Preis der Leipziger Buchmesse 2019

  • Morgen werden die Nominierungen bekannt gegeben. Ich bin schon gespannt darauf.

    Freuen würde ich mich, wenn Matthias Nawrats neuer Roman 'Der traurige Gast' darauf zu finden wäre.

    Ebenso über Sasa Stanisic ("Herkunft"), wobei der als ehemaliger Preisträger ("Das Fest") möglicherweise ausscheidet.

  • Die Nominierungsliste ist draußen:


    http://www.preis-der-leipziger…esse.de/de/Nominierungen/


    Im Genre Belletristik sind nominiert:


    Kenah Cusanit: Babel

    Das Buch wurde schon im Feuilleton besprochen und liegt schon auf meinem Nachttisch.


    Matthias Nawrat: Der traurige Gast

    Das habe ich bereits gelesen und ich hatte gehofft, dass er auf der Liste steht. Et voilà! Sehr verdient.


    Jaroslav Rudis: Winterbergs letzte Reise
    Den Autor habe ich in Leipzig schon erlebt und freue mich, dass sein neuer Roman auf der Liste steht. Klingt vom Thema her für mich äußerst interessant.


    Anke Stelling: Schäfchen im Trockenen
    Die Autorin war mir bislang nicht bekannt, vor einiger Zeit las ich mal eine Rezension dieses Romans irgendwo, die recht positiv war.


    Feridun Zaimoglu: Die Geschichte der Frau
    Den Autor finde ich sehr sympathisch, in Leipzig habe ich ihn gehört, als er mit seinem Luther-Roman 'Evangelio' am Start war. Ich fand das Projekt prima, nur mag ich seinen Stil nicht - mir zu barock und überbordend. Zu dick irgendwie.
    Das Thema des neuen Buches klingt interessant, aber ich werde erst nach einer Leseprobe entscheiden, ob ich das lesen möchte.


    Die anderen drei will ich unbedingt bis zur Messe lesen.

  • Hallo,


    könntest Du ein wenig was zu Matthias Nawrats „Der traurige Gast“ erzählen? Was hat Dir an dem Buch gefallen?


    „Babel“ habe ich mir auch vor ein paar Tage als eBuch besorgt. Ob ich den Nawrat kaufen soll, überlege ich noch - (auch) deshalb meine Frage.

  • könntest Du ein wenig was zu Matthias Nawrats „Der traurige Gast“ erzählen? Was hat Dir an dem Buch gefallen?

    Oh, ich dachte, ich hätte zu dem Buch schon ein paar Sätze geschrieben, aber ich stelle fest, dass ich das gar nicht getan habe.


    Ich schätze Nawrat sehr, seine letzten beiden Bücher ("Unternehmer" und "Die vielen Tode unseres Opas Jurek") haben mir sehr gefallen. Nawrat wurde im schlesischen Opole (dt. Oppeln) geboren und kam im Alter von zehn Jahren nach Deutschland. Besonders im Opa Jurek merkte man diese polnischen Wurzeln sehr stark. Das war ein hinreißend witziges Buch, bei dem ich ständig den Eindruck hatte, es müsse eine Übersetzung aus dem Polnischen sein, bis mir dann jedesmal einfiel, dass der Autor ja auf Deutsch schreibt, aber eben so, wie nur ein Pole es kann...

    Das neue Buch hat einen vollkommen anderen Ton und lässt sich schwer beschreiben, denn eine wirklich zusammenhängende Handlung gibt es nicht. Der Erzähler ist ein jüngerer Mann in Berlin, der polnische Wurzeln hat. Er und seine Frau überlegen, ihre Wohnung umzugestalten, und nehmen Kontakt zu einer ebenfalls polnischen Architektin auf. Bei den Terminen mit der Architektin, die in deren Wohnung stattfinden, entwickeln sich lange Gespräche, in denen die Architektin von sich und ihrer Familie erzählt. Ihre Mutter wurde aus dem ehemals polnischen Teil der heutigen Ukraine vertrieben, wurde in Oppeln angesiedelt. Sie selbst verließ dann das graue kommunistische Polen, um in Deutschland zu leben. Ihre Geschichte und ihre Ansichten fordern den Erzähler heraus, aber es fällt ihm schwer, eine wirkliche Antwort darauf zu finden. Die Gespräche mit der Architektin finden ein jähes Ende, als diese sich das Leben nimmt und der Erzähler bei seinem nächsten Besuch nur noch den Vermieter vorfindet.

    An diese Episoden mit der Architektin knüpfen sich weitere Begegnungen und Szenen aus dem Leben im heutigen Berlin. Der zweite große Strang ist die Geschichte der Freundschaft zwischen dem Erzähler und seinem Kollegen Dariusz - einem polnischen Arzt, der in Berlin gestrandet ist, ein schweres Alkoholproblem hat und daher nicht mehr praktiziert, sondern an einer Tankstelle arbeitet. In Gesprächen wird auch dessen Lebensgeschichte aufgeblättert, bis hin zum für ihn traumatischen Tod seines Sohnes, der nach Südamerika ausgewandert war und sich dort das Leben genommen hat.


    Das ist ein Buch der leisen Töne. Der Erzähler ist so etwas wie ein Seismograph. Er lotet die Tiefen der Biographien der Menschen aus, denen er begegnet. Das Thema Migration ist dabei allgegenwärtig, vor allem die Frage, was diese Wanderschaft mit den Menschen macht. Der Alltag in Berlin, wo sich Menschen aus unterschiedlichsten Ländern und Kulturen täglich begegnen, bildet den Hintergrund. Und obwohl Migration und 'Multi-Kulti' somit eigentlich schon der Normalfall sind und das Leben prägen, werden doch die inneren Brüche hier sichtbar, die diese Lebensform mit sich bringt. Und auch die Äußeren: denn mitten in das Leben des Erzählers platzt dann auch die Nachricht vom Attentat auf dem Berliner Breitscheidplatz (bei dem ebenfalls ein Pole ums Leben kam: der LKW-Fahrer).


    Neben den größeren Erzählsträngen (die Architektin, Dariusz) sind es auch die kleinen Szenen, die dieses Buch so besonders machen. Etwa eine Szene, als der Erzähler auf sein Haus zusteuert, und eine Gruppe Araber vor dem Hauseingang steht. Vor dem inneren Auge des Erzählers läuft sofort ein Film ab, was nun geschehen kann, wie er sich da durchdrängeln muss, was die Araber mit ihm anstellen könnten, wie er sich da seinen Weg freikämpfen muss. Stattdessen machen sie ihm freundlich Platz, mit dem Kommentar: "Wir stehen hier aber auch blöd.", und wünschen ihm einen schönen Tag.


    Und noch eine kleine Fußnote: es gibt ein kleines Kapitel über das Ischtar-Tor im Pergamonmuseum, in dem Koldewey erwähnt wird. Der ist ja die Hauptfigur in einem der anderen nominierten Romane. :-)

  • Viele Dank für Deine Ausführungen. Ich werde ihn mir dann wohl irgendwo im Hinterkopf merken - mein SUB (elektronisch und papieren) ist zur Zeit turmhoch 😝

  • Ich habe nun den zweiten Roman von der Liste gelesen: Anke Stelling, Schäfchen im Trockenen


    Der Roman wird erzählt von Resi, die das Buch als Bericht bzw. Brief an ihre Tochter Bea verfasst.


    Resi gehört zu einer Gruppe von Exilschwaben in Berlin. Vier von ihnen kommen aus dem gleichen Ort, haben in den 80er-Jahren Abitur an der gleichen Schule gemacht, gehen später nach Berlin, wo sie sich nicht aus den Augen verlieren, sondern zunächst in WGs zusammenwohnen und anschließend ein gemeinsames Bauprojekt 'K23' realisieren. Während die anderen beruflich etabliert und erfolgreich sind, gehören Resi und ihr Partner Sven eher zum intellektuellen und kreativen Prekariat. Resi ist Schriftstellerin. Sie haben nicht das Geld, um sich an dem Bauprojekt zu beteiligen, können aber aufgrund der engen Verbindung zur Gruppe zur Miete in einer der Wohnungen der Projektmitglieder wohnen.


    Bis Resi in einer längeren Reportage und dann in einem Roman aus ihrem Leben, dem Leben des Freundeskreises und des sozialen Milieus erzählt, in dem sie lebt. Das nehmen ihr die Freunde so übel, dass sie aus der gemeinsamen Gruppe ausgestoßen wird. Ihr Mietverhältnis wird gekündigt und Resi und ihre Familie stehen nun vor dem Umzug - aus dem hippen Prenzlauer Berg in einen der Randbezirke. Anderswo können sie sich die horrenden Mieten nicht leisten.


    Erzählt wird also die Geschichte eines sozialen Abstiegs, wobei Resi erkennt, dass sie schon immer in der Gruppe der Schwaben eher am Rand gestanden hat. Während die anderen aus bürgerlichen Elternhäusern kamen, waren ihre Eltern einfache Leute. Bei ihnen wurde keine Hausmusik gemacht, es wurde zu Weihnachten nicht vierstimmig um den Flügel gesungen und in der Garage standen keine großen Autos, man fuhr nicht zum Skiurlaub. Während der Gymnasial- und Studienzeit spielte das keine Rolle, alle Freunde waren sich einig darin, bestimmte Statussymbole zu verachten oder wenigstens als unwichtig abzutun. Sie hatten ähnliche politische Ansichten, wollten die Welt verändern und 'anders' leben. Daher auch der Gedanke, später im Leben zusammenzubleiben und ein gemeinschaftliches Wohnprojekt zu verwirklichen. Doch während die anderen im Zuge der Saturierung und Famliengründung sich immer stärker zum bürgerlichen Mainstream entwickeln, verlieren Resi und Sven den Anschluss. Dabei merkt Resi immer mehr, wie viele kleine subtile Unterschiede zwischen ihr und den anderen bestehen. Zugleich erlebt sie im familiären Alltag, wie sehr sich das Leben mit vier Kindern in der Realität von dem unterscheidet, was sie sich darunter vorgestellt hat.


    Die Hauptthemenfelder des Romans sind also die Bruchlinien zwischen Wunsch und Wirklichkeit, Alltagserleben und Idealvorstellung, das Scheitern an eigenen Erwartungen an sich selbst - und die feinen Trennlinien, die gesellschaftliche Schichten voneinander unterscheiden.


    Soweit, so gut.

    In der Umsetzung hat es mich nicht wirklich überzeugt. Ich habe 100 Seiten gelesen, den Rest dann nur noch quer.
    Es gibt witzige Passagen, es gibt auch gute Analysen und Beobachtungen. Aber insgesamt hat sich der Roman für mich zu wenig bewegt. Zu viele Dialoge zwischen Kindern und Eltern, kleine Alltagsszenen, dann wieder soziologische Betrachtungen, Rückgriffe in die Geschichte und Biographien der Freundesgruppe. All das drehte sich irgendwann im Kreis und hat mich dann genervt.


    Immerhin gibt es am Schluss den Lichtblick, dass Resi mit ihrem Roman so erfolgreich wird, dass sie sich auf ihre eigene Art 'etabliert' und aus dem Schatten der Freundesgruppe heraustritt.


    Aber insgesamt für mich kein Roman, der den Preis der Leipziger Buchmesse verdient hätte.

  • Puh, heute habe ich Buch drei von der Liste beendet:


    Kenah Cusanit, Babel


    Von diesem Buch hatte ich mir recht viel versprochen, es stand WIMRE auf der Bestenliste des SWR, wurde gut besprochen und Klaus Kowalke von der Buchhandlung Lessing und Kompanie in Chemnitz hält es für den Favoriten für den Preis der Leipziger Buchmesse.


    Mir hat es leider ganz und gar nicht gefallen. Ich hatte beim Erzählstil der Autorin allergrößte Mühe, überhaupt in das Buch reinzukommen, bin beim Lesen auch immer wieder abgeschweift. Das Thema hat mich schon interessiert (es geht um die Ausgrabung des antiken Babylons durch Richard Koldewey), aber die Autorin hat es nur sehr punktuell geschafft, so flüssig zu erzählen, dass ich dem Erzählfluss folgen konnte. Ansonsten alles sehr fragmentiert, sehr sprunghaft und frei assoziierend, möglicherweise auch dem Gedankenfluss des an einer Blinddarmentzüngung erkrankten Helden geschuldet... Ich weiß nicht.


    Ich kann noch nicht mal sagen, dass das schlecht ist. Es ist wohl eher gut. Für mich aber einfach zu abgefahren und zu speziell. Ich mochte das nicht lesen und fand es wegen des fehlenden Flusses dann auch wirklich langweilig.


    Mein Favorit bleibt somit Matthias Nawrat.


    Nun beginne ich mit Jaroslaw Rudis.

  • Jaroslaw Rudis habe ich heute beendet (einer langen Bahnreise sei Dank!).


    Mir hat das Buch Spaß gemacht. Großen Spaß sogar. Obwohl ich mir gut vorstellen kann, dass viele Leser es nicht mögen werden.


    Erzählt wird ein ziemlich skurriler Road-Movie. Der 99-jährige Wenzel Winterberg, eigentlich schon auf dem Weg ins Jenseits, und sein tschechischer Pfleger Jan Kraus begeben sich auf eine Reise durch die ehemaligen Kronländer der k.u.k.-Monarchie. Dabei hilft ihnen ein Baedeker-Reiseführer von 1913 - also die letzte Ausgabe vor dem Weltkrieg, der das Habsburgerreich dann in seine Bestandteile atomisierte. Ihre Reise unternehmen sie mit der Bahn, was das Buch neben einer Geschichte des Habsburgerreiches auch noch zu einer Geschichte des österreichischen Eisenbahnwesens werden lässt. Und beizu werden dann auch noch die persönlichen und familiären Traumata der beiden Hauptfiguren aufgearbeitet, die selbstredend auch die Traumata der österreichischen Geschichte sind...


    Für Menschen, die sich den Themen Geschichte und Eisenbahnwesen nicht abschrecken lassen, eine sehr vergnügliche, wenn auch mitunter doch etwas repetitive Lektüre...


    Damit steht jetzt aber meine Liste für den Preis der Leipziger Buchmesse fest:


    Mein Favorit ist ganz klar Matthias Nawrat.
    Danach Jaroslaw Rudis.

    Platz 3: Anke Stelling

    Platz 4: Kenah Cusanit


    Das Buch von Feridun Zaimoglu habe ich nicht gelesen und werde das wahrscheinlcih auch nicht tun. Der Autor ist furchtbar nett, aber seinen Erzählstil mag ich nicht wirklich. Daher läuft er für mich 'außer Konkurrenz'.

  • Anke Stelling gewinnt den Preis.

    Mir ist es völlig unverständlich, warum die Jury sich für Anke Stelling entschieden hat.

    Ich habe am Donnerstagvormittag auf der Messe eine Vorstellungsrunde besucht, bei der alle Nominierten der Kategorie Belletristik vorgestellt wurden und auch jeweils ein kurzes Stück aus ihrem Buch lasen.


    Rein literarisch gesehen halte ich ihr Buch für das am wenigsten überzeugende der fünf. Gleichwohl waren alle der vorgestellten Autoren sympathisch und haben auch im Gespräch Erhellendes über ihre Bücher sagen können. Besonders gut kam beim Publikum Jaroslaw Rudis an, dessen kurze Lesung regelrecht zu einem Happening geriet. Er verstand es auch besonders gut, die Sachsen in sein Thema einzubeziehen, da ja in der Schlacht von Königgrätz, die gewissermaßen eine Urkatastrophe nicht nur der österreichischen Geschichte, sondern auch seines Buches ist, die Sachsen gemeinsam mit Österreich gegen die Preußen verloren...

  • Ich habe keines der nominierten Bücher gelesen. Vom Thema her erscheint der Roman von Anke Stelling am „trivialsten“. Ich habe eine Sendung des Deutschlandradios gehört, wo (mit Ausnahme von Matthias Nawrat, der verhindert war) die Autoren ein Stück aus ihren Büchern vorlasen und etwas zu ihren Büchern erzählten.


    Feridun Zaimoglus Buchtext war ziemlich gekünstelt-gestelzt, aber ich war schon (negativ) überrascht, als ich ihn über sein Buch reden hörte und es genauso gekünstelt- gestelzt klang. Hinzufügen sollte ich, daß ein Artikel in def FAZ diesen Vorwurf ebenfalls gegen Zaimolugus Roman erhebt UND gegen Cusanits Roman „Babel“.


    Insofern hatte ich sowohl Stelling asl auch Zaimoglu für relativ abgeschlagen gehalten, aber so kann man sich eben irren.

  • Ja, Zaimoglu bedient sich in seinen Texten eines sehr hohen Tons. Mir sagt das auch gar nicht zu, wobei ich sagen muss, dass ich ihn den Gesprächen (ich habe ihn auf der Messe zweimal gehört) sehr sympathisch fand.

    Bei Kenah Cusanit ging es mir beim Zuhören in Leipzig genauso wie beim Lesen des Buches: Ich bin nach wenigen Sätzen ausgestiegen und schweifte ab.