Beiträge von JHNewman

    Scheuer wird morgen gewinnen.

    Mal sehen, ob Du Recht behältst...
    Wenn nicht Stanisic gewinnt, würde ich eher auf Jackie Thomae tippen. Aber das ist nur so ein Bauchgefühl und orientiert sich rein an sekundären Gesichtspunkten.

    Dass "Herkunft" nicht im engeren Sinne ein Roman ist, halte ich für nicht so bedeutsam. Mit "Du stirbst nicht" wurde schon einmal ein nichtfiktionaler Text ausgezeichnet.

    Als fun fact: Ich habe acht der bisherigen Preisträgerromane gelesen, von denen ich aber nur zwei oder drei wirklich preiswürdig fand: Tellkamps "Turm", Seilers "Kruso" und (so halb) Geigers "Es geht uns gut", das ich allerdings erst Jahre später gelesen habe.


    Insofern kann ich tatsächlich sagen: die Trefferquote des Buchpreises ist im Hinblick auf literarische Qualität nicht besonders hoch.

    Wie war eigentlich die Lesung mit den Nominierten??


    Ich habe neben Stanisic bisher nur das Buch von Kühmel gelesen. Mein Urteil darüber fällt eher gemischt aus. Es hat starke Passagen, auch einige starke Figuren, aber insgesamt passt doch einiges darin für mein Empfinden nicht zusammen. Den Schluss empfand ich als wenig überezugend. Und während sich die Autorin bei der Schilderung der seelischen Zustände der einzelnen Charaktere eines eher gehobenen Stils bedient (und das auch recht gekonnt!), lässt sie sie in den Zwischenkapiteln in schnoddrig-dialekttgefärbten Floskeln daherschwatzen, was mich irritiert hat. Kein schlechtes Buch, aber nicht unbedingt preiswürdig.


    Rein aus sekundären Motiven könnte die Jury dem Serbienfreund Handke als Nobelpreisträger nun den in Bosnien geborenen Stanisic entgegensetzen. Sein Buch ist ohnehin ausgezeichnet.


    Von der Liste der Nominierten möchte ich noch die "Winterbienen" von Norbert Scheuer lesen. Mehr dann aber auch nicht...

    JHNewman es wird kritisiert dass es wieder Europäer sind. Ob man sie nun kennt oder nicht. Es sind weiße Europäer.

    Ja, das meinte ich mit 'sekundären Kriterien'. Es geht um's ethnische. Und nicht um die Frage, ob die beiden gute Literatur geschrieben haben. Das finde ich bedauerlich.

    Die Diskussion ist ja voll entbrannt, viele scheinen Peter Handke wegen seiner politischen Einstellungen als Preisträger abzulehnen. Ich habe das seinerzeit nicht so intensiv verfolgt. Für mich war Handke immer schon eher ein rotes Tuch, weil seine Literatur mir wie eine endlose Selbstbespiegelung vorkam, die ich schlecht ertragen konnte. Vor einiger Zeit sah ich aber dann im Theater 'Immer noch Sturm', was mir ausnehmend gut gefallen hat.


    Nebenan im Literaturschock-Forum wird die Wahl vor allem aus sekundären Gründen kritisert. Man beschwert sich darüber, dass wieder europäische Autoren ausgezeichnet werden. Fischen in bekannten Tümpeln - dabei hat offenbar von Olga Tokarczuk kaum noch jemand etwas gelesen. Die polnische Literaratur ist ja bei uns nicht allzu sehr bekannt. Warum das dann bekannte Tümpel sein sollen, verstehe ich nicht.

    Über Olga Tokarczuk freue ich mich besonders. Ich habe einige ihrer Bücher gelesen, vor Jahren 'Unrast' und 'Gesang der Fledermäuse', im Polnischunterricht im letzten Jahr etwas aus 'Opowiadania bizarne'. Die Jakobsbücher sind - mit mehrjähriger Verspätung - gerade auf Deutsch erschienen und liegen hier schon. Wie schön!


    Handke war für mich eine Überraschung - nach all den Jahren doch noch. Ich kann nicht behaupten, ein großer Freund seiner Bücher zu sein.

    Ich habe am Wochenende das Buch von Ocean Vuong gelesen: Auf Erden sind wir kurz grandios.


    Bisher hatte ich es nur am Rande wahrgenommen und dachte eigentlich, dass mich das nicht interessiert (Geschichte vietnamesischer Einwanderer in den USA...).


    Dann sah ich aber in einer Anzeige des Verlags hymnisches Lob für dieses Buch von Sasa Stanisic und Herta Müller. Wenn diese beiden ein Buch so sehr empfehlen, kann es nur gut sein. Und so war es auch.


    Ein ungeheuer starkes und reifes Buch, sprachlich changierend zwischen verschiedenen Genres, mit eher deskriptiven und eher lyrischen Passagen. Unbedingt lesenswert!


    https://www.deutschlandfunk.de…ml?dram:article_id=453914

    Nun ist auch die Shortlist draußen:


    https://www.deutscher-buchpreis.de/nominiert/


    Immerhin stehen neben Stanisic noch drei andere Bücher drauf, die aus meiner Sicht einen Blick lohnen: Kühmel, Thomas und Scheuer.


    Am meisten freuen würde ich mich jedoch, wenn Sasa Stanisic den Preis bekommen würde!


    Das Buch von Raphaela Edelbauer ist in der Süddeutschen ziemlich verrissen worden. Und einen Roman über Fußball mag ich wirklich nicht lesen...

    Da der Verlag eine GmbH ist und Gesellschafter hat, wird es wohl so etwas wie eine Gesellschafterversammlung geben? Allerdings werden die Gesellschafter wohl in erster Linie nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten entscheiden. Und das Buch von Würger etwa wurde zwar von der Kritik zerrissen, hat sich aber offenbar gut verkauft...


    In den angesprochen Fällen wurde ja nicht einfach gesagt: "das ist kein gutes Buch!", sondern "das hätte der Verlag nicht machen dürfen/sollen". Das scheint mir eine neue Qualität zu sein. Vielleicht gibt es das auch bei anderen Verlagen, aber bei Hanser ist es mir jetzt gehäuft untergekommen.

    In der letzten Zeit gibt es häufiger Kritik an Programmentscheidungen des Hanser-Verlags.


    Seit der Übernahme der Programmleitung durch Jo Lendle hat sich dort ja erkennbar die Richtung geändert.


    Nach einer ausgiebigen Debatte über Takis Würgers Roman 'Stella' im letzten Jahr, gibt es in der aktuellen Saison Kritik an Karen Köhlers 'Miroloi'. Dazu haben wir schon im Strang über den Buchpreis diskutiert.


    Jetzt kam mir wieder eine Kritik unter, die explizit auch das Lektorat des Hanser-Verlags kritisiert, und zwar von Peter Oliver Loew zu Emilia Smechowskis Buch 'Rückkehr nach Polen', nachzulesen hier:


    https://forumdialog.eu/von-feh…kis-rueckkehr-nach-polen/


    Das Fazit des Rezensenten:

    Zitat

    Weder die Autorin noch das Lektorat ihres Verlags haben sich mit diesem Buch mit Ruhm bekleckert. Smechowski häuft so viele falsche, halbwahre oder verdrehte Informationen über Polen an, dass man nur noch mit dem Kopf schütteln kann. Und sie nimmt nur das wahr, was sie wahrnehmen will. Letztlich ist das Buch eine Zumutung.

    Alles Zufall? Oder ist hier ein Muster erkennbar?

    Den Buchtrinker habe ich seinerzeit gelesen (das Buch habe ich nicht mehr). Ich denke nicht, dass es das gesucht Buch ist. Zur Suche wäre aber hilfreich zu wissen, um welches Thema es in dem Roman ging.

    Ja, zum Haare raufen. Und auch eine Umkehrung aller klassischen Kunstdefinitionen, oder? Früher war es so, dass Kunst ja gerade die Freiheit hatte, Grenzen zu überschreiten. Kunst sollte verunsichern und provozieren. Diese neue Art der Unfreiheit verhindert künstlerische Freiheit dadurch, indem sie den Künsterinnen und Künstlern verbietet etwas zu tun, das die 'Gefühle' von Menschen irgendwie verletzen könnte. Und ironischereweise im Namen einer 'Freiheit' - diese Aktionsgruppe "Frankfurter Hauptschule" würde sich ja wahrscheinlich als Agentin der Frauenbefreiung verstehen.

    Ja, ich verstehe das ebenfalls nicht. Es wäre ja authentisch, wenn ein Rassist dieses Wort benutzt, denn es gehört zu seinem Wortschatz.


    Nun ist es aber - soweit ich einige der Diskussionen um das Thema richtig verstanden habe - so, dass das N-Wort nicht mehr verwendet werden darf, weil es beleidigend ist und negative Gefühle auslöst. Und das ganz unabhängig davon, von wem und in welchem Kontext. Deshalb darf sogar eine Diskussion um das Wort schon das Wort selbst nicht mehr verwenden (siehe Diskussion im MDR vor einger Zeit). Und das passt sehr in eine generelle gegenwärtige Tendenz, in der Kunst vorwiegend danach bewertet wird, welche Affekte sie auslöst. Sobald eine Gruppe von Menschen sich dadurch potenziell beleidigt oder herabgesetzt fühlt, gilt die Kunst als böse und kann verboten werden.


    Einige dieser Fälle beschreibt Hanno Rautenberg in einem sehr lesenswerten Büchlein:

    https://www.suhrkamp.de/bueche…nno_rauterberg_12725.html


    Ein bisschen scheint mir auch die Autorin des verlinkten Textes in diese Falle zu tappen, denn ihr Anspruch an die zu behandelnde Schullektüre ist ja offenbar, dass auch junge Leserinnen "sich identifizieren" können. Jetzt kann man natürlich fragen: ist denn das überhaupt das Ziel? Für eine Literaturrezeption, die in erster Linie auf Affekte setzt, ist das bestimmt so. Aber das darf man gewiss in Frage stellen.

    Diese Diskussion ist ja grundsätzlich schwierig zu führen. Wenn Ziel des Deutsch- (bzw. Literatur-)unterrichts ist, einen fundierten Überblick über die klassischen und prägenden Werke der Literaturgeschichte zu vermitteln, dann wird man eben einen Überhang männlicher Autoren haben. Einfach weil die Kultur und die Öffentlichkeit über weite Strecken männlich dominiert war. Zudem folge ich der Autorin des Beitrags auch nicht darin, dass Bücher von Männern keine weiblichen Themen adäquat vermitteln oder vermitteln können. Romane von Theodor Fontane über Frauenfiguren halte ich für durchaus geeignet, eine weibliche Perspektive darzustellen (um nur ein Beispiel zu nennen). Es ist überdies ja legitim, auch die Werke von männlichen Autoren mit einem feministischen Blick zu lesen und zu interpretieren. Ich bin aber nicht dafür, den klassischen Kanon überhaupt zu skandalisieren, weil er nicht die den Erwartungen einer heutigen Gesellschaft gerecht wird. Da teile ich die Prämissen der Autorin überhaupt nicht. Ich habe auch den Eindruck, dass sie zu viele sekundäre Kriterien in die Literaturbetrachtung einbezieht, anhand derer sie dann entscheiden möchte, was gelesen werden soll bzw. gelesen werden darf. Wenn man das ein bisschen weiterspinnt und nicht nur die feministische Sicht einbringt, sondern auch andere Perspektiven, dann wird die Literatur zu einem Spielball gesellschaftlicher Interessen. Dann könnte man auch mit Fug und Recht fordern, nicht nur die weibliche Perspektive berücksichtigen zu müssen (Autorenseite und Inhalt bzw. Personen der Literatur), sondern auch die von LGBTIQ+, von ethnischer Diversität, von gesellschaftlichen und ökonomisch marginaliserten Randgruppen, von nicht-humanen Charakteren (Speziezismus!!) usw. usf. Dann werden Bücher auch danach beurteilt, ob darin Tiere gegessen werden oder geraucht oder Arbeiter ausgebeutet oder CO2 ausgestoßen. Ich übertreibe natürlich. Aber die Tendenz sehe ich - und halte sie für fatal.


    In letzter Konsequenz führt sich dann möglicherweise zu einer Haltung, wie Suse sie jüngst im Nachbarforum formulierte, als sie sich aus Ärger über Äußerungen von Wolfgang Hohlbein dazu entschied, in Zukunft keine Bücher mehr von weißen Cis-Männern zu lesen. Das ist dann das andere Ende des Spektrums. Aber ich frage mich, was es bringen soll, wenn man eine kritisierte oder empfundene Form von 'Diskriminierung' mit einer ebensolchen Haltung beantwortet - besonders, wenn sie sich gar nicht auf geäußerte Meinungen oder Werke, sondern ganz schlicht auf die Personen der Autoren beziehen.

    Ich bin lektüremäßig noch mit der Nachbereitung meiner Reise durch Galizien und die Bukowina beschäftigt.


    Zunächst habe ich mich den dunklen Seiten zugewandt und das sehr lesenswerte, aber auch sehr deprimierende Buch über die dunkelsten Seiten des 20. Jahrhunderts und ihre Auswirkungen in der Region gelesen: Timothy Snyder, Bloodlands.

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    Im Anschluss daran ein Buch von Martin Pollack über die Auswanderungen aus Galizien, vor allem in die USA: Kaiser von Amerika

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    Wenn man die sehr unterhaltsamen Schilderungen von Pollack liest, fühlt man sich mitunter sehr in die Gegenwart versetzt. Migration, Schlepperwesen, illegale Grenzübertritte und die verzweifelten Versuche von Regierungen, Verwaltung und auch caritativen Hilforganisationen, der Probleme Herr zu werden... alles schon mal da gewesen.

    Schöne Besprechung zu Karen Köhler, das Buch kommt aber nicht so gut weg:

    https://www.deutschlandfunk.de…ml?dram:article_id=456679

    Danke für den Link. Das ist in der Tat ein sehr lesenswerter Artikel, allerdings wirklich eher vernichtend im Hinblick auf den Roman. Neben den Kriterien, die im Artikel genannt werden, ist auch zu bedenken, dass der Erzählungsband von Karen Köhler sehr gelobt wurde. Insofern ist nicht nur das Interesse, sondern auch das vorauseilende Lob - oder die Zürckhaltung - der Kritik verständlich.


    Bemerkenswert finde ich aber auch, dass wieder der Hanser-Verlag offenbar mit dem Buch einen Fehlgriff getan hat, wie schon auch bei Takis Würger. Das ist sehr bedauerlich, denn der Verlag war ja einmal wirklich eine ausgezeichnete Adresse. Seit der Übernahme durch Jo Lendle ist nicht nur das Programm langweiliger geworden (man könnte auch sagen 'marktgerechter'), sondern es gibt auch klare Anzeichen für literarische Fehlentscheidungen des Lektorats. Traurig.