Beiträge von finsbury

    Es gibt auch einen ziemlich unsäglichen Fernsehzweiteiler, den jemand mal auf meinen Wunsch für mich aufgenommen hat und mir dann mit der Bemerkung "Hier ist die beim Zuschauen verlorene Zeit" überreichte. Tatsächlich ein vor allem in Dekorationen schwelgendes, sehr oberflächliches Machwerk von 2010. Verglichen damit ist der Comic, den ich auch mal durchgeblättert habe, ein Wunder an Adaption

    Den Roman will ich auch niemandem madig machen, er ist sicherlich sehr farbig und auch spannend und hat selbstverständlich mit den historischen Romanen der Unterhaltungsindustrie wenig zu tun.

    Dennoch bemerke ich diese Gewolltheit, das Manierierte, und hier stößt es mir unangenehm auf, obwohl ich es zum Beispiel bei Th. Mann und Grass durchaus genieße. Vielleicht liegt es daran, dass es dieser längst vergangenen dargestellten Zeit so etwas Künstliches gibt, was die Anteilnahme raubt. Das hat Flaubert ja vielleicht auch durchaus gewollt, insofern als kein wirklich positiver Charakter dort geschildert wird, dennoch bleibt mir das Dargestellte fremd.

    Zu deiner Frage habe ich leider keine Antwort, JMaria, aber ich habe eben einen anderen Roman Flauberts zu Ende gelesen:

    Gustave Flaubert: Salammbô


    Flaubert schildert in seinem historischen Roman von 1862 einen Söldneraufstand gegenüber Karthago, der nach dem Ersten Punischen Krieg in der Mitte des dritten Jahrhunderts v.u.Z. tatsächlich stattgefunden hat.


    Zum Inhalt:


    Hamilkar Barkas (der Vater jenes Hannibal, der später mit seinen Elefanten die Alpen überquerte) ist nach dem Scheitern der Karthager im Punischen Krieg, in dem er einer von zwei Heerführern war, noch nicht nach Hause zurückgekehrt. Die Söldner, die unter seinem Befehl kämpften und die aus allen Gegenden des Mittelmeerraumes und der benachbarten Länder stammen, warten indessen vor Karthago auf den ihnen versprochenen Sold. Um sie zu besänftigen und die Zahlung herauszuzögern, richten ihnen die Karthager im Park von Hamilkars Palast ein großes Festessen aus. Im Zuge zunehmender Alkoholisierung werden die Söldner immer enthemmter, zerstören die Parkanlagen und essen die heiligen Fische der Familie Barkas. Nun erscheint die (fiktive) Tochter Hamilkars – Salammbô – die jungfräuliche Hohepriesterin der Stadtgöttin Tanit – und bringt die Söldner durch ihr hoheitliches Gebaren und indem sie den libyschen Söldnerführer Matho durch das Angebot eines Weinpokals auszeichnet, zur Raison. Dieser jedoch missversteht das Angebot und verliebt sich in die schöne Frau.


    Später werden die Söldner durch einen Trick von der Stadt weg gelockt und man macht ihnen völlig unzureichende Angebote bezüglich ihres Soldes. Schließlich verbünden sie sich alle gegen Karthago und belagern zuerst zwei Nachbarstädte, dann Karthago selbst. Während der Belagerung und auch während der Kriegshandlungen geschehen auf beiden Seiten immer wieder entsetzliche Greueltaten, die Opferung von Kindern, die Verstümmelung und Hinrichtung von Tieren und Menschen. Matho dringt eines Nachts heimlich in das belagerte Karthago ein und raubt den Schleier der Tanit. Diese symbolische Entblößung raubt den Karthagern weiter den Mut, und Salammbô macht sich – aufgehetzt durch ihren Erzieher und Hohepriester – verkleidet auf ins Lager der Söldner und Mathos Zelt, um den Schleier wiederzuerhalten. Dort kommt es zu einem Beilager mit Matho, aber Salammbô kann danach mitsamt dem Schleier ins Heerlager ihres inzwischen zurückgekehrten Vaters Hamilkar fliehen.


    Nach wechselndem Schlachtenglück werden die Söldner schließlich unter entsetzlichen Qualen vollständig aufgerieben und nur Matho wird gefangengenommen. An Salammbôs Hochzeitstag mit dem Überläufer Naravas, einem numidischen Fürsten, wird Matho auf einen rituellen Spießrutenlauf durch die Straßen Karthagos geschickt und bricht schließlich vor den Brautleuten sterbend zusammen. Salammbô, die ihm wohl doch stärker zugetan war, nimmt sich daraufhin mit Gift das Leben.


    Wirkung:


    Flauberts Roman war nach seinem Erscheinen ein echter Skandal, häufte er doch Greueltaten noch und nöcher an und erzählte das Ganze völlig kühl, ohne sich mit einer der Seiten zu identifizieren und irgendetwas zu bewerten. Alle Personen handeln aus Egoismus, auch Gefühle sind ich-bezogen und nie selbstentäußernd. Wenn auch Flaubert eher konservativ war und sich sonst nicht besonders gegen die Politik seines Landes wehrte, kann der Roman doch als Kritik am hemmungslosen Imperialismus seiner Zeit gewertet werden.


    Meine Meinung:


    Ich musste mich durch das Werk ziemlich durchquälen, nur das letzte Drittel hat mich überzeugt.


    Flaubert breitet vor dem Leser einen überaus reichen, ja überreichen Bilderrausch aus, gespickt mit den entlegensten Fremdwörtern, die selbst Altphilologen zum Teil überfordern würden und die auch nicht zielführend sind. Für viele Einrichtungsgegenstände, architektonische Details, Rüstungs- und Schlachtenschilderungen werden Fachbegriffe verwendet, die nur zum kleineren Teil im Glossar der Haffmanns-Ausgabe, in der ich den Roman las, erklärt werden. Insgesamt finde ich, dass Flaubert hier zu detailverliebt vorgeht und den Leser damit überfordert, der immer wieder von der eigentlichen Geschichte abgelenkt wird. Seitenweise werden Interieurs, Rüstungsdetails und Kriegsstrategien geschildert. Ich mag eigentlich einen langsamen, detailverliebten Erzählfluss, der einem das Setting nahebringt, aber hier geht Flaubert zu kunsthandwerklich vor, berauscht sich zu sehr an gekünstelt wirkenden Details. Das gilt auch für die zahlreichen Szenen größter Grausamkeiten: Sie erschlagen sich gegenseitig und lassen einen deshalb kalt. Weniger wäre hier eindeutig mehr gewesen. So kommt mir der Roman eher wie ein literarischer Vorgänger des späteren Art déco /Jugendstils oder auch der Präraffaeliten vor: Die Schilderungen von Salammbôs Aufmachung hätten diese Maler eins zu eins in ihre Bilder umsetzen können, haben es auch getan:


    [Blockierte Grafik: https://www.akg-images.de/Docs/AKG/Media/TR3_WATERMARKED/a/e/3/1/AKG1104026.jpg]


    Carl Strathmann (Salambo, um 1894)


    Der Roman liefert dennoch viel Farbigkeit und spannende Handlung, besonders im letzten Drittel wird die Handlung fortgetrieben, ohne sich ständig in dieser Ornamentik zu verlieren.

    Sehr interessant, Diaz Grey. Gehört habe ich von diesen frühen Werken schon, und mir im Falle der Grönländischen Prozesse sogar überlegt, sie zu lesen, weil ich ein großer Grönland-Fan bin. Deshalb Dank für deine Aufklärung, wie es zu der Bezeichnung kam.


    Schönes Bild, das "Mäandrieren". Passt wirklich sehr gut auf Jean Paul.

    Ich habe jedenfalls große Lust, weiterzulesen und den nächsten Roman in Angriff zu nehmen (dazwischen lese ich aber noch etwas anderes...).

    Das tue ich auch gerade mit Flauberts "Salambo". Das ist auch ein historischer Roman und mag kunstvoller sein als Freytag, aber der Roman nervt mich ungeheuer, weshalb ich auch so langsam vorankomme. Danach werde ich auch den dritten Band der Ahnen lesen.

    Den "Ingraban" fand ich auch noch ein bisschen besser als den Ingo, weil noch mehr auf die Befindlichkeiten eingegangen wird und nicht ständig von "Knaben" die Rede ist, was mich am "Ingo" auf die Dauer auch nervte.


    Was die Slawen angeht, bin ich gespannt, wie sie im vierten Band: Die Brüder vom Deutschen Haus wegkommen. Ich glaube, da geht es um die Landnahme im Osten durch den Deutschherrenorden.

    Ganz wichtig finde ich, die Sicht zu kontextualisieren. Ich führte letzte Woche eine recht bizarre Diskussion um zwei zeitgenössische Autoren: Johann Scheerer und Christoph Peters. Scheerer hat ein Buch über die späten 90er Jahre geschrieben. Er ist der Sohn von Jan Philipp Reemtsma und war von dessen Entführung betroffen. In dem Buch reden die Menschen, wie Menschen in den 90er Jahren geredet haben. Es werden Begriffe wie Indianer und Schimpfwörter wie Mongo oder Spasti gebraucht. Auch Christoph Peters erzählt in seinem Dorfroman davon, wie der Erzähler mit Indianerfiguren spielt. Dem Rezensenten war das nicht recht. Er war der Meinung, dass in Büchern, die 2021 erscheinen, solche Begriffe nicht mehr unkommentiert stehen dürften. Ggf. müsse der Verlag einen Disclaimer in das Buch setzen. Ich wiederum bin der Meinung, dass Figuren der 80er oder 90er Jahre nicht von 'Native Americans' sprechen können, denn das wäre ein Anachronismus. Wir hatten damals kein anderes Wort für 'Indianer'.

    Ja, da ist ganz viel dran. In einem anderen Forum habe ich neulich gelesen, dass es tatsächlich eine Freytag-Ausgabe gibt, die "behutsam" bearbeitet wurde, um die heutigen Leser z.B. durch "zeitgebundene Ansichten" - sprich den Antisemitismus - nicht zu verschrecken. Aber das ist in höchstem Maße unehrlich. Man muss von aufgeklärten Leser*innen anspruchsvoller Belletristik oder älterer Literatur erwarten können, kontextuell zu lesen und Ausdrücke als vom Zeitgeist beeinflusst zu identifizieren.

    Es kommt bei zeitgenössischen Werken dann wiederum darauf an, wie sich z.B. Scheerer und Peters in ihrer Gesamtaussage zeigen, dann kann man ja erkennen, wohin die Reise geht, was anschaulich die gewählte Epoche illustriert oder was tatsächlich als Aussage vermittelt werden soll.

    Nun, wir erkennen aber auch im 21. Jahrhundert bei einigen Autoren, wie zum Beispiel Tellkamp, jetzt nicht Rassismus, aber doch zumindest ablehnende Befindlichkeiten relativ pauschal gegen Migration gerichtet. Das ist nicht unbedingt das Gleiche, aber hohe Bildung und Ausdrucksfähigkeit gehen nicht unbedingt mit einer reflektierten und differenzierten Meinungsäußerung einher.

    Im Übrigen ist es ja gerade das, was Fontane zu einem Schriftsteller der allerersten Garde auch europaweit macht, während Freytag und andere zwar ihre Meriten haben und meiner Meinung nach auch nicht ganz vergessen werden sollten, aber eben nicht in der ersten Liga spielen. Und das gilt leider auf breiter Basis für unsere Romanautoren des 19. Jahrhunderts, die können bis auf Fontane einfach nicht mithalten mit den Briten und Franzosen. Sie sind, auch wenn man von antisemitischen und anderen Vorurteilen absieht, oft zu sehr im Kleinklein gefangen oder so verschroben, dass sie zwar eigentlich genial sind, aber kaum verstanden werden, wie Jean Paul und zum Teil auch Raabe.

    In einem Roman spielen ja Kunstfiguren, und Freytag hat seinen Juden mit so ziemlich allen einschlägigen Stereotypen ausgestattet. Also ist der Roman antisemitisch.

    Vor ewigen Jahren habe ich ein Mal ein Interview mit einer israelischen Literaturwissenschaftlerin gehört (die früher eine deutsche Literaturwissenschaftlerin war), in dem sie sagte, dass alle deutschsprachigen Autoren des 19. Jahrhunderts, einschließlich Heine und nur mit einer Ausnahme, Antisemiten waren. Die Ausnahme ist Gottfried Keller und wer den Grünen Heinrich gelesen hat, kann bestätigen, dass Keller nichts mit Diskriminierung verbindet.

    Das ist ja bekannt, auch, dass das für fast alle deutschen und viele europäische Autoren gilt. Typisch und ähnlich gefährlich ist die Verherrlichung des Germanischen, die man auch im ersten Band der Ahnen findet. Ich denke, es ist uns hier allen völlig klar, auf welchem f(r)uch(r)tbaren kulturellen Boden Hitler später seine menschenverachtende und -vernichtende Ideologie aufbauen konnte.
    Aber es ist so ähnlich wie mit Wagner oder Nietzsche: Es gibt diese Stellen bei Freytag, aber eben auch viele andere Aspekte, unter denen man seine Werke lesen kann, und einige davon gehören in eine sehr positive, weil freiheitliche Tradition.

    Ich denke, gerade wir als Literaturfreunde sollten offen und kritisch mit unserem literarischen Erbe umgehen. Nur so kann man Kultur in Wert setzen und weiterentwickeln.

    Den "Ingraban" fand ich womöglich noch eine Spur interessanter. Diese Auseinandersetzung mit dem neuen Glauben wird in der Person des Ingraban und seiner geliebten Walburg sowie dem Bischof und dessen Neffen in unterschiedlichen Facetten dargestellt.

    Der Band nimmt nur lose auf den "Ingo" Bezug, die Lage der Burg und die Abstammung werden erwähnt, sind aber nicht handlungstragend.

    Wenn ich mit dem Flaubert fertig bin, lese ich den dritten Band "Das Nest der Zaunkönige", da wird wohl das Germanische in den Hintergrund rücken, da dieser Band im Mittelalter spielt.

    Und ich habe nach der Leserunde mit "Noch alle Zeit" eine neue Runde begonnen, diesmal mit einem Buch von Julian Barnes.
    Bin noch ganz am Anfang, sieht aber interessant aus. Die Ausgabe ist jedenfalls sehr schön, sogar bebildert.

    Kaufen* bei

    Amazon

    * Werbe/Affiliate-Links

    Das klingt wirklich interessant. Berichte gerne darüber!

    Ach wie schön, dass du auch in die "Ahnen" eingestiegen bist, JHNewman!


    Das regionale Kleinkönigtum in Form einer Herrschaft mit einigen festen Kriegern (die Freytag ja lustigerweise Knaben nennt, was natürlich aufs Hochmittelalter verweist) und ansonsten bäuerlichen Untertanen ist aber wohl typisch in der Völkerwanderungszeit - ich lese gerade das GEO-Epoche-Heft zu diesem Thema. Auch die Holzhäuser auf dem Anwesen mit der Halle sind wohl eine typische Bauweise dieser Zeit.

    Dagegen hast du mit den Dialekten wohl Recht. Obwohl: Nach den neueren Forschungen ist die Völkerwanderung gar keine von Völkern gewesen, sondern von losen Verbänden aus bestimmten Gegenden, denen sich auf ihren Wanderungen durch Europa immer mehr unbehauste, vertriebene oder ansonsten unzufriedene Menschen anschlossen. Da muss sich wohl so eine Art Pidgin-Germanisch entwickelt haben, vermutlich mit lateinischen Versatzstücken, die zur rudimentären Verständigung diente. Abgesehen davon lagen die Vandalen, die ursprünglich zwischen Oder und Weichsel siedelten, gar nicht so weit von den Thüringen, die eventuell mit den gotischen Terwingen, die ursprünglich aus einer ähnlichen Gegend wie die Vandalen kamen, zusammenhängen. Jedenfalls wanderten die Germanen, welcher Stamm auch immer, aus dem Nordosten im 2.u.3. Jh. unserer Zeitrechnung in das mittelelbische Gebiet ein.


    Vielleicht kann sandhofer die beiden letzten Beiträge ja abtrennen und dem Freytag-Thread anfügen. Dort können wir dann weiterdiskutieren.