Beiträge von JHNewman


    Ich merke beim Lesen dieser wenigen Sätze gleich wieder, warum ich Pascal Mercier nicht mag. Denn das, was er da präsentiert, sind keine Erkenntnisse. Das sind Banalitäten, Binsenweisheiten, die jedem halbwegs intelligenten Leser/jeder halbwegs intelligenten Leserin auch selbst einfallen könnten. Bei Mercier werden sie dann ein bisschen nett garniert und aufgeblasen. Aber am Ende habe ich als Leser nicht den Eindruck, etwas Neues über mich oder die Welt erfahren oder gelesen zu haben, sondern nur Bekanntes in einem neuen Aufguss.


    Es stimmt schon: hier fließen der Erzähler Mercier und der Philosoph Bieri ineinander. Mir ist es ja - Jahre nachdem ich einen Roman von Mercier wütend in die Ecke geknallt habe - passiert, dass ich ein Buch von Bieri las und zunehmend Unbehagen empfand, weil ich genau diesen Eindruck hatte: hier werden im Kern banale Gedanken als Philsophie verkauft. Dann fand ich heraus, dass Mercier und Bieri ein und derselbe sind. Da war mir dann klar, dass genau das mich auch schon beim Erzähler Mercier gestört hatte.


    Und zum Abwägen der Worte: vielleicht bin ein ungeduldiger Leser. Aber ich möchte einem Autor nicht dabei zusehen müssen, wie er hübsch nach Worten sucht. Diese Arbeit soll er geleistet haben, bevor ich das Buch lese. Am Ende soll er sich für ein Wort entscheiden und das hinschreiben. Und ich kann dann als Leser entscheiden, ob das treffend ist. 8)8)

    Ich hab gestern abend noch mit "Gesang der Fledermäuse" von Olga Togarczuk begonnen. Dann bin ich mal gespannt auf die Nobelpreisträgerin :)

    Oh, da bin ich gespannt, wie es Dir gefällt.

    Ich habe das Buch vor vielen Jahren gelesen (als es seinerzeit neu war) und fand es ein wenig seltsam, so eine Art Ökokrimi mit einigen mysteriösen Elementen. Damals hat mir 'Unrast' deutlich besser gefallen. Als ich jetzt 'Ur und andere Zeiten' von ihr gelesen habe, wurden mir einige Motive klarer und ich konnte Verbindungen auch zum 'Gesang der Fledermäuse' erkennen. Diese starke Erd- und Naturverbundenheit ist kennzeichnend für sie.

    Ich habe mal zu einem Unterhaltungsroman gegriffen. Ich mag ja kontrafaktische Geschichte ganz gerne: Anfang der 1950er Jahre dominiert Nazideutschland Europa, der Krieg gegen Frankreich ist gewonnen, Großbritannien ist zu einem Vasallen der Nazis geworden und wird von einer Marionettenregierung ruhig gehalten. An der Basis flammt immer wieder auch Widerstand auf. Die Amerikaner arbeiten an einer Atombombe - das Wissen darüber gerät in die Hände eines britischen Wissenschaftlers, der nun vor dem Zugriff der Nazis geschützt werden und in einer dramatischen Rettungsaktion auf ein amerikanisches U-Bott gebracht werden. Das Buch ist wirklich gelungen, insbesondere hat mich positiv überrascht, dass der Autor nicht nur ein historisch überzeugendes Szenario entwirft, das durchaus realistisch erscheint, sondern dass er auch plumpes Schwarz-Weiß-Denken vermeidet.


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    Danach der Roman 'Rivenports Freund' von Damiano Femfert. Spielt ebenfalls in den 50er Jahren, allerdings in Argentinien. Ein bewusstloser und schwer verletzter Mann wird an einer Straße gefunden. Er hat offenbar seine Erinnerung verloren und kann keine Angaben über seine Identität machen, außer dass er 'Kurt' heißt. Der verschrobene Arzt Rivenport nimmt sich seiner an und versucht die Herkunft zu klären. Trotz des interessanten Beginns und der eigentlich spannenden Anordnung bleibt das Buch ziemlich langweilig und weit hinter dem Potenzial zurück. Die Hauptfiguren sind einfach nicht interessant, aus dem Fall macht der Erzähler viel zu wenig und stilistisch hat das Buch auch Schwächen. Das hat mir nicht gefallen.


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    Jetzt habe ich zu Valerie Fritsch gegriffen: Herzkammern von Johnson & Johnson

    Das ist ein ganz anderes Kaliber. Schon die ersten 20 Seiten haben mich vollkommen fasziniert. Sätze wie gemeißelt. Jeden zweiten würde ich am liebsten einrahmen. Klasse!


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    Ja, Trump ist in seinem Extremismus ein besonderer Fall, aber er ist kein Einzelfall insofern, als der Typos des Mannes, der sich als Anti-Establishment geriert und keine Rücksichten nimmt, schon häufiger vorkommt: Bolsonaro, Erdogan, Putin, Johnson usw.


    Und genau dieser Typus Politiker tut sich interessanterweise im Umgang mit einer Krise wie der Coronakrise besonders schwer.


    Übrigens wird Trump zwar von den deutschen Medien negativ dargestellt, wenn man aber in den letzten Wochen die Pressebriefings im Weißen Haus verfolgt hat, dann stellt man fest: er wird noch gar nicht so auseinandergenommen, wie man das eigentlich tun müsste. Die Medien sollten sein tödliches Dummgequatsche einfach ignorieren. (Ich gebe zu, dass ich die Meldung bzgl. Lichttherapie und Desinfektionsmittelinjektion zunächst sogar für so abwegig hielt, dass ich sie noch nicht mal Trump zutrauen wollte, aber dann wurde ich beim Nachprüfen eines Schlechteren belehrt. Der Mann schafft es, noch immer seine eigenen niedrigen Standards zu unterbieten...)

    Danke für die Erklärung, Zefira.


    Ich hätte mich aber etwas deutlicher ausdrücken sollen, denn ich meinte eigentlich die mentale Anfälligkeit der Männer für falsche und unangemessene Reaktionen auf die Corona-Situation. Im Klartext: Kerle scheinen es einfach nicht zu kapieren, dass es nicht darum geht, den starken Macker zu markieren, sondern um eine andere Art von Reaktion. Und das schaffen Frauen ganz offenbar besser.


    Man muss ja nur Merkel und Trump vergleichen...

    Das mit der Kieler Woche wird sich sicher noch erledigen. Die findet zwar draußen statt, aber wenn das Gedränge denke, das ich dort vor vielen Jahren mal erlebt habe, dann wird das sicher nix in diesem Jahr.


    Danke für den Bericht aus dem UK, Fuzuli, ich verfolge recht aufmerksam auch den Guardian und habe einen ähnlichen Eindruck. Ich habe selbst ja längere Zeit im UK gelebt und verspüre daher immer noch eine ziemliche Verbundenheit.


    Mir scheint, dass es nicht nur mittelalte und ältere Männer sind, die gesundheitlich mit dem Virus Schwierigkeiten haben, sondern dass es gerade auch ältere Politiker sind, die größte Schwierigkeiten haben, sich auf diese Situation einzustellen. Frauen kriegen das ganz offenbar besser hin. Bei Männern scheint es einfach häufig so eine Rambo-Mentalität zu geben, die dazu führt, dass man dem Virus einfach nur mutig die Brust entgegenstrecken muss. Frauen haben offenbar eine besser Disposition für diese Lage, die stärker auf Schutz setzt...

    Nachdem heute das Oktoberfest für dieses Jahr abgesagt wurde, ist wohl davon auszugehen, dass auch die FBM 2020 nicht stattfinden wird.

    Diese Menschenmassen auf engem Raum werden ein Gesundheitsrisiko sondergleichen darstellen. Daneben ist davon auszugehen, dass ausländische Verlage nicht nach Frankfurt kommen wollen, womit der größte Teil des Handelsvolumens in Frankfurt wegfallen dürfte. Folglich ist die Messe gar nicht zu halten.


    Was meint Ihr?

    Hi MMMichael,


    herzlich willkommen! Einige der Bücher von Deiner Liste gehören auch zu meinen Favoriten (Stefan Zweig, Thomas Mann, Sascha Stanisic, Hermann Hesse...)


    Viel Spaß beim Diskutieren (und Lesen, natürlich),

    JHN

    Die Geschichte taucht auch in meiner eigenen Kafka-Biographie auf, von Ronald Hayman. Allerdings heißt es dort nicht, dass Kafka eine neue Puppe besorgt (und einen Brief darin versteckt hätte), nur dass er im Namen der Puppe Reiseberichte schrieb.

    Dass Kafka eine neue Puppe besorgt habe, berichtet wohl Max Brod in seiner Version der Geschichte. Stach meint aber, das sei unwahrscheinlich - weil Kafka zu dem Zeitpunkt, zu dem er das lt. Brod getan hätte, bereits in Zehlendorf wohnte. Es ist nicht wahrscheinlich, dass er den Kontakt zu dem Mädchen aus dem Steglitzer Park für mehrere Monate - und dann noch über eine räumlich größere Distanz - aufrecht erhalten hat. Kumpfmüller stützt sich offenbar stärker auf die Version aus Dora Diamants Erinnerungen, derzufolge es Kafka in den Briefen, die er dem Mädchen vorlas, vor allem darum ging, dem Mädchen langsam klar werden zu lassen, dass die Puppe nicht mehr zurückkommt

    Ein weiteres Kafka-Kuriosum ist die Geschichte der "Puppenbriefe".

    Danach soll Kafka etwa ein Jahr vor seinem Tod in Berlin einem Mädchen begegnet sein, das seine Lieblingspuppe verloren hatte. Um das Kind zu trösten, behauptete Kafka, die Puppe habe verreisen müssen und werde dem Mädchen schreiben. Fortan schrieb Kafka selbst für das Mädchen eine Anzahl Briefe, die angeblich von der Puppe stammten und von der Reise berichteten.

    Die Briefe sind niemals aufgetaucht. Dora Diamant soll die Geschichte nach Kafkas Tod irgendjemandem erzählt haben - nichts Genaues weiß man nicht. Siehe hier bei Mimikama , wo auch eine sehr niedliche Illustration zu der Geschichte zu sehen ist.

    Ich habe gerade Michael Kumpfmüllers sehr schönen Roman 'Die Herrlichkeit des Lebens' über die Liebe zwischen Kafka und Dora Diamant gelesen. Darin wird auch diese Episode erzählt.


    Nun habe ich bei Reiner Stach nachgelesen (der eine dreibändige Kafka-Biographie verfasst hat - ein wirkliches Meisterwerk, bisher habe ich allerdings nur die ersten beiden Bände gelesen...) Stach berichtete diese Episode ebenfalls, in Bd. 3, S. 587f.


    Die Briefe sind nicht erhalten, weil weder die Briefe Kafkas an Dora Diamant wie noch ein großer Teil der Materialien aus dieser Zeit erhalten sind. Ein Teil der Sachen wurde von der Gestapo beschlagnahmt und gilt seither als verschollen. Offenbar hat Kafka diese Puppenbriefe dem Mädchen auch gar nicht ausgehändigt, sondern nur vorgelesen - es konnte noch gar nicht selbst lesen. Gleichwohl hat Dora diese Episode in ihren Erinnerungen aufgezeichnet, sie aber auch zuvor schon Max Brod berichtet.Bei Max Brod findet sich die Geschichte auch, allerdings in einer etwas abweichenden Form.


    Stach hält die Sache für authentisch, denn sie passt sehr gut zu dem, was wir sonst über Kafka wissen. Sein Humor, auch seine Freude am Spiel, ebenso die Parallele zu etwa den Hebel'schen Erzählungen, die Kafka geliebt und gemeinsam mit Dora Diamant gelesen hat, sprechen für die Authentizität.

    Ich habe wieder zu Olga Tokarczuk gegriffen: Ur und andere Zeiten.

    Ein hinreißendes Buch, sehr zugänglich und überhaupt nicht schwer zu lesen.

    Besonders für Einsteigerinnen und Einsteiger in das Werk zu empfehlen (falls man sich durch die Dicke von 'Jakobsbücher' oder die fehlende Handlung von 'Unrast' verunsichert fühlt...)

    Lese gerade „Die rechtschaffenen Mörder“. Der altmodisch-betuliche Ton gefällt mir ind wirkt irgendwie beruhigend auf mich.

    Ha, warte mal ab, ab Teil zwei ändert sich der Ton...
    Ich habe das Buch jetzt einmal von vorne nach hinten gelesen - der legendenhafte Ton, den Schulze sich hier von Joseph Roth borgt, hat mir auch ganz gut gefallen, allerdings hatte ich ein leichtes Unbehagen dabei, denn mir erschien das etwas zu betulich. Als dann Teil zwei und Teil drei dazukamen, konnte ich das einordnen.

    Mittlerweile habe ich das Buch noch einmal teilweise rückwärts gelesen, also Teil drei zuerst, dananch Teil zwei. Denn ich wollte diesem raffinierten Erzähler Schulze etwas mehr auf die Spur kommen. Er legt ja Fährten und nimmt später Handlungsstränge auf, die man nicht so richtig beachtet hat. Und vor allem erscheint dann der gesamte erste Teil noch einmal in einem neuen Licht. Man kann diesem Kerl eben einfach nicht trauen.


    Ich bin auf Deine Eindrücke gepsannt. Vor allem sind m. E. sehr gute Überlegungen zu gesellschaftlichen Fehlentwicklungen drin. Und meine große Frage ist auch: ist Durs Grünbein das Vorbild für Ilja Gräbendorf? Und mir scheinen auch die Fälle von Susanne Dagen und Uwe Tellkamp irgendwie durch das Buch zu geistern. Viele Ansatzpunkte...

    Ich habe das Buch von Ian Pears vor vielen Jahren gelesen und erinnere mich vage daran, dass es mir je länger je besser gefiel... Einen Bedarf nach einer Re-Lektüre sehe ich bei mir allerdings nicht. Was hat Dich bewogen, das Buch jetzt noch einmal zu lesen?

    Bei uns läuft es so: der Buchhändler musste schließen, aber er hat die Kunden via Zeitungsanzeige und sozialen Medien informiert, dass er weiterhin erreichbar ist. Der Laden ist von 9 bis 18 Uhr besetzt, um Bestellungen anzunehmen und telefonisch erreichbar zu sein. Man kann seine Bücher auch nach wie vor im Laden abholen - es wurden ein paar Hygienemaßnahmen umgesetzt (Abstand halten, einzeln eintreten, Zahlung möglichst per Karte, sonst extra Tellerchen für Bargeld etc.). Das Ordnungsamt ist damit zufrieden und in der letzten Woche hat er Umsätze wie im Weihnachtsgeschäft gemacht. Das wird sicher runtergehen, aber im Moment scheint es so, dass die Menschen den Laden weiter unterstützen. Mein Buchhändler meinte, dass er überleben kann, sofern der Umsatz in den nächsten Wochen etwa bis auf die Hälfte sinkt. Drunter wird's dann wohl schwierig.


    Andere Buchhandlungen scheinen anders zu agieren und sind mehr oder weniger 'weg'. Einige bieten einen Telefondienst nur für wenige Stunden des Tages an und verweisen sonst auf den Onlineshop.


    Eine gute Nachricht ist ja auch, dass Amazon die Belieferung mit Büchern eingeschränkt hat und sich auf andere Produkte konzentriert. Man bekommt also sein Buch in diesen Tagen schneller und zuverlässiger über den lokalen Buchhändler als über Amazon.

    Vor einigen Wochen gelesen: "Der zweite Schlaf" von Robert Harris. Der Roman beschreibt ein England in ferner Zukunft, das auf eine apokalyptische Katastrophe zurückblickt. Die Ursache dieser Katastrophe kennt niemand, aber es entwickelt sich eine Spekulation, dass auch ein Virus dafür verantwortlich gewesen sein könnte.


    Ansonsten natürlich auch: Tod in Venedig. :-)