Juli 2012: Theodor Fontane: L’Adultera

  • Hallo zusammen,


    auch von mir heute nur eine Statusmeldug: ich bin durch. Ich werde meine Eindrücke sammeln und mich morgen oder übermorgen melden.


    Gruß
    Klaus :winken:

  • Die Abschiedsszene war wirklich sehr beeindruckend.


    Gut geschrieben fand ich auch das Ende von Kapitel 18: "Zu weich", entgegnete Rubehn. "Und wir werden uns auf kältere Luftströme gefasst machen müssen".


    Ihm ist es offenbar zu dem Zeitpunkt schon bewusst, dass die Gesellschaft nicht tolerant reagiert so wie es Melanie sich erhofft. Ihre Schwester will zwar zu ihr halten, aber ihr Mann will das nicht. Kann ich irgendwie auch verstehen, denn dann wären sie aus der Gesellschaft auch ausgeschlossen und wer will das schon wenn er die Wahl hat.


    Die Reaktion ihrer Kinder kann ich sehr gut nachvollziehen. Erst verlässt sie die beiden in einer Nacht- und Nebelaktion ohne einen Blick oder ein Wort und dann will sie zurück kehren und wieder aufgenommen werden.


    Als sich Ruben dann nach und nach verändert hat, habe ich auch befürchtet dass er sich anderwertig verliebt hat und Melanie verlassen will, dabei plagen ihn nur finanzielle Sorgen. Hier fand ich Melanie sehr stark, als sie sofort zusagte in Armut mit dem geliebten Mann zu leben. Hätte man ihr am Anfang des Buches gar nicht zugetraut.


    Die letzte Szene des Buches fand ich dann wieder "typisch Mann". Immer alles auf die Frau schieben, wenn was schief läuft. Van der Straaten schickt Melanie eine Miniatur des Tintoretto. Damals sagte sie zu dem Gemälde: "Sieh Ezel, sie hat geweint. Aber ist es nicht, als begriffe sie kaum ihre Schuld?" Diesen Seitenhieb konnte sich Fontane wohl nicht verkneifen.


    Auf der anderen Seite war das Buch zur damaligen Zeit sicher ein sehr mutiges. Eine Frau, die ihren Mann verlässt und ein zweites Mal glücklich wird. Das gab es damals sicher nicht sehr oft.


    Alles in allem wieder ein sehr gutes Buch von Fontane. Ich bin sehr froh mich auf diesen Autor eingelassen zu haben.


    Katrin


  • aber Melanie will ihre Freiheit, sie will raus aus dem Puppenheim und sie läßt sich wie Ibsens Nora nicht aufhalten.


    Hallo Montaigne,
    hallo zusammen,


    die Kinder bekamen ja zu Weihnachten ein Puppenhaus. Ich fragte mich gleich nach der Symbolik, es steht wohl, wie Du sagst, für Melanies Unfreiheit.


    Es wurde hier ja schon viel diskutiert, ob Ezel uns sympathisch ist oder nicht. Ich glaube aber darauf kommt es nicht so sehr an, sondern darauf, wie seine Frau Melanie ihn sieht und vor allem ob ihr Verhalten von Fontane nachvollziehbar beschrieben ist.


    Erstmal, wie alle schon sagten: gebildet ist er auf jeden Fall. Aber seine Bildung mischt sich mit einer Direktheit und "Ungehobeltheit", die ihn in den Augen derer, die Bildung auch mit einem gewissen gesellschaftlichen Schliff verbinden, als ungebildet erscheinen läßt. Diese Art Ezels ist Melanie im intimen Gespräch vertraut und sie hat sich daran gewöhnt. In Gesellschaft ist es ihr aber peinlich, wie man im Kaffeehaus-Kapitel deutlich merkt, und es war ihr dort um so peinlicher, als es um sexuelle Anspielungen in Gegenwart eines gleichaltrigen und (wie man annehmen muß) attraktiven jungen Mannes ging. Ich kann mir gut vorstellen, was da in ihr vorging: sie ging als 17jährige eine um des Geldes wegen arrangierte Ehe mit einem 25 Jahre älteren Mann ein. Das war von ihrer Seite bestimmt keine Liebesehe: was sie an ihm liebte, war höchstens, dass er sie liebte und ihre materiellen Wünsche befriedigte. Er war bis dahin Junggeselle gewesen. Er wird aus dieser Zeit bestimmt noch andere Gewohnheiten mitgenommen und nicht abgelegt haben ("O rühret, rühret nichts an"), die auf eine junge Frau vielleicht verletzend wirkten, nicht nur seine verbalen Entgleisungen. Aber darüber schweigt Fontane natürlich. Dabei würde ich auf keinen Fall soweit gehen und Ezel in dieser Hinsicht auf eine Stufe mit Ezels Romanvorlage Louis Ravené stellen: von diesem schrieb die Enkelin seiner Frau, dass er auch in der Ehe die "Damenbekanntschaften aus der Theaterwelt" weiter pflegte, sogar in der Nacht, als seine junge Frau in den Wehen ihres ersten Kindes lag.


    Im Abschiedskapitel äußert ja Ezel selbst ein gewisses Verständnis für seine Frau:


    "Glaube mir, ich kenne die Frauen, Ihr könnt das Einerlei nicht ertragen, auch nicht das Einerlei des Glücks. Und am verhaßtesten ist Euch das eigentliche, das höchste Glück, das Ruhe bedeutet. Ihr seid auf die Unruhe gestellt. Ein bißchen schlechtes Gewissen habt Ihr lieber als ein gutes, das nicht prickelt [....]" uswusf.


    Hier spricht ein Mann, Anfang 50, zu seiner Frau, Ende 20. Was er als Ruhe und höchstes Glück empfindet, ist für sie Langeweile und Beengtheit, mit der sie sich vielleicht arrangiert, aber nicht abgefunden hat.


    Soviel erstmal dazu, später mehr.


    Gruß
    Klaus :winken:

  • Hallo zusammen,


    nun noch ein paar Anmerkungen:


    Durch den Bezug zu Tintorettos Bild und damit zu der Geschichte der Ehebrecherin aus der Bibel (Johannes 8,1-11) ist die Tendenz des Romans für mich klar: so wie Jesus der Ehebrecherin vergibt ("Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie"), tut es auch Fontane. Er will die Schuld von der Ehebrecherin Melanie nehmen, das wird ja schon bei der Besprechung des Bildes durch die Eheleute im 2. Kapitel deutlich: "Es ist soviel Unschuld in ihrer Schuld". Fontane ist ein großer Menschenfreund: er verurteilt niemanden. In Joh. 8,11 heißt es: "Auch ich [Jesus] verurteile dich nicht. Geh hin und sündige von jetzt an nicht mehr!". Melanie sündigt nicht nur nicht mehr, sondern sie macht ja sogar eine richtige Entwicklung mit. Wie Katrin schon sagte: dass sie ihrem neuen Mann in der finanziellen Not beiseite steht, hätte man von ihr anfangs vielleicht nicht erwartet.


    Dass Melanie ihre Kinder zurückläßt und ihrem Liebesglück opfert, wirkt auf uns Heutige hart. Für uns steht immer das Kindeswohl im Vordergrund, auch im heutigen Scheidungsrecht ist das so. Damals aber nicht: den Mann zu verlassen, bedeutete auch die Kinder verlassen zu müssen.


    Der Vergleich mit "Effi Briest" liegt ja nahe. Ich sehe inhaltlich zwei große Unterschiede: was bei Melanie das Ergebnis einer bewußten Entscheidung ist, ist bei Effi mehr das Ergebnis einer Verführung, sie will ja auch alles ungeschehen machen und am Ende holt sie die Vergangenheit ein. Zum zweiten ist E.B. mit dem Ehrbegriff des Adels konfrontiert, der keine Vergebung kennt. Im Bürgertum sah man die Dinge zwar noch nicht ganz so unbefangen wie heute (das Liebespaar wurde von der Gesellschaft geächtet), aber zumindest doch etwas vernünftiger.


    Die beiden "Dames d'honneur" Anastasia und Riekchen, die uns im 7. Kapitel zusammen mit Ruben zum ersten Mal begegneten, bilden ein seltsames Gegensatzpaar: hilft die eine (Anastasia) bei der Trennung der Eheleute Van der Straaten, indem sie ihre Unterkunft als Liebesnest zur Verfügung stellt, ist die andere (Riekchen) behilflich bei der Versöhnung und dem Wiedersehen mit den Kindern.


    Wieder ein Roman voller Bezüge, Anspielungen und Symbolik, den man beim ersten Lesen gar nicht voll erfassen kann. Wenn man nach dem Lesen im "Führer durch Fontanes Romane" blättert, sieht man, was man alles wieder "überlesen" hat.


    Ich lese jetzt noch den Kommentarteil meiner Ausgabe zu Ende und melde mich, wenn sich dort noch etwas Mitteilenswertes findet. Ansonsten freue ich mich schon auf "Stine".


    Gruß
    Klaus :winken:


  • Durch den Bezug zu Tintorettos Bild und damit zu der Geschichte der Ehebrecherin aus der Bibel (Johannes 8,1-11) ist die Tendenz des Romans für mich klar: so wie Jesus der Ehebrecherin vergibt ("Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie"), tut es auch Fontane.


    Ich hätte das eher so verstanden, dass er ihr mit diesem Bild immer vor Augen halten will, was für eine Sünde sie begangen hat. Aber so rum mit der Vergebung ergiebt das auch einen Sinn.




    Wieder ein Roman voller Bezüge, Anspielungen und Symbolik, den man beim ersten Lesen gar nicht voll erfassen kann. Wenn man nach dem Lesen im "Führer durch Fontanes Romane" blättert, sieht man, was man alles wieder "überlesen" hat.


    Ich muss mir dieses Buch unbedingt besorgen! Leider gibt es das nur mehr gebraucht. Wird anscheinend nicht mehr nachgedruckt.




    Ich lese jetzt noch den Kommentarteil meiner Ausgabe zu Ende


    Das ist das einzige Manko meines eBooks, es hat keinen Kommentarteil, es ist nur das reine Buch ohne irgendwelchen Anhang.


    Katrin

  • Ich hätte das eher so verstanden, dass er ihr mit diesem Bild immer vor Augen halten will, was für eine Sünde sie begangen hat. Aber so rum mit der Vergebung ergiebt das auch einen Sinn.


    Hallo Katrin,


    ich habe da gar nicht so sehr das Bild selbst und die Schlußszene mit dem Medaillon im Sinne, sondern die Tatsache, dass sich Fontane (und auch Ezel) durch das Bild auf die Ehebrecherin in der Bibel bezieht, der ja von Jesus ihre Schuld vergeben wird ("wer von Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein").


    Ich muss mir dieses Buch unbedingt besorgen! Leider gibt es das nur mehr gebraucht. Wird anscheinend nicht mehr nachgedruckt.


    Hab ich jetzt auch gesehen, da hab ich letztes Jahr ja noch Glück gehabt.


    Gruß
    Klaus

  • Hallo zusammen



    die Kinder bekamen ja zu Weihnachten ein Puppenhaus. Ich fragte mich gleich nach der Symbolik, es steht wohl, wie Du sagst, für Melanies Unfreiheit.


    Wenn ich „Puppenhaus“ höre, fällt mir immer Ibsens Drama „Nora oder Ein Puppenheim“ ein und in der Tat gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Nora und Melanie. So wollen beide ihre Kinder nicht mehr sehen, als sie das Haus verlassen:


    [i]Nora (setzt den Hut auf.):
    Du weißt ganz gut, daß das nicht von langer Dauer wäre –.(Hüllt sich in den Schal ein.) Leb' wohl, Torvald; die Kleinen will ich nicht sehen. Ich weiß, sie sind in besseren Händen als bei mir. So wie ich jetzt bin, kann ich ihnen nichts sein.
    Helmer:
    Doch später einmal, Nora, – später?
    Nora:
    Wie kann ich das wissen? Ich weiß ja gar nicht, was aus mir wird.
    Helmer:
    Aber Du bist mein Weib, jetzt und in Zukunft.




    Wieder ein Roman voller Bezüge, Anspielungen und Symbolik, den man beim ersten Lesen gar nicht voll erfassen kann.


    Ja, ich hab’ mich jetzt beim ersten Lesen nur mal auf die Bezüge zur Malerei konzentriert, natürlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit; beim nächsten Lesen wird es dann mehr die Musik (vor allem Wagner, aber auch die ganzen Lieder die gesungen werden, da ist ja nichts ohne Bedeutung) und die Literatur (Goethes Wahlverwandschaften, Schiller wird mehrmals zitiert, Hamlet habe ich erkannt und vor allem die vielen erwähnten Märchen) sein.


    Gruß


    montaigne

  • Hallo zusammen,


    abschließend möchte ich sagen, dass mir L'Adultera sehr gut gefallen hat und ich das versöhnliche Ende nur gutheißen kann. Fontane umwebt die Novelle mit einer Vielzahl Verweise und Bezüge (Kunst, Musik, Literatur), dass mir mal wieder vor Augen schwebt, wie viel ich nicht weiß...
    Wunderbar finde ich all die Berliner Ortsbeschreibungen: Nicolaikirche, Spittelmarkt, Stralau. Es wirkt alles sehr authentisch.


    In die Anmerkungen werde ich bei Fontanetexten wohl immer mal schauen, aber ich habe mich mit all der Symbolik schon etwas leichter getan als in "Irrungen, Wirrungen".


    Ich wünschte Fontane hätte zu Lebzeiten mehr Anerkennung für seine Romane erhalten.


    Auf bald
    Eni

  • Hallo zusammen



    abschließend möchte ich sagen, dass mir L'Adultera sehr gut gefallen hat und ich das versöhnliche Ende nur gutheißen kann.


    Ja, und das versöhnliche Ende ist eigentlich von Anfang an als solches angelegt:


    [i]Melanie hatte mittlerweile die Hauptfiguren des Bildes mit ihrem Lorgnon gemustert und sagte jetzt: »Ah, l'Adultera!... Jetzt erkenn' ich's. Aber daß du gerade das wählen mußtest! Es ist eigentlich ein gefährliches Bild, fast so gefährlich wie der Spruch... Wie heißt er doch?«
    »›Wer unter euch ohne Sünde ist...‹«


    antwortet Ezel, und aus diesem Jesuswort kommt er natürlich nicht mehr raus. Ich bin immer wieder überrascht und erstaunt wie kunstvoll Fontane seine Romane anlegt und ausführt und man merkt’s eigentlich erst am Schluss oder bei einem zweiten Lesen.




    Wunderbar finde ich all die Berliner Ortsbeschreibungen: Nicolaikirche, Spittelmarkt, Stralau. Es wirkt alles sehr authentisch.


    Ich hab’ jetzt ein interessantes Buch entdeckt über Fontanes Berlin:


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    und will es mir bei meinem nächsten Besuch in einer Buchhandlung näher ansehen. Wenn’s was taugt, werde ich noch darüber berichten.


    Eni: Bist du bei unserer Stine-Leserunde dabei oder schon in Urlaub (Beginn ist der 10. August 2012)?


  • aber ich habe mich mit all der Symbolik schon etwas leichter getan als in "Irrungen, Wirrungen".


    Nach drei Fontane Romanen, die ich jetzt gelesen habe, muss ich auch sagen, dass es immer einfacher wird die versteckten Hinweise zu finden. Auch wenn ich bei L’Adultera das eine oder andere in die entgegen gesetzte Richtung interpretiert hätte. Bei "Irrungen, Wirrungen", meinem ersten Roman von ihm, ist mir vieles gleich gar nicht aufgefallen.


    Katrin

  • Hallo zusammen,
    nun habe ich L´Adultera auch vollends gelesen. Gestern abend waren die letzten Kapitel
    gelesen. je länger ich diesen Roman von Fontane gelesen habe, umso mehr hat er mich in
    seinen Bann gezogen. Anfangs hatte ich etwas Mühe hineinzukommen. Gestern abend habe
    ich die 2. Hälfte des Buches in einem Rutsch gelesen. Mich hat das wachsende Selbstvertrauen#
    von Melanie beeindruckt. Sie nimmt ihr Leben immer mehr selbst in die Hand, übernimmt
    Verantwortung für sich selbst. Das unterscheidet sie deutlich von Effie Briest.


    "Ich will fort, nicht aus Schuld, sondern aus Stolz, und will fort, um mich vor mir selber wieder
    herzustellen. Ich kann das kleine Gefühl nicht länger ertragen, das an aller Lüge haftet:
    ich will wie der klare Verhältnisse sehen und will wieder die Augen aufschlagen können. " (16. Kapitel)


    Wie sehr sich Melanie Rubehn verändert hat, wird deutlich, als sie sogar anfängt durch Französisch-Unterricht
    zum Familienunterhalt beizutragen.




    "Und dann sagte sie, was es sei." (Abschluss des 13. Kapitels)


    Meisterhaft unspektakulär, wie Fontane hier eine für die damalige Gesellschaft ungeheuere
    Nachricht übermittelt. Eine Ehefrau bekommt ein Kind von einem anderen Mann. Schlechtere
    Schriftsteller hätten diese Szene dramatisch aufgebaut. Nicht so Fontane. Nüchtern, eher
    verhalten verläuft die lebensverändernde Beichte.


    Ich freue mich auf die Lektüre von "Stine", werde mir aber diesmal eine Ausgabe kaufen, die
    mit Anmerkungen versehen ist.


    Bis bald!
    Erika

    Wer Klugheit erwirbt, liebt das Leben und der Verständige findet Gutes.
    <br />Sprüche Salomo 19,8

  • Hallo zusammen,



    "Und dann sagte sie, was es sei." (Abschluss des 13. Kapitels)


    Meisterhaft unspektakulär, wie Fontane hier eine für die damalige Gesellschaft ungeheuere
    Nachricht übermittelt


    Ja, das ist auch eine meiner Lieblingsstellen des ganzen Romans, na ja es gibt viele, aber diese ist in ihrer Verkürzung einfach grandios.


    Im übrigen bin ich jetzt auch mit dem Roman zu Ende. Einerseits wäre jetzt ein Fazit fällig, andererseits habt ihr, glaube ich, schon alles Wichtige gesagt und so bleibt mir nur mich bei allen MitleserInnen zu bedanken. Es hat mir großen Spaß gemacht, diesen Roman mit euch zusammen zu lesen und ich bin sehr gespannt auf die heute in einer Woche beginnende Leserunde zum Fontaneroman „Stine“.


    Viele Grüße und bis in einer Woche


    montaigne


  • Im übrigen bin ich jetzt auch mit dem Roman zu Ende.


    Hallo Fontane-Freunde,


    ich möchte nicht den Genauigkeits-Fanatiker spielen, aber langsam fällt mir auf, dass hier und in allen Anmerkungen und Kommentaren, die ich gelesen habe, hier im Forum, in Büchern oder im Internet, immer von Roman die Rede ist, aber im Deckblatt meiner Ausgabe steht: Novelle, und so war das auch beim Erstdruck in der Zeitschrift "Nord und Süd" und bei der ersten Buchausgabe im Verlag Schottlaender.


    Seltsamerweise wird nirgendwo dieser Widerspruch thematisiert. Dabei sprechen für Novelle mMn zwei weitere Argumente (laut http://de.wikipedia.org/wiki/Novelle):
    1. Die geschlossene Handlung rund um ein singuläres Ereignis (Ehebruch).
    2. Das Vorhandensein eines sog. "Falken" (http://de.wikipedia.org/wiki/Dingsymbol), der in diesem Fall durch das Tintoretto-Bild und seine Widergabe auf dem Medaillon vertreten wird.
    Gegen die Novelle spricht höchstens die Länge: es wäre ein kleiner Roman, aber auch eine lange Novelle.


    Was steht denn bei Euch auf dem Deckblatt? Ist Euch das auch aufgefallen?


    Gruß
    Klaus :winken:

  • Hallo Klaus,
    im Nachwort meiner Ausgabe heißt es, dass die Neuausgabe von L´Adultera (Erstausgabe 1882) bei Fontanes Sohn Friedrich
    den Untertitel Roman trug. Fontane hatte bei der Erstausgabe den Untertitel "Novelle" gewählt. Die Änderung ging auf Fontanes
    Sohn Friedrich zurück.


    Erika

    Wer Klugheit erwirbt, liebt das Leben und der Verständige findet Gutes.
    <br />Sprüche Salomo 19,8


  • Danke Erika,


    ich habe jetzt auch nochmal genau :zwinker: im Anhang meiner Ausgabe geguckt. Da steht es auch: die Neuausgabe erschien im Verlag seines Sohnes Friedrich. Es war ein Plattennachdruck der ersten Buchausgabe und unterschied sich nur im Untertitel. Da diese Neuausgabe 1890, also noch zu Fontanes Lebzeiten, herauskam, kann man annehmen, dass diese Änderung von ihm gebilligt worden war.


    Gruß
    Klaus


  • ich möchte nicht den Genauigkeits-Fanatiker spielen, aber langsam fällt mir auf, dass hier und in allen Anmerkungen und Kommentaren, die ich gelesen habe, hier im Forum, in Büchern oder im Internet, immer von Roman die Rede ist, aber im Deckblatt meiner Ausgabe steht: Novelle, und so war das auch beim Erstdruck in der Zeitschrift "Nord und Süd" und bei der ersten Buchausgabe im Verlag Schottlaender.


    Hallo Klaus,


    deine Buchausgabe hält sich vermutlich an die Erstausgabe von „L’Adultera“, aber schon bei der zweiten Buchausgabe hat, meines Wissens, Fontane oder war es sein Sohn als Verleger, das Werk als Roman bezeichnet. Deshalb werden z.B. die folgenden z. Zt. verfügbaren Ausgaben alle als Roman bezeichnet:


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    Seltsamerweise wird nirgendwo dieser Widerspruch thematisiert. Dabei sprechen für Novelle mMn zwei weitere Argumente (laut http://de.wikipedia.org/wiki/Novelle):
    1. Die geschlossene Handlung rund um ein singuläres Ereignis (Ehebruch).


    Dann wäre z.B. Effi Briest auch eine Novelle.




    2. Das Vorhandensein eines sog. "Falken" (http://de.wikipedia.org/wiki/Dingsymbol), der in diesem Fall durch das Tintoretto-Bild und seine Widergabe auf dem Medaillon vertreten wird.


    Wenn der für eine Novelle erforderliche „Falke“ ein Dingsymbol ist, ja dann könnte man an das Tintoretto-Bild denken, allerdings wäre dann Boccaccios Falkennovelle an der Paul Heyse seine Theorie festmacht, keine Novelle mehr, da ein Falke inzwischen kein Ding mehr ist sondern ein anerkanntes Lebewesen. Auch die meisten anderen Novellen aus dem Decamerone wären keine Novellen, weil es ihnen am „Dingsymbol“ mangelt.


    Ich habe noch gelernt, dass der „Falke“ für eine unerhörte Begebenheit steht, das wäre dann in „L’Adultera“ der Ehebruch und meine Theorie ist, dass Fontane aus diesem Grund sein Werk nicht als Novelle sehen wollte, der Ehebruch sollte keine unerhörte Begebenheit mehr sein..


    Gegen die Novelle spricht höchstens die Länge: es wäre ein kleiner Roman, aber auch eine lange Novelle.


    Die Unterscheidung nach der Länge gibt es vor allem im angelsächsischen Raum, wo man zwischen „novella“ (= Novelle) und „novel“ (= Roman) unterscheidet. Das hat dort aber nur mit der Länge des Werkes zu tun (je nach Verlag heißt es ab 40.000 Wörtern novel) und nichts mit der Definition von Goethe (Konzentration auf ein Ereignis) oder Heyse (Falke).


    Auch MRR hat mal in diese Richtung definiert und gesagt bis 100 Seiten Novelle ab 100 Seiten Roman, aber ich glaube das hat er selbst nicht ernst genommen.



    Übrigens hast du da ein ganz heißes Eisen angepackt. Hier im Forum gab es schon mal eine Novellendiskussion. Guckst du hier:


    http://www.klassikerforum.de/index.php/topic,830.0.html



    Ich, aber nur für mich, definiere inzwischen so: Einzelne Novellen, Erzählungen, short stories erscheinen nicht als eigenes Buch, sondern als Sammlung ev. mit Rahmenhandlung z.B. das Decamerone. Erscheint ein einzelner Prosatext als eigenes Buch dann ist es ein Roman, es sei den, der Autor bezeichnet es anders, denn der Autor, nicht der Literaturwissenschaftler hat in einem solchen Falle Recht und der Autor kann die Bezeichnung auch ändern, wenn er eine bessere Bezeichnung gefunden hat: es gilt dann die letzte Bezeichnung.


    Frage: Ist es für den Leser wichtig in welche Schublade ein Werk gesteckt wird?

  • Hallo Montaigne,



    Frage: Ist es für den Leser wichtig in welche Schublade ein Werk gesteckt wird?


    bestimmt nicht. Ich möchte mich auch nicht als Schubladendenker bezeichnen. Mich wunderte nur anfangs, dass entgegen der ursprünglichen Bezeichnung von Fontane, bei der er sich ja etwas gedacht haben muß, immer durchweg von "Roman" die Rede war. Aber das hat sich ja durch die 2. Buchausgabe, die noch zu seinen Lebzeiten und damit vermutlich mit seiner Zustimmung publiziert wurde, geklärt.


    Gruß
    Klaus