Beiträge von JHNewman

    Morgen werden die Nominierungen bekannt gegeben. Ich bin schon gespannt darauf.

    Freuen würde ich mich, wenn Matthias Nawrats neuer Roman 'Der traurige Gast' darauf zu finden wäre.

    Ebenso über Sasa Stanisic ("Herkunft"), wobei der als ehemaliger Preisträger ("Das Fest") möglicherweise ausscheidet.

    giesbert : Ich kann mir schon vorstellen, wohin die Bahnfahrt geht... Da ich in den letzten Jahren in der Nähe von D. gearbeitet habe, war ich häufiger bei der dortigen Buchhandlung zu Gast und habe auch einige Veranstaltungen dort besucht. Jetzt arbeite ich seit mehr als einem Jahr von meinem Wohnort aus und das ist leider fast drei Stunden von D. entfernt. Daher kann ich heute nicht dabei sein, was ich sehr bedaure. Ich wünsche aber einen frohen Abend in D. mit den wundervollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dieses herrlichen Ladens!

    Nach dem neuen Houellebecq griff ich zum neuen Roman von John Lanchester: "Die Mauer". Seinerzeit hatte mir "Kapital" recht gut gefallen - ein flott geschriebener, gut gemachter Gesellschaftsroman, der durch die gekonnte Verknüpfung verschiedener Handlungsstränge sehr unterhaltsam war. Der neue Roman ist sowohl von der Atmosphäre wie auch vom Erzählstil her ganz anders. Sehr düster, aus der Perspektive eines Erzählers konstruiert. Die Handlung spielt im Wesentlichen auf der Verteidigungsmauer rund um die britische Insel, die einerseits das hoch angestiegene Meer (Klimawandel) abwehren soll, andererseits aber die Horden von Bootsflüchtlingen, die gegen diese Befestigung anstürmen.


    Ein finsteres Buch, das mich aber trotzdem nicht wirklich gefesselt hat, es blieb insgesamt etwas zäh und auch trotz aller Dramatik nicht sehr spannend.


    Jetzt lese ich den im letzten Jahr erschienen Roman von Nino Haratischwili "Die Katze und der General". Ich war aufgrund der verhaltenen Kritiken etwas skeptisch, aber bislang (nach 100 Seiten) gefällt mir das Buch richtig gut. Dazu mag auch beitragen, dass ich die Autorin im Januar bei einer Lesung gehört habe und sie sehr sympathisch fand.

    Am Wochenende wurde die Debatte noch einmal weitergeführt. In der Literarischen Welt gab es eine ganze Seite über Stella Goldschlag und ihren Nachlassverwalter. Und es gab weitere Berichte, dass jetzt gegen Takis Würger sogar Strafanzeige gestellt wurde.

    Ein sehr interessantes Thema! Auf Deine Eindrücke bin ich gespannt.


    Mir hat man zum 50. ein Buch von Wilhelm Schmid zum Thema geschenkt:

    https://www.suhrkamp.de/bueche…wilhelm_schmid_17600.html


    Das war natürlich gewissermaßen ein Wink mit dem Zaunpfahl, zugleich aber wirklich nett gemeint. Wilhelm Schmid ist ja mittlerweile ein bisschen sowas wie ein Briefkastenonkel der gebildeten Stände, nett verpackte Lebensratschläge ohne allzu große Herausforderungen. Die Lektüre war dann auch ganz nett, aber viel mehr dann doch nicht.


    Etwas mit mehr Substanz wäre wirklich gefragt.

    Wobei sich mir auch die Frage stellt, worüber wir reden, wenn wir über 'Altern' reden. Während in früheren Jahrhunderten die Lebenserwartung deutlich geringer war und das, was wir rein physisch als 'Alter' bezeichnen würden, weitaus früher einsetzte, haben wir heute Siebzigjährige, die noch richtig fit sind. Natürlich gibt es Unterschiede, aber in meinen Augen beginnt das, was ich wirklich als 'alt' bezeichnen würde, bei den meisten Menschen heute erst mit ca. 80 Lebensjahren. Vorher sind die Menschen häufig noch sehr aktiv und auch geistig und körperlich recht mobil.

    Zugleich und in einem scheinbaren Widerspruch dazu steht, dass Wirtschaft und Arbeitsmarkt Menschen ab etwa 50 Jahren schon als unvermittelbar behandeln und als zu entsorgende Altlasten oder im günstigeren Fall als 'Auslaufmodelle'. Und das, obwohl von überall her der Fachkräftemangel beklagt wird. Man möchte sich an den Kopf fassen.


    Also: ich bin gespannt auf Anregungen!

    Ich habe das Buch gestern beendet. Der Autor verfolgt den Weg seines Erzählers konsequent bis zum Schluss. Und dann kommen die letzten beiden Seiten. Die habe ich heute noch einmal mit einem gewissen Augenreiben gelesen.


    Wer spricht da?

    Will der Autor hier tatsächlich den Ruf nach einer Erlösung - und das auch noch im christlichen Sinne - laut werden lassen?


    Diskussionsbedarf!!

    Zitat Seite 9: "Zwei junge Frauen um die zwanzig stiegen aus, und selbst aus der Entfernung war zu erkennen , dass sie hinreißend aussahen; ich hatte in letzter Zeit vergessen, wie hinreißend Frauen sein konnten, ...."

    Naja, wenn man das Buch auf Strecke liest, fällt einem ja auf, dass der Erzähler fast nur abwertend über Frauen spricht (über andere Menschen allerdings auch). Fast jede Frau, die er beschreibt und mit der er näheren Kontakt hat, wird auf ihre sexuellen Eigenschaften reduziert und vor allem darauf, was sie im Bett so drauf hat bzw. mit sich machen lässt, mit einem äußerst expliziten Vokabular. Für mich ist der vorherrschende Ton eben nicht Schmerz, sondern Verachtung. Deshalb geht mir jegliches Mitgefühl mit dem Erzähler ab. Aber Du hast natürlich recht: wir müssen das nicht gleich lesen. :-)

    Wir scheitern ja irgendwie alle im und am Leben, Lektüre kann dann ein Trost sein, daher lese ich sowohl Roth als auch Genazino und natürlich auch Houellebecq.


    Ich frage mich schon die ganze Zeit, wie gerade die Lektüre der Texte von Houellebecq ein Trost sein kann.
    Jetzt habe ich irgendwo auf Seite 275 des Buches einen Satz gelesen, der eine mögliche Erklärung sein könnte: Da meint der Erzähler, dass es doch beruhige, wenn man inmitten der eigenen Dramen die Dramen anderer vor Augen geführt bekomme, die einem selbst erspart geblieben seien. Das ist zwar nicht das, was ich unter 'Trost' verstehe, aber es wäre immerhin eine Möglichkeit. ;)


    Mit dem Buch bin ich jetzt fast durch. Auch das ist ein Glücksmoment bei Houellebecq. Wenn man es hinter sich hat. 8o

    Ich mache hier mal einen Strang zu dem Thema auf. Die Debatte tobt nun seit einigen Wochen durch das Feuilleton, auch am Wochenende gab es dazu wieder mehrere Beiträge in den Qualitätszeitungen, denn nun hat sich neben der literarkritischen auch noch eine juristische Dimension aufgetan. Die Erben bzw. Nachlassverhalter der titelgebenden Figur in Würgers Roman wollen juristisch dagegen vorgehen.


    Habt Ihr die Debatte verfolgt? Nehmt Ihr daran teil, beschäftigt sie Euch?

    Ich habe den Roman nicht gelesen und habe auch nicht vor, das zu tun. Der letzte Roman von Takis Würger, Der Club, wurde bereits ziemlich hochgejubelt, aber ich fand ihn nicht sehr überzeugend. In den Rezensionen zu 'Stella' konnte ich zumindest erkennen, dass Würger sich im neuen Buch nicht verbessert hat, daher halte ich das für nicht besonders interessant.

    Die Rezensenten haben das Buch in einer Einhelligkeit verrissen, die überrascht. Abgesehen davon, dass es wohl einfach ein schlechter Roman ist, haben sie aber ein tiefer reichendes und grundsätzliches Problem ausgemacht: Dass hier ein Roman den historischen Stoff (Holocaust) nur als Kulisse hernimmt, um eine flache Geschichte ein bisschen aufzumotzen und ihr eine Tiefe und Dramatik zu verleihen, die der Autor mit eigenen Mitteln nicht herstellen kann. Nazi-Deutschland als Themenpark zur Produktion von Nazi-Kitsch. Dem Autor wird vorgeworfen, sich an dem Thema völlig überhoben zu haben, obwohl er doch unbedingt 'große Literatur' produzieren wollte. (Seitenhieb: und Daniel Kehlmann wollte ihm dabei sekundieren, indem er ein komplett verfehltes Zitat für den Buchrücken lieferte...). Ich las am Wochenende einen Bericht zu Lesungen mit dem Autor, die ebenfalls erkennen ließen, wie sehr der Autor an seinem selbstgewählten Thema scheitert.

    Diese Debatte finde ich wichtig. Denn Würger tut hier etwas, das in der deutschen Literatur vielleicht noch nicht sehr verbreitet ist, in der angelsächsischen Literatur und Unterhaltungsindustrie aber schon längst üblich. Bücher, die sich der Nazithematik bedienen, um eine möglichst einfache Folie für das Spiel von Gut und Böse zu haben, finden sich dort zuhauf.


    Eine ganze Reihe von Fragen stellen sich. Darf man das heute so machen? Ist die historische Distanz junger Autorinnen und Autoren vielleicht so groß, dass sie es auch nicht anders können? Obwohl es ja zahlreiche Gegenbeispiele gäbe...
    Und im Hinblick auf den Verlag: Verschiedene Kritiker haben dem Verlag und seinem Verleger Jo Lendle massive Vorwürfe gemacht. Der Verlag hat den Titel als Schwerpunkttitel beworben. Er liegt aber im Niveau meilenweit unter dem, was Hanser unter Michael Krüger mal zu einem führenden literarischen Verlag gemacht hat. Das ist auch ein schlechtes Zeichen (wobei es schon Vorzeichen dieser Entwicklung gab).


    Ich finde das insgesamt eine spannende Debatte.


    Was meint Ihr?

    Ich habe jetzt 160 Seiten des neuen Houellebecq gelesen. Es ist wie Waten durch Dreck. Der Autor breitet das Seelenleben seines Erzählers vor uns aus. Der führt ein finanziell recht komfortables Leben, das aber durch innere Leere, Bindungsunfähigkeit und Verachtung für alle und jeden gekennzeichnet ist. Lebensekel pur. Und da der Erzähler so ein Widerling ist, tut er dem Leser auch nicht leid. Der Text ist natürlich glänzend geschrieben, stellenweise unterhaltsam und manche Sottise sitzt. Gleichwohl fragt man sich als Leser, warum man mit diesem Schmutz eigentlich Zeit verbringen soll, denn der Erkenntnisgewinn über die gegenwärtige Seelenlage der Gesellschaft hält sich doch sehr in Grenzen...

    Wenn ich mich richtig erinnere, hat Zweig aber auch sehr lange verdrängt, was da auf ihn zukam, oder?

    So stellt er es in diesem Buch nicht dar - wobei gut möglich ist, dass er seine Erinnerung schönt (an einigen Stellen hat man diesen Eindruck). Er hat Salzburg bereits 1934 verlassen, weil ihm der zunehmende Antisemitismus zu schaffen machte. Er verbrachte viel Zeit auf Reisen, die Zeit des 'Anschlusses' erlebte er in London. Zumindest diese Entwicklung hatte er befürchtet und daher auch rechtzeitig seine Zelte in Salzburg (und Österreich) abgebrochen. Die konkreten Schritte gegen die Juden, die Rechtlosigkeit und Erniedrigung und und auch die Existenz als 'Flüchtling' - die hatte er jedoch in dieser Form wohl nicht erwartet. Rückblickend schildert er seine früheren Begegnungen mit Exilanten (etwa Russen außerhalb der Sowjetunion) daher mit dem Beisatz: er hätte sich nicht vorstellen können, jemals in eine solche Lage selbst zu kommen. Und ihm wird auch bewußt: auf manche Erfahrungen kann man sich nicht vorbereiten. Die macht man erst, wenn man selbst in diese Situation kommt.

    Ich bin jetzt am Ende von Stefan Zweigs Erinnerungen angekommen. Das Buch ist wirklich großartig, die vielen historischen Parallelen zu unserer Zeit sind frappierend. Die Beschreibungen, wie eine lange gewachsene internationale Gemeinschaft zerbricht, wie Hass und Propaganda die Beziehungen belasten, die Völker sehenden Auges auf Katastrophen zulaufen... sehr bewegend. Und gegen Ende dann die Erfahrung für Stefan Zweig, aus einem international angesehenen und geachteten Weltbürger zu einem Staatenlosen zu werden, weil mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich sein österreichischer Pass ungültig wird. Zweig beschreibt sehr eindrücklich, was das mit ihm macht, wie er plötzlich überall zum Bittsteller wird, der auf bürokratische Gnadenakte angewiesen ist, wie sein Status zu vermindert, wie er zum 'Flüchtling' wird - trotz seiner finanziell abgesicherten Situation gefährdet und nirgendwo sicher. Ein Buch, das man heutigen Politikern zur Pflichtlektüre in die Hand geben sollte.

    Die Lektüre eines solchen Buches war nicht nur Zeitvertreib oder Analyse eines literarischen Werkes aus sicherem räumlichen Abstand heraus.


    Herzlichen Dank für diese Lese-Eindrücke und den Einblick in die damaligen Erfahrungen und Überlegungen!

    An diesem Satz bin ich hängengeblieben. Mir geht es in der letzten Zeit mehr und mehr so, dass ich auch literarische Werke nicht mehr aus "sicherem räumlichen Abstand heraus" lese. Es hängt natürlich ein wenig vom Werk ab, aber wohl noch mehr vom Lebensalter (meinem) und den Zeitläufen. Ich empfinde es so, dass sich der 'sichere Abstand', in dem wir noch vor zehn oder zwanzig Jahren lebten, sich mehr und mehr verflüchtigt hat. Fast alle der Probleme und Bedrohungen der Vergangenheit, die wir abgehandelt glaubten, rücken entweder wieder in greifbare Nähe, oder es erscheint doch nicht mehr abwegig, dass sie uns wieder einmal betreffen werden. Das macht die Lektüre dringlicher, manchmal auch verstörender.

    Amen dazu. Der 'Hiob' ist wirklich ein großartiges Buch, und Roth ein wundervoller Autor.

    Ja, das wäre eine mögliche Erklärung.

    Ich habe mich gewundert, weil sowohl in meinem Ebook als auch in einer anderen Ausgabe, die man online einsehen kann, etliche Ausdrücke per Fußnote erklärt sind - die Bezeichnungen für Zeitungshäuser, für Restaurants und Caféhäuser, spezielle Ausdrücke wie "Prünelle" für Backpflaume usw., aber die Einbuschen-Stelle wird nirgends erklärt. Was vermutlich bedeutet, dass es eine ganz einfache Erklärung gibt, auf die der Leser/die Leserin als halbwegs intelligenter Mensch ohne Hilfe kommen müsste.

    Das ist von Dir sehr wohlwollend erklärt. Mein Eindruck ist oft, dass ganz Offensichtliches in Fuß- oder Endnoten erläutert wird, während die wirklich komplizierten Dinge weggelassen werden, vermutlich, weil die Herausgeber selbst keine Erklärung gefunden haben oder wissen. :-)

    Dann kannst Du mir vielleicht die Stelle am Schluss erklären, als Mathilde ihrer Mutter sagt: "Es wäre doch hübsch, und auhc besonders für dich, wenn du ihn einbuschen könntest."
    Was meint sie damit?
    Etwas später heißt es, dass sich die Nachbarn dann vielleicht beschweren würden.

    Was heißt "einbuschen"? Ich habe bei Googlebooks gelesen (in einer editorischen Notiz zu einer Reclam-Ausgabe), dass der Absatz in früheren Ausgaben manchmal wegen möglicher Anstößigkeit gestrichen wurde. Das hilft mir nicht weiter, im Gegenteil ...

    Ich kenne das Wort auch nicht.
    Offenbar geht es darum, dass Mathilde ihrer Mutter gönnen würde, sich um ein Kind von ihr und Hugo zu kümmern - aber dieses Kind ist ja nicht gezeugt worden.

    Mein Verdacht ist, dass es um Wickeln bzw. Windeln geht, und zwar abgeleitet von 'Buchse' (auch 'Buxe', ugs. für Hose oder Unterhose) - das könnte durch eine Verschiebung oder regionale Variante auch 'busche' sein, und 'einbuschen' wäre dann 'einwindeln'. Das würde erklären, warum es als anstößig empfunden wurde.