Was lest ihr gerade?

  • Ich bin immer noch bei "Der letzte Satz" von Tibor Déry. Es zieht sich manchmal ganz furchtbar; die Warnung des Autors im Vorsatz (man solle sich die angemessene Zeit zum Lesen nehmen) ist mehr als berechtigt. Ich wollte es auch mehrmals schon weglegen, aber dann kommt immer wieder mal ein Abschnitt oder Kapitel, das wie ein Juwel funkelt, und ich bleibe doch wieder dabei.

    Déry findet immer wieder Metaphern oder Vergleiche, die er mit erstaunlicher Konsequenz über viele Seiten hinweg verfolgt. So vergleicht er eine der Hauptpersonen mit einer russischen Matrioschka-Figur; ihre äußerliche Ruppigkeit und Härte sind quasi nur Hüllen und im Inneren verbirgt sich als allerkleinste und am wenigsten ins Auge fallende, trotzdem aber massivste und unteilbare Eigenschaft ihre Menschenliebe und Freundlichkeit. Einige Seiten weiter beschreibt er, wie die kleinste Puppe im Inneren alle anderen, äußeren Hüllen an der Hand nimmt und tanzen lässt. Solche Gedankengänge regen die Phantasie auf wundersame Weise an.

  • Das ist eine schöne Metapher, die du da beschreibst, Zefira. Allerdings klingt der Rest nicht danach, als müsste ich mir dieses Buch als nächstes vornehmen.

    Ich habe nun den "Tyll" von Kehlmann beendet und bleibe ein wenig unzufrieden zurück. Grundsätzlich ist der Roman ein funkelndes Panorama und wieder eine Warnung vor der Sinnlosigkeit und Brutalität des Krieges. Auch ersteht durch Kehlmanns Roman der Aberglaube und das Halbwissen dieser Epoche mit den daraus folgenden Ängsten, unsäglichen Irrtümern und Unmenschlichkeiten plastisch vor Augen. An mehreren Stelle musste ich auch lachen und überlegte, ob Kehlmann beim Schreiben schon Trump und seine Fake News vor Augen hatte, wenn Tyll immer wieder mit den Erinnerungen an die Vergangenheit spielt und seine Gesprächspartner narrt. Aber was ist nun die übergeordnete Idee dieses Romans? Oder braucht man das nicht? Ich kann diese Idee nicht immer formulieren, aber in der Regel lässt mich ein Buch zufriedener zurück, wenn ich weiß oder zumindest ahne, auf welche Fährte mich der Autor als Leser setzen wollte. Das bleibt mir beim "Tyll" weitestgehend verschlossen.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

    Einmal editiert, zuletzt von finsbury ()

  • Wie der Soldat das Grammofon repariert von Saša Stanišić. In diesem, wahrscheinlich sehr biografisch gefärbten ersten Roman, erzählt der Protagonist, der achtjährige Alexandr, Geschichten aus seiner Geburtstadt Višegrad und von der Flucht seiner Familie, als die Stadt durch bosnische Truppen besetzt wird. Im Flusse seiner Stimme, melden sich noch andere Erzähler.


    Stanišić erhielt 2013 die deutsche Staatsangehörigkeit und ist heutzutage ein gefeierter deutscher Autor. Schon in der Schule wurde sein grosses Erzählertalent erkannt.


    Wie der Soldat das Grammofon repariert hat für mich den Charm, die Kraft und die Urwüchsigkeit eines Erstlings. Ich empfehle das Buch warm.

    „Seit ich die deutsche Sprache kenne, träume ich nicht mehr davon die Welt zu verändern. Ich habe nur noch ein Ziel im Leben: Ich will diese Sprache erneuern.“ Abbas Khider

  • Vielen Dank, @JH und finsbury. Ich freue mich hier gleich zwei Stanisic Fans zu finden. Herkunft habe ich leider noch nicht, dafür aber Vor dem Fest.


    Danke auch für das :thumbup:JH.

    „Seit ich die deutsche Sprache kenne, träume ich nicht mehr davon die Welt zu verändern. Ich habe nur noch ein Ziel im Leben: Ich will diese Sprache erneuern.“ Abbas Khider

  • Ich bin sehr angetan von Susanne Kerckhoffs kleinem Briefroman 'Berliner Briefe' (Verlag das Kulturelle Gedächtnis).


    In 13 Briefen an ihren Freund Hans, einen jüdischen Emigranten, setzt die Briefschreiberin Helene sich mit der Zeit des Nationalsozialismus und des jungen Sozialismus in der DDR auseinander. Ihre Beschreibungen und Analysen sind so schonungslos wie differenziert. Sie vermeidet simples Schwarz/Weiß-Denken und nimmt sich die Freiheit, selbst zu denken und vorsichtig zu urteilen. Das ist so ungeheuer angenehm zu lesen in einer Zeit, die nur noch von Erregungszustand zu Erregungszustand taumelt und dabei häufig Differenzierungen und Abwägungen vergisst.


    Ein kluges und empfehlenswertes Buch!

  • Das klingt sehr interessant, @JH Newman. Auch ich mag lieber die unaufgeregte differenzierende Schreibe.

    Momentan bin ich immer noch mit der Darwin-Biografie von Jürgen Neffe beschäftigt. Das ist für mich ein bisschen aufwändiger, weil ich das alles als alter Geograf auf Karten nachvollziehen muss und auch die Ausführungen zu modernen Erkenntnissen der Evolutionsbiologie in Ruhe durchdacht werden müssen.


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    Nebenher lese ich von Ilona Jerger: "Und Marx stand still in Darwins Garten", ein unterhaltsamer Parallelroman vor allem über den alten Darwin und aber auch Marx im Londoner Exil, der wohl zum Ende hin eine fiktive Begegnung zwischen den beiden schildert. Aber so weit bin ich noch nicht.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Eher so nebenbei: Thomas Bernhard, Meine Preise.

    Abgesehen von seiner Prosa, die ich einfach mag (Giftspritzen auf hohem Niveau) bringt es auch neue Kenntnisse. Ich weiß zum Beispiel jetzt, wer Piffl-Perčević war

    https://de.wikipedia.org/wiki/…flikt_mit_Thomas_Bernhard

    und habe mich erinnert, dass ich von George Saiko vor zig Jahren den Roman "Auf dem Floß" gelesen hatte, habe beim Suchen das Cover des alten Fischer TB gleich wiedererkannt. Und mal eine gebundene Ausgabe bestellt.

    Und ich weiß, dass Anton Wildgans einen Sohn Friedrich hatte, der nach Bernhards Ansicht, anders als sein Vater, sehr fähig war. Als Musiker. Undsoweiter.

    Ich vergesse das meiste, was ich gelesen habe, so wie das, was ich gegessen habe; ich weiß aber soviel, beides trägt nichtsdestoweniger zu Erhaltung meines Geistes und meines Leibes bei. (G. C. Lichtenberg)

  • Ausser "Wie der Soldat das Grammophon reparierte" von Sasa Stanisic jetzt auch für die Leserunde, "Schnee", von Aleksander Kielland (Norwegen). Alle sind herzlich eingeladen.

    „Seit ich die deutsche Sprache kenne, träume ich nicht mehr davon die Welt zu verändern. Ich habe nur noch ein Ziel im Leben: Ich will diese Sprache erneuern.“ Abbas Khider

  • Ich bin, außer hier in der Minileserunde mit "Schnee", noch in einer weiteren Leserunde in einem anderen Forum, und zwar mit "Jenseits von Eden" von John Steinbeck.

    Das Buch habe ich vor mindestens 40 Jahren schon mal gelesen. Nach mehreren Umzügen hatte sich meine TB-Ausgabe aufgelöst, deshalb habe ich mir (in einem Antiquariat) eine schöne gebundene Ausgabe gekauft, die ich jetzt hervorgeholt habe.

  • "Septimus Harding. Vorsteher des Spitals zu Barchester", im Original "The Warden" von Anthony Trollope. Habe noch nichts von diesem Schriftsteller gelesen. Mal sehen ... .

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)