Was lest ihr gerade?

  • neulich hatte ich hier geschrieben, ich hätte im Klassikteil etwas über einen m.E. bemerkenswerten Proust-Comic (vornehm: Graphic Novel) geschrieben. Das stimmte nicht. Ich hatte vergessen, meinen Beitrag abzuschicken. Das habe ich soeben nachgeholt.

    if all you have is a hammer, all you see looks like a nail.

  • Ich habe gestern den 'Dorfroman' von Christoph Peters beendet. Dem Autor folge ich - wenngleich nicht lückenlos - seit seinem ausgezeichneten Debut im Jahr 1999 'Stadt Land Fluß'.


    Dieser neue Roman ist von einer meisterlichen Abgeklärtheit. Erzählt wird die Geschichte eines Jungen und Mannes auf drei Zeitebenen: einmal als Grundschüler, dann als 15-Jähriger, später als erwachsener Mann, der zu einem Besuch aus Berlin in die niederrheinische Heimat kommt. Der Ort der Handlung ist ein Kleines Dorf bei Kalkar (im Roman als Calcar bezeichnet). Hintergrund der Geschichte ist der Bau des damals geplanten 'Schnellen Brüters', der das Leben der Dorfbewohner prägt und die bis dahin gut funktionierende Dorfgemeinschaft teilt. Zunächst ist der Erzähler als Kind selbstverständlich Teil dieser Gemeinschaft, übernimmt und teilt ihre Ansichten, auch die seiner Eltern. Als Fünfzehnjähriger gerät er dann in einen inneren Konflikt - während seine Eltern den Bau des Brüters befürworten, schließt er sich der Anti-Atom-Bewegung an, was ganz wesentlich auch mit einer sieben Jahre älteren Frau zusammenhängt, die in einer Bauernhof-WG in der Nachbarschaft lebt, die sich gegen den Bau engagiert.


    Peters verbindet hier also eine Geschichte des Erwachsenwerdens auch mit einer politischen und gesellschaftlichen Erweckung. Und beizu erzählt er auch eine politische und kulturelle Geschichte der Bundesrepublik in jenen Jahren. Die Meisterschaft dieses Buches liegt in der Fähigkeit des Autors, sich zurückzunehmen. Er bleibt stilistisch und perspektivisch ganz dicht an seinem kindlichen/jugendlichen Erzählers. Daher wirkt in diesem Roman nichts aufgesetzt oder forciert. Zugleich schafft eine eine enorme atmosphärische Intensität. Das Lebensgefühl jener Jahre rückt einem ganz dicht auf die Pelle. Da der Autor mein Jahrgang ist, kann ich sehr viele Szenen, Dialoge und Anspielungen direkt nachvollziehen.


    Große Empfehlung!


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  • @Newman, das Buch muss ich haben! Hier gleich nebenan Philippsburg. Gebaut als ich gerade aus Berlin hierher gezogen war. Weithin sichtbare Landmarke für viele Jahre. Dom zu Speyer, ein paar Steinwürfe entfernt, deklassìert. Letztes Jahr wurden die Kühltürme gesprengt. Ein Großevent. Sightseeing.

    Übrigens in "vor dem Sturm" Gedicht von Hagen-Grell ( wohl von Fontane selbst?) über Derfflinger, in Kalkar geboren, auch mi C, ....denn Calcar, das ist Sporn....

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  • Volker: Dann wirst Du sicher sehr viel in dem Buch wiedererkennen. Ich fühlte mich an so viele Szenen erinnert, wilde Diskussionen, die ich seinerzeit mit meinem Vater hatte, als ich anfing, die einschlägigen Sticker zu tragen, die man seinerzeit so hatte (Atomkraft? Nein danke! etc). Peters' Buch ist sehr wahr in dieser Beziehung, aber auch ungeheuer genau, was das Innenleben seines Erzählers angeht, die Dinge, die ihn prägen, die Sendungen, die er im Fernsehen schaut... Und dann die gekonnte Beschreibung der bäuerlich-katholischen Gesellschaft am Niederrhein... Zwar kenne ich die katholischen Milieus nicht, die er beschreibt, aber die bäuerlichen sehr wohl. Und besonders bemerkenswert: es ist auch sehr heutig: denn die Sprüche und Aktionen der Aktivisten im Buch findet man eins zu eins bei den Aktivisten im Dannenröder Forst wieder...

  • In Rahmen einer Leserunde in einem anderen Forum habe ich "Noch alle Zeit" von Alexander Häusser gelesen:

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    Ein unglaublich schönes Buch, in einer hinreißend klaren und einfühlsamen Sprache geschrieben; es geht um zwei Leute, die einander auf einer Reise nach Norwegen begegnen: der alternde Edvard, der nach dem Tod seiner Mutter (die er bis zuletzt gepflegt hat) endlich das Verschwinden seines Vaters vor fast fünfzig Jahren klären möchte, und die junge Journalistin Alva, umgetrieben von ihrer fragwürdigen beruflichen Zukunft und ihrer Unzulänglichkeit als Mutter eines kleinen Kindes. Zwei "Loser" auf einer Reise ins Ungewisse, innerlich wie äußerlich. Leseempfehlung!

  • Ich habe mit Gustav Freytag begonnen und den 'Ingo' zur Hälfte gelesen. Die Handlung spielt ja zur Völkerwanderungszeit im Thüringer Land an der Grenze zu den Chatten - da fühle ich mich dann gleich zuhause. Im Hintergrund mischen noch die Römer mit... Etwas fragwürdig finde ich, wie Freytag das Leben der thüringischen Adligen doch offenbar sehr stark am mittelalterlich-höfischen Leben orientiert. Das kommt mir etwas anachronistisch vor. Aber die Konflikte zwischen den einzelnen Stämmen und den landsässigen Adelsfamilien und der Königsgewalt kommen gut raus. Ich frage mich allerdings, welche Sprache man damals wohl gesprochen hat. Für Althochdeutsch ist es noch zu früh. Es werden wohl germanische Dialekte gewesen sein... Aber ob ein Vandale sich so einfach mit Thüringern und Burgunden unterhalten konnte???

  • Ach wie schön, dass du auch in die "Ahnen" eingestiegen bist, JHNewman!


    Das regionale Kleinkönigtum in Form einer Herrschaft mit einigen festen Kriegern (die Freytag ja lustigerweise Knaben nennt, was natürlich aufs Hochmittelalter verweist) und ansonsten bäuerlichen Untertanen ist aber wohl typisch in der Völkerwanderungszeit - ich lese gerade das GEO-Epoche-Heft zu diesem Thema. Auch die Holzhäuser auf dem Anwesen mit der Halle sind wohl eine typische Bauweise dieser Zeit.

    Dagegen hast du mit den Dialekten wohl Recht. Obwohl: Nach den neueren Forschungen ist die Völkerwanderung gar keine von Völkern gewesen, sondern von losen Verbänden aus bestimmten Gegenden, denen sich auf ihren Wanderungen durch Europa immer mehr unbehauste, vertriebene oder ansonsten unzufriedene Menschen anschlossen. Da muss sich wohl so eine Art Pidgin-Germanisch entwickelt haben, vermutlich mit lateinischen Versatzstücken, die zur rudimentären Verständigung diente. Abgesehen davon lagen die Vandalen, die ursprünglich zwischen Oder und Weichsel siedelten, gar nicht so weit von den Thüringen, die eventuell mit den gotischen Terwingen, die ursprünglich aus einer ähnlichen Gegend wie die Vandalen kamen, zusammenhängen. Jedenfalls wanderten die Germanen, welcher Stamm auch immer, aus dem Nordosten im 2.u.3. Jh. unserer Zeitrechnung in das mittelelbische Gebiet ein.


    Vielleicht kann sandhofer die beiden letzten Beiträge ja abtrennen und dem Freytag-Thread anfügen. Dort können wir dann weiterdiskutieren.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Vielleicht kann sandhofer die beiden letzten Beiträge ja abtrennen und dem Freytag-Thread anfügen. Dort können wir dann weiterdiskutieren.

    Ich habe seit der Umstellung der Forensoftware vor ein paar Jahren immer noch nicht herausgefunden, wie ich das gescheit anstelle, ohne Beiträge zu schreddern. Ich glaube, ich lasse das mal lieber...

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • Und ich habe nach der Leserunde mit "Noch alle Zeit" eine neue Runde begonnen, diesmal mit einem Buch von Julian Barnes.
    Bin noch ganz am Anfang, sieht aber interessant aus. Die Ausgabe ist jedenfalls sehr schön, sogar bebildert.

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  • Und ich habe nach der Leserunde mit "Noch alle Zeit" eine neue Runde begonnen, diesmal mit einem Buch von Julian Barnes.
    Bin noch ganz am Anfang, sieht aber interessant aus. Die Ausgabe ist jedenfalls sehr schön, sogar bebildert.

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    Das klingt wirklich interessant. Berichte gerne darüber!

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Und ich habe nach der Leserunde mit "Noch alle Zeit" eine neue Runde begonnen, diesmal mit einem Buch von Julian Barnes.
    Bin noch ganz am Anfang, sieht aber interessant aus. Die Ausgabe ist jedenfalls sehr schön, sogar bebildert.

    Dazu habe ich vor einigen Tagen eine hymnische Besprechung in der Süddeutschen Zeitung gelesen. Scheint wirklich gut zu sein...

  • Ich habe "Der Mann im roten Rock" inzwischen fertig.

    Ein hinreißendes Buch. Ich bin total begeistert und möchte am liebsten gleich wieder von vorne anfangen, die Fülle der Einzelheiten ist geradezu erschlagend - Barnes ist halt unglaublich belesen -, doch alles ist so kunstvoll verwoben und locker-unterhaltsam dargeboten, dass man gar nicht mehr aufhören möchte. Dazu kommt die prächtige Aufmachung dieses Buches. Ich bin begeistert!

    (Es ist natürlich sehr hilfreich, wenn Namen wie Goncourt, Puschkin, Huysmans, Maupassant, Zola, Oscar Wilde, Marcel Proust - und auch J. Singer Sargent, Whistler, Beau Brummell, Sarah Bernhardt - keine Unbekannten sind. Andernfalls sollte man sich beim Lesen besser Notizen machen und ab und zu googeln, aber ich denke, die Mitglieder eines Klassikerforums haben da keine Probleme. :saint: )

  • Ich lese ja gerade Joseph Roths "Radetzkymarsch" (den ich übrigens nur sehr empfehlen kann). Da trinken die Offiziere einen speziellen Schnaps:

    Da hab ich mich immer gefragt, was für ein Schnaps das wohl ist – 90%-tiger Alkohol ja mit Sicherheit nicht. Also wollte ich hier mal nachfragen. Und kaum setze ich zur Frage an, fällt mir ein, was das heißen soll: Das ist ein starker Schnaps, der einen umhaut, also um 90° kippt und von der Senkrechten in die Horizontale schickt.

    Ich denke, diese 90 Grad entsprechen etwa 50 Vol%, was ja immer noch recht stramm ist. Die Bezeichnung "Grad" kann verschiedene Bedeutungen haben, die Wikipedia hat da unter dem Stichwort "Alkoholgehalt" einen Hauptartikel mit mehreren Nebenartikeln über Gradeinteilungen. Einer meiner Großonkel mütterlicherseits hatte einen Laden für alles, was das vorzeitige Ableben fördert, also Tabakwaren und Spirituosen, ein Onkel auf der väterlichen Seite war Zollbeamter - daher ist mir das "Grad" als etwa ein halbes Volumenprozent noch geläufig. Das wäre dann das "Grad Sikes" mit einem Verhältnis von 0,6 Vol% auf 1 degree Sikes. Mir scheint das noch die plausibelste Definition zu sein.

  • Ich habe die Neuübersetzung von "1984" von Lutz-W. Wolff vor. Das Buch kenne ich seit fast 50 Jahren - mein verstorbener Papa hat es mir schon, als ich 14 war, eindringlich ans Herz gelegt -, aber die literarische Qualität dieser berühmten Dystopie gehen mir jetzt erst richtig auf. Sehr nützlich sind auch die Anmerkungen des Übersetzers am Ende, zum Beispiel über die Herkunft des Liedes vom Kastanienbaum, das in dem Buch immer wieder vorkommt.


    Parallel lese ich nun endlich, endlich "Der Husar auf dem Dach". Ich habe dieses Buch seit letzten Herbst immer wieder mal gesucht, man bekommt es nur noch gebraucht und dafür war es mir immer zu teuer. Kurz vor Weihnachten bekam ich endlich ein gutes Angebot. Wunderbare Schilderung der glühend heißen Provence Mitte des 19. Jahrhunderts und ein liebenswerter Held - viel sympathischer als im Film.

  • Eine Frage in die Runde: Es gibt eine Art Sequel zu "1984", nämlich "1985" von dem Ungarn György Dalos. Darin kommen alle Hauptfiguren von 1984 vor (es hat folglich keine Erschießung der verschiedenen wegen Gedankenverbrechen festgenommenen Leute gegeben), anscheinend kehrt sogar Winston Smith' vermisste Ehefrau Katharine zurück. Das Regime liegt in den Händen der "Großen Schwester", Witwe des Großen Bruders. Ich meine sogar, irgendwo gelesen zu haben, dass der von Winston erfundene "Genosse Ogilvy" einen Auftritt hat.
    Ich habe heute nachmittag eine Weile nach dem Buch gesucht; es muss irgendwann eine deutsche Ausgabe gegeben haben, aber ich finde kein Exemplar. ZVAB, findmybook, Medimops und Rebuy abgegrast, hat vielleicht noch jemand eine Idee?

    Edit, ich habe das Buch gefunden und gekauft, juhu!