Beiträge von finsbury

    Bei erneutem Lesen, fasz 40 Jahre später, stellte sich heraus, dass mir genau die Stellen am besten gefielen, die ich als Jugendliche ein wenig langweilig fand.)

    Genau das stelle ich beim zweiten Lesen auch oft fest. Und andersrum: Die Stellen, die ich damals markiert habe und gut fand, sind mir heute häufig zu pathetisch oder zu banal. Aber hinter solchen Neubewertungen steckt eben auch ein langes Leserleben . Manchmal bin ich auch ein bisschen sentimental gegenüber meinem alten Lese-Ich, das noch so leicht zu erobern und beeindruckbar war.

    Ein Problem sind übrigens bei mir uralte Taschenbücher, die beim Aufschlagen zerfallen. Habt ihr das auch? Ich habe mehrmals Bücher (hauptsächlich aus dem Fischer Verlag, die ich geerbt hatte) entsorgen müssen, weil sie in in einzelne Blätter auseinanderfluselten.

    Und die kann ich aber zum Teil nicht aufgeben, weil sie mit meinen frühen Lesererfahrungen zusammenhängen und ich darin auch unterstrichen und kommentiert habe. Z.B. ganz viele Bücher von Thomas Mann sind bei mir nur Seitensammlungen und auch die "Blechtrommel" ist eine der ersten, inzwischen vollkommen zerfledderten Taschenausgaben.

    Meine Bücher verwaltete ich früher nur handschriftlich, heute in einer Excel-Tabelle und habe sie unter verschiedenen Kategorien gelistet, so dass ich sie jeweils danach sortieren und aufrufen kann. Die "wertvolle" Literatur, d.h. Weltliteratur und Belletristik mit Anspruch, umfasst 2600 Titel, dazu gehören aber auch ganz viele einzeln aufgeführte Aufsätze, Erzählungen usw. Dann habe ich noch 1400 Titel bei den Sach- und Fachbüchern, die umfassen aber auch Sach- und Fachmagazine, die ich sammele. Gelesene Titel markiere ich farbig und notiere die Jahreszahl. Aber ich bin auch ein Listenfreak :spinnen:.

    Ich bin inzwischen fertig und kopiere hier mal die Rezension fürs Mutterforum herein, weil ich das Buch da für eine Monatsrunde und einen Wettbewerb gelesen habe.


    Johann Gottfried Seume (1763-1810): Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802


    Seumes autobiografische Aufzeichnungen zu seiner vorwiegend zu Fuß von Leipzig nach Syrakus und über Paris zurück unternommenen Reise sind ein Klassiker der Reiseliteratur. Seume schafft hier zum ersten Mal in der deutschen Literatur eine anschauliche Beschreibung dessen, was er an den durchreisten Orten aktuell antrifft: Unverblümt kritisiert er die Regierungen und Besatzungen der besuchten Gebiete, durchleuchtet Idole wie Napoleon kritisch und geht besonders mit den Klerikern der katholischen Kirche in ein hartes Gericht. Das Ganze passiert -und das ist, was auch mir für jene Zeit sehr neu und unverfälscht erscheinen lässt – von einem pragmatischen, ideologiefernen Standpunkt aus. Seume findet klare Worte für den Missbrauch von Macht und die Ausbeutung der armen Landbevölkerung. Das klingt schon fast revolutionär, doch er sieht auch die Französische Revolution und ihre Folgen sehr kritisch. Weniger interessieren ihn, was vorher oft im Mittelpunkt von Reisebeschreibungen stand, die Kunst und die kulturellen Leistungen der besuchten Landstriche: In fiktiven Briefen an einen ebensolchen Freund hakt er diesen Teil der Eindrücke meist recht kurz ab und verweist auf einschlägige Literatur, wo man das viel besser nachlesen könne.


    Seume verlangt dem Leser und insbesondere einem, der das Werk nackt, ohne Anmerkungsteil, liest, sehr viel ab. Er verwendet oft und ohne Übersetzung originalsprachliche Zitate aus dem alten Griechisch und Römisch, aus dem Italienischen und Französischen, ja sogar aus zahlreichen Dialekten, vom sizilianischen über den neapolitanischen bis zum pfälzischen, den er – als Sachse – äußerst merkwürdig und gewöhnungsbedürftig findet. Daneben verballhornt er Fremdwörter, die ein humanistisch gebildeter Zeitgenosse damals so draufhatte, kaum eine Chance, die Bedeutung mithilfe des Internets herauszufiltern. Man muss sich außerdem auch in den Seitenästen der griechischen und römischen Mythologie sowie der aktuellen politischen Situation von 1802 und dem Jahrzehnt davor gut auskennen, um auch nur einen Großteil dessen, was er so alles schreibt, zu verstehen.


    Deswegen sind mir bestimmt viele interessante Details entgangen und es kam auch zu kleinen Frustrationen, weil so vieles einfach gar nicht nachzuschlagen war. Hin und wieder haben mich auch die Wiederholungen seiner Kleriker-Schelte und sein Leid mit den ewigen Makkaroni genervt, aber insgesamt habe ich sehr viel Neues oder Bekanntes unter einem höchst modernen Blickwinkel kommentiert erfahren.

    Kein Lesegenuss, aber ein wichtiges Buch, dessen Lektüre dem Motto folgen sollte:

    Bevor sich ein Buch an uns bewährt, müssen wir uns als Leser an dem Buch bewähren.

    (Von wem das stammt, habe ich leider vergessen.)

    Na ja, Raabe würde ich nun auch nicht gerade als vergessen bezeichnen. Er ist doch einer der größten Klassiker des deutschen Realismus. Auch Herman Bang und Keyserling sind wohl etabliert, wenn auch nicht in großen Kreisen, aber doch in der Literaturwissenschaft.

    Ich habe einige Tage Pause gemacht, weil das Werk doch für mich recht anstrengend zu lesen ist und auch viele Wiederholungen hat, wie ich oben schon mehrfach erwähnte. Inzwischen bin ich in der Schweiz und hoffe, dass ich mal wieder etwas mehr Leselust dazu habe und mich nicht weiter in eskapistischen Alternativen auf dem E-Reader ergehe :wegrenn:.

    Das scheint mir ein sehr interessantes Buch zu sein, Zefira . Ich bin zwar absolut kein Opernfan, nehme davon aber die Barockopern und ihre Vorgänger aus. Monteverdi und seine Zeit finde ich schon spannend und gerade das über die Aufführungspraxis und das Arbeitsleben der Musiker ist interessant. Danke, dass du uns hier auf den Titel aufmerksam gemacht hast.

    Nach einer Woche Pause bin ich gestern wieder eingestiegen und habe nun Syrakus hinter mich gelassen, bin auf dem Rückweg. Syrakus ist wirklich genau in der Mitte des Buches. Hier ist die Anzahl der klassischen Anspielungen am höchsten, wie sie sich ja seit Beginn von Seumes Anwesenheit auf Syrakus gesteigert hat. Es sind scheint's mehr die Griechen als die Römer, die seinen klassisch gebildeten Geist ansprechen. In Syrakus ist es vornehmlich die Herrschaft des Tyrannen Dionysius, die Seume in ihren Überbleibseln sucht. Dabei hat er fachkundige Begleitung in Person des einheimischen Altertumsforschers Landolina, der Seume hier anregt. Weiterhin bleibt das berechtigte Wettern gegen die merkantilistisch-absolutistische Misswirtschaft und gegen die lähmende Macht der katholischen Kirche und des durch sie dort verbreiteten Aberglaubens die Haupt-Zielrichtung seiner politischen Äußerungen.


    Es ist vieles schon redundant und daher zieht sich die Lektüre, auch wenn es immer wieder schöne Einzelbeobachtungen gibt und einige Beschreibungen der sizilischen Gartenlandschaft einen fast dorthin zwingen.

    Auch ich bin nun in Sizilien gelandet und verhalte vor dem Kapitel "Agrigent". Es ist ja nun wohl der Buchtitel ein wenig falsch gewählt, da noch nicht mal die Hälfte des Werks durch ist und er doch sicher bis Syrakus nicht 170 Seiten braucht. Also müsste es eigentlich "Spaziergang nach und von Syrakus zurück" heißen. Und tatsächlich weisen die Kapitel, wie ich in meiner E-Ausgabe erst jetzt im Inhaltsverzeichnis wahrnehme, wieder über Paris zurück nach Hause. Also werden wir einige Orte wohl noch einmal sehen.

    Wie dir, thopas , ist mir auch aufgefallen, wie sehr die Reisenden sich vor der Räuberei fürchten. Dabei wundert mich, dass Seume sich so sicher fühlt. Denn er muss doch reichlich Bargeld bei sich haben, wenn er immer so über die hohen Preise und Trinkgelder stöhnt oder die Unterstützung eines Mitreisenden wie des Franzosen, dem er neue Schuhe kauft. Sicherlich hat er Kreditbriefe mit, und in Palermo wird auch einmal erwähnt, dass ihn Herren, bei denen er frisches Geld tankt, vor der Alleinreise durch Sizilien warnen. Aber ansonsten habe ich Bankbesuche bisher überlesen oder er hat nicht über sie geschrieben. Und wenn er seine Kreditbriefe an Räuber verloren hätte, wäre er ja auch blank gewesen. Wie er die Reise sowieso finanziert hat, ist mir unklar. So viel hat er wohl auch vorher nicht verdient. Schließlich kommt er aus einem armen Elternhaus, ist Lektor beim Göschen-Verlag, womit man weder heute noch früher Reichtümer verdient hat, und hat nicht reich geheiratet. Ein Mirakel … . Aber vielleicht kennt sich einer rfder Mitleser mit Seume aus oder dem finanziellen Rahmen einer Italienreise zur damaligen Zeit und kann hier weiterhelfen?!


    Es entgeht mir viel, dadurch dass ich keine Anmerkungen und kaum Kenntnisse im klassischen römischen Altertum und seiner mittelalterlichen und neuzeitlichen Fortsetzung sowie seinen Mythen habe. Bei den Griechen kenne ich mich etwas besser aus, aber was es mit der bösen Königin bei Neapel und dem Ritter Hamilton zum Beispiel auf sich hat und die Szene mit dem Zyklopen, der sich in Galatea verliebte, da versagt's. Und es sind einfach zu viele solcher Anspielungen als dass man das alles ergoogeln könnte.

    Inzwischen bin ich bis Bologna gekommen. Es macht Spaß, hält aber ziemlich auf, dass man soviel nachschlagen muss, wenn man nur die Basisausgabe hat. Interessant ist, wie die Slowenen von Seume gesehen wurden. Teil der KuK-Monarchie, dennoch Slawen und ein bisschen fremd. Die "Krainer" nennt er sie. Ob das wohl der gleiche Wortstamm ist wie in "Ukraine"?

    Triest lässt Seume kalt, weil es eine Kaufmannsstadt ist und er nicht "merkantil" sei. Aber auch Venedig und Padua erledigt er schnell und lässt immer wieder merken, dass es ihm nicht um Kultur im engeren Sinne geht: Am interessantesten findet er noch die Theateraufführungen.

    Nun schreibt er kurz bevor er nach Bologna aufbricht, er wolle an der Adria-Küste bis zum Stiefelabsatz reisen und von dort zum Ätna übersetzen. Wie er da dann Rom dazwischenklemmen will, das finde ich - rein geografisch gesehen - interessant.

    Es geht ein wenig mühselig, für Seume, weil er nun in die steiermärkischen Berge musste und für mich, da ich auch unterwegs bin und wenig Zeit zum Lesen und Schreiben habe.


    Interessant waren die Ausführungen zu Gerechtigkeit und Biligkeit. Ich habe es so verstanden, dass Billigkeit bedeutet , dass man sich jenseits von Gesetzen mit Personen oder Umständen praktisch arrangiert, während Gerechtigkeit nichts Subjektives haben darf. In dem Zusammenhang ist auch der Begriff der Gnade interessant, den Seume nicht religiös meint, sondern als die Willkür von Fürsten und anderen Obrigkeiten, die sich damit über das Gesetz stellen und ihre Untertanen dadurch einer durchsetzbaren Sicherheit berauben.


    In Graz war ich auch mal. Auch heute noch eine sehr schöne Stadt, die ich zudem noch im Glanz des Sommers erlebt habe.

    Bin gerade mit Wien fertig geworden. Interessant ist, dass Seume, obwohl seine Interessen nicht im künstlerischen Bereich liegen, dennoch jede Gelegenheit nutzt, ins Theater zu gehen. Das muss doch in einer viel größeren Breite genutzt worden sein als heute, schließlich gab es kein Kino und Fernsehen. Das ist mir theoretisch durchaus klar, aber immer wieder wird mir bei solcher Lektüre bewusst, auch wie anders die Freizeitgestaltung damals war, für diejenigen, die überhaupt über solche verfügten. Auch hier wird Seume schon ein bisschen ätzend gegenüber den Reichen und Schönen, indem er die Künste des (über die Jahrhunderte hinweg berühmten) Theaters an der Wien von Schikaneder mit denen des Hofburgtheaters kontrastiert.
    Die Passschwierigkeiten finden wir angesichts der EU momentan vielleicht ganz niedlich belächelnswert, aber warten wir nur auf den Brexit und wie's dann wird … .
    Ich fand nicht, Jaqui , dass er mit euch Österreichern bisher besonders kritisch ins Gericht gegangen ist, es zielt bisher immer gegen die Obrigkeit, die bestimmte Missstände zulässt.