Marcel Proust - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

  • Hallo allerseits


    Vielen Dank alpha!! So eine detaillierte und (nicht aufdringlich) begeisterte Beschreibung .... freut mich sehr, dass Du Dich nach all der Zeit noch an meine Bitte erinnert hast :smile:


    :winken:


    Daniela

    "Kunst und Unterhaltung sind verschwistert und keine Feinde." - John Irving

  • Hallo alpha !


    Danke für deinen Bericht. Ich möchte auch gerne irgendwann mit der "Suche" beginnen, habe mich bisher aber noch nicht richtig getraut. Ich hatte mir immer vorgestellt, dass eine erheblicher Teil aus philosophischen Ansichten bestehen müsste und das ganze ziemlich schwer zu lesen wäre.


    Nun rückt das Buch/die Bücher doch wieder näher :smile:


    Gruß von Steffi


  • Hallo Sandhofer, lohnt es sich auch, diese Teile von der verlorenen Zeit einzeln zu lesen? Ich selbst schrecke ein wenig vor dem Umfang (und dem damit verbundenen finanziellen Aufwand) zurück...

  • Hallo zusammen!
    Ich bin mal so naiv und frage einfach, statt mich selbst kundig zu machen: Ist "A la recherche du temps perdu" auf deutsch so teuer? - Auf französisch kostete jeder Band ca. 7 bis 8 Euros, bei sieben Bänden ist das noch kein sooo grosses Vermögen. "La noblesse d'Etat" ein recht dünnes Buch von Pierre Bourdieu kostet allein 40 Euros, was mir bisher noch zu teuer war, aber ich meine 60 Euros für sieben Bände sind dann doch nicht gar so viel und dann gibt es auch immer noch Antiquariate!
    Gruss Alpha


    p. S. Keine falschen Meinungen: bin auch kein Krösus!

    Genug. Will sagen: zuviel und zu wenig. Entschuldigen Sie das Zuviel und nehmen Sie vorlieb mit dem zu wenig! <br /><br />Thomas Mann

  • Hallo alpha,


    ich hab da wohl eine preisliche Macke (sprich: Geiz), ich schlage lediglich bei Büchern zu, die sehr billig sind. (Zuletzt Ibsens Volksfeind für 50 Cent) Daher die Frage. Aber ich werd mir schon irgendwie den Proust über die Jahre zusammensuchen in den Antiquariaten, hat bei Johnsons Jahrestagen auch geklappt. Schon witzig, dass man das Buch einzeln irgendwo findet. Wer verscheuert schon ein einzelnes Buch und behält Band 2,3 und 4?


    LG Holger.

  • Hallo zusammen!


    Zitat von "Holger"

    Hallo Sandhofer, lohnt es sich auch, diese Teile von der verlorenen Zeit einzeln zu lesen? Ich selbst schrecke ein wenig vor dem Umfang (und dem damit verbundenen finanziellen Aufwand) zurück...


    Nun, komischerweise werden immer wieder Einzelbände ge- und verkauft, auch antiquarisch.


    Meiner Ansicht nach am ehesten einzeln lesbar, weil zeitlich vor der Lebensgeschichte des jungen anonymen Ästheten angesiedelt, die A la recherche du temps perdu ansonsten darstellt: Un amour de Swann. Es lohnt sich allerdings, das Ganze zu lesen :smile:


    Grüsse


    Sandhofer

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • Hallo Sandhofer,


    sch***e, ich hatte gerade "Eine Liebe Swanns" einmal antiquarisch gesehen. Dachte mir dann aber, ach ne, so alleine, lieber nicht. Zudem 4 Euro. Ist mir leider zu teuer.

  • Hallo zusammen,
    hier kommt der zweite und letzte Teil meines Berichts von der Proust-Lektüre:
    Zuerst eine kleine Korrektur: das Werk besteht in meiner Ausgabe aus sieben Bänden und nicht nur aus fünf, wie ich letztes Mal schrieb, ausser der „Pléjade“- Ausgabe, welche vier Bände umfasst, sind alle Ausgaben, die ich gesehen habe in sieben Bände aufgeteilt.
    Ich habe also vor einer knappen Woche die letzten Seiten des letzten Bandes „Le Temps retrouvé“ umgedreht und möchte noch einige Bemerkungen zu den Bänden fünf, sechs und sieben machen.
    Band fünf und sechs (La Prisonnière und Albertine disparue) sind im Stil her recht ähnlich, heben sich aber von den vorhergehenden deutlich ab: Sie erinnern mehr an ein Tagebuch, das der Erzähler über seine Gefühle schreibt. Im Zentrum ist nicht mehr die Gesellschaft, sondern der Erzähler selbst, seine Liebe zu Albertine und die damit zusammenhängende Eifersucht und die daraus resultierende Unglücklichkeit, welche erst relativ lange nach dem Tode Albertines (sie hat einen Reitunfall) zur Ruhe kommt. Diese langen Schilderungen seiner Ängste und sonstigen Gefühle sind bestimmt nicht jedermanns Sache, aber ich finde sie ein beachtenswertes Erzeugnis.
    Der letzte Band ist in meiner Ausgabe etwas heterogen (das Problem ist in anderen Ausgaben glücklicher gelöst, glaube ich): die erste Hälfte erinnert wieder mehr an die ersten vier Bände: die Gesellschaft, besonders die merkwürdigen Praktiken sind im Zentrum, vor allem geht es um die Homosexuellen und ihre Ehen (manche machen ihre Ehefrauen glücklich, da sie nur um ihre eigene Frau besorgt sind, andere machen aber fremden Frauen den Hof, damit der Verdacht, sie wären homosexuell nicht aufkommen solle, so dass ihre Ehefrauen unter Eifersucht leiden). Die letzte Hälfte spielt viele Jahre später (die Jahre werden vom Erzähler übersprungen, er war in einer „maison de santé“). Einerseits schildert sie einen letzten grossen Gesellschaftsanlass und andererseits sind lange Texte der Beschreibung der Tätigkeit des Schriftstellers gewidmet, denn auf dem Weg zu dem Anlass erkennt der Erzähler seine Pflicht und ihm kommen die Erinnerungen an die alte Zeit wieder (mittels verschiedner Eindrücke, wie eine Bodenunebenheit, ein Buchtitel, ein Kratzen eienr Gabel auf einem Porzellanteller usw.). Er erkennt seine alten (im eigentlichen und im übertragenen Sinne) Bekannten fast nicht mehr, fühlt sich selbst aber noch als junger Mann, der er, mit circa vierzig, auch nicht mehr ist. Am Schluss ist seine grösste Sorge, ob ihm die Lebenszeit noch gegeben ist, sein Werk zu beenden, denn er ist recht krank.
    Ich, als Bewunderer von Perfektion und völliger Durchdachtheit, hatte etwas Mühe mit diesen letzten Drei Bänden, da sie mehr und mehr Unstimmigkeiten aufweisen (so sterben zum Beispiel verschiedene Personen zu unterschiedlichen Zeiten zwei bis drei Mal...). Diese Unstimmigkeiten sind natürlich einfach zu erklären: Proust starb, bevor er diese Bände vollenden konnte, sie wurden erst posthum veröffentlicht und es ist sicher, dass Proust noch einige Jahre mit der Arbeit, alles aufeinander abzustimmen zugebracht hätte und bestimmt wäre das Werk noch länger geworden. Dieser Mangel der Unvollständigkeit fällt deshalb so auf, das das Werk nicht im eigentlichen Sinne unvollendet ist (wie Kafkas Romane zum Beispiel) sondern im Prinzip ein Ganzes ist, welches aber leider innerlich und in „Kleinigkeiten“ unvollendet ist.
    Die Lektüre der „Recherche“ lohnt sich in jedemfall für alle, die Freude an grosser Literatur haben, weder Gesellschaft, noch Psychologie, noch Humor kommen zu kurz und indirekt ist natürlich auch die Philosophie nicht völlig vernachlässigt, was will man noch mehr, da es in einer hochwertigen Sprache und ebensolchem Stil vorgetragen ist?
    Es grüsst
    Alpha

    Genug. Will sagen: zuviel und zu wenig. Entschuldigen Sie das Zuviel und nehmen Sie vorlieb mit dem zu wenig! <br /><br />Thomas Mann

  • das mag jetzt sehr ketzerisch klingen, aber mir gefällt an der recherche vor allem die präzise beschreibung innerer zustände/die philosophischen betrachtungen.
    habe mir also vor allem diese herausgepickt und den rest (z.b. die schilderungen der diners und verschiedentlicher verwandtschaftlicher beziehungen einzelner figuren) einfach überlesen. :zwinker:

  • Hallo Ihr Proust Leser!
    Ihr habt doch so viel Erfahrung. Kann man auch mit " Im Schatten junger Mädchenblüte" die Lektüre von Proust beginnen - oder macht das keinen Sinn?
    Traeumerle

  • Kann man auch mit " Im Schatten junger Mädchenblüte" die Lektüre von Proust beginnen - oder macht das keinen Sinn?


    Eher weniger. Separat gelesen werden kann m.M.n. am ehesten noch "Eine Liebe von Swann". :winken:

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus


  • Hallo Ihr Proust Leser!
    Ihr habt doch so viel Erfahrung. Kann man auch mit " Im Schatten junger Mädchenblüte" die Lektüre von Proust beginnen - oder macht das keinen Sinn?
    Traeumerle


    Hallo,


    ich lese gerade Gerken: Proust für Eilige. Eine recht ausführliche Inhaltsbeschreibung (zu jedem Band ca. 25 gut verständliche Seiten, die auch Zusammenhänge nicht unbeleuchtet lassen). Liest man diese Zusammenfassungen kann man auch mit anderen Bänden beginnen (nur zur Info: ich habe bereits alle 7 Bände gelesen).


    Interessant finde ich auch den dort vorgeschlagenen Leseplan: Nach Gerken kann man ruhig mit jedem der Bände 1-6 anfangen (die Autorin kam mit dem 1. Band seinerzeit nicht zu Recht und fing mit dem 5. Band an und war von da an Feuer und Flamme für Proust).


    Mit dieser Lesehilfe ist der Start bei einem anderen Band noch einfacher möglich.


    Schöne Grüße,
    Thomas

  • Hallo zusammen!


    Ich habe jetzt diese Frage aus der Leserunde herausgelöst, da sie mit der aktuellen Diskussion dort nichts zu tun hat und auch länger zu werden droht.


    ich lese gerade Gerken: Proust für Eilige. Eine recht ausführliche Inhaltsbeschreibung (zu jedem Band ca. 25 gut verständliche Seiten, die auch Zusammenhänge nicht unbeleuchtet lassen). Liest man diese Zusammenfassungen kann man auch mit anderen Bänden beginnen (nur zur Info: ich habe bereits alle 7 Bände gelesen).



    Proust für Eilige
    - eine (vom Autor sicher beabsichtigte) contradictio in adiecto. Ich sehe ehrlich gesagt nicht, warum man das erste Buch von A la recherche du temps perdu weglassen sollte. Proust legt m.E. darin den Boden für den Rest des Werks. Wenn ich ein Haus baue, zimmere ich ja das Erdgeschoss auch nicht aus ein paar Brettern zusammen, um dann das erste Geschoss in Beton und Marmor darüber zu setzen.

    Proust für Eilige
    mag Sinn machen, wenn man das Werk schon gelesen hat und seine Erinnerungen auffrischen will. Als Ersatz für eine Lektüre kann es per defintionem nicht taugen. Sorry.


    Edit: Tippfehler korr.

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

    Einmal editiert, zuletzt von sandhofer ()


  • Ich sehe ehrlich gesagt nicht, warum man das erste Buch von A la recherche du temps perdu weglassen sollte.


    Es geht nicht um Weglassen, es geht darum, dass es für manchen Leser laut Gerken sogar sinnvoller ist, mit einem anderen Band als Nr. 1 zu beginnen. Die Bände sind ja nun nicht so aufgebaut, dass man diese dann gar nicht verstehen könnte.


    Und um auf die Frage des Ursprungs-Postings zurückzukommen: Warum sollte man sich nicht von der Leserunde hier anstecken lassen und zunächst zu Band 2 greifen? Gerade der Auftenthalt in Balbec lässt sich auch unabhängig von Band 1 lesen. Und wenn man dann erst mal "angesteckt" ist, wird man ohnehin wissen wollen, was in Band 1 steht... Ich halte das gerade bei Proust für möglich.


    Gruß, Thomas

  • Warum sollte man [...] nicht [...] zunächst zu Band 2 greifen? Gerade der Auftenthalt in Balbec lässt sich auch unabhängig von Band 1 lesen. Und wenn man dann erst mal "angesteckt" ist, wird man ohnehin wissen wollen, was in Band 1 steht... Ich halte das gerade bei Proust für möglich.


    Ich halte gerade das bei Proust, bei A la recherche du temps perdu, für unmöglich. (Vielleicht mit Ausnahme von der - nur schon durch den Wechsel der Erzählperspektive deutlich abgesetzten - Liebesgeschichte von Swann.) Es mag Ausnahmeleser geben, die sollten sich aber nicht als Vorbild hinstellen :breitgrins: . Wenn Du jetzt gesagt hättest, dass man 20 Jahre danach lesen könne, bevor man Die drei Musketiere gelesen habe, hätte ich Dir zustimmen können. Aber Proust legt im ersten Band einen derart dichten Teppich an Ver-, Hin- und andern Weisen für den Rest des Textes an, dass ich ein Einsteigen woanders nicht empfehlen würde.


    Wenn sich jemand mit Proust beschäftigen, ev. anfixen möchte, ohne gleich zum Riesen der Recherche zu greifen, empfehle ich Les plaisirs et les jours (dt.: Freuden und Tage). Das ist schon echter Proust, nur noch ohne die Grösse der Recherche.

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • sandhofer: Mich überzeugen Deine Argumente letztlich nicht, da Proust eben auch ohne diesen Teppich gelesen werden kann. Gerken beispielsweise fand den 5. Band im Gegensatz zum abgebrochenen 1. Band äußerst spannend zu lesen. Nachdem sie diesen Band gelesen hatte, war sie in der Sprache Prousts drin und fand nun plötzlich auch den 1. Band toll. Ich halte sie jedoch nicht für eine Ausnahmeleserin. Ich kann ihre


    Es mag einem das ein oder andere entgehen, die Figuren leben aber - auch wenn man nicht jeden Bezug versteht - auch innerhalb eines Bandes. Und welcher Durchschnittsleser versteht schon jede Anspielung. Erst jetzt, wo ich Gerken lese, sehe ich wie viel mir beim Lesen entgangen ist. Bei Beginn in Band 2 kann man durchaus Spaß an dem Buch haben. Mir hat Proust (obwohl viel unentdeckt) schon bei der ersten Lektüre so viel gegeben, dass ich es für eine meiner besten Leseerlebnisse halte.


    Schöne Grüße,
    Thomas




    Schöne Grüße,
    Thomas

  • sandhofer: Mich überzeugen Deine Argumente letztlich nicht,


    Das ist mir schon klar ... :breitgrins:


    [...] da Proust eben auch ohne diesen Teppich gelesen werden kann.


    Natürlich. Man kann auch die Unterhosen über die Jeans anziehen und heute kann man sogar so auf die Strasse ohne aufzufallen. Anything goes - ich weiss, ich weiss.


    Gerken beispielsweise fand den 5. Band im Gegensatz zum abgebrochenen 1. Band äußerst spannend zu lesen.


    Der fünfte - das wäre La Prisonnière, ja? Hm ... mir will scheinen, das wirft ein bezeichnenderes Licht auf Gerken als auf Proust ...


    Und welcher Durchschnittsleser versteht schon jede Anspielung. Erst jetzt, wo ich Gerken lese, sehe ich wie viel mir beim Lesen entgangen ist.


    Ja, aber Du hast den ganzen Text schon durchgelesen. Erhellende Sekundärliteratur nach (oder meinethalben auch vor) Lektüre des ganzen Textes ist etwas ganz anderes als mitten im Text einsteigen. Natürlich gehört A la recherche du temps perdu zu den Texten, die man wieder und wieder lesen sollte, weil sie einem immer neue Dimensionen erschliessen. Aber deswegen würde ich einem Anfänger in Sachen Recherche nie empfehlen, mitten drin einzusteigen.

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • Ja, Die Gefangene. Welches Licht wirft das denn Deines Erachtens auf die Autorin Gerken?


    Es war für mich, als ich A la recherche du temps perdu auch noch nicht gelesen hatte, anhand der Sekundärliteratur der Teil, der am meisten "Äggschen" versprach. (Er hat es dann, Gott sei Dank, nicht gehalten :breitgrins: ... )

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • Hallo zusammen,


    ich hol mal für folgende Buchvorstellung, diesen älteren allgemeinen Thread über Proust hervor.
    Deutschlandfunk stellt ein Buch vor, eigentlich ein Essay, das mir sehr erwähnenswert erscheint:


    Aus Liebe zu Marcel Proust


    vorgestellt wird das Buch "Proust: Vorträge im Lager Grjasowez" von Joseph Czapski


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    Viele Grüße
    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)