Beiträge von finsbury

    Doris, herzlich willkommen zurück. Deine Liste ist schön, die meisten Titel davon kenne ich und habe sie sehr gern gelesen, besonders die Buddenbrooks, wie ja auch Jaqui meint.

    JakobVonGunten, da hast du dir ja einiges vorgenommen. Für die Josephs-Romane habe ich zehn Jahre gebraucht, bis ich alle gelesen hatte. Aber eigentlich lassen sie sich gut lesen, wenn man sich erstmal in den Stil eingefunden hat. Gutes Gelingen!

    Bin gespannt, was du zu dem Schluss meinst, Zefira. Der Verfasser des Nachworts in meinem kleinen Büchlein, Heiko Postma, bemängelt ihn, er kommt ihm zu abrupt. Ich finde das aber gerade gut, weil Gaskell wirklich den Schwerpunkt auf die Atmosphäre legt, nicht auf Vorher, Nachher. Sie thematisiert das moralische Problem, aus dem der Grusel entstand und sie löst es auch auf, mehr braucht es nicht, finde ich. Es ist jetzt allerdings auch keineswegs die beste viktorianische Gruselgeschichte, aber eine nette kleine Fingerübung.

    Iphigenie bei den Taurern


    Euripides hat dieses Drama, dessen Handlung zeitlich nach derjenigen von "Iphigenie in Aulis" liegt, ca. fünf bis sechs Jahre vor dem letzteren geschrieben und aufführen lassen, 412 v.u.Z.


    Iphigenie wurde, anstatt geopfert zu werden, im letzten Moment von der Göttin Artemis ins "Barbaren"land zu den Taurern (Skythen) in der Nähe der Halbinsel Krim am Nordrand des Schwarzen Meeres entrückt. Dort dient sie in einem Artemis-Tempel als Hohepriesterin und hat die grausame Aufgabe, alle Griechen, die das Land betreten, zu töten und der Göttin zum Opfer zu bringen.

    Eines Tages nun werden Orestes, ihr jüngerer Bruder, und sein treuer Freund Pylades an der taurischen Küste von Hirten aufgegriffen und zum Tempel geführt. Die beiden sind mit dem Schiff hierher gekommen, um das Artemis-Bild des Tempels zu stehlen und nach Attika zu bringen. Dieses hat der Gott Apollo Orest aufgetragen, damit er endlich von den Erynnien erlöst wird, die ihn seit dem Mord an seiner Mutter Klytaimnestra verfolgen.

    Iphigenie, die sich zuvor vor dem Chor der griechischen Jungfrauen, die hier auch gegen ihren Willen zum Tempeldienst festgehalten werden, sehr unglücklich über ihr Schicksal als menschenopfernde Priesterin geäußert hatte, träumte in der Nacht zuvor davon, ihr Bruder Orest sei gestorben und sie habe ihn dem Tod geweiht.

    Nun werden die beiden jungen Männer von den Häschern vor sie geführt und es kommt zu einem lebhaften, bald schon komödiantischen Dialog, da Iphigenie sich bei den Landsleuten nach ihrer Familie erkundigt, ohne allerdings ihren Bezug dazu zu verraten und Orest grimmig die Nennung seines Namens ablehnt. Iphigenie will einen der beiden in ihre Heimat mit einem Brief an ihre Familie zurückschicken und nur den anderen opfern. Edelmütig verzichtet Orest zugunsten seines Freundes Pylades. Dieser bringt nun durch einen Trick die Wahrheit ans Licht. Indem er Iphigenie davon überzeugt, ihm nicht nur den Brief, sondern auch dessen Inhalt anzuvertrauen, falls der Brief wegkäme, erkennen sich die beiden Geschwister und die Freude ist groß.kauffmann_iphigenie.jpg


    Mit einem listenreichen Täuschungsmanöver gelingt den dreien samt dem Götterbildnis die Flucht, doch dann scheint das Meer das Schiff wieder an die Küste zurückwerfen zu wollen und der ob der Täuschung erzürnte Landesherr Thoas befiehlt, die drei wieder aufzugreifen. Doch dann erscheint Athene als dea ex machina auf dem Dach des Tempels und befiehlt dem Landesherrn, die drei entweichen zu lassen und sich mit der Situation abzufinden.


    Auch hier, trotz der starken Einbindung der Götter in die Geschichte, geht es nicht eigentlich um den Konflikt göttliche Forderung - menschliches Schicksal, sondern die Protagonisten setzen sich mit den ihn gegebenen Schicksalsparametern eher vernunftbetont auseinander und schauen, wie sie aus ihrer Lage entkommen. Von der Handlung her ist dieses Drama kurzweiliger und temporeicher als die aulische Iphigenie, wenn es auch weniger einheitlich einen Konflikt von mehreren Seiten beleuchtet wie dort. Das jüngere Drama erscheint mir tiefer, aber die taurische Iphigenie ist sicherlich die bühnenwirksamere.


    Deshalb ist dieser Dramenstoff auch viel häufiger später wieder aufgenommen worden. Literarisch am bedeutsamsten ist sicherlich Goethes "Iphigenie auf Tauris".

    Ich habe das einmal in unserem Mutterforum mitgemacht, und da hat mir das Buch auch nicht so gut gefallen. Danach habe ich es gelassen. Ich fühle mich dann in meiner Meinungsäußerung den Autoren und Verlagen gegenüber freier. Wahrscheinlich ist das Blödsinn, aber es geht mir besser damit.

    Die "Iphigenie in Aulis" von Euripides wurde posthum von seinem Sohn mit dem gleichen Namen auf den Dionysien von 405 v.C. uraufgeführt

    Sie behandelt die Opferung von Agamemnons Tochter Iphigenie, die von der Göttin Artemis verlangt wird, damit das griechische Heer Fahrtwind bekommt und in Troja erfolgreich um den Rückerhalt Helenas kämpft. Iphigenie wurde mitsamt ihrer Mutter Klytaimnestra von ihrem Vater ins Heerlager gebeten, unter dem Vorwand, sie dort mit dem großen Helden Achill zu vermählen. Durch verschiedene Umstände fliegt dieser Betrug jedoch auf, und das Drama besteht aus den Dialogen zwischen den beteiligten Personen, die sich mit den tragischen Konflikten beschäftigen, in denen sich insbesondere Agamemnon, aber auch Iphigenie befinden. Agamemnon schreckt vor der Tat zurück und will Iphigenie vom Heerlager zurückhalten, wird dann aber dadurch zur Härte gezwungen, dass große Teile des Heeres über die Artemis' Willen bereits informiert wurden und nun die Opferung erwarten, anderfalls die Familie der Artriden, also Agamemnon und die seinen, mit noch schlimmeren Folgen zu rechnen hätten.

    Iphigenie fleht zunächst ihren Vater an, ihr junges Leben zu schonen, ändert dann aber ihren Sinn, als sie Achill, der von dem Betrug erfahren hat und ihr helfen will, mit seinen Mannen vor der Übermacht des griechischen Heeres sieht. Um kein Blutbad zu verursachen, will sie sich nun für die Sache der Griechen opfern. Im Augenblick der Tötung wird sie aber von Artemis entrückt und auf ihrem Platz befindet sich eine Hirschkuh.
    Ein weiteres, von den Artriden diskutiertes Problem dabei ist, dass die unschuldige Iphigenie geopfert werden soll, damit Menelaos die Ehebrecherin Helena zurückbekommt.

    Die literarische Wertung zählt dieses unvollendete Drama (Teile des Prologs passen nicht zusammen, da fragmentarisch, der Botenbericht über die Entrückung am Ende ist späteren Datums) zu den besten Werken Euripides', weil hier die psychologische Zeichnung der Personen besonders fein sein soll. Das ist richtig, insofern die Dialoge und Monologe von Agamemnon, Menelaos und Iphigenie den jeweiligen Seelenzustand vor und nach ihrer Umorientierung differenziert wiedergeben. Allerdings erscheint die Motivation für den Meinungswechsel sehr schnell zu wirken, der Entscheidungsprozess, oft das psychologisch Spannendste in späteren Dramen, bleibt hier außen vor.

    Für mich ist bei diesem Drama Klytaimnestra die schlüssigste Figur, die um ihr Kind kämpft und deren Argumente man zu jedem Zeitpunkt nachvollziehen kann, deren Aufgebrachtheit gegenüber Agamemnon und Verzweiflung zutiefst menschlich wirken.

    Herzlich willkommen, schokotimmi!

    Deine Liste enthält ja einige Schwergewichte! Viel Spaß dabei, und du findest hier zum Teil auch Material aus vergangenen Leserunden dazu. Natürlich kannst du den letzten Titel dazu nehmen. Wir sehen das hier nicht so eng mit der Abgrenzung von Klassikern. Es sollen halt Bücher sein, die schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel haben und dennoch immer wieder aufgelegt werden, weil sie anscheinend überzeitlichen Bedürfnissen entsprechen.

    Bin nun endlich fertig mit dem dicken Wälzer "Das andere Geschlecht" von Simone de Beauvoir.


    Der erste Teil war sehr erhellend, der zweite, deutlich umfangreichere auch durchaus eine Qual. Insgesamt aber eine sehr anregende, oft auch runterziehende, aber weiterbringende Lektüre.

    Ich gehe jetzt in den Endspurt für 2020 mit den beiden Euripides -Dramen um Iphigenie. Los geht's mit "Iphigenie in Aulis", bei der Iphigenie von ihrem Vater Agamemnon nach Artemis' Wille geopfert werden soll, damit die Griechen einer Windflaute entgehen, die ihre Abreise nach Troya verzögert. Danach kommt dann "Iphigenie in Tauris", wohin Iphigenie im Augenblick ihrer Opferung von Artemis entrückt wurde. Sie dient dort als Hohepriesterin und was da passiert, kann man auch gut bei Goethe nachlesen.

    Gerade lese ich eine schön und elegant geschriebene Romanbiografie ("Pflaumenblüten im Schnee" von Liza Dalby) über die Autorin eines der wichtigsten Romane der Weltliteratur: "Die Geschichte vom Prinzen Genji" von Murasaki Shikibu, entstanden um die Wende vom 10. zum 11. Jahrhundert unserer Zeitrechnung.

    Neugierig geworden werde ich mir diesen japanischen Klassiker selbst zu Weihnachten schenken: Die ungekürzte Ausgabe übersetzt von Oskar Behnl, von Manesse als zwei dicke Bände in japanischen Brokat gebunden und im Schuber veröffentlicht: Ein Fest für Bibliophile!


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    Hm ... ich war ziemlich enttäuscht. Zum Glück hatte ich das Buch nur geliehen erhalten. Aber seitdem gehört Lewinski für mich nicht zu den Gegenwartsautoren, von denen ich vielleicht noch einmal etwas lesen werden.

    Na ja, wir haben ja schon häufiger nicht in unserem literarischen Geschmack übereingestimmt. Jedem Tierchen sein Pläsierchen!

    Ich habe vor Jahren von Lewinski "Melnitz" gelesen, ein Roman über ein jüdische Familie in der Schweiz. Von dem Roman war ich sehr angetan. Vor ein paar Monaten habe ich mir noch "Der Wille des Volkes", einen dystopischen Kriminalroman gekauft. Der Plot klingt sehr interessant, aber er steht im Moment nicht auf der nächsten Präferenzliste.

    Das hat auch was mit dem noch frischen Speicher zu tun. An meine ersten hundert Bücher erinnere ich mich viel besser als an fast alle anderen danach, weil sie frische Eindrücke in die kaum berührte Leseseele gruben. Später überlagern sich die Eindrücke und werden schnell beliebig. Dann muss ein Buch schon sehr aufs Eis hauen, wie in dem von mir gewählten Motto, um noch wirklich starke Spuren zu hinterlassen.