Beiträge von finsbury

    Da ist sicherlich etwas dran, allerdings spielt die Übersetzung eine nicht unerhebliche Rolle. Gerade bei Dostojewskij habe ich ein paar alte Winkler-Ausgaben beiseitegelegt und die Übersetzungen von Swetlana Geier im Auge, die aber in den gebundenen Ausgaben ein halbes Vermögen kosten.

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    Letzlich machen die zahlreichen Übersetzungen auch den Reiz von Klassikern aus, denn wo sonst herrscht eine solche Auswahl, bei dem Versuch dem Original so nahe wie möglich zu kommen?

    Ich glaube, dass Übersetzungen auch abhängig vom Zeitgeist und die alten nicht unbedingt schlechter als die neuen sind. Bei so sprachlich hochkomplexen Schriftstellern wie Joyce oder Jean Paul können Übersetzungen natürlich sehr danebengehen. Wo es aber vor allem auch um den Ideengehalt, das Setting, die Figurenkonstellation usw. geht, sind ordentlich gearbeitete Übersetzungen weniger unterschiedlich voneinander und die neuen auh nicht immer treffender. Man denke nur an die oben von mir genannten Titel des Dostojevskij-Romans: Ich denke immer noch, dass "Schuld und Sühne" passender für den am Transzendenten sich abarbeitenden Dostojevskij ist als der neutrale andere Titel, der eher dem weltlicheren Zeitgeist von heute geschuldet ist.

    Außerdem kann man ja meist nur in wenigen Sprachen selbst beurteilen, ob eine Übersetzung gelungen ist und muss sich in den anderen auf entsprechende Rezensionen verlassen.

    Klingt so, als wäre es eher eine Kulturgeschichte und nicht nur eine kulturgeografische Darstellung , wie es der Küster ist, obwohl dessen Lektüre auch sehr erhellend und gut zu lesen war.

    Ja, da machst du mir die Leseraugen groß. Mal sehen, gerade lese ich ein GEO-Epocheheft zum Jahr 1000. Wenn ich das durchhabe, könnte ich den Blackburns als nächstes Sachbuch nehmen. Entspricht zwar nicht meinem Leseplan, aber ich bin im Moment etwas des Historischen, das ich mich vorallem für dieses Jahr vorgenommen habe, müde.

    Deshalb habe ich im Moment auch ein weiteres Werk von Barbara Pym dazwischengeschoben. "In feiner Gesellschaft" beginnt furios komisch mit der Schilderung eines Kongresses wissenschaftlicher Mitarbeiter im editorischen Bereich. Pym at her best! Leider bleibt es nicht ganz so gut, auch weil diesmal die Hauptperson, Dulcy Mainwaring, wie immer eine mittelalte Jungfer, etwas nervtötend neugierig ist. Mal sehen, wie es weiter geht.

    Den Pym hab ich vor zwei, drei Jahren mal wieder gelesen - und fand ihn fürchterlich ;-). Fängt mit Katastrophen an und steigert sich … Aber noch schlimmer ist Jules Vernes Fortsetzung "Die Eissphinx" - gediegene Langeweile. Ich weiß gar nicht, warum ich das bis zum Ende durchgehalten habe. Berge des Wahnsinns habe ich dagegen in sehr guter Erinnerung, aber da bin ich vorsichtig - Lovecraft habe ich so mit 17, 18 verschlungen. Ob ich dem heute noch etwas abgewinnen würde, möchte ich lieber nicht ausprobieren.

    Das wird genau das Problem sein. Selbst bei Dostojevskij, der ja nun doch in einer ganz anderen Liga spielt, springt bei mir heute nicht mehr so der Funken über, zumindest nicht bei "Schuld und Sühne" / "Verbrechen und Strafe". Erstens hatte man damals noch lange nicht so viel Leseerfahrung und zweitens sind die eher emphatischen Texte in höheren Lebensjahren eher komisch als eindrucksvoll. Das gilt auch für Lovecraft, den ich allerdings nie so sehr mochte.

    Davor war neben Oderland ( im Zusammenhang mit vor dem Sturm) David Blackburns schier unglaubliches Werk, "die Eroberung der Natur, eine Geschichte der Deutschen Landschaft". Es ist mir ein Rätsel, wie ein in USA lehrender Brite ein solches Buch schreiben kann. Einige Dinge kenne ich aus persönlicher Anschauung und eigenem Erleben, z.B. Die Talsperren im Oberbergischen und im Sauerland und den Rhein im Abschnitt von Karlsruhe bis Mannheim. Er bringt (zutreffende) Details, die einen Staunen machen. Ja, und alles hängt mit allem zusammen;: Fontanes Oderland, vor dem Sturm und das Oderbruch zu dem Blackbourn Fontane zitiert. Grass und Böll und Christa Wolf kommen auch vor.

    Hallo Volker,


    auch schön, mal wieder von dir zu lesen. Dieses von dir oben angesprochene Werk steht bei mir auch noch rum. Ich habe es nur noch nicht gelesen, weil ich so etwas Ähnliches (wie ich dachte) schon mal gelesen habe, nämlich "Die Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa" von Hansjörg Küster, den ich mal auf einem Geografentag kennen gelernt hatte. Das Buch hat mir damals auch schon die Augen für die Strukturen der Kulturlandschaft weit geöffnet.

    Nachtrag zu Poe,


    da du den Pym ansprachst, Zefira, ist mir eingefallen, dass ich Poe sogar einen meiner stärksten Leseeindrücke zu verdanken habe. Als ich in den frühen Teens war, hatte ich eine fiebrige Erkältung und als Lektüre diesen bildstarken Roman. Spielt er nicht irgendwo im Eis, vielleicht in der Antarktis? Jedenfalls hat mein Fieber die Lektüre noch verstärkt, und dieser Roman ist einer der Gründe dafür, dass ich Abenteuergeschichten, die auf dem Meer und im Eis spielen, bis heute sehr gerne lese. Beim nächsten Fieber kommt der Roman wieder auf mein Nachtschränkchen. Was man sich aber angesichts der derzeitigen Situation nicht wünschen sollte... .

    Mit Poe habe ich mich schon seit Jahrzehnten nicht mehr beschäftigt, nicht, weil ich ihn nicht mag, sondern weil er irgendwie nirgendwo in meinen Lektüren oder anderen Medien, die ich konsumiere, auftauchte. Damals haben alle die, die in den Siebzigern und Achtzigern groß wurden, natürlich die Langrille des Alan Parson Projects "Tales of Mystery and Imagination" gehört, und in dessen Folge (oder war die Folge die LP?) gab es ja einen regelrechten Poe-Hype, in dessen Zug ich auch seine Erzählungen gelesen habe. Später ist er mir nur noch als einer der Väter des Kriminalromans über den Weg gelaufen. Also danke für die Erinnerung, Zefira.

    Du hast die Schwächen schön charaktersiert, Diaz Grey. Ich bin auch kein Fan des Frühwerks von Schillerund kann die Begeisterung einiger dafür kaum verstehen. Die Inhalte sind neu und ungewöhnlich, aber die Ausführung ... .

    Von Strindberg habe ich "Das rote Zimmer", "Fräulein Julie" und "Totentanz" in meinen Regalen, aber die Werke sind bisher nie in den Fokus meiner Leseinteressen gerückt, warum auch immer. Irgendwie reizten mich die Themen nicht. Und, Zefira, ich besitze die Bücher schon seit meinen Studienzeiten, aber wenn sie noch nicht gelesen sind, was soll's? Dafür viele andere. Da brauchst du dir kein schlechtes Gewissen zu machen.

    Ja, mach gern mit, Krylow, du wirst sicherlich eine interessante Auswahl treffen und uns durch die Kommmentare zu deinen Büchern hier bereichern.

    Ich habe mir glaube ich zuviel für dieses Jahr vorgenommen: Diese historischen Romane sind alle dicke Schinken, und allein an den "Ahnen" werde ich Monate zu lesen haben. Im Nachbarforum habe ich auch noch einige historische Romane aus dem eher trivialen Unterhaltungssektor auf der Liste, und auch die sind sehr umfangreich. Im Moment habe ich wegen eines kranken Knies noch mehr Lesezeit, aber das wird wohl bald wieder vorbei sein, und wie ich dann vorankomme ... . Meine ursprüngliche Idee, nur fünf Romane auszuwählen, wäre besser gewesen. Aber dann nehme ich den Rest eben mit ins nächste Jahr.

    Der zweite Band der „Ahnen“ – nach „Ingo und Ingraban“ – „Das Nest der Zaunkönige“ erschien 1873. Ca. 250 Jahre sind seit der Handlung des „Ingraban“ verstrichen, und wir befinden uns nun im Jahr 1003, zur Zeit der beginnenden Herrschaft Kaiser Heinrichs des Zweiten, der zu dieser Zeit aber erst König war, kurz vor seinem ersten Italienzug.

    Immo, ein Nachfahre Ingos und Ingrabans – man bemerke die Is, erinnert ein wenig an ein Stutbuch – ist der älteste von sieben Söhnen aus dem gleichen alten freien thüringischen Adelsgeschlecht und von den Eltern zur Buße einer Schuld der Kirche versprochen worden. Dafür eignet sich der wilde Immo aber gar nicht und versetzt als fast fertiger Schüler das hessische Kloster durch Streiche und kriegerische Unternehmungen in ziemliche Aufregung. Schließlich weist ihn der Abt aus dem Kloster, bedient sich seiner aber gleichzeitig als Boten zu König Heinrich. Es ist die Zeit, in der Adelige und auch hohe Geistliche versuchen, möglichst viel von der Königsmacht abzuknapsen und sich selbst einzuverleiben. Heinrichs Regierungszeit ist eine der Konsolidierung der Königsmacht und des Einsetzens der Geistlichkeit zu Verwaltungszwecken.


    Immo nun mausert sich unter Heinrich und später unter dem Sachsenherzog zu einem großen Kriegshelden, von dem überall im Lande die Spielleute singen. Seine Brüder, ihm zuerst feind, weil er das Ältestenrecht für sich fordert, obwohl er ja eigentlich als Geistlicher aus der Erbfolge gefallen war, versöhnen sich mit ihm und helfen ihm, seine geliebte Hildegard, die Tochter eines intriganten Grafen, die er noch auf seinen Eskapaden als Klosterschüler kennen gelernt hat, vor dem Schleier zu retten, den sie auf Geheiß ihres Vaters und des Königs als Genugtuung für die Sünden des Grafen nehmen soll. Im Finale des Buches entscheidet sich endlich vor einem großen Königsgericht, wie es für die „Zaunkönige“ – die sieben freien, noch nicht einmal dem König lehenspflichtigen Brüder – weitergeht und ihrer Mühlenburg, dem „Nest“.


    Dieser Roman folgt wieder einem ähnlichen Schema wie die beiden vorigen: Es zeichnet sich ab, dass Freytag kriegerische Helden mit goldenem Herzen als Protagonisten liebt, die sich mit den Problemen der Zeit – hier mit der Auseinandersetzung zwischen Geistlichkeit, Erbadel und Königtum – auseinandersetzen müssen und dabei natürlich noch eine schöne Frau gewinnen. Dennoch hat auch dieser Band wieder viele Farben, viel Lokalkolorit, das vor allem Lesern gefallen dürfte, die sich in Thüringen auskennen, und große Fabulierlust. Immo ist mir noch sympathischer als seine Vorgänger, weil er diesen jugendlichen Überschwang hat und durch seine naive Gradlinigkeit für die hohen Herren zu einer echten Seelenprüfung wird.

    finsbury

    Eine gute Frage! Mit Deiner Vermutung liegst Du wahrscheinlich richtig bzw. sehr nahe. Ich habe nicht intensiv gesucht, aber eine Seite zum griechischen Osterfest gefunden, wo man auf Bildern Kinder mit Kerzen sehen kann und im Eintrag zum Gründonnerstag folgenden Satz lesen kann: “(…) Nach dem sechsten Evangelium gehen alle Lichter der Kirche aus und die Gläubigen verfolgen mit angezündeten Kerzen und glasigen Augen die Nachstellung der Kreuzigung von Jesus und singen dabei die altgriechische Psalme Símeron kremáte epi ksílou (…).”

    https://www.brauchwiki.de/griechisches-ostern/


    Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Szene auf dem Weg zur Kirche oder von der Kirche nach Hause sein wird.

    Danke fürs Recherchieren! Nach dem Bild zu urteilen, sind die Familien auf dem Heimweg, denn sie bewegen sich von der Kirche im Hintergrund weg.

    Hallo Krylow und herzlich willkommen hier auch von mir. Ich kann mich giesbert nur anschließen, die Formulierung eines Problems hilft bei dessen Lösung, wie ja auch schon Kleist in seinem Aufsatz "Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden" feststellte.

    Das Bild ist sehr stimmungsvoll. Ist es vielleicht ein griechisch- /russisch-orthodoxer Brauch, am Gründonnerstag mit Kerzen aus der Kirche zu ziehen (zumindest die Kinder)?

    Könnte das vielleicht "Gefährliche Liebschaften" nach Choderlos de Laclos sein? Ich meine, die intrigante Marquise de Tralala, kongenial von Glenn Close gespielt, versucht ihren Liebhaber, Chevalier de Ichweißnichtwas - im Film John Malcovitch - zu bestrafen, und sitzt am Ende weinend vor dem Spiegel. Aber sicher bin ich mir nicht. Den Roman las ich vor noch längerer Zeit, als ich den Film sah und bin jetzt zu faul zum Nachgucken.