Beiträge von Wolf

    Hallo,


    werden da Erstausgaben abgedruckt (unverändert oder modernisiert?) oder stammen die Texte aus späteren (Werk-)Ausgaben? Mir kommt es ein wenig suspekt vor, daß man auf der Website nichts Eindeutiges zur jeweiligen Textgrundlage erfährt. Oder habe ich da etwas übersehen? Bei Shakespeare und Voltaire ist auf der Website noch nicht einmal der Übersetzer angegeben.


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo zusammen, hallo Hubert,


    Zitat von "Hubert"

    [...] Da merkt man, dass Littmann uns doch wesentliches einfach vorenthält.


    Littmann hat aber eine andere Textgrundlage verwendet als Ott. Ob er uns an dieser Stelle etwas vorenthält, kann man deshalb nicht so ohne weiteres sagen. Immerhin kommt auch bei Burton (der ja kein Kind von Traurigkeit war, wie wir schon festgestellt haben ;-)) kein Kaninchen mit flauschigen Ohren vor:


    »Her throat recalled the antelope's, and her breasts, like two pomegranates of even size, stood at bay as it were, her body rose and fell in waves below her dress like the rolls of a piece of brocade, and her navel would hold an ounce of benzoin ointment.«


    Dazu erläutert Burton in zwei Fußnoten:


    The "high-bosomed" damsel, with breasts firm as a cube, is a favourite with Arab tale tellers. Fanno baruffa is the Italian term for hard breasts pointing outwards.


    A large hollow navel is looked upon not only as a beauty, but in children it is held a promise of good growth.


    Die "Kaninchenohren" hätte sich Burton bestimmt nicht entgehen lassen, wenn sie in seiner Textgrundlage vorhanden gewesen wären. ;-)


    Die Rahmenerzählungen bei Ott und Littmann unterscheiden sich in einigen inhaltlichen Details, und auch bei der Auswahl und der Anordnung der einzelnen Geschichten gibt es Unterschiede. Statt der Geschichte vom "Kaufmann mit dem Papagei" (Ott, S. 63) findet man bei Littmann die "Geschichte von König Sindibâd" und seinem Falken (S. 62 in meiner Insel-Ausgabe). Nach der Geschichte vom Buckligen kommt bei Ott die Geschichte "Nuradin Ibn Bakkar und die Sklavin Schamsannahar", die im ersten Band der Littmannübersetzung gar nicht enthalten ist; man findet sie dort erst im 2. Band ab S. 289.


    Noch einmal zurück zum Lob der Schönheit. Aufgefallen ist mir, daß auch die männliche Schönheit teilweise sehr enthusiastisch geschildert wird. In der 65. Nacht wird beispielsweise bei einem Jüngling "die Rose seiner Wange" und "seiner Zähne Perlenband" gepriesen, außerdem auch "die Schlankheit seiner Taille" und das "Wiegen seiner Hinterbacken".


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo xenophanes,


    [quote author="xenophanes"]
    Erstaunlich finde ich wie "modern" die Erzählstrukturen sind. Damit meine ich einerseits das doch sehr raffinierte Spannungsmanagement, andererseits die Komplexität der narrativen Klammern. Die Geschichten innerhalb der Geschichten von Geschichten und das Schließen dieser Klammern ist doch sehr gekonnt gemacht. Speziell wenn man es mit dem vergleicht, was im zeitgenössischen Europa (oder gar Deutschland) geschrieben wurde, etwa mit frühneuhochdeutschen Prosaromanen.
    [/quote]


    ja, diese Verschachtelung der Geschichten finde ich auch sehr beeindruckend. Es scheint mir so zu sein, daß beim Lesen oder Hören durch diesen Kunstgriff das Gefühl der Fülle verstärkt wird. Fünf ineinander verwobene Geschichte wirken umfangreicher als fünf Geschichten, die einzeln und nacheinander erzählt werden. Auffällig ist auch die Detailfreude. Es wird beispielsweise genau aufgezählt, welche einzelnen Speisen für ein Festmahl eingekauft werden.


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo zusammen, hallo Ursula,


    eine besonders »tiefe islamische Frömmigkeit« konnte ich da eigentlich auch nicht erkennen. :rollen: Man darf sich nicht von der häufigen Verwendung von »Gott« in allerlei Ausrufen in die Irre leiten lassen, denn solche formelhaften Wendungen verwendeten nicht nur besonders fromme Muslime. Schon in der Rahmenerzählung geht es bei der Sexualität recht unfromm zu. Die Königin treibt es mit dem schwarzen Sklaven Masud, während ihr Mann abwesend ist (in der Übersetzung von Richard Burton heißt es dazu übrigens in einer kuriosen Fußnote: »Debauched women prefer negroes on account of the size of their parts. I measured one man in Somali-land who, when quiescent, numbered nearly six inches.« Schon erstaunlich, mit was sich dieser Übersetzer so beschäftigt hat ;-)), und später in der Szene mit dem Ifrit werden die beiden Brüder sogar von der schönen, ringesammelnden Frau mehr oder weniger vergewaltigt. Erstaunlich fand ich, wie häufig und mit welcher Selbstverständlichkeit in <i>1001 Nacht</i> Wein getrunken wird, oft sogar bis zur Betrunkenheit. Das ist auch alles andere als »tiefe islamische Frömmigkeit«.


    Das Gefühl, daß ausgerechnet »Der Träger und die drei Damen« aus einer anderen Quelle stammen würde, hatte ich in dieser Form nicht, denn daß hier verschiedene, eigentlich nicht zusammengehörige Stücke zusammengestellt und ineinander verwoben worden sind, ist mir schon vorher öfter aufgefallen. Besonders bei der Rahmenerzählung ist mir das aufgefallen, die kam mir etwas zusammengestückelt vor. Dagegen fand ich beispielsweise die Geschichte vom <i>Fischer und dem Dschinni</i> wesentlich kunstvoller »zusammengebaut«. Die verschiedenen Einzelgeschichten ergeben hier ein überzeugendes Ganzes.


    Was den Zweck der Sammlungen betrifft: Soweit ich gelesen habe, waren das in vielen Fällen einfach nur Gedächtnisstützen für die Erzähler, weshalb sie oft auch in einem umgangssprachlichen Arabisch verfaßt worden sind. Spätere Fassungen, insbesondere auch die arabischen Drucke aus dem 19. Jh. sind dann an die Schriftsprache angepaßt worden.


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo Ursula!


    Zitat von "Ursula"

    Etwas erstaung war ich dann über den Gang der Dinge in der 8. Nacht (S. 48-49):
    Dort wird die Geschichte des dritten Alten nicht mehr erzählt, sondern bloss noch auf deren Erzählung verwiesen. Sehr gerafft wird dann noch über das Schicksal des Kaufmann berichtet. Auf diese Art der 'abkürzenden Berichterstattung' war ich nicht gefasst.


    Das hat mich auch erstaunt. Vielleicht hatte der Schreiber keine passende Geschichte mehr zur Hand, weil da in seiner Vorlage eine Lücke war. In späteren arabischen Fassungen und europäischen Übersetzungen wird auch die Geschichte des dritten Alten erzählt. Beispielsweise in Littmanns Übersetzung kann man diese Geschichte nachlesen, wobei das eine Art Kurzfassung einer Geschichte ist, die später noch ausführlicher erzählt wird. Im <i>Märchenlexikon</i> von Walter Scherf heißt es dazu im Artikel "Die Geschichte des dritten Scheichs" u. a.:


    "In der LITTMANNschen <i>1001-Nacht-Ausgabe</i> steht im ersten Band unter dem Titel <i>Die Geschichte des dritten Scheichs</i> auf den Seiten 46-48 eine einprägsam knappe Fassung des Märchens von den Eheleuten, die sich gegenseitig in Tiergestalt verwünschen. Enno LITTMANN sieht in dieser Kurzfassung das Vorbild für die wesentlich ausführlichere, im letzten Band mitgeteilte -> <i>Geschichte des Sîdi Nu'mân</i>. Er nimmt an, daß sie, zusammen mit den Geschichten des ersten und des zweiten Scheichs, 'schon sehr früh in das Baghdader Werk aufgenommen' worden sind (Bd. 6, S. 683)."


    Zitat von "Ursula"

    Und wenn ich es recht sehe, dann hat Schahrasad an dieser Stelle auch sämtliche Erzählklammern geschlossen. Damit geht sie eigentlich ein recht grosses Wagnis ein. Schliesslich hat der König wenige Zeilen zuvor noch einmal bekräftigt, dass er Schahrasad töten wird, sobald er gehört habe, wie es mit dem Alten und dem Dschinni weitergeht.


    Aber Schahrasad fängt ja noch in derselben Nacht die <i>Geschichte vom Fischer</i> an, die noch spannender und aufregender als das zuvor Gehörte sein soll. :-) Die Nacht endet also wieder mitten in einer Geschichte, so daß der König auf die Fortsetzung gespannt sein kann. Das Ende der <i>Geschichte vom Fischer</i> fällt dann allerdings tatsächlich mit dem Ende einer Nacht zusammen, und die nächste Nacht beginnt mit einer ganz neuen Geschichte, nämlich der Geschichte vom <i>Träger und den drei Damen</i>.


    Wenn man die Einteilung der Nächte mit der Einteilung in Littmanns Übersetzung vergleicht, dann stellt man übrigens fest, daß eine einzelne Nacht bei Littmann viel mehr Text umfaßt. Die drei ersten großen Geschichten (Kaufmann und der Dschinni; Der Fischer und der Dschinni; Der Träger und die drei Damen) umfassen bei Littmann keine zwanzig Nächte, bei Ott an die siebzig Nächte. Erzählt wird aber in beiden Fassungen ungefähr der gleiche Inhalt (es gibt freilich auch Abweichungen). Im Galland-Manuskript, auf dem Claudia Otts Übersetzung beruht, waren die Nächte also offenbar kürzer. Später hatte man vielleicht insgesamt eine größere Stoffmenge zur Verfügung, so daß man die Nächte großzügiger auffüllen konnte. Die Einteilung in Nächte ist ja in gewissem Sinne ohnehin willkürlich, denn ein Werk, aus dem man tatsächlich 1001 Tage oder Nächte lang jeweils ein oder zwei Stunden vorlesen könnte, ohne sich zu wiederholen, hätte ja einen monströsen Umfang: einige Zehntausend Seiten.


    Danke übrigens für die zitierten Antworten von Claudia Ott zu Deinen Fragen. Sehr interessant. :-)


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo zusammen, hallo Ursula,


    herzlich willkommen im Klassikerforum und in unserer Leserunde! :-) Es freut mich, daß Du <i>1001 Nacht</i> mitlesen und hier mitdiskutieren willst.


    Zitat von "Ursula"

    Ich habe mich vor einiger Zeit intensiver mit Märchen befasst.


    Ich habe auch mal eine mittelschwere Märchenphase durchgemacht, in deren Verlauf sich bei mir deutlich mehr als hundert Märchenbücher angesammelt haben. ;-)


    Auch Babur möchte ich - etwas verspätet, aber nicht minder herzlich - in unserer Leserunde willkommen heißen. :winken: Du, Babur, hattest u. a. folgendes geschrieben:


    Zitat von "Babur"

    Ich stelle mir den Basar zu Kairo, Bagdad oder Damaskus vor, ein Erzähler deklamiert vor dem Café eine Geschichte. War es eine aus Tausendundeiner Nacht? Und wenn es am spannendsten wird, bricht er ab und verschwindet im Labyrinth der Gassen.


    Das war offenbar tatsächlich so ähnlich. Der englische Arzt Alexander Russell (1715-1768), der lange Zeit in Syrien gelebt hatte, beschrieb einen typischen Kaffeehauserzähler folgendermaßen (vgl. A. Russell: Naturgeschichte von Aleppo, Göttingen 1797/98, S. 199):


    »Er geht bei seinem Erzählen mitten im Zimmer auf und ab und bleibt nur dann und wann still stehen, wenn der Ausdruck eine emphatische Stellung erfordert. Man hört ihm gemeiniglich mit großer Aufmerksamkeit zu, aber nicht selten bricht er mitten in einer anziehenden Begebenheit, wo die Erwartung seiner Zuhörer aufs höchste gespannt ist, unversehens ab, entwischt aus dem Zimmer und läßt seine Helden und seine Zuhörer in der äußersten Verlegenheit zurück. [...] Kaum ist er davon, so fängt die Gesellschaft in abgesonderten Partien über die Rollen des Lustspiels oder über den Ausgang der unvollendeten Begebenheit an zu streiten. Der Streit wird nach und nach ernsthaft, und entgegengesetzte Meinungen werden mit ebenso vieler Hitze verteidigt, als wenn das Schicksal der Stadt davon abhinge.«


    Dieses Zitat (und die Quellenangabe) habe ich im Nachwort dieser Märchensammlung gefunden: <i>Löwengleich und Mondenschön. Orientalische Frauenmärchen. Hrsg. von Johannes Merkel. Zürich: Unionsverlag, 1994.</i>


    In diesem Nachwort steht auch, daß es im Orient wahrscheinlich zwei unterschiedliche Erzählkulturen gab: eine männliche und eine weibliche. Hubert hat ja schon an anderer Stelle geschrieben, daß <i>1001 Nacht</i> ursprünglich von Männern für Männer erzählt worden war. Die professionellen Erzähler in den Kaffeehäusern oder auf den Bazaren waren stets männlich, und sie erzählten meist nur vor Männern ihre Geschichten (es gibt Berichte von Erzählern, die zu erzählen aufhörten, wenn Frauen dazukamen). Die weiblichen Märchenerzähler haben ihre Geschichten offenbar nur im privaten Rahmen erzählt, nicht in der Öffentlichkeit. Bemerkenswert ist, daß Schahrasad ihre Geschichten nicht unmittelbar dem König erzählt, sondern sie erzählt sie ihrer Schwester. Vielleicht war es auch in Wirklichkeit so, daß weibliche Märchenerzähler üblicherweise ein weibliches Publikum hatten.


    Ich bin inzwischen bei der 60. Nacht angelangt. Schon die zweite Geschichte vom "Fischer und dem Dschinni" zeigt ein auffallendes Merkmal von <i>1001 Nacht</i>: mehrere Geschichten werden kunstvoll ineinander verschachtelt. Schahrasad erzählt die Geschichte vom Fischer, in deren Verlauf der Fischer dem Dschinni die Geschichte vom König Yunan erzählt, in deren Verlauf wiederum der König seinem Wesir die Geschichte vom Kaufmann mit dem Papagei erzählt. Übrigens findet man die Geschichte vom Kaufmann mit dem Papagei auch bei Hans Sachs, nur ist da der Papagei eine geschwätzige Elster. Im "Nachtbüchlein" von Valentin Schumann, einem deutschen Schwankbuch aus dem Jahr 1559, findet man diese Geschichte ebenfalls (<a href="http://www.sagen.at/texte/maerchen/schwaenke/kaufmannmitelster.html">hier eine neuhochdeutsche Übersetzung</a>).


    Hubert hat die verschiedenen Übersetzungen angesprochen. Bei der Geschichte vom "Lastträger und den drei Damen" fällt natürlich schon auf, daß da das frivole Gespräch zwischen dem Lastträger und den drei Damen in älteren Übersetzungen nur sehr kurz oder zumindest recht zahm wiedergegeben wird. Bei Gustav Weil heißt es nur: »so oft der Träger sich eines unanständigen Ausdrucks bediente, schlugen alle drei Schwestern nach ihm«. Was er da genau gesagt hat, bleibt im Dunkeln. Littmann ist etwas ausführlicher, aber er läßt an den kritischen Stellen die arabischen Ausdrücke stehen, wenn ich das richtig im Kopf habe, das muß ich nachher nochmal nachlesen. Dagegen ist die englische Übersetzung von Richard Burton aus dem 19. Jh. (online bei gutenberg.org) schon sehr deutlich:


    »Then she came up out of the cistern and throwing herself on the Porter's lap said, "O my lord, O my love, what callest thou this article?" pointing to her slit, her solution of continuity. "I call that thy cleft," quoth the Porter, and she rejoined, Wah! wah, art thou not ashamed to use such a word?" and she caught him by the collar and soundly cuffed him. Said he again, Thy womb, thy vulva;" and she struck him a second slap crying, "O fie, O fie, this is another ugly word; is here no shame in thee?" Quoth he, "Thy coynte;" and she cried, O thou! art wholly destitute of modesty?" and thumped and bashed him.«


    Wobei durch die doch ziemlich vornehm anmutende Schreibung "coynte" das Niveau nicht völlig absinkt. :breitgrins:


    Was mir übrigens bei der Ott-Übersetzung noch aufgefallen ist: An mindestens zwei Stellen (beispielsweise S. 101) wird eine Frau als "fünf Spannen hoch" beschrieben. Das wäre kaum mehr als ein Meter, denn eine Spanne ist die Strecke zwischen gespreiztem Daumen und Zeigefinger (oder kleinem Finger). Sie ist wohl eher fünf Fuß hoch. Vielleicht hat Claudia Ott das Wort "Spanne" aus Gründen des Wohlklanges gewählt und weniger die konkrete Maßeinheit im Sinn gehabt.


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo xenophanes und Hubert,


    ich habe jetzt erstmal die einleitende Rahmenerzählung gelesen bzw. gehört, denn ich habe außer dem Buch auch die vollständige Hörbuchausgabe der Ott-Übersetzung (24 CDs), die es momentan bei Jokers verbilligt gibt, worauf Hubert <a href="http://klassikerforum.de/forum/index.php?thread/2168.msg25314#msg25314">heute an anderer Stelle</a> schon hingewiesen hat. An den Tracklängen des Hörbuchs sieht man übrigens sehr schön, daß die reale Erzählzeit der meisten Nächte oft deutlich kürzer als 10 Minuten ist, man könnte sich damit also in Wirklichkeit keine halben Nächte um die Ohren schlagen. ;-)


    Wenn man mal von Schahrasad absieht, kommen die Frauen in dieser Rahmenerzählung nicht besonders gut weg, sie werden als tückisch, lüstern und untreu beschrieben. Die beiden königlichen Brüder machen allerdings auch keine gute Figur, nicht nur bei der Begegnung mit dem Ifrit, wo sie sich weder durch Heldenmut noch durch Schlauheit auszeichnen, obwohl doch der ältere Bruder anfangs als "gewaltiger Ritter und kühner Held" bezeichnet wird. Es ist auch nicht gerade die feine Art, daß die schlechte Stimmung und Niedergeschlagenheit des jüngeren Bruders plötzlich wie weggeblasen ist, als er erkennt, daß sein Bruder ebenfalls betrogen wird. :-)


    Den zweiten Teil der "Tiersprachengeschichte" gegen Ende der Rahmenerzählung findet man übrigens so ähnlich auch in europäischen Märchen, beispielsweise in den russischen Märchen von Afanasjew: "Der Jäger und sein Weib" heißt das entsprechende Märchen in meiner Ausgabe (Übers. von Swetlana Geier). Oder noch früher (16. Jh.) dasselbe Motiv bei Straparola: "Federico von Pozzuoli, der die Sprache der Tiere versteht, wird von seiner Frau gedrängt, ihr ein Geheimnis zu verraten, worauf er sie windelweich prügelt", <a href="http://www.surlalunefairytales.com/facetiousnights/night12_fable3.html">hier in englischer Übersetzung</a>. Wie in der Rahmenerzählung von 1001 Nacht erfährt dort der Mann durch die Unterhaltung des Hundes mit dem Hahn, wie er die Neugier seiner Frau "heilen" kann.
    Das ist eine schwankhafte Umgestaltung eines wahrscheinlich viel älteren Märchens, dessen ursprüngliche Gestalt man vielleicht noch am besten im italienischen Märchen "Das Geheimnis der Schlange" erkennen kann (abgedruckt in den bei Diederich erschienenen <i>Italienischen Volksmärchen</i>, hrsg. von Felix Karlinger). Dort darf der Held überhaupt nichts von seinem Geheimnis erzählen, also nicht, daß er die Tiersprache versteht, und auch nicht, daß er sterben muß, wenn er darüber spricht.


    Das Ende der Rahmenerzählung fehlt uns leider, weil die Galland-Handschrift nicht vollständig ist, und deshalb natürlich auch auch in der Übersetzung von Claudia Ott das Ende fehlt. Galland selbst hatte gar keinen authentischen Schluß vorliegen, er hat selbst einen erfunden. Erst im Jahre 1804 entdeckte Hammer in einem arabischen Manuskript einen authentischen Schluß. Dort will der Sultan die Erzählerin am Ende trotzdem hinrichten lassen, erst als ihm Schahrasad drei Knaben zeigt, mit denen sie "während ihres Erzählens in der Tausend und Einen Nacht dreimal in die Wochen gekommen war", und dem Sultan erklärt, daß dies seine Kinder seien, begnadigt sie der Sultan gerührt und macht sie zu seiner Gemahlin. Hier war also das ganze Erzählen völlig umsonst, es ging zum einen Ohr rein und zum anderen wieder hinaus.


    Künstlerisch überzeugender ist der Schluß, den Maximilian Habicht in seinem tunesischen Manuskript gefunden hat. Dort wird der König durch die Weisheiten und Lehren, die er aus den Erzählungen ziehen konnte, geläutert. Die Macht des erzählenden Wortes bewirkt hier also einen Sinneswandel im König. In den Erzählungen von 1001 Nacht geht es ja auch oft darum, daß sich ein Erzähler durch sein Erzählen vom Tode rettet.


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hier noch einige Übersetzungen, die freilich jeweils auf anderen Texten beruhen (können), was man bei einem Vergleich immer bedenken sollte.


    Die englische Übersetzung von <b>Burton</b>, die viele interessante (manchmal auch kuriose) Anmerkungen enthält:


    <a href="http://www.gutenberg.org/browse/authors/b#a898">http://www.gutenberg.org/browse/authors/b#a898</a>


    Im 10. Band (Volume 10) der Burton-Übersetzung findet man eine umfangreiche Tabelle, in der aufgelistet ist, welche Erzählungen in welchen Sammlungen enthalten sind (in der Textdatei nach "COMPARATIVE TABLE" suchen). In dieser Tabelle sind auch die beiden deutschen Übersetzungen von Habicht und von Weil berücksichtigt; die bekannte Übersetzung von Enno Littmann erschien erst später, deshalb fehlt sie natürlich auch in der Tabelle.


    Die deutsche Übersetzung von <b>Gustav Weil</b> kann man beim Projekt Gutenberg-DE nachlesen:


    <a href="http://gutenberg.spiegel.de/weil/1001/inhalt.htm">http://gutenberg.spiegel.de/weil/1001/inhalt.htm</a>


    Die deutsche Übersetzung von <b>Max. Habicht, Fr. H. von der Hagen und Carl Schall</b> (erstmals 1825 erschienen) gibt es hier:


    <a href="http://www.wissen-im-netz.info/literatur/habicht/1001/index.htm">http://www.wissen-im-netz.info…ur/habicht/1001/index.htm</a>


    Diese Übersetzung beruht größtenteils auf der französischen Übersetzung von Gauttier, nur die letzten Nächte (ab der 885. Nacht) wurden von Maximilian Habicht direkt aus dem Arabischen übersetzt, und zwar aus einem neuentdeckten tunesischen Manuskript, das Habicht dann auch auf arabisch veröffentlicht hat (in den Jahren 1825-1843; das war die erste europäische Ausgabe im Originaltext).


    Wie viele sind wir jetzt? Ich habe immer noch den Verdacht, dass es nicht genügend Teilnehmer für eine produktive Leserunde sind ...


    Ich würde auf jeden Fall mitlesen. Aber mal sehen, ob sich noch jemand meldet (montaigne?).


    Schöne Grüße,
    Wolf


    ist bekannt wo Galland die anderen Erzählungen, die ja meines Wissens die bekannteren sind, hergenommen hat?


    Die Sindbad-Erzählungen stammen aus einem anderen, eigenständigen Manuskript. Galland hatte die Veröffentlichung dieser Erzählungen schon vorbereitet, als er das erwähnte 1001-Nacht-Manuskript in die Hände bekam, weshalb er die Veröffentlichung verschob und dann die Sindbad-Erzählungen in seine Übersetzung dieses Manuskriptes einarbeitete. Galland sprach übrigens ausdrücklich davon, daß das 1001-Nacht-Manuskript aus vier Bänden bestand, erhalten sind aber nur drei Bände (den Inhalt dieser drei Bände hat Claudia Ott übersetzt), weshalb möglicherweise nach Gallands Tod ein Band verlorengegangen ist. Einige der Erzählungen aus Gallands Übersetzung würden dann auf diesem verlorenen Band beruhen. Aber Galland hatte noch eine weitere wichtige Quelle: Galland schreibt in seinen Tagebüchern, daß er Anfang des Jahres 1707 von einem syrischen Christen namens Hanna, der nach Paris gekommen war, etliche Geschichten erhalten hat. Hanna hat Galland diese Geschichten erzählt bzw. aufgeschrieben. Darunter sind so bekannte Geschichten, wie "Aladin, oder die Wunderlampe" und "Ali Baba und die vierzig Räuber". Auf welche Überlieferung sich Hanna genau gestützt hat, weiß man nicht. Einige seiner Geschichten sind auch in anderen Handschriften überliefert, für viele Geschichten ist Hanna (bzw. Galland) allerdings die einzige oder zumindest die älteste Quelle.


    Galland hatte also drei Hauptquellen: ein (unvollständiges) 1001-Nacht-Manuskript, ein Manuskript mit den Sindbad-Erzählungen und seinen Gewährsmann Hanna.


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo zusammen,


    ich würde ebenfalls mitlesen - ob im Januar oder Februar, das ist mir gleich.


    Zitat von "Zola"

    wisst Ihr, ob sich die Ausgaben arg unterscheiden ?


    Ja, die unterscheiden sich sehr stark. Es gibt ja gar kein altes arabisches "Original", denn es gab keinen Autor, der diesen mündlich erzählten Geschichten eine maßgebende schriftliche Form gegeben hätte. Außerdem sind die meisten arabischen Manuskripte jünger als Gallands Übersetzung. Claudia Ott hat ein unvollständig erhaltenes Manuskript übersetzt, das (vermutlich) aus dem 15. Jh. stammt. Ich glaube, das ist auch so ziemlich das einzige zusammenhängende arabische 1001-Nacht-Manuskript, das älter als Gallands Übersetzung ist. Genau dieses Manuskript war meines Wissens auch eine der Quellen, auf die Galland sich bei seiner Übersetzung gestützt hat.


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo Zefira,


    Zitat von "Zefira"

    "Der Horla" von Guy de Maupassant, gelesen von Wilfried Hochholdinger.


    dieses Hörbuch habe ich letzten Monat auch gehört. Mir hat es ebenfalls ausgezeichnet gefallen, Wilfried Hochholdinger hat den "Horla" sehr lebendig vorgelesen (das gilt auch für die anderen Erzählungen dieses Hörbuchs). Da hast Du ja Glück gehabt, daß Dir Dein erstes Hörbuch gleich so gut gefallen hat, und Du nun Lust auf mehr hast. :-)


    Vom Argon-Verlag, wo der "Horla" erschienen ist, gibt es ja noch einige andere günstige Klassikerhörbücher. Von den Klassiker-Doppel-CDs habe ich mir schon rund ein Dutzend angehört, und die haben mir größtenteils sehr gut gefallen. Eine nicht so gute Lesung war beispielsweise Annette von Droste-Hülshoffs "Judenbuche", gelesen von Angelica Domröse. In diesem Fall sollte man zur Lesung von Gert Westphal greifen, denn der liest die "Judenbuche" so vor, wie sie vorgelesen werden muß. ;-)


    Wie Du schon schriebst, kann man durch ein Hörbuch einen ganz neuen Zugang zu einem Text bekommen, weshalb das Hörbuch wirklich eine Bereicherung ist. Ich höre etwa seit einem Jahr regelmäßig Hörbücher und bin froh, daß ich sie endlich für mich entdeckt habe. :-) Vorher hatte ich sie geringgeachtet und unterschätzt, ich dachte, das sei nur etwas für Leute, die keine Bücher lesen können oder wollen, aber das stimmt eben nicht. Daß Du zunächst nur kürzere Hörbucher hören willst, verstehe ich; das habe ich anfangs auch so gemacht, denn Hörbücher, die 10, 20 oder 30 Stunden dauern, wirken anfangs vielleicht etwas abschreckend, aber man kann sie sehr gut in Etappen hören, so wie man ja auch ein dickes Buch nicht in einem Rutsch lesen kann.


    Ich habe vor einigen Monaten die Moby-Dick-Lesung von Christian Brückner gehört, die in einer wunderschönen Hörbuchausgabe bei Zweitausendeins erschienen ist. Diese ungekürzte Lesung dauert etwas über 30 Stunden, das war mein bislang längstes Hörbuch und wohl auch das beeindruckendste, das ich bislang gehört habe. Die zugrundeliegende Übersetzung von Friedhelm Rathjen gilt ja als "sperrig", aber davon hat man in der Lesung von Christian Brückner nichts gehört, ich konnte in diesen Roman richtig eintauchen, dieses Hörbuch hat mir großen Spaß gemacht. Brückner ist natürlich auch ein Meistersprecher, außerdem hatte er sich mit Melvilles Moby-Dick schon längere Zeit beschäftigt, er kannte also diesen Roman sehr gut; das ist sicherlich einer der Gründe dafür, weshalb seine Lesung so stimmig und mitreißend ist.


    Aber hör Dir ruhig erst mal kürzere Hörbücher an, und dann kannst Du ja immer noch sehen, ob Du Dich langsam an längere Hörbücher heranwagst. ;-) Übrigens ... da hier bei den geplanten Leserunden Hölderlins "Hyperion" erwähnt worden ist: den "Hyperion" in der vollständigen Lesung von Reiner Unglaub habe ich vor einiger Zeit gehört (Länge: 345 Minuten), diese Lesung fand ich sehr beeindruckend. Ich hatte den Text vor längerer Zeit schon mal gelesen, aber so intensiv wie in diesem Hörbuch habe ich den Roman seinerzeit nicht erlebt. Reiner Unglaub gehört wie Christian Brückner zu meinen Lieblingssprechern.


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo Leibgeber,


    Deine Frage ist zwar schon älter, aber damit nicht der Eindruck entsteht, daß hier im Klassikerforum niemand Bescheid weiß, will ich sie trotzdem noch beantworten. ;-)



    Nicht rauszukriegen, was „Salibande“ ist.


    Das ist ein Eigenname. Ich zitiere mal aus Killys Literaturlexikon:


    <i>»Während des Aufenthalts in Reval (10. 1. 1635 bis 2. 3. 1636) entwickelten sich enge Beziehungen zur Familie des Kaufmanns Heinrich Niehusen. Von dessen drei Töchtern, Elisabeth, Elsabe u. Anna, galt Flemings Neigung Elsabe, in der Dichtung anagrammatisch verschlüsselt als Salvie, Basile, Salibene, Salibande;«</i>


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Zitat von "Leibgeber"

    Hab festgestellt, dass von meinem Proseminar Mittelhochdeutsch, lang ist's her, absolut nichts hängengeblieben ist.
    Kennt jemand eine kleine Einführung, in der besonders die Ausspracheregeln erläutert werden, oder vielleicht eine brauchbare Website?


    Die Ausspracheregeln stehen eigentlich in jeder mhd. Grammatik, vielleicht hast Du so etwas noch irgendwo in einer finsteren Ecke eines Deiner Bücherregale stehen. ;-)


    Sehr originell finde ich übrigens die "Mittelhochdeutsche Studiengrammatik" von Michael Graf, die 2003 bei Niemeyer erschienen ist. Bei Jokers werden noch einige Exemplare davon für schlappe 4,95 Euro angeboten. Die Aussprache wird darin natürlich auch auf mehreren Seiten sehr ausführlich und sehr gut erklärt. Didaktisch und stilistisch unterscheidet sich diese Grammatik deutlich von allen anderen mir bekannten mhd. Grammatiken, sie ist sicherlich nicht nach jedermanns Geschmack, aber mir hat sie gut gefallen, trotz oder gerade wegen ihrer Schrulligkeiten. Hier wird mhd. Grammatik nicht als Selbstzweck unterrichtet, sondern das Buch ist auf ein klares Lernziel ausgerichtet: Der Leser (Student) soll hinterher in der Lage sein, mhd. Literatur genau zu verstehen und richtig übersetzen zu können. Der Stil ist freilich stellenweise recht extravagant, um es einmal milde auszudrücken. :-) Ein eher harmloses Beispiel:


    "Im nhd. Relativsatz hat das finite Verb Endstellung, was der unaufdringliche Beispielsatz vor Augen führt, der sich justament im Cerebrum installiert".


    Und ein Beispiel der allerschrägsten Sorte:


    "In 800 Jährchen dürfte ein Cyborgstudi Ihren Deutschkörper raufbeamen. Gott, diese Emoredundanz in Ihrer historischen Sprache!"


    So aus dem Kontext gerissen, sieht das noch bekloppter aus, als es ohnehin schon ist. :breitgrins: Es stehen da natürlich auch ganz normale Sätze drin, ich will ja niemanden abschrecken, man kann damit wirklich Mittelhochdeutsch lernen oder seine mhd. Kenntnisse auffrischen. :-)


    Zitat von "sandhofer"

    Hör einem Schweizer zu oder einem Badener! (Dürfen auch weiblich sein ... )


    Das schönste und klangvollste Mittelhochdeutsch, das ich je zu Ohren bekam, stammte tatsächlich von weiblichen Schweizern. :-) Und zwar kann man sich das auf der CD <a href="http://www.vdf.ethz.ch/info/showDetails.asp?isbnNr=3015">âventiure vür daz ôre - Hartmanns von Aue 'Erec'</a> anhören. Das ist natürlich eine gekürzte Version (mit überleitenden Zusammenfassungen), aber das Mittelhochdeutsch, das da gesprochen wird, ist wunderschön. Im Beibuch der CD sind die mhd. Texte abgedruckt (mit nhd. Übersetzungen), so daß man beim Hören mitlesen kann.


    Ein nicht ganz so klangvolles, aber sehr solides und angenehm zu hörendes Mittelhochdeutsch spricht Peter Wapnewski, von dem es sehr empfehlenswerte kommentierte Lesungen des Tristan, des Nibelungenliedes und des Parzival gibt. Diese (etwas gekürzten) Lesungen sind zwar auf Neuhochdeutsch, aber wichtige Stellen trägt Wapnewski auch in Mittelhochdeutsch vor. Auch eine Gedichtauswahl von Walther von der Vogelweide gibt es in einer kommentierten Lesung von Peter Wapnewski auf CD, dort trägt er ebenfalls einiges auf Mittelhochdeutsch vor.


    Wenn man sich anhören will, wie das Nibelungenlied tatsächlich geklungen hat (oder zumindest nach heutigen Kenntnissen geklungen haben könnte), kann man das mit der CD <i>Das Nibelungenlied. Gesungen von Eberhard Kummer im Hildebrandston</i> tun. Das ist zwar nur eine Auswahl, aber eben nicht in Neuhochdeutsch, sondern durchweg in Mittelhochdeutsch gesungen. Da erwacht das Stück erst richtig zum Leben. Erst wenn man das gehört hat, bekommt man eine Ahnung davon, wie wuchtig und mitreißend Heldendichtung wirken kann. Leider ist im beiliegenden Booklet der mhd. Text nicht abgedruckt, man muß also eine mhd. Nibelungenausgabe haben, wenn den Text mitlesen will, was sehr empfehlenswert ist, denn sonst versteht man anfangs wahrscheinlich nicht so viel. Wenn man das einige Male gehört hat, dann ist das natürlich etwas anderes, dann versteht man den Text und dann macht das Zuhören erst richtig Spaß. :-) Auf dieser CD ist auch ein Lied von Walther sowie fünf Strophen des Kürenbergers enthalten.


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo!


    Zitat von "Wolf"

    Der Ausdruck "Vollkommenheit" bezieht sich darauf, daß man ein Werk durch Veränderungen, durch Hinzufügen oder Weglassen nicht mehr verbessern könnte.


    Zitat von "Bartlebooth"

    Sehe das nur ich so oder ist das pleonastisch? Der emphatische Werkbegriff (den ich möglichst vermeide) impliziert ja gerade eine Nicht-Veränderbarkeit.


    Man kann grundsätzlich jeden vorhandenen Text verändern und dann die veränderte Version mit der Originalversion vergleichen, da kann der emphatische Werkbegriff soviel implizieren wie er will. ;-)


    Robert Gernhardt führt das in seinen "Gedanken zum Gedicht" (Haffmans, 1990) an einigen Beispielen vor (im Kapitel "Darf man Dichter verbessern? Eine Annäherung in drei Schritten").


    Zitat von "Bartlebooth"

    Außerdem: Wer entscheidet denn, was überflüssig ist und gekürzt werden könnte?


    Derjenige, der den Text beurteilt. Das ist ja bei den von Dir genannten Kriterien ("angemessene Sprache", "keine hölzernen Dialoge" usw.) auch nicht anders.


    Zitat von "Wolf"


    Aber auch mit den von Dir genannten Kriterien "Intertexualiät" und "Intratextualiät" kommt man nicht unbedingt viel weiter, wenn man beispielsweise erklären will, wieso eigentlich das Gedicht "Wanderers Nachtlied" von Goethe besser sein soll, als das Gedicht "An die Grille" von Matthisson.


    Zitat von "Bartlebooth"

    Nicht? Das musst du erklären; vor allem, weil ich das zweite gedicht nicht kenne.


    Das muß man auch nicht kennen, es war nur ein Beispiel, das man durch irgendein anderes Gedicht von Matthisson, Hölty, Voss, Platen, Tieck oder sonst wem ersetzen könnte. Aber da ich es erwähnt habe, zitiere ich es hier einmal:



    Friedrich von Matthisson


    AN DIE GRILLE


    Unter des Seethals Ulmen wandl' ich einsam.
    Feiernd schweigt die Natur, kein Lüftchen athmet;
    Nur dein leiser Abendgesang, o Grille,
    Tönt in den Blüthen.


    Als ich ein Knabe war, horcht' ich mit Wonne
    Deinem ländlichen Liede! Jahre schwanden,
    Meine Freunde sanken ins Grab, die Schöpfung
    Wurde mir öde.


    Wann ich gestorben bin, tön' aus der Moosgruft
    Rosen, opfert am hohen Waldgestade
    Salis meinem Schatten bethränte Kränze,
    Wonne der Wehmuth.



    Wenn man nun nachweisen will, daß Goethes berühmtes Gedicht "Wandrers Nachtlied" (="Ein gleiches") tatsächlich besser ist als dieses schon längst vergessene Gedicht von Matthisson, dann ist das gar nicht so leicht. Man muß da einen großen theoretischen Aufwand betreiben, nur um nachzuweisen, was ohnehin niemand bestreitet. ;-) Im Nachhinein tut man sich da natürlich leicht: ein Gedicht, das immer wieder gelesen und gelobt wird, taugt wohl mehr als eines, das rasch in Vergessenheit geraten ist.


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo!


    Zitat von "sandhofer"

    Aber: diese Taschenbücher von 1964 habe ich damals in der Buchhandlung noch neu(!) gekauft


    Wow! War damals der Buchdruck überhaupt schon erfunden? :breitgrins:


    Zitat von "sandhofer"

    ... und heute gelten sie bereits als uralt ...


    Ganz unten im Blog-Eintrag steht »Ich bin ja auch noch sehr jung« - das erklärt einiges. ;-) Aber das Gedicht von Meleagros findet sie toll, wie sie schreibt, und der gute Mann ist immerhin schon über 2000 Jahre alt. :-)


    Ein wirklich uraltes Buch hätte ich übrigens sehr gerne, mein ältestes Buch hat erst knappe 220 Jahre auf dem Buckel, das ist mir definitiv zu jung. :breitgrins:


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Zitat von "giesbert"

    Der Punkt bei Zeitangaben ist nach meiner Beobachtung ein relativ neues Phänomen, hat mit dt. oder amerikanisch imho nichts zu tun.


    Umgekehrt: der Doppelpunkt ist relativ neu, der einfache Punkt älter.


    Zitat von "giesbert"

    Eine superkurze Recherche führt zur Wikipedia und von dort zur DIN 5008: Zeitangaben werden mit Doppelpunkt getrennt. Punkt.


    Und in eben dieser Norm war meines Wissens früher (bis 1996?) nicht der Doppelpunkt, sondern der einfache Punkt vorgeschrieben. Könnte man natürlich mal recherchieren, wenn es nicht so unwichtig wäre. ;-)


    Zitat von "giesbert"

    Anyway - die Programmierer können sich jedenfalls auf die DIN 5008 berufen und sind aus dem Schneider.


    Gilt die denn auch in der Schweiz? :breitgrins:


    Aber mal ganz abgesehen von den Normen: ich fände es am besten, alles auf Doppelpunkt umstellen, da das mit dem einfachen Punkt nicht einheitlich zu funktionieren scheint. Die Umschreibung mit "heute" und "gestern" finde ich übrigens sehr angenehm, da stimme ich Sandhofer zu.


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Zitat von "Bartlebooth"

    Hui, das sieht mir von den Schlagworten her nach vielen Redundanzen und Bizarrerien aus (was um alles in der Welt meint er denn mit "Vollkommenheit"?).


    Der Ausdruck "Vollkommenheit" bezieht sich darauf, daß man ein Werk durch Veränderungen, durch Hinzufügen oder Weglassen nicht mehr verbessern könnte. Ein vollkommenes Werk ist in der vorliegenden Gestalt perfekt (sprachlich und formal), man könnte es allenfalls anders schreiben, aber nicht besser. Bei Werken, die einer strengen Form folgen, kann man prüfen, ob sie tatsächlich auch die Erfordernisse der gewählten Form erfüllen. Man kann z.B. den formale Korrektheit eines Sonettenkranzes überprüfen, und man kann auch sehen, ob die Reime und Verse nur mit Hängen und Würgen zusammengezwängt worden sind, oder ob das ganz zwanglos aussieht. Auch wenn es um nicht so strenge Formen geht, kann man überprüfen, ob es beispielsweise überflüssige Passagen in einem Roman gibt, also Passagen, die man ohne weiteres auch hätte streichen oder kürzen können, ohne daß das dem Gesamtwerk geschadet hätte. Allerdings könnte ein formal perfektes Werk trotzdem nichts taugen, weil es nur einem saft- und kraftlosen Epigonentum entsprungen ist, darauf weist Gelfert aber auch hin, und deswegen gibt es ja auch andere Kritierien, die man beachten muß (z.B. Originalität).


    Zitat von "Bartlebooth"

    Oberflächlich betrachtet bin ich da mit meinem Schnellschuss gar nicht unzufrieden :D.


    Ich war mit Deinem Schnellschuß ebenfalls ganz zufrieden. :-) Aber auch mit den von Dir genannten Kriterien "Intertexualiät" und "Intratextualiät" kommt man nicht unbedingt viel weiter, wenn man beispielsweise erklären will, wieso eigentlich das Gedicht "Wanderers Nachtlied" von Goethe besser sein soll, als das Gedicht "An die Grille" von Matthisson. :breitgrins:


    Schöne Grüße,
    Wolf


    Falls von Carl Barks gezeichnet und von Dr. Erika Fuchs übersetzt, bin ich durchaus geneigt, mit mir darüber reden zu lassen :breitgrins:


    Vorsicht, Sandhofer, sonst beansprucht hier demnächst auch jemand für <i>Lucky Luke</i> oder den <i>Silver Surfer</i> den Klassikerstatus. :breitgrins:


    Die beste greifbare Ausgabe von <i>Donald Duck</i> dürfte wohl die Barks-Library sein, die auf deutsch (in der Übersetzung von Erika Fuchs) bei Ehapa erschienen ist. Da sind zwar nicht mehr alle Alben lieferbar, aber es sind genügend Bände, um sich einen guten Überblick zu verschaffen. Ich habe davon 5 Bände auf deutsch und 4 Bände auf englisch, was natürlich nicht so besonders viel ist. ;-)


    Hier gibt es übrigens eine <a href="http://www.top100comics.de/list.php">Liste der "Top 100 Comics"</a>, mit jeweils einem kurzen Erläuterungstext. Donald Duck steht dort unumstritten auf dem ersten Platz: <a href="http://www.top100comics.de/single_book.php?rank=1">http://www.top100comics.de/single_book.php?rank=1</a>


    Auf <a href="http://www.top100comics.de/single_book.php?rank=62">Platz 62 steht dort Frank Millers <i>300</i></a>, das ich heute gelesen habe. Vor einigen Jahren habe ich mir diesen Comic einmal in der Bibliothek ausgeliehen, er war lange Zeit vergriffen, und ist jetzt gerade bei einem anderen Verlag neu herausgekommen: <a href="http://www.cross-cult.de/sites/comics/300/300_main.htm">300 bei Cross Cult</a>. Es geht darin um die Schlacht bei den Thermopylen, in der der spartanische König Leonidas mit 300 Spartanern und noch einigen Verbündeten gegen die zahlenmäßig weit überlegenen Perser kämpfte. "Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl" ... das kennt hier sicherlich jeder. ;-) Es ist schon ein sehr beeindruckender Comic (gedruckt im Querformat, und in düsteren, erdigen Farben coloriert von Lynn Varley), obwohl es schon etwas zwiespältig ist, wie hier in großformatigen Bildern der ruhmreiche Heldentod der 300 Spartaner inszeniert wird.


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Zitat von "xenophanes"

    Habe folgendes Buch noch nicht gelesen, aber angeblich gibt Gelfert augenzwinkernd einen ganz guten Überblick zum Thema


    (Hans-Dieter Gelfert: Was ist gute Literatur? Wie man gute Bücher von schlechten unterscheidet.)


    Ich habe es vor einigen Monaten gelesen, das Buch ist allgemeinverständlich geschrieben, flott zu lesen und durchaus brauchbar. Wenn man vorher allerdings noch nicht zwischen guten und schlechten Büchern unterscheiden konnte, dann wird man das nach der Lektüre von Gelferts Buch wahrscheinlich auch noch nicht sehr viel besser können. ;-) Irgendwelche Kriterien, die in der Theorie ganz brauchbar aussehen, muß man ja erst einmal in der Praxis anwenden können, und dazu braucht man schon einige (Lese-)Erfahrung. Man sollte sich das also nicht so vorstellen, daß man für die Beurteilung eines Buches einfach eine Strichliste abhaken könnte.


    Ich nenne hier einmal die Kriterien der ästhetischen Wertung, die Gelfert erwähnt und jeweils in einem eigenen Kapitel erklärt:


    Vollkommenheit, Stimmigkeit, Expressivität, Welthaltigkeit, Allgemeingültigkeit, Interessantheit, Originalität, Komplexität, Ambiguität, Authentizität, Widerständigkeit, Grenzüberschreitung und das gewisse Etwas.


    In weiteren Kapiteln zeigt er anhand von Beispielen, was ein gutes Gedicht, eine gute Erzählung und ein gutes Drama ist. Er geht auch auf die Fragen ein, ob gute Literatur immer schwierig oder ernst sein muß, und ob gute Literatur den Leser klüger oder besser macht.


    Als Einstieg und Überblick ist dieses Buch gut geeignet, vor allem spart man sich mit dem Hinweis auf dieses Buch die Mühe, das alles selbst zu erklären. :breitgrins:


    Schöne Grüße,
    Wolf