Beiträge von JHNewman

    Ich habe gestern auf einer längeren Autofahrt die drei Teile des Hörspiels 'Verstand und Gefühl' nach Jane Austen gehört (Giesbert hatte dankenswerterweise darauf hingewiesen). Eigentlich ganz ordentlich gemacht, jedoch hat mich die Ähnlichkeit der beiden Stimmen von Marianne und Elinor sehr beim Hören verwirrt. Da hat jemand einfach schlecht gecastet.


    Die Folgen gibt es noch auf der Seite des Hessischen Rundfunks:

    https://www.hr2.de/podcasts/ho…l/podcast-channel248.html


    Hinweis auch an Zefira: Dort gibt es derzeit auch die zweiteilige Hörspielbearbeitung von Wassermanns "Fall Maurizius"

    Danke, Finsbury!

    Ich habe vor vielen Jahren einmal einen Roman von Barbara Pym gelesen und bin ihr seither vor allem in Nebenbemerbekungen begegnet, weil sie gewissermaßen auch als Chronistin des von Dir auch angesprochenen anglokatholischen Soziotops gilt. Das würde mich an diesem Roman noch einmal besonders interessieren, weshalb ich mich über den Hinweis von Dir freue und das Buch auf meine Leseliste setze...

    Ich habe mich über die Feiertage ganz wunderbar unterhalten lassen von Jonathan Coes Roman 'Middle England'.


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    Keine so hohe Literatur wie Ali Smith, aber ein ausgezeichnet gemachter Gesellschaftsroman in angelsächsischer Erzähltradition mit tiefen Einblicken in die britische Gesellschaft der Jahre 2010 bis 2018. Für mich insofern eine besonders erhellende Lektüre, weil ich England Ende 2011 verlassen habe und mich wie viele andere Menschen frage, was mit dem Land eigentlich seither passiert ist. Hier bekommt man Antworten. Manches davon tut weh, aber der Autor hat auch einen herrlichen Humor, dass ich an vielen Stellen laut gelacht habe.


    Der Roman verfolgt die Schicksale der Mitglieder einer Familie aus Birmingham und einiger ihrer Freunde und Bekannten. Wie ich dem Nachwort entnehme, gibt es bereits zwei weitere Romane rund um die Familie Trotter, die bereits vor einigen Jahren erschienen sind. Die werde ich mir baldmöglichst zulegen.

    Vielleicht liegt es auch daran, dass mir der Mittelteil, also "Etzel Andergast" fehlt.

    Nein, Zefira, daran liegt es gewiss nicht. Ich hatte ja den Etzel Andergast schon gelesen und trotzdem hat mich dieser Roman auch nicht so überzeugen können (obgleich ich ihn insgesamt recht gerne gelesen habe). Der Roman hat strukturell einfach zu große Schwächen, es fehlt ihm eine wirklich durchgängige Handlung, die im Etzel Andergast zwar auch in zwei Strängen dargeboten wird, aber immerhin innerhalb dieser Stränge doch mit sehr viel Dramatik.


    Den Hinweis auf 'Mewin' habe ich auch nicht verstanden. Danke, dass Du das jetzt aufgeklärt hast!

    Ich habe das Buch bereits letzte Woche beendet, war dann aber im Ausland unterwegs und komme daher jetzt erst dazu zu antworten.


    Ich habe das Verschwinden des Manuskripts als einen Schicksalsschlag empfunden, der deutlich machen sollte, dass es Kerkhoven nicht vergönnt ist, als Schöpfer eines großen und bedeutenden Werkes - einer Hinterlassenschaft sozusagen - in Erinnerung zu bleiben, sondern dass sein Wirken einzig im menschlichen Erleben fortbesteht, in den Menschen, denen er geholfen, die er geheilt hat. Dieses Wirken lässt sich nicht über ein Medium (i.e. ein Buch) vermitteln, sondern es bleibt an den Menschen und sein persönliches Charisma gebunden, damit erlischt es auch mit dem Tod dieser Person.


    Ich hatte gegen Ende der Lektüre doch den Eindruck eines gehobenen Kolportageromans. Da werden auch nach dem Abschluss des Ganna-Kapitels noch immer weitere Fallgeschichten aufgerufen und ausgebreitet. Zum einen hatte ich aufgrund meiner langsamen Lektüre Schwierigkeiten, an manches aus dem ersten Teil des Romans wieder anzuknüpfen, zudem erschien es mir dann auch teilweise als willkürlich, dass immer neue Personen und psychologische Anekdoten erzählt wurden. Das hätte noch 300 Seiten so weitergehen können, aber man hatte das alles auch um 200 Seiten kürzen können, ohne an der Substanz des Romans etwas zu ändern.

    Eine schöne Liste, JMaria!!


    "Wiesenstein" hat mir im Jahr davor auch sehr gefallen. Ein sehr eindrückliches Buch, viele Bilder sind mir noch im Gedächtnis. Und in diesem Jahr bin ich selbst einmal durch Bad Warmbrunn geschlendert und habe nach dem Café Ausschau gehalten, das im Buch beschrieben wird. In der Villa Wiesenstein war ich vor einigen Jahren einmal.

    Meine Lese-Höhepunkte in diesem Jahr waren:


    Andor Endre Gelleri, Stromern (Ich lese normalerweise nicht so gerne Erzählungen, aber diese ungarischen Texte haben mich vollkommen in ihren Bann geschlagen)

    Rachel Cusk, In Transit (eigenartig schwebende Episoden aus dem Leben einer Schriftstellerin, die mich begeistert haben)

    Stefan Zweig, Die Welt von gestern (unfassbar, aber diese großartigen Erinnerungen kannte ich bislang noch nicht)

    Herbert Kapfer, 1919. Fiktion (ein Roman, in dem kein Wort von Kapfer stammt, sondern der lediglich Auszüge aus anderen Büchern neu zu einem Kaleidoskop der Zeit zusammenstellt)

    Cornelia Koppetsch, Gesellschaft des Zorns (ein kluges Buch, das mir manche Phänomene endlich plausibel gemacht hat)

    Ocan Vuong, Auf Erden sind wir kurz grandios (ein gehyptes Buch, aber in diesem Fall zu recht)

    Andreas Maier, Die Familie (Teil eines auf zwölf Bände angelegten Zyklus - ich freue mich auf jeden neuen Band, aber mit diesem sechsten Buch hat Andreas Maier noch einmal völlig den Blick auf seine Familie und Herkunft verändert. Das kam wohl auch für ihn selbst überraschend. Umso gespannter bin ich, wie es weiter gehen wird).


    Und zuletzt mein persönliches Buch des Jahres *tada*
    Matthias Nawrat, Der traurige Gast

    Es wird eine (konzertante) Aufführung des Orfeo mit Rolando Villazon geben.

    Das Wichtigste bei Orfeo sind ohnehin die Chöre, und Frau Pluhar hat gute Musiker.

    Oh, Pluhar und Monteverdi ist eine tolle Kombination. Ich habe einige Aufnahmen von ihr, u.a. das Teatro Amore (?) und die Marienvesper. Grandios. Da hast Du wirklich einen Grund zur Vorfreude....

    Ich muss auch sagen, dass mir von den drei Romanen der Trilogie dieser bisher am wenigsten plausibel erscheint. Im Fall Maurizius haben wir ja sozusagen die rückwirkende Aufklärung eines Kriminalfalls als handlungsordnenden und -vorantreibenden Faden. Der zweite Roman fällt schon in zwei Teile, von denen mir aber vor allem der Etzel-Andergast-Teil als recht spannend in Erinnerung ist, zumal ja die Hauptfigur schon aus dem ersten Roman vertraut ist und ich als Leser daran interessiert bin, wie es mit ihm weitergeht (auch da wäre eine Zweitlektüre angezeigt, aber im Moment habe ich dafür keine Zeit). Da ich recht langsam lese diesmal, ist mir die Rahmenhandlung um Joseph und Marie Kerkhoven jetzt schon wieder etwas fern gerückt....

    Da ich in der letzten Woche komplett weg war und keine Zeit für den Roman hatte, schleiche ich jetzt sehr hinterher. Gerade bin ich dabei zu erfahren, wie Dr. Hornschuh den gordischen Knoten zerschlagen will. Die letzten Seiten mit den Schilderungen von Gannas Schlichen, Wankelmut und Hysterien haben sich etwas in die Länge gezogen. Das ist schön geschildert, aber einfach zu viel. Und über Gannas Charakter haben wir nun ausreichend Informationen erhalten... Ich sehne mich als Leser danach, dass nun etwas Bewegung in die Sache kommt.

    Ich lese die Ganna-Kapitel weniger kritisch, mir erscheint vieles von dem, was Herzog schildert, nachvollziehbar und natürlich stehe ich als Leser (wie ich ja auch wohl soll) auf Alexanders Seite. Mein Eindruck ist nicht, dass es besonders gehässig oder einseitig dargestellt ist. Zumindest konzediere ich, dass er seine eigenen Fehler und Versäumnisse, seine eigene Schwäche und Passivität nicht verschleiert oder klein redet. Bis hin zur Szene, in der er Ganna schlägt, was dann der endgültige Sargnagel für diese Beziehung ist.


    Nun ist Bettina auf den Plan getreten und Alexander wendet sich ihr zu. Wieder einmal fällt mir auf, dass Wassermanns Erzählungen und Romane Ehebruch häufig thematisieren, aber gewissermaßen ein Mißverhältnis zu bestehen scheint - denn während etwa im vorherigen Band Joseph durch den Ehebruch Maries mit Etzel Andergast tief getroffen ist, ist ja doch seine eigene Ehe mit Marie Ergebnis eines ihrerseits stattgefundenen Ehebruchs... Ehebruch ist also für Wassermann kein wirkliches moralisches Problem an sich, so scheint mir, sondern es gibt eben den guten, gerechtfertigten Ehebruch und den moralisch verwerflichen - oder sehe ich das falsch?

    Ich bin noch nicht viel weiter gekommen. Der Fall Mordann ist abgeschlossen, nun bin ich auch mit Kerkhoven in die Berge gereist, wo er sich des Falls von Ganna Herzog annimmt. Mich irritiert auch etwas das Episodenhafte, das scheinbar wahllos (?) Fallgeschichten aneinanderreiht und dabei die Hauptprotagonisten (was ist denn nun mit Marie?) vernachlässigt. Der Einstieg zur Ganna-Thematik wird ja auch recht ausgewalzt, ohne dass ich als Leser erfahre, was denn nun genau stattgefunden hat. Das wird aber sicher noch kommen, denn gerade hat Kerkhoven vorgeschlagen, Alexander solle doch die Ereignisse schriftlich niederlegen.


    Bemerkenswert finde ich auch die esoterischen Anklänge des Romans. Sicher auch ein Zeitphänomen. Der schwüle Okkultismus erinnert mich etwas an Steiner und seine Anthroposophie. Aber die Lösung eines Kriminalfalls durch 'Hellseherei' sowie die innere Verbindung Kerkhovens mit seinem schweizerischen Vorbild (vor allem dessen Lehre) ist doch etwas schräg. Zumal Kerkhoven ja zugleich als so hervorragender Arzt und - ja eben auch Wissenschaftler dargestellt wird.


    Insgesamt macht mir die Lektüre aber noch Freude.

    Ach, dann bist Du ja jetzt eingestiegen, Zefira!


    Den Anfang finde ich erzähltechnisch schon sehr bemerkenswert. Man erfährt zwar auf den ersten Seiten, dass es diesen Ehebruch Maries mit Etzel gegeben hat. Die Fakten werden aber eigentlich nur durch ihre Wirkung auf die Seelenzustände der Protagonisten referiert. Und das hat es in sich. Man wird auf den ersten 20 bis 30 Seiten durch alle Höhen und Tiefen der Seelenzustände gelotst, die Marie und vor allem Joseph durchleben. Dass ein Autor sich das traut und dass seine Leserinnen und Leser das goutier(t)en, finde ich schon stark.


    Ich bin bei Kapitel 53 oder so (es sind ja kurze Kapitel).

    Das Ehepaar hat sich für eine zeitweise Trennung voneinander verabschiedet. Marie flieht aus ihrer Ehekrise in philanthropische Tätigkeit, was dem Erzähler die Chance bietet, ein gerüttelt Maß an sozialem Elend auszubreiten. Die Geschichte des kleinen Chaim ist berührend, und ich hatte fast den Eindruck, dass sie einen leicht antisemitischen Zug hat - bis mir einfiel, dass Wassermann ja selbst Jude war und somit wohl eher keine antisemitischen Hintergedanken hegte.


    Joseph begibt sich ins Ausland, hat eine kurze - platonische - Affäre mit einer Britin und ist jetzt befasst sich gerade mit dem Fall Mordann. Die zahlreichen Schilderungen von 'Fällen' - sowohl sozialpathologischer wie psychopathologischer Art, lassen mich ein bisschen an populäre Bücher wie die von Oliver Sacks denken. Offenbar gab es eine große Faszination im Publikum für derartige Fälle. Ich finde sie sehr spannend, zugleich merke ich aber auch schon nach der Lektüre von nur ca. 100 Seiten, dass die Romanhandlung dadurch doch etwas wirr wird. Auf das Problem, die Handlungen der Romane Wassermanns zusammenzufassen, hattest Du ja bereits hingewiesen, Zefira. Die Erzählung wird gewissermaßen zu einem Panoptikum besonderer Schicksale. Jetzt bin ich aber erst einmal gespannt, wie Kerkhoven den Fall Mordann löst...

    Hier nun also der Strang zu unserer eher spontanen Leserunde zu Jakob Wassermanns Roman 'Joseph Kerkhovens dritte Existenz'.


    Der Roman ist der Abschluss einer Trilogie, die folgende Romane umfasst:


    Der Fall Maurizius (Handlung ca 1924 ff.)

    Etzel Andergast (Handlung Teil eins 1913/14, Teil zwei 1928/29)

    Joseph Kerkhovens dritte Existenz (Handlung 1929 ff.)