"vergessene" Klassiker - Was gibt es noch zu entdecken?

  • Ich habe neulich eine sehr schöne Erzählung von Singer gelesen mit dem Titel "Hanka", die in einer Anthologie Phantastischer Geschichten / Gruselgeschichten erschienen ist.


    Von solchen Anthologien habe ich eine ganze Reihe, und manchmal stößt man darin auf Namen, die man in einer solchen Sammlung nie erwartet hätte. (Ich habe zum Beispiel auch mal in einem solchen Buch eine Gruselgeschichte von Thomas Mann gefunden, die sehr effektvoll war.)

    Vor Jahren, als ich mich für Meyrinks "Golem" begeisterte (warum nur????), las ich auch mal eine Langerzählung von Singer mit dem gleichen Titel. Sie steht noch bei mir im Schrank, ich kann mich aber an nichts erinnern, außer dass es sehr gruselig war.

  • Meyrinks Golem habe ich vor längerer Zeit auch gelesen. Hing mit einem Besuch in Prag zusammen, und das Buch hat mich damals sehr beeindruckt. Ich merke jetzt allerdings, dass ich in der Erinnerung auch etwas mit dem Film mit Paul Wegener vermische.

    Singers Geschichten sind normalerweise nicht so wahnsinnig gruselig. Ihm geht es viel um jüdische Tradition, und er schildert gern Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben. "Hanka" und seine Version vom Golem kenne ich allerdingd nicht.

  • Mir fällt hier spontan Boleslaw Prus mit "Die Puppe" ein. Vor vielen Jahren habe ich ein paar Klassiker des Polnischen Films gesehen, unter anderem "Pharao", der ebenfalls nach der literarischen Vorlage Prus' verfilmt wurde und der mich außerordentlich fasziniert hat.

    Das Buch "Die Puppe" hatte ich dann jahrelang in Suchaufträgen bei den üblichen Händlern. Wenn mal ein Treffer kam, dann mit Mondpreis. Momentan gibt es ein Exemplar für 75€. Das ist es mir nicht wert.


    Vielleicht kennt das Buch ja hier jemand und kann etwas dazu sagen?

    Mir geht es genauso. Das Buch ist einer der bekannten polnischen Klassiker, aber seit Jahren fehlt eine deutsche Übersetzung. Die selten erhältlichen antiquarischen Ausgaben sind absurd teuer.
    Ich weiß, dass Esther Kinsky das Buch gerne neu übersetzen würde, es gibt auch einen Verlag, der Interesse daran hat, aber bislang ist es noch nicht dazu gekommen. Ein Problem ist sicher der Umfang. Ich habe auch Guggolz schon einmal darauf angesprochen. Es müsste aber sicher eine zweibändige Ausgabe werden.


    Ich selbst habe mir mittlerweile eine englische Übersetzung davon besorgt.

  • Vor Jahren, als ich mich für Meyrinks "Golem" begeisterte (warum nur????), ...

    Ja nun, es hat schon was Besonderes, und mit den Jahren wechseln die Begeisterungen eben auch ihre Bezugspunkte. Interessant, aber nicht wirklich herausragend, so war immer mein Eindruck. Zwei Punkte, die mir auf einer Metaebene auffielen, bestanden jedenfalls darin, dass einerseits die Titelfigur in der Geschichte selbst gar nicht als reales Phänomen in Erscheinung tritt, sondern nur als Projektion menschlicher Vorstellungen und Ängste; und andererseits, dass das kaum jemandem aufzufallen scheint.

  • Soweit ich mich erinnere, ist es doch der Golem, der Pernath am Anfang das "Buch Ibbur" zum Restaurieren bringt und damit die ganze Handlung in Gang setzt.

    Der weise Rabbi Hillel sagt allerdings zu Pernath: "Nimm an, der Mann, der zu Dir kam und den Du den Golem nennst, bedeute die Erweckung des Toten durch das innerste Geistesleben" - was wohl bedeutet, dass der Golem nur eine Projektion ist. Dass man in diesem Buch nie so recht weiß, was Wirklichkeit und was Projektion ist, schafft eine ganz eigene Atmosphäre. Meine Versuche, die Bedeutung des Satzes "chabrat zereh aur bocher" zu klären, haben mich allerdings zu der Erkenntnis geführt, dass Meyrink in gewisser Weise ein Scharlatan war (oder zu sein vorgab) und seine angeblichen profunden Kenntnisse über verschiedene mystische Systeme entweder geschickt vortäuscht oder jedenfalls geschickt vorzutäuschen scheint.


    Man darf nicht vergessen, wie eng bei Meyrink Ernst und Komik nebeneinander liegen.


    Ich schätze inzwischen seine Kurztexte weit mehr als die Romane.

  • Nachtrag zum Thema Golem:

    Entsprechend meinem Vorsatz, die "Bibliotheksleichen" meiner Phantastik-Sammlung nach und nach endlich ihrer Bestimmung zuzuführen, habe ich vor ein paar Tagen mit diesem 1980 erschienenen Buch begonnen: "Golem100" von Alfred Bester.

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    Ich habe natürlich die deutsche Ausgabe, die etwas weniger trashig aussieht. Das Besondere an dem Buch sind die eingestreuten Illustrationen, die organisch mit dem Text verbunden sind. Ein großer Lesespaß bisher, wenn auch genretypisch eher seicht, aber sehr phantasievoll ausgedacht.

    Bester kennt zwar die Golemsage, wie Meyrink sie referiert - dass der Golem ein Diener des Rabbi Löw gewesen sei -, greift aber zurück auf einen noch älteren Mythos, wie er angeblich im Talmud steht. Danach ist Golem eine Bezeichnung für Adam in seinen ersten Lebensstunden, als er körperlich bereits präsent war und atmete, aber noch keine Seele hatte.

  • Mir geht es genauso. Das Buch ist einer der bekannten polnischen Klassiker, aber seit Jahren fehlt eine deutsche Übersetzung. Die selten erhältlichen antiquarischen Ausgaben sind absurd teuer.
    Ich weiß, dass Esther Kinsky das Buch gerne neu übersetzen würde, es gibt auch einen Verlag, der Interesse daran hat, aber bislang ist es noch nicht dazu gekommen. Ein Problem ist sicher der Umfang. Ich habe auch Guggolz schon einmal darauf angesprochen. Es müsste aber sicher eine zweibändige Ausgabe werden.

    Vielen Dank für die Informationen, es besteht also noch Hoffnung. Die Idee mit der englischen Ausgabe ist gut, andererseits habe ich es aufgrund unzähliger anderer Bücher, die gelesen werden wollen, auch nicht eilig.


    ***

    Kürzlich bin ich wieder auf eine Schriftstellerin aufmerksam geworden, die ich vor knapp 10 Jahren eher zufällig entdeckte (ich meine, es war damals schon in einem Blog über vergessene Bücher) und deren kurze Erzählungen, oft über einsame, vom Schicksal gebeutelte Menschen, mich in ihren Bann gezogen und lange nicht losgelassen haben.


    Es handelt sich um die Schweizer Autorin Adelheid Duvanel. Ihre Erzählungen waren nur noch antiquarisch, "Der letzte Frühlingstag" damals schon nicht leicht zu bekommen und scheint heute vergriffen zu sein. "Beim Hute meiner Mutter" ist noch zu haben.


    Der Limmat Verlag hat nun sämtliche Erzählungen in dem Buch "Fern von hier" versammelt und herausgegeben. Das sind immerhin 792 Seiten, die beiden angesprochenen Bücher kommen zusammen auf nicht einmal die Hälfte der Seiten - es gibt also noch einiges zu entdecken. Über kurz oder lang brauche ich das Buch.


    https://www.limmatverlag.ch/pr…el/894-fern-von-hier.html


    Duvanels Werk wurde anlässlich der Veröffentlichung des Buches zuletzt mehrfach besprochen und sehr gepriesen. Rezensionen finden sich u.a. in Die Zeit und in der NZZ.


    https://www.zeit.de/2021/20/ad…hlungen-schweiz-literatur

    https://www.zeit.de/2021/23/ad…lungen-sammlung-rezension


    https://www.nzz.ch/feuilleton/…rosses-werk-ab-ld.1624072

  • Herzlich Dank für den Link, da wird sich mein Kobo freuen wenn er mir vielen Büchern gefüllt wird. Nun fehlt einfach noch die dazu gehörende Lesezeit.

  • MariaElisabeth : willkommen im Klassikerforum - ich sehe, das ist Dein erster Beitrag? Ich war selbst eine Weile nicht hier wegen Urlaub.
    Ich habe übrigens auch einen Kobo. Schon über sieben Jahre alt, und er hat ein paar Macken, vor allem geht die Suchfunktion nicht mehr. Im Juli habe ich mir ein neues Pocketbook gekauft, benutze den Kobo aber immer noch. Ich habe hauptsächlich Klassiker drauf, da ich nicht gerne Ebooks kaufe, und nutze die Onleihe.

  • Ich auch Kobo. Glo. Seit Anfang 2013.

    Hab selten an ein Elektrogerät eine so tiefe Bindung entwickelt :)

    Ich vergesse das meiste, was ich gelesen habe, so wie das, was ich gegessen habe; ich weiß aber soviel, beides trägt nichtsdestoweniger zu Erhaltung meines Geistes und meines Leibes bei. (G. C. Lichtenberg)