Beiträge von JHNewman

    Bei uns läuft es so: der Buchhändler musste schließen, aber er hat die Kunden via Zeitungsanzeige und sozialen Medien informiert, dass er weiterhin erreichbar ist. Der Laden ist von 9 bis 18 Uhr besetzt, um Bestellungen anzunehmen und telefonisch erreichbar zu sein. Man kann seine Bücher auch nach wie vor im Laden abholen - es wurden ein paar Hygienemaßnahmen umgesetzt (Abstand halten, einzeln eintreten, Zahlung möglichst per Karte, sonst extra Tellerchen für Bargeld etc.). Das Ordnungsamt ist damit zufrieden und in der letzten Woche hat er Umsätze wie im Weihnachtsgeschäft gemacht. Das wird sicher runtergehen, aber im Moment scheint es so, dass die Menschen den Laden weiter unterstützen. Mein Buchhändler meinte, dass er überleben kann, sofern der Umsatz in den nächsten Wochen etwa bis auf die Hälfte sinkt. Drunter wird's dann wohl schwierig.


    Andere Buchhandlungen scheinen anders zu agieren und sind mehr oder weniger 'weg'. Einige bieten einen Telefondienst nur für wenige Stunden des Tages an und verweisen sonst auf den Onlineshop.


    Eine gute Nachricht ist ja auch, dass Amazon die Belieferung mit Büchern eingeschränkt hat und sich auf andere Produkte konzentriert. Man bekommt also sein Buch in diesen Tagen schneller und zuverlässiger über den lokalen Buchhändler als über Amazon.

    Vor einigen Wochen gelesen: "Der zweite Schlaf" von Robert Harris. Der Roman beschreibt ein England in ferner Zukunft, das auf eine apokalyptische Katastrophe zurückblickt. Die Ursache dieser Katastrophe kennt niemand, aber es entwickelt sich eine Spekulation, dass auch ein Virus dafür verantwortlich gewesen sein könnte.


    Ansonsten natürlich auch: Tod in Venedig. :-)

    Ich habe jetzt mit Leif Randts "Allegro Pastell" den dritten Roman der Liste gelesen.


    Eigentlich wollte ich das nur der Vollständigkeit halber tun und hatte nicht viel von dem Buch erwartet. Das scheußliche Cover trug zu meiner niedrigen Erwartungshaltung bei. Aber wie habe ich mich getäuscht... Bereits das erste Kapitel fand ich elektrisierend gut. Und so ging es dann auch weiter. In dem Buch passiert eigentlich überhaupt nichts, man fährt hin und her, schreibt sich Messages oder E-Mails, telefoniert, hat Sex, geht auf Parties, geht Essen (sehr wichtig!), macht Sport, reist. Das Leben der beiden Hauptfiguren ist finanziell gut ausgestattet, kultiviert, die Probleme sind Probleme auf hohem Niveau.


    Was an dem Roman begeistert, ist der Ton des Erzählers. Er bleibt dicht dran an seinen Figuren, ist immer in ihrem Kopf. Die beiden sind wirklich nicht sympathisch, Tanja ist eine ziemliche Zicke, Jerome eher etwas passiv, nicht besonders ambitioniert, ein bisschen Typ Langweiler. Trotzdem passen die beiden ganz gut zusammen, weil sie jeweils das bieten, was der andere sucht und will. Bis zu einem gewissen Punkt. Und als sie merken, dass sie damit eigentlich ganz gut gefahren wären, ist es für die Beziehung schon wieder zu spät. Beide sind ständig dabei, sich und ihre Umwelt zu analysieren, zu bewerten, sich in irgendeiner Weise zu optimieren, zu inszenieren oder zu performen. Sie sind ständig ihre eigenen Zuschauer, weniger im Bezug auf Selbstdarstellung, eher im Hinblick auf Selbstanalyse. Diese Überreflektierte ist zugleich ein unglaublicher Hemmschuh. Alles ist irgendwie geplant und kontrolliert, daher bleibt alles im moderaten Bereich, eben in Pastelltönen. Wirklich grelle Farben gibt es nicht. Echte Bedürfnisse auch nicht. Große Gefühle ebenfalls nicht. Der Sex ist so okay, dass man den Eindruck hat, er könnte irgendwann mal richtig gut werden. Also reicht es. Häufig vorkommende Begriffe zur Beschreibung von Erfahrungen sind "easy" und "nice".


    Die Stärke des Romans ist, dass er diese Sprache darstellt, ohne selbst zu ihrem Opfer zu werden. Er hält eine angenehme Distanz zu dem, was er erzählt, ohne es einfach nur bloßzustellen. Wahrscheinlich bleibt man deshalb auch dran an der Handlung, obwohl die Figuren wirklich keine Menschen sind, die man gerne kennenlernen würde. (Und gleichwohl hat man das Gefühl, dass man viele davon schon kennt...)


    Eine andere: Als Jerome und seine Freundin von der Schwangerschaft erfahren, machen sie einen Ausflug in den Rheingau, natürlich mit einem SUV - aber immerhin elektrisch. Sie wollen einfach mal ein bisschen testweise auf Familie machen und in ein klassisches Ausflugslokal gehen - wo man Schnitzel mit Kroketten isst und so. Auf der Terrasse des Lokals angekommen, stellen sie fest, dass dort nur "weiße, heterosexuelle Menschen sind". Das ist ihnen zu viel, deshalb gehen sie wieder. Der Roman macht aber klar: natürlich ist ihnen das nicht zu viel, genau in diese Kategorie gehören sie ja selbst. Aber es widerspricht dem Selbstbild, das sie von sich haben möchten, einfach am Sonntagnachmittag in einem Ausflugslokal im Rheingau zu sitzen - wie andere auch.


    Das Buch bleibt über die ganzen 280 Seiten unterkühlt - oder besser: lauwarm. Wirkliche Hitze gibt es nicht. Und obwohl die beiden Hauptfiguren ein eigentlich recht flottes Leben führen (eben im Allegro), bleibt es letztlich blass - eben Pastell. Der Titel ist wunderbar gewählt. Und am Ende versteht man auch, warum das Cover so hässlich ist: Es ist diese Kombination aus unentschiedenen Pastelltönen mit einem seltsam unscharfen Bild, das aber trotzdem nach außen glitzert und glänzt, als wäre es mehr wert oder wolle mehr scheinen, als es ist...


    Und jetzt habe ich ein Problem. In den letzten Jahren konnte ich immer ziemlich genau sagen, welches mein Favorit für den Preis ist. In diesem Jahr fand ich alle drei Roman, die ich gelesen habe, preiswürdig. Seiler vor allem wegen seiner Sprache, Schulze wegen der gesellschaftlichen Relevanz und des raffinierten Aufbaus. Und jetzt dieses 'viruos lauwarme Meisterwerk' (SZ) von Randt. Da könnte ich mich mit jedem als Preisträger anfreunden.


    Bin mal gespannt auf morgen.

    Puh, dann bin ich aber froh, mich nicht ersatzweise um Tickets für Köln bemüht zu haben. Ich hatte schon geschaut, welche Autoren ich womöglich in Köln hätte hören können, dann aber dagegen entschieden, die Reise nach Köln auf mich zu nehmen. Die Lit.Cologne ist wegen ihrer Einzelveranstaltungen über einen längeren Zeitraum ohnehin nicht mit Leipzig zu vergleichen. Hätte mir jetzt sowieso nichts mehr genützt...


    Dafür bin ich jetzt am 1.4. in Frankfurt bei Lutz Seiler. Yay!


    Hoffentlich kannst Du Dir die Tickets erstatten lassen!

    Ich kenne auch keines davon, aber mich würde interessieren, warum Du das Cover so hässlich findest.

    Ich habe es mir bei Google angesehen und finde es in keiner Richtung besonders bemerkenswert.

    Was man im Netz nicht so gut sieht: der Umschlag hat so einen Glimmer- und Glitzer-Effekt und lässt sich deshalb auch sehr schlecht fotografieren. Was bei Google eher nach einfachem Pastell aussieht, reflektiert im Licht. Und das finde ich scheußlich. Es fasst sich auch nicht schon an, sondern der Umschlag wirkt wie mit Plaste überzogen.


    Zu dem Buch von Yanagihara könnte ich eine Menge sagen. Ich habe das damals gelesen (zu lesen versucht), weil es in einigen Foren geradezu hymnisch angepriesen wurde. Ich kann vor diesem Buch nur warnen. Es ist ein schreckliches Buch - ein totaler Gewaltporno mit höchst fragwürdigen Personen. Für Leser und Leserinnen, die sich gerne im Leid ihrer Figuren suhlen, ist es möglicherweise attraktiv, aber ich fand das Buch eine Zumutung.


    Das Umschlagfoto ist aus einer Serie, die Menschen im Moment des Orgamus zeigt. Irgendwie seltsam. Aber zum Gewaltporno passt es natürlich irgendwie. ;)


    EDIT: Meine Gedanken zu dem Buch habe ich seinerzeit im Nachbarforum aufgeschrieben, dort findest Du auch ein paar andere Stimmen dazu:

    https://literaturschock.de/lit…&postID=957932#post957932

    Ich habe keines der Bücher gelesen. In einer Rezension hieß es, daß Schulzes Buch pädagogisch-belehrend wirke, vor allem gegen das Ende hin.

    Hast Du das auch so empfunden?

    Nein, das habe ich nicht so empfunden. Denn das Buch vermeidet imho allzu große Eindeutigkeiten. Der Erzähler ringt sehr mit seiner Figur, was in Teil zwei und drei sehr deutlich wird. Es werden auch verschiedene Wege der Anpassung an die neue Gesellschaft vorgestellt - zugleich wird auch deutlich, dass die Hauptfigur (Antiquar Paulini) auch Opfer der Umbrüche ist, für die er nicht verantwortlich ist.


    Als pädagogisch habe ich es nicht empfunden. Wir werden das Buch im Mai in unserem Lesekreis besprechen, ich bin mal auf die Rückmeldungen der anderen gespannt. Vielleicht empfinden die das anders.

    Lutz Seilers Roman "Stern 111" habe ich nun beendet. Es fällt mir wirklich sehr schwer zu sagen, welchen Roman ich besser finde. Schulze und Seiler haben beide ausgezeichnete Bücher geschrieben, die sehr unterschiedlich die Wendezeit und Nachwendezeit beschreiben. Das Buch von Seiler ist poetischer, wie seinerzeit schon Kruso. Durch die Gegenüberstellung der Geschichten Carls und der seiner Eltern schafft der Roman auch eine Öffnung, die wichtig ist. Und die Atmosphäre im Berlin der 'Zwischenzeit' zwischen Mauerfall und Vereinigung der DDR mit der BRD ist wahrscheinlich noch nie so intensiv eingefangen worden.


    Daneben kommt Schulzes Roman zunächst einmal etwas konventioneller daher, gewinnt aber durch den doppelten Perspektivenwechsel dann eine solche Tiefe, dass ich das Buch für keinesfalls schlechter halte als das von Seiler. Ich will den Roman noch einmal lesen, diesmal aber von hinten, d.h. die Teile in umgekehrter Reihenfolge.


    Und nun kommt der Knaller: Heute habe ich mit der Lektüre von Leif Randt begonnen. Das Buch ist äußerlich hässlich, das Cover scheußlich. Eigentlich wollte ich das nur der Vollständigkeit halber lesen. Ich hatte gar keine Erwartungen an das Buch. Aber das erste Kapitel ist wirklich umwerfend gut. Völlig anderer Ton, völlig anderes Thema. In der Süddeutschen Zeitung schrieb jemand, es sei ein "virtuos lauwarmes Meisterwerk". Das sieht man schon am ersten Kapitel. Wenn das so bleibt, weiß ich wirklich nicht, wem ich den Preis gönnen soll...

    Ich habe über die Leipziger Buchmesse gelesen, dass es dort regelmäßig eine "Manga-Halle" gibt mit asiatischen Ausstellern, die auch jedes Mal sehr voll sein soll.

    Keine Ahnung, ob das stimmt, aber wenn ja, ist das sicher auch ein Gesichtspunkt.

    Ja, stimmt. Ist das nicht als 'Manga Comic-Con' oder so sogar eine eigene Messe in der Messe?
    Das hatte ich nicht auf dem Schirm, weil ich diese Halle nicht besucht habe...

    Bei sehr großen Messen mit vielen Ausstellern aus Übersee kann ich das eher nachvollziehen. Denn viele dieser Aussteller (und Besucher) sagen Messen derzeit ab. Von der Londoner Buchmesse liest man, dass viele amerikanische Verlage und Besucher aus Ostasien wohl abgesagt haben - also wurde die komplette Messe schließlich abgeblasen.


    Für Leipzig sah ich dieses Problem kaum. Es ist - vom Publikum und von den Ausstellern her - eine deutsche und mittel/osteuropäische Messe. Und in Sachsen gab es bisher wenige Corona-Fälle. Daher hatte ich gehofft, die Messe könne stattfinden.


    Der Preis der Leipziger Buchmesse soll nächste Woche trotzdem irgendwie vergeben werden.

    Schade. Aber isist wohl vernünftiger so ?(

    Ich bin mit der Entscheidung nicht zufrieden und halte sie auch für falsch. Dieses Coronavirus wird unglaubhlich hochgespielt. Aber nachdem die Behörden der Buchmesse hohe Auflagen gemacht haben, hatten die Verantwortlichen keine andere Wahl mehr.


    Die Buchmesse wäre dringend nötig gewesen, besonders in dieser schlimmen Zeit. Ein Forum, ein Ort, an dem sich intelligente Menschen über vier Tage lang austauschen, an dem Literatur eine Stimme bekommt und wichtige Zeitfragen besprochen werden, wird dringend gebraucht. All das findet jetzt nicht statt. So sehr viele Einzelne sich auch bemühen und so gut viele Buchhandlungen vor Ort auch arbeiten: das können sie niemals auffangen. Und das wird auch nirgendwo nachgeholt. Deshalb finde ich die Absage wirklcih tragisch.

    In den Roman "Power" habe ich in der letzten Woche einmal im Buchladen reingeschaut. Eine Rezension dazu habe ich auch gelesen. Das Buch ist nichts für mich. Der Stil hat mich nicht angesprochen, die Handlung finde ich auch nicht wirklich interessant. Das lasse ich also einmal liegen.


    Gelesen habe ich letzte Woche den Roman von Ingo Schulze. Erzählt wird die Geschichte eines Dresdner Buchhändlers und Antiquars, der sich zu Zeiten der DDR in seine eigene verschrobene und irgendwie abgeschottete Welt zurückzieht, mit der Wende aber unter die Räder des Kapitalismus gerät und zu einer mehr oder weniger verkrachten Existenz wird. Auf den ersten 150 Seiten fand ich das ganz unterhaltlich und fröhlich erzählt, als Leser wird man da auch entsprechend angefüttert mit Verweisen auf klassische Literatur und entsprechender bibliomanischer Atmosphäre. Dann aber gewinnt das Buch enorm an Fahrt, als die Hauptfigur und sein Sohn zu Verdächtigen von rechtsradikal motivierten Straftaten werden. Die Perspektive des Roman wechselt - und nun wird die Geschichte noch aus der Sicht von anderen Personen erzählt. Und plötzlich fächert sich die Handlung viel weiter auf, es kommen neue Perspektiven hinzu, es kommen neue Details ans Licht. Die ganze Problematik der Wende, der Anpassungsdruck, die unterschiedlichen Strategien, sich auf das Neue einzustellen, werden diskutiert. Das fand ich hochspannend und auch hochbrisant. Eine der wichtigen Figuren ist ein Ilja Gräbendorf, der sich als Schriftsteller einen Namen macht und sich - aus Sicht der Dresdner - dem Westen und seinen Medien andient und damit Erfolg hat (ich habe mich gefragt, ob damit Durs Grünbein gemeint sein könnte?). Eine weitere Figur ist der Schriftsteller "Schultze", dessen Biographie auch Parallelen zum Autor aufweist, und der sich an die literarische Aufarbeitung des Schicksals der Hauptfigur macht.


    Das Buch ist raffiniert konstruiert und durch seine politische und gesellschaftliche Brisanz wirklich ein Roman zur Zeit. Aus meiner Sicht hätte der das Potenzial, ähnlich breit diskutiert zu werden wie Monika Marons "Munin". Er stellt unbequeme Fragen, ohne platte Antworten zu geben. Ich bin sehr auf die Diskussionen in Leipzig gespannt!


    Jetzt bin ich bei der Lektüre von Lutz Seilers Roman "Stern 111". Auch hier wird die Geschichte der Wende erzählt, aber in einer wirklich seltsamen Konstellation: Die Eltern des 26jährigen Carl Bischoff aus Gera fliehen sofort nach dem Mauerfall in den Westen, Carl bleibt zurück, zunächst in Gera, später in Berlin, wo er sich als werdender Dichter einer halbanarchischen Gruppe von Hausbesetzern anschließt. Wie schon in "Kruso" erzählt der Autor bildreich, sinnlich, poetisch und witzig. Das hat eine solche Klasse, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass er den Preis dafür nicht bekommt.

    Ich habe einmal ein Buch von Mercier gelesen (lesen müssen...) für unseren Lesekreis: Der Klavierstimmer. Das Buch war so entsetzlich schlecht und albern, dass ich es hinterher meinem damals kleinen Neffen zum Zerfetzen vorgeworfen habe... :-)


    Später habe ich einmal ein Buch von Peter Bieri in die Hände bekommen und auch nicht gemocht. Erst beim Lesen ging mir allerdings auf, dass Peter Bieri und Pascal Mercier die gleiche Person ist.


    Um diesen Autor mache ich seither einen großen Bogen.