Hallo Friedrich-Arthur,
Zitat von "Friedrich-Arthur"
Bei Hölderlin treffe ich eigenartigerweise noch recht oft auf sehr positive und begeisterte Anhänger(innen), obwohl er in der Öffentlichkeit eigentlich recht wenig präsent ist.
ich glaube, Hölderlin gehört zu den Autoren, die man entweder mit Begeisterung liest oder überhaupt nicht. Es ist gut möglich, daß man nicht gleich den richtigen Zugang zu Hölderlin findet und man das Buch dann enttäuscht und einigermaßen ratlos wieder zuklappt. Bei mir hat es jedenfalls einige Anläufe gebraucht, ehe ich mit Hölderlin etwas anfangen konnte, aber die Beharrlichkeit hat sich ausgezahlt, denn es ist ein außergewöhnliches und bereicherndes Leseerlebnis, das einem andere Dichter so nicht bieten können.
Zitat von "Friedrich-Arthur"
Vielleicht lässt er sich einfach nicht sinnvoll und gut in andere Sprachen übersetzen, was bei Lyrik auch recht verständlich ist.
Sein Deutsch klingt ja auch für Deutsche streckenweise recht fremdartig, weil er Wörter auf eine Weise zusammengefügt hat, wie man es bis dahin im Deutschen so noch nie gesehen hatte. Er hatte darin natürlich Vorläufer (insbesondere Klopstock), auf die er aufbauen konnte, aber Hölderlin hat die syntaktischen Möglichkeiten des Deutschen bis zu den äußersten Grenzen ausgeschöpft, in manchen seiner Gedichte mag er diese Grenzen auch überschritten haben. Das führt zu einem eigenwilligen und unverwechselbaren Sprachklang, nach dem man süchtig werden kann. Wobei ich finde, daß da immer wieder unvermutet eine seltsam anmutende Komik aufblitzt, die sicherlich nicht beabsichtigt ist, die aber wohl zwangsläufig entsteht, wenn man mit so großer Ernsthaftigkeit und unbedingter Hingabe dichtet, wie es Hölderlin getan hat. Ein Mensch, der reden will wie ein Gott, hat immer etwas Lächerliches an sich, weil er trotz allem Wissen und aller Kunst eben doch immer nur ein Mensch bleibt.
Insofern finde ich die unfreiwillige Komik in Hölderlins Gedichten gar nicht störend, sondern sogar sehr sympathisch.
Bei aller Begeisterung für Hölderlin möchte ich auch auf das Gedicht "Der Tod fürs Vaterland" hinweisen, das zeigt, daß eine so ernsthafte und unironische Art zu dichten auch Schattenseiten haben kann. Die Schlußverse dieses Gedichtes lauten bekanntlich: <i>Lebe droben, o Vaterland,/ Und zähle nicht die Toten! Dir ist,/ Liebes! nicht Einer zu viel gefallen.</i> Das ist Poesie, die den Kontakt mit der Wirklichkeit nicht standhält. Angesichts eines realen Schlachtfeldes klingen solche Verse wie blanker Zynismus. Natürlich muß man das Gedicht im Kontext der damaligen Zeit und Hölderlins gesamter Dichtung sehen, was manches in einem anderen Licht erscheinen läßt, aber trotzdem hinterläßt dieses Gedicht in mir ein gewisses Unbehagen.
Wenn Du, Friedrich-Arthur, Dir irgendwann einmal eine Gedichtausgabe von Hölderlin zulegen willst, solltest Du eine kommentierte Ausgabe nehmen. Denn bei manchen Gedichten, wie etwa <a href="http://gutenberg.spiegel.de/hoelderl/gedichte/Druckversion_chiron.htm">Chiron</a>, müßte man ohne die Hilfe eines Kommentars schon sehr viel Mühe aufwenden, ehe man versteht, worum es in dem Gedicht genau geht. Es ist ja kürzlich eine <a href="http://www.suhrkamp.de/buecher/taschenbuch/dkv/2005/oktober/68004.htm">Taschenbuchausgabe des Deutschen Klassikerverlages</a> herausgekommen, die 18 Euro kostet. Die kenne ich zwar nicht, aber ich habe eine Insel-Taschenbuchausgabe, die ebenfalls von Jochen Schmidt kommentiert ist. Diesen Kommentar fand ich sehr gut und hilfreich, ehrlich gesagt fand ich ihn sogar hilfreicher als den Kommentar der wesentlich teureren dreibändigen Hölderlin-Werkausgabe von Hanser, die ich ebenfalls habe.
Schöne Grüße,
Wolf