Beiträge von Zefira

    Von meiner Phantastik-Leseliste habe ich schon das erste Buch fertig, die Klassiker-Leseliste noch gar nicht begonnen. (Ich bin derzeit in Leserunden mit Neuerscheinungen heftig eingespannt.)

    Jetzt habe ich mich jedenfalls aufgerafft und Tania Blixens Erzählband "Widerhall" aufgeschlagen. Daraus gleich ein Zitat aus der ersten Erzählung, die "Die erste Erzählung des Kardinals" heißt.



    Der "Kardinal" erklärt seiner Gesprächspartnerin:


    "Seit es Sprache gibt, sind Geschichten erzählt worden; ohne Geschichten wäre die menschliche Rasse zugrunde gegangen, wie sie ohne Wasser untergegangen wäre. Sie werden die Charaktere der wahren Erzählung immer deutlich vor sich sehen, man möchte sagen, leuchtend und auf einer höheren Ebene. Gleichzeitig werden sie nicht mehr ganz menschlich wirken, und man mag sich, ehrlich gesagt, vielleicht ein wenig vor ihnen fürchten. (...) Aber heute sehe ich eine neue Erzählkunst, eine neue Literatur (...) am Horizont dämmern. Sie ist eigentlich schon da und hat bei den Lesern unserer Tage große Gunst erlangt. Und diese neue Kunst und Literatur wird, um der individuellen Charaktere in der Geschichten willen und um ihnen nahe zu bleiben und keine Angst vor ihnen zu haben, bereit sein, die Geschichte selbst zu opfern. - Die Individuen in den neuen Büchern und Romanen (...) stehen dem Leser so nah, dass er eine Körperwärme von ihnen ausgehen fühlt, er wird sie (...) in allen Lebenslagen zu seinen Gefährten, freunden und Ratgebern machen. Und während so die Sympathie wächst, verliert die Geschichte selbst an Boden und Gewicht."



    Ich konnte damit spontan nicht viel anfangen, aber da wenig später von einer Geschichte "über einen Falken" die Rede ist, dämmerte es mir und ich habe bei Wiki die klassische Falken-Novelle, die quasi als Mutter aller Novellen gilt, herausgesucht. Tatsächlich, man könnte sagen, dass Tania Blixen in diesem Absatz den Unterschied zwischen einer Novelle und einer Erzählung herausgearbeitet hat. Ist heute kaum noch von Interesse, weil keine Novellen mehr geschrieben werden; aber ich freue mich immer, wenn ich so nebenbei etwas über solche Themen erfahre.


    Ich werde so nach und nach weiterlesen. Tania Blixen mag ich sehr gerne, ich habe mehrere Erzählbände von ihr.


    Gerade bin ich bei googlebooks auf einen Kommentar zu ihrer Erzählung "Der Affe" gestoßen, den ich unbedingt auch hier festhalten will - es ging darum, dass "Der Affe" und überhaupt ihre phantastischen Geschichten in Dänemark erstmal kein Erfolg waren:


    "Die Engländer lieben so ein Buch voll Unsinn. Mir fällt kein anderes Wort für so ein Buch ein, in dem alles mögliche Phantastische passiert. Sie kennen doch Hoffmanns Märchen? Es ist so etwas in der Art und doch nicht dasselbe. Es ist auch nicht Edgar Poe, aber trotzdem ... wenn wir so auf Dänisch schreiben, muss das eine Enttäuschung für die Leute werden, die ein Buch mit einem Sinn darin erwarten."


    Dem ist nichts hinzuzufügen!

    Von Oscar Wilde gibt es einige sehr hübsche Märchen (erschienen unter dem Titel "Der glückliche Prinz").


    Und - wie froh bin ich, das das noch nicht genannt wurde! - eines meiner Lieblingsmärchen: "Spiegel das Kätzchen" von Gottfried Keller.

    Wenn ich mich jetzt mal auf den Film stütze - nach Anschauen des Films vor etlichen Wochen habe ich zwar nochmal in das Büchlein geschaut, aber nur quergelesen -, wenn ich also nach dem urteile, was ich in dem Film gesehen habe, hatte ich den Eindruck, dass Aschenbachs Faszination mindestens zum Teil darauf zurückgeht, dass ihm einfach jede geistige Anregung fehlt. Schon bei seiner Ankunft in Venedig schien er nur genervt und gelangweilt, sowohl von dem Hotel als auch von dem Personal; von den anderen Touristen sowieso. Die Verfolgung des Jungen wurde zu einer fixen Idee, vor allem war das zu sehen, wie er der Familie einmal gefühlte Stunden lang kreuz und quer durch die Stadt hinterherlief.
    Davon abgesehen müsste ich wohl wieder mal Kleists Abhandlung über das Marionettentheater lesen - es spielt auch eine wichtige Rolle im "Doktor Faustus" -, um die Überlegungen zum Wesen der Schönheit und Anmut richtig zu verstehen. Es ist seltsam, obwohl wir ja durch und durch eine Augengesellschaft geworden sind, mit Instagram u.a. im Mittelpunkt, kommt man sich richtig seltsam vor, wenn man von Schönheit und Anmut spricht. (Ich mag mit dem Attribut "schön" eigentlich nur noch Menschen über 50 und Tiere belegen, bei allen anderen fühlt es sich irgendwie komisch an.)

    Das erste Buch meiner Phantastik-Liste, "Das Modell" von Robert Aickman, habe ich gestern und heute morgen gelesen - es ist nur ca. 140 Seiten lang, das liest sich flott weg. Übrigens hat es eine wunderschöne Aufmachung wie alle Hardcover der Hobbit Presse von Klett-Cotta.

    Der Roman spielt in einem heruntergekommenen Haushalt in einer unbekannten russischen Kleinstadt. Die Tochter des Hauses, Elena, ist weitgehend sich selbst überlassen und unternimmt eine eigenartige Phantasiereise, die zwischen kindlichen und pubertären Phantasien oszilliert. Ich finde dafür keine andere Bezeichnung als das nichtssagende "seltsam".

    Aickman ist schon sehr besonders. Er schafft Stimmungen, die verwunschen und traumhaft anmuten, ohne jemals kitschig oder "märchenhaft" zu wirken.

    Anna Karenina hatte ich um die Jahreswende fast durch. Jetzt ganz durch.
    Es sind einige Kapitel drin, die mich zum Nachdenken angeregt haben - gerade diejenigen Kapitel, in denen es um Lewins Glaubenszweifel geht - und einige auch, die erstaunlich modern erzählt sind. Annas letzte Lebenstage sind bisweilen in einem Ton erzählt, der das Prinzip des Bewusstseinsstroms vorwegnimmt.
    Trotzdem hat das Buch so seine Längen; ich bin froh, dass ich mich jetzt endlich fertig durchgegraben habe. Übrigens war es auch schon eine Zweitlektüre - ich hatte so vor ca. 40 Jahren schon mal eine TB-Ausgabe vor, die längst zerfallen ist.

    Ich lese gerade Thomas Mann - Tod in Venedig.

    Jetzt ist die Novelle ja nicht gerade lang und hat auch nur 5 Kapitel. Und wenn ich ehrlich bin, wusste ich bis Kapitel 3 nicht, was der Sinn der Geschichte ist. Ich habe das Gefühl, dass Thomas Mann die längeren Bücher mehr lagen. Da konnte er ausschweifend erzählen.

    Ich habe letztes Jahr, als der Film nochmal im TV zu sehen war, die Novelle mal wieder vorgenommen - einige Teile nur überflogen, aber ich wollte meine Erinnerung wieder auffrischen. Und da hat es mich doch überrascht, dass so wenig von Tadzios "Schönheit" die Rede ist, die ja sowohl im Film als auch in der Rezeption der Novelle so im Vordergrund zu stehen scheint. Statt dessen schwärmt der Erzähler von Tadzios Anmut, der Freiheit und Unbefangenheit seiner Bewegung - auch im Gegensatz zu seinen Schwestern, die, obwohl sie noch Kinder sind, immer in unbequemen Kleidern und straff angeklebtem Haar erscheinen.

    Das könnte vielleicht auch was sein:

    Ich bin gerade von einer der so häufigen "Tipp-Seiten" (die 100 besten Krimis für umme2 und dergleichen) zu audiobook.com geschickt worden. Da findet man komplette Hörbücher aufgelistet, von denen anscheinend ein großer Teil umsonst bei Spotify oder anderen Seiten gehört werden kann. Ich habe das jetzt nicht genauer verfolgt, aber vielleicht lohnt sich ein Versuch.
    Klassiker sind auch dabei. Bronte, Austen, Dickens, Goethe, Melville, Kafka, Zweig, Tolstoj, Verne ...
    Romane bei audiobook

    Verstehe ich das richtig, daß die Onleihe ortgebunden ist und nur jeweils nur mit der eigenen Bibliothek vor Ort in Verbindung steht?

    Zumindest nicht hier in Hessen. Die Landesbibliothek Fulda hatte zunächst eine eigene Onleihe, dann hat sie sich an die Onleihe Hessen angekoppelt, was eine schlagartige Vervielfachung der zur Verfügung stehenden Medien bedeutete - ich habe das natürlich begrüßt. Die Onleihe an sich ist nicht ortsgebunden und kann von überallher in Anspruch genommen werden. Man muss sich aber über eine örtliche Bibliothek registrieren, und das ist i.d.R. damit verbunden, dass man hindackelt und seinen Ausweis vorzeigt, evtl. auch eine Gebühr zahlt.

    Ich war bei der hiesigen Landesbibliothek schon als Leserin registriert, ehe es überhaupt elektronische Medien zu leihen gab. Ich habe damals Bücher entliehen. Als die Onleihe eingeführt wurde, bekam ich ein nettes Anschreiben, dass ich mich nun auch dort bedienen dürfe. Habe ich seitdem unzählige Male gemacht.
    Es gab früher mal einige wenige Bibliotheken, bei denen man sich registrieren konnte, ohne persönlich dort erscheinen zu müssen. Das galt zum Beispiel für die Hamburger Bücherhalle, die von Anfang an ein gigantisches Angebot hatte, und eine Bibliothek in Münster. Dort war ich auch ein oder zwei Jahre registriert. Inzwischen hat die Onleihe Hessen aber alles, was ich brauche. Auf viel begehrte Bücher muss man manchmal ein paar Wochen warten, aber das spielt keine Rolle, ich habe sowieso eine lange Merkliste.

    Ich habe jetzt mal bei der hessischen Onleihe nachgeschaut nach Klassikern als Hörbuch.
    Auch nicht besonders ... Jean Paul gibts nicht, von Balzac einige kürzere Sachen. "Hunger" von Hamsun ist vorhanden. Von Keyserling zwei Romane, von Thomas Mann und Arthur Schnitzler (das waren zwei Namen, die mir spontan noch eingefallen sind) doch einiges, jedenfalls mehr als bei Spotify. Vor allem ist die Suche dort erheblich einfacher.

    Onleihe meint Bibliothek? Müßte ich wieder probieren; scheiterte vor zirka 10 Jahren bei der Installation der nötigen Software.

    Zum Download der Ebooks auf den Reader braucht man gar keine Software. Ich habe früher, als ich noch den alten Kobo benutzte, alle Ebooks erst auf den PC geladen und von dort auf den Reader übertragen. Dafür musste ich Adobe Digibib installieren.
    Mein neues Pocketbook nimmt die Ebooks auf diesem Weg nicht immer an, oder eher: in acht von zehn Fällen nicht. Ich bekomme dann eine Meldung, ich sei ein unbefugter Benutzer und müsse mich registrieren. Das liegt an irgendwelchen Lizenzen bei Adobe, keine Ahnung. Inzwischen gehe ich mit dem Pocketbook direkt auf die Seite der Onleihe und lade mir die Bücher runter. Das geht von überallher, wo man Internetzugang hat, und angeben muss ich nur mein Passwort, das mir die Onleihe zugeteilt hat.


    Ich weiß nicht, wie es funktioniert, wenn man keinen Reader nutzt, sondern zb das Smartphone. Man kann ja bei der Onleihe auch das entliehene Ebook direkt am PC lesen. Dann müsste man doch, wenn man mit dem Smartphone zur Onleihe geht, auch Hörbücher direkt hören können? Ich habe es noch nie ausprobiert ...


    Balzac und Hamsun habe ich bei Spotify nicht gefunden, von Fontane gibt es wohl was.

    Es gibt schon kostenlose Hörbücher in Deutsch. Bei einer kurzen Spontansuche habe ich Robert Seethaler, Kehlmann und Eva Menasse gefunden, natürlich jede Menge Klassiker und auch Populäres wie Follett und Harry Potter. Juli Zeh habe ich vergebens gesucht, Olga Tokarczuk gibts nur im Original.

    Die Bedienung wird dadurch erschwert, dass Hörbücher gelistet sind, als ob sie Musik wären, d.h. Albumtitel ist der Titel des Textes und Künstler ist der Name des Sprechers. Deshalb wurde mir bei "Thomas Mann" nur ein Text angezeigt, den er selbst eingelesen hat, obwohl zb "Joseph und seine Brüder" gelesen von Gerd Westphal gehört werden kann (wie vollständig, weiß ich allerdings nicht).


    Suchst du etwas Bestimmtes?
    Ich habe einen kostenlosen Account (ohne Upgrade), nutze ihn aber eher selten und bisher ausschließlich für Musik - ich höre manchmal liebe alte Stücke zb von Colosseum, Blind Faith oder Led Zep und bin dann oft zu faul, die Platte zu suchen, dann gehe ich halt zu Spotify ... Aber ich kann gern nachsuchen gehen, wenn du mir einen Titel oder Autor nennst.
    Eine sehr viel größere Auswahl hättest du vermutlich bei einer Onleihe ...

    Ein Mitleser im Nachbarforum hat die Stelle gefunden. Ich hatte es tatsächlich falsch behalten, es heißt so:


    "Das Wort graziös bedeutete ihm ein konservativ-polemisches Schiboleth gegen das Modern-Aufrührerische."
    (gemeint ist der Intendant v. Riedesel, Kapitel 17)
    Seltsam, wie beharrlich falsch sich etwas im Kopf festsetzen kann. Ich hätte schwören können, dass ich Schibeloth gelesen habe, aber auch bei mir steht korrekt Schiboleth.

    Danke euch allen fürs Mitdenken.

    An dieser Stelle steht in meiner deutschen Ausgabe "Kennwort". Es ist auch nicht die Stelle, die mir aufgefallen ist - ich bin ziemlich sicher, dass es "Schibeloth" hieß. Vielleicht finde ich es doch noch wieder. Auf alle Fälle vielen Dank, wieder was gelernt!


    Edit, Nachtrag: Vielleich hat jemand hier im Forum den Faustus als Datei und kann mir das Wort suchen? Dafür wäre ich sehr dankbar. Zum ersten Mal bedauere ich, das Buch "nur" in Printform zu haben. (Ich gestehe, schon auf Gutenberg.org gesucht zu haben, wo es einige "Manns" gibt, die für den deutschen Nutzer gesperrt sind - aber der Faustus ist auch dort nicht abgelegt.)

    Vielleicht kann mir jemand von den Literaturkennern hier erklären, was das Wort "Schibeloth" bedeutet? Ich bin bei der Doktor Faustus-Lektüre darauf gestoßen. Blöderweise habe ich mir die Stelle nicht markiert und finde sie jetzt nicht wieder. Es war irgendwo in der Mitte, vielleicht im Zusammenhang mit Leverkühns "Reisen". Googeln half leider nicht weiter ...

    Meine Leonardo-Biographie habe ich gestern beenden können und damit nun doch das meiste meiner Liste geschafft. Übrig sind "Die Welt von gestern", die Kafka-Biographie und "Huckleberry Finn". Was letzteres betrifft, bin ich schlicht an dem riesigen Buchformat (kommentierte Ausgabe) gescheitert. Das ergibt sich hoffentlich noch.
    Die Leonardo-Biographie habe ich sehr gern gelesen, mich aber irgendwann gefühlt auf jeder dritten Seite über einen immer wiederkehrenden Schreibfehler geärgert, nämlich "Grabmahl". Irgendwo stand dann tatsächlich auch mal was von einer "Ausmahlung" eines Kirchenraums. Komisch bei einem Buch, das sonst einen sehr professionellen Eindruck macht.

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    Am liebsten würde ich sofort mit Lesen anfangen, aber ich muss mich jetzt an Doktor Faustus halten, und in der Leonardo-Biographie sind auch noch die letzten fünfzig Seiten zu lesen.

    Vielleicht können wir uns später noch einmal gemeinsam daran wagen, aber auch für mich steht in der nächsten Zeit anderes auf dem Plan.

    Wir haben ja erstmal den Laxness gemeinsam vor.
    Ich habe "Die Kinder der Finsternis" gar nicht mehr, würde es mir aber neu besorgen. Vielleicht wäre ein gemeinsames Lesen gegen den nächsten Herbst hin möglich. Behalten wir es mal im Hinterkopf.

    Es gab einige großartige Schilderungen, ich erinnere mich zum Beispiel an den Übergang über eine Furt, kurz nach der Begegnung zwischen der Geliebten des Bischofs und dem Schäfer Barral.
    Was ich an dem Buch nicht gemocht habe (und zwar nicht gemocht bis zur Genervtheit) waren die trommelfeuerartigen Dialoge; jedenfalls habe ich sie so im Gedächtnis. Wie gesagt, heute würde ich da vielleicht anders herangehen. Es gibt immer wieder Dinge, mit denen ich in früheren Zeiten absolut nicht klarkam und die mir plötzlich jetzt leicht fallen, und umgekehrt. Nicht nur auf dem Gebiet des Lesens, aber da zeigt es sich besonders deutlich.
    Ich werde also noch einen Anlauf machen mit den Kindern der Finsternis - schon allein wegen der Schauplätze. Allerdings nicht gleich, weil mich Anfang des Jahres gleich mehrere Leserunden erwarten.