Beiträge von finsbury

    O je! Ich hab mal reingelesen. Da tust du dir ja wirklich was an! Erinnert mich an unsere Sue-Leserunde vor einigen Jahren, das war auch nur schwer durchzuhalten.


    Aber auch ich quäle mich, allerdings durch einen ungleich besseren Roman, immer noch "Die Memoiren des Barry Lyndon". Die Hauptfigur ist ja der Ich-Erzähler, und dadurch fällt es mir öfters schwer, die ironische Distanz zu erinnern, wenn ich sehe, wie Barry Lyndon eine/n nach dem anderen über den Tisch zieht und sich dabei auf die Schultern klopft. Auch wenn Thackeray es immer wieder versteht, durch scheinbar entschlüpfte Nebenbemerkungen des Ich-Erzählers dessen hohle Lebenseinstellung - und die der Gesellschaft, in der er sich bewegt - zu entlarven, muss ich an mich halten, Barrys weitere Abenteuer literarisch zu genießen. Als Lustleser fehlt mir die Distanz, um diesen bösen sarkastischen Roman so recht zu würdigen.

    Dann hast du, Diaz Grey, wahrscheinlich die gleiche Ausgabe der Mannschen Erzählungen gelesen, die ich auch heute noch als mehr oder weniger Lose-Blatt-Sammlung im Regal habe. Aber ich mag mich von Büchern, deren Inhalt ich gelesen habe und schätze, nicht trennen und lese eher nochmal die alte Loseblattsammlung als ein noch steriles neues Buch.

    Ja, die Taschenbücher, die aus den 50ern und 60ern stammen, sind natürlich bar jeder Diskussion, wobei ich einige Rowohlts aus der ersten Hälfte der 50er habe - Sinclair Lewis z.B. -, die sich erstaunlich gut halten.


    In den Endsiebzigern habe ich angefangen, Literatur zu sammeln, mit den begrenzten Mitteln des Jugend- und jungen Erwachsenenalters im Wesentlichen Taschenbücher. EIniges in meinen Regalen von Thomas Mann und Günter Grass stammt aus dieser Zeit und eben von Fischer. Ich denke, der Grund, warum die Leimung der Fischer-Tb so schnell kaputtging, war auch, dass der innere und äußere Rand sehr knapp war, so dass man den Buchrücken brechen musste, um einigermaßen bequem lesen zu können. Dadurch hielten die Blätter schlecht.

    Da hat Schmidt durchaus Recht, und das ist noch schlimmer mit den Taschebüchern, insbesondere z.B. Fischer Taschenbücher aus den Siebziger Jahren. Die gehen im wahrsten Sinne des Wortes alle aus dem leim, wenn man sie jetzt noch mal anfasst.

    Vielen Dank, Diaz Grey, für die erhellenden Ausführungen zum "Barry Lyndon". Bisher bin ich auch recht angetan, während ich "Vanity Fair" vor Jahrzehnten mit weniger Freude las. Ich weiß nicht mehr warum, das Geschehen ließ mich recht kalt und ärgerte mich teilweise.

    Die Ambivalenz Barry Lyndons drängte sich mir von Beginn an auch sehr stark auf. Daraus bezieht der Roman auch einen großen Teil seines Witzes, weil Barry in naiv-dreister Weise sich selbst lobt und in den Himmel hebt und direkt danach selbst seine moralische Verworfenheit offenlegt. Deshalb wirkt er auf den Leser auch nicht so abstoßend, sondern reizt eher den Lachsinn.

    Und nun ein Klassiker der englischen Literatur: "Die Memoiren des Barry Lyndon, Esquire", eine Art Schelmenroman von WIlliam Makepeace Thackeray. Er ist außerhalb der englischsprachigen Welt besonders durch Stanley Kubricks Verfilmung von 1975 bekannt geworden. In meinem Kindler-Lexikon, das auflagenmäßig aus den Anfang-Siebzigern stammt, steht er noch nicht drin.

    Da wären wir wieder bei der Übersetzung von Titeln, giesbert. Ich habe dieses Stück vor einigen Jahrzehnten unter dem Sprichwort-Titel "Klugheit schützt vor Torheit nicht" gelesen.

    In diesem Fall finde ich - und im Nachhinein auch bei dem oben genannten Dostojevskij-Titel - es nicht nur wegen der Genauigkeit - ich weiß nicht, wie Ostrovskijs Drama im Original heißt - gut, dass das Drama nun diesen Titel trägt.
    Denn der in dem Sprichwort verwendete Begriff "Torheit" ebenso wie "Sühne" sagt vielleicht heute jungen Lesern, die sich für diese Texte interessieren, nicht mehr das Gleiche wie der älteren Generation. Die Kenntnis dieser Begriffe ist vielleicht für sie ebenso obsolet wie für uns viele Begriffe, die vor zwei oder drei Generationen Allgemeingut waren.

    Da ist sicherlich etwas dran, allerdings spielt die Übersetzung eine nicht unerhebliche Rolle. Gerade bei Dostojewskij habe ich ein paar alte Winkler-Ausgaben beiseitegelegt und die Übersetzungen von Swetlana Geier im Auge, die aber in den gebundenen Ausgaben ein halbes Vermögen kosten.

    ...

    Letzlich machen die zahlreichen Übersetzungen auch den Reiz von Klassikern aus, denn wo sonst herrscht eine solche Auswahl, bei dem Versuch dem Original so nahe wie möglich zu kommen?

    Ich glaube, dass Übersetzungen auch abhängig vom Zeitgeist und die alten nicht unbedingt schlechter als die neuen sind. Bei so sprachlich hochkomplexen Schriftstellern wie Joyce oder Jean Paul können Übersetzungen natürlich sehr danebengehen. Wo es aber vor allem auch um den Ideengehalt, das Setting, die Figurenkonstellation usw. geht, sind ordentlich gearbeitete Übersetzungen weniger unterschiedlich voneinander und die neuen auh nicht immer treffender. Man denke nur an die oben von mir genannten Titel des Dostojevskij-Romans: Ich denke immer noch, dass "Schuld und Sühne" passender für den am Transzendenten sich abarbeitenden Dostojevskij ist als der neutrale andere Titel, der eher dem weltlicheren Zeitgeist von heute geschuldet ist.

    Außerdem kann man ja meist nur in wenigen Sprachen selbst beurteilen, ob eine Übersetzung gelungen ist und muss sich in den anderen auf entsprechende Rezensionen verlassen.

    Klingt so, als wäre es eher eine Kulturgeschichte und nicht nur eine kulturgeografische Darstellung , wie es der Küster ist, obwohl dessen Lektüre auch sehr erhellend und gut zu lesen war.

    Ja, da machst du mir die Leseraugen groß. Mal sehen, gerade lese ich ein GEO-Epocheheft zum Jahr 1000. Wenn ich das durchhabe, könnte ich den Blackburns als nächstes Sachbuch nehmen. Entspricht zwar nicht meinem Leseplan, aber ich bin im Moment etwas des Historischen, das ich mich vorallem für dieses Jahr vorgenommen habe, müde.

    Deshalb habe ich im Moment auch ein weiteres Werk von Barbara Pym dazwischengeschoben. "In feiner Gesellschaft" beginnt furios komisch mit der Schilderung eines Kongresses wissenschaftlicher Mitarbeiter im editorischen Bereich. Pym at her best! Leider bleibt es nicht ganz so gut, auch weil diesmal die Hauptperson, Dulcy Mainwaring, wie immer eine mittelalte Jungfer, etwas nervtötend neugierig ist. Mal sehen, wie es weiter geht.

    Den Pym hab ich vor zwei, drei Jahren mal wieder gelesen - und fand ihn fürchterlich ;-). Fängt mit Katastrophen an und steigert sich … Aber noch schlimmer ist Jules Vernes Fortsetzung "Die Eissphinx" - gediegene Langeweile. Ich weiß gar nicht, warum ich das bis zum Ende durchgehalten habe. Berge des Wahnsinns habe ich dagegen in sehr guter Erinnerung, aber da bin ich vorsichtig - Lovecraft habe ich so mit 17, 18 verschlungen. Ob ich dem heute noch etwas abgewinnen würde, möchte ich lieber nicht ausprobieren.

    Das wird genau das Problem sein. Selbst bei Dostojevskij, der ja nun doch in einer ganz anderen Liga spielt, springt bei mir heute nicht mehr so der Funken über, zumindest nicht bei "Schuld und Sühne" / "Verbrechen und Strafe". Erstens hatte man damals noch lange nicht so viel Leseerfahrung und zweitens sind die eher emphatischen Texte in höheren Lebensjahren eher komisch als eindrucksvoll. Das gilt auch für Lovecraft, den ich allerdings nie so sehr mochte.

    Davor war neben Oderland ( im Zusammenhang mit vor dem Sturm) David Blackburns schier unglaubliches Werk, "die Eroberung der Natur, eine Geschichte der Deutschen Landschaft". Es ist mir ein Rätsel, wie ein in USA lehrender Brite ein solches Buch schreiben kann. Einige Dinge kenne ich aus persönlicher Anschauung und eigenem Erleben, z.B. Die Talsperren im Oberbergischen und im Sauerland und den Rhein im Abschnitt von Karlsruhe bis Mannheim. Er bringt (zutreffende) Details, die einen Staunen machen. Ja, und alles hängt mit allem zusammen;: Fontanes Oderland, vor dem Sturm und das Oderbruch zu dem Blackbourn Fontane zitiert. Grass und Böll und Christa Wolf kommen auch vor.

    Hallo Volker,


    auch schön, mal wieder von dir zu lesen. Dieses von dir oben angesprochene Werk steht bei mir auch noch rum. Ich habe es nur noch nicht gelesen, weil ich so etwas Ähnliches (wie ich dachte) schon mal gelesen habe, nämlich "Die Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa" von Hansjörg Küster, den ich mal auf einem Geografentag kennen gelernt hatte. Das Buch hat mir damals auch schon die Augen für die Strukturen der Kulturlandschaft weit geöffnet.

    Nachtrag zu Poe,


    da du den Pym ansprachst, Zefira, ist mir eingefallen, dass ich Poe sogar einen meiner stärksten Leseeindrücke zu verdanken habe. Als ich in den frühen Teens war, hatte ich eine fiebrige Erkältung und als Lektüre diesen bildstarken Roman. Spielt er nicht irgendwo im Eis, vielleicht in der Antarktis? Jedenfalls hat mein Fieber die Lektüre noch verstärkt, und dieser Roman ist einer der Gründe dafür, dass ich Abenteuergeschichten, die auf dem Meer und im Eis spielen, bis heute sehr gerne lese. Beim nächsten Fieber kommt der Roman wieder auf mein Nachtschränkchen. Was man sich aber angesichts der derzeitigen Situation nicht wünschen sollte... .

    Mit Poe habe ich mich schon seit Jahrzehnten nicht mehr beschäftigt, nicht, weil ich ihn nicht mag, sondern weil er irgendwie nirgendwo in meinen Lektüren oder anderen Medien, die ich konsumiere, auftauchte. Damals haben alle die, die in den Siebzigern und Achtzigern groß wurden, natürlich die Langrille des Alan Parson Projects "Tales of Mystery and Imagination" gehört, und in dessen Folge (oder war die Folge die LP?) gab es ja einen regelrechten Poe-Hype, in dessen Zug ich auch seine Erzählungen gelesen habe. Später ist er mir nur noch als einer der Väter des Kriminalromans über den Weg gelaufen. Also danke für die Erinnerung, Zefira.

    Du hast die Schwächen schön charaktersiert, Diaz Grey. Ich bin auch kein Fan des Frühwerks von Schillerund kann die Begeisterung einiger dafür kaum verstehen. Die Inhalte sind neu und ungewöhnlich, aber die Ausführung ... .