Beiträge von JHNewman

    Ich habe heute mit "Metropol" von Eugen Ruge begonnen. Ich weiß noch nicht, ob mir das gefällt. Es ist in einem sehr nüchternen Stil geschrieben. Es geht um seine Großeltern, die während der Prozesse 1936 in Moskau waren, für den sowjetischen Geheimdienst arbeiteten und mit einem der Verurteilten bekannt waren, was damals hochgefährlich sein konnte. Sein "In Zeiten des abnehmenden Lichts" hat mir damals sehr gefallen.


    Gruß, Lauterbach

    Ich habe Metropol vor einigen Monaten gelesen (auch erst in diesem Jahr) und fand es ausgezeichnet, sogar deutlich besser als die Zeiten des abnehmenden Lichts.

    Enttäuschend in welcher Hinsicht, JHNewman ?

    Meine Tochter ist absoluter Mahler-Fan und interessiert sich vielleicht dafür, wenn es kein allzu großer Quatsch ist.

    Leider ist es Quatsch. Oder sagen wir besser: es ist einfach hilflose Prosa angesichts eines musikalischen Genies. Über Musik zu schreiben ist extrem schwer, und im Roman wird genau das auch gesagt. Weil es aber über die Musik nicht geht, erfahren wir stattdessen einiges über die Gebrechen des alten Mahler und werden Zeugen unsäglich banaler Dialoge zwischen Alma und Gustav.


    Man kann das ganze natürlich auch als eine nette kleine Miniatur über einen alternden und sterbenden Künstler lesen. Aber letzlich weckt es nur die Sehnsucht, das Buch zuzuklappen und Mahler zu hören. Dann ist die Zeit besser investiert.


    Ich hatte mich auf das Buch gefreut, denn ich mochte sowohl den Trafikanten wie auch 'Ein ganzes Leben' sehr gern. Und ich liebe Mahlers Musik. Aber in diesem Roman ist die Diskrepanz zwischen dem Thema und der literarischen Verarbeitung einfach viel zu groß.

    Ich habe noch zwei weitere Bücher von Christa Wolf gelesen ("Was bleibt" und "Kassandra") - ihre Stimme tut mir im Moment ausgesprochen gut, diese ruhige Klugheit ist etwas, das ich im gegenwärtigen Diskurs vermisse.


    Gerade lese ich den neuen Roman von Robert Seethaler über Gustav Mahler. Bisher enttäuschend. Wenn's nicht so kurz wäre, würde ich wohl abbrechen.

    Lemprierers Wörterbuch ... habe ich seinerzeit gelesen, als es in Deutschland erschien. 1993 etwa? Es wurde damals ziemlich stark beworben. Ich erinnere mich an die Lektüre und an die intensive Atmosphäre des Buches, aber ich weiß auch, dass ich die Handlung als sehr wirr empfunden habe und mich am Ende nur fragte, was dieses Buch eigentlich sollte... Da ging es mir wir Dir, finsbury Daher habe ich auch kein weiteres Buch von Lawrence Norfolk gelesen.

    Zitat

    ...als Autorin war sie in ihren Ansichten damals kaum von ihrer Heldin Christa T. zu unterscheiden...

    Ja, Karamzin, das ist beim Lesen jetzt auch meine Erfahrung, dass ich immer wieder diese Christa T. für Christa W. halte oder doch stark den Eindruck habe, hier spreche eine Frau von sich selbst - wie könnte sie auch all das über die Freundin wissen. Dieses Spiel treibt die Autorin wohl ganz bewusst mit uns.


    In jedem Fall finde ich ungeheuer stark - und das sage ich als Leser des Jahres 2020, der keine DDR-Jugend erlebt hat - wie Christa Wolf es schafft, durch ihre Konzentration auf die Einzelne, das Individuelle, die Spannungen des Gesellschaftlichen zu vermitteln, ohne sie explizit zu benennen. Das hätte zum einen sicher den Text nicht durch die Zensur kommen lassen, aber zum anderen ist das auch nicht ihr Thema. Sie schreibt eben keinen Gesellschaftsroman. Und genau das macht ihre Prosa dann auch wiederum so gültig und zeitlos.


    Hach!

    Christa Wolf: Nachdenken über Christa T.


    Letzte Woche las ich in einem Text von H. Luther zu 'Identität und Fragment' ein Zitat von Christa Wolf, das in mir sofort den Wunsch auslöste, wieder etwas von ihr zu lesen. Hinzu kam meine Lektüre von Susanne Kerckhoffs 'Berliner Briefen' - auch dieses Buch beleuchtet ja die Zeit der entstehenden und frühen DDR. Nun also Christa Wolf. Es ist wirklich eine Freude, diese Prosa zu lesen. Dieser Klugheit zu folgen. Und auch ein wenig Wind der Geschichte zu spüren.

    Ja, das war auch wieder so ein Rohrkrepierer von Manesse. Nach den Barchester Towers war mit der Ausgabe der Barchester-Novels schon wieder Schluss. Früher gab es wohl mal auch eine Ausgabe von Dr. Thorne. Ist aber nur noch antiquarisch zu erhalten.

    ... konnte ich vor Lachen nicht weiterlesen. Ich habe nämlich das Wort "Flutschlamm" an der falschen Stelle getrennt. "Flutsch-Lamm".


    Es war richtig schlimm. Ich habe mich fast nassgemacht vor Lachen.

    Ging mir genauso - ich habe auch zunächst Flutsch-Lamm gelesen...:D


    Den gleichen Fehler habe ich neulich bei Altbaucharme gemacht. Da gab es bei mir erst Alt-Bauch-Arme, bevor ich auf Altbau-Charme gekommen bin.


    Deutsche Komposita sind die reinsten Lesefallen... :D:D:D

    So dachte ich auch JH, bis sich bei mir eine fiese Insektenplague eimstellte, wegen der ich auf alle meine "wirklichen" Bücher werde verzichten müssen, wenn ich umziehe. Meine Umzugspläne musste ich erstmal wegen Corona aufschieben, aber ich habe schon angefangen mir meine digitalen Bibliotheken anzulegen. Ohne Bücher kann ich nicht bleiben.

    Oh, ich hoffe, der Verzicht ist zeitlich begrenzt?

    Wie ich das kenne ... 8|=O:/

    Aber es ist so wenig akzeptiert. Ich hatte schon häufiger den Impuls, ein Treffen oder einen Termin abzusagen, weil ich stattdessen lieber lesen wollte. Aber das war absolut gegen die Konvention... Vielleicht wäre hier mal eine echte Akzeptanzoffensive vonnöten: so eine Art klinischer Test für Bibliomanie, der dann zu einem Attest führt. Trägern dieses Nachweises ist eine tägliche Lesezeit von mind. zwei Stunden zu garantieren. Sonst werden sie unleidlich. :saint::saint:

    Da ist natürlich was Wahres dran, ich bin eher ein Augen- als ein Ohrenmensch, aber das Hauptproblem ist wohl, dass mir das Tempo nie recht ist. Entweder ist es zu langsam oder zu schnell. Und zurückblättern kann man auch nicht ...

    Gelegentlich habe ich ein Hörbuch auch mal abgebrochen, wenn die Stimme der Vorlesenden oder ihre Art zu sprechen mir nicht gefallen hat. Das Tempo ist dabei auch wichtig. Und die Ungeduld kenne ich auch.

    Zurückblättern geht durch Zurückspringen in den einzelnen Tracks. Das war bei mir auch gelegentlich nötig, wenn ich plötzlich durch eine fordernde Verkehrssituation gefordert war und nicht richtig zugehört habe. Dann war ich plötzlich raus und musste zurückspringen.


    Übrigens habe ich einen Freund, der nach einem Schlaganfall zunächst nicht mehr lesen konnte. Er ist einer der belesensten Menschen, die ich kenne. Für ihn waren Hörbücher ein wahrer Segen, denn so konnte er wenigstens geistig aktiv bleiben, bis sich sein Sehvermögen wieder soweit regeneriert hatte, dass er selbst lesen konnte.


    Und bei manchen Hörbüchern ist es in der Tat so, dass sie dem Akt des eigenen Lesens noch etwas hinzufügen. Entweder durch eine wirklich gelungene Interpretation des Vorlesenden (etwa bei Gert Westphal, dessen Einspielungen von Texten Thomas Manns oder Theodor Fontanes wirklich herrlich sind) oder durch Dramatisierungen. Statt etwa ein Theaterstück zu lesen höre ich mir wirklich fast lieber eine Hörspielbearbeitung an...

    Ich bin sehr angetan von Susanne Kerckhoffs kleinem Briefroman 'Berliner Briefe' (Verlag das Kulturelle Gedächtnis).


    In 13 Briefen an ihren Freund Hans, einen jüdischen Emigranten, setzt die Briefschreiberin Helene sich mit der Zeit des Nationalsozialismus und des jungen Sozialismus in der DDR auseinander. Ihre Beschreibungen und Analysen sind so schonungslos wie differenziert. Sie vermeidet simples Schwarz/Weiß-Denken und nimmt sich die Freiheit, selbst zu denken und vorsichtig zu urteilen. Das ist so ungeheuer angenehm zu lesen in einer Zeit, die nur noch von Erregungszustand zu Erregungszustand taumelt und dabei häufig Differenzierungen und Abwägungen vergisst.


    Ein kluges und empfehlenswertes Buch!

    Da hat man nun all die Jahrzehnte über einem großen Laster gefrönt - und sich Bücher angeschafft. Ein Auto habe ich nie gefahren, (...) Hätte gar nicht die Geduld, mir ein Hörbuch anzuhören.

    Da sehe ich eine Korrelation. Die Geduld für Hörbücher bringe ich auch nur im Auto (bei längeren Fahrten) auf. Seit ich nicht mehr wöchentlich nach Westdeutschland pendeln muss, ist mein Bedarf an Hörbüchern auch massiv zurückgegangen. Für lange Autofahrten hingegen sind sie wundervoll.