Beiträge von Wolf

    Hallo Maria!


    Zitat von "JMaria"

    Es ist eine sehr schöne Ausgabe. Ungekürzt, zweisprachig, broschiert, im kompakten Format.


    Diese Ausgabe habe ich auch schon seit einiger Zeit im Blickfeld. Wenn ich demnächst mal beim hiesigen 2001-Laden vorbeikomme, schaue ich mal, ob sie sie da rumliegen haben. :-)


    Den einzigen "Finnegans Wake", den ich bislang habe, ist eine Sammlung von verschiedenen Übersetzungen (jeweils natürlich nur Auszüge), ein Suhrkamp-Taschenbuch:


    James Joyce: Finnegans Wake, Deutsch. Gesammelte Annäherungen. Hrsg. v. Klaus Reichert u. Fritz Senn.


    Übersetzer sind da u.a. Arno Schmidt, Friedhelm Rathjen, Hans Wollschläger. Dieter H. Stündel ist auch dabei. Man sieht da auch sehr schön, wie unterschiedlich man das übersetzen kann. Obwohl mir das Lesen dieser Auszüge großen Spaß gemacht hat, hat mir das dann aber auch schon gereicht. Mehrere hundert Seiten am Stück möchte ich so etwas eigentlich nicht lesen. In kleinen Portionen kann ich das durchaus goutieren, aber irgendwann nervt es einfach nur noch. ;-) Es ist auch die Frage, ob sich die Mühe überhaupt lohnt, all den Anspielungen und Bezügen nachzugehen. Am Ende erkenne ich dann womöglich, daß diesen "absichtsvoll verschlungenen Phantasmen" u.a. "das Ordnungsmuster der Vicoschen Geschichtsphilosophie aufgelegt" sind (Wilperts Lexikon der Weltliteratur). Dafür bekommt Joyce von mir ein Fleißkärtchen, aber es ist nichts, was mich bewegt oder berührt.


    Eine klangvolle Sprache ist es natürlich schon, wie Giesbert zu Recht gesagt hat. Im Nachtprogramm von Arno Schmidt zu Joyce liest Schmidt ihn ja in deutscher Übersetzung, das fand ich auch sehr beeindruckend.


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo Carmen,


    empfehlenswert ist auch noch ein weiteres Reclambüchlein: <i>Die Leseliste. Kommentierte Empfehlungen.</i> Darin werden 600 Titel der Weltliteratur genannt (Schwerpunkt deutsche Literatur) und in jeweils drei, vier Zeilen kurz beschrieben.


    Ansonsten könntest Du Dir unter <a href="http://www.presseportal.de/story.htx?nr=399313&ressort=4">http://www.presseportal.de/story.htx?nr=399313&ressort=4</a> ein PDF herunterladen, in dem Hellmuth Karasek seine "Top 33" der Weltliteratur vorstellt. In der Reihe <a href="http://www.suhrkamp.de/buecher/reihen.cfm?reihe=dkv%20tb">Deutscher Klassiker Verlag im Taschenbuch</a> erscheinen derzeit gut kommentierte deutsche Klassiker zu einem günstigen Preis, beispielsweise Goethes Faust, Hölderlins Gedichte, der Parzival des Wolfram von Eschenbach, der Simplicissimus Teutsch von Grimmelshausen, die Erzählungen von Kleist u.a. Gerade als Einsteiger ist man dankbar, wenn man bei der Lektüre auf einen hilfreichen Stellenkommentar zurückgreifen kann.


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo Maria,

    Zitat von "JMaria"

    Was haltet ihr von dieser Art Biografien? Schon ausprobiert? Seid ihr für Neues offen oder eher ist es eher etwas für junge Leute?


    es gibt auch eine zweibändige <a href="http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3770417496">Goethe-Biographie in Comicform</a>. Ich kenne davon aber nur den zweiten Band, den ich mir mal gekauft habe. Schiller kommt darin natürlich auch vor, es gibt da z.B. eine Szene, in der Goethe das "Apfelgeheimnis" von Schiller entdeckt. :-) Ich fand diese Biographie ganz nett, war aber nicht so davon begeistert, daß ich mir dann auch den ersten Band gekauft hätte; allerdings sehe ich gerade, daß der erste Band offenbar von einem anderen Zeichner gestaltet worden ist, vielleicht muß ich ihn mir doch mal anschauen.


    Die Frage nach der Zielgruppe von solchen Comic-Biographien ist natürlich berechtigt. Wenn man sich eingehend über eine Person informieren will, dann greift man doch wohl besser zu einem (Sach-)Buch. Ich fände einen solchen Comic eigentlich nur dann für mich interessant, wenn er als eigenständiges Werk bestehen kann, wenn es also nicht in erster Linie um Informationsübermittlung geht, sondern darum, einen künstlerisch ausdrucksstarken Comic zu produzieren. In meinem Regal steht beispielsweise der Band "Alice im Comicland - Comic-Zeichner interpretieren Werke der Weltliteratur", in dem die Zeichner jeweils nur eine Seite zur Verfügung haben, um eine berühmte Erzählung oder einen bekannten Roman darzustellen oder "nachzuerzählen". Manches davon finde ich eher langweilig, aber einigen Zeichnern gelingen wirklich eindrucksvolle Interpretationen. Sehr gut gefallen mir da beispielsweise "Alice im Wunderland" von T. Ott, "1984" von Mary Fleener oder "Die Verwandlung" erzählt von Loustal. Von denen würde ich eine Comic-Biographie auch dann lesen, wenn mich die Person, um die es da geht, eigentlich gar nicht interessiert.


    Das Cover der Jonny-Cash-Biographie, die Du verlinkt hast, gefällt mir jedenfalls schon mal ganz gut. Von dem Zeichner, Reinhard Kleist, kenne ich noch nichts, aber das, was ich gerade nach etwas Googeln gesehen habe, sieht recht originell und neugiererweckend aus. ;-)


    Zu den Biographien zählen auch die Autobiographien, die es ebenfalls in Comicform gibt. Beispielsweise <a href="http://www.heise.de/tp/r4/artikel/17/17237/1.html">"Persepolis"</a> (ausgezeichnet als Comic des Jahres 2004), in dem Marjane Satrapi von ihrer Kindheit im Iran erzählt.


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo Pius,

    Zitat von "Pius"

    Kennt jemand von Euch Vorgängertexte, speziell zur Siegfried-Handlung und kann dazu etwas schreiben?


    die älteste bis in die heutige Zeit überlieferte Heldendichtung in deutscher Sprache ist das fragmentarisch erhaltene althochdeutsche Hildebrandslied, die zweitälteste ist eben schon das Nibelungenlied, so daß es nicht leicht ist, etwas Verläßliches über Vorgängertexte zu sagen. Auch in anderen Sprachen gibt es nicht sehr viele stofflich mit dem Nibelungenlied verwandte Texte, die älter als das Nibelungenlied selbst sind. Dietrich hat ja schon sehr ausführlich auf die altnordische Überlieferung hingewiesen (Lieder-Edda; Prosaerzählungen in der Thidrekssaga; Völsungasaga). Im mittellateinischen "Waltharius" (9./10. Jh.) kommt nicht nur der Hunnenkönig Attila vor, sondern auch der charakterschwache König Gunther, der auf die Hilfe seines Vasallen Hagen angewiesen ist. Auch im ahd. Hildebrandslied kommen schon einige Namen vor, die im Nibelungenlied eine Rolle spielen. Aus all dem kann man schließen, daß der Stoff des Nibelungenliedes schon lange vor seiner schriftlichen Fassung in mündlicher Form existierte und über Jahrhunderte hinweg immer wieder verändert und umgeformt worden ist. Wichtig ist auch das "Lied vom Hürnen Seyfrid", eine Siegfried-Biographie, die allerdings erst in einem Druck aus dem 16. Jh. (um 1530) schriftlich überliefert ist. Man hat aber offenbar nachweisen können, daß dieses Lied schon um 1400 bekannt war, und man vermutet, daß es noch älter ist. Auch für den "Hürnen Seyfrid" gilt dasselbe, was Dietrich schon für die altnordische Überlieferung gesagt hat: Es gibt da große Abweichungen zu der Siegfried-Handlung im Nibelungenlied. Aber einiges von dem, was im Nibelungenlied unklar oder schlecht nachvollziehbar erscheint (z.B. das Verhältnis zwischen Siegfried und Brünhild), wird klarer, wenn man die anderen Quellen heranzieht (insbesondere die nordische Überlieferung).


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo Céleste,


    zunächst einmal möchte ich mich Sandhofers Bitte anschließen. ;-) Was das Nibelungenlied betrifft, so macht wohl jeder Leser früher oder später die Erfahrung, daß es darin eigentlich überhaupt keine positiven Charaktere gibt: Hinterlist, Unehrlichkeit, Haß und Machtgier sind die beherrschenden Triebe; das Weltbild des Nibelungenliedes ist durch und durch negativ, alles läuft mit einer erschreckenden Unerbittlichkeit auf Tod und Untergang zu. Die Hauptfiguren haben keine Eigenschaften, die es ihnen ermöglichen würden, in Harmonie und Glück zusammenzuleben, es bleibt ihnen nur die Vernichtung.


    Das ist ein Unterschied zum mittelalterlichen höfischen Roman, im dem es ja im wesentlichen darum geht, daß ein (adeliger) Mensch seinen Platz in der Gesellschaft findet: er soll Gott und der Welt gerecht werden; durch Bildung und Erfahrung gelangt er zu angemessenem Verhalten. Die Figuren der Heldendichtung dagegen sind viel archaischer, sie kennen eigentlich gar keine Entwicklung, sie sind eben so, wie sie sind, oft verhalten sie sich nicht gerade vernünftig oder maßvoll. Das Nibelungenlied ist zwar teilweise auch schon "höfisch übertüncht", aber der Erzähler oder Bearbeiter konnte daraus keinen höfischen Roman machen. Angesichts der Unabänderlichkeit, mit der alles in den Untergang gerissen wird, erweist sich alles Mühen und Trachten der Figuren letztlich als sinnlos.


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo Pius,


    Zitat von "Pius"

    Mein großes Projekt derzeit ist das <b>Nibelungenlied</b>.


    im Nibelungenlied lese ich auch gerade wieder einmal herum. Ich habe mir nämlich kürzlich eine CD gekauft, auf der Eberhard Kummer Auszüge aus dem Nibelungenlied singt, natürlich auf Mittelhochdeutsch, so wie es sich gehört. :-) Im Gegensatz zur höfischen Reimpaardichtung wurde die strophische Heldendichtung ja seinerzeit gesungen, es ist also tatsächlich ein Nibelungen<b>lied</b>. Eberhard Kummer begleitet seinen beeindruckenden Gesangsvortrag mit der Schoßharfe, andere Strophen auch mit der Drehleier, die einen ganz eigentümlichen schnarrenden Klang hat. Ich bin von dieser CD begeistert, zwar klang es anfangs gewöhnungsbedürftig, ich mußte mich erst einmal einhören, aber jetzt kann ich gar nicht mehr genug davon bekommen. :-) Leider sind es, wie gesagt, nur Auszüge, die auf der CD gesungen werden, ein vollständiger Vortrag würde ja auch 18 Stunden oder vielleicht noch länger dauern.


    Die Orginalmelodie des Nibelungenliedes ist nicht überliefert. Eberhard Kummer singt es im sog. Hildebrandston, eine alte Melodie, die dem Original wahrscheinlich sehr nahe kommt. Charakteristisch für den Hildebrandston sind die merkwürdigen und auffallenden »Eia«-Rufe: Der letzte (vierte) Vers jeder Strophe wird mit einem »Eia« eingeleitet. Karl Bartsch hat schon im 19. Jh. darauf hingewiesen, daß der vierte Vers jeder Strophe in vielen Fällen scheinbar überflüssig ist:


    Zitat

    »Der Umstand, daß häufig die epische Thatsache, die in der Strophe zum Ausdruck kommen sollte, schon mit der dritten Zeile abgeschlossen war, veranlasste, daß die vierte Zeile einen allgemeinen Gedanken, eine Hindeutung auf das Kommende oder etwas Anderes, genau genommen Entbehrliches enthielt, wodurch das Ganze an streng epischer Haltung einbüßt.«


    [Karl Bartsch (Hrsg): Das Nibelungenlied. 6. Aufl. Leipzig: Brockhaus, 1886. S. XXII]


    Zu dieser Beobachtung paßt sehr gut, daß durch das refrainartige »Eia« genau diese letzte Zeile hervorgehoben wird. Außerdem zeigen die Erfahrungen der modernen Aufführungspraxis, daß der Sänger durch dieses »Eia« je nach Kontext ganz unterschiedliche Gefühle zum Ausdruck bringen kann. Das kann man auch sehr gut auf dieser CD hören, die für mich geradezu eine Offenbarung war. Seit ich das gehört habe, lese ich die mittelhochdeutschen Strophen in einem innerlichen Singsang. ;-)


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo miteinander!


    Zitat von "Leibgeber"

    ZVAB ist einfach ein riesiger Internet-Antiquariatskatalog. Nur Antiquariate drin. Festpreise. Nix Auktionshaus.
    Ich weiß sowas sehr zu schätzen, allein schon beruflich, weil ich früher jahrelang so mal eben, bzw. neben, bei nämlich, 6 bis 8 Antiquariatskataloge parallel gelesen hatte, um die besten Angebote rauszufinden. Ziemlich kopfweherzeugend.


    Ja, die Online-Kataloge sind wirklich eine segensreiche Erfindung, auf die ich nicht mehr verzichten möchte. :-)


    Ich kaufe einen großen Teil meiner Bücher via ZVAB oder auch booklooker.de. Bei booklooker können auch Privatanbieter ihre Bücher verkaufen, nicht nur Antiquariate, deshalb sind die Preise dort tendenziell niedriger als im ZVAB, aber das hängt natürlich immer auch vom Einzelfall ab. Bei Ebay habe ich in letzter Zeit keine Bücher mehr gekauft, denn da weiß man ja leider nie genau, ob man das Buch dann am Ende auch bekommt oder ob man in letzter Sekunde noch überboten wird. ;-) Ich sehe Ebay als eine Art Flohmarkt an: es verschlingt einige Zeit, wenn man dort auf der Suche nach günstigen Büchern ist, aber ich habe dort schon einige schöne Bücher für wenig Geld erstanden.


    Zitat von "sandhofer"

    Im übrigen bin ich nach dem Pseudo-Mittelalter des Eichendorff jetzt mal bei einem "richtigen" Minnesänger. Ich lese zur Zeit die Lieder des Walther von der Vogelweide. Auf Mittelhochdeutsch, natürlich. Nach anfänglichen Problemen, wieder reinzukommen, geht's eigentlich ganz gut.


    Momentan habe ich ebenfalls eine Mittelalter- und Mittelhochdeutsch-Phase. Ich habe mir kürzlich eine schöne Ausgabe von Hartmanns Iwein gekauft, in der ich jetzt bis zum Vers 3291 (von insgesamt 8166) vorgedrungen bin. Diese Ausgabe (hrsg. von Benecke/Lachmann) hat nur den mittelhochdeutschen Text, keine neuhochdeutsche Übersetzung. Bei zweisprachigen Ausgaben ist für mich die Verlockung immer recht groß, eher die nhd. Übersetzung als das Original zu lesen. Damit ich dieser Versuchung nicht ausgesetzt bin, lese ich jetzt lieber eine einsprachige Ausgabe. ;-)


    Außer dem Iwein habe ich mir kürzlich noch ein Buch mit mittelalterlichen Erzählungen und Schwänken gekauft, die ich zwischendurch lese. Daraus habe ich als letztes <i>Daz Maere von dem Sperwaere</i> und <i>Der Wiener Mervart</i> gelesen. Und heute kam hier erfreulicherweise ein weiteres von mir (via ZVAB) bestelltes "mittelalterliches" Buch an: <i>Otnit. Herausgeben von Franz Joseph Mone. Berlin: Reimer, 1821</i>. Noch unbeschnitten und im Interimsumschlag für schlappe 15,90 Euro. :-) Das habe ich jetzt erst einmal vorsichtig aufgeschnitten und dann gleich die erste Aventiure gelesen. So fängt's an:



    Als aktuell lieferbare Ausgabe des "Ortnit" (so heißt er heutzutage) scheint es nur die aus dem Hirzel-Verlag für 49 Euro zu geben, in der freilich auch noch der "Wolfdietrich" enthalten ist. Leider ist mhd. Literatur oft ziemlich teuer, wenn sie nicht gerade bei Reclam erschienen ist. Wenn man z.B. bei Arno Schmidt liest: "Heinrich von dem türlîn, Diu Crône; ebenso gut wie unbekannt, und mir den weitgerühmten mittelhochdeutschen Klassikern durchaus ebenbürtig, prachtvoll realistisch zuweilen, geil und groß", dann klingt das ja zunächst einmal sehr verlockend. Sehr erfreulich ist auch, daß es sogar eine lieferbare und zuverlässige Ausgabe von "Diu Crône" gibt. Aber daß man dafür mehr als 100 Euro hinlegen muß, ist dann wieder ziemlich abschreckend. :sauer:


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo zusammen,


    ich habe mir jetzt einen Band dieser Taschenbuchausgabe gekauft (den 6. Band: <i>Deutsche Lyrik des frühen und hohen Mittelalters</i>). Er macht einen guten Eindruck: schönes, leicht getöntes Dünndruckpapier; das Buch liegt angenehm in der Hand und läßt sich gut aufklappen, ohne daß im Buchrücken Knickfalten zurückbleiben. Ob die Klebebindung einer Dauerbeanspruchung standhält, muß man mal abwarten, aber momentan macht sie noch einen stabilen Eindruck. :-) Auf jeden Fall bekommt man da viel Buch fürs Geld, ich werde mir sicherlich noch das eine oder andere DKV-Taschenbuch zulegen.


    Laut einem auf dem hinteren Umschlag abgedruckten Zitat habe ich mir übrigens einen "Band mit vielen interessanten Texten" gekauft. Na, das ist doch mal was anderes. ;-)


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Zitat von "giesbert"

    Nun, ich wusste das noch nicht und bin jetzt sehr erfreut 8-)


    xenophanes hatte <a href="http://www.klassikerforum.de/forum/viewtopic.php?t=1449">hier</a> vor einiger Zeit schon darauf hingewiesen.


    Allerdings frage ich mich, ob diese dicken Wälzer als Taschenbuch noch einigermaßen handhabbar sind, ohne gleich auseinanderzufallen. Aber der Preis ist so günstig, daß ich es wohl riskieren werde, mir eines davon zu bestellen. :-)


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo Friedrich-Arthur,


    Zitat von "Friedrich-Arthur"

    Bei Hölderlin treffe ich eigenartigerweise noch recht oft auf sehr positive und begeisterte Anhänger(innen), obwohl er in der Öffentlichkeit eigentlich recht wenig präsent ist.


    ich glaube, Hölderlin gehört zu den Autoren, die man entweder mit Begeisterung liest oder überhaupt nicht. Es ist gut möglich, daß man nicht gleich den richtigen Zugang zu Hölderlin findet und man das Buch dann enttäuscht und einigermaßen ratlos wieder zuklappt. Bei mir hat es jedenfalls einige Anläufe gebraucht, ehe ich mit Hölderlin etwas anfangen konnte, aber die Beharrlichkeit hat sich ausgezahlt, denn es ist ein außergewöhnliches und bereicherndes Leseerlebnis, das einem andere Dichter so nicht bieten können.


    Zitat von "Friedrich-Arthur"

    Vielleicht lässt er sich einfach nicht sinnvoll und gut in andere Sprachen übersetzen, was bei Lyrik auch recht verständlich ist.


    Sein Deutsch klingt ja auch für Deutsche streckenweise recht fremdartig, weil er Wörter auf eine Weise zusammengefügt hat, wie man es bis dahin im Deutschen so noch nie gesehen hatte. Er hatte darin natürlich Vorläufer (insbesondere Klopstock), auf die er aufbauen konnte, aber Hölderlin hat die syntaktischen Möglichkeiten des Deutschen bis zu den äußersten Grenzen ausgeschöpft, in manchen seiner Gedichte mag er diese Grenzen auch überschritten haben. Das führt zu einem eigenwilligen und unverwechselbaren Sprachklang, nach dem man süchtig werden kann. Wobei ich finde, daß da immer wieder unvermutet eine seltsam anmutende Komik aufblitzt, die sicherlich nicht beabsichtigt ist, die aber wohl zwangsläufig entsteht, wenn man mit so großer Ernsthaftigkeit und unbedingter Hingabe dichtet, wie es Hölderlin getan hat. Ein Mensch, der reden will wie ein Gott, hat immer etwas Lächerliches an sich, weil er trotz allem Wissen und aller Kunst eben doch immer nur ein Mensch bleibt. :-) Insofern finde ich die unfreiwillige Komik in Hölderlins Gedichten gar nicht störend, sondern sogar sehr sympathisch.


    Bei aller Begeisterung für Hölderlin möchte ich auch auf das Gedicht "Der Tod fürs Vaterland" hinweisen, das zeigt, daß eine so ernsthafte und unironische Art zu dichten auch Schattenseiten haben kann. Die Schlußverse dieses Gedichtes lauten bekanntlich: <i>Lebe droben, o Vaterland,/ Und zähle nicht die Toten! Dir ist,/ Liebes! nicht Einer zu viel gefallen.</i> Das ist Poesie, die den Kontakt mit der Wirklichkeit nicht standhält. Angesichts eines realen Schlachtfeldes klingen solche Verse wie blanker Zynismus. Natürlich muß man das Gedicht im Kontext der damaligen Zeit und Hölderlins gesamter Dichtung sehen, was manches in einem anderen Licht erscheinen läßt, aber trotzdem hinterläßt dieses Gedicht in mir ein gewisses Unbehagen.


    Wenn Du, Friedrich-Arthur, Dir irgendwann einmal eine Gedichtausgabe von Hölderlin zulegen willst, solltest Du eine kommentierte Ausgabe nehmen. Denn bei manchen Gedichten, wie etwa <a href="http://gutenberg.spiegel.de/hoelderl/gedichte/Druckversion_chiron.htm">Chiron</a>, müßte man ohne die Hilfe eines Kommentars schon sehr viel Mühe aufwenden, ehe man versteht, worum es in dem Gedicht genau geht. Es ist ja kürzlich eine <a href="http://www.suhrkamp.de/buecher/taschenbuch/dkv/2005/oktober/68004.htm">Taschenbuchausgabe des Deutschen Klassikerverlages</a> herausgekommen, die 18 Euro kostet. Die kenne ich zwar nicht, aber ich habe eine Insel-Taschenbuchausgabe, die ebenfalls von Jochen Schmidt kommentiert ist. Diesen Kommentar fand ich sehr gut und hilfreich, ehrlich gesagt fand ich ihn sogar hilfreicher als den Kommentar der wesentlich teureren dreibändigen Hölderlin-Werkausgabe von Hanser, die ich ebenfalls habe.


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo Danny,


    das Gedicht steht im 1967 erschienenen Gedichtband "Die Sternenreuse. Gedichte 1925-1947", es stammt also aus Huchels "erster Schaffensphase" (Kindlers Neues Literaturlexikon). Vielleicht kannst Du Dir mal den Artikel über Huchels Lyrik in <i>Kindlers Literaturlexikon</i> durchlesen.


    Daß Du mit Deiner Interpretation vollkommen falsch liegst, glaube ich nicht. Wichtig ist, daß Du Deine Interpretation anhand des Textes begründen kannst. Du hast das ja in Kurzform nachvollziehbar dargestellt. Es kann natürlich immer sein, daß man irgendwelche Anspielungen übersieht, die man erst dann entdeckt, wenn man außer dem Text noch zusätzliche (z.B. biographische) Quellen heranzieht.


    Du könntest in einer Bibliothek auch einmal im von Wulf Segebrecht herausgegebenen <i>Fundbuch der Gedichtinterpretationen</i> nachschlagen. Dort ist verzeichnet, wo welches Gedicht interpretiert worden ist. Vielleicht findest Du dort eine Dir zugängliche Interpretation, in der etwas Erhellendes steht.


    Noch eine Anmerkung zu "unpersönliche Wendungen". Das ist mir insbesondere im letzten Vers auch deutlich aufgefallen ("da sich der Löwenzahn weiß zerblies"). Da steht eben nicht "du zerbliest" oder "ich zerblies".


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo Danny,

    Zitat von "Danny"


    Ich habe echt keine Ahnung, auf was Huchel hier andeutet... aber ich persönlich würde denken, dass er auf eine verschmähte Liebe anspricht...?!


    das Gedicht trägt den Titel "Löwenzahn" und nicht "verschmähte Liebe". ;-)


    Damit will ich sagen, daß Du Dich zunächst einmal damit beschäftigen solltest, was in diesem Gedicht tatsächlich erwähnt und beschrieben wird. Ist Dir die Bedeutung jedes einzelnen Wortes klar? Welche Situation (Zeit, Ort) wird in dem Gedicht geschildert? Welche Bilder werden für den titelgebenden Löwenzahn verwendet (Mond, Kugel, Lampe, Docht, [Löwenzahn-]Licht)? Welche Personen sind im Gedicht erkennbar (Analyse der Kommunikationsstruktur)? Dazu betrachtet man die Personalpronomen (ich, du usw.) und die zugehörigen Possessivpronomen (mein, dein usw.). In der letzten Strophe erkennt man an dem Wort "mich", daß sich hier ein 'Ich' äußert ("lyrisches Ich" wird das auch genannt, ein nicht unumstrittener Ausdruck). In den ersten drei Strophen wird von diesem Ich ein 'Du' angeredet. Wer genau sich hinter dem 'Ich' und hinter dem 'Du' verbirgt, wird nicht ausdrücklich gesagt. Sind das ein Mann und eine Frau? Oder vielleicht gar nur eine Person (also ein Ich, das sich selbst rückblickend mit 'du' anspricht)? Kann man da irgendeine Möglichkeit mit Sicherheit ausschließen? Welche Vorstellung hast Du selbst beim Lesen gehabt?


    Noch ein paar Hinweise: Die Farbe Weiß spielt eine zentrale Rolle in diesem Gedicht (auch bei "Schaum", "Mond", "Licht", "Schnee" denkt man an Weißsein oder an Helligkeit). Welche Symbolik verbindest Du mit der Farbe Weiß? In der vierten Strophe gibt es ja den schon erwähnten Wechsel vom angesprochenen Du zum sich äußernden Ich. Was ändert sich an dieser "Bruchstelle" im Gedicht (Perspektive, Zeit, Stimmung usw.)? Beim Lesen der letzten Strophe denke ich an Vergänglichkeit und Verlust, ein melancholischer Rückblick auf ein früher erlebtes wunschloses Glücklichsein. Das ist umfassender als die von Dir erwähnte "verschmähte Liebe", geht aber in dieselbe Richtung.


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo zusammen,


    der erste Band der F.A.Z.-Edition <i>Klassiker der Comic-Literatur</i> ist kürzlich erschienen. Alle Bände im Überblick:


    1. Superman (ab 05.09.2005)
    2. Peanuts (ab 12.09.2005)
    3. Prinz Eisenherz (ab 19.09.2005)
    4. Die Fantastischen Vier (ab 26.09.2005)
    5. Donald Duck (ab 04.10.2005)
    6. Strizz (ab 10.10.2005)
    7. Batman (ab 17.10.2005)
    8. Tarzan (ab 24.10.2005)
    9. Blueberry (ab 31.10.2005)
    10. Hägar (ab 07.11.2005)
    11. Corto Maltese (ab 14.11.2005)
    12. The Simpsons (ab 21.11.2005)
    13. Will Eisner (ab 28.11.2005)
    14. Schlümpfe (ab 05.12.2005)
    15. Spider-Man (ab 12.12.2005)
    16. Micky Maus (ab 19.12.2005)
    17. Dilbert (ab 27.12.2005)
    18. Gaston (ab 02.01.2006)
    19. Fritz the Cat (ab 09.01.2006)
    20. Lucky Luke (ab 16.01.2006)


    Siehe dazu auch die entsprechende Webseite bei faz.net: <a href="http://www.faz.net/s/RubFB1F23496FFD4995B7667A516ABDD8AD/Doc~E6F83BF723E35437B822102A81064D519~ATpl~Ecommon~Scontent.html">Klassiker der Comic-Literatur</a>.


    Zum ersten Band (Superman) ein Artikel von Andreas Platthaus: <a href="http://www.faz.net/s/Rub1DA1FB848C1E44858CB87A0FE6AD1B68/Doc~E5162203C76C148D9B33F9BB3FBB45F85~ATpl~Ecommon~Scontent.html">Das Millionenspiel um einen Helden</a>.


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo Imrahil,


    über Horaz-Gesamtausgaben kann ich zwar nichts Erhellendes beitragen, aber die Übersetzung von Horaz' <i>Oden und Epoden</i> von Bernhard Kytzler gefällt mir sehr gut. Ich habe eine zweisprachige Reclamausgabe dieser Übersetzung. Mir gefällt daran, daß die lateinische Wortfolge im Deutschen einigermaßen adäquat wiedergegeben ist (soweit das überhaupt möglich ist). Die originale Abfolge der Verse und Strophen kann man deshalb auch im Deutschen nachvollziehen, die Gedanken und Bilder empfindet man (ungefähr) in der Reihenfolge wie sie auch im Lateinischen auftreten. Das erinnert an die Art wie Hölderlin übersetzt und gedichtet hat, denn er hat es eigentlich überhaupt erst möglich gemacht, daß man im Deutschen so übersetzen kann, also in gewissem Sinne ein Deutsch mit griechischer oder lateinischer Grammatik verwendet. Ein derartiges Deutsch klingt natürlich gewöhnungsbedürftig, das muß nicht jedem gefallen. Aber wem so etwas nicht gefällt, der kann wahrscheinlich auch nichts mit Hölderlin anfangen, was bedauerlich wäre. ;-) Die Übersetzung von B. Kytzler klingt jedenfalls sehr poetisch, wie ich finde. Bei einer zweisprachigen Ausgabe erwartet man ja eher eine zwar sehr korrekte, aber eben meist auch unpoetische Übersetzung.


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo Sandhofer,


    ich habe jetzt noch einmal in die von mir im anderen Forum erwähnten <i>Gespräche der Aloisia Sigaea</i> geschaut. Die Klitoris wird dort im dritten Gespräch auf gut einer halben Seite besprochen. In dieser genauen und anschaulichen Schilderung wird die Klitoris ganz eindeutig als ein der sexuellen Lustgewinnung dienendes Organ dargestellt. Das ist auf Seite 33 in der Übersetzung, die ich habe: <i>Johannes Meursius [Nicolas Chorier]: Die Gespräche der Aloisia Sigaea. Aus dem Lateinischen übertragen von Wilhelm Dimetrius. Hamburg: Gala, 1970.</i> Eine prächtige Ganzlederausgabe auf Bütten gedruckt, die ich im Januar dieses Jahres für einen Spottpreis via booklooker.de gekauft habe. :-) Der Originaltitel lautet übrigens: <i>Joannis Meursii / Elegantiae / Latini Sermonis / seu Aloisia Sigaea Toletana / De Arcanis Amoris & Veneris / Adjunctis Fragmentis quibusdam Eroticis.</i>


    Die Übersetzung, die ich habe, beruht auf der zweiten, erweiterten Auflage von 1678. Erweitert wurde diese Auflage im wesentlichen nur um ein zusätzliches, siebtes Gespräch am Ende des Buches, so daß die erwähnte Stelle im dritten Gespräch wohl auch schon im Erstdruck (wahrscheinlich 1659 erschienen) vorhanden war.


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo Maria,


    eines der ersten Reclambüchlein, das ich gelesen habe, war "Unterm Birnbaum" von Fontane. Das habe ich in der 9. Klasse gelesen, aber ob es das allererste Reclam war, habe ich vergessen. ;-) Irgendeine Schullektüre war es jedenfalls, denn freiwillig habe ich seinerzeit noch keine Reclams gelesen, was sich später aber geändert hat. Mittlerweile haben sich in meinem Regal sicher schon über 50 Bände dieser kleinen gelben (oder grünen, orangefarbenen usw.) Reclambüchlein angesammelt.


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo xenophanes und Epikur!


    Zitat von "xenophanes"

    Das sind oft keine Übersetzungsfehler. Ab und zu hat Cervantes solche Fehler gemacht. Einige davon, werden dann im zweiten Teil lustigerweise von den Figuren besprochen. Wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, ist dieser "Eselfehler" auch darunter.


    Es trügt Dich nicht. :-) Das steht im 27. Kapitel des zweiten Teiles:


    Zitat

    Dieser Gines von Pasamonte, welchen Don Quixote Gineslein Paraublingen nannte, war derselbe, welcher dem Sancho Pansa seinen Grauen stahl, welches, da es durch Schuld der Drucker im ersten Teile nicht erzählt ist, wie oder wann solches geschehen, manche auf die Meinung gebracht hat, das kurze Gedächtnis des Verfassers habe das verschuldet, was doch nur ein Fehler der Presse ist. Kurz also, Gines stahl ihn, indem Sancho Pansa auf ihm schlief, wobei er sich derselben List und Art bediente, wie Brunelo dem Sacripante, als er Albraca belagert hielt, das Pferd unter den Beinen wegstahl. Nachher erhielt Sancho den Esel wieder, wie oben erzählt ist.


    Das ist die Tieckübersetzung von der CD-ROM der Digitalen Bibliothek (als Textgrundlage wird dort die Ausgabe <i>Berlin: Rütten & Loening, 1966</i> verwendet). In meiner Diogenes-Taschenbuchausgabe steht das auf Seite 687 f. Obwohl diese Übersetzung laut Titelblatt ebenfalls von Tieck ist, fängt dieser Abschnitt dort so an:


    Zitat

    Dieser Gines Friedberg, welchen Don Quixote Gineslein Diebsfinger nannte [...]


    Tieck ist also nicht gleich Tieck.


    Zitat von "Epikur"

    Kapitel 23(S.187):
    "...;so folgte er seinem Herrn,quer über seinem Esel sitzend,aus dem Beutel herauslangend, in seinen Mund hineinstopfend, wobei er für ein neues Abenteuer, solange er auf solche Weise reiste , nicht einen Pfennig gegeben hätte."


    Zum Vergleich die erwähnte CD-ROM-Version:


    Zitat

    So folgte er seinem Herrn, mit allen dem beladen, was der Graue hätte tragen sollen, aus dem Beutel herauslangend und in seinen Wanst hineinstopfend, wobei er für ein neues Abenteuer, solange er sich so befand, nicht einen Pfennig gegeben hätte.


    Da wurde dieser Irrtum also verbessert. Es ist eben die Frage, was im Original steht. Diesen Roman gibt's natürlich auch in spanischer Sprache im Netz, aber welcher dieser Online-Texte zuverlässig ist und welcher nicht, weiß ich leider nicht.


    Zitat von "Epikur"

    Kapitel 23(S.191):
    "suchen wir ihn aber nicht,so ist die Vermutung, daß er der Eigentümer sein möchte, für uns so gut ein Verbrechen, als wenn wir es wüßten.also,Freund Sancho, möge dir das Suchen kein Verdruß erregen ,denn es ist meine Sache, ihn aufzufinden.Mit diesen Worten spornte er den Rosinante, und Sancho folgte auf seinem Esel nach.


    Auch hier weicht die CD-ROM-Version ab:


    Zitat

    [...] Mit diesen Worten spornte er den Rozinante, und Sancho folgte zu Fuß und beladen nach.


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo zusammen,


    Zitat von "giesbert"

    Derzeit les ich den Don Quijote in der Übersetzung von Anton M. Rothbauer, der ich u. a. entnommen habe, dass Don Quijote mitnichten der "Ritter von der traurigen Gestalt" ist (das sei, merkt der Übersetzer an, "ein absurder Übersetzungsfehler, der, nie ausgemerzt, bereits zu einem Bestandteil des deutschen Sprachschatzes und der deutschen Literatur" geworden sei), sondern der "Ritter mit dem Kläglichen Gesicht".


    Ein Übersetzungsfehler hält sich nur dann über so lange Zeit, wenn er <i>nicht</i> absurd ist. ;-) Don Quixote ist ja in seiner gesamten Erscheinung kläglich, das ist nicht nur auf sein Gesicht beschränkt. Außerdem klingt »Ritter von der traurigen Gestalt« eindeutig besser als das eher banale »Ritter mit dem kläglichen Gesicht«.


    Schreibt Rothbauer eigentlich noch etwas Genaueres über diesen Übersetzungsfehler? Im Spanischen heißt es offenbar »el caballero de la triste figura«, was laut Grimmschen Wörterbuch schon in der ersten deutschen (Teil-)Übersetzung (sie ist 1648 erschienen) mit »Ritter von der traurigen Gestalt« wiedergegeben worden ist. Über den Übersetzer, Joachim Caesar (geboren um 1585), heißt es in Killys Literaturlexikon:


    Zitat

    C.s Hauptverdienst ist seine Teilübertragung, die erste dt. überhaupt, von Cervantes' Don Quijote (Kap. 1-23), die, obwohl schon 1621 u. 1624 angekündigt, erst 1648, vielleicht postum, unter dem Pseud. Pahsch Bastel von der Sohle in Frankfurt/M. erschien
    [...]
    C.s Don Kichote, der noch heute durch seine klare Sprache besticht, hat späteren Übersetzern, so dem anonymen der Stuttgarter Ausgabe von 1837 u. Ludwig Braunfels, gelegentliche Anregungen vermittelt. Die ausführlichen übersetzungstechnischen Überlegungen C.s in der Vorrede stellen einen wichtigen Beitrag zur Übersetzungstheorie des 17. Jahrhunderts dar.


    Hat span. »figura« seinerzeit außer »Gesicht« nicht auch »Gestalt« bedeuten können? Im gegebenen Kontext mag die Bedeutung freilich so eindeutig sein, daß man tatsächlich von einem Übersetzungsfehler sprechen muß. Aber dabei sollte man auch bedenken, daß »Gestalt« im älteren Deutsch durchaus auch »Gesichtsausdruck« bedeuten konnte. Es könnte ja sein, daß Joachim Caesar diese Bedeutung im Hinterkopf hatte.


    Sind die modernen Ausgaben der Tieck-Übersetzung eigentlich bearbeitet? Es sieht fast so aus, denn die Diogenes-Taschenbuchausgabe (1987) der Tieck-Übersetzung weicht von der zitierten dtv-Ausgabe erheblich ab:


    Zitat

    Hiermit entfernte sich der Bakkalaureus, und Don Quixote fragte Sancho, was ihn bewogen, ihn noch nie als jetzt erst den Ritter von der traurigen Gestalt zu nennen. »Ich will es Euch sagen«, antwortete Sancho, »ich habe Euch eine Weile bei dem Scheine der Fackel betrachtet, die dem armen Manne gehörte, und da spielte Euer Gnaden wahrhaftig die jämmerlichste Gestalt, die ich noch in meinem Leben gesehen habe, ob es nun davon kam, daß Ihr Euch im Streit so angriffet, oder weil Euch die Vorder- und Backenzähne fehlen, weiß ich nicht zu sagen.«


    Auf der Weltliteratur-CD-ROM der Digitalen Bibliothek ist ebenfalls eine Tieck-Übersetzung (»Hier nach der Übers. v. Ludwig Tieck, Berlin: Rütten & Loening, 1966.«), in der statt <i>»die dem armen Manne gehörte«</i> die merkwürdige Formulierung <i>»die jener Übelfahrende trug«</i> verwendet wird:


    Zitat

    Hiermit entfernte sich der Baccalaureus, und Don Quixote fragte Sancho, was ihn bewogen, ihn noch nie als jetzt erst den Ritter von der traurigen Gestalt zu nennen. »Ich will es Euch sagen«, antwortete Sancho; »ich habe Euch eine Weile bei dem Scheine der Fackel betrachtet, die jener Übelfahrende trug, und da spielte Euer Gnaden wahrhaftig die jämmerlichste Gestalt, die ich noch in meinem Leben gesehen habe, ob es nun davon kam, daß Ihr Euch im Streit so angriffet oder weil Euch die Vorder- und Backenzähne fehlen, weiß ich nicht zu sagen.«


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo Fosca,

    Zitat von "Fosca"

    Vom Kriterium der jeweiligen Übersetzung der einzelnen Bücher mal abgesehen.


    Was gefällt euch lieber? Die kleinen Manesse Bändchen, oder lieber die großen Winkler Dünndruckausgaben?


    ob es sich um eine gute oder schlechte Übersetzung handelt, finde ich aber schon sehr wichtig. Davon würde ich nicht absehen wollen. ;-)


    Die Winkler-Dünndrucke sehen im Regal wirklich gut aus, die habe ich mir früher gerne gekauft und natürlich auch gelesen. Mittlerweile gefallen mir kleinformatige und leichtere Bände besser, weil sie so schön in der Hand liegen und man die einzelne Seite besser überblicken kann; wobei ja die Winkler-Dünndrucke eigentlich gar nicht so großformatig sind, aber die Seiten sind eben in der Regel ziemlich eng bedruckt.


    Die verschiedenen Manesse-Bände können sich übrigens im Druckbild (d.h. der verwendeten Schrift) unterscheiden, wie ich kürzlich feststellen mußte, als ich mir die Manesse-Übersetzung der Sturmhöhe zugelegt habe, die in einer anderen (scheußlicheren) Schrift gedruckt ist als die Manesse-Bände, die ich bislang kannte.


    Mein Buchgeschmack war ohnehin nie so einseitig, daß ich mir längere Zeit beispielsweise nur Winkler- oder nur Manesse-Ausgaben gekauft hätte. Bei meinen Buchkäufen wechsele ich auch heute noch munter zwischen Reclam-Büchlein, Taschenbüchern, fadengehefteten Büchern in Leineneinbänden und älteren Halblederausgaben hin und her, wobei ich auch an einfachen Ausgaben meine Freude habe. Die "Adriatische Rosemund" von Zesen, die ich kürzlich zu Ende gelesen habe, ist beispielsweise eine einfache broschierte Ausgabe von 1899 (erschienen bei Niemeyer in der Reihe "Neudrucke deutscher Litteraturwerke"), deren Seiten ich vor dem Lesen zum Teil erst noch aufschneiden mußte. Trotz seines unscheinbaren und kümmerlichen Aussehens ist dieses sorgfältig edierte Buch eine Zierde für jede Bibliothek. Innere Werte zählen bei Büchern eben auch. :-)


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo zusammen,


    Zitat von "sandhofer"


    Wer sich allerdings andere, ältere Übersetzungen gewohnt ist, wird mit dieser hier Mühe haben ...


    daß man mit der Gute-Nachricht-Bibel Mühe hätte, kann ich mir eigentlich nicht vorstellen, denn die ist, wie schon gesagt, sehr leicht verständlich; ungewohnt kann sie einem natürlich schon vorkommen, wenn man eine andere Übersetzung gut kennt und gewöhnt ist. Ich habe die Gute-Nachricht-Bibel und die (moderne) Lutherübersetzung auf meinem Handheld, zwischen denen kann ich ohne Probleme wechseln, nicht nur technisch, sondern auch geistig. ;-)


    Aus der Lutherbibel sind natürlich viele Wendungen und Redensarten in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen ("sein Licht unter den Scheffel stellen" o.ä.), weshalb sie insbesondere für Klassikerleser sehr interessant ist. In einem Gedicht von G. A. Bürger (Die Weiber von Weinsberg) läßt Kaiser Konrad den Einwohnern einer belagerten Stadt vom Herold verkünden: "Ihr Schurken, komm' ich 'nein, so wißt,/ Soll hängen, was die Wand bepißt." Diesen derben Ausdruck (gemeint sind damit natürlich die Männer) hat sich Bürger nicht etwa selbst ausgedacht, wie ein heutiger Leser vielleicht glauben könnte, sondern das ist ein biblischer Ausdruck, wie jeder weiß, der die (alte) Lutherübersetzung gelesen hat. :-)


    Schöne Grüße,
    Wolf