Beiträge von Bluebell


    Ja, ich bin nicht sicher, ob man die ganze Geschichte unter dem Gesichtspunkt verstehen könnte, dass Gregor sich körperlich gar nicht verwandelt hat, mir würde aber so eine Interpretation gefallen :zwinker: Würde alles logisch zusammenpassen, dann wäre es für mich tatsächlich so, dass eben nur die Sichtweise der anderen sich verändert (verwandelt) hat. Dafür müsste man aber gerade unter diesen Vorrausetzungen die Erzählung nochmal lesen, dafür habe ich aber im Moment keine Zeit und Lust.


    Ist vielleicht gar nicht notwendig - wenn ich mich richtig erinnere, war in einem der Links, die Hubert in den Materialienthread gestellt hat, so eine Art Pro & Contra-Liste, was dafür bzw. dagegen spricht, dass Gregor sich wirklich verwandelt hat. Ich kopiere sie mal hier herein:


    Was spricht pro/contra für sein Käferdasein?


    pro:



    [li]Hin- und Hergerissen zwischen Akzeptanz und Ablehnung seines allfälligen Käferdaseins[/li]
    [li]seine Sprach ist nach der Verwandlung unverständlich[/li]
    [li]seine Selbstbeschreibung[/li]
    [li]die Sekrete und andere Körpersäfte[/li]
    [li]die Reaktion seiner Umgebung:[/li]


    - Vater verscheucht sich mit dem Stock
    - Mutter fällt in Ohmacht
    - Prokurist: „Das ist eine Tierstimme.


    contra:



    [li]seine Denkvorgänge/Gedankenzüge entsprechen denen eines Menschen:[/li]


    - in Bezug auf seine Arbeit
    - bezüglich der Reaktion seiner Mitmenschen

    [li]Sprache zu Beginn der allfälligen Verwandlung noch für seine Mitmenschen verständlich[/li]
    [li]seine Körpergrösse[/li]
    [li]die Reaktion seiner Umgebung:[/li]


    - Es wird nicht so reagiert, als wäre es nicht Gregor
    - Er wird nicht explizit als Käfer bezeichnet

    Ich glaube, wir haben ein bisschen aneinander vorbeigeredet, Steffi :breitgrins: ... ist aber nicht so schlimm.



    Naja, meist wird Gegror ja mit seinem Namen angesprochen und auch dass er selbst keineswegs verwundert über seine neue Gestalt ist, könnte darauf zurückzuführen sein, dass nur die Außenstehenden ihn als Ungeziefer sehen. Er kommt seinen Pflichten nicht mehr nach und wird daher zum Störenfried, zur Kakerlake.


    Zum zweiten Satz: ja, das ist natürlich eine sehr plausible Schlussfolgerung, sehe ich auch so. Mir gefällt aber ganz gut, dass Kafka hier meiner Meinung nach eigentlich nicht die Option offen lässt, das Ungeziefer nur metaphorisch zu interpretieren, sondern es ist (finde ich) schon recht klar, dass sich Gregor "tatsächlich" verwandelt hat.
    Daher meine Frage zu deinem ersten Satz: Wie genau meinst du das? Ist das Ungeziefer für dich doch "nur" symbolisch? Ist jetzt etwas schwierig zu erklären, wie ich das meine ... also unter "nur symbolisch" würde ich verstehen, wenn man die Geschichte quasi genauso lesen könnte in der Annahme, Gregor hat sich körperlich gar nicht verändert. Das geht für mich aber nicht auf, sondern die Verwandlung ist in meinen Augen etwas, das tatsächlich stattgefunden hat, also eher die Manifestation davon, dass er eben seinen Pflichten nicht mehr nachkommt (oder welche andere Interpretation man der Geschichte auch immer zu Grunde legen möchte - sie könnte ja z.B. auch ganz ähnlich funktionieren, wenn man etwa unterstellen würde, dass sich Gregor bei seiner Familie als schwul geoutet hat ... versteht ihr, was ich meine?).



    welche Position kriegen wir denn vorgesetzt, Gregors und eines inneren Erzählers, einen auktorialen Erzähler oder einen aus der Sicht der Familie ? Ein bißchen verwischt sich das an manchen Stellen


    Ja, das ist mir auch aufgefallen (besonders deutlich wird es dann ja, nachdem Gregor gestorben ist).



    weil auch die Familienbeziehungen dynamisch sind, sich laufend verändern und verwandeln. Keiner ist und bleibt zuverlässig einschätzbar, so wie z.B. die Putzfrau. Alle spielen und spielten eine Rolle. Ich finde, dass diese Gruppendynamik sehr gut dargestellt wird.


    Dynamik ist hier wirklich ein sehr treffendes Wort!

    Soeben in der :baden: Teil II von III beendet - und diesmal sind die Schlüpfrigkeiten sogar mir ins Auge gestochen!
    Nicht nur, dass sich Gregor gegen das Bildnis der Dame im Pelz drückt, was "seinem heißen Bauch wohltut" - nein, seine Mutter verliert beim Zulaufen auf den Vater auch noch einen Rock nach dem anderen und umfängt ihn schließlich in "gänzlicher Vereinigung"! Na hallo.


    Durch die Aktion mit dem Bild, das er sich unter keinen Umständen wegnehmen lassen will, wird auch noch einmal das deutlich, was Steffi schon über Gregors Leben gesagt hat: nämlich, dass er keine Beziehungen außerhalb der eigenen vier Wände bzw. außer der Familie hat.


    Übrigens mag ich Gregor sehr, ich finde ihn herzig. Natürlich tut er mir Leid und ich würde mir (bzw. ihm) wünschen, dass er nicht soo viel Rücksicht auf die Menschen in seiner Umgebung nimmt - aber andererseits macht ihn doch auch gerade das wieder sympathisch. Sehr süß beschrieben finde ich auch die Szenen, wo sein tierischer Instinkt überhand nimmt, wo er z.B. zum ersten Mal auf all seinen Beinen steht und daraufhin vor lauter Laufdrang schaukelt, obwohl er ruhig stehen bleiben möchte, oder wo er einmal aus Tatendrang wild drauflos läuft und dann aus Unschlüssigkeit viermal die Richtung wechselt ... wenn ich mir sowas bildlich vorstelle, muss ich einfach grinsen. :breitgrins:


    Mittlerweile weiß ich auch, was ihr mit der Verwandlung des Vaters gemeint habt. Das ist ja wirklich sehr verdächtig - mir scheint, er hat seine Gebrechlichkeit früher nur vorgespielt, um Gregor auszunutzen! :hm:


    Wenn Georg sagt, „mein Vater ist noch immer ein Riese“ meint er nicht ein Hüne von den Fußspitzen bis zum Scheitel, sondern er sagt das, nachdem sich der Schlafrock des Vaters im Gehen geöffnet hatte, also wieder mal eine von Kafkas Schlüpfrigkeiten. :redface:


    :ohnmacht: ... Ich weiß zwar noch, dass ich an der Stelle mit dem Schlafrock ein bisschen hängen geblieben bin, weil ich bei Kafka ja immer das Gefühl habe, da steht kein unnötiger halber Satz - aber so weit habe ich nicht kombiniert! :breitgrins:



    Ja Räume sind bei Kafka immer sehr wichtig, ich erinnere mich noch, dass ich beim „Prozess“, mir die Lage der erwähnten Räume aufgezeichnet habe und diese Zeichnung sehr nützlich war.


    Ich habe sogar einmal die Abschlussarbeit einer Architekturstudentin gesehen, die fürs Diplom das Modell einer Raumanordnung aus einem Buch nachgebaut hat. Es war zwar nicht Kafka, aber von der Atmosphäre her hätte ich es eigentlich dafür gehalten!


    Inzwischen habe ich auch ca. die erste Hälfte der "Verwandlung" gelesen, und da spielt das Raumthema ja schon wieder eine wichtige Rolle. Recht amüsant (und auch bezeichnend für Gregors Situation) fand ich die Stelle, wo sich die Eltern und der Prokurist auf der einen Seite durch zwei geschlossene Türen hindurch mit der Schwester auf der anderen Seite unterhalten, und Gregor sitzt in dem Raum dazwischen und kann sich nicht verständlich machen.


    Die Verbindung zu Sacher-Masoch ist ja herrlich – wunderbar, dass dir das aufgefallen ist, Hubert! Damit kommt tatsächlich eine ganz neue Logik hinein.



    Interessant ist bei der "Verwandlung" ja auch, wer sich eigentlich verwandelt. Gregor wacht als Ungeziefer auf (der Käfer, mit dem er so gerne überall dargestellt wird, taucht namentlich nur einmal, und zwar ausgesprochen von der Hausdienerin, auf), aber ist er tatsächlich verwandelt, nur weil er sich von seiner Selbstaufgabe befreit ? Ich finde die Verwandlung speziell von Vater und Schwester noch viel gravierender.


    Um die Vater/Tochter-Verwandlung beurteilen zu können, habe ich noch nicht weit genug gelesen, aber über die Ungeziefer/Käfer-Frage habe ich früher schon etwas gelesen. Da diskutieren tatsächlich Leute darüber, was genau er nun eigentlich ist! Aber jetzt, da ich die Geschichte kenne, frage ich mich ehrlich gesagt, inwiefern das relevant sein soll!? :confused: Die Beschreibung mit dem harten Rückenpanzer, den vielen Beinchen und den Fühlern lässt doch nicht großartig viele andere Interpretationsmöglichkeiten offen, oder? Und die Tatsache, dass Gregor sich aufrichten und gegen die Tür lehnen kann, aber von der Breite her nicht gut durch den einzelnen geöffneten Flügel passt, gibt Aufschluss über seine Form (also dass er vom Verhältnis Länge zu Breite z.B. kein Tausendfüßler sein kann). Ok, ich bin keine Zoologin und weiß nicht, ob z.B. Kakerlaken streng taxonomisch zu den Käfern gehören – aber dass er „irgendsowas“ sein muss, das umgangssprachlich in diese Kategorie fällt, ist für mich klar – und ich sehe ehrlich gesagt nicht den Unterschied, den es für die Geschichte machen würde, ob er nun tatsächlich ein Käfer oder nur so etwas Ähnliches ist!?


    Etwas wollte ich noch zu der Bezeichnung „Reisender“ sagen: der Ausdruck kommt ja in der Strafkolonie auch schon vor, und ich habe ihn dort eher in Richtung Urlaub interpretiert, oder zumindest relativ neutral. In der Verwandlung taucht das Wort aber plötzlich ganz eindeutig als Berufsbezeichnung auf, so wie wir heute wahrscheinlich von einem „Außendienstmitarbeiter“ sprechen würden. Das finde ich ziemlich ungewohnt (auch wenn z.B. eine „Geschäftsreise“ natürlich auch bei uns ein gängiger Begriff ist)!


    Soeben entdeckt: Ein Radiofeature zum Herunterladen über Ruth Klügers "Weiter leben. Eine Jugend".


    Hier geht´s lang: http://www.br-online.de/podcas…podcast-radiowissen.shtml


    Ruth Klüger hat den Theodor Kramer Preis 2011 für "Schreiben im Widerstand und Exil" bekommen: klick


    Mir ist sie bis dato unbekannt, aber die Forensuche hat doch ein paar Treffer ergeben. Was sagen ihre Leser, hat euch die Lektüre gefallen?


    Für mich eine sehr intensive Erzählung, die ich jedem Kafka-Neuling empfehlen würde, weil doch ziemlich viel seiner Themen (Vater-Sohn-Konflikt, wechselnde Sichtweisen, absurde Szenen, Hilflosigkeit und Verzweiflung, Passivität) darin enthalten ist.


    Und noch etwas wohl ziemlich Charakteristisches: Räume als Metaphern - das helle Zimmer Georgs, das dunkle des Vaters mit der Mauer vorm Fenster, der Gang zwischen den beiden - Georgs Durchschreiten des Gangs, sein Angebot zum Zimmertausch ...



    "Die Verwandlung" habe ich vor ein paar Monaten gelesen, ich werde sie wohl im Moment nicht noch einmal lesen, daher hoffe ich, ihr entschuldigt, wenn ich mir einzelner Textpassagen nicht mehr ganz sicher bin. Insgesamt hab ich die Verwandlung schon dreimal gelesen.


    Ich bilde mir ein, wir haben die Verwandlung mal in der Schule gelesen, aber damals war ich eigentlich zu jung dafür (11 oder 12). Ich kann mich auch kaum noch erinnern, wie sie mir gefallen hat … aber dass ich in der Erzählung in diesem Alter als etwas anderes gelesen habe als ein Märchen, wage ich zu bezweifeln.

    Hallo ihr Lieben,


    erst einmal Entschuldigung für die lange Funkstille! Ich hatte ja schon geahnt, dass ich ab März nicht mehr so viel im Forum sein kann, und das hat sich leider bewahrheitet.


    Ich habe aber sowohl das "Urteil" als auch eure Kommentare gelesen und möchte natürlich zumindest ein bisschen was dazu sagen!


    Genau wie Steffi habe ich die Geschichte als sehr intensiv empfunden - zu Beginn noch nicht so sehr, aber ab dem Beginn des Gesprächs mit dem Vater war da wieder dieser surreale, übermächtige Touch. Zum ersten Mal so richtig gestutzt habe ich aber erst, als Georg den vorher als hünenhaft beschriebenen Vater ("Mein Vater ist immer noch ein Riese", sagte sich Georg) plötzlich auf seinen Armen zum Bett trägt. Spätestens da war wieder der Eindruck da, mich in einem Traum zu befinden, wo ja ständig solche absurden Sachen passieren, ohne dass man sie groß in Frage stellt. Die vertauschten Rollen (Georg deckt den Vater dann auch noch wie ein kleines Kind zu etc.) hatten schon etwas Unheimliches für mich.



    Gibt es den Freund in Russland wirklich, oder nur in Georgs Phantasie. Für beides gibt es Argumente – was meint ihr?


    Ich habe mich noch nicht entschieden! :breitgrins:
    Während des Lesens war ich hin- und hergerissen - im ersten Teil der Geschichte nahm ich natürlich (?) einfach so hin, dass er real ist. Als der Vater seine Existenz dann leugnet, kam so der "Wow!"-Effekt und ich glaubte ihm gleich. Und als er wiederum zum Schluss behauptet, es gibt den Freund doch, war mein erster Gedanke: das sagt er jetzt nur, um seinen Sohn doch noch irgendwie auszutricksen - Hauptsache, er erlangt wieder die Macht über ihn. Dass ein erwachsener Mann die Korrespondenz seines Sohnes in dieser Weise sabotiert haben und dazu noch so Theater gespielt haben soll, kam mir einfach zu absurd vor.
    So nach und nach war ich aber doch versucht, ihm zu glauben, und schließlich dachte ich: gut, er hat wohl die Wahrheit gesagt.
    Und als ich fertig war, war ich mir plötzlich wieder gar nicht so sicher ... :spinnen:


    Am Schluss hat mir besonders gefallen, dass er wirklich eine Handvoll plausibler Interpretationsmöglichkeiten offen lässt. Meine war wegen der von Hubert zitierten Stelle ("den Schlag, mit dem der Vater hinter ihm aufs Bett stürzte, trug er noch in den Ohren davon") aber eigentlich auch:



    4. Am Ende sind Georg und der Vater tot. (Das ist meine Sichtweise)


    Für mich blieb außerdem der Eindruck zurück, dass der Vater am Ende eben doch irgendwie "gewonnen" hat. Er kann's halt nicht mehr auskosten! :zwinker:


    Danke übrigens Hubert für die interessanten Infos zur Veröffentlichungsgeschichte!


    Und zum Schluss noch ganz kurz etwas zu "Amerika":


    Imo sagt dieser Handlungsstrang auch etwas über Kafkas Frauenbild aus, oder wie denkt ihr darüber?


    So habe ich das noch gar nicht gesehen, bzw. hätte ich Kafka in dieser Hinsicht eigentlich nichts unterstellt ... werde ich mir aber noch durch den Kopf gehen lassen ...

    :breitgrins: Das nenn ich charmante Werbung, wer könnte da noch Nein sagen!


    Was ich dich schon fragen wollte, Hubert - ich hoffe, es macht dir nichts aus, dass bisher eindeutig du die treibende Kraft bzgl. Sekundärliteratur, Hintergrundinformation und Materialienthread bist!? Ich konsumiere da eigentlich nur. Ich gebe zu, dass mir gerade die Muße fehlt, um mich selber in intensivere Recherchen zu stürzen, aber mundgerechte Häppchen nehme ich dankbar an. :zwinker:


    Schau Dir mal den Schluß vom Prozeß an:


    Puh, ok - der hat es wirklich in sich. Aber wenn das der einzige Absatz ist, dann nimmt die Brutalität in der Strafkolonie ja doch einen ganz anderen Stellenwert bzw. viel mehr Raum ein, oder? Zumindest habe ich es so wahrgenommen, dass sie dort einer der Punkte ist, die explizit im Mittelpunkt stehen.


    Danke übrigens für deine Erklärungen, wie du auf den Sadismus-Verdacht bei Kafka gekommen bist, das ist ja spannend ...! Jetzt kann ich gut verstehen, dass man bei so einem Vorwissen die Strafkolonie mit etwas anderen Augen liest.



    Erstaunlich sind die inhaltlichen Übereinstimmungen von Kafkas Erzählung und Mirbeaus Roman: z.B. beklagen sowohl Kafkas Offizier als auch Mirbeaus Folterer den Verfall der Kultur des Folterns, die beide auch als eine Art Kunst ansehen. Ist das noch Inspiration oder schon Plagiat? Sollte Dr. Kafka zu seiner Doktorarbeit ähnlich inspiriert worden sein, wie zu dieser Erzählung, müsste man ihm dann nicht den Doktortitel aberkennen? Fragen über Fragen! :breitgrins:


    Haha, definitiv diskussionswürdig! :lachen:
    Die Bezeichnung "literarisches Monstrum" aus dem Wikipedia-Artikel klingt übrigens nicht sonderlich einladend ... :elch:



    Wow, das hast Du ja schön ausgedrückt – und weil Du „Amerika“ (bzw. Der Verschollene) erwähnst – diesen Sog habe ich dort auch so empfunden, bis „Brunelda“ auftauchte – aber dann war der Sog weg und es war nun schwer für mich diese „Brunelda-Geschichte“ zu Ende zu lesen. Wie war das bei Dir’?


    Ganz genauso!! Brunelda und den Handlungsstrang rund um sie fand ich dermaßen anstrengend, dass ich mich ganz schön zum Durchhalten überwinden musste. Das war aber der einzige Teil des Buches, der mir so auf die Nerven ging, und rückblickend fasziniert mich trotzdem, dass Kafka diese Episoden so intensiv schildern konnte, dass bei mir so ein starker Widerwille entstand.



    Dass das Verhältnis zwischen Kafka und seinem Vater nicht das beste war, weiß ich, aber dass der Vater seinem Sohn gegenüber körperliche Gewalt angewendet hätte, ist mir nicht bekannt. Weißt Du da mehr?


    Wenn ich mal etwas vorgreifen darf ... :redface: *räusper*
    Ich hatte kürzlich die Gelegenheit, den "Brief an den Vater" zu lesen, und darin schreibt Kafka ausdrücklich, dass der Vater zwar oft mit Züchtigung gedroht hat (das ging sogar so weit, dass er sich demonstrativ den Gürtel abschnallte), aber "fast nie" (!?) tatsächlich handgreiflich wurde.

    Sagt mal,
    hat hier noch jemand "Gestern, unterwegs" von Peter Handke als Hörbuch? Ich habe mittlerweile 3x begonnen und bin jedes Mal während der ersten CD eingeschlafen ... meine Hoffnung schwindet, es jemals wach bis No. 6 zu schaffen! :sauer:


    Ich kenne mich in Kafkas Biografie nicht so gut aus


    Ich mich auch nicht - ich weiß zwar manches, "was man halt so über ihn weiß" (schwieriges Verhältnis zum Vater, Jusstudium, wollte eigentlich kaum etwas veröffentlichen lassen etc.), aber solche Details wie die Beziehung zu E. A. Poe, Jom Kippur oder ein möglicher Hang zur Grausamkeit sind mir neu. Ich habe auch keine Sekundärliteratur und kann mich momentan leider nicht so oft und ausgiebig ins Internet hängen, wie ich das gerne möchte, aber ich lese sehr interessiert, was du da alles ausgräbst, Hubert! (Habe mir auch schon die verlinkten Rezensionen aus dem Materialen-Thread angesehen.)



    [...] und nicht wirklich zur Grausamkeit neigte, was ich inzwischen auch, durch lesen von Sekundärliteratur, annehmen könnte.


    Darf ich fragen, was genau dich darauf gebracht hat? Das interessiert mich brennend, weil ich darüber überhaupt noch nie etwas gehört habe! Unvorbelastet wie ich war, bin ich auch beim Lesen der Strafkolonie zu keinem Zeitpunkt auf den Gedanken gekommen, Kafka selbst könnte irgendwelche sadistischen Züge haben. Aber wenn man so etwas über ihn gelesen hat, kann man natürlich schon auf die Idee kommen ... ich habe diese Facette aber ähnlich wie Steffi eher als ein "Aufzeigen" wahrgenommen.



    [...] und neige dazu, seine Geschichten einfach so auf mich wirken zu lassen.


    Das funktioniert hier (und damals bei Amerika) für mich ganz wunderbar. Unabhängig von der intellektuellen Ebene entwickeln diese Texte nämlich einen ganz hypnotischen Sog, scheint mir. Ein bisschen fühlt es sich so an, als ob beim Lesen die ganze Zeit über eine unterschwellige "Gefahr" (?) in der Luft liegt, aber trotzdem will ich ich mich nicht so recht gegen den Strudel wehren, der sich da auftut. "Halb zog er mich, halb sank ich hin ..." :zwinker:


    Blutrünstig im eigentlichen Sinne fand ich die Beschreibung nicht, allerdings doch sehr intensiv und ekelerregend. Insofern sind wir schon bei Kafka, denn ich finde, dass er mit wenigen Worten immer sehr schön einen gewissen Ekeleffekt erreichen kann.


    Im Kommentar meiner Ausgabe ist der Bericht von jemandem enthalten, der miterlebt hat, wie Kafka die Erzählung persönlich bei einer Lesung vorgetragen hat:


    Seine Stimme mochte entschuldigend klingen, aber messerscharf drangen seine Bilder in mich ein, Eisnadeln voller abgründiger Quälerei.


    Laut diesem Zeugen wurden sogar mehrere Zuhörerinnen ohnmächtig und mussten aus dem Saal getragen werden!

    In meiner Ausgabe ist die eigentliche Erzählung in einen ziemlich umfangreichen Kommentar eingebettet. Den ersten Teil (sozusagen das Vorwort) habe ich noch mit Begeisterung gelesen, das Nachwort bewegt sich dann aber thematisch teils doch recht weit weg und war mir abschnittsweise zu langweilig, um es genau zu lesen.


    Außerdem bin ich noch nicht dazu gekommen, mir die im Materialienthread verlinkten Interpretationen durchzulesen (danke übrigens für die Zusammenstellung!), also kommen hier erstmal nur meine ganz eigenen Eindrücke.


    Mich hat die Blutrünstigkeit in dieser Erzählung total überrumpelt - damit hatte ich gerade bei Kafka überhaupt nicht gerechnet! Taucht so etwas denn öfter in seinem Werk auf? Ich habe ja erst ganz wenig von ihm gelesen (Amerika und ein paar Erzählungen), aber mit Kafka assoziiere ich wenn dann nur psychologischen Horror, ohne solche explizite Brutalität!


    Wobei ich den Reisenden eigentlich nicht unbeteiligt fand. Gut, er reagiert vielleicht nicht so hysterisch emotional :breitgrins: , wie ich das in seiner Situation täte, aber es wird ja schon deutlich, dass er dieser Folterung sehr, sehr ablehnend gegenübersteht. Und das parallel dazu vorhandene - ich nenne es jetzt mal - fachliche Interesse, diese wissenschaftlich orientierte Faszination, die springt ja sogar auf den Leser über.
    Allerdings enthält meine Ausgabe auch noch ein paar Varianten für den Schluss, die ich durch die Bank emotionsgeladener in Erinnerung habe - im Vergleich dazu wirkt der Reisende in der Endfassung tatsächlich am nüchternsten, "unbeteiligtsten".


    Apropos meine Ausgabe - sagt euch "Der Garten der Qualen" von Octave Mirbeau etwas, das im Vorwort als eine der Hauptquellen für die Strafkolonie genannt wird?


    Und eine Detailfrage: wer sind denn diese Frauen des Kommandanten, die an ein paar Stellen erwähnt werden?


    Der Offizier ist für mich genau wie für Steffi ein Fanatiker, der das mit der Erlösung der Seele durch die Maschine einfach glauben will.


    Den Schluss habe ich mir, glaube ich, so erklärt, dass den Reisenden der ganze Wahnsinn der Situation übermannt und er deshalb so schnell wie möglich verschwinden will und auch nichts mit Leuten zu tun haben möchte, die in irgendeiner Weise in dieser Sache "drinhängen". Allerdings kann es sein, dass mir gewisse Details gerade nicht einfallen ...


    Mit meinen restlichen Notizen melde ich mich demnächst.

    Ja, unsere Zweierteamfähigkeit haben wir ja schon unter Beweis gestellt :zwinker: , nur würdest du dann ganz alleine da stehen, falls ich die eine oder andere Erzählung nicht mitlese/-diskutiere (motiviert bin ich für alle, aber ich kann gerade schlecht einschätzen, wie es zeitmäßig ab März bei mir weitergeht). Aber schau ma mal! :smile:


    EDIT: Hoppla, hat sich mit Steffis Beitrag überschnitten.


    ich starte dann am Dienstag mit der „Strafkolonie“, vorher habe ich noch Kafkas „Amerika“ und Goethes „Faust“ zu beenden.


    Ja, dann bleiben wir dabei - ich konnte mir heute zwar wider Erwarten doch noch den "Brief an den Vater" besorgen, habe aber auch noch ein paar andere offene Baustellen und bin deswegen ganz froh über einen kleinen Zeitpolster.
    Sind wir jetzt eigentlich nur zu zweit?

    Huch, da gab's wohl ein Missverständnis - mit dem "Brief an den Vater" kann ich leider nicht beginnen, zumindest nicht direkt am Montag, da ich den erst kaufen muss! Alles andere habe ich hier. Also bitte entweder mit etwas anderem anfangen (die Strafkolonie hätte ich ja praktischerweise schon gelesen :breitgrins: ) oder den Start ein paar Tage nach hinten verlegen - wenn's nicht zu viele Umstände macht ...


    Und sollen wir es bei der ursprünglich geplanten Reihenfolge belassen oder gibt es andere Wünsche?


    Keine Änderungswünsche meinerseits, und auch auf den "Brief an den Vater" bin ich neugierig. Den haben wir auszugsweise mal in der Oberstufe behandelt (und "Die Verwandlung" in der Unterstufe), aber das ist alles schon viel zu lange her, als dass ich mich noch ordentlich erinnern könnte ...