Aldous Huxley - Schöne neue Welt

  • Ich bin etwa zu 2/3 durch und muss den Roman nun leider für ein paar Wochen beiseite legen, weil andere (Termin-)Leseprojekte ab morgen anstehen. Nichtsdestotrotz möchte ich gerne meine bisherigen Eindrücke schildern, so lange sie noch frisch sind.


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    Beschreibung


    1932 erschien eines der größten utopischen Bücher des 20. Jahrhunderts: ein heimtückisch verführerischer Aufriss unserer Zukunft, in der das Glück verabreicht wird wie eine Droge. Sex und Konsum fegen alle Bedenken hinweg und Reproduktionsfabriken haben das Fortpflanzungsproblem gelöst. Es ist die beste aller Welten – bis einer hinter die Kulissen schaut und einen Abgrund aus Arroganz und Bosheit entdeckt.


    Meine Meinung bisher


    Egal, wie und wohin wir uns entwickeln, die menschliche Natur ist nicht auszumerzen! :breitgrins:


    Huxley entwirft für mich eine gar nicht so utopische Zukunft. Man muss nur die menschlichen Bestrebungen genau beobachten und extrapolieren, dann landet man in Huxleys schöner neuen Welt: Sauberkeitswahn und die damit verbundene Keimfreiheit und Geruchslosigkeit, immer zur Verfügung stehender Sex ohne quälende Emotionen,Kontrolle über die Natur, Hierarchiedenken, Kollektivwahn, unbegrenzter und nebenwirkungsfreier Konsum von Drogen, sofortige Bedürfnisbefriedigung, Konsumsucht, Schönheits- und Jugendwahn, Körperkult, Bequemlichkeit, verantwortungslose Dauerbespaßung, Glückszwang, Reproduktion ohne lästige Schwangerschafts-, Geburts- und Erziehungsmühen. Was will man mehr?
    Und wenn man an George Orwells "1984" und Juli Zehs "Corpus Delicti" denkt, muss man feststellen, die Utopien ähneln sich und wir sind gar nicht soweit entfernt, uns freiwillig der Diktatur des Fortschritts zu unterwerfen, ja danach zu verlangen.
    Es gibt allerdings so Manches im Roman, das finde ich inkonsequent: Da hat man die totale Reproduktionskontrolle und die Welt ist völlig überbevölkert, was ich aus den Beschreibungen von Massenveranstaltungen und von Gebäuden gigantomanischen Ausmaßes schließe. Trotzdem scheint jeder jeden zu kennen.
    Das Reservat der Wilden und deren Gebaren wird für meinen Geschmack zu überzogen dargestellt.
    Insgesamt wird zu wenig erklärt. Was sind die ganzen Spiele, die die Menschen spielen (Treppen-Squash, Magneto-Golf)? Wie kann man ein Reservat besuchen, ohne dass die Wilden auf die Besucher reagieren? Wie konnte Linda schwanger werden? Wie und wann sterben eigentlich die Menschen und wer bestimmt das (das wird aber vielleicht noch erklärt)? Wie kann sich plötzlich ein perfekt konditionierter Mensch verändern und von seinen archaischen Emotionen übermannt werden (die sich verliebende Lenina)? Auch finde ich den Protagonisten Bernard zu dumm gezeichnet. Er (Alpha, mit Intelligenz gesegnet) ist doch einer, der nicht in dieses System passt und sich nach dem Echten sehnt und trotzdem dient er hündisch dem System für ein bisschen Anerkennung, sobald sich die Chance bietet. Aber vielleicht soll das ja nur die Schwäche der menschlichen Natur hervorheben...
    Auch die Ökonomie und Ökologie sind völlig unklar. Wie ist der totale Konsum möglich? Und die Folgen dessen werden völlig ausgeblendet.
    Eine Chance (für die Handlung) sind Linda und John. Die eine ist jahrelang der Natur ausgesetzt (was sich vor allem in ihrem körperlichen Verfall manifestiert), der andere ist in und mit der Natur aber als Außenseiter aufgewachsen. Beide werden in die schöne neue Welt gebracht. Ich bin gespannt, was daraus noch erwächst!

  • Jetzt hab ich's doch schneller beendet als geplant, weil die Lektüre einfach spannend war. Ich ergänze meine obigen Ausführungen:


    Am faszinierendsten fand ich die Aussagen von Mustafa Mond. Er erklärt im Grunde das ganze Ideenkonstrukt, dass sich der menschlichen Natur anpasst und sie sich gleichzeitig zunutze macht. Alles andere ist zwar unglaublich interessant aber an sich wird nur an der Oberfläche gekratzt, nichts wird gedanklich oder beschreibend zu Ende geführt.
    Das größte Problem ist meiner Meinung nach die angenommene Existenz von Gott, denn auch Ford ist Gottersatz und damit stellt sich Huxley sozusagen selbst ein Bein. Gott ist ein Konstrukt, um unter anderem dem Leben (vermeintlichen) Sinn zu geben, Unerklärliches zu erklären und um mit der Angst vor dem Tod umzugehen. Dies alles ist in Huxleys Welt nicht existent, also ist die Existenz eines höheren Wesens absurd. Auch die völlig übertriebenen religiösen Handlungen der Wilden, insbesondere von John (zum Beispiel dessen Selbstgeißelung) ergibt überhaupt keinen Sinn. Er will büßen - für was denn? Warum beschimpft er geifernd Lenina und tötet (?) sie? Weil sie promisk ist und ihn haben will? Na und? Er müsste doch erkennen, so wie er vieles andere erkennt, dass sie nicht anders kann. Lindas Tod ist ebenfalls inkonsequent. angeblich ist der Somatod doch angenehm - woher kommt dieses Grauen in ihrem Blick, als sie stirbt? Soll das dem Leser zeigen, dass der Tod doch zu fürchten ist und er einen Gott braucht?
    Was ich wirklich amüsant fand, ist das beschriebene Experiment mit einer Gesellschaft aus lauter Alphas (hochintelligenten Menschen), das zum Scheitern verurteilt ist. Der Schluss, der daraus gezogen wird (Eisbergstruktur der Intelligenzgrade) stellt im Grunde übertrieben das dar, was heute keiner mehr wahrhaben will, aber schon immer Realität ist, der man Rechnung tragen muss.
    Der Wert des Romans liegt für mich in dem Denkanstoß, sich zu fragen, ob es sich um eine Utopie oder Dystopie handelt.

  • Noch eine Ergänzung:


    Die drei Hauptcharaktere Bernard, Helmholtz und John sind äußerst interessant. Spontan viel mir folgender Vergleich ein: Hund, Katze, Maus. Alle mit Intelligenz gesegnet, alle weichen von der Norm ab, wissen, dass sie nicht in das System passen. Trotzdem agieren sie grundverschieden:
    Bernard, ein Opportunist in Reinkultur, für den es nur ihn selbst gibt, kennt weder Freund noch Stolz. Ein widerlicher Mitläufer.
    Helmholtz, ruhig besonnen, großmütig, erkennt und begreift die Chance, die sich ihm mit der Umsiedlung auf eine Insel zu Gleichgesinnten bietet.
    John wird aggressiv, auch gegen sich selbst, überreagiert mit Abwehr und Flucht.


    Dies zeigt, dass Charakter und ethische Wertmaßstäbe nicht von der Intelligenz und kaum von der Erziehung abhängen.

  • Es ist leider lange her, dass ich diesen Roman gelesen habe, deshalb kann ich nichts zu deiner Interpretation im Speziellen sagen: Aber was du schreibst, erscheint mir schlüssig und gut durchdacht. Danke dafür :blume:. Eine interessante Anschlusslektüre für dich könnte vielleicht der Zukunftsentwurf von Jewgenij Samjatin "Wir" sein.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Danke für die Blumen [Blockierte Grafik: http://www.smilies.4-user.de/include/Verlegen/smilie_verl_029.gif] und den Tipp! Es ist ein bisschen schade, dass man mehr oder weniger für sich allein schreibt. Aber es ist schon klar, dass, wenn die Lektüre lange her ist, man sich kaum noch an den Inhalt erinnern kann. Ich kriege ja kaum noch Details zusammen von Büchern, die ich vor ein paar Monaten gelesen habe. Und viele lesen hier so interessante Bücher und ich kann gar nichts dazu schreiben, weil ich sie nicht kenne - ein Jammer.


  • ... Und viele lesen hier so interessante Bücher und ich kann gar nichts dazu schreiben, weil ich sie nicht kenne - ein Jammer.


    So geht es mir jetzt mit "Schöne neue Welt". Ich kenne den Roman (noch) nicht und da ist es schwierig, etwas dazu zu schreiben - außer, dass ich jetzt neugierig auf das Buch bin. :zwinker: Allerdings mag ich Utopien/Dystopien nicht immer lesen, sondern muss in der richtigen Stimmung dazu sein.

  • So geht es mir jetzt mit "Schöne neue Welt". Ich kenne den Roman (noch) nicht und da ist es schwierig, etwas dazu zu schreiben - außer, dass ich jetzt neugierig auf das Buch bin. :zwinker: Allerdings mag ich Utopien/Dystopien nicht immer lesen, sondern muss in der richtigen Stimmung dazu sein.


    Genauso geht es mir auch.


    louzilla : ich hab das gleiche "Problem". Viele tolle Bücher und ich kenne oft nicht mal den Autor.

  • Meine Huxley-Lektüre ist auch zu lange her, um noch was Gescheites dazu sagen zu können. Obwohl ich als Gymnasiast nachher auch noch sein Schweinchen-Epos las...


    Eine interessante Anschlusslektüre für dich könnte vielleicht der Zukunftsentwurf von Jewgenij Samjatin "Wir" sein.


    Habe ich selber zwar auch noch nicht gelesen; Kollege scheichsbeutel war in unserm Blog allerdings nicht zu 100% überzeugt. (Achtung! Wir halten uns in unserm Blog nicht an die offiziöse Regelung, wonach von Romanen das Ende nicht verraten werden soll.)

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • Alles andere ist zwar unglaublich interessant aber an sich wird nur an der Oberfläche gekratzt, nichts wird gedanklich oder beschreibend zu Ende geführt.
    Das größte Problem ist meiner Meinung nach die angenommene Existenz von Gott, denn auch Ford ist Gottersatz und damit stellt sich Huxley sozusagen selbst ein Bein. Gott ist ein Konstrukt, um unter anderem dem Leben (vermeintlichen) Sinn zu geben, Unerklärliches zu erklären und um mit der Angst vor dem Tod umzugehen. Dies alles ist in Huxleys Welt nicht existent, also ist die Existenz eines höheren Wesens absurd. Auch die völlig übertriebenen religiösen Handlungen der Wilden, insbesondere von John (zum Beispiel dessen Selbstgeißelung) ergibt überhaupt keinen Sinn. Er will büßen - für was denn? Warum beschimpft er geifernd Lenina und tötet (?) sie? Weil sie promisk ist und ihn haben will? Na und? Er müsste doch erkennen, so wie er vieles andere erkennt, dass sie nicht anders kann. Lindas Tod ist ebenfalls inkonsequent.

    [...]

    Der Schluss, der daraus gezogen wird (Eisbergstruktur der Intelligenzgrade) stellt im Grunde übertrieben das dar, was heute keiner mehr wahrhaben will, aber schon immer Realität ist, der man Rechnung tragen muss.
    Der Wert des Romans liegt für mich in dem Denkanstoß, sich zu fragen, ob es sich um eine Utopie oder Dystopie handelt.

    Du übersiehst, dass neben den dystopischen Elementen die der Satire den Roman dominieren. Sämtliche Figuren sind Zerrbilder der damaligen Realität, ebenso wie die angenommene Entwicklung der Gesellschaft eine Vergrößerung sich anbahnender Mißverhältnisse darstellt. Weder der Wilde noch Lenina sind Figuren, mit denen man sich identifizieren soll, letztlich gibt es nichts, womit man sich identifizieren kann, des Wilden Gegenentwurf zur geistlosen Lustbefriedigung ist genauso geistesgestört wie die dominierende Gesellschaft, alles ist tragisch und lächerlich. Wie man auf die Idee kommen kann, in dem Roman statt einer Dystopie eine Utopie zu sehen, ist mir etwas schleierhaft, Monds Position ist doch radikal zynisch.

  • ebenso wie die angenommene Entwicklung der Gesellschaft eine Vergrößerung sich anbahnender Mißverhältnisse darstellt

    Was wiederum praktisch jeder Utopie oder Dystopie eignet. Und der Zukunftsforschung. Und der Städtebauplanung. Und ... und ... und ... ;)

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • Meine Huxley-Lektüre ist auch zu lange her, um noch was Gescheites dazu sagen zu können. Obwohl ich als Gymnasiast nachher auch noch sein Schweinchen-Epos las...



    Habe ich selber zwar auch noch nicht gelesen; Kollege scheichsbeutel war in unserm Blog allerdings nicht zu 100% überzeugt. (Achtung! Wir halten uns in unserm Blog nicht an die offiziöse Regelung, wonach von Romanen das Ende nicht verraten werden soll.)

    Wir ist doch genauso genial wie Brave New World und 1984, besonders interessant wird es, wenn man sich damit vertraut gemacht hat, worauf Samjatin damit reagiert: In Russland gab es tatsächlich Überlegungen, den Menschen zu normieren, damit er besser als Arbeitstierchen geeignet ist. Auch bei Wir muss einem klar sein, dass es sich auch um Satire handelt. Heute ist uns das vielleicht schon zu fremd, weil offiziell der Individualismus gepredigt wird.

  • Was wiederum praktisch jeder Utopie oder Dystopie eignet. Und der Zukunftsforschung. Und der Städtebauplanung. Und ... und ... und ... ;)

    Also die Utopie vergrößert doch nicht die Mißverhältnisse sondern entwirft eine positiv gemeinte Gegenwelt. Bei der Dystopie wäre es denkbar, dass in einem Schreckensszenario ein Charakter zum Mitfühlen einlädt, wofür er ja etwas anderes sein muss, als eine lächerliche Karikatur. Worauf ich hinauswollte, ist, dass bei Brave New World nicht nur die Gesellschaft und Technikverwendung sondern auch alle Figuren Überzeichnungen sind, abstoßend, bedrohlich. Man kann dem Roman vorwerfen, dass man innerlich distanziert bleiben muss, was die Betroffenheit reduzieren könnte, dass somit die pädagogische Wirkung auf der Strecke bleibt und der kalte Spott übrigbleibt. Dennoch hat der Roman, denke ich, Generationen betroffen gemacht.

  • Ich entsinne mich, Huxley im Jahr 1988 in einer in Leipzig erschienenen Reclam-Ausgabe, also vor mehr als dreißig Jahren, in Südthüringen gelesen zu haben. Ich kannte zu jener Zeit keinen BRD-Bürger persönlich und sah in der Woche kein Westfernsehen, weil ich gar keinen Fernseher hatte. Doch lebte ich viele Monate in der Sowjetunion, in der einst Samjatin gewirkt hatte, und dort begannen jetzt "Perestrojka" und "Glasnost". Aldous Huxley schien also in der DDR eher ungefährlich zu sein, er wurde zum Lesen zugelassen, da seine "schöne neue Welt" scheinbar eine Kritik an Auswüchsen des 'gegnerischen Westens' enthielt. Außerdem war die Zensur 1988 schon keineswegs ein Monolith mehr, sondern bereits in zahlreichen Verlagen durchsetzt von Reformern und Anhängern der Perestrojka, was die "kehrenden Besen" der Jahre 1990-1993 nicht mehr wahrhaben wollten, die alle damaligen Reformansätze undifferenziert auf den Müllhaufen der Geschichte befördern wollten.


    Orwells "1984" hingegen war in der DDR verboten, aus gutem Grund natürlich, denn es griff wie kaum ein anderes Buch jener Art die Grundlagen der Gesellschaftsordnung an, und dafür hatte die Parteiführung ein untrügliches Gespür. Elemente der "Brave New World" gab es durchaus in der Realität, die uns umgab. Das 'Soma' gab es, und die schönen einlullenden Lieder der Partei und der Freien Deutschen Jugend (..."rums und bums und Ford und Spaß, Mädchen Jungs aus einem Glas" habe ich heute noch im Gedächtnis abgespeichert), von denen ich eines in einem Beitrag für eine 2019 erscheinende Festschrift zum Jubiläum meiner damaligen Schule wörtlich wiedergebe: "Das Wunderland" von Johannes R. Becher, dem "größten Dichter des deutschen Volkes", wie es damals hieß, das der Schulchor zu singen hatte, das schon damals hymnisch-entrückt klang und in dem allerdings für einige Zeit noch der Begriff "Deutschland" verwendet werden durfte, als schon unsere Nationalhymne nicht mehr gesungen werden durfte.


    Die Lektüre eines solchen Buches war nicht nur Zeitvertreib oder Analyse eines literarischen Werkes aus sicherem räumlichen Abstand heraus. Gleichzeitig las ich 1988 von Landolf Scherzer "Der Erste", eine Gegenwarts-Reportage über den Ersten Sekretär der Partei im Kreis Bad Salzungen in Südthüringen, der sich den Allerwertesten aufriß und sich den Herzinfarkt holte, um ein normales Leben in seinem Kreis noch aufrecht zu erhalten, der aber angesichts der nicht aufzubrechenden Strukturen in der Endzeit des realsozialistischen Systems ununterbrochen an seine Grenzen stieß - der eine Teil der Bevölkerung folgte ihm noch, überzeugt, zweifelnd oder schon verzweifelt, andere hatten sich bereits aus dem System verabschiedet.


    Belletristik hatte in der DDR zu jener Zeit eine andere Funktion als heute. Dieses kaum vereinbare Gemisch meiner Lektüre von Huxley, dessen tiefe Traurigkeit, etwa mit der Selbstmordszene, ansteckend wirkte (ob der Autor selbst schmunzelte, sei dahingestellt), und des Buches von Landolf Scherzer wirkte auf mich ein halbes Jahr vor den Ereignissen auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking (die durchaus bei uns Realität werden konnten), vor dem letzten Parteitag der USAP in Ungarn, auf dem die Teilnehmer nicht mehr die Internationale sangen, sondern ihre traditionsreiche Nationalhymne, vor dem Sieg des Runden Tisches im benachbarten Polen und vor all den Ereignissen ein Jahr später im Anschluss an die Montagsdemonstrationen in Leipzig, von denen ich die zweite selbst erlebte ...

    In der zweiten Jahreshälfte 1988 erfasste eine große Angst Teile der Gesellschaft, die bisher gewohnt war, dass das Kollektiv und nicht der Einzelne im Mittelpunkt stand, weil man zwar wusste, dass sich unbedingt sehr bald etwas ändern müsse, aber nicht im geringsten ahnen konnte, was da geschehen könnte.

    Mit diesem längeren Erguß hier, in dem ich nicht auf Einzelheiten des Romans, seiner Figuren und seiner Gestaltungsweise eingegangen bin - dazu müsste ich tatsächlich das Buch wieder in die Hand nehmen -, wollte ich nur darauf aufmerksam machen, dass solch ein Roman durchaus als Text zum Verständnis der realen Umwelt, nicht nur einer literarischen Fiktion, gelesen werden konnte. Und wenn ich heute Huxley wieder zur Hand nehmen würde, stellte ich fest: Ihr wisst gar nicht, in welcher Geschwindigkeit Ihr Euch damaligen Verhältnissen mit dem Versuch einer Durchsetzung monolithischer Macht und Deutungspoheit nähert, dieweilen ein großer Teil der Bevölkerung durch populäre, in den Massenmedien dargebotene Formate in den Bann geschlagen wird. Aber es gibt das Internet, von dem niemand etwas ahnen konnte, niemand hatte 1988 einen privaten Computer, und jetzt schreibe ich etwas in diesem Medium, während damals mit der Schreibmaschine verfasste Texte in mehrfacher Ausfertigung notdürftig durch "Tipp-Ex" korrigiert und mit Schere und Leim einer druckfertigen Fassung zugeführt wurden.

  • Die Lektüre eines solchen Buches war nicht nur Zeitvertreib oder Analyse eines literarischen Werkes aus sicherem räumlichen Abstand heraus.


    Herzlichen Dank für diese Lese-Eindrücke und den Einblick in die damaligen Erfahrungen und Überlegungen!

    An diesem Satz bin ich hängengeblieben. Mir geht es in der letzten Zeit mehr und mehr so, dass ich auch literarische Werke nicht mehr aus "sicherem räumlichen Abstand heraus" lese. Es hängt natürlich ein wenig vom Werk ab, aber wohl noch mehr vom Lebensalter (meinem) und den Zeitläufen. Ich empfinde es so, dass sich der 'sichere Abstand', in dem wir noch vor zehn oder zwanzig Jahren lebten, sich mehr und mehr verflüchtigt hat. Fast alle der Probleme und Bedrohungen der Vergangenheit, die wir abgehandelt glaubten, rücken entweder wieder in greifbare Nähe, oder es erscheint doch nicht mehr abwegig, dass sie uns wieder einmal betreffen werden. Das macht die Lektüre dringlicher, manchmal auch verstörender.

  • Ich denke, dass Dystopien (und Utopien) doch generell nicht nur eskapistisch als literarische Fiktion gemeint sind sondern zur Kritik an den Unzulänglichkeiten der gegenwärtigen Gesellschaft aufrufen, und dass das besonders bei Brave New World auch sehr gut funktioniert hat und immer noch funktioniert, da Huxleys Vision unserem Leben näher ist als die von Orwell und Samjatin. Insbesondere die Vergnügungs-"Kultur", das Verdrängen von Alter und Tod, die Respektlosigkeit gegenüber ungeborenem Leben. Heute funktioniert Huxley aber somit anders als damals: Während Huxley manche Wertigkeiten einfach auf den Kopf stellte (Promiskuität als moralische Verpflichtung) hat sich die Realität in manchen Dingen recht nahe an seine boshaften Scherze angenähert (der Selbstmord des Wilden ist für mich der boshafteste Scherz des Buches, dem weniger ein Schmunzeln als ein Feixen zugeordnet werden könnte).