• Hallo :winken:,


    gerade arbeite ich mich durch Alice Schmidts "Tagebuch aus dem Jahre 1954" und mir wird deutlich wie lange das alles schon zurückliegt - eine schier vergangene Welt und Zeit offenbart sich mir.


    In der Tat, Arno Schmidt ist schon vor über 25 Jahren gestorben und würde heute - am 18. Januar 2005 - seinen 91. Geburtstag feiern.


    Noch tue ich mich in diesem Forum mit der Definition "Klassiker" etwas schwer. Hubert meinte, selbst Thomas Mann wäre noch kein Klassiker, obwohl er das für mich ohne jeden Zweifel ist.


    Auch Arno Schmidt betrachte ich heute schon als Klassiker der modernen Literatur, nicht nur in Bezug auf sein Werk, sondern auch, was er für uns heute noch bedeutet oder bedeuten sollte.


    Natürlich erzeugen meine Ausführungen sicherlich Widerspruch - aber dieser ist durchaus gewollt und so stelle ich nicht nur mir sondern auch in diesem Forum die Frage:


    "Ist Arno Schmidt inzwischen ein Klassiker der deutschen Literatur?"


    Liebe Grüße
    Leila


    P.S. Das Tagebuch 1954 von Alice Schmidt ist sehr lesenswert, aber neben Alice und Arno Schmidt muß man auch Katzen mögen, zumindest "Topper" und "Ringelnatz". :smile:

  • "Leila Parker" schrieb:


    Noch tue ich mich in diesem Forum mit der Definition "Klassiker" etwas schwer. Hubert meinte, selbst Thomas Mann wäre noch kein Klassiker, obwohl er das für mich ohne jeden Zweifel ist


    Thomas Mann ist sicher ein Klassiker, das sieht man ja schon ganz pragmatisch an der neuen Großen Frankfurter Kritischen Ausgabe. Solche Editionen gibts nur für "Klassiker".


    CK

  • Moin, Moin!


    Gestern wäre <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Arno_Schmidt">er</a> übrigens 91 Jahre alt geworden. AS hat eine eingeschworenen Fangemeinde. Und die Literatur über ihn ist inzwischen Legion. Besonders lobenswert in diesem Zusammenhang ist die <a href="http://www.gasl.org/as/referenz/">Arno-Schmidt-Referenzbibliothek</a>. Sie "bietet die digitale und kostenlose Version von Büchern, die sich in Schmidts Nachlassbibliothek befinden oder die in Schmidts Werken eine wichtige Rolle spielen. Ziel ist es dabei nicht nur, mehr oder weniger schwer zu bekommende Texte bereit zu stellen, sondern diese Texte möglichst in den Ausgaben zugänglich zu machen, in denen Schmidt sie besaß oder (vermutlich) gelesen hat. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Ausgaben des 18. und 19. Jahrhunderts." Weitere Ressourcen sammle ich auf der heute erweiteren <a href="http://www.wikiservice.at/buecherlei/wiki.cgi?ArnoSchmidt">Wikiseite</a>.

  • "Leila Parker" schrieb:

    Auch Arno Schmidt betrachte ich heute schon als Klassiker der modernen Literatur, nicht nur in Bezug auf sein Werk, sondern auch, was er für uns heute noch bedeutet oder bedeuten sollte.


    Hallo Leila,


    wenn ich "Moderne Klassiker" oder "Klassiker der Moderne" höre wird mir gewöhnlich schlecht. Deshalb will ich i.M. auch nichts dazu sagen, sondern Dich vielmehr fragen, was sollte Arno Schmidt für uns heute bedeuten?


    Neugierige Grüße von Hubert

  • Hallo Hubert,


    Arno Schmidt halte ich für einen der wichtigsten Autoren der Nachkriegsliteratur seit 1945 und für einen Erneuerer der deutschen Sprache.
    Zudem bin ich der Meinung, dass er mit "Das steinerene Herz" 1955 den wichtigsten Roman der fünfziger Jahre und den ersten deutsch-deutschen Roman verfasst hat.


    Ferner vertrete ich die Auffasung, das Arno Schmidt mit "Zettels Traum" sich in die Riege der modernen Klassiker begeben hat und bitte, mir diese Formulierung nicht zu verübeln, da Du ja nicht verhehlst, dich mit "Klassiker der Moderne usw" sehr schwer zu tun.


    Nach deiner Frage was uns Arno Schmidt heute bedeuten sollte, dann doch die Tatsache und die Erkenntnis, daß er die Literatur der 2. Hälfte des 20. Hahrhunderts entscheidend geprägt hat wie kein zweiter Autor.


    Deshalb hat er zumindest für mich eine große Bedeutung. andere Forenteilnehmer werden das durchaus anders sehen.


    Damit erzeuge ich sicherlich Widerspruch, aber über Arno Schmidt zu diskutieren ist für mich sehr reizvoll, bin ich doch noch immer dabei, diesen Autor für mich zu entdecken.


    Liebe Grüße
    Leila

  • "Leila Parker" schrieb:

    dann doch die Tatsache und die Erkenntnis, daß er die Literatur der 2. Hälfte des 20. Hahrhunderts entscheidend geprägt hat wie kein zweiter Autor.


    "wir haben ja alle von ihm gelernt" soll Günter Grass zu Alice Schmidt gesagt haben, aber das heißt ja nicht, dass Schmidt die Literatur entscheidend geprägt hätte; im Gegenteil, sein Werk bleibt doch, wenn ich das richtig sehe, eher folgenlos und wirkt eher unterirdisch.


    Was natürlich nichts daran ändert, dass er einer der bedeutensten Autoren der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist :smile:


    (Übrigens ist die Überarbeitung der GASL-Homepage jetzt vorerst abgeschlossen: http://www.gasl.org/)

  • Hallo Giesbert,


    in Sachen Arno Schmidt noch auf Entdeckungsreise, wirkt dein Urteil auf mich doch sehr ernüchternd, gerade bei deinem Engagement bezüglich des Eremiten in Bargfeld.


    Da habe ich mich wieder einmal sehr weit aus dem Fenster gelehnt und Hubert wird sich köstlich amüsieren. :redface:


    So bleibt für mich dann doch die Frage, wie kann Arno Schmidt im Jahre 2005 positioniert werden?


    Liebe Grüße
    Leila


    P.S. Trotzdem, nach Bargfeld werde ich fahren. :smile:

  • Moin, Moin!


    "Leila Parker" schrieb:

    in Sachen Arno Schmidt noch auf Entdeckungsreise, wirkt dein Urteil auf mich doch sehr ernüchternd


    Ich sage mir: Was schert mich das Urteil der anderen. Entscheidend für mich ist, wenn ich Arno Schmidt lese und bewundere, etwas so noch nie Dagewesenem begegnet zu sein, das mich zugleich fasziniert UND das mir gefällt. Dem Schmidtschen Duktus kann ich mich ebenso getrost überlassen wie dem Bernhardschen und dem von Antonio Lobo Antunes. Das sind neue Stimmen, von denen ich weiß, daß, sollten sie je verstummen, ich sowieso nicht mehr lebe. Also, Apres moi le déluge! :zwinker:

  • Arno Schmidt, noch nie gehört.....


    Ist er eher ein Insider oder in Vergessenheit geraten ?
    Jedenfalls habt ihr mein Interesse geweckt, ich werde mir mal ein Buch von ihm besorgen.


    Viele Grüße,
    Zola

  • "Leila Parker" schrieb:

    in Sachen Arno Schmidt noch auf Entdeckungsreise, wirkt dein Urteil auf mich doch sehr ernüchternd, gerade bei deinem Engagement bezüglich des Eremiten in Bargfeld.


    Naja, ich les den schon seit rund 25 Jahren, da sieht man manches etwas nüchterner :zwinker:


    Zu meiner Schmidt-Faszination hab ich mal 2 Texte ins Netz gestellt:


    Der Fremdkörper. Fragmentarische Spekulationen zur Typoskriptform der späten Werke Arno Schmidts


    Und meine Antwort auf die Frage: Wie sind Sie zum Werk Arno Schmidts gekommen?


    Zitat

    Da habe ich mich wieder einmal sehr weit aus dem Fenster gelehnt und Hubert wird sich köstlich amüsieren.


    Es sei ihm gegönnt :smile: Es gibt weißgott schlimmeres als zur Erheiterung seiner Mitmenschen beizutragen.


    Zitat

    So bleibt für mich dann doch die Frage, wie kann Arno Schmidt im Jahre 2005 positioniert werden?


    Ehrlich gesagt ist mir diese Frage aber auch gleich sowas von wurscht. Das Große Ganze kann mir gestohlen bleiben. Wichtiger ist doch die Frage, was die Lektüre Schmidtscher Texte mit einem anstellt. Und warum sie das tut.


    Zitat

    Trotzdem, nach Bargfeld werde ich fahren. :smile:


    Hier schon mal ein paar Bilder von meinem Besuch 2003:


    [ bilder auf dem server entfernet ]

  • Hallo zusammen :winken:,


    das ist eine sehr interessante Diskussion und regt zur weiteren Vertiefung mit dem Werk Arno Schmidts an.


    Vielen Dank auf für die Fotos, Giesbert, die mich in meiner Absicht bestärken, nach Bargfeld zu fahren, spätestens Anfang April. Kann man das Haus besichtigen und an wen muss man sich wenden?


    Freue mich auf das Schauerfeld, die ganze Umgebung. Ich hoffe nur, dass das mit der Putenfarm nichts wird, das wäre schrecklich. :sauer:


    Ich werde nun zügig das "Tagebuch von 1954" zu Ende bringen und dann mit "Seelandschaft mit Pocahontas" und "Das steinerne Herz" fortfahren.


    Liebe Grüße
    Leila

  • "xenophanes" schrieb:

    Thomas Mann ist sicher ein Klassiker, das sieht man ja schon ganz pragmatisch an der neuen Großen Frankfurter Kritischen Ausgabe. Solche Editionen gibts nur für "Klassiker".


    Wenn editionen wie die Frankfurter Thomas Mann Ausgabe ein Kriterium sind um Klassiker zu erkennen, sind dann alle Autoren für die es keine Frankfurter editionen gibt, keine Klassiker? :breitgrins:

  • "Hubert" schrieb:

    wenn ich "Moderne Klassiker" oder "Klassiker der Moderne" höre


    "Moderne Klassiker" was soll das den sein? Eine Abgrenzung zu den "unmodernen Klassikern", die dann wohl Sophokles, Ovid, Shakespeare, Cervantes und Goethe sind? :klatschen:

  • "Leila Parker" schrieb:

    Arno Schmidt halte ich für einen der wichtigsten Autoren der Nachkriegsliteratur seit 1945 und für einen Erneuerer der deutschen Sprache.



    Wenn Arno Schmidt einer der wichtigsten Autoren der Nachkriegsliteratur seit 1945 ist, welches sind dann die wichtigen Autoren der Nachkriegsliteratur vor 1945?


    Arno Schmidt ein Erneuerer der deutschen Sprache? Heißt das jetzt, das der Arno Schmidt für die Rechtschreibreform verantwortlich ist? :breitgrins: :sonne:

  • "Leila Parker" schrieb:

    Kann man das Haus besichtigen und an wen muss man sich wenden?


    Man kann: Nach Voranmeldung ist der Besuch des Schmidtschen Hauses und der jeweiligen Ausstellung mit Archivmaterialien im benachbarten Stiftungshaus möglich; gegenwärtig ist die Ausstellung »Schreiben als Handwerk« zu sehen.
    http://www.arno-schmidt-stiftung.de/


    Bargfeld ist übrigens etwas abgelegen, ohne Auto geht da nix, zumindest nicht im April. Im Sommer kann man da vom nächstgelegenen Bahnhof wohl hinradeln (ich weiß es nicht, ich war erst 2x da und bin beide Male im Auto mitgenommen worden)

  • Danke, Giesbert, ich werde mich frühzeitig darum kümmern. :smile:


    Aber der April geht schon in Ordnung, egal wie das Wetter ist, ob Regen oder Sonneschein. Ich möchte gerne einmal Arno Schmidt PUR erleben, sehen, spüren und fühlen wie er Bargfeld empfunden haben könnte.


    Bis dahin werde ich mich auch mit seiner Vita noch intensiver beschäftigen.


    Liebe Grüße
    Leila

  • Moin, Moin!


    "Georg" schrieb:

    "Moderne Klassiker" was soll das den sein? Eine Abgrenzung zu den "unmodernen Klassikern"


    Ich denke, daß Kriterien wie weit verbreitet, allgemeine Akzeptanz, vielgelesen und gut verkauft UND die Tatsache, daß ein "klassisches" Alter noch nicht erreicht wurde, zur Bezeichnung "Moderner Klassiker" beitragen. Kommt noch die Behandlung in der Schule hinzu, wie z.B. bei Frisch und Böll, dann ist der Begriff fast automatisch gegeben.

  • "Dostoevskij" schrieb:

    Moin, Moin!



    Ich denke, daß Kriterien wie weit verbreitet, allgemeine Akzeptanz, vielgelesen und gut verkauft UND die Tatsache, daß ein "klassisches" Alter noch nicht erreicht wurde, zur Bezeichnung "Moderner Klassiker" beitragen. Kommt noch die Behandlung in der Schule hinzu, wie z.B. bei Frisch und Böll, dann ist der Begriff fast automatisch gegeben.


    n'abend Fedor,


    meine Frage zielte nicht auf die Kriterien eines "Modernen Klassikers" :grmpf:


    sondern darauf,. ob, wenn man Bücher die das "klassische" Alter noch nicht erreicht haben als "Moderne Klassiker" bezeichnet, Bücher die das "klassische" Alter erreicht haben dann als unmoderne Klassiker zu bezeichnen hat?


    Im übrigen war es Thema ob Arno Schmidt ein sogenannter "Moderner Klassiker" sei, und bei den von dir genannten Kriterien:


    weit verbreitet,
    allmegmeine Aktzeptanz,
    viel gelesen und
    gut verkauft, dazu noch
    Behandlung in der Schule

    kann einem sicher vieles einfallen, aber ebenso sicher nicht Arno Schmidt.

  • Hallo zusammen,


    meine Meinung ist, daß nicht die im Beitrag von Georg genannten fünf Kritierien bei der Beurteilung nicht erfüllt werden müssen, um einen Autor auf den Olymp der "modernen Klassiker" zu heben.


    Dazu bedarf es vielmehr der Tatsache, welchen Stellenwert der Autor von der Literaturwissenschaft erhält. Ich meine daher, dass Arno Schmidt ohne jeden Zweifel zu den modernen Klassikern gehört.


    Ich hoffe, dass meine Meinung mir Georg nicht verübelt, lieber sollten wir darüber weiter intensiv diskutieren. :blume::blume:


    Die Formulierung "Moderner Klassiker" und "Klassiker der Moderne" wurden mir schon in der Schule suggeriert. Kann ich nix dafür. :smile:


    Liebe Grüße
    Leila

  • Moin!


    Zitat

    ob, wenn man Bücher die das "klassische" Alter noch nicht erreicht haben als "Moderne Klassiker" bezeichnet, Bücher die das "klassische" Alter erreicht haben dann als unmoderne Klassiker zu bezeichnen hat?


    Sie sind Klassiker. Denn sie setzen sich nicht in Beziehung zu den Modernen Klassikern, sondern diese werden in Beziehung zu jenen gesetzt und dadurch abgegrenzt, daß sie den Zusatz "modern" enthalten, damit verdeutlicht werde, daß sie den Klassikerstatus erst erreichen, wenn entsprechend viel Zeit verflossen ist. Was in der Katholischen Kirche die Heiligen, sind in der Literatur die Klassiker. Die Seligen, die Modernen Klassiker, sind zwar schon zur Ehre der Altäre erhoben, aber bedürfen eben doch noch eines Schrittes, endgültig als Heilige anerkannt zu werden. :-)