkel erinnern und habe grad im Spiegel - Archiv geforscht. In meinen Regalen nichts mehr gefunden.

    Zitat

    Meiner Erfahrung nach sind die besten Einstiege "Seelandschaft mit Pocahontas" für Frauen und "Schwarze Spiegel" für Männer

    Das finde ich ist eine sehr interessante Sichtweise. Habe "Schwarze Spiegel" nicht mehr so präsent, müßte ich erstmal wieder lesen. Aber was "Seelandschaft..." betrifft, so stimme ich Dir zu. Es ist auf jeden Fall einer seiner "schönsten" Erzählungen.
    Auch von mir Grüße und einen schönen Sonntag noch, Lena

    &quot; wenn ein neues Buch erscheint, lies Dú ein altes&quot;&nbsp; (aus Zettel&#039;s Traum)

  • Meiner Erfahrung nach sind die besten Einstiege "Seelandschaft mit Pocahontas" für Frauen und "Schwarze Spiegel" für Männer. Die Phantasiewelten sind doch deutlich verschieden. :smile:


    Abgesehen davon, dass ich selber Arno Schmidt über "Sitara und der Weg dorthin" kennengelernt habe, und - viel später - dann über die 4 Bände "Zur deutschen Literatur", die Haffmans mal veröffentlicht hat, und dann erst über seine eigene bzw. eigentliche schriftstellerische Arbeit, gehöre ich zu denen, die "Seelandschaft mit Pocahontas" vorziehen ... :breitgrins:

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • Abgesehen davon, dass ich selber Arno Schmidt über "Sitara und der Weg dorthin" kennengelernt habe, und - viel später - dann über die 4 Bände "Zur deutschen Literatur", die Haffmans mal veröffentlicht hat, und dann erst über seine eigene bzw. eigentliche schriftstellerische Arbeit, gehöre ich zu denen, die "Seelandschaft mit Pocahontas" vorziehen ... :breitgrins:


    Stellt sich die Frage, was nun die Ausnahme und was die Regel ist?


  • (Was hätte übrigens wohl Arno Schmidt zu den Emoticons des Internet gemeint?)


    Er hätte auch in dieser Frage versucht, Goethe zu widersprechen! :zwinker:

  • Moin, Moin!


    Georg Klein schreibt in <a href="http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/aktuell/der_eros_der_nahen_ferne_1.529309.html">Der Eros der nahen Ferne</a> über Arno Schmidts Mondroman <a href="http://www.amazon.de/Kaff-auch-Mare-Crisium-Schmidt/dp/3596291178/">Kaff auch Mare Crisium</a>. Bibliomanisch interessant daran die Mondbibliothek, die das "lunare Alter ego" des Protagonisten Karl Richter, der Amerikaner Charles Hampden, pflegt. Sie "besteht zwar aus stolzen 859 Büchern, allerdings sind 843 Bände Exemplare der Bibel, die einst von borniert-bigotten Raumfahrern mit auf die Reise genommen wurden." Die Kolonie auf dem Mond muß mit knapp gewordenen Schreibmaterialen haushalten, versucht u.a. die Papierherstellung aus Bimsstein. Man plant eine Reise zum Mars. "Die Literatur ahnt, wo dies alles enden wird! Mit etwas Glück jedoch enthält eine zukünftige Mars-Bibliothek neben den wohl unvermeidlichen 800 Bibeln zumindest ein Exemplar dieses grossen Mondromans, der über der Melancholie, in die alle unsere Weltraumvorstösse münden müssen, das 'Wortall' des Erzählens, den Sternenhimmel der Sprache aufspannt", resümiert Georg Klein.

  • Ich höre wieder einmal einige von Schmidts Funk-Essays. Ist schon schön, wie er Klopstock demontiert. Und unrecht hat er in diesem Fall auch nicht ... :breitgrins:

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus