Beiträge von finsbury

    Tatsächlich habe ich jetzt erst :entsetzt: mein erstes Buch für den Klassikerforumswettbewerb 2020 geschafft und endlich - nach zehn Jahren- die Joseph-Tetralogie von Thomas Mann mit "Joseph, der Ernährer" abgeschlossen.

    Und das ist auch gut so, denn erst der letzte Band gibt die Zusammenschau und Pointierung der Idee. Mann wollte ja wohl den Mythen des Totalitarismus einen neu nachgedichteten positiven, die Humanität und die praktische Menschenliebe feiernden Mythos aus der Tradition des Pentateuch entgegenstellen. Das Ganze garniert mit einer schönen Portion Humor, die die Erzväter-Geschichte liebevoll ironisiert und für viele erzählerische Glanzlichter sorgt. Z.B. das "Vorspiel in oberen Rängen", das diesen vierten Band einleitet: Da schütteln die Engel immer wieder halb amüsiert, halb genervt den Kopf über ihren Chef, weil er sich von ihrem gefallenen Kameraden Rosinen in den Kopf setzen lässt und die Menschen absichtlich in schwierige und herausfordernde Situationen schickt. Auch wird erst im letzten Teil deutlich, dass es nicht nur um die Humanität geht, sondern auch darum, ganz praktisch zu denken und den mythisch-religiösen "Überbau" eher distanziert-liebevoll als allein sinnstiftend zu sehen und sich lieber auf die notwendigen Dinge, die eine Gesellschaft am Laufen halten, zu konzentrieren. So muss Joseph auch am Sterbebett seines Vaters Jaakob, obwohl er dessen lange vermisster Lieblingssohn ist, auf die Ehre eines Stammvaters der Israeliten verzichten und diese an seine Söhne Manasse und Ephraim übergeben. Er stattdessen soll als genialer Volkswirt im Gedächtnis der Menschheit weiterleben. Auch ganz klasse: Echnaton, in dessen Regierungszeit Mann kurzerhand den erwachsenen Joseph versetzt und der als empfindsamer, im Prinzip lebensuntüchtiger religiöser Schwärmer dargestellt wird, der den Sonnengott Aton kurzerhand über die ägyptische Götterwelt gesetzt hat.


    Für dieses herausforderende, aber lohnende Werk gilt ein Zitat, das ich im Moment leider nicht zuordnen kann: Ehe die Bücher sich an uns bewähren, müssen wir uns an ihnen bewähren. Ich habe dazu zehn Jahre gebraucht … .

    Aber es lohnt sich!

    Ach, das ist ja schön, dass ihr Lust auf diese Werkfolge habt, Zefira und Karamzin. Bei mir ist es tatsächlich das erste Mal - shame on me - dass ich die Trilogie lesen würde und gesehen habe ich sie auch noch nicht. Und wie interessant, dann auch mal den literatursoziologischen Ansatz, der wohl am Erfurter Gymnasium damals gelehrt wurde, zu besprechen. Wobei auch bei mir im Studium in Bonn in den Endsiebzigern und Anfang Achtzigern die Literatursoziologie noch eine große Rolle spielte, und ich finde, dass vieles davon gerade für ein solches Werk durchaus noch seine Berechtigung hat.

    Es muss nicht gleich der August sein. Aber wir können uns ja nach dir richten, Zefira, sobald du weißt, wie es urlaubsmäßig wird. Wenn's nicht geht und du, Karamzin, vielleicht auch im Herbst könntest, dann wäre das ja auch eine Möglichkeit. Ich liebäugelte dann damit, vielleicht vorher noch seine Geschichte des Dreißigjährigen Krieges zu lesen, aber die ist ganz schön dick, und Schillers Sachtextstil ist nicht so meins. Mal sehen … .

    Diese berühmte Dramenfolge von Schiller, die sich um den General aus dem Dreißigjährigen Krieg dreht, habe ich mir für dieses Jahr vorgenommen. Aber ich würde es leichter und noch spannender finden, wenn andere mitlesen würden, denn es gibt doch viel, was man bei diesen Dramen besprechen könnte. Für Mai und Juni bin ich noch gut beschäftigt, dann kommt der Urlaubsmonat, aber vielleicht hätten welche Lust, sich im Spätsommer oder Herbst an diesen wichtigen Klassiker zu wagen … . Ich würde mich freuen und bin ab August ganz frei in der Planung.

    Wurde eigentlich schon Die Wahrheit über den Fall D. genannt? Ein Krimi von Fruttero & Lucentini, es geht um Dickens’ letzten, unvollendeten Roman "Edwin Drood". Der Dickens-Text wird kapitelweise in den Roman gemischt, drumherum gibt's dann eine Krimihandlung. Ich hab’s als sehr amüsant und pfiffig in Erinnerung, aber mehr weiß ich davon nicht mehr ;-).

    Das war meine allererste Leserunde im Internet, 2004 im Mutterforum. Gibt's sogar noch. Danke für die Erinnerung, war wirklich ein netter Einfall und damals hatte ich tatsächlich verdrängt, wer Captain Hastings ist, aber da gab es ja auch noch nicht die stilvolle Poirot-Serie.

    Dann viel Spaß damit.

    Ich kehre nun von meiner unterhaltsamen kleinen Flucht ins viktorianische London zurück in Josephs Ägypten. Wobei auch Thomas Mann sehr unterhaltsam und auch witzig schreibt, wenn man sich wieder eingelesen hat. Ich hatte gerade die Szene in Joseph 4, in der Joseph - inzwischen in seinem Gefängnis schon zum Assistenten des Hauptmannes der Festung aufgestiegen - zwei hohe politische Beamte, die unter Verdacht stehen, den Pharao ermordet haben zu wollen, betreut. Wie er sie umtanzt, einerseits der Möglichkeit einer Begnadigung eingedenk, andererseits ihnen klarmachend, dass sie schon im Knast sitzen, das ist wieder schönste Mannsche Schilderungskunst mit viel Dialogwitz.

    Ach, das freut mich, hier auf soviel Gleichgesinnte zu treffen. Wobei die Szene mit der Fassöffnung, Zefira, die findet bei dem erfolglosen Künstler William Dent Pitman statt, im Beisein von Morris' Vetter, des umtriebigen, aber dennoch sympathischen Winkeladvokaten Michael Finsbury.

    Ich habe viele Lieblingsszenen in diesem Buch, die, bei der ich gestern so lachen musste, war die Anlieferung der monströsen Herkulesstatue in Morris' Stadthaus, wo gerade die arme Verwandte Julia mit einem jungen Mann flirtet. Wie da das Transportunternehmen und die ganze Aktion beschrieben wird, das ist schon ein echtes Kabinettstückchen.

    Aber die Plus/Minus-Liste, ja, ich glaube, das ist eindeutig nicht zu übertreffen. Ich muss schon beim Schreiben lachen .. .


    Ach ja, und ich lese diesen Roman auch in der "Bibliotheca Dracula", deren weitere Werke auch alle lesenswert und Klassiker sind, natürlich auch der "Onkel Silas".

    Ich hatte dringend eine große Portion schwarzen Humors nötig und habe deshalb den Roman um meine Avatargeber, die Herren Finsbury in "Die falsche Kiste" von Robert Louis Stevenson in Zusammenarbeit mit seinem Schwiegersohn Lloyd Osbourne nach langjähriger Lesepause (fünfmal habe ich es schon gelesen!) wieder hervorgekramt. Nach fünfzig Seiten an sich schon vergnüglicher Lektüre habe ich wieder einen Lachanfall bekommen, wie es kein anderes Buch bei mir erreicht. Das ist wirklich für mich das witzigste Buch der Welt. Wer's noch nicht kennt und britischen Humor schwärzester Art im viktorianischen Gewand mag, möge es dringend lesen!


    Gibt's leider nur noch antiquarisch, aber das Original "The wrong box" müsste als E-Format bestimmt irgendwo gemeinfrei zu haben sein.


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    Thomas Mann kan nie zu lange dauern. (Na ja: fast nie ...) :)

    Die Lektüre ist schon ein Genuss. Aber je nach Lebenssituation eben auch sehr anstrengend, denn jeder Satz will genossen werden, dafür braucht es äußerliche und innerliche Ruhe.

    Hab jetzt endlich mit Thomas Manns Joseph 4: … der Ernährer begonnen. Mal sehen, wie lange ich an diesem Teil lese. Hat bisher alles sehr lange gedauert.

    Ich glaube auch nicht, dass es Mantel um die historische Wahrheit geht, sondern darum, wie Menschen mit Macht funktionieren und was das mit ihnen macht (Wortspiel unabsichtlich :schulterzuck:). Mir gefallen ihre historischen Romane, weil sie trotz ihrer Länge so schön lakonisch sind. Ich weiß nicht, wie ich es anders ausdrücken soll. Sie schwelgen nicht in Romantik, verbreiten sich nicht ewig über die damaligen Lebensverhältnisse, modernisieren ihr Personal nicht, sondern beruhen im Wesentlichen auf Dialogen und der Spannung, die das Ungesagte dorthinein bringt. Das klingt jetzt wenig lesefreundlich, aber ich habe alle bisherigen Bände und auch das tolle "Brüder" über die Französische Revolution verschlungen, weil Mantel gerade durch diese Lakonik Spannung aufbaut und man wirklich meint, bei den Gesprächen dabei zu sein.

    Ich hab mir die Folgen seinerzeit aus der Mediathek geladen, aktuell stehen sie leider nicht zur Verfügung. Aber erfahrungsgemäß wiederholt Arte seine Serien mit einem gewissen Abstand regelmäßig. Also schon mal vormerken ;-).

    Danke für den Hinweis. Wie lädst du übrigens etwas aus der Mediathek herunter? Ich habe da noch keine Möglichkeit gesehen.

    Danke für die Ostergrüße.
    Ich nehme aus jedem Buch was mit, das mich aufrüttelt (vgl. Kafka unten). Das muss nicht immer positiv oder gut gelungen sein.

    Ich nehme hieraus mal wieder mit, wie gefährdet auch hoch gebildete Menschen sind, in Arroganz und Chauvinismus zu verfallen und sich in mystisch angehauchten Theorien zu verlieren. Und wie so oft in der Literatur bietet auch so ein Roman gelegentliche Stellen von Größe, und dazu zählt das 14. Kapitel, das ist wirklich große Literatur, Expressionismus der gelungensten Art.

    Wir treffen uns bestimmt wieder bei einem Buch, das mehr Erfreuliches bietet. Vielleicht sollten wir im Wettbewerbsthread mal nach Überschneidungen suchen. Ich kann mich dieses Jahr so gar nicht auf die von mir gewählten Werke einlassen, möglicherweise habt ihr ja Interessanteres auf euren Listen.

    "Die Wand" war auch für mich ein besonderes Leseerlebnis, wobei mich dieses Sichfügen der Frau in ihr Schicksal, das sie ja auch nicht ändern kann, besonders angerührt hat.


    Was den literarischen Humor angeht, MMMichael, so hast du oben nicht nur den Moers, den ich auch sehr mag, jedenfalls den "Blaubär", sondern auch "Wie es leuchtet" von Brussig, das ja über weite Strecken auch sehr witzig ist, manchmal sogar ein bisschen derb, was aber durchaus auch stimmig ist, sowie "Die Entdeckung des Himmels", bei der ich mich auch an einiges Humorvolle zu erinnern meine. Und auch der "Zauberberg" hat zauberhaft witzige Dialoge, z,B. wenn die beiden Philosophen aufeinander treffen.
    Humor ist dann für mich gelungen, wenn er sich nicht auf etwas richtet, was nicht zu ändern ist, wie z.B. das Aussehen einer Person oder ihre Herkunft, sondern auf unnötig Lächerliches oder sogar Schädliches aufmerksam macht oder einfach durch witzige und virtuose Dialoge gut unterhält. Dann bin ich gern dabei.

    Zefira, danke für die Richtigstellung bezüglich der Leuchterumstellung bei Eidotter, was aber nichts an der Unlogik ändert, wie du ja oben später auch nachvollzogen hast.

    Die Lichterumstellung bei Hauberrisser findet in meiner dtv-Taschenbuchausgabe auf S. 248 unten statt und zwar während des Gesprächs mit Chidher Grün im 12. Kapitel, nachdem Eva verblichen ist und Hauberrisser ihr nach will.


    "Er (Chidher Grün) griff nach den beiden Lichtern und stellte sie um: das linke nach rechts und das rechte nach links, und Hauberrisser fühlte sein Herz nicht mehr schlagen, als sei es plötzlich aus der Brust verschwunden."


    Bezüglich des geschlossenen Raums, du meinst sicher den Tod Klinkherbogks, denke ich auch eher an eine detektivische Konstruktion, aber es interessant, dass ja einer von außen hereinsehen konnte und der Strick nicht riss, nämlich Eidotter. Außerdem setzt Meyrink dieses Setting kriminalistisch ja gar nicht in Wert.


    Den "Golem" habe ich 2002 gelesen und kann mich daher kaum mehr daran erinnern, nur eben dass ich mich über einige rassistische Klischees geärgert habe und das Ganze insgesamt ziemlich verquast fand, aber mit einigen tollen Szenerien in Prag. In dem Jahr war ich - glaube ich - auch in Prag, daher wohl der Griff zu diesem Roman.

    Allerdings muss ich insgesamt sagen, dass es mir schwerfällt, mystisch oder stark religiös orientierte Werke zu würdigen, da mir dafür einfach der Sinn und die Weltanschauung fehlt.