Beiträge von finsbury

    Von Strindberg habe ich "Das rote Zimmer", "Fräulein Julie" und "Totentanz" in meinen Regalen, aber die Werke sind bisher nie in den Fokus meiner Leseinteressen gerückt, warum auch immer. Irgendwie reizten mich die Themen nicht. Und, Zefira, ich besitze die Bücher schon seit meinen Studienzeiten, aber wenn sie noch nicht gelesen sind, was soll's? Dafür viele andere. Da brauchst du dir kein schlechtes Gewissen zu machen.

    Ja, mach gern mit, Krylow, du wirst sicherlich eine interessante Auswahl treffen und uns durch die Kommmentare zu deinen Büchern hier bereichern.

    Ich habe mir glaube ich zuviel für dieses Jahr vorgenommen: Diese historischen Romane sind alle dicke Schinken, und allein an den "Ahnen" werde ich Monate zu lesen haben. Im Nachbarforum habe ich auch noch einige historische Romane aus dem eher trivialen Unterhaltungssektor auf der Liste, und auch die sind sehr umfangreich. Im Moment habe ich wegen eines kranken Knies noch mehr Lesezeit, aber das wird wohl bald wieder vorbei sein, und wie ich dann vorankomme ... . Meine ursprüngliche Idee, nur fünf Romane auszuwählen, wäre besser gewesen. Aber dann nehme ich den Rest eben mit ins nächste Jahr.

    Der zweite Band der „Ahnen“ – nach „Ingo und Ingraban“ – „Das Nest der Zaunkönige“ erschien 1873. Ca. 250 Jahre sind seit der Handlung des „Ingraban“ verstrichen, und wir befinden uns nun im Jahr 1003, zur Zeit der beginnenden Herrschaft Kaiser Heinrichs des Zweiten, der zu dieser Zeit aber erst König war, kurz vor seinem ersten Italienzug.

    Immo, ein Nachfahre Ingos und Ingrabans – man bemerke die Is, erinnert ein wenig an ein Stutbuch – ist der älteste von sieben Söhnen aus dem gleichen alten freien thüringischen Adelsgeschlecht und von den Eltern zur Buße einer Schuld der Kirche versprochen worden. Dafür eignet sich der wilde Immo aber gar nicht und versetzt als fast fertiger Schüler das hessische Kloster durch Streiche und kriegerische Unternehmungen in ziemliche Aufregung. Schließlich weist ihn der Abt aus dem Kloster, bedient sich seiner aber gleichzeitig als Boten zu König Heinrich. Es ist die Zeit, in der Adelige und auch hohe Geistliche versuchen, möglichst viel von der Königsmacht abzuknapsen und sich selbst einzuverleiben. Heinrichs Regierungszeit ist eine der Konsolidierung der Königsmacht und des Einsetzens der Geistlichkeit zu Verwaltungszwecken.


    Immo nun mausert sich unter Heinrich und später unter dem Sachsenherzog zu einem großen Kriegshelden, von dem überall im Lande die Spielleute singen. Seine Brüder, ihm zuerst feind, weil er das Ältestenrecht für sich fordert, obwohl er ja eigentlich als Geistlicher aus der Erbfolge gefallen war, versöhnen sich mit ihm und helfen ihm, seine geliebte Hildegard, die Tochter eines intriganten Grafen, die er noch auf seinen Eskapaden als Klosterschüler kennen gelernt hat, vor dem Schleier zu retten, den sie auf Geheiß ihres Vaters und des Königs als Genugtuung für die Sünden des Grafen nehmen soll. Im Finale des Buches entscheidet sich endlich vor einem großen Königsgericht, wie es für die „Zaunkönige“ – die sieben freien, noch nicht einmal dem König lehenspflichtigen Brüder – weitergeht und ihrer Mühlenburg, dem „Nest“.


    Dieser Roman folgt wieder einem ähnlichen Schema wie die beiden vorigen: Es zeichnet sich ab, dass Freytag kriegerische Helden mit goldenem Herzen als Protagonisten liebt, die sich mit den Problemen der Zeit – hier mit der Auseinandersetzung zwischen Geistlichkeit, Erbadel und Königtum – auseinandersetzen müssen und dabei natürlich noch eine schöne Frau gewinnen. Dennoch hat auch dieser Band wieder viele Farben, viel Lokalkolorit, das vor allem Lesern gefallen dürfte, die sich in Thüringen auskennen, und große Fabulierlust. Immo ist mir noch sympathischer als seine Vorgänger, weil er diesen jugendlichen Überschwang hat und durch seine naive Gradlinigkeit für die hohen Herren zu einer echten Seelenprüfung wird.

    finsbury

    Eine gute Frage! Mit Deiner Vermutung liegst Du wahrscheinlich richtig bzw. sehr nahe. Ich habe nicht intensiv gesucht, aber eine Seite zum griechischen Osterfest gefunden, wo man auf Bildern Kinder mit Kerzen sehen kann und im Eintrag zum Gründonnerstag folgenden Satz lesen kann: “(…) Nach dem sechsten Evangelium gehen alle Lichter der Kirche aus und die Gläubigen verfolgen mit angezündeten Kerzen und glasigen Augen die Nachstellung der Kreuzigung von Jesus und singen dabei die altgriechische Psalme Símeron kremáte epi ksílou (…).”

    https://www.brauchwiki.de/griechisches-ostern/


    Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Szene auf dem Weg zur Kirche oder von der Kirche nach Hause sein wird.

    Danke fürs Recherchieren! Nach dem Bild zu urteilen, sind die Familien auf dem Heimweg, denn sie bewegen sich von der Kirche im Hintergrund weg.

    Hallo Krylow und herzlich willkommen hier auch von mir. Ich kann mich giesbert nur anschließen, die Formulierung eines Problems hilft bei dessen Lösung, wie ja auch schon Kleist in seinem Aufsatz "Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden" feststellte.

    Das Bild ist sehr stimmungsvoll. Ist es vielleicht ein griechisch- /russisch-orthodoxer Brauch, am Gründonnerstag mit Kerzen aus der Kirche zu ziehen (zumindest die Kinder)?

    Könnte das vielleicht "Gefährliche Liebschaften" nach Choderlos de Laclos sein? Ich meine, die intrigante Marquise de Tralala, kongenial von Glenn Close gespielt, versucht ihren Liebhaber, Chevalier de Ichweißnichtwas - im Film John Malcovitch - zu bestrafen, und sitzt am Ende weinend vor dem Spiegel. Aber sicher bin ich mir nicht. Den Roman las ich vor noch längerer Zeit, als ich den Film sah und bin jetzt zu faul zum Nachgucken.

    Es gibt auch einen ziemlich unsäglichen Fernsehzweiteiler, den jemand mal auf meinen Wunsch für mich aufgenommen hat und mir dann mit der Bemerkung "Hier ist die beim Zuschauen verlorene Zeit" überreichte. Tatsächlich ein vor allem in Dekorationen schwelgendes, sehr oberflächliches Machwerk von 2010. Verglichen damit ist der Comic, den ich auch mal durchgeblättert habe, ein Wunder an Adaption

    Den Roman will ich auch niemandem madig machen, er ist sicherlich sehr farbig und auch spannend und hat selbstverständlich mit den historischen Romanen der Unterhaltungsindustrie wenig zu tun.

    Dennoch bemerke ich diese Gewolltheit, das Manierierte, und hier stößt es mir unangenehm auf, obwohl ich es zum Beispiel bei Th. Mann und Grass durchaus genieße. Vielleicht liegt es daran, dass es dieser längst vergangenen dargestellten Zeit so etwas Künstliches gibt, was die Anteilnahme raubt. Das hat Flaubert ja vielleicht auch durchaus gewollt, insofern als kein wirklich positiver Charakter dort geschildert wird, dennoch bleibt mir das Dargestellte fremd.

    Zu deiner Frage habe ich leider keine Antwort, JMaria, aber ich habe eben einen anderen Roman Flauberts zu Ende gelesen:

    Gustave Flaubert: Salammbô


    Flaubert schildert in seinem historischen Roman von 1862 einen Söldneraufstand gegenüber Karthago, der nach dem Ersten Punischen Krieg in der Mitte des dritten Jahrhunderts v.u.Z. tatsächlich stattgefunden hat.


    Zum Inhalt:


    Hamilkar Barkas (der Vater jenes Hannibal, der später mit seinen Elefanten die Alpen überquerte) ist nach dem Scheitern der Karthager im Punischen Krieg, in dem er einer von zwei Heerführern war, noch nicht nach Hause zurückgekehrt. Die Söldner, die unter seinem Befehl kämpften und die aus allen Gegenden des Mittelmeerraumes und der benachbarten Länder stammen, warten indessen vor Karthago auf den ihnen versprochenen Sold. Um sie zu besänftigen und die Zahlung herauszuzögern, richten ihnen die Karthager im Park von Hamilkars Palast ein großes Festessen aus. Im Zuge zunehmender Alkoholisierung werden die Söldner immer enthemmter, zerstören die Parkanlagen und essen die heiligen Fische der Familie Barkas. Nun erscheint die (fiktive) Tochter Hamilkars – Salammbô – die jungfräuliche Hohepriesterin der Stadtgöttin Tanit – und bringt die Söldner durch ihr hoheitliches Gebaren und indem sie den libyschen Söldnerführer Matho durch das Angebot eines Weinpokals auszeichnet, zur Raison. Dieser jedoch missversteht das Angebot und verliebt sich in die schöne Frau.


    Später werden die Söldner durch einen Trick von der Stadt weg gelockt und man macht ihnen völlig unzureichende Angebote bezüglich ihres Soldes. Schließlich verbünden sie sich alle gegen Karthago und belagern zuerst zwei Nachbarstädte, dann Karthago selbst. Während der Belagerung und auch während der Kriegshandlungen geschehen auf beiden Seiten immer wieder entsetzliche Greueltaten, die Opferung von Kindern, die Verstümmelung und Hinrichtung von Tieren und Menschen. Matho dringt eines Nachts heimlich in das belagerte Karthago ein und raubt den Schleier der Tanit. Diese symbolische Entblößung raubt den Karthagern weiter den Mut, und Salammbô macht sich – aufgehetzt durch ihren Erzieher und Hohepriester – verkleidet auf ins Lager der Söldner und Mathos Zelt, um den Schleier wiederzuerhalten. Dort kommt es zu einem Beilager mit Matho, aber Salammbô kann danach mitsamt dem Schleier ins Heerlager ihres inzwischen zurückgekehrten Vaters Hamilkar fliehen.


    Nach wechselndem Schlachtenglück werden die Söldner schließlich unter entsetzlichen Qualen vollständig aufgerieben und nur Matho wird gefangengenommen. An Salammbôs Hochzeitstag mit dem Überläufer Naravas, einem numidischen Fürsten, wird Matho auf einen rituellen Spießrutenlauf durch die Straßen Karthagos geschickt und bricht schließlich vor den Brautleuten sterbend zusammen. Salammbô, die ihm wohl doch stärker zugetan war, nimmt sich daraufhin mit Gift das Leben.


    Wirkung:


    Flauberts Roman war nach seinem Erscheinen ein echter Skandal, häufte er doch Greueltaten noch und nöcher an und erzählte das Ganze völlig kühl, ohne sich mit einer der Seiten zu identifizieren und irgendetwas zu bewerten. Alle Personen handeln aus Egoismus, auch Gefühle sind ich-bezogen und nie selbstentäußernd. Wenn auch Flaubert eher konservativ war und sich sonst nicht besonders gegen die Politik seines Landes wehrte, kann der Roman doch als Kritik am hemmungslosen Imperialismus seiner Zeit gewertet werden.


    Meine Meinung:


    Ich musste mich durch das Werk ziemlich durchquälen, nur das letzte Drittel hat mich überzeugt.


    Flaubert breitet vor dem Leser einen überaus reichen, ja überreichen Bilderrausch aus, gespickt mit den entlegensten Fremdwörtern, die selbst Altphilologen zum Teil überfordern würden und die auch nicht zielführend sind. Für viele Einrichtungsgegenstände, architektonische Details, Rüstungs- und Schlachtenschilderungen werden Fachbegriffe verwendet, die nur zum kleineren Teil im Glossar der Haffmanns-Ausgabe, in der ich den Roman las, erklärt werden. Insgesamt finde ich, dass Flaubert hier zu detailverliebt vorgeht und den Leser damit überfordert, der immer wieder von der eigentlichen Geschichte abgelenkt wird. Seitenweise werden Interieurs, Rüstungsdetails und Kriegsstrategien geschildert. Ich mag eigentlich einen langsamen, detailverliebten Erzählfluss, der einem das Setting nahebringt, aber hier geht Flaubert zu kunsthandwerklich vor, berauscht sich zu sehr an gekünstelt wirkenden Details. Das gilt auch für die zahlreichen Szenen größter Grausamkeiten: Sie erschlagen sich gegenseitig und lassen einen deshalb kalt. Weniger wäre hier eindeutig mehr gewesen. So kommt mir der Roman eher wie ein literarischer Vorgänger des späteren Art déco /Jugendstils oder auch der Präraffaeliten vor: Die Schilderungen von Salammbôs Aufmachung hätten diese Maler eins zu eins in ihre Bilder umsetzen können, haben es auch getan:


    [Blockierte Grafik: https://www.akg-images.de/Docs/AKG/Media/TR3_WATERMARKED/a/e/3/1/AKG1104026.jpg]


    Carl Strathmann (Salambo, um 1894)


    Der Roman liefert dennoch viel Farbigkeit und spannende Handlung, besonders im letzten Drittel wird die Handlung fortgetrieben, ohne sich ständig in dieser Ornamentik zu verlieren.

    Sehr interessant, Diaz Grey. Gehört habe ich von diesen frühen Werken schon, und mir im Falle der Grönländischen Prozesse sogar überlegt, sie zu lesen, weil ich ein großer Grönland-Fan bin. Deshalb Dank für deine Aufklärung, wie es zu der Bezeichnung kam.


    Schönes Bild, das "Mäandrieren". Passt wirklich sehr gut auf Jean Paul.

    Ich habe jedenfalls große Lust, weiterzulesen und den nächsten Roman in Angriff zu nehmen (dazwischen lese ich aber noch etwas anderes...).

    Das tue ich auch gerade mit Flauberts "Salambo". Das ist auch ein historischer Roman und mag kunstvoller sein als Freytag, aber der Roman nervt mich ungeheuer, weshalb ich auch so langsam vorankomme. Danach werde ich auch den dritten Band der Ahnen lesen.