Beiträge von Wolf

    Hallo zusammen,


    die FAZ hat ebenfalls eine Comic-Reihe angekündigt, die im Sommer starten soll: »Meilensteine der Comic-Geschichte«.


    Zitat aus http://dwdl.de/article/news_17831.html:


    Die F.A.Z. Feuilleton-Redakteure und Patrick Bahners und Andreas Platthaus haben zusammen mit den Fachleuten der Panini-Verlagsgruppe die Werke ausgewählt. Die Ausgaben widmen sich bedeutenden Comic-Serien oder einzelnen Künstlern. Eingeleitet werden die einzelnen Bände jeweils von einem kurzen erläuternden Text des F.A.Z.-Feuilletons zum Hintergrund des einzelnen Werks.


    Andreas Platthaus hat übrigens auch ein Buch über Comics geschrieben, das ich mal vor einiger Zeit gelesen habe: »Im Comic vereint - Eine Geschichte der Bildgeschichte«.


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo Ivy,


    Zitat

    Ich persönlich finde die Reinfallquote bei literaturwissenschaftlich etablierter Anspruchsvoller Literatur auch geringer.


    nun ja, wenn ich mir in zufälliger Auswahl ein Dutzend Bücher aus, sagen wir einmal, Kindlers Literaturlexikon herauspicken würde, dann wäre die »Reinfallquote« vermutlich trotzdem unakzeptabel hoch. Aber zugegebenermaßen wäre sie sicherlich noch höher, wenn ich blind ein Dutzend Bücher aus allen jemals gedruckten Büchern auswählen würde. :-)


    Zitat

    Anspruchsvolle Literatur bietet da höhere Ergiebigkeit, nur das eigene Leben ist noch ergiebiger.


    Dazu ein Zitat von Wilhelm Schneider, der in seinem 1938 bei Herder erschienenem Buch »Ehrfurcht vor dem deutschen Wort« neben einigem Unfug ;-) auch Vernünftiges geschrieben hat:


    »Auf die Frage: 'Wie haben wir unsere Menschenkenntnis und Welterfahrung gewonnen?' sind wir geneigt zu antworten: 'Natürlich durch unsern Umgang mit Menschen'. Ist dem wirklich so? Nicht auch durch unsern Umgang mit Büchern, mit Büchern von Dichtern? Der Verkehrskreis des Durchschnittsmenschen ist verhältnismäßig klein, und die Zahl der Mitmenschen, die er gründlich, d.h. bis auf den Grund ihres Wesens, erkennt, ist recht gering; auch sind es zum größten Teil wohl nicht bedeutende Menschen, in deren Inneres er zu schauen Gelegenheit hat. Da scheint es von vornherein nicht glaubhaft zu sein, daß wir unsere Menschenkenntnis lediglich aus persönlichem Menschenverkehr gewonnen haben könnten.
    [...]
    Was ist es, was uns die echten Dichter als Menschen- und Lebensdeuter begrüßen läßt? Die Gestalten, die sie in ihren Schauspielen und Erzählungen geschaffen haben, sind gleichsam durchsichtig. Bei der Schilderung des äußeren Menschen halten sie sich im allgemeinen nicht lange auf. Sie lassen uns vielmehr unmittelbar in die Seele ihrer Helden blicken, zeigen die verborgenen Triebfedern ihres Handelns, decken ihre geheimsten Gedanken und Gefühle auf. Wie wenig wissen wir im allgemeinen von dem, was im tiefsten Herzen unserer Bekannten im wirklichen Leben vor sich geht!«


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo,


    Zitat

    Ich habe ein großes Problem: des öfteren gerate ich an Bücher, die mir nicht so gut gefallen


    ich versuche zu vermeiden, an Bücher zu geraten, die mir nicht gefallen. Klappt natürlich auch nicht immer. ;-) Aber im Laufe seines Leselebens bekommt man doch schon ein gewisses Gefühl dafür, was einem zusagen könnte, und was nicht. Es kommt natürlich auch darauf an, was das für Bücher sind. Wenn es sich um einen berühmten Klassiker handelt, der von vielen, ganz unterschiedlichen Menschen bewundert wird, dann weiß man, daß sich die Mühe des Lesens wahrscheinlich lohnen wird. Selbst wenn man die Begeisterung nicht so ganz nachvollziehen kann, kann man hinterher wenigstens das Erfolgsgefühl genießen, diese Schwarte endlich bezwungen zu haben.


    Zitat

    Leider stell ich das oft erst nach 50 oder 100 Seiten fest.


    Dann lies halt nur kurze Sachen: wenn Du merkst, daß es Dir nicht gefällt, bist Du schon durch. :-) Bevor ich mir einen dicken Roman vorknöpfe, überlege ich mir schon sehr genau, ob es wirklich genügend gute Gründe dafür gibt, weshalb ich meine Zeit damit verbringen sollte. Wenn ich vorher schon die Befürchtung habe, daß ich den Roman nicht fertiglesen werde, dann fange ich gar nicht erst damit an.


    Die Lektüre eines Buches abzubrechen fällt wahrscheinlich umso leichter, je mehr gute Bücher man schon gelesen hat. Dann weiß man, wie es sich anfühlt, wenn »Lektüre funktioniert« (Giesberts Worte), man hat das schon mit vielen unterschiedlichen Büchern erlebt, auch mit Büchern, die man gemeinhin als Hochliteratur bezeichnet; und wenn das mit einem bestimmten Buch nicht klappt, dann legt man es eben beiseite, selbst wenn es von einem weltberühmten Autor geschrieben worden ist. Oder anders gesagt: Wenn ich schon mit Göttern wie Sappho, Shakespeare, Hölderlin und Brentano im siebten Himmel war, dann wurde mir ohnehin schon mehr Glück zuteil, als ich verdiene; wenn mir andere Götter nicht so gnädig gestimmt sind, dann sehe ich es ihnen nach, ich bin schon beschenkt genug. :-)


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Zitat von "giesbert"


    Ich weiß allerdings nicht, wo HW seine Kenntnis über Goethes Lesepensum im Alter her hat.


    Nachdem ich schnell mal mehrere Oktavbände quergelesen habe, die etwa 1800 Berichte von Zeitgenossen über Gespräche mit Goethe enthalten, fand ich folgendes: :-)



    Was waren das doch für dunkle Zeiten, als man Texte noch ohne Computerhilfe lesen mußte. ;-)


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo,


    Zitat von "Gitta"


    Das liegt vielleicht darin begründet, daß diese Konstellation auch im "richtigen Leben" weniger beliebt ist - ich denke mal, naturbedingt.


    Medizinalrat Dr. Bernh. A. Bauer aus Wien war da offenbar anderer Meinung. ;-) Der schrieb nämlich im vom Wiener Institut für Sexualforschung zwischen 1928 und 1931 herausgegebenem »Bilderlexikon der Erotik« folgendes:


    Alter, gefährliches.
    Dieses von Karin Michaelis geprägte Schlagwort will die nicht selten mit dem Beginne des Klimakteriums eintretende, unberechenbare Sexualität des Weibes eindeutig umschreiben. [...] Früher keusche und höchst moralische Frauen stürzen sich unüberlegt in die kühnsten Situationen und suchen mit einer gewollten Rücksichtslosigkeit und moralischen Hemmungslosigkeit die nackte Erfüllung ihrer geschlechtlichen Begierden bei und mit jedem Mann. Die alternde Frau sucht mit Vorliebe jugendliche Männer an sich zu fesseln, noch mehr aber geht ihr Streben dahin, unerfahrene Jünglinge »aufzuklären«, in die Mysterien der Liebe einzuführen und sich sexuell hörig zu machen.


    Ob das die Sexualwissenschaft heute noch genauso sieht, weiß ich nicht. ;-) Bemerkenswert ist jedenfalls, daß das Stichwort dieses Artikels von einem Buchtitel herrührt: »Das gefährliche Alter«, erschienen 1910, verfaßt von Karin Michaëlis, einer dänischen Schriftstellerin. In diesem Roman (ich habe ihn nicht gelesen) stellt sie laut Wilperts Lexikon der Weltliteratur »mit großem Einfühlungsvermögen die Probleme der 40-jährigen Frau« dar.


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo alpha,


    ja, das finde ich eine spannende Frage: Wieso lesen die einen gerne und oft Gedichte (wie z.B. ich ;-)), während andere keine oder kaum Gedichte lesen, obwohl sie sonst sehr viel lesen.


    Der entscheidende Unterschied zwischen Lyrik (Gedichten) und Prosa ist die Versform. Die Kürze eines typischen Gedichtes im Vergleich zur Prosa ist natürlich ebenfalls auffallend, darauf hast Du schon hingewiesen. Vereinfacht kann man also sagen, daß ein Gedicht ein kurzer Verstext ist. Diese Definition könnte man noch verfeinern, um das Gedicht beispielsweise vom Versdrama oder der Verserzählung abzugrenzen, aber ich glaube nicht, daß das hier weiter führt, denn in der Praxis ist es kein besonderes Problem, einen Text als Gedicht zu identifizieren, unabhängig davon, ob man nun gerne Gedichte liest oder nicht. Hier kann man sich übrigens eine gut lesbare Einführung in die Gedichtanalyse herunterladen (in HTML oder PDF), in der insbesondere auch auf die Definitionsfrage eingegangen wird:
    http://www.uni-duisburg.de/FB3…/Gedichtanalyse/home.html


    Aber vor aller Gedichttheorie steht die Freude und die Begeisterung beim Gedichtelesen, wenn die nicht vorhanden sind, braucht man sich auch nicht für die Gedichtanalyse zu interessieren (außer es zwingt einen jemand dazu, z.B. in der Schule ;-)).


    Vielleicht entsteht ja die Liebe zum Gedicht schon in der Kindheit oder Jugend - die Freude am Klang der Wörter, an der Wiederholung, manche Gedichte liest man immer wieder, auch wenn man sie schon zigmal gelesen hat, auch der Reim ist ja eine Wiederholung, ebenso der Zeilenumbruch. Kennst Du das Grimmsche Märchen "Das Hausgesinde"? Von dem konnte ich als Kind nicht genug kriegen, obwohl ich gar nicht verstanden habe, um was es da genau geht; aber vom geradezu magisch wirkenden Klang der Worte war ich hingerissen. Das ist natürlich Prosa, aber wem dieses Märchen gefällt, der hat wohl auch einen Sinn für Lyrik. ;-)


    Lyrik ist eben auch Sprachspiel, es gibt bei Reclam eine schöne Anthologie (Poetische Sprachspiele - Vom Mittelalter bis zur Gegenwart), in der dieser Aspekt im Vordergrund steht. Aber es gibt natürlich noch etliche andere Arten von Gedichten, am besten nimmt man sich da eine umfangreiche Gedichtanthologie (z.B. das von Karl Otto Conrady herausgegebene Große Gedichtbuch) und blättert da einfach immer wieder darin herum. Da wird man dann schon an dem einen oder anderen Gedicht hängenbleiben; die vielen Gedichte, die man doof findet, überblättert man eben. Dazu braucht man auch nicht soviel Zeit wie zu einem dicken Roman, denn:


    "Die meisten Gedichte sind ziemlich kurz. Sich ordentlich die Nase zu putzen dauert länger, als ein Haiku zu lesen." (Charles Simic).


    Eine meiner Lieblingsanthologien im Netz ist diese von Michael Gratz zusammengestellte Sammlung, die man auf verschiedenen Lesepfaden erkunden kann: http://www.uni-greifswald.de/~…iss/Gratz/anthologie.html


    Wer da kein Gedicht findet, das ihm gefällt, der hat wohl wirklich ein echtes Lyrikproblem. ;-)


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo Saturnia,


    "Backbord! Jungs!" klingt zwar deutlich seemännischer als das Original aber die Metrik stimmt leider nicht ganz. Deine Verszeile hat nur sieben Silben statt acht, es fehlt der Auftakt. Da hast Du Dich vermutlich von der schwebenden Betonung etwas irreleiten lassen. Möglich wäre z. B.:


    "Hart backbord, Jungs!" - des Lotsen Schrei.
    oder
    "Hart backbord steuern!" hallt ein Schrei.
    oder vielleicht
    "Das Ruder backbord!" hallt ein Schrei.


    Oder wie auch immer, jedenfalls hätte man das sicherlich so formulieren können, daß es seemännisch korrekt ist, da hätte sich der Dichter ruhig etwas mehr Mühe geben sollen. ;-)


    Da hier Fontanes "John Maynard" erwähnt wurde, hänge ich hier noch einen weiteren an, über dessen Entstehungsgeschichte ich allerdings leider nichts Genaues weiß:


    Ada Linden


    JOHN MAYNARD


    Mit flatternden Wimpeln und rauchendem Schlot
    Fährt über den Erie ein stolzes Boot;
    Die Lüfte sind sonnig, die Wogen so hell,
    Hinschwebt die "Schwalbe" sicher und schnell,
    Es lenket das Steuer John Maynard.


    Da gellt ein Angstruf: "Das Schiff, es brennt!"
    Umsonst zu löschen man drängt und rennt,
    Aus den Fugen steigt wirbelnd der Rauch hervor,
    Am Hinterdeck züngeln die Flammen empor,
    "Wir sind verloren, John Maynard!"


    'Noch ist das Vorderdeck sicher und fest,
    Dort harrt in Ruhe, der wachsende West,
    Er treibt nach rückwärts die lodernde Gluth;
    Auch in Flammen noch segelt die Schwalbe gut,
    Auch in Flammen steht fest John Maynard.'


    "Wie weit, wie weit noch zum rettenden Port?"
    'In anderthalb Stunden sind wir dort!
    Getrost, Capitän, ich halte Stand!'
    Der drückt die heiße, schwielige Hand:
    "So stärke dich Gott, John Maynard!"


    Auf seinem Posten, von Funken umsprüht,
    Vom sengenden Hauch der Flammen umglüht,
    Steht fest der Brave, mit kundiger Hand
    Hinlenkt das Schiff durch den Wogenbrand
    Zum sicheren Hafen John Maynard.


    "Gerettet nun sind wir von Tod und Qual,
    Du, Getreuer, hab' Dank viel tausend Mal!"
    Nicht Antwort kommt wieder, der Rauch verweht,
    Am glühenden Steuer ein Todter steht.
    So starb für sie Alle John Maynard.


    (Karl Wilhelm Bindewald: Deutschlands Dichterinnen. Osterwieck/Harz:
    Zickfeldt, o. J. [1895]; S. 70)


    Na ja, Fontanes Version ist natürlich eindeutig besser. ;-)


    Schöne Grüße,
    Wolf

    Hallo Sandra,


    die "Adriatische Rosemund" habe ich vor einiger Zeit zu lesen angefangen, ich habe noch gut die Hälfte des Romanes vor mir, und weil sich immer wieder andere Bücher dazwischendrängeln, kann sich die Lektüre noch etwas hinziehen. ;-)


    Es geht um die unglückliche Liebe zweier junger Menschen aus adligen Familien, dem Deutschen Markhold und der aus Venedig stammenden Rosemund (Venedig liegt an der Adria, daher die Bezeichnung "Adriatische" Rosemund im Titel des Romans), die wegen ihres unterschiedlichen Glaubensbekenntnisses nicht heiraten können. Rosemunds Vater will, daß seine Tochter auch nach der Heirat mit dem Protestanten Markhold ihren katholischen Glauben behalten kann. Außerdem möchte Rosemunds Vater, daß seine (möglichen) Enkeltöchter katholisch erzogen werden. Diese Bedingungen kann Markhold nicht akzeptieren, denn er will, daß alle seine (späteren) Kinder, nicht nur seine Söhne, den protestantischen Glauben annehmen; auch sähe er es gerne, wenn seine (künftige) Frau protestantisch wäre, er würde aber Rosemund keinesfalls dazu zwingen, seinen Glauben anzunehmen (sie ist aber dazu bereit).


    Der Roman beginnt gleich mit einer Trennungsszene: Markhold reist mit dem Schiff nach Frankreich, Rosemund bleibt in Amsterdam (ihre Familie ist von Venedig dorthin gezogen) zurück. Später erfährt man dann in einem Rückblick, wie sich die beiden zuerst getroffen haben (Markhold erzählt das einem Freund), die beiden schreiben sich Briefe, Rosemund zweifelt für einige Zeit an Markholds Liebe, weil sie bestimmte Formulierungen in einem seiner Briefe falsch auffaßt, sie zieht sich als Schäferin in die Einsamkeit zurück. Man erfährt auch von den oben genannten Schwierigkeiten, die einer Heirat entgegenstehen, die aber bis zu der Stelle, wo ich den Roman gelesen habe, noch nicht völlig unüberwindbar scheinen. Daß das mit den beiden aber leider nichts werden wird, ist mir allerdings schon aus der Sekundärliteratur bekannt. ;-)


    Die Sprache, in der dieser Roman verfaßt ist, mutet heute natürlich seltsam an, wenn man sich aber hineingelesen hat, dann kann man ihre eigentümlichen Reize und ihre fremdartige Schönheit genießen. Das größte Lektürehindernis ist die eigenwillige Orthographie, die Zesen verwendet. Er weicht deutlich vom damals üblichen Schreibgebrauch ab, wodurch der Text beim Lesen eine unfreiwillige Komik entwickelt. Komisch kann auch die unironische Schilderung der Hauptpersonen wirken; der Herausgeber der Ausgabe, die ich lese, nennt Markhold im Vorwort einen "pretiösen Schelmuffsky", weil er sich als gar so edel darstellt, er ist gutaussehend, charakterfest, gebildet, wird von den Männern geachtet, von allen Frauen bewundert und ist natürlich seiner Rosemund ewig treu. Außerdem deutet einiges darauf hin, daß Markhold autobiographische Züge trägt. Als Leser könnte man also meinen, daß Zesen sich die edlen Eigenschaften Markholds mehr oder weniger selbst zugeschrieben hat, was schon zu Zesens Lebzeiten einigen Spott hervorgerufen hat.


    Schöne Grüße,
    Wolf