Beiträge von finsbury

    Auf den letzten Metern … . Immer mehr entpuppt sich der Roman als ein antikes Drama mit Verzierungen und Aufbauten aus verschiedenen anderen Epochen und Geisteshaltungen. Und jetzt am Ende fällt aber all dieser Zierrat ab, und die blanke Tragödie treibt unaufhaltsam auf ihr Ende zu. Die Hybris von Ahab entpuppt sich als tiefes Bewusstsein der Unabänderlichkeit des Kommenden.
    Dennoch ist das für das moderne Bewusstsein kaum zu ertragen: Die abgelehnte Hilfeleistung für die "Rahel", die zweimalige Warnung durch die ersten beiden Begegnungen mit Moby Dick, dagegen wehrt sich die eigene Vernunft, aber die ist hier wohl nicht gefragt.

    Bevor die drei Begegnungen mit Moby Dick beginnen, gibt es auch so einen typischen Verweis auf das antike Drama: Das Kapitel 132 "Zusammenklang" ist das retardierende Moment, bringt die Annäherung von Starbuck und Ahab, und kurz schöpft man Hoffnung, aber trotz des herrlichsten Wetters und einer kurzen Weiche in Ahabs Herz, das Ende lässt sich nicht aufhalten. Es ist ja auch von Anfang an klar.

    Ja , da bin ich auch gerade, in Delbancos Biographie. Als ich das Kapitel vorhatte, habe ich daran nicht gedacht und mich gewundert, welches Aufhebens Melville darum macht. Das Kapitel aus der Biografie, das sich mit Moby Dick beschäftigt, habe ich mir seitwärts jetzt auch vorgenommen. Es ist erstaunlich, wie stark Ideen der Romantik, die Unendlichkeit des Unbewussten, das Genie des Dichters, noch in die Mitte des 19. Jahrhunderts- auch in Amerika - ragen.


    Das Schicksal Pips, schon im Mittelpunkt zweier Kapitel, aber dennoch bewusst an den Rand gerückt, ergreift mich als Inländer besonders. Seine Angst ist verständlich und seine Reaktion auch. Ich denke, Melville sieht das auch so und will an seinem Beispiel die Unbarmherzigkeit der Seefahrt verdeutlichen. Nach dieser zweimaligem Todeserfahrung und Demütigung ist Pip für den Unbedachten nicht mehr bei sich, für den Autor noch mehr bei Gott, d.h. für mich bei der Einsicht in die inneren Zusammenhänge. Melville kommt äußerlich nicht raus aus dem Rassismus seiner Zeit, gibt aber dennoch gerade den ethnisch scheinbar unterlegenen Individuen wie Quiqueg und Pip die zum Teil tiefsten Gedanken ein. Allerdings steht zu befürchten, dass er damit diesen Einsichten nur ein naturnahes Entspringen unterstellen will, was wiederum ein Zeichen von kultureller Überheblichkeit ist.


    Ich befinde mich in Kapitel 104 und bin wieder etwas gelangweilt von den enzyklopädischen Kapiteln des Romans. Nun also zu den ollen Fossilien Leviathans, dann geht es hoffentlich wieder weiter mit Handlung.

    Dafür habe ich Fedallah mit Abdallah verwechselt. Ich halte im Moment in Kapitel 90 und werde in den nächsten Tagen wohl nicht besonders viel weiterkommen, weil jetzt wieder Arbeitshochzeiten beginnen. Da hast du genügend Zeit aufzuschließen, insbesondere weil du den Delbanco jetzt durchhast. Die Kapitel 89 und 90 sind übrigens sehr witzig und voll des englischen Humors.

    Sehr schön :lachen:, und von wem ist das Döner-Zitat?


    Das Zitat über Abdallah habe ich nicht gefunden, kannst du dich vielleicht im Kapitel geirrt haben?

    Die vielen Wal-Verarbeitungskapitel waren tatsächlich aufgrund der "launigen" Darstellung gut zu lesen. Interessant finde ich, wie hoch Melville sein Opfer schätzt, er stilisiert es ja fast ins Göttliche. Dennoch schien damals - auch bei ihm - nicht das Bewusstsein dafür da zu sein, dass man diese großartigen Tiere dezimiert und vielleicht sogar ihrem Untergang zuführen könnte, obwohl er mehrfach erwähnt, dass die Wale sich inzwischen anders verhalten und die Tiere auch schwerer zu finden sind. Geärgert habe ich mich in dem Zusammenhang auch über den deutschen Kapitän der "Bremen", der im Brass der Wettjagd seinen Gegnern die gerade erbettelte Ölkanne an den Kopf wirft, erstens wegen des Verhaltens gegenüber seinen Wohltätern und auch wegen der Nichtachtung des Tieres, von dem dieses Produkt stammt.

    Inzwischen bin ich bei Kapitel 83 angelangt und ganz froh, dass hier wieder die Waljagd ansteht, nachdem sich die vorherigen Kapitel zwar in witziger, aber insgesamt doch etwas ermüdender Weise den Einzelteilen des Pottwals gewidmet haben.

    Bin wieder zurück von meiner Verwandtentour, dabei aber kaum zum Lesen, geschweige denn zum Posten gekommen.

    Das Kapitel 48 fand ich auch sehr eindrucksvoll. Es ist das, was man sich naiv von der Lektüre des Moby Dick erwartet, aber dennoch viel mehr. Die Lebensgefahr, die Bedrohlichkeit der entfesselten Natur einerseits, die unadäquate, emotional gesteuerte Reaktion der Menschen andererseits, wie hier die des eigentlich besonnenen Starbucks, der sein Boot mitten ins Verhängnis steuert.

    Im nächsten Kapitel versucht Melville zu erklären, wie Menschen, die solche Situationen erlebt haben, sich ihnen dennoch wieder stellen. Schwer zu verstehen, für mich nur, wenn ich mir klarmache, dass die Schiffsbesatzung außer Meuterei mit den entsprechenden Folgen, keine Möglichkeit hat, auf einem Walfänger der Wiederholung solcher gefährlichen Einsätze auszuweichen.
    Außerdem ist es wohl dieses ans Limit gehen der Abenteurernaturen, der Thrill, den sie dadurch gewinnen. Das bleibt mir persönlich verschlossen, ich nehme es aber zur Kenntnis, dass es da wohl etwas gibt, was einen zu solchen Dingen antreibt. Anrührend fand ich in diesem Zusammenhang die Bemerkung, dass die Bevölkerung doch bitte mit den Waltranprodukten, den Kerzen und Öllampen sparsam umgehe, um das Leben der Walfänger zu schonen. Von der Vernichtung der Tiere ist hier, im 19. Jahrhundert, als der Tisch der Natur anscheinend zumindest im Meer noch im Überfluss gedeckt war, nichts zu vernehmen.


    Danach das Abenteuer mit der "Town Ho" (Kap. 54): wieder so ein kleiner erzählerischer Kringel, um die polyglotte Seite des Walfangs zu inszenieren: Ismael erzählt seine Geschichte, die er über Taschtego erfahren hat, "Freunden" in einer scheint's gehobeneren Kneipe in Lima, die ihn durch Einwürfe unterbrechen und ihm dabei die Möglichkeit geben, ein paar erzählerische Seitenstraßen einzuschlagen, auch hier wieder eine ferne Erinnerung an Jean Paul, der auch - natürlich in anderen räumlichen, zeitlichen Dimensionen und erzählerischen Zusammenhängen - so ähnlich vorging.

    Was du über das Frauenbild Melvilles schreibst und anscheinend auch in eingeschränkter Weise das des Biographen Delbanco, gibt zu denken. Diese Einstellung ist nicht nur aus unserer heutigen Sicht extrem chauvinistisch. Leider hat sich in mancherlei Hinsicht wenig geändert: Gestern ging durch die Medien, dass die Männer sich in der Regel erst dann Erziehungszeit nähmen, wenn die Schreiphase der Babys vorbei sei. Das hat jetzt nichts mit sexuellem Chauvinismus zu tun, sagt aber auch eine ganze Menge über die auch heute noch etablierte Rollenverteilung und die mindere Leidensfähigkeit vieler Männer in Sachen Kinderlärm u.ä. aus. Ich selber habe allerdings keine Kinder, deshalb ist das wohl eine unfaire Bemerkung.


    Ich bin inzwischen im Kapitel 56 angelangt, in einem der vielen Zettelkästen (s.o., Jean Paul), wo es um die künstlerische Darstellung des Wals geht. Bilder und Quellenangaben dazu findest du im Materialthread, für den ich einen tollen Link gefunden habe.

    Inzwischen bin ich im 42. Kapitel und habe die an die antiken Dramen gemahnenden Kapitel mit den Monologen Ahabs und der zwei Steuerleute hinter mir. Schon sehr ungewöhnlich! Und immer mehr habe ich den Eindruck, dass Melville der amerikanische Jean Paul ist. Dem konnte sowas auch einfallen. Starbuck, scheint mir, könnte einer realen Person nachgebildet sein oder Überlegungen und Versagensgefühle des Autors Ausdruck geben. Er ist viel differenzierter und widersprüchlicher als die anderen handelnden Personen.


    Mehr und mehr verdichtet sich Moby Dick zur zentralen Metapher. Es geht gar nicht um irgendeinen Wal, sondern um die nicht zu zähmende Natur, die sich der Hybris des Menschen, hier verkörpert in Ahab, aber auch in der Besatzung, die sich ihm nicht entgegenstellt, sondern seinem Vorhaben zujubelt, entgegenstellt.


    Im Kapitel 42 wird wieder das deutlich, was du, Zefira , anhand der Biografie von Delbanco, aufgezeigt hast, dass anscheinend die rassistische Vorstellung, dass die sogenannte weiße Rasse naturgegeben die anderen anführt, zu Melvilles Zeiten völlig verankert und "normal" war. Heute zieht man bei solchen Stellen doch scharf die Luft durch die Zähne … .


    Ab morgen geht's nun auf Verwandtenrundreise bis Anfang nächster Woche, da werde ich mich nur kurz zwischendurch melden können.

    Ich komme auch nur langsam voran, Zefira, und werde nächste Woche noch weniger Zeit haben, da wir eine kleine Verwandtenrundreise machen, und da kommt im Allgemeinen das Lesen zu kurz.

    Inzwischen hat sich Ahab an Deck gezeigt und der zweite Steuermann Stubbs hat ihn gleich mutig ermahnt, doch nicht durch das ständige Hin- und Hergehen mit dem Holzbein die schlafende Besatzung zu wecken. Dafür bekommt er einen gewaschenen Anranzer, und er ist selbst erstaunt, dass er sich das gefallen lässt. Wobei Ahabs Persönlichkeit solche Kolleranfälle anscheinend nicht nötig hat, denn allein seine Gegenwart, z.B. beim Offiziersessen, sorgt für gutes Benehmen und gedrückte Stimmung. Und der arme Dritte, Flask, muss fast verhungern, da er nur in aller Hast das von den anderen Übriggelassene verspeisen darf. Dass sozialer Aufstieg nicht immer nur glücklich macht, entpuppt sich hier mal wieder ganz eindrücklich.

    Vorher haben mich die Walkapitel aufgehalten, weil ich mein uraltes "Grizmeks Tierleben" ausgepackt habe, um meinerseits zu schauen, wie weit die Walforschung in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts war. Auch ich habe geschmunzelt, dass der Erzähler auf der Bezeichnung Walfisch beharrt, wenn er es auch besser weiß. Aber er lehnt das Linnésche Ordungssystem eben ab und macht sich augenzwinkernd seine eigene Kategorisierung nach Größe und im Vergleich zu Buchformaten. Sehr passend für einen Literaten, wenn auch biologisch nicht besonders zweckdienlich. Ich war diesen Sommer ja in Grönland und kann aus eigener Anschauung bestätigen, was Melville über den Buckelwal sagt, er sei von allen Großwalen der bewegungsfreudigste oberhalb der Wasserlinie. Wir hatten vier Wale um uns herum, die ständig ihre Finne oder Fluke zeigten und gewaltige Fontänen in die Luft bliesen, von den runden Buckeln, die sie machten, ganz zu schweigen (mit den Buckeln sind allerdings wohl eher die lustigen Warzen auf dem Rücken gemeint) . Springen gesehen haben wir sie aber nicht, das hätte wohl auch unserem Boot nicht gut getan.

    Zurück zu Melville: In dem oben erwähnten Kapitel 34 "Mittagessen" wechselt der personale Erzähler auch das erste Mal den Blickwinkel und ein paar Sätze werden aus Flasks Innensicht geschildert. Bin gespannt, ob so etwas noch häufiger vorkommt. Der personale Erzähler wird sowieso nicht so eng gesehen, denn oft werden Dinge erzählt, die Ismael gar nicht gesehen hat, wie z.B. die Kapitänsessen. Die "Zettelkastenkapitel" - wie ich mal nach Jean Paul die "Sach"kapitel nennen will - halten zwar an manchen Stellen die Illusion des Erzählers Ismael auf, wenn z.B. auf die Erfahrungen alter Nantucket-Seebären verwiesen wird, aber man ist sich nicht ganz sicher, ob hier der nautisch versierte Autor selbst oder Ismael sprechen.


    Ich stehe jetzt vor dem Beginn des 35. Kapitels "Der Ausguck". Erfreut hat mich zuvor die Schilderung der Harpunier-Gelage, die dem kleinen Steward eine Heidenangst (wie passend ;-)) einjagen. Das ist ja schon ein eindrucksvolles Trio.

    Bei mir heißt die Stelle:
    "So", sagte Quiqueg, während er ruhig die Leine einholte, "denk-i, wenn das Aug-i von Wal - oh, dann Wal kaputt."

    Es ist schwierig, Quiqueg Pidgin-English nachzubilden, aber der Stil ist wohl getroffen. Das Oh ist allerdings überflüssig.


    Endlich sind Ismael und Quiqueg unterwegs. Die beiden alten Kapitän-Eigentümer waren sehr interessante Figuren, überhaupt kann man sich die eigentümliche Einwohnerschaft von Nantucket nach Melvilles Vergegenwärtigung gut vorstellen.

    Immer wieder arbeitet der Autor mit Vorausdeutungen. Von Anfang an, schon bei den Zitaten, ist klar, dass es irgendwann zu einer Katastrophe kommt. Und auch hier dient immer wieder die Bibel mit Namen und Zitaten, wie z.B. Elias in Kapitel 19. Falls man mal vergessen sollte, dass es schlecht endet, erinnert einen Ismael wieder daran, indem er an die entsprechenden Andeutungen zurückdenkt. Aber er sagt auch, dass man, wenn man schon eine schlechte Ahnung hat, aber schon im Boot ist, die Augen und Ohren vor dem Unglück verschließt. Der personale Erzähler hat also auch ein zurückblickende, kommentierende Funktion, wenn auch bisher selten.

    Die Herablassung Ismaels gegenüber Quiqueg wird zwar auch öfter vorübergehend deutlich, aber er selber nimmt diese Herablassung meist selbst wieder zurück, z.B. im Kapitel "Ramadan", in dem er sich zunächst furchtbar über Quiquegs Selbstkasteiung ärgert, aber dann einsieht, dass jeder so glauben solle, wie er wolle, so lange er andere dabei nicht bedränge.

    Ich bin jetzt im ersten der beiden Ritter und Knappen-Kapitel, in denen die Mannschaft vorgestellt wird. Dann nehme ich an, und wenn alle schon zu weit auf See sind, um zurückkehren zu können, wird endlich Ahab auftreten.

    Danke für deine Ausführungen zu Melvilles religiöser Biografie. Ich habe mir jetzt Delbancos Buch auch bestellt.

    Das klingt gut. Ich habe den verlinkten Artikel gelesen. Vielen Dank. Bei den im Artikel genannten Stellen bin ich noch nicht. Meine Übersetzung bildet aber immerhin - glaube ich - ganz gut die Quäkersprache von Kapitän Bildad nach. Ich werde dann mal schauen, wie es ist, wenn die Ahab-Rede zum Moby Dick kommt.

    Das Verhältnis zwischen Quiqueg und Ismael finde ich auch sehr berührend, und es wird schnell noch viel enger. Die beiden lassen sich auch davon nicht beirren, dass andere ihr enges Verhältnis belächeln. Man erhält den Eindruck, dass sich zwei Seelenverwandte gefunden haben, die nicht viele Worte brauchen, um sich miteinander zu verständigen, sondern sich einfach beieinander wohlig und geborgen fühlen. Schön!!
    Gut gefallen hat mir auch die Sprachgewalt des Seemann-Pfarrers gefallen, der die Jona-Geschichte in zeitgenössisches "Matrosisch" übersetzt und eindringlich macht, wenn auch diese Auffassung vom strengen strafenden Gott nicht so recht in unsere heutige Gottesvorstellung passt.
    Hast du schon aus der Biografie etwas über Melvilles Einstellung zum Glauben erfanren? Ismael sieht sich ja als geboren und erzogen im Schoße der unfehlbaren und alleinseligmachenden Presbyterianischen Kirche.(Kap.10)

    Ich komme im Moment nicht schnell voran wegen hoher Arbeitsintensität und entsprechender abendlicher Müdigkeit, halte im Moment im Kapitel 13.


    Dann haben wir beide eine ungekürzte Ausgabe. Auch meine Vergangenheit mit Moby Dick ist lange her … . Es ist wohl tatsächlich das erste Buch der Weltliteratur, das ich gelesen haben, allerdings ebenfalls in einer gekürzten Variante. Ich führe, seit ich zwölf Jahre bin, eine Leseliste, und da taucht Moby Dick hinter vielen Comic-Sammelbänden und Abenteuerbüchern auf Seite 3 auf. Damals habe ich den Roman wohl auch zuallererst unter dem Abenteueraspekt gelesen. Aber im Gegensatz zu den meisten davor und danach stehenden Büchern habe ich diesen hier tatsächlich über diese lange Distanz in einzelnen Szenen abgespeichert.

    Das Werk beginnt ja recht ungewöhnlich mit den ungeordneten und scheinbar oder anscheinend (?) wahllos angeordneten Zitaten in der "Etymologie" und den "Auszügen". Witzig ist die Zuordnung zu dem "ausgezehrten HIlfslehrer" und danach zu einem "Unterunterbibliothekar". Will Melville dadurch ein Szenario der Überforderung angesichts der Fülle der Aspekte zum Wal andeuten?
    Er genießt jedenfalls sichtlich diese bunte Gegenüberstellung verschiedener Quellen, von der Bibel über Weltliteratur hin zu Abenteuerbüchern, mehr oder weniger Sachbüchern und -Artikeln oder Zitaten von Politikern usw. Dennoch sind die Bezüge zur folgenden Geschichte immer wieder sehr deutlich. Nantucket findet immer wieder Erwähnung, und an einer Stelle wird Ahabs Problem schon mal ganz gut auf den Punkt gebracht, in dem Zitat aus Spensers "Fairy Queen":


    Kein Tränklein von des Arztes kund'ger Hand
    kann helfen, so er nicht zurückekehrt

    zu jenem Schützen, der den Pfeil entsandt

    und ihm die Brust mit ew'ger Qual versehrt -

    gleich wie der wunde Wal durchs Meer zum Strande fährt.


    Über diese Zusammenstellung vieler Zitate sind bestimmt mehrere Dissertationen geschrieben worden, da könnte man bestimmt viel entdecken und herausholen. Aber nun zur Handlung.


    Ein toller Romananfang: Nennt mich Ismael. Einfach und gerade deshalb grandios. Die Lesergemeinde wird sofort einbezogen, der Erzähler ist gegenwärtig und eingeführt. DIe Beziehung der Menschheit zum Meer ist dann das weitere Thema und macht sofort klar, dass der Roman über sein eigentliches Sujet hinaus noch eine oder mehrere Bedeutungsebenen hat.
    Da ich gerade den öfter schon erwähnten New York-Roman von Rutherfurd lese, finde ich es besonders interessant, dass hier das Manhattan aus der Mitte des 19. Jahrhunderts von einem wortgewaltigen Zeitgenossen geschildert wird. Die Verbindung der Menschen zur See wird anhand der Insellage Manhattans verdeutlicht.

    Ismael bricht nun auf, um auf einem Walfänger zur See zu gehen, sein Programm, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. In Anbetracht dessen, was kommen wird, heißt das mit Kanonen auf Spatzen schießen, aber so wird er dann auf sein reines Menschentum zurückgeworfen werden. In einer Vorausdeutung wird dieses auch klar:

    Aus diesen Gründen also war mir die Walreise willkommen; die großen Schleusentore der Wunderwelt taten sich auf, und mit den abenteuerlichen Bildern der Phantasie, die mich auf meine Bahn drängten, fluteten Paar um Paar endlose Züge von Walen in meine innerste Seele hinein - in ihrer aller Mitte aber das verhüllte Trugbild, gewaltig wie ein Schneebild im Ätherblau. (Ende erstes Kapitel)

    Nun geht es nach New Bedford, und damit setzt meine Leseerinnerung ein: dieser vom Walfang geprägte Ort an dem dunklen Abend, wo sich Ismael seine Unterkunft nach möglichst wenig Gemütlichkeit aussucht, in der Hoffnung auf günstige Preise und dann nach langer Vorwarnung auf Quiqueg trifft. Diese Begegnung ist mir über die vielen Jahrzehnte ganz frisch in der Erinnerung geblieben: Ismaels Ängste und sein Erstaunen über die Umgänglichkeit seines so martialisch aussehenden Schlafkameraden, der mich heute übrigens wegen seiner schachbrettartigen Tätowierung an Feirefiz, den gescheckten Bruder von Parzival erinnert. Aber ob Melville da auch Parallelen andeuten will ?? Jedenfalls ist Quiqueg eine der tollsten Figuren der Weltliteratur, die ich kenne, und ich freue mich darauf, ihn wieder eine Weile wieder begleiten zu dürfen.

    Im Moment halte ich mich im Kapitel 8, "Die Kanzel" auf und ergötze mich an der Ansprache des wendigen Pfarrers, der seine Kanzel über eine Schiffsleiter erklimmt. Ob ich das noch schaffen würde? Jedenfalls nicht in der eleganten Form, dass ich mich damit den Blicken einer ganzen Gemeinde aussetzen wollte.

    Eine Biografie von Melville sollte ich mir wohl auch anschaffen. Momentan habe ich nur eine autobiographische Kompilation unter dem Titel "Ein Leben" vom btb-Verlag.


     

    In der nächsten Zeit werden Zefira und ich diesen amerikanischen Klassiker lesen, der 1851 erschien.

    Weitere Mitleser und Kommentatoren sind sehr gerne gesehen.

    Ich lese die Übersetzung von Alice und Hans Seiffert in einer Ausgabe der Bibliothek der Weltliteratur im alten Aufbau-Verlag.