Beiträge von finsbury

    Aber mein absoluter Favorit ist Commissario Montalbano von Andrea Camilleri. Jeder Band wird beim Erscheinen sofort verschlungen. Bei Montalbano geht es nicht unbedingt nur um die Kriminalfälle. Das sizilianische Umfeld und besonders das Essen sind mit Hauptpersonen der Handlung. Und nicht zu vergessen Catarella. Ein einfacher Polizist von einfachem, freundlichem Gemüt mit ein paar "Besonderheiten" (mehr wird nicht verraten, dass muss man einfach lesen).

    Besonders als Catarella der Computerspezialist wird ... . Ich mag die Krimis auch, allerdings nur in homöopathischen Dosen, so hintereinanderweg kann ich die nicht lesen.

    Auch ich bin jetzt durch.

    Die letzten 200 Seiten haben mir gut gefallen und ich bin entsprechend schnell durchgekommen.


    Stolz sehe ich nicht so negativ wie du, Zefira. Sicherlich ist er schrecklich von sich eingenommen und seine Sicht der Beziehung zwischen Olga und Oblomov ist dementsprechend, aber immerhin gibt er Olga wenigstens in Ansätzen die Umgebung, die ihr wacher Geist braucht. Ich finde, dass Gontscharow sehr ausgewogen und differenziert die Licht- und Schattenseiten der Hauptpersonen darstellt, bis auf Olga, die ja wie ein Ideal erscheint, wie auch Neuhäuser in seinem Nachwort schreibt. Oblomovs Schicksal betrauern wir Leser, weil er so sympathisch dargestellt wird, obwohl ja eigentlich dazu gar kein Anlass besteht. Was eigentlich ist denn so rein an seiner Seele? Er durchschaut die Petersburger Gesellschaft, das zeigt eher seine Klugheit, aber er kümmert sich um nichts, lässt die Beziehung zu Olga aus Faulheit schleifen, zieht sie dann durch seine Versicherungen unnötig in die Länge und ist zwar wohl charmant, aber im Wesentlichen ein verantwortungsloser Faulpelz, der für die von ihm Abhängigen keinen Finger krumm macht. Er sieht sich zwar ehrlich und macht sich nichts vor, aber ändern tut er deshalb nichts. Und das ist eine Masche - die ich selbst auch oft drauf habe - nach dem Prinzip: Und ist der Ruf erst ruiniert, dann lebt es sich ganz ungeniert.


    Stolz dagegen ist der Macher, der vor der Ruhe flieht, weil sie ihn vielleicht zur Reflexion über seine besinnungslose Hast durchs Leben veranlassen könnte. Ich finde, dass der Hinweis Neuhäusers auf die "Ennui" und Depression, die den modernen, aus der festen religiösen Orientierung entlassenen Menschen befällt, wenn er über genügend selbstbestimmte Zeit verfügt, eine sehr sinnvolle, die Zeiten übergreifende Interpretation des Romans ermöglicht. Und sie passt auch noch wunderbare in unsere Zeit, denn was machen wir anders, als vor der Sinnfrage in den Konsum, in einen vollgestopften Freizeitterminkalender zu fliehen? Ob man dabei zum modernen Oblomov in Form einer Couch-Kartoffel mit Serienkonsum wird oder ein moderner Stolz ist, der nach dem Job vom Fitnessstudio zum Ökotreff und von da zu allen möglichen Kulturveranstaltungen hastet, das sind nur Varianten des Stils unserer Zeit.
    Der beste Mensch in diesem Roman ist für mich Agafja Matwejewna, die ihr Leben völlig ohne Hintergedanken in Oblomovs Dienst stellt. Allerdings heißt das nicht, dass ich das gut finde.


    Im Nachhinein muss ich sagen, dass mir die Lektüre auch beim zweiten Mal viel gebracht hat. Ich habe den Roman davor 1987 gelesen und konnte mich weder an irgendeine Szene noch meine Meinung zu dem Buch erinnern. Beim Reread habe ich einige Male das Buch aus der Hand legen müssen, weil ich mich sowohl bei einigen Beschreibungen von Oblomov als auch von Stolz ertappt fühlte …. .

    Da ich nach kurzer Suche keinen entsprechenden Thread gefunden habe, eröffne ich hier mal auf @Zefiras Anregung einen entsprechenden Faden.
    (Falls es so ein Thema doch schon gibt, lieber sandhofer, kleb meinen Thread bitte daran, falls es diese Forumsoftware zulässt.)


    Die meisten von uns hier lesen ja nicht nur Klassiker und Gegenwartsliteratur, sondern greifen auch mal zur Entspannung zur Unterhaltungsliteratur. Und da sind Krimis ja oft das Mittel der ersten Wahl. Deswegen können wir hier vielleicht Empfehlungen zu nicht ganz so blöden und dennoch spannenden und unterhaltsamen Krimis sammeln.

    Ich fang mal mit der Krimireihe von Jörg Maurer an, die inzwischen auf zwölf Bände angewachsen ist, von Band 1: Föhnlage bis zu Band 12: Am Tatort bleibt man ungern liegen.

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    Was ist der Reiz daran?
    Die unglaublich witzigen Einfälle, die virtuose Beherrschung einiger Sprachebenen, der Einsatz echter und gefakter Zitate sowie die satirische Darstellung gesellschaftlicher Verhältnisse im "Kurort" Garmisch-Partenkirchen und das skurile Personal.
    So kommt in jedem Band ein mit der österreichischen und italienischen Mafia verbandeltes Bestatter-Ehepaar vor und auch der Kommissar Jennerwein (sic!) und sein Team sind nicht von der gewöhnlichen Art. Natürlich prägt auch die alpenländische Kulisse die Bände und die Fälle.

    Nachteil: Das, was immer eintritt, wenn man zuviel hintereinander schreibt. Manches läuft sich lahm und manchmal sind auch so einige Handlungsstränge mit der heißen Nadel gestrickt. Aber dennoch macht mir die Lektüre immer Spaß, eben auch wegen des Sprachwitzes und der durchschimmernden Belesenheit des Autors, der immer wieder alles Mögliche aus der Kultur- und Geistesgeschichte für seine Fälle und satirischen Scherze verwurstet.

    Seit einigen Tagen lese ich wieder, habe die tatsächlich abgrundtief traurige Trennungsszene zwischen Olga und Oblomov hinter mir und treffe nun Oblomov nach monatelanger Depression wieder munter und näher angeschlossen an Agafja Matwejewna an. Hier ist er seiner Art nach am besten aufgehoben. Agafja ist eine echte "Kümmerin", die sich in der Dienerrolle gefällt, ihn nur verwöhnen will und keine Ansprüche an das Leben stellt wie Olga.
    Olga selbst tut mir leid. Wie schrecklich muss es für Frauen wie Olga in dieser patriarchalischen Gesellschaft gewesen sein, wo man nur durch die "richtige" Heirat ein wenig Einfluss auf seinen Lebensweg nehmen konnte und daher im Ehepartner nicht nur den Geliebten, sondern auch die einzige Hoffnung auf persönliche Selbstverwirklichung suchen musste.
    Dass sie dann mit Stolz, wie du oben schreibst, Zefira, vielleicht auch einen Griff ins Klo gemacht hat, kann ich mir durchaus vorstellen. Oblomov hätte ihr keinen aussichtsreichen Wirkungskreis in Aussicht stellen können, aber sie nicht unterdrückt.

    "Das Muster" von Dieter Forte, das ist der erste Band der Tetralogie der Erinnerung. Bisher ein Schnellkurs durch die Geschichte der Seidenweber, Liest sich ganz gut. Da Dieter Forte 2019 gestorben war, hatte ich mir vorgenommen mal was von ihm zu lesen und die Kritiken in diesem Faden waren auch ganz positiv, wenn ich mich recht erinnere.


    Gruß, Lauterbach

    Viel Spaß dabei. Ich habe die Trilogie "Das Haus auf meiner Schulter" vor vielen Jahren gelesen und war sehr beeindruckt.

    Leider musste ich mal wieder eine Pause einlegen. Nachdem mich das Hin und Her der Liebesbeziehung zwischen Oblomov und Olga zusehends nervte, tauchte nun zu Beginn des dritten Teils wieder Tarantjev auf, noch penetranter als in der ersten Szene mit ihm. Du schreibst ja auch, Zefira, dass er kaum zu ertragen ist. Ich habe jetzt erstmal einen Krimi dazwischengeschoben, bevor ich mich seelisch für Tarantjev gewappnet fühle, auch auf die Gefahr hin, dass ich dann wieder alleine zu Ende lese wie beim Cervantes :lesen:.
    Es scheint ja auch nur alles noch elender zu werden, worauf allerdings ja auch gefasst sein musste.

    Danke für die Aufklärung.

    Von Scott kenne ich "Das Herz von Midlothian" und den "Ivanhoe", kann mich aber bei den beiden nicht an einen Diener namens Caleb erinnern. Bisher habe ich nur über Godwin, aber nichts von ihm gelesen. Godwin hat ja wohl einen Roman mit diesem Namensträger geschrieben.

    Die Liebesgeschichte zieht sich hin. Mir wird's allmählich zuviel. Bin jetzt in II, 10 und gerade verfällt Oblomov nach einer durchwachten Nacht der Ernüchterung, mal sehen, was es damit auf sich hat.
    Scott und Godwin sind vielen hier im Forum ein Begriff, aber wen meinst du mit Calebs, DerFuchs? Mir ist eine solche Person bisher nicht in dem Roman begegnet, nur Sachar, der zwar einerseits ein ergebener Diener seines Herrn, andererseits aber auch dessen Quälgeist, Spiegelbild und Fluch darstellt.

    Bin mittendrin in der Liebesgeschichte. Die Datsche wurde Oblomov durch Olgas Tante vermittelt, die mit Olga direkt daneben wohnt oder gegenüber. Aber das hast du sicher schon nachgeschlagen, Zefira.

    Die Schilderung des Sichverliebens der beiden - zwei, die nicht dazu geschaffen wurden, sich zu verstellen - ist Gontscharov sehr einfühlsam gelungen. Auch schön, wie zunächst Oblomovs Idealbild einer Ehefrau gezeichnet wird, das viel mit einem gemütlichen, nicht zu heißen, aber auch nicht zu kalten und sehr zuverlässigen Heizkissen gemeinsam hat und dann die erwachende Leidenschaft, die eigentlich beiden - weder Oblomov noch Olga - nicht zu entsprechen scheint, gezeichnet wird.

    Es wird nicht erklärt, wie er in die Datscha kommt, jedenfalls bisher nicht. Ich bin ganz am Anfang dieser Liebesgeschichte, die Gontscharov nicht mit der ersten Begegnung der beiden Liebenden, sondern mit den dadurch verursachten Verwandlungen Oblomovs beginnen lässt, diesmal, wie ich finde, ein gelungene romantechnische Überraschung, die eine weitere Steigerung der durch Stolz verursachten Veränderung bedeutet.

    Mit Stolz bin ich noch nicht so ganz klar, einerseits teile ich deine Meinung, Zefira, dass er ein problematisches Selbst- und Weltbild hat, das Oblomov auch in seiner trägen Art sehr gut durchschaut. Auf der anderen Seite bringt er die Geschichte voran, genauso wie Menschen seines Schlages damals die Gesellschaft zumindest wirtschaftlich voranbrachten. Allerdings hat nicht er, sondern eher Oblomov, die "tiefen Blicke", von denen Goethe spricht.

    "Oblomovs Traum" habe ich nun auch zu Ende gelesen. Das ist auch wirklich ein aufschlussreiches Kapitel, wenn auch, wie ich oben andeutete, romantechnisch nicht so ganz astrein gelungen.


    Es erklärt nicht nur die Anlagen zur Oblomoverei vieler aus einer ganzen Gesellschaftsschicht und auch die ihrer Angehörigen, sofern diese nicht zum Arbeiten gezwungen waren, sondern es ist auch ein Zeugnis der voraufklärerischen Agrargesellschaft (ergänzt durch manufakturisches Arbeiten und Handeln in städtischen Zentren). In Russland mag das Ganze noch besonders lethargisch dahergekommen sein, da die leibeigenen Bauern auch noch das ganze 19. Jahrhundert keinen Ehrgeiz entwickeln konnten, da sie nichts für sich behalten konnten. Dass die ökonomischen Entwicklungen der westlichen Staaten an ihnen vorbeigingen, sich kaum technischen und anderen Fortschritte und kein expandierender Markt auf diese Weise entwickeln konnten, beklagt Gontscharow selbst ganz ausdrücklich. Aber wie du, Zefira oben schon schreibst, die Schattenseiten eines solchen Wirtschaftssystems, die für die ganze Welt viel gefährlicher sind und genauso auf Ausbeutung von Menschen und Natur, wenn auch global organisiert, beruhen, erleben wir ja gerade.

    Wunderbar satirisch ist die Stelle, wo der auf sehr originelle Weise - damit man auch ja Porto und damit Geld spare, ein Wesenszug, der anscheinend auch Oblomovs Standesgenossen betrifft - zugestellte Brief erst vier Tage später geöffnet wird, weil die Oblomover eine Beunruhigung dahinter vermuten, und sich der Inhalt des Briefes dann lächerlicherweise als Anfrage nach einem Rezept erweist, die natürlicherweise nie beantwortet wird.
    Welche Rolle die Stolzens spielen, das will ich erstmal sehen, wenn ich Stolz Junior hoffentlich in den nächsten Kapiteln wieder kennen lerne.
    Und ich ziehe mein hartes Urteil zu Oblomovs Mutter zurück, sie ist nur eine Ausprägung ihrer Klasse und, wie einige Dialoge andeuten, auch noch um einiges pfiffiger als Oblomovs Vater, der noch viel deutlicher sein Rollenvorbild ist. Interessant ist, dass wenn über Kindererziehung und über Kinder im Allgemeinen gesprochen wird, es immer nur um Jungen geht. Die Mädchen finden bloß als mögliche Ehepartnerinnen Erwähnung. Aber zumindest in Oblomovka sind unter den Adeligen die Frauen anscheinend die einzigen, die sich kümmern, wenn auch in übertriebener Weise um Oblomov Junior, aber ansonsten den Haushalt und die traditonellen Feiern und Besuche organisieren und sich immer mit Handarbeiten beschäftigen.

    Bin wieder eingestiegen und momentan in Oblomovs Traum. Die Mutter ist ja eher ein Albtraum. Und dieser ganze verschlafene "Winkel" mit den Hütten über dem Abgrund der Schlucht, in die man eigentlich gar nicht eintreten kann. Das Ganze ist irreal, aber wieder so detailliert beschrieben und mit Autorenkommentaren versehen, dass es gar nicht wie Oblomovs Traum wirkt. Aber ich stehe noch ganz am Anfang dieses langen Kapitels.

    Nachdem ich zu Jahresanfang "Vortreffliche Frauen" von Barbara Pym gelesen habe und sehr angenehm überrascht war über diese unaufgeregte und ironische Seelenzerlegung des britischen Mittelstandes in der Mitte des letzten Jahrhunderts, lese ich jetzt den antiquarisch erworbenen Roman "Tee und blauer Samt" (im Original "Crampton Hodnet") der gleichen Autorin und fühle mich ebenso gut unterhalten und bin mit einem Schlag Menschen kofrontiert, bei dem ein hohes Maß von Borniertheit mit dem Menschlichen Allzumenschlichen zusammenkommt.