• Ich habe mir gerade für meinen SUB was taschenbuchmäßiges von der Müller bestellt, da es mich als Ostler vom Thema her sehr berührt. Aufmerksam geworden auf sie bin ich vor einigen Jahren, aber wie es so ist: gelesen habe ich bisher nichts von ihr. Aber die Literaturnobelpreisverleihung war da eine willkommene "Gedankenstütze"...


    Die beiden Titel erscheinen mir sehr interessant:


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    Vielleicht folgt ja noch Austausch...


    FA

    Daß man gegen seine Handlungen keine Feigheit begeht! daß man sie nicht hinterdrein im Stiche läßt! - Der Gewissensbiß ist unanständig. - Friedrich Nietzsche - Götzen-Dämmerung, Spruch 10

  • Hallo,


    zur Vertiefung in die Thematik um Herta Müller drei hochinteressante Zeitungsartikel:


    Herta Müller und der lange Arm der Securitate


    und der dazugehörige Essay von Herta Müller:


    Die Securitate ist noch im Dienst


    Ich lese gerade noch einmal "Niederungen", ihr Prosaerstling. Hierin schreibt sie vom Dorf im Banat, wo sie geboren ist....


    [url=http://www.netzwerk-literaturkritik.de/wiki/index.php/Wir,_die_wir_in_den_Niederungen_leben_-_Portr%C3%A4t_der_rum%C3%A4niendeutschen_Schriftstellerin_Herta_M%C3%BCller]Wir, die wir in den Niederungen leben[/url]


    Liebe Grüße
    mombour

  • In der Folge wurde hier über e-books diskutiert; den Teil habe ich mit dem [url=http://www.klassikerforum.de/index.php/topic,615.0.html]entsprechenden Thread [/url]verhängt. Nix für Ungut!

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • Hallo zusammen,


    die Website von libreka.de ist offenbar vom Ansturm überfordert, ich bin mal gespannt, ob man im Laufe des heutigen Tages die Atemschaukel irgendwann noch herunterladen kann.


    Bei lyrikline.org kann man sich Gedichte von Herta Müller ansehen und anhören. Das sind aus ausgeschnittenen Wörtern zusammengeklebte Gedichte, wie man sie u.a. auch in ihrem Gedichtband Im Haarknoten wohnt eine Dame findet, den ich hier vor einigen Tagen an anderer Stelle erwähnte.


    Schöne Grüße,
    Wolf

  • Hallo Lost,


    danke für die beiden Links. Den Vorwurf des Schreibens aus zweiter Hand hat Radisch übrigens auch schon Jelinek gemacht, als sie den Nobelpreis bekommen hat; Jelinek beziehe ihre Weltsicht aus dem Fernseher, sie lasse ihre Figuren auf einem "durchideologisierten Schrottplatz der Gemeinplätze" verkümmern, das alles sei "ästhetisch eine Kapitulation, literarisch letzten Endes provinziell."


    Zur Schreibwerkstatt: Ist ja nichts Neues, daß Künstler ziemlich eigenwillig und ungnädig sein können. Mich überrascht das gar nicht, na ja, man hat eben nicht umsonst Arno Schmidt gelesen. :breitgrins:


    Schöne Grüße,
    Wolf

  • Den Vorwurf des Schreibens aus zweiter Hand hat Radisch übrigens auch schon Jelinek gemacht, als sie den Nobelpreis bekommen hat; Jelinek beziehe ihre Weltsicht aus dem Fernseher


    Fr. Radisch verweigert sich ja diesem Medium komplett ... :breitgrins:

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus


  • Zur Schreibwerkstatt: Ist ja nichts Neues, daß Künstler ziemlich eigenwillig und ungnädig sein können. Mich überrascht das gar nicht, na ja, man hat eben nicht umsonst Arno Schmidt gelesen. :breitgrins:


    Ich habe keine fiktionalen Texte von Herta Müller gelesen und kann somit ihre literarische Qualität nicht einschätzen. Ich habe lediglich "Der König verneigt sich und tötet" gelesen und mich maßlos geärgert.
    Ohne Frage kann sie mit Sprache umgehen, ihre Reflexionen über Begriffe können durchaus spannend sein. Und nun das große Aber: Ich habe noch nie jemanden gelesen, der so starr und so einseitig seine Wahrnehmung als die einzig richtige dargestellt hat. Nicht nur, dass das ihre sprachlichen Reflexionen über Begriffe (deren Wahrnehmung eben von individuellen Erfahrungen abhängt) ad absurdum führt, ihre unhinterfragten Ansichten sind teilweise dermaßen selbstgerecht bis grausam, dass ich es nur schwer ertragen konnte. Mag sein, dass ihre fiktionalen Texte diese charakterliche Eigenart von ihr besser kaschieren, aber meine Lust auf ihre Romane ist doch sehr massiv gesunken.
    Und da der Nobelpreis nicht nur aus ästhetischen Kriterien heraus vergeben wird, sondern auch aus ideelen (so hat es zumindest Alfred Nobel verfügt), frage ich mich schon, was mir das Nobelkomitee mit dieser Preisvergabe sagen möchte.

  • Ich habe noch nie jemanden gelesen, der so starr und so einseitig seine Wahrnehmung als die einzig richtige dargestellt hat.


    Das geht natürlich gar nicht. Schliesslich ist die meine die einzig richtige ... :breitgrins:


    Jetzt machst Du mich doch noch neugierig auf diese Autorin, die ich eigentlich bereits abgeschrieben hatte ... :smile:

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus


  • Und da der Nobelpreis nicht nur aus ästhetischen Kriterien heraus vergeben wird, sondern auch aus ideelen (so hat es zumindest Alfred Nobel verfügt), frage ich mich schon, was mir das Nobelkomitee mit dieser Preisvergabe sagen möchte.


    Ganz gemeine Antwort: Um die Frauenquote zu erhöhen :zwinker:


    Katrin


  • Und da der Nobelpreis nicht nur aus ästhetischen Kriterien heraus vergeben wird, sondern auch aus ideelen (so hat es zumindest Alfred Nobel verfügt), frage ich mich schon, was mir das Nobelkomitee mit dieser Preisvergabe sagen möchte.


    Vielleicht ist die Antwort ganz einfach,
    wir haben gerade 20 Jahre Mauerfall, da muss es doch eine
    Deutsche sein. 1999, 10 Jahre nach dem Mauerfall Günter Grass
    und in 10 Jahren Dietrich Perler :zwinker:


    Gruß, Lauterbach

  • @ Sandhofer
    Nur, damit es niemand in den falschen Hals bekommt: Ich finde, Aufgabe der Literatur ist es, einem neue, andere, auch unangenehme Ansichten näher zu bringen und sie (eventuell) zu verstehen. Herta Müller versucht aber nicht einmal, Handlungs- oder Sichtweisen anderer zu verstehen oder zu erklären, sondern hält alle, die nicht ihre Assoziationen haben, in diesem Buch für "naiv". (Mit diesem Wort betitelt sie pauschal alle deutschen Schriftsteller, die es wagen zu sagen "Sprache ist Heimat" ohne selbst Emigrationserfahrung zu haben, weil sie unterstellt, dass sich diese Autoren nicht mit dem Ursprung dieses Satzes beschäftigt hätten.) Und ein paar andere, ähnliche oder schlimmere Absurditäten finden sich im Verlauf des Buches, einschließlich der Bemerkung, die Kinder in einem Kindergarten, in dem sie kurz arbeitete, würden sich nach Prügel als der einzigen Aufmerksamkeit, die sie bekommen und durch die sie sich spüren könnten, sehnen... Unreflektiert, unwidersprochen und in einer Art, dass man das Gefühl hat, die Autorin hat nicht Mitleid mit den Kindern, sondern höchstens mit sich selbst, dass sie in so einem Umfeld arbeiten soll... Und so etwas ist im 21. Jahrhundert nobelpreiswürdig? :rollen: Entschuldigt, meine Aggressionen werden durch die einhelligen positiven Würdigungen der letzten Woche vielleicht noch etwas verstärkt.


    @ Jacqui
    Ja. Oder das Komitee hat nicht so gründlich gelesen, oder...
    Aber ärgern tut es mich trotzdem.


    @ Lauterbach
    Mir fällt nicht mehr ein als das, was ich im ersten Absatz geschrieben habe. Wenn solche Autoren die Antwort auf Kommunismus sind oder als Überwindung totalitärer Regime gelten, bin ich wohl doch eher Kind des 20. Jahrhunderts mit Solschenizyn oder selbst Schalamow. (Wobei ich ersteren noch mehr schätze.)
    Muss ich Dietrich Perler kennen?


  • Ich lese gerade noch einmal "Niederungen", ihr Prosaerstling. Hierin schreibt sie vom Dorf im Banat, wo sie geboren ist....


    Nachdem ich mich nun ein wenig mit Herta Müller beschäftigt habe, scheint "Niederungen" wohl noch das authentischste Buch ihres nicht sehr umfangreichen Werks zu sein. Leider ist es derzeit vergriffen. Mal sehen, wie lang es dauert, bis nachgelegt wird ...


    Schöne Grüße


    Tom

  • Mit diesem Wort betitelt sie pauschal alle deutschen Schriftsteller, die es wagen zu sagen "Sprache ist Heimat" ohne selbst Emigrationserfahrung zu haben, weil sie unterstellt, dass sich diese Autoren nicht mit dem Ursprung dieses Satzes beschäftigt hätten.


    Na ja - ob betreffende Schriftsteller "naiv" sind, wage ich nicht zu beurteilen; mir kommt so aus dem Bauch heraus auch keiner in den Sinn, der einen solchen Satz im Ernst verwenden könnte. Denn der Satz (nicht unbedingt der Schriftsteller!) ist unglaublich doof, schwammig, aufgeblasen, letzten Endes nichtssagend ...

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • Nachdem ich mich nun ein wenig mit Herta Müller beschäftigt habe, scheint "Niederungen" wohl noch das authentischste Buch ihres nicht sehr umfangreichen Werks zu sein.


    Ich kann mich nicht mehr so genau an die Sprache von "Herztier" erinnern, da die Lektüre vor über 10 Jahren war. In "Niederungen" schreibt sie lyrische Prosa, anders kann ich es nicht nennen. Es kommt mir so vor, als sei die Autorin in erster Linie Lyrikerin. Auf jedenfall ist diese Sprache schon etwas besonderes. Vom realen Beobachtungen geht sie oft in fantasie-bzw. surrealistischen Bildern über. In einer Rezension habe ich gelesen, dass es Wolfgang Koeppen in "Jugend" auch so gemacht hat, auch der mexikanische Autor Juan Rulfo soll in seinem Dorfroman "Pedro Páramo" mit solch einer Technik gerarbeitet. Auch inhaltlich sind Rulfo und Müller ähnlich. Keine Dorfromantik.


    Die Vergabe des Nobelpreises an Herta Müller erinnert mich an die Vergabe des Preises an Imre Kertész, der auch gegen die Diktatur schreibt (spez. KZ), und beide Autoren können schreiben. Ich denke, Herta Müller war (jetzt ist sie es wohl :breitgrins: ) in Deutschland nicht so bekannt gewesen, weil die Literatur von rumänien-deutschen in Deutschland nicht so beachtet wird. Einer, der noch einen gewissen Bekanntheitsgrad in Deutschland erreicht hat, ist Herta Müllers Ex-Mann Richard Wagner, der in seinem Roman "Habseligkeiten", die Mentalität der Donauschwaben in wunderbarer Weise eingefangen hat. Andere Romanteile, in denen es um etwas anderes noch geht, sind dagegen belanglos. Doch Richard Wagners Prosa ist nicht als lyrisch zu bezeichnen. Herta Müller schreibt ganz anders.


    Liebe Grüße
    mombour

  • Zitat

    Standard: Die Kargheit, die Kertész' Literatur auszeichnet, findet ihr Gegenstück in Herta Müllers "Atemschaukel". Man hat Anstoß genommen an Müllers Wortfindungen - man denke an das Wort "Hungerengel". Führen unterschiedliche Wege zum literarischen Ziel? Anders gefragt: "Muss" man heute, die Zivilisationsbrüche des 20. Jahrhunderts im Blick, "atonal" schreiben?


    Földényi: "Hungerengel" ist eines der Lieblingswörter von Nobelpreisträgerin Herta Müller. Für mich ist das eine narzisstische Metapher. Letztendlich wird durch sie nicht der Hunger beschrieben, sondern bewiesen wird die Fähigkeit der Verfasserin, fortwährend ungewöhnliche Metaphern zu produzieren. Narzisstisch wirken sie, weil ich merke, dass die Verfasserin einfach genießt, wie edelklingend sie über jedes beliebige Thema schreiben kann.


    Dieser Narzissmus ist für mich gleichbedeutend mit Kitsch; beim Kitsch besteht immer eine Kluft zwischen dem Thema, das beschrieben wird, und dem Stil. Müller könnte mit denselben erfundenen Metaphern auch vollkommen andere Themen ebenso "schön" beschreiben - die poetische Kraft ihres Stils entwickelt sich nicht aus dem Thema, sondern steht schon vorher selbstständig da. Wenn ich jetzt Müller mit Kertész oder Schalamow vergleiche, dann fällt auf, dass bei den Letzteren das Schreiben nicht von der Idee einer gehobenen "Literatur", sondern von fast physischem Zwang bestimmt ist - dem Zwang des Berichterstattens. Dieser Zwang verbietet es ihnen, "Literatur" im herkömmlichen Sinn zu betreiben. Sie alle sind vom Thema durchtränkt: Sie wurden von ihrem Thema auserkoren.
    (DER STANDARD, Printausgabe, 11.12.2009)
    http://derstandard.at//1259281…a-Mueller-schreibt-Kitsch


  • Laszlo Foeldenyi schreibt Kitsch, Rezensenten-Kitsch!


    Ich habe die Atemschaukel gelesen und kann das, was Foeldenyi hier von sich gibt, nicht bestätigen.
    Ja, der viel geschmähte Hungerengel! Es gibt noch eine Reihe anderer Wortschöpfungen in dem Buch wie Herzschaufel, Hautundknochenzeit, Eigenbrot , Atemschaukel usw. Sie stammen von dem Lyriker Oskar Pastior, mit dem zusammen Müller das Erinnerungsbuch über Pastiors Lagererfahrung schreiben wollte und von dem sie mit den historischen Details auch Sprache übernahm.


    Müllers metaphorische Sprache erfüllt in keiner Weise die Kriterien für Kitsch, die F. aufstellt : Kluft zwischen Thema und Stil, poetische Kraft nicht aus dem Thema - das trifft nicht zu. Im Gegenteil: Hungerengel etwa, wohlgemerkt von Pastior, dem Betroffenen übernommen, personifiziert den Hunger, der sich verselbständigt, zum Begleiter wird, den Menschen im Griff hat.

    Müllers Sprache beschreibt in knapper verdichteter Form mit unglaublicher Empathie ihren Gegenstand.


    Zitat

    Ich wollte langsam essen, weil ich länger etwas von der Suppe haben wollte. Aber mein Hunger saß wie ein Hund vor dem Teller und fraß.



    Genauso abwegig ist die Unterstellung, Müller habe mit dem Thema nichts zu schaffen, sie wolle nur gehobene Literatur produzieren und zeigen, wie edelklingend sie über jedes beliebige Thema schreiben könne. Müller schreibt im Nachwort:


    Zitat

    Alle Frauen und Männer im Alter zwischen 17 und 45 Jahren wurden zur Zwangsarbeit in sowjetische Arbeitslager deportiert. Auch meine Mutter war 5 Jahre im Arbeitslager. Weil es an die faschistische Vergangenheit Rumäniens erinnerte, war das Thema Deportation tabu. Nur in der Familie und mit engen Vertrauten, die selbst deportiert waren, wurde über die Lagerjahre gesprochen. Und dann auch nur in Andeutungen. Die verstohlenen Gespräche haben meine Kindheit begleitet. Ihre Inhalte habe ich nicht verstanden, die Angst aber gespürt.


    Ja, was bedeutet es für das Kind, die Jugendliche, mit dieser beschädigten Erwachsenengeneration aufzuwachsen! Ich finde es, mutig, verantwortungsvoll, notwendig, dass sie sich selbst, dem verstorbenen Pastior, durch ihn auch ihrer Mutter und der Generation der deportierten Landsleute ihre Stimme leiht .



    Hat eigentlich sonst noch jemand die Atemschaukel gelesen? Es gibt viele positive bis enthusiastische Rezensionen zu dem Buch. Warum lese ich hier fast nur Negatives? Kann mir jemand erklären , woher diese - pardon - Voreingenommenheit gegenüber Herta Müller kommt?

  • Hat eigentlich sonst noch jemand die Atemschaukel gelesen? Es gibt viele positive bis enthusiastische Rezensionen zu dem Buch. Warum lese ich hier fast nur Negatives? Kann mir jemand erklären , woher diese - pardon - Voreingenommenheit gegenüber Herta Müller kommt?


    Hallo Gontscharow,


    "Niederungen", "Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt" und "Herztier" sind gute Bücher, die ich als Leseempfehlung weitergebe. "Reisende auf einem Bein" habe ich nicht verstanden. "Atemschaukel" lese ich im nächsten Jahr, darum kommt mein Kommentar dazu später.


    Lest mal im Großen Bücherforum, was über Herta Müller geschrieben wird. Da schreibt jemand, sie schreibe wie ein Schüler im Schulaufsatz. Das ist doch Quatsch. Wenn jemand mit den Metaphern nichts anfangen kann, d.h. nichts versteht, ist Schweigen immer noch Gold.


    Liebe Grüße
    mombour