Beiträge von finsbury

    Danke für die Aufklärung.

    Von Scott kenne ich "Das Herz von Midlothian" und den "Ivanhoe", kann mich aber bei den beiden nicht an einen Diener namens Caleb erinnern. Bisher habe ich nur über Godwin, aber nichts von ihm gelesen. Godwin hat ja wohl einen Roman mit diesem Namensträger geschrieben.

    Die Liebesgeschichte zieht sich hin. Mir wird's allmählich zuviel. Bin jetzt in II, 10 und gerade verfällt Oblomov nach einer durchwachten Nacht der Ernüchterung, mal sehen, was es damit auf sich hat.
    Scott und Godwin sind vielen hier im Forum ein Begriff, aber wen meinst du mit Calebs, DerFuchs? Mir ist eine solche Person bisher nicht in dem Roman begegnet, nur Sachar, der zwar einerseits ein ergebener Diener seines Herrn, andererseits aber auch dessen Quälgeist, Spiegelbild und Fluch darstellt.

    Bin mittendrin in der Liebesgeschichte. Die Datsche wurde Oblomov durch Olgas Tante vermittelt, die mit Olga direkt daneben wohnt oder gegenüber. Aber das hast du sicher schon nachgeschlagen, Zefira.

    Die Schilderung des Sichverliebens der beiden - zwei, die nicht dazu geschaffen wurden, sich zu verstellen - ist Gontscharov sehr einfühlsam gelungen. Auch schön, wie zunächst Oblomovs Idealbild einer Ehefrau gezeichnet wird, das viel mit einem gemütlichen, nicht zu heißen, aber auch nicht zu kalten und sehr zuverlässigen Heizkissen gemeinsam hat und dann die erwachende Leidenschaft, die eigentlich beiden - weder Oblomov noch Olga - nicht zu entsprechen scheint, gezeichnet wird.

    Es wird nicht erklärt, wie er in die Datscha kommt, jedenfalls bisher nicht. Ich bin ganz am Anfang dieser Liebesgeschichte, die Gontscharov nicht mit der ersten Begegnung der beiden Liebenden, sondern mit den dadurch verursachten Verwandlungen Oblomovs beginnen lässt, diesmal, wie ich finde, ein gelungene romantechnische Überraschung, die eine weitere Steigerung der durch Stolz verursachten Veränderung bedeutet.

    Mit Stolz bin ich noch nicht so ganz klar, einerseits teile ich deine Meinung, Zefira, dass er ein problematisches Selbst- und Weltbild hat, das Oblomov auch in seiner trägen Art sehr gut durchschaut. Auf der anderen Seite bringt er die Geschichte voran, genauso wie Menschen seines Schlages damals die Gesellschaft zumindest wirtschaftlich voranbrachten. Allerdings hat nicht er, sondern eher Oblomov, die "tiefen Blicke", von denen Goethe spricht.

    "Oblomovs Traum" habe ich nun auch zu Ende gelesen. Das ist auch wirklich ein aufschlussreiches Kapitel, wenn auch, wie ich oben andeutete, romantechnisch nicht so ganz astrein gelungen.


    Es erklärt nicht nur die Anlagen zur Oblomoverei vieler aus einer ganzen Gesellschaftsschicht und auch die ihrer Angehörigen, sofern diese nicht zum Arbeiten gezwungen waren, sondern es ist auch ein Zeugnis der voraufklärerischen Agrargesellschaft (ergänzt durch manufakturisches Arbeiten und Handeln in städtischen Zentren). In Russland mag das Ganze noch besonders lethargisch dahergekommen sein, da die leibeigenen Bauern auch noch das ganze 19. Jahrhundert keinen Ehrgeiz entwickeln konnten, da sie nichts für sich behalten konnten. Dass die ökonomischen Entwicklungen der westlichen Staaten an ihnen vorbeigingen, sich kaum technischen und anderen Fortschritte und kein expandierender Markt auf diese Weise entwickeln konnten, beklagt Gontscharow selbst ganz ausdrücklich. Aber wie du, Zefira oben schon schreibst, die Schattenseiten eines solchen Wirtschaftssystems, die für die ganze Welt viel gefährlicher sind und genauso auf Ausbeutung von Menschen und Natur, wenn auch global organisiert, beruhen, erleben wir ja gerade.

    Wunderbar satirisch ist die Stelle, wo der auf sehr originelle Weise - damit man auch ja Porto und damit Geld spare, ein Wesenszug, der anscheinend auch Oblomovs Standesgenossen betrifft - zugestellte Brief erst vier Tage später geöffnet wird, weil die Oblomover eine Beunruhigung dahinter vermuten, und sich der Inhalt des Briefes dann lächerlicherweise als Anfrage nach einem Rezept erweist, die natürlicherweise nie beantwortet wird.
    Welche Rolle die Stolzens spielen, das will ich erstmal sehen, wenn ich Stolz Junior hoffentlich in den nächsten Kapiteln wieder kennen lerne.
    Und ich ziehe mein hartes Urteil zu Oblomovs Mutter zurück, sie ist nur eine Ausprägung ihrer Klasse und, wie einige Dialoge andeuten, auch noch um einiges pfiffiger als Oblomovs Vater, der noch viel deutlicher sein Rollenvorbild ist. Interessant ist, dass wenn über Kindererziehung und über Kinder im Allgemeinen gesprochen wird, es immer nur um Jungen geht. Die Mädchen finden bloß als mögliche Ehepartnerinnen Erwähnung. Aber zumindest in Oblomovka sind unter den Adeligen die Frauen anscheinend die einzigen, die sich kümmern, wenn auch in übertriebener Weise um Oblomov Junior, aber ansonsten den Haushalt und die traditonellen Feiern und Besuche organisieren und sich immer mit Handarbeiten beschäftigen.

    Bin wieder eingestiegen und momentan in Oblomovs Traum. Die Mutter ist ja eher ein Albtraum. Und dieser ganze verschlafene "Winkel" mit den Hütten über dem Abgrund der Schlucht, in die man eigentlich gar nicht eintreten kann. Das Ganze ist irreal, aber wieder so detailliert beschrieben und mit Autorenkommentaren versehen, dass es gar nicht wie Oblomovs Traum wirkt. Aber ich stehe noch ganz am Anfang dieses langen Kapitels.

    Nachdem ich zu Jahresanfang "Vortreffliche Frauen" von Barbara Pym gelesen habe und sehr angenehm überrascht war über diese unaufgeregte und ironische Seelenzerlegung des britischen Mittelstandes in der Mitte des letzten Jahrhunderts, lese ich jetzt den antiquarisch erworbenen Roman "Tee und blauer Samt" (im Original "Crampton Hodnet") der gleichen Autorin und fühle mich ebenso gut unterhalten und bin mit einem Schlag Menschen kofrontiert, bei dem ein hohes Maß von Borniertheit mit dem Menschlichen Allzumenschlichen zusammenkommt.

    Ich hab mich inzwischen auch wieder eingekriegt. Tarantjew ist unterwegs, und momentan geht es in Rückblenden um Oblomovs und Sachars Vergangenheit und ihre soziopsychologische Motivation für Ihr Verhalten. Gontscharow ist schon ein feiner Beobachter und bringt die widersprüchlichen Züge seiner Personen in einen gut begründeten Zusammenhang.

    Hier geht es nicht recht voran und bei mir auch nicht. Erstens habe ich momentan wenig Zeit zum Lesen, und zweitens will mir der "Oblomov" bei der Zweitlektüre nicht so recht eingehen.

    Gontscharow schildert wunderbar die verschiedenen Menschentypen, und es ist auch sehr unterhaltsam, aber ich bin hier wieder vom Kafka-Effekt betroffen: In meiner Jugend und jungen Erwachsenenzeit habe ich Kafka verschlungen und auch den "Oblomov" sehr gemocht. Nun könnt ihr euch fragen, was die beiden gemeinsam haben - diese unfassbare Widerstandslosigkeit! Die Protagonisten werden ausgebeutet, betrogen, belogen und vernatzt, obwohl sie sich so leicht wehren bzw. der Situation entziehen könnten. Man könnte meinen, ein dunkler Strudel verschlinge sie.

    Als junger Mensch war ich wohl noch nicht selbstsicher genug und konnte diese Ängste bzw. diese Hilflosigkeit gut nachvollziehen. Aber mit viel mehr Lebensjahrzehnten auf dem Buckel ändert sich das wohl bei jedem. Nun ist es bei dem Oblomov sicherlich anders als bei Kafka, es ist nicht so existenzialistisch, aber ich finde einfach nicht genug Abstand von der Hauptfigur, um mich über deren lebensgefährdende Lethargie nicht zu ärgern. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich auch heftige Anfälle von Faulfieber habe, allerdings nie, um nur rumzuliegen und vor mich hinzudämmern, eher mit Lesenachmittagen und -nächten oder auch solchen mit Filmen, wenn es Auszeiten vom Alltag gibt.

    Aber wenn ich lese, wie Oblomov sich von diesem Tarantjew (übrigens im Deutschen ein schöner sprechender Name, die Tarantel, weiß nicht, ob es diesen Spinnennamen im Russischen auch gibt) ausnutzen und beschimpfen lässt, dann kann ich das kaum weiterlesen. Ob er sich nun tatsächlich im Vorort zur Miete und damit zur Ausnutzung durch T. niederlässt und ihm dafür noch Champagner auf den Tisch stellt oder nicht, dieser Mensch und Oblomovs Reaktion regen mich auf. Ich weiß, dass das nicht der gelassenen Art entspricht, mit der man Klassiker vielleicht zu sich nehmen sollte, aber Bücher müssen berühren, und dieses ärgert mich momentan.

    Das, was du am Ende geschrieben hast, Zefira, schoss mir auch direkt durch den Kopf. Heutzutage würde Oblomov ein Serienjunkie entweder vor dem Fernseher oder durch Streamen sein, aber wohl eher vorm Fernseher, weil das Draufschaffen der neuen Technologien ihm bestimmt zu anstrengend gewesen wäre.
    Bücher liest er ja auch nicht, weil ihm das zu mühsam ist, aber das Seriengucken könnte ich mir sehr gut vorstellen: die Neugier befriedigen, ohne sich anstrengen zu müssen.

    Dabei ist er ja nicht dumm und beobachtet durchaus fein: Den Literaten Penkin geißelt er für seinen borniert-realistischen Stil, der das Elend der Bevölkerung von oben herab beobachtet und gefühllos oder eben sogar darüber spottet.

    Zitat


    "Sie stellen Diebe und gefallene Frauen dar" sagte er, "aber den Menschen vergessen sie oder können ihn nicht darstellen." (I,2)

    Kurz danach vergaloppiert er sich aber in seiner Kritik und fällt, von seinem argumentativen Eifer geschwächt, auf den Diwan zurück.


    Bladwijzer, deine Beobachtung, dass es sich zu Beginn um Bühnenauftritte handelt, gefällt mir auch gut. Die Welt kommt zunächst zu Oblomov, um ihn aus seiner Lethargie zu reißen, was aber bisher alles an ihm abprallt. Fuzuli, der faule Diener, der nur auf dem Ofen liegt, ist wirklich ein schönes Spiegelbild seines Herrn, auch in seiner Art und die Dialoge zwischen ihnen, wo sie sich gegenseitig ihre Lethargie vorwerfen, sind köstlich.

    Ich lese übrigens die dtv-Dünndruck-Ausgabe aus den Achtziger Jahren und in der Übersetzung von Josef Hahn, der ja viele russische Klassiker ins Deutsche übertragen hat.

    Ach, ich freue mich schon, dass ich dieses Jahr im Herbst wieder für ein paar Stunden dahin komme. Und vielleicht auch im Sommer .. Wir schwanken noch zwischen Eifel und Erzgebirge. Vom letzteren bietet sich ja ein Ausflug nach Leipzig oder eine Zwischenübernachtung ja vom tiefen Westen aus gesehen wirklich an.

    Aber es gibt auch wirklich schöne stadtnahe Vororte. Ich war letztes Jahr für ein paar Stunden dort und begeistert, was sich in den letzten 18 Janren seit meinem letzten Aufenthalt dort verändert hat. Leipzig hat für mich neben ganz wenigen anderen deutschen Städten etwas Weltstädtisches. Man merkt, dass sie eine uralte Tradition als selbstbewusstes Handels-, Wirtschafts- und Bildungszentrum hat, was sich nun wohl auch wieder äußert. Laut der Stadtführerin unterscheidet sich auch das Wahlverhalten der Leipziger signifikant von anderen ostdeutschen Gemeinden und Städten.

    "Alles, was wir geben mussten" von Kazuo Ishiguro. Zu Beginn fand ich es etwas fad, aber nach 100 Seiten hat es mich gepackt.


    Gruß, Lauterbach

    Der Film dazu ist auch sehr schön. Gar nicht reißerisch, mit stillen, bedrückenden Bildern, dennoch spannend.

    Keller setzt er in diesem Aufsatz vor allem auch in Beziehung zu Karl Gutzkow (von dem ich nichts kenne, was sich aber ändern sollte).

    Das ist ja interessant! Ich wusste nicht, dass Keller und Gutzkow sich kannten. G. wirkt auf mich wie eine typisch Berliner Pflanze, was man auch sehr schön an einigen Kapiteln der Ritter vom Geiste nachvollziehen kann. Keller hätte ich da nicht gesehen.

    Zu den "Rittern vom Geiste" hatten wir hier übrigens mal eine Leserunde.

    Ansonsten habe ich von Meyrink nur einige Erzählungen gelesen. In der Sammlung "Des deutschen Spießers Wunderhorn" gibt es faszinierende Geschichten von gruselig bis urkomisch.

    Diesen Band habe ich mir vor anderthalb Jahren in einem faszinierenden Antiquariat in Bamberg gekauft, aber auch noch nicht gelesen.