Beiträge von finsbury

    Nun, auch wir kennen uns schon, und ich freue mich, dass du nun hier mit dabei bist. Deine Vorlieben teile ich , mag aber auch sehr Krimis und hin und wieder wildere ich auch mal bei Science Fiction und Fantasy, allerdings eher selten.

    Auch das Reisen ist mir wichtig, das kann man auch mit der Leselust ganz gut verbinden.

    Auf vielen bereichernden Austausch!

    Ich bin auch schon seit zwei Tagen fertig, hatte aber keine Zeit zum Posten. Schöne Gedankenverbindungen, @b.a.t, die ich noch ein bisschen ergänzen will in Bezug auf die beiden "Familien":
    Steinar hat sich durch seine an die alten Sagas angelehnte Glückssuche an seiner Familie versündigt, was den Missbrauch an seiner Tochter, die Verarmung seiner Familie und schließlich den Verlust des Hofes zur Folge hatte, des weiteren den abermaligen Missbrauch an seiner Tochter und den Tod seiner Frau.
    In Utah hat er einen gewissen Erfolg und sich eine recht wohlhabende Existenz als Ziegelmacher aufgebaut, auf die Parallele zum Mauernbauer in Island, hast du, b.a.t., hingewiesen.
    Parallelen erkenne ich neben dem Nähmotiv auch darin, dass die Näherin und ihre ebenfalls missbrauchte Tochter mit Kind von ihm im Prinzip zur Sühne angesiegelt werden und er auch dem erfolglosen isländischen Pfarrer ein besseres Leben ermöglicht. Er reist ebenfalls als Missionar nach Island wie Theoderich vor ihm, der nun einen ruhigen Lebensabend genießen kann.
    Aber in Island angekommen wendet er sich von der erfolglosen Missionierung ab und fängt ganz von vorne an.


    Zur Tochter der Näherin: Auch da ist eine starke Parallele zur isländischen Familie: DIe Frau von Steinur verschließt fest die Augen vor Björns Missbrauch an ihrer Tochter; Die Näherin in Utah geht noch darüber hinaus, sperrt ihren besoffenen Liebhaber zu ihrer Tochter ins Zimmer (da muss man sich beim Lesen echt zusammenreißen).

    Ich bin gespannt, wie du die Biografie findest, schokotimmi, mir war sie etwas zu detailliert und ich werde sie weiterlesen, wenn ich weitere Werke aus der mittleren Schaffensperiode lesen will.

    Auch ich finde es sehr wohltuend, dass nach einer relativ langen Zeit wieder mal eine Leserunde zustande gekommen ist, auf so überraschende Weisesogar zu viert, das war sehr schön. Auch ich würde mich freuen, wenn wir uns bald wieder bei einer gemeinsamen Lektüre treffen würden und bin schon gespannt auf mögliche Synergien im neuen Thread.

    2002 habe ich wohl "Der Plan" von ihm gelesen, aber keinerlei Erinnerung mehr daran, obwohl ich gerade zur Gedächtnisauffrischung den Plot nochmal überflogen habe.
    Sind seine Romanzyklen denn zu empfehlen?

    Es ist schon eine spannende Geschichte.

    Ja, das finde ich jetzt auch wieder. Zwischendrin, als Steinar in Dänemark war, hat mich der Roman doch ziemlich genervt, aber die Kapitel, die in Utah spielen, haben mich wieder versöhnt. Auch ich finde es interessant, Zefira, dass man jetzt mal eine positive Erklärung für die Polygamie bekommt. Zu den damaligen Zeiten, als es noch keine Sozialversicherung gab, was das eine Möglichkeit, alleinstehende Frauen abzusichern. Die Frage ist natürlich, ob alle so gehandelt und gedacht haben wie der Bischof Theoderich. Wenn ich da an die 27 Frauen hinter den 27 Türen des Hauses von Brigham Young denke, kommen mir doch Zweifel, aber vielleicht war er ja auch der größte Wohltäter der Frauen.
    Ein Geschmäckle bleibt sowieso, aber das gilt auch für die Einehen jener Zeit: Die Frauen waren nur gegen Aufgabe vieler Freiheitsrechte wirtschaftlich abgesichert.

    Inzwischen bin ich wieder zurück in Island und befinde mich in Kapitel 6. In einem der vorhergehenden Kapitel kommt es zu einer Konfrontation zwischen Steina und Björn von Leifur, wo nun klar wird, jedenfalls verstehe ich es so, dass Steina doch sehr wohl wusste, was Björn mit ihr trieb. Das macht ihr vorheriges Verhalten irgendwie noch rätselhafter.

    Die Gudmundsson-Biografie habe ich als Taschenbuch, würde sie mir heute aber lieber als Hardcover kaufen. Es ist ein dicker Wälzer, den man im Taschenbuch kaum lesen kann, ohne den Rücken kaputtzumachen. Ich habe erst die ersten zweihundert Seiten gelesen, sehr detailreich. Danach hatte ich erstmal eine Pause eingelegt. Aber man findet wirklich zu jedem Werk interessante Hintergrundinformationen.


    Ja, diese naiven Frauen sind schon nervig, und ich glaube auch nicht, dass sich in Island die Landmenschen früher so eine Lebensfernheit leisten konnten. Aber der Roman ist ja im Wesentlichen symbolisch gemeint, das muss man sich immer wieder vor Augen führen.

    Danke für den Link zum Thorbergur-Museum, tatsächlich ein sehr besonderes Gebäude.

    Von allem, was ich von Tania Blixen gelesen habe, hat mich der Afrika-Roman am wenigsten mitgenommen. Wenn ich sie mit diesem Buch kennen gelernt hätte, hätte ich mich gar nicht weiter mit ihr befasst.

    [...]

    Den Afrikaroman fand ich aus heutiger Sicht hin und wieder peinlich mit der Art, wie sich die Erzählerin da wohlwollend als Diplomatin verfeindeter Stämme geriert, und die häufige Erwähnung von Großwildjagden - damals wohl ganz normal - lässt der Leserin vor dem Hintergrund aktueller Probleme buchstäblich das Messer in der Tasche aufgehen .[...}


    Das Buch ging nicht an mich. Ich glaube, ich habe es gar nicht mehr. Aber in ihren "Phantastischen Geschichten" und "Wintergeschichten" ist sie eine Meisterin erster Klasse.

    Ja, so ging es mir auch. Der Roman ist schon ein Stück Kolonialliteratur aus Sicht der Kolonialherren, in diesem Falle -damen. Auch bei Kipling zum Beispiel bleibt mir - bei aller einzelnen Schönheit der Beschreibung - immer ein Kloß im Hals.

    Aber danke für den Hinweis auf die phantastischen Erzählungen, vielleicht lange ich da mal zu, wobei das nicht ganz mein Genre ist, aber Hoffmanns Sandmann mag ich auch sehr.

    Inzwischen habe ich ein bisschen in der dicken Laxness-Biografie von Halldor Gudmundsson gestöbert und einige erhellende Aussagen Laxness' über seinen Roman und auch Interpretationsansätze Gudmundssons gefunden, die die Geschichte ein wenig erhellen.

    Laxness hat sich lange mit dem Projekt getragen, 1959 unter anderem dafür eine USA-Reise unternommen und Salt Lake City besucht. Er versteht den Roman als einen Abgesang auf seine von Ideologien bestimmten vorherigen Jahrzehnte. Als junger Mann hatte er sich dem Katholizismus zugewandt, später dem Kommunismus. Später lehnte er alle -ismen ab. Die Hinwendung und spätere Wiederabwendung Steinars zum / vom Mormonentum soll das symbolisieren. Gleichzeitig will er mit dem Roman die Umwandlung der isländischen Gesellschaft von der Subsistenz- und Tauschwirtschaft zur Geldwirtschaft aufzeigen. Deshalb verdichtet sich wohl in Steinar die Ablehnung des Geldes, weil es gleichzeitig ein Symbol für einen nicht nur Wirtschafts- , sondern auch Kulturwandel ist, der nicht unbedingt nur das Bessere im Menschen zum Vorschein gebracht hat.


    In diesem Licht zeigen sich mir die Szenen mit den Pferdehütern und Björn von Leirur neu. Da überfällt wohl auch der Kapitalismus diesen im besten Sinne hinterwäldlerischen Hof. Tochter und Mutter folgen nur den Prinzipien des Vaters / Ehemannes, wenn sie fest vor dem, was mit ihnen und ihrer Umgebung passiert, die Augen verschließen. Denn auch den Niedergang des Hofes bagatellisiert Steina gegenüber dem Pfarrer und dem Bezirksvorsteher.


    Dass die Männer hier alles vorgeben und bestimmen, wenn auch im Falle Steinars und Theoderichs mit den besten Absichten, stößt einem im 21. Jahrhundert schon arg auf. Frauen erlangen bisher in diesem Roman nur Größe, indem sie prinzipientreu ihrem "Herrn" folgen oder eine ungeheure Aufopferung und Leidensfähigkeit beweisen wie Maria von den Westmänner-Inseln im 18. Kapitel-

    Ich glaube schon, dass die Frau den Kommentar mit dem Gold usw. ironisch gemeint hat. Laxness schreibt ja, dass es unüblich ist Gefühle füreinander zu haben, dass quasi die Ehe in der damaligen Zeit einfach der Fortpflanzung und dem praktischen Zusammenleben und der Arbeitsteilung gedient hat.

    Willkommen auch von mir, @b.a.t und viel bereichernden Austausch!

    Ich bin jetzt mit Kapitel 11 fertig, und in diesen letzten beiden Kapiteln wird ganz klar, dass die Frau es genauso gemeint hat, wie sie es gesagt hat. Die marodierenden Pferdeknechte und insbesondere der lüsterne Pferdehändler Björn von Leirur konfrontieren sie direkt mit dem Thema Handel und Ausbeutung. Die weitbekannte schöne Mauer wird von den großen zwischengelagerten Pferdeherden zerstört ebenso wie die Grasnarbe und mögliche Anbauflächen, bitter in einem kalten Land, in dem die Vegetation viel länger als bei uns braucht, um sich zu regenieren.

    Steina, die Tochter, wird von dem Pferdehändler so nebenbei entjunfgert, bekommt das noch nicht mal mit und wird dafür mit Gold bezahlt. Ihr Wert sinkt zu Silbermünzen bei den nächsten Besuchen, denn nun ist sie nur noch sein Kebsweib, und am Ende der Saison, wenn die Pferde weggetrieben werden, sind es nur noch ein paar Kupfermünzen.
    Die Frauen sehen nicht, was sie an ihrer Situation ändern können, das Geld bleibt einfach auf der Fensterbank, weil es ihnen völlig fremd und von seiten des Patriarchen Steinar verboten ist.

    Ich finde diese beiden Kapitel sehr bitter, diese Hilflosigkeit und Ausbeutung der Frauen, der Niedergang des Hofes. Eigentlich hätte sich Steinar doch denken können, dass es gefährlich ist, seine Familie unbeschützt auf dem Hof zu lassen, denn er hat sich ja vorher schon mit dem Pferdehändlier und anderen Konsorten auseinandersetzen müssen. Und schokotimmi, du schreibst ja oben auch schon, wie heftig es ist, wenn eine volle Arbeitskraft auf so einem Hof wegfällt. Aber vielleicht ist Steinar doch recht naiv, was Reisedauer usw. angeht. Und in Dänemark kann ja auch noch so einiges passieren, was ihn von zu Hause fernhält.

    Da bietet sich ein Abstecher ins Bäderdreieck mit Franzensbad, Marienbad und Karlsbad geradezu an. In Sachsen wird es sicherlich auch einiges zu sehen geben, Bad Brambach ist ja auch um die Ecke. Das könnte eine Bäderreise werden.

    Das hatten wir auch geplant. Und Prag und ein bisschen Erzgebirge. Mir noch völlig unbekannter zentraleuropäischer Kulturraum. Ich bin gespannt.

    Aber hier ist das jetzt genug off topic.
    Ich kann noch einen Band Zeitgeistmärchen aus den beginnenden Achtzigern nachtragen, z.B. von Peter Härtling, Karin Struck, Urs Jaeggi.


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    finsbury: Süd-Sachsen klingt ungewohnt für mich, die ich aus Sachsen bin, du meinst sicher Erzgebirge oder Sächsische Schweiz? Aber nach den ganzen negativen Schlagzeilen für unser Bundesland freue ich mich, wenn jmd zu uns reist. Es gibt viel Schönes zu entdecken, auch im benachbarten Tschechien. Hier lieben meine Kinder immer die Sagen vom Rübezahl.

    Ich meine Bad Elster, also den Südwestzipfel Sachsens, als Standort und Ausgangspunkt. Zum Großmuttertal wird es wohl zu weit sein für einen Tagesausflug.

    Noch kurz zu dem Pferd Krapi. Das wird ja einerseits ins Mythische stilisiert und mit den Rössern der nordischen Götterwelt verglichen. Andererseits ist es auch eine Metapher für Selbstbestimmtheit: Es kommt zur Hauswiese, zu den Menschen, um seine Butter einzufordern, lässt sich lammfromm reiten, auf der anderen Seite ist es frei und widersetzt sich dem Einfangen, indem es zu seiner Herde ins Unwegsame zurückkehrt. Vielleicht verkörpert es so auch Wesenszüge der Hauptfigur Steinar, das Sorgfältige und Zugewandte, aber auch die Freiheit gegenüber den Mächtigen auf den eigenen Entscheidungen zu bestehen.

    Schön hier den Namen Božena Němcová zu lesen! "Babička" (Die Großmutter) ist sicherür die manchem ein Begriff. Die Landschaft, in der der Roman spielt und dem sie ihren Namen verdankt, das "Babiččino údolí" (Großmuttertal), ist eine Reise wert.

    Vielen Dank für diesen Hinweis. Wir planen für diesen Sommer eine Reise nach Süd-Sachsen und von dort aus Ausflüge nach Tschechien. Vielleicht wäre das Großmuttertal da auch ein mögliches Ziel.

    Sehr schön, schokotimmi, dasss du auch mitmachst.
    Bei mir sieht es so aus, dass ich vor langer Zeit "Die Islandglocke", "Atomstation", "Die Litanei von den Gottesgaben", "Seelsorge am Gletscher" , "Spiegelbild im Wasser" und "Auf der Hauswiese" gelesen habe und vor einigen Jahren noch "Der große Weber von Kaschmir" und "Weltlicht":

    Diesen eher späten Roman hatte ich bisher noch nicht im Visier.

    Ich lese wie ihr die Übersetzung von Bruno Kress und auch aus der Gesamtausgabe von Steidl, wie du, schokotimmi.
    Die ersten fünf Kapitel konnte ich heute Nachmittag lesen und erfreue mich an dem typischen Laxness-"Ton", so eine Mischung aus Saga- und moderner Sprache. Steinar ist ein sehr umsichtiger Mann, der für seine Familie nur das Beste will, er weiß mit Mächtigen umzugehen und sie mit Humor zu nehmen.