Hallo zusammen, hallo Ursula,
herzlich willkommen im Klassikerforum und in unserer Leserunde!
Es freut mich, daß Du <i>1001 Nacht</i> mitlesen und hier mitdiskutieren willst.
Zitat von "Ursula"
Ich habe mich vor einiger Zeit intensiver mit Märchen befasst.
Ich habe auch mal eine mittelschwere Märchenphase durchgemacht, in deren Verlauf sich bei mir deutlich mehr als hundert Märchenbücher angesammelt haben. 
Auch Babur möchte ich - etwas verspätet, aber nicht minder herzlich - in unserer Leserunde willkommen heißen. :winken: Du, Babur, hattest u. a. folgendes geschrieben:
Zitat von "Babur"
Ich stelle mir den Basar zu Kairo, Bagdad oder Damaskus vor, ein Erzähler deklamiert vor dem Café eine Geschichte. War es eine aus Tausendundeiner Nacht? Und wenn es am spannendsten wird, bricht er ab und verschwindet im Labyrinth der Gassen.
Das war offenbar tatsächlich so ähnlich. Der englische Arzt Alexander Russell (1715-1768), der lange Zeit in Syrien gelebt hatte, beschrieb einen typischen Kaffeehauserzähler folgendermaßen (vgl. A. Russell: Naturgeschichte von Aleppo, Göttingen 1797/98, S. 199):
»Er geht bei seinem Erzählen mitten im Zimmer auf und ab und bleibt nur dann und wann still stehen, wenn der Ausdruck eine emphatische Stellung erfordert. Man hört ihm gemeiniglich mit großer Aufmerksamkeit zu, aber nicht selten bricht er mitten in einer anziehenden Begebenheit, wo die Erwartung seiner Zuhörer aufs höchste gespannt ist, unversehens ab, entwischt aus dem Zimmer und läßt seine Helden und seine Zuhörer in der äußersten Verlegenheit zurück. [...] Kaum ist er davon, so fängt die Gesellschaft in abgesonderten Partien über die Rollen des Lustspiels oder über den Ausgang der unvollendeten Begebenheit an zu streiten. Der Streit wird nach und nach ernsthaft, und entgegengesetzte Meinungen werden mit ebenso vieler Hitze verteidigt, als wenn das Schicksal der Stadt davon abhinge.«
Dieses Zitat (und die Quellenangabe) habe ich im Nachwort dieser Märchensammlung gefunden: <i>Löwengleich und Mondenschön. Orientalische Frauenmärchen. Hrsg. von Johannes Merkel. Zürich: Unionsverlag, 1994.</i>
In diesem Nachwort steht auch, daß es im Orient wahrscheinlich zwei unterschiedliche Erzählkulturen gab: eine männliche und eine weibliche. Hubert hat ja schon an anderer Stelle geschrieben, daß <i>1001 Nacht</i> ursprünglich von Männern für Männer erzählt worden war. Die professionellen Erzähler in den Kaffeehäusern oder auf den Bazaren waren stets männlich, und sie erzählten meist nur vor Männern ihre Geschichten (es gibt Berichte von Erzählern, die zu erzählen aufhörten, wenn Frauen dazukamen). Die weiblichen Märchenerzähler haben ihre Geschichten offenbar nur im privaten Rahmen erzählt, nicht in der Öffentlichkeit. Bemerkenswert ist, daß Schahrasad ihre Geschichten nicht unmittelbar dem König erzählt, sondern sie erzählt sie ihrer Schwester. Vielleicht war es auch in Wirklichkeit so, daß weibliche Märchenerzähler üblicherweise ein weibliches Publikum hatten.
Ich bin inzwischen bei der 60. Nacht angelangt. Schon die zweite Geschichte vom "Fischer und dem Dschinni" zeigt ein auffallendes Merkmal von <i>1001 Nacht</i>: mehrere Geschichten werden kunstvoll ineinander verschachtelt. Schahrasad erzählt die Geschichte vom Fischer, in deren Verlauf der Fischer dem Dschinni die Geschichte vom König Yunan erzählt, in deren Verlauf wiederum der König seinem Wesir die Geschichte vom Kaufmann mit dem Papagei erzählt. Übrigens findet man die Geschichte vom Kaufmann mit dem Papagei auch bei Hans Sachs, nur ist da der Papagei eine geschwätzige Elster. Im "Nachtbüchlein" von Valentin Schumann, einem deutschen Schwankbuch aus dem Jahr 1559, findet man diese Geschichte ebenfalls (<a href="http://www.sagen.at/texte/maerchen/schwaenke/kaufmannmitelster.html">hier eine neuhochdeutsche Übersetzung</a>).
Hubert hat die verschiedenen Übersetzungen angesprochen. Bei der Geschichte vom "Lastträger und den drei Damen" fällt natürlich schon auf, daß da das frivole Gespräch zwischen dem Lastträger und den drei Damen in älteren Übersetzungen nur sehr kurz oder zumindest recht zahm wiedergegeben wird. Bei Gustav Weil heißt es nur: »so oft der Träger sich eines unanständigen Ausdrucks bediente, schlugen alle drei Schwestern nach ihm«. Was er da genau gesagt hat, bleibt im Dunkeln. Littmann ist etwas ausführlicher, aber er läßt an den kritischen Stellen die arabischen Ausdrücke stehen, wenn ich das richtig im Kopf habe, das muß ich nachher nochmal nachlesen. Dagegen ist die englische Übersetzung von Richard Burton aus dem 19. Jh. (online bei gutenberg.org) schon sehr deutlich:
»Then she came up out of the cistern and throwing herself on the Porter's lap said, "O my lord, O my love, what callest thou this article?" pointing to her slit, her solution of continuity. "I call that thy cleft," quoth the Porter, and she rejoined, Wah! wah, art thou not ashamed to use such a word?" and she caught him by the collar and soundly cuffed him. Said he again, Thy womb, thy vulva;" and she struck him a second slap crying, "O fie, O fie, this is another ugly word; is here no shame in thee?" Quoth he, "Thy coynte;" and she cried, O thou! art wholly destitute of modesty?" and thumped and bashed him.«
Wobei durch die doch ziemlich vornehm anmutende Schreibung "coynte" das Niveau nicht völlig absinkt. :breitgrins:
Was mir übrigens bei der Ott-Übersetzung noch aufgefallen ist: An mindestens zwei Stellen (beispielsweise S. 101) wird eine Frau als "fünf Spannen hoch" beschrieben. Das wäre kaum mehr als ein Meter, denn eine Spanne ist die Strecke zwischen gespreiztem Daumen und Zeigefinger (oder kleinem Finger). Sie ist wohl eher fünf Fuß hoch. Vielleicht hat Claudia Ott das Wort "Spanne" aus Gründen des Wohlklanges gewählt und weniger die konkrete Maßeinheit im Sinn gehabt.
Schöne Grüße,
Wolf