Beiträge von klaus

    Hallo,


    ich habe lange mit mir gerungen, aber ich möchte mich aus der Doderer-Leserunde ausklinken. Ich fühle mich diesem Mammutwerk im Moment nicht gewachsen, Zeit und Interesse gelten grade anderen Themen.


    Ich wünsche den Leserunden-Teilnehmern viel Spaß bei der Lektüre und werde hin und wieder lesen, was ihr schreibt.


    Gruß
    Klaus :winken:

    Hallo Montaigne, JMaria,


    ich habe nachgeschaut:


    das Bild ist ein (kleiner) Aussschnitt eines Gemäldes von Franz Skarbina. Das komplette Bild sieht so aus:


    Klick mich!


    und heißt: "Strand bei Dunkerque".


    Im Urlaub habe ich grad "Abbitte" von Ian McEwan gelesen, in dem der Rückzug der Engländer 1940 über Dünkirchen sehr breit beschrieben wird: ein seltsamer Zufall.


    Gruß
    Klaus


    edit sandhofer: Bild in URL umgewandelt, um Klagen wegen Traffic-Klau zu verhindern. Nix für Ungut! Grüsse - sandhofer


    Dass jemand diese harmlose Erzählung als Hurengeschichte und gar noch als gräßliche bezeichnet hat, kann man sich heute kaum noch vorstellen und doch ist es gerade mal 4 bis 5 Generationen her. The times they are a-changin.


    Hallo Montaigne,


    ja man wundert sich. Aber Du brauchst gar nicht 4 bis 5 Generationen zurückgehen: bis 1969 galt in der Bundesrepublik der "Kuppeleiparagraf" (wie es in der DDR war, entzieht sich meiner Kenntnis), der es einem Hotelier verbot, ein Zimmer an ein unverheiratetes Paar zu vermieten.


    Insofern war es schon anstößig, in einem Roman einem Paar ohne Trauschein (dem außerdem noch die Sympathie des Autors gehört) Gelegenheit zu geben, ein gemeinsames Nachtquartier zu beziehen, um dort "Unzucht" zu betreiben. Diese wird natürlich mit keinem Wort erwähnt, geschweige denn wie heute oft üblich en detail beschrieben, das wäre nun wirklich mutig gewesen. Und doch reichte wahrscheinlich vielen konservativen, sittenstrengen Lesern schon die Erwähnung dieser Gelegenheit, dass die Fantasie mit ihnen durchging und sie gegen Fontanes Liebesgeschichte Sturm liefen.


    Gruß
    Klaus


    In besagtem Anhang gibt es noch 20 Seiten über die Wirkung des Romans. Wenn sich dort noch etwas Mitteilenswertes findet (was ich vermute), erzähl ich Euch davon.


    Nun möchte ich Euch noch mein Versprechen einlösen. Der Anhang unterteilt die Wirkungsgeschichte in Reaktionen auf den Abdruck in der Vossischen Zeitung und erste Rezensionen der Buchveröffentlichung.


    Die Reaktionen auf den Zeitungsabdruck waren empört und teilweise diffamierend. Ein Mitinhaber der Vossischen Zeitung soll den Chefredakteur gefragt haben, ob denn die "gräßliche Hurengeschichte" nicht bald aufhört? Wenn der Begriff "Landpartie mit Nachtquartier" kursierte, macht dies klar, dass ein großer Unterschied besteht zwischen unserer Deutung des Aufenthalts in Hankels Ablage und der der (spieß)bürgerlichen Leser der 1880er Jahre. Fontane hatte eine Grenze überschritten, seine Liebesgeschichte wurde als Geschmacklosigkeit verurteilt. Rückhalt erfuhr er nur von wenigen Menschen. In einem Brief an seinen Sohn Theodor brachte er sein Unverständnis zum Ausdruck:


    [quote author=Fontane an Sohn Theodor, 8.9.1887]Gibt es denn, außer ein paar Nachmittagspredigern, in deren Seelen ich auch nicht hineinkucken mag, gibt es denn, außer ein paar solchen fragwürdigen Ausnahmen noch irgendeinen gebildeten und herzensanständigen Menschen, der sich über eine Schneidermamsell mit einem freien Liebesverhältnis wirklich moralisch entrüstet? Ich kenne keinen und setze hinzu, Gott sei Dank, daß ich keinen kenne. Jedenfalls würde ich ihm aus dem Wege gehn und mich vor ihm als vor einem gefährlichen Menschen hüten.
    [/quote]


    Zu vermuten ist, dass das bürgerliche Publikum der Vossischen Zeitung, auch nicht der richtige Adressat für die Geschichte war und sie bei einer liberaleren Zeitung besser aufgehoben gewesen wäre. Das zeigt sich auch in dem anderen Aspekt des Romans, der stark kritisiert wurde: der Kritik am Adel und der Parteinahme für den "vierten Stand". Der Roman wurde als Bedrohung der gesellschaftlichen Moral, ihrer Lebenslügen und Heuchelei angesehen. Was die Entlarvung der herrschenden Gesellschaft betrifft und ihrer poetischen Eindringlichkeit und Überzeugungskraft, wehte für den Germanisten Hans-Heinrich Reuter (Fontane, Berlin 1968) in Irrungen, Wirrungen "der Atem Stendhals und Flauberts, Thackerays und Turgenjews".


    Durch den Zeitungsabdruck war Fontane gewarnt und bereitete die Buchausgabe gezielt vor. Konservative Blätter bekamen keine Rezensionsexemplare. Entsprechend war die Kritik diesmal viel freundlicher. Ich möchte auf die einzelnen Rezensionen nicht eingehen, nur ein paar Stichpunkte geben, die immer genannt wurden: das Berliner Lokalkolorit, die plastische Figurenzeichnung, die Echtheit der Dialoge, die Offenheit des Schlusses, Fontanes Konservatismus, pro und contra Mundart, ist es eine Novelle oder ein Roman, Naturalismus ja oder nein, uswusf.


    Ein kommerzieller Erfolg des Buches stellte sich erst nach Fontanes Tod ein. In den 1920er Jahren hatte es mehr Auflagen als Effi Briest oder Jenny Treibel.


    Gruß
    Klaus


    Hallo Montaigne,


    klasse! Ich bin dabei. :klatschen:


    Gruß
    Klaus

    Ich lese gerade aus der Einführung dieses schon erwähnten Bändchens:
     

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    einen Abschnitt, der mal wieder beweist, was einem trotz aufmerksamen Lesens alles entgeht (mir zumindest):


    [quote author=Christian Grawe: Führer durch Fontanes Romane, S. 17]
    Daß Lene Nimptsch und Botho von Rienäcker ihren Wochenendausflug nach "Hankels Ablage" machen, ist schon vom Namen her bedeutsam. Nicht umsonst berichtet der Wirt des Lokals, daß dieses ursprünglich "Stapelplatz, Ablage für alles, was kam und ging" war, denn schon einmal, bei ihrem Ausflug nach Wilmersdorf, haben beide auf einem Abfallplatz gesessen, einem "aus Peden und Nesseln zusammengekarrten Unfallhaufen (muß heißen: Unkrauthaufen, Anm. von Klaus)". So werden die aufmerksamen Leser von Irrungen, Wirrungen schon früh durch Schauplätze darauf hingewiesen, daß die Liebesidylle des Paares trügt, daß ihre Situation, nüchtern im sozialen Kontext der betrachtet, ganz anders aussieht: Sie landen auf dem Abfallhaufen.
    [/quote]


    Gruß
    Klaus

    Meine Urlaubslektüre für die nächsten 2-3 Wochen (muß aber nicht alles gelesen werden):


    Sean B. Carroll: Die Darwin-DNA
    Lisa Randall: Verborgene Universen
    Ian McEwan: Abbitte
    Paul Auster: Die Musik des Zufalls
    Judith Hermann: Sommerhaus, später


    Gruß
    Klaus :winken:


    Ich hätte große Lust nach der Leserunde „Der Professor“ die ab Montag beginnt eine weitere Fontanerunde zu machen z.B. Frau Jenny Treibel, aber wenn du einen anderen Vorschlag hast, oder Eni „Stine“ lesen will, wäre ich natürlich auch dabei.


    Hallo Montaigne,


    sehr gerne!


    Da aber (ich gehe zumindest davon aus) im Juni Doderers Dämonen anstehen und im September Bleakhouse, käme als Termin für mich nur Juli/August in Frage.


    Welches Werk ist mir auch fast egal. Ich habe letztes Jahr Stechlin, Jenny Treibel und Effi Briest gelesen, will sie aber alle drei mit Leserunden-üblicher Aufmerksamkeit irgendwann nochmal lesen. Stine würde vom Thema her natürlich an die IW anschließen und ist schön kurz, also zeitlich immer machbar.


    LG
    Klaus

    Davon abgesehen, dass ich nicht verstanden habe, dass Lene ihm überhaupt von ihren früheren Beziehungen erzählt hat, halte ich das für einen unglaublichen Vertrauensbruch.


    Wie gesagt, ich fand den Besuch Gideons bei Botho auch etwas komisch. Aber ein Vertrauensbruch ist es eigentlich nicht, denn Gideon handelte ja mit Lenes Einverständnis:


    [quote author=Fontane: Irrungen, Wirrungen, Kapitel 20]" [...] ich kenne die Lene seit Jahr und Tag und habe die Absicht, sie zu heiraten. Sie hat auch zugesagt, aber mir bei der Gelegenheit auch von ihrem Vorleben erzählt und dabei mit so großer Liebe von Ihnen gesprochen, daß es mir auf der Stelle feststand, Sie selbst, Herr Baron, offen und unumwunden fragen zu wollen, was es mit der Lene eigentlich sei. Worin Lene selbst, als ich ihr von meiner Absicht erzählte, mich mit sichtlicher Freude bestärkte, freilich gleich hinzusetzend: ich solle es lieber nicht tun, denn Sie würden zu gut von ihr sprechen.«[/quote]


    [...] und gibt es in deinem Kommentar eine Anmerkung zu dem rot und grün gestrichenen Holztürmchen? Mir ist die Symbolik nicht klar, bin mir aber sicher, dass es eine gibt.


    Das Motiv rot-grün taucht ja nochmal als Farbe der Droschke bei der Fahrt zum Friedhof in Kapitel 21 auf. Es ist auf jeden Fall ein Leitmotiv, aber ob und was es symbolisiert? Vielleicht die vertraute Atmosphäre des einfachen Volkes, so etwas wie Heimat? (Das sind jetzt wahrscheinlich die Fernwirkungen eines anderen Threads :smile:)


    Gruß
    Klaus


    Was sagt ihr denn dazu, dass sich Lenes Nachbar Gideon vor der Hochzeit bei Botho über seine Zukünftige erkundigt hat?


    Da war ich auch ein bißchen überrascht, Eni. Vielleicht war der Grund, dass Lene sagte, ihr Herz hinge immer noch an Botho und da wollte Gideon es genauer wissen und bei ihm vorstellig werden. Er ist ja auch ein etwas seltsamer Heiliger, wie er dann am Ende des Gesprächs mit Botho eine "feierliche Ansprache" hält. Aber gefallen hat mir dann wieder, dass er in der Lage ist Unterschiede zwischen den (zehn) Geboten zu machen: dass es etwas anderes ist, gegen das 6. Gebot zu verstoßen (Ehebruch, wozu er wohl auch die voreheliche Beziehung seiner Verlobten rechnet), oder gegen das 7. (Diebstahl, passender fände ich hier allerdings das 8.: Lüge). Lene hat wohl (in seinen Augen) gegen das 6. Gebot verstoßen, aber es kann ihr verziehen werden: und dazu war sein Besuch bei Botho wohl nötig. Eine Lügnerin ist sie auf jeden Fall ganz und gar nicht, denn sie spielte gegenüber jedem mit offenen Karten.


    Gruß
    Klaus

    Hallo liebe Mitleser,


    ich bin nun auch fertig mit dem Roman, leider, denn er hat mir wirklich gut gefallen und steht mMn den großen Werken "Effi Briest" und "Stechlin" nicht nach. Hier noch ein paar weitere Eindrücke:


    Als ich zum 13. Kapitel kam und die Liebesidylle sich trübte, was dann im 14. Kapitel zum Trennungsbeschluß und kurz darauf zur Trennung führte, war ich erst überrascht: wie so schnell, schon nach der Hälfte des Romans? Und was passiert dann im Rest? Ich hatte vorher immer gedacht, der Roman endete mit der Trennung. Es ist eine geschickte Komposition von Fontane: so wie der Roman nicht mit der Beziehung Lenes und Bothos beginnt, so endet er auch nicht mit ihr, der Roman ist gegenüber der Beziehung zeitlich verschoben. In der zweiten Hälfte des Romans werden die Gegensätze der beiden Welten Kleinbürgertum und Adel noch plastischer dargestellt und es wird deutlich, dass die gefühlsmäßige Bindung nicht mit der Trennung endet (das Haar, das bindet!).


    Der Gegensatz Lene und Käthe ist sehr stark, fast schon zu sehr. Lene ist sehr vernünftig und gefühlsstark, aber auch reif in ihrer Beziehung: wie sie nach Hankels Ablage richtig erkannte, dass man erstmal nicht reden könne und jeder erstmal allein nach Hause gehen sollte. Dann sagte sie niemand sei schuld und das sei das Schlimme, denn eine Schuld könne man verzeihen. Das klingt alles sehr lebensklug, fast schon modern, wie aus Partnerschaft-Ratgebern. Dagegen Käthe: ihre Leichtigkeit wird nach ihrer Kur noch schlimmer. Sie versucht Botho dahin zu bringen, doch möglichst wie bei einem abwechlungsreichen Menü, "einfach und harmlos plaudern zu wollen und ein bißchen rascher und nicht immer dasselbe Thema". Armer Botho! Er kennt genau den Preis seines durch die Ehe mit Käthe gefestigten Adelsstandes: statt einer ernsthaften, lebensklugen, gefühlstiefen Lene aus dem Volke hat er nun eine alberne, "redensartliche", leichtfertige Käthe, die ihm noch nicht einmal ein Kind schenken kann (hier äußert sich Fontane nicht weiter, außer der "Kur" in Schlangenbad, die ja wohl aus diesem Grund gemacht wird, aber man denkt sich sein Teil). Wie ironisch und den Erfolg von Käthes "Erziehungsarbeit" an Botho beweisend der letzte Abschnitt: "[...] und sagte mit soviel Leichtigkeit im Ton, als er aufbringen konnte: [...]"


    Genauso oberflächlich wie Käthe wird eigentlich die ganze Welt des Adels geschildert: die Art des Zeitvertreibs, der Konversation. Dazu paßte der Satz Fontanes, den ich im Anhang meiner Ausgabe las:


    [quote author=Fontane an Georg Friedländer, 12.4.1894]Von meinem vielgeliebten Adel falle ich mehr und mehr ganz ab, traurige Figuren, beleidigend unangenehme Selbstsüchtler von einer mir ganz unverständlichen Bornirtheit [...][/quote]


    In besagtem Anhang gibt es noch 20 Seiten über die Wirkung des Romans. Wenn sich dort noch etwas Mitteilenswertes findet (was ich vermute), erzähl ich Euch davon.


    Gruß
    Klaus

    Der Kommentar im gerade gekauften Lektüreschlüssel hat noch eine dritte Version auf Lager:


    Weil der Baron Lene als Agnes Sorel, eine Mätresse vorstellt, wertet er sie ab. Ich muss das nochmal überdenken. Welche Version findet ihr wahrscheinlicher?


    Ich glaube unsere Diskussion über diese Stelle ist nicht zufällig, denn es ist vielleicht eine Schlüsselstelle des Romans. Überhaupt befindet sich dieses 13. Kapitel ja genau in der Mitte der 26 Kapitel und leitet die Wende des Geschehens ein.


    Inzwischen bin ich der Meinung, dass die beiden Interpretationen Aufwertung, weil Agnes Sorel Adlige war, und Abwertung, weil sie Mätresse war, beide richtig sind und den Konflikt deutlich machen, in dem Lenes und Bothos Beziehung steht. Vielleicht würde er sie gerne in seinen Stand erheben und kann es doch nicht (es wäre sein gesellschaftlicher Niedergang). Dadurch aber bekommt diese Beziehung den Charakter oder den Beigeschmack der Beziehungen, wie sie zwischen seinen 3 Freunden und deren "Damen" bestehen. Das spürt Lene, auch wenn es nicht ausgesprochen wird, und kann es nicht akzeptieren.


    Überhaupt ist ja die Begegnung mit diesem Sextett aus Freunden und deren "Bekannten" in Hankels Ablage wie ein Überfall geschildert, es ist der Einbruch der Realität in eine Idylle. Die Damen reißen Handlung und Dialog an sich und bevor Lene nur auch wieder erwähnt wird, vergehen 5 Seiten und an deren Ende heißt es:


    [quote author=Fontane: Irrungen, Wirrungen, 13.Kapitel]"[...] Kommen Sie, Kleine, geben Sie mir Ihren Arm wieder." Die Kleine , die durchaus nicht klein war, war Lene. Sie gehorchte.[/quote]


    Ja, sie machte wahrscheinlich gute Miene zum bösen Spiel. Was ging in ihr vor? Hier bleibt sehr vieles ungesagt, wie oft bei Fontane, und der Fantasie des Lesers überlassen.


    Gruß
    Klaus

    Ob ich die verstanden habe, weiß ich nicht? Erkannt habe ich, dass die drei Kumpels des Barons ihren Begleiterinnen Namen der weiblichen Rollen aus Schillers „Die Jungfrau von Orleans“ gegeben haben, der Baron, der das auch erkannte, hätte nun seine Begleiterin z.B. als Louison, die dritte Tochter von Thibaut d'Arc vorstellen können (die anderen Töchter Johanna und Margot waren ja schon besetzt.) Er stellt sie aber als Agnes Sorel, die Geliebte des Königs von Frankreich vor, und somit erhebt sich der Angeber selbst zum König.
    Gibt dein Kommentar mehr her?


    Hallo Montaigne,


    erstmal Hut ab, dass Du da sofort Schillers Jungfrau erkannt hast. Meine Schullektüre dieses Werkes liegt Jahrzehnte zurück und ohne Kommentar hätte ich es mühsam ergoogeln müssen - oder wäre verständnislos darüber weggegangen.


    Mein Kommentar läßt mich allerdings an dieser Stelle zu einer etwas anderen Interpretation kommen als Du: die Töchter Thibaut d'Arcs waren niederer Herkunft, während die Geliebte des Königs, Agnes Sorel, eine Adlige war. Wenn Botho also seiner Lene nicht den Namen einer weiteren d'Arc-Tochter, sondern den einer Adligen gibt, will er wahrscheinlich eher sie als sich aufwerten.


    Übrigens werden im Kommentar alle 3 Damen als "Halbweltdamen" bezeichnet, mit einem dezenten Hinweis, dass es in Berlin zu der Zeit ca. 40.000 Prostituierte gab (bei einer Einwohnerzahl von nicht ganz 1 Million). Ich weiß nicht wann ich es ohne dieses Wissen gemerkt hätte: sofort oder erst an der Stelle, wo eine der Damen zu Lene sagt: "Jott, Kind, Sie verfärben sich ja; Sie sind woll am Ende mit hier dabei (und sie wies aufs Herz) und thun alles aus Liebe?"


    Da hab ich jetzt noch nicht viel erkannt. Einmal als der Baron einen Brief von Lene zu ihren anderen Briefen tut, ist mir aufgefallen, dass der Baron genau wie Effi Briest Liebesbriefe mit einem roten Faden zusammenbindet.


    Stimmt, bei diesem Roman hält sich das bisher auch in Grenzen. Beim Begriff "Landpartie" wurde Bezug genommen auf Landpartien aus Jenny Treibel, Stechlin und L'Adultera. Das war's bisher.



    Ich hab’ die Trennung hinter mir und werde etwas langsamer lesen bist du aufgeholt hast. Vielleicht kauf’ ich mir auch noch einen Kommentar.


    Die Trennung hab ich auch hinter mir, sowie die sehr schön geschilderte Begegnung der beiden und deren Vorahnung, als Botho und Käthe vom Balkon ihrer neuen Wohnung aus auf den Dörr'schen Turm blicken. Ansonsten lese ich auch diesmal relativ langsam.


    Als Kommentar und schöne Zwischendurch-Lektüre kann ich dies noch empfehlen:


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    Gruß
    Klaus

    Welche Ausgabe liest du denn, und gibt es in deinem Kommentar eine Anmerkung zu dem rot und grün gestrichenen Holztürmchen? Mir ist die Symbolik nicht klar, bin mir aber sicher, dass es eine gibt.


    Hallo Montaigne,


    ich lese die Große Brandenburger Ausgabe aus dem Aufbau-Verlag:


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    Sie kommt meinen bibliophilen Neigungen entgegen :breitgrins: und zeichnet sich durch einen sehr guten Anhang aus. Aber zur Farbsymbolik des Türmchens schweigt sie sich aus (auch zu dem mir aufgefallenen Blumenkohl und Spargel). Allerdings zu der Taubenschar, die das Türmchen umschwärmt, heißt es:

    "Die Taube als Inbegriff von Liebe und Sanftmut, aber auch von Ängstlichkeit und Geschwätzigkeit."


    Ansonsten finde ich den Kommentar schon sehr nützlich, vor allem wenn es um Zeitbedingtes geht, egal ob aus Alltag, Kultur oder Politik. Vieles ist einem heute nicht mehr geläufig, was einem damaligen Leser selbstverständlich war. Die Anspielungen auf Schillers "Jungfrau Johanna" im 13. Kapitel z.B. hätte ich ohne den Kommentar nicht verstanden. Nicht alles kann man ergoogeln. Außerdem werden manchmal Querbezüge zu den anderen Fontane-Romanen hergestellt, die ich sehr erhellend finde (z.B. beim Begriff "Landpartie").


    Welche Ausgaben lest ihr denn? Und wie sieht es da mit dem Kommentar aus?


    Gruß
    Klaus


    [...] und das Gespräch der drei Herren bei Hiller erschließt sich mir auch nicht so ganz. Oder was bedeutet denn z.B. seine „Weißzeugdame zur weißen Dame erheben“? (Kap.8) Ich vermute es bedeutet, dass es Botho mit Lene ernst meinen könnte?


    Hallo Eni,


    ich habe auch manches Mal Probleme den Gesprächen zu folgen (trotz gutem Kommentar in meiner Ausgabe), vor allem wenn es um Politik geht. Da merkt man erst wie zeitgebunden diese doch ist. Den von Dir zitierten Satz erklär ich mir auch so wie Du: Lene hat ja wohl beruflich wie Ihre Pflegemutter mit "Weißzeug", also Bett- und Tischwäsche zu tun, ist also eine "Weißzeug-Dame". Und als "weiße Dame" könnte Sie im Hochzeitskleid neben Botho vor dem Traualtar stehen - wenn dieser eine unstandesgemäße Ehe eingehen würde. In meinem Kommentar steht allerdings zur "weißen Dame" ein Bezug zu einer <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/La_Dame_blanche">gleichnamigen Oper</a> von einem gewissen Boieldieu, daraus ist auch das erwähnte Schloß Avenel entnommen.



    Vom Standesunterschied mal abgesehen, finde ich die Haltung der Dörrs und von Frau Nimptsch zu Lenes Beziehung recht liberal.


    Ja, dort wird das Verhältnis sehr liberal gesehen. Frau Dörr hatte ja selber mal einen "Grafen". In der Erstausgabe in der Vossischen Zeitung trug der Roman ja den Untertitel "Eine Berliner Alltagsgeschichte". Ich denke das war ein dezenter Hinweis auf die Häufigkeit solcher Beziehungen.


    Dass das Verhältnis in Bothos Kreisen nicht so liberal gesehen wird, deutet sich bisher (ich hab das 13. Kapitel durch) nur an, z.B. darin, dass Botho sich ganz genau überlegt, wo die "Landpartie" hingehen könnte, damit man nicht zusammen gesehen wird oder dass er nicht gerne das Dörrsche Grundstück mit Lene zusammen verläßt. Dazu paßt dieser kleine Dialog, wo Lene seine Gedanken durchschaut:


    [quote author=Fontane: Irrungen, Wirrungen, Beginn Kap.9]
    Es war eine prächtige Luft, nicht zu warm, und nachdem man noch eine Weile geplaudert hatte, sagte Botho: "Wir könnten vielleicht in den Garten gehen."
    "Ja in den Garten. Oder sonst wohin?"
    "Wie meinst Du?"
    Lene lachte. "Sei nicht wieder in Sorge, Botho. Niemand ist in den Hinterhalt gelegt und die Dame mit dem Schimmelgespann und der Blumenguirlande wird Dir nicht in den Weg treten."[/quote]


    Gruß
    Klaus

    Lena ist ja auch blond, allerdings aschblond, wie wir im dritten Kapitel erfahren. Ich weiß gar nicht genau, was ich mir unter aschblond vorzustellen habe?


    Hallo Montaigne,


    Lenes Aschblond ist wohl ein mattes Blond, das wie der Name schon sagt, mehr in Richtung Grau geht. Google fördert <a href="http://www.schwarzkopf.de/sk/de/home/haarfarbe/blondes_haar/farbberatung/aschblond_trendblond.html"> dies </a> zutage.


    Bothos Kusine Käthe von Sellenthin, die mit ihm so gut wie verlobt ist, hat "flachsblondes" Haar. Das stell ich mir mehr ins Gelblich/Goldene changierend vor.


    Würde mich sehr wundern, wenn diesem Gegensatz von Fontane nicht auch eine Bedeutung gegeben wurde: die "graue" (klein)bürgerliche Lene und die "goldene" adlige Käthe ...


    Gruß
    Klaus