Beiträge von Zefira

    Ich mag Bouvard und Pécuchet sehr gern. Bestimmte Kapitel - etwa wie sie sich kennen lernen, wie sie beschließen, sich gemeinsam einen Hof zu kaufen, und wie sie dort ankommen und sich einrichten, habe ich wieder und wieder gelesen. Obwohl sie immer wieder auf furchtbare Weise scheitern - besonders ihre Experimente in Landwirtschaft und Gartenbau scheitern grandios -, zeigen sie eine bemerkenswerte Frustrationstoleranz; Flaubert hätte wahrscheinlich gesagt: eine bemerkenswerte Dummheit ...

    Nachtrag zum Thema Golem:

    Entsprechend meinem Vorsatz, die "Bibliotheksleichen" meiner Phantastik-Sammlung nach und nach endlich ihrer Bestimmung zuzuführen, habe ich vor ein paar Tagen mit diesem 1980 erschienenen Buch begonnen: "Golem100" von Alfred Bester.

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    Ich habe natürlich die deutsche Ausgabe, die etwas weniger trashig aussieht. Das Besondere an dem Buch sind die eingestreuten Illustrationen, die organisch mit dem Text verbunden sind. Ein großer Lesespaß bisher, wenn auch genretypisch eher seicht, aber sehr phantasievoll ausgedacht.

    Bester kennt zwar die Golemsage, wie Meyrink sie referiert - dass der Golem ein Diener des Rabbi Löw gewesen sei -, greift aber zurück auf einen noch älteren Mythos, wie er angeblich im Talmud steht. Danach ist Golem eine Bezeichnung für Adam in seinen ersten Lebensstunden, als er körperlich bereits präsent war und atmete, aber noch keine Seele hatte.

    Soweit ich mich erinnere, ist es doch der Golem, der Pernath am Anfang das "Buch Ibbur" zum Restaurieren bringt und damit die ganze Handlung in Gang setzt.

    Der weise Rabbi Hillel sagt allerdings zu Pernath: "Nimm an, der Mann, der zu Dir kam und den Du den Golem nennst, bedeute die Erweckung des Toten durch das innerste Geistesleben" - was wohl bedeutet, dass der Golem nur eine Projektion ist. Dass man in diesem Buch nie so recht weiß, was Wirklichkeit und was Projektion ist, schafft eine ganz eigene Atmosphäre. Meine Versuche, die Bedeutung des Satzes "chabrat zereh aur bocher" zu klären, haben mich allerdings zu der Erkenntnis geführt, dass Meyrink in gewisser Weise ein Scharlatan war (oder zu sein vorgab) und seine angeblichen profunden Kenntnisse über verschiedene mystische Systeme entweder geschickt vortäuscht oder jedenfalls geschickt vorzutäuschen scheint.


    Man darf nicht vergessen, wie eng bei Meyrink Ernst und Komik nebeneinander liegen.


    Ich schätze inzwischen seine Kurztexte weit mehr als die Romane.

    Ich war ein paar Tage unterwegs und hatte wenig Lesezeit, bin nun ungefähr in der Mitte von "Zeit und Strom". Wie schon mehrmals erwähnt, stört mich der unverhohlene Rassismus. Der vorläufige Höhepunkt war erreicht, als Eugene Gant, der literaturwissenschaftlich gesehen als Wolfes alter ego betrachtet wird, einen Riesenaufstand macht, als er bei einer Trunkenheitsfahrt von einem Landpolizisten festgesetzt wird: die Festsetzung nimmt er noch hin, aber dass sich in der Zelle, in die er hinein soll, bereits ein Ni** befindet, ist ein unerträglicher Affront. Er tobt herum wie nicht gescheit. Am nächsten Tag, als er ausgenüchtert ist, holt ihn sein Bruder ab. Dass er besoffen im Auto saß (immerhin nicht am Steuer, aber der Fahrer, sein Freund, war auch besoffen) ist ihm im Nachhinein recht peinlich, aber dass er die Zelle mit einem Ni** teilen sollte, sieht er nach wie vor als Ungeheuerlichkeit an.

    Das Buch hat durchaus schöne Momente, aber bei weitem nicht die erzählerische Qualität wie "Schau heimwärts, Engel", und vor allem strahlt es, auch von dem rassistischen Aspekt abgesehen, zuweilen eine merkwürdige misanthropische Selbstgerechtigkeit aus, die mir auf die Nerven geht. Ich lese es wahrscheinlich trotz alledem fertig, weil viele Personen, die darin vorkommen, mir aus "Schau heimwärts, Engel" lieb und teuer sind, vor allem Lukas Gant ist mein heimlicher Favorit. Den Folgeband "Geweb und Fels" werde ich mir aber definitiv nicht mehr antun.

    Jetzt muss ich mal lachen! Ich glaube, ganz genau dieses Buch habe ich auch!

    Es hat einen hellgrünen Schutzumschlag und heißt "Der unheimliche Gast".

    Ich hatte das ungeheure Glück, es für ganz kleines Geld auf einem Flohmarkt zu finden. Die farbigen Illustrationen sind ganz bezaubernd, zum Beispiel die zum Sandmann sind richtig schön gepflegt-gruselig.

    Der Sandmann ist meine Lieblingsgeschichte von Hoffmann, aber ich habe auch noch nicht alles von ihm gelesen. Einiges wartet da noch auf mich ...

    Ich habe neulich eine sehr schöne Erzählung von Singer gelesen mit dem Titel "Hanka", die in einer Anthologie Phantastischer Geschichten / Gruselgeschichten erschienen ist.


    Von solchen Anthologien habe ich eine ganze Reihe, und manchmal stößt man darin auf Namen, die man in einer solchen Sammlung nie erwartet hätte. (Ich habe zum Beispiel auch mal in einem solchen Buch eine Gruselgeschichte von Thomas Mann gefunden, die sehr effektvoll war.)

    Vor Jahren, als ich mich für Meyrinks "Golem" begeisterte (warum nur????), las ich auch mal eine Langerzählung von Singer mit dem gleichen Titel. Sie steht noch bei mir im Schrank, ich kann mich aber an nichts erinnern, außer dass es sehr gruselig war.

    Im Grunde ist es mir auch sehr wichtig, dass in den Klassikern nicht herumgepfuscht wird. Wenn Wolfe es so gesehen hat, sollte es auch so stehen bleiben. Nur, die evtl. dunkelhäutigen Leser/innen dieses Romans tun mir schon recht leid. Wenn es mich schon ständig triggert, wie wird es ihnen damit ergehen?


    Wolfe ist ein ungemein sinnlicher Autor, übertreibt bei jeder Gelegenheit und benutzt bisweilen geradezu überkandidelte Ausdrücke, zum Beispiel bezeichnet er die jugendliche Lebenslust Eugenes gern als "Bocksgeschrei". Damit ist nicht etwa der Samenstau der Pubertät gemeint - das könnte ich ja noch nachvollziehen -, sondern einfach jugendliche Lebensfreude, das wäre also theoretisch auf junge Damen auch anwendbar, aber junge Damen oder überhaupt Damen sind bei Wolfe - auch das stößt mir sauer auf - irgendwie keine richtigen Menschen, entweder sind sie sexuell anziehend (und sonst nichts) oder hysterisch. Vielleicht kommt doch noch mal ein Lichtblick.


    Es klingt eigentlich erstaunlich, dass ich dieses Buch trotz all meiner Einwände gern lese, aber es ist an dem. Nur kann ich nicht lange dranbleiben, hier ein Kapitel und da eins, das geht gut.

    Ich wüsste gerne, ob es neuere Übersetzungen von Wolfes Werk gibt, in denen sein unverhohlener Rassismus vielleicht ein wenig gezähmt erscheint. Schon in "Schau heimwärts, Engel", das eigentlich eines meiner "Lebensbücher" ist - ich habe das vermutlich im Lauf meines Lebens fünfmal gelesen - nervt das. In "Von Zeit und Strom" ist es keineswegs besser. Dass ein Autor dieser Zeit das Ne*-Wort gebraucht, ist wohl normal, aber Wolfe benutzt ständig das Ni*-Wort. Über Juden schreibt er auch so mancherlei, aber er macht sie jedenfalls nicht in dieser platten Form nieder.
    Das Buch macht durchaus Spaß, aber man muss beim Lesen jederzeit den berühmten Löffel Salz in Griffweite haben.

    Ich bin ja in Abständen immer mal wieder im Sozialkaufhaus - immer dann, wenn ich beim Zahnarzt bin, da beide zwar am weit entfernten Stadtrand, aber einigermaßen dicht nebeneinander residieren - und mache dort jedes Mal die tollsten Erwerbungen - oft ungelesene, fabrikneu aussehende Bücher, die geradezu beschämend wenig kosten. Beim letzten Besuch habe ich unter anderem diesen Schuber entdeckt:


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    Die Bücher von Lovecraft und von Blackwood habe ich schon, die anderen sind mir neu; von Strugatzki habe ich noch nie etwas gelesen, von Lem den "Unbesiegbaren" (und meine Ausgabe der Sterntagebücher habe ich an Tochter verliehen). Ich weiß also so gut wie nichts von den beiden, und "Solaris" möchte ich mir bei Gelegenheit auch noch kaufen.

    Ich habe eine große Anzahl der lila Bände aus Suhrkamps Phantastischer Bibliothek und einen Teil davon, ungefähr ein Drittel, immer noch nicht gelesen, darunter auch zwei Sammlungen aus Lateinamerika. Wie gesagt, ich denke daran, mich mal systematisch dahinter zu machen. Sobald ich die diesjährige Klassikerliste abgedient habe.

    Angeblich eine verblümte Darstellung lesbischer Liebe. Ich muss es wohl wieder mal rauskramen. Habe es vor über 30 Jahren mal gelesen, alles vergessen.
    Ich denke schon darüber nach, das nächste Jahr zum Jahr der phantastischen Lektüren zu erklären. Ich habe nämlich hier noch Lem und Strugatzki stehen, beide m.W. unbedingt lesenswert, und einiges von Vargas Llosa und und und ... Demnächst werde ich auch den Prachtband von Leslie Klinger erwerben, "Lovecraft - Das Werk II", die große kommentierte Ausgabe. Den ersten Band habe ich, das Buch ist so fett, dass man es nur auf dem Tisch liegend lesen kann, und einfach ein Genuss.

    Zitat
    und hab kurzerhand Collins’ "Die Frau in Weiß" in der Übersetzung von Arno Schmidt angefangen. Ob ich das allerdings tatsächlich noch einmal lese, weiß ich nicht so recht (ich hab's schon 2x gelesen)

    Das hatte ich auch neulich in der Hand ... Ich hatte eine Taschenbuchausgabe davon, die ich mir in meiner ersten Collins-Phase in den Achtzigern gekauft habe. Der erste Band ist verschwunden und ich habe monatelang die ganze Verwandtschaft mit meinen Nachfragen genervt. Jetzt ist bei uns in der Bücherzelle ein Hardcover dieser Übersetzung aufgetaucht, dem Anschein nach vollständig, ich habe es sofort abgegriffen.


    Ich finde Collins' stilistische Qualität erstaunlich unterschiedlich. In meinem Sammelband "Der geheimnisvolle Palazzo" konnte ich denjenigen der drei Kurzromane, bei dem Dickens mitgeschrieben hat, sofort ausmachen. In Collins' Werk, soweit mir bekannt, finde ich "Poor Miss Finch" trotz des irgendwie bemühten Plots besonders gut erzählt, was an der Perspektive liegen mag. Den "Monddiamanten" finde ich in erster Linie krimiliteraturwissenschaftlich interessant, für sich eher unspannend. "Der rote Schal" ist dramatisch, aber eher auf schlichtem Niveau, naja, es sind einige gewitzte, durchaus feministische Seitenhiebe drin. So richtig klasse ist eigentlich nur die Frau in Weiß, was man wohl hauptsächlich der Übersetzung zugute halten muss.

    Es gibt noch ein paar Werkchen von Collins online zum Download und ich habe mir auch dieses und jenes runtergeladen, in der Hoffnung, irgendwann dazu zu kommen. Ähnlich wie bei A.J. Cronin finde ich sein Werk sehr divergent. Von Dickens kann man eher gleichbleibende Qualität erwarten.

    ps. Mir fällt bei dem Thema übrigens immer Sheridan Le Fanus "Onkel Silas" ein. Dass ich in den 70ern/80ern soviel Collins gelesen habe, liegt an den "Plüschkrimi"-Verfilmungen, die mein Interesse geweckt haben. Darunter war auch eine Verfilmung von Onkel Silas. Über den Film kann ich nichts mehr sagen, aber das Buch ist einfach faszinierend. Ich habe es vor sieben oder acht Jahren ein zweites Mal gelesen und kann mich erinnern, dass ich damals schrieb, die ganzen modernen Thrillerautoren sollten sich doch bitte eine dicke Scheibe davon abschneiden. Unglaublich spannend, ausweglos erscheinend, ein Thrill erster Klasse.

    "

    Er legte schriftlich ungeheure Pläne nieder von all dem, was er im Leben zu tun gedachte, ein Arbeits- und Leistungsvorhaben, das die Kräfte von zehntausend Mann erschöpft hätte. Er stand mitten in der Nacht auf und kritzelte wahnwitzige Aufstellungen nieder, Rechenschaftsberichte über alles, was er gesehen und getan hatte: die Summe der Bücher, die er gelesen, die Summe der Menschen, die er gekannt, die Summe der Frauen, denen er beigeschlafen, die Summe der Mahlzeiten, die er eingenommen hatte, die Summe der Meilen, die er gereist war, die Summen der Städte und Staaten, die er kannte.

    Eine Weile dann weidete er sich an diesen erstaunlichen Aufstellungen, er kicherte wie ein Geizhals über seinen Schätzen, bloß um dann in der nächsten Minute verzweifelt aufzustöhnen und mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen, weil ihm überwältigend die Unsumme der Dinge einfiel, die er nicht gesehen oder gekannt hatte. Alsdann begann er mit anderen Listen; er legte Riesenkataloge an von Büchern, die er nicht gelesen, Speisen, die er nicht gekostet, Frauen, die er nicht beschlafen hatte, von Städten und Staaten, die er nicht kannte. Er legte Pläne nieder, wie er dies alles verwirklichen würde, rechnete aus, wieviel Jahre er dazu brauchte, wie alt er sein würde, wenn dies alles vollbracht sei. Eine ungeheure Woge von Hoffnung und Freude wallte dann in ihm auf, denn auf dem Papier sah alles so leicht aus; er hegte keinen Zweifel, daß er es bewältigen könne."

    (Thomas Wolfe, Von Zeit und Strom, aus Kapitel 7)

    Manchmal verzweifle ich an meiner Leseliste. Dieser Abschnitt war so ein Moment. Ich fragte mich, warum ich so einen Kokelores lesen soll.
    Aber es sind auch durchaus schöne Momente drin, obwohl das Buch an "Schau heimwärts, Engel" bisher nicht ranreichen kann.
    Das Buch ist (als Ebook) stramme 1174 Seiten lang, liest sich aber sehr flott, ich lese immer mal ein, zwei Kapitel vor dem Schlafengehen - läuft fluffig. Wenn man sich nicht gerade die Haare ausraufen möchte über Eugene Gants persönliche Hybris, siehe oben.

    Ich habe es ausgelesen, es ist ein sehr fremdartiges Buch mit diesem archaischen Gemisch aus Religion und Aberglaube (wenn man nicht ohnehin der Meinung ist, dass das dasselbe ist), aber die Atmosphäre und Landschaftsschilderung machen es zu einer durchaus lohnenden Lektüre. Wer vielleicht "Das Gehöft" von Federigo Tozzi kennt - das Buch ist ein wenig ähnlich im Stil, halt noch mit den religiösen Vorstellungen von Schuld und Sünde als Handlungsmotor.

    Zitat

    Da warte ich noch ein bisschen ab und bin auf Deine Eindrücke gespannt.

    Wie schon oben gesagt habe ich das Buch nicht. Ich war für mehrere Leserunden eingeschrieben und habe mir den Manesse-Band deshalb verkniffen, in der Angst, ich schaffe nicht alles. Jetzt stellt sich heraus, dass ich (aus verschiedenen Gründen) doch reichlich die Zeit hätte, aber für das Verlagsexemplar ist es zu spät. Ich verfolge die Runde mit dem kostenlosen Ebook von Gutenberg.

    Wenn ich das nächste Mal im Buchladen bin, werde ich mir das Manesse-Bändchen mal ansehen, aber das kann dauern. Ich war seit Jahreswechsel genau ein Mal in der Stadt (und habe mich über die vielen Autos und Menschen gewundert). =O

    Es ist "Schilf im Wind", das gerade in einer Neuausgabe bei Manesse erschienen ist. Ich hatte mich damals für die Runde nicht angemeldet, weil ich fürchtete, nicht die Zeit zu haben, und weil eine Erzählung von Deledda, die ich letztes Jahr bei Gutenberg runtergeladen hatte, mich nicht so überzeugt hat. Egal. Jetzt lese ich trotzdem mit, allerdings nicht mit Verlagsexemplar, sondern wieder mit dem Ebook, das es bei Gutenberg gibt (dort heißt es "Schilfrohr im Winde").

    Bei mir zu Hause habe ich auch "Die Mutter", aber die Lektüre ist so lange her, dass ich mich kaum erinnern kann. Ich glaube, es ging um die Leiden einer Mutter, deren Sohn sich verliebt, obwohl er das als (kath.) Priester nicht darf.
    In "Schilf im Wind" ist das Setting geradezu mittelalterlich, obwohl das Buch um 1912 spielt.

    Es ist geschafft - ich habe die Bananentrilogie gelesen. Ein Jahrhundertwerk eigentlich, und schade, dass es bei uns nicht mehr so recht bekannt ist.


    In meinem anderen Leseforum beginnt gerade eine Runde mit einem Roman von Grazia Deledda, ich werde da jetzt ein bisschen mitmachen - und ansonsten "Von Zeit und Strom" von Thomas Wolfe in Angriff nehmen.

    Ich kann es kaum fassen, dass ich es nun wirklich geschafft habe, mich durch dieses Mammutwerk zu graben. Ich versuche mal eine kurze Vorstellung:


    Der Sturm


    Schauplatz ein ungenannter Karibikstaat - vermutlich Guatemala. Zeit: ebenfalls nicht genannt, ich vermute die 1920er Jahre.

    Der erste (und mit Abstand kürzeste) Teil der Trilogie ist m.E. im besten Sinn "Hochliteratur" und erzählt teils aus der Sicht des amerikanischen Pflanzer-Ehepaares Lester Mead (später Stoner) und Leland Foster, teils aus der Perspektive einiger Indiofamilien. Hier sind Elemente eingeflochten, die dem bekannten "magischen Realismus" Lateinamerikas zuzurechnen sind; es gibt auch eine Vielzahl poetischer Landschaftsbeschreibungen. Der rote Faden in dem kurzen Roman ist nicht eben leicht auszumachen, im Grunde handelt es sich um eine lockere Aneinanderreihung verschiedener Situationen und der politische Impetus (Thema Landnahme durch amerikanische Agrargesellschaften, Rechtlosigkeit der indigenen Arbeiter) wird erst relativ spät eingeführt.



    Der grüne Papst


    Im zweiten Teil wird hauptsächlich aus der Perspektive des "Grünen Papstes" Geo Maker Thompson erzählt, der ein wahrer Erzschurke ist und vom unbedeutenden Glücksritter zum Präsidenten des Agrarkonzerns Tropicaltanera aufsteigt. Hier zeigt sich die Übersicht des Autors, der den verhassten, skrupellosen Kapitalisten ganz unbefangen, stellenweise sogar mit einer gewissen Sympathie darstellt. Der Roman ist sehr dramatisch und enthält mindestens einen heftigen Twist, aber der Handlungsfaden erschließt sich aufgrund der verschnörkelten und elliptischen Erzählweise nicht so ohne weiteres. Oft verliert sich Asturias über Seiten hinweg in relativ unbedeutenden Szenen, und wichtigen Wendungen kommen quasi maskiert, nebenher eingeflochten um die Ecke angeschlichen. Trotzdem ein Buch, das viel Spaß macht.



    Die Augen der Begrabenen


    Der Titel geht auf eine örtliche Legende zurück, nämlich dass sich die Augen der Toten erst dann endgültig schließen können, wenn auf der Erde Gerechtigkeit herrscht. Der letzte Teil der Trilogie ist ein wahrer Klotz, der viel Zeit und Konzentration erfordert, sowie (dazu rate ich dringend) das Führen einer Namensliste. Vielleicht wäre es besser gewesen, Asturias hätte noch einen vierten Teil geschrieben, jedenfalls ist in dieses sehr lange und ausführliche Buch übermäßig viel hineingestopft, und sowohl die Themen als auch der Stil sind merkwürdig disparat, als habe sich der Autor nicht entscheiden können, welche Art Buch er eigentlich schreiben wollte.

    Es gibt eine lange eingeschobene Liebesgeschichte, sehr lyrisch und teilweise im Stil eines Bewusstseinsstroms erzählt. Dann wieder geht es über zig Seiten um die Organisation eines Streiks, der sich zur Arbeiterrevolte ausweitet, krasse Polizeigewalt, Militärputsch ... daneben immer wieder kleine Dramen im Großen: Dreiecksgeschichten, Mord und Totschlag, durchaus auch schon mal Kolportage. Die Trilogie schließt (nach meiner Einschätzung) 1944 mit dem Sturz der "Bestie", womit Jorge Ubico gemeint sein dürfte, der Name wird nicht genannt. Bei Wiki kann man nachlesen, dass bis dahin 2% aller Großgrundbesitzer 70% des bebaubaren Landes besaßen.


    Auch hier ausdrucksvolle Schilderung der Landschaft und des Klimas, aber auch äußerst derber Humor und teilweise recht verkünstelte Verwicklung - irgendwie von allem ein bisschen zuviel. Jedes Mal, wenn ich daran dachte abzubrechen, kam aber prompt ein Kapitel von überwältigender Schönheit und brachte mich wieder in die Spur. Für jemanden, der sich in erster Linie für die jüngere Geschichte der Karbibikstaaten interessiert, sehr empfehlenswert. Wer in erster Linie spezielle Literatur der Gegend kennen lernen möchte, begnügt sich mit dem ersten Teil "Sturm".

    Ich habe die Erzählung "Abschied" von Sigrid Undset eingeschoben, die es bei Gutenberg zum Download gibt. Sigrid Undset erzählt auch hier, wie so oft, aus Männerperspektive, schafft es aber trotzdem, eine Art Emanzipationsgeschichte zu schreiben: Der Held ist gutmeinender, aber ziemlich schlaffer Hallodri, der am liebsten mit seiner Pfeife und dem Grogglas auf dem Sofa sitzen möchte, während seine Lebensgefährtin Olga "wirtschaftend ein und aus geht". Er ist Witwer, hat zwar ein Kind mit Olga, sie aber bisher nicht geheiratet, weil er den Krach mit seinem erwachsenen Sohn fürchtet - lieber wurschtelt er mit einem Dauerprovisorium weiter. Zudem hält er es in keiner Arbeit lange aus. Das einzige, was er wirklich gut kann, ist, ein liebevoller Vater zu sein. Hier gelingen Undset einige sehr anrührende Szenen. Eine stark verknappte Geschichte übrigens - man muss sich sehr vieles dazu denken, wenn man es richtig verstehen will.