Beiträge von klaus


    Danke Erika,


    ich habe jetzt auch nochmal genau :zwinker: im Anhang meiner Ausgabe geguckt. Da steht es auch: die Neuausgabe erschien im Verlag seines Sohnes Friedrich. Es war ein Plattennachdruck der ersten Buchausgabe und unterschied sich nur im Untertitel. Da diese Neuausgabe 1890, also noch zu Fontanes Lebzeiten, herauskam, kann man annehmen, dass diese Änderung von ihm gebilligt worden war.


    Gruß
    Klaus


    Im übrigen bin ich jetzt auch mit dem Roman zu Ende.


    Hallo Fontane-Freunde,


    ich möchte nicht den Genauigkeits-Fanatiker spielen, aber langsam fällt mir auf, dass hier und in allen Anmerkungen und Kommentaren, die ich gelesen habe, hier im Forum, in Büchern oder im Internet, immer von Roman die Rede ist, aber im Deckblatt meiner Ausgabe steht: Novelle, und so war das auch beim Erstdruck in der Zeitschrift "Nord und Süd" und bei der ersten Buchausgabe im Verlag Schottlaender.


    Seltsamerweise wird nirgendwo dieser Widerspruch thematisiert. Dabei sprechen für Novelle mMn zwei weitere Argumente (laut http://de.wikipedia.org/wiki/Novelle):
    1. Die geschlossene Handlung rund um ein singuläres Ereignis (Ehebruch).
    2. Das Vorhandensein eines sog. "Falken" (http://de.wikipedia.org/wiki/Dingsymbol), der in diesem Fall durch das Tintoretto-Bild und seine Widergabe auf dem Medaillon vertreten wird.
    Gegen die Novelle spricht höchstens die Länge: es wäre ein kleiner Roman, aber auch eine lange Novelle.


    Was steht denn bei Euch auf dem Deckblatt? Ist Euch das auch aufgefallen?


    Gruß
    Klaus :winken:

    Ich hätte das eher so verstanden, dass er ihr mit diesem Bild immer vor Augen halten will, was für eine Sünde sie begangen hat. Aber so rum mit der Vergebung ergiebt das auch einen Sinn.


    Hallo Katrin,


    ich habe da gar nicht so sehr das Bild selbst und die Schlußszene mit dem Medaillon im Sinne, sondern die Tatsache, dass sich Fontane (und auch Ezel) durch das Bild auf die Ehebrecherin in der Bibel bezieht, der ja von Jesus ihre Schuld vergeben wird ("wer von Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein").


    Ich muss mir dieses Buch unbedingt besorgen! Leider gibt es das nur mehr gebraucht. Wird anscheinend nicht mehr nachgedruckt.


    Hab ich jetzt auch gesehen, da hab ich letztes Jahr ja noch Glück gehabt.


    Gruß
    Klaus

    Hallo zusammen,


    nun noch ein paar Anmerkungen:


    Durch den Bezug zu Tintorettos Bild und damit zu der Geschichte der Ehebrecherin aus der Bibel (Johannes 8,1-11) ist die Tendenz des Romans für mich klar: so wie Jesus der Ehebrecherin vergibt ("Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie"), tut es auch Fontane. Er will die Schuld von der Ehebrecherin Melanie nehmen, das wird ja schon bei der Besprechung des Bildes durch die Eheleute im 2. Kapitel deutlich: "Es ist soviel Unschuld in ihrer Schuld". Fontane ist ein großer Menschenfreund: er verurteilt niemanden. In Joh. 8,11 heißt es: "Auch ich [Jesus] verurteile dich nicht. Geh hin und sündige von jetzt an nicht mehr!". Melanie sündigt nicht nur nicht mehr, sondern sie macht ja sogar eine richtige Entwicklung mit. Wie Katrin schon sagte: dass sie ihrem neuen Mann in der finanziellen Not beiseite steht, hätte man von ihr anfangs vielleicht nicht erwartet.


    Dass Melanie ihre Kinder zurückläßt und ihrem Liebesglück opfert, wirkt auf uns Heutige hart. Für uns steht immer das Kindeswohl im Vordergrund, auch im heutigen Scheidungsrecht ist das so. Damals aber nicht: den Mann zu verlassen, bedeutete auch die Kinder verlassen zu müssen.


    Der Vergleich mit "Effi Briest" liegt ja nahe. Ich sehe inhaltlich zwei große Unterschiede: was bei Melanie das Ergebnis einer bewußten Entscheidung ist, ist bei Effi mehr das Ergebnis einer Verführung, sie will ja auch alles ungeschehen machen und am Ende holt sie die Vergangenheit ein. Zum zweiten ist E.B. mit dem Ehrbegriff des Adels konfrontiert, der keine Vergebung kennt. Im Bürgertum sah man die Dinge zwar noch nicht ganz so unbefangen wie heute (das Liebespaar wurde von der Gesellschaft geächtet), aber zumindest doch etwas vernünftiger.


    Die beiden "Dames d'honneur" Anastasia und Riekchen, die uns im 7. Kapitel zusammen mit Ruben zum ersten Mal begegneten, bilden ein seltsames Gegensatzpaar: hilft die eine (Anastasia) bei der Trennung der Eheleute Van der Straaten, indem sie ihre Unterkunft als Liebesnest zur Verfügung stellt, ist die andere (Riekchen) behilflich bei der Versöhnung und dem Wiedersehen mit den Kindern.


    Wieder ein Roman voller Bezüge, Anspielungen und Symbolik, den man beim ersten Lesen gar nicht voll erfassen kann. Wenn man nach dem Lesen im "Führer durch Fontanes Romane" blättert, sieht man, was man alles wieder "überlesen" hat.


    Ich lese jetzt noch den Kommentarteil meiner Ausgabe zu Ende und melde mich, wenn sich dort noch etwas Mitteilenswertes findet. Ansonsten freue ich mich schon auf "Stine".


    Gruß
    Klaus :winken:


    aber Melanie will ihre Freiheit, sie will raus aus dem Puppenheim und sie läßt sich wie Ibsens Nora nicht aufhalten.


    Hallo Montaigne,
    hallo zusammen,


    die Kinder bekamen ja zu Weihnachten ein Puppenhaus. Ich fragte mich gleich nach der Symbolik, es steht wohl, wie Du sagst, für Melanies Unfreiheit.


    Es wurde hier ja schon viel diskutiert, ob Ezel uns sympathisch ist oder nicht. Ich glaube aber darauf kommt es nicht so sehr an, sondern darauf, wie seine Frau Melanie ihn sieht und vor allem ob ihr Verhalten von Fontane nachvollziehbar beschrieben ist.


    Erstmal, wie alle schon sagten: gebildet ist er auf jeden Fall. Aber seine Bildung mischt sich mit einer Direktheit und "Ungehobeltheit", die ihn in den Augen derer, die Bildung auch mit einem gewissen gesellschaftlichen Schliff verbinden, als ungebildet erscheinen läßt. Diese Art Ezels ist Melanie im intimen Gespräch vertraut und sie hat sich daran gewöhnt. In Gesellschaft ist es ihr aber peinlich, wie man im Kaffeehaus-Kapitel deutlich merkt, und es war ihr dort um so peinlicher, als es um sexuelle Anspielungen in Gegenwart eines gleichaltrigen und (wie man annehmen muß) attraktiven jungen Mannes ging. Ich kann mir gut vorstellen, was da in ihr vorging: sie ging als 17jährige eine um des Geldes wegen arrangierte Ehe mit einem 25 Jahre älteren Mann ein. Das war von ihrer Seite bestimmt keine Liebesehe: was sie an ihm liebte, war höchstens, dass er sie liebte und ihre materiellen Wünsche befriedigte. Er war bis dahin Junggeselle gewesen. Er wird aus dieser Zeit bestimmt noch andere Gewohnheiten mitgenommen und nicht abgelegt haben ("O rühret, rühret nichts an"), die auf eine junge Frau vielleicht verletzend wirkten, nicht nur seine verbalen Entgleisungen. Aber darüber schweigt Fontane natürlich. Dabei würde ich auf keinen Fall soweit gehen und Ezel in dieser Hinsicht auf eine Stufe mit Ezels Romanvorlage Louis Ravené stellen: von diesem schrieb die Enkelin seiner Frau, dass er auch in der Ehe die "Damenbekanntschaften aus der Theaterwelt" weiter pflegte, sogar in der Nacht, als seine junge Frau in den Wehen ihres ersten Kindes lag.


    Im Abschiedskapitel äußert ja Ezel selbst ein gewisses Verständnis für seine Frau:


    "Glaube mir, ich kenne die Frauen, Ihr könnt das Einerlei nicht ertragen, auch nicht das Einerlei des Glücks. Und am verhaßtesten ist Euch das eigentliche, das höchste Glück, das Ruhe bedeutet. Ihr seid auf die Unruhe gestellt. Ein bißchen schlechtes Gewissen habt Ihr lieber als ein gutes, das nicht prickelt [....]" uswusf.


    Hier spricht ein Mann, Anfang 50, zu seiner Frau, Ende 20. Was er als Ruhe und höchstes Glück empfindet, ist für sie Langeweile und Beengtheit, mit der sie sich vielleicht arrangiert, aber nicht abgefunden hat.


    Soviel erstmal dazu, später mehr.


    Gruß
    Klaus :winken:


    Fontane schreibt hier die Liebesgeschichte gewagter als in anderen Büchern, die ich gelesen habe. Das sieht man bei den Palmen (Kapitel 12), wenn er schreibt: "und hielt sie fest, und sie flüsterten Worte, so heiß und süß wie die Luft, die sie atmeten".


    Hallo Katrin,


    ja, den Eindruck habe ich auch. Ein paar Zeilen über Deinem Zitat, findet sich folgende Stelle, die m.E. auch die Verführungssituation gut beschreibt:


    [...] aber diese weiche, schlaffe Luft machte sie selber weich und schlaff, und die Rüstung ihres Geistes lockerte sich und löste sich und fiel.


    Gruß
    Klaus

    Hallo zusammen,


    ich habe jetzt das 13. Kapitel (Weinachten) beendet und es hat mich beeindruckt. Es ist zwar kurz, aber macht sehr viel deutlich. Zuerst wundert man sich noch über die ablehnende Haltung eines Reiff, Duquede und Gryczinski, aber dann lichtet sich der Vorhang und der Ehebruch und auch z.B. die Rolle der Anastasia als "Confidente" werden klar.


    Das Kapitelende ist mal wieder ein Hammer:


    Er wollte klingeln und nach dem Arzte schicken. Aber sie bat ihn, es zu lassen. Es sei nichts, oder doch nichts Ernstes, oder doch nichts, wobei der Arzt ihr helfen könne.
    Und dann sagte sie, was es sei.


    Gruß
    Klaus

    Hallo Eni,



    All eure Anmerkungen bereichern die Lektüre für mich sehr! Habt vielen Dank.


    ja so geht es mir auch: sie regen zum Nach- und Weiterdenken an. Insbesondere Deinen Hinweis auf die Wassersymbolik fand ich interessant, ich sollte auch mal wieder in den "Führer durch die Romane Fontanes" schauen, habe ihn aber jetzt leider nicht zur Hand.


    Anastasia hofft wohl umsonst.


    Ja, das wird im Weihnachtskapitel deutlich. Anastasia hat für sich eine andere Rolle gefunden.



    Gruß
    Klaus


    Für mich zeigt diese Stelle, dass der Kommerzienrat so ungebildet gar nicht war, möchte mal wissen, wer heute in vergleichbaren Finanzkreisen mit dem Begriff Venus Kallipygos etwas anfangen kann, heute würde die Wirtin wohl als JLo von der Spree bezeichnet werden.


    Den Begriff kennt wohl keiner, wenn er nicht Wikipedia oder einen Anmerkungsapparat zur Hand hat. Es sei denn, man kann Altgriechisch. Kann das einer von Euch? Ich nicht, weiß nur dass die Vorsilbe "Kalli-" wohl "schön" heißt ("Kalligraphie").


    Gruß
    Klaus


    Fontane war kein Anhänger des Wagner-Kults.


    Hallo Eni,


    danke für Deine Zitate. Ich kann mir Fontane auch schwer als Wagner-Jünger vorstellen und wunderte mich schon, dass er überhaupt in seinem Werk vorkommt. Ich glaube die Wagner-Bewunderung setzte erst in den jüngeren Generationen ein: im wirklichen Leben beim Kollegen Thomas Mann und in unserem Roman bei Melanie, die 25 Jahre jünger als ihr Mann ist.


    Gruß
    Klaus

    Hallo,


    Van der Straatens Art zu reden, mit Bonmots um sich zu werfen, aus "seinem Herzen keine Mördergrube zu machen" und rundheraus zu sagen, was ihm durch den Kopf geht, hat den Leser bisher amüsiert und seine Frau Melanie hat sich bisher auch nicht sehr beklagt. Aber im 9. Kapitel kommt es darüber zum Konflikt zwischen den Ehepartnern. Als er über "gefallene Frauen" im Zusammenhang mit fallenden Sternen und Engeln schwadroniert, zuckt sie zusammen, aber niemand merkt es. Als er über die blonde Wirtin und ihre (seiner Meinung nach) Ähnlichkeit mit der germanischen Thusnelda spöttelt, schämt sie sich für ihren Mann und bemerkt, dass auch Ebenezer sich angewidert abwendet ("das Blut schoß ihr zu Kopf"). Schließlich versteigt sich Van der Straaten zu Vergleichen mit gewissen Venus-Statuen ("Venus Kallipygos" = Venus mit schönem Hinterteil, deshalb wohl auch der Pfirsichvergleich :zwinker:). Hier gebietet ihm seine Gattin Einhalt und der Ehefrieden ist für eine Weile gestört.


    Zeit für Melanie und Ebenezer sich auf der Bootsfahrt näher zu kommen. Ebenezer wird von Riekchen als reserviert beschrieben und mir war aufgefallen, dass er Probleme hat, Leute anzusehen (Lydia am Ende des 7. Kapitels und die blonde Wirtin suchten vergebens seinen Blick zu erhaschen). Um so erstaunter war ich über sein Verhalten bei der gemeinsamen Bootsfahrt:


    "Ist es immer nur das Wasser, dem Sie die Hand reichen, Freundin?"


    2 Seiten später:


    "Er nahm ihre Hand und fühlte, daß sie fieberte."


    Entweder kommt er schnell zur Sache mit Worten und mit Taten, oder ich hab hier was verpaßt, oder Fontane läßt wieder sehr viel ungesagt, was mir bei Effi Briest besonders aufgefallen war. Wahrscheinlich Letzeres.


    Schön fand ich übrigens die sich eventuell anbahnende zarte Romanze zwischen dem "Harmonika-Schulze" (Elimar) und Anastasia am Ende des 8. Kapitels. Bin gespannt, ob das noch weiter geführt wird.


    Gruß
    Klaus :winken:

    Das 7. Kapitel endet wieder mit einem Satz über Lydia, so heißt die Tochter, wie wir inzwischen erfahren haben:


    [i]Alle lachten. Aber Lydia ging in das Haus zurück, und in ihrem großen Auge stand eine Träne.


    Hallo Montaigne,


    habe gerade auch das 7. Kapitel beendet. Das ist wirklich eine schöne Entsprechung zwischen den Enden von Kapitel 1 und 7. Gefällt mir.


    Gruß
    Klaus

    Hallo zusammen,


    in der Zwischenzeit habe ich das 5. und 6. Kapitel gelesen. Beim Dinner ereifert sich Van der Straaten gegen Richard Wager, für den Melanie wohl schwärmt. Er stellt ihn in Gegensatz zum Madonnen-Maler Murillo. Dessen Werk sei Zauberei, die des Komponisten Hexenwerk. Hier steht das Reine, Keusche der Murillo-Madonnen gegen die Darstellung des fleischlichen Begehrens in den Wagner-Opern (z.B. Tannhäuser). Dabei erwähnt er als Symbol auch den "kleinen lieben Bogenschützen" (Amor), der uns am Kapitelanfang, auf den Platzkärtchen dargestellt, schon auf dieses Thema einstimmte. Seine Frau sieht er dabei eigentlich auf der keuschen Seite und wundert sich über ihre Wagner-Begeisterung:


    "[...] Ihr stellt Euch stolz und gemüthlich auf die Höhen aller Kunst und zieht als reine Casta diva am Himmel entlang, als ob Ihr von Ozon und Keuschheit leben wolltet. Und wer ist Euer Abgott? Der Ritter von Bayreuth, ein Behexer wie es nur je einen gegeben hat."


    Laut meinen Anmerkungen ist "Casta diva" italienisch und bedeutet "keusche Göttin". Gemeint sei die Mondgöttin Luna und es seien auch die Anfangsworte von Normas Kavatine aus Bellinis Oper "Norma".


    Interessant auch was die Anmerkungen zu Murillo sagen: Er "gilt als Meister des Madonnentypus der Unbefleckten Empfängnis ('Immaculata Conceptio'), die das umstrittene Dogma veranschaulicht, daß Maria von der Erbsünde befreit sei".


    Ich finde hier braut sich Einiges zusammen zum Thema Keuschheit und deren Gegensatz (die Wolllust?, das Begehren?) und man muß dabei auch an den Satz aus dem 2. Kapitel denken: "es ist soviel Unschuld in ihrer Schuld".


    Im 6. Kapitel ("Auf dem Heimwege") fand ich interessant den Perspektivenwechsel. Nachdem man das Ehepaar Van der Straaten durch die Beschreibung des Erzählers (1. Kapitel) und handelnd und sprechend (2. bis 5. Kapitel) kennengelernt hat, erfährt man nun, wie die Mitmenschen über sie denken, und da kann man nur sagen: Geld wirkt anziehend. Nicht nur die Ehe zwischen Van der Straaten und seiner Frau wurde wegen seines Geldes geschlossen, sondern nach Ansicht des Legationsrates Duquede auch die zwischen seinem Schwager, dem Major Gryczinski und dessen Frau Jacobine, der Schwester Melanies.


    Gruß
    Klaus :winken:

    Hallo Fontane-Freunde,


    ich habe jetzt die ersten 4 Kapitel durch. Auffällig fand ich, dass Fontane von dem mir bisher bekannten Schema abwich, das erste Kapitel mit einer Gebäude-, Landschafts- oder Situationsbeschreibung zu beginnen: diesmal besteht das Eingangskapitel aus einem Personenporträt: die Person des Commercienrats Van der Straaten, sein Charakter und seine Lebensverhältnisse werden uns eingehend beschrieben, bevor er im zweiten Kapitel handelnd und sprechend auftritt.


    Fontane läßt ja Kapitel oft mit besonderen Sätzen enden. Hier auch: der letzte Satz des ersten Kapitels lautet:


    "Aber während die Augen der Mutter immer lachten, waren die der Tochter ernst und schwermüthig, als sähen sie in die Zukunft."


    Eine kleine Andeutung auf Zukünftiges? Im zweiten Kapitel wird dann aber mit dem "Holzhammer" angedeutet. Ich bin mir nicht sicher ob das nun genial oder plump von Fontane ist, wie er hier das Thema Ehebruch einführt. Klar: Van der Straaten ist sich der Gefahr aufgrund des Alterunterschieds von 25 Jahren zwischen ihm und seiner Frau bewußt und der Kauf des Bildes resultiert vielleicht aus seiner gedanklichen Auseinandersetzung damit. Aber seine Frau sagt selbst, er solle den Teufel nicht an die Wand malen. Schön ist natürlich das Wort "malen" in Verbindung mit dem Gemälde, aber bzgl. der Art der Einführung des Themas Ehebruch würde ich sagen: hier malt Fontane mit einem groben Pinsel. Ursprünglich wollte Van der Straaten das Bild sogar in sein Zimmer hängen, aufgrund der Reaktion seiner Frau verbannt er es dann aber in die Galerie (die Ravenés hatten eine der größten privaten Gemäldesammlungen Berlins): so ist er denn doch nicht ständig mit dem Thema konfrontiert.



    Wahrscheinlich wollte er nicht, dass in seinem Roman ein Jude einem Nichtjuden die Frau wegnimmt. Ein paar Jahre später hätte er diese Änderung wohl nicht mehr vorgenommen, sein Verhältnis zum Judentum hatte sich drastisch verschlechtert.


    Hast Du dafür Belege? Das Thema des Jüdischen in diesem Roman ist natürlich pikant und ich bin gespannt wie Fontane damit umgeht.


    Zum Begriff "Subscriptionsball" sagen meine Anmerkungen: "Gesellschaftsball im Opernhaus, der auch vom Hof besucht wurde. Die Gäste trugen sich vorher gegen hohe Gebühr in eine Liste ein." Zusammen mit dem was Erika gefunden hat, haben wir jetzt wohl eine gute Vorstellung davon.


    Gruß
    Klaus :winken:

    Hallo,


    ich freue mich auch auf meinen inzwischen 5. Fontane (der 2. in der Leserunde). Ich lese wieder die große Brandenburger Ausgabe aus dem Aufbau-Verlag:


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    Das Umschlagbild ist unter Verwendung einer Zeichnung von Paul Graeb entstanden: "Villa Ravené bei Berlin". Und der Name dieser Villa hat auch einen Bezug zum Inhalt des Romans (bzw. Novelle). Aber dazu später mehr in der Leserunde.


    Ich werd wohl erst morgen zum Lesen kommen.


    Bis dahin
    Klaus :winken:

    Ian McEwan: Liebeswahn


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    Joe, ein gescheiterter Physiker, aber erfolgreicher Wissenschaftjournalist, lebt in einer glücklichen Beziehung mit Clarissa und ist ein Rationalist reinsten Wassers. Das ist der Anfangszustand eines Experiments: beim Versuch einen "entfesselten" Ballon wieder unter Kontrolle zu bekommen, stirbt ein Mensch und Joe lernt Jed kennen, der ihn ab da mit seiner obsessiven homoerotischen Liebe bedrängt und ihm die Ohnmacht der Rationalität gegenüber einer nicht zu bremsenden Irrationalität vor Augen führt.


    Nicht nur entglitten ihm die Seile des Fesselballons aus den Händen, sondern nun auch die Fäden seines eigenen Lebens. McEwan hat mit dem Ballon eine feine Metapher gewählt!


    Gruß
    Klaus

    Ich höre gerade die Novellen Kleists gelesen von Rolf Boysen:


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    Ich habe mit der "Marquise von O." begonnen und bin begeistert! Der Vortrag des 90jährigen Boysen (vor Publikum im Münchner Residenztheater) ist mitreißend und keine Sekunde langweilig. Wie er einzelne Wörter betont und Sätze rhythmisiert, wie er dramatisiert und lautmalt, ist einfach große Kunst. Ein Beispiel vom Anfang der Novelle:


    Die Obristin, indem sie der Tochter, die mit den Kindern die Treppe hinabfloh, nacheilte, rief, daß man zusammenbleiben, und sich in die unteren Gewölbe flüchten möchte; doch eine Granate, die, eben in diesem Augenblicke, in dem Hause zerplatzte, vollendete die gänzliche Verwirrung in demselben.


    "Zusammenbleiben" spricht Boysen "Zusam-men-blei-ben", wodurch dem Hörer klar wird, dass die Gruppe eben nicht zusammenblieb und der Marquise so das Folgende passieren konnte. Und die Granate "zerPlatzt" bei ihm mit einem lauten explosiven "P".


    Der berühmte Schlußsatz der Novelle wird von Boysen mit großer Empfindung und Berührtheit vorgelesen. Ich glaube es gehört sehr viel Professionalität dazu, dabei die Stimme noch zu kontrollieren.


    Gruß
    Klaus :winken: