Künstlerische Freiheit am Theater

  • Hallo zusammen


    Da wir (noch) :zwinker: keine eigene Theater-Rubrik haben stelle ich meine Frage hier:


    Wieviel künstlerische Freiheit billigt ihr einem Theaterregisseur zu?


    Am Würzburger Theater wurden Tschechows "Drei Schwestern" inszeniert und natürlich wollte ich mir das Stück auch anschauen. Jetzt habe ich mit einigem Entsetzen in der Vorankündigung gelesen, daß die Regisseurin zwei Figuren gestrichen und dafür eine dazuerfunden habe :entsetzt: Ich kenne zwar das Stück nicht und weiß somit auch nicht um die Relevanz der gestrichenen Rollen, halte so etwas aber schon für einen gravierenden Eingriff. Ich gehe immer davon aus, daß ein Autor weiß was er tut und wenn die beiden Figuren überflüssig wären, hätte Tschechow sie auch nicht konzipiert.
    Soll ich mir dieses verstümmelte Stück trotzdem ansehen? Oder mir diese Regisseurinnen-Selbstinszenierung lieber ersparen.
    Vielleicht hat jemand eine Meinung dazu.


    Viele Grüße
    ikarus

    "Der Umgang mit Büchern bringt die Leute um den Verstand" (Erasmus von Rotterdam)

  • Hallo Ikarus,


    ich denke, wenn man sich zum ersten Mal mit einem Stück auseinandersetzt, hat es nicht viel Sinn, sich eine stark modifizierte Version zu Gemüte zu führen.
    Im Fernsehen habe ich erst vor ein paar Tagen einen Beitrag über eine Wagner-Oper gesehen, wo die originalgetreue Inszenierung besonders hervorgehoben wurde. Der Regisseur meinte im Interview, dass er sich ganz bewusst so eng an die Vorlage gehalten habe - er wollte dem Publikum die Möglichkeit bieten, sich einen Eindruck von dem "ursprünglichen" Werk zu verschaffen um andere Inszenierungen besser vergleichen zu können.
    Ich persönlich finde das eine sehr gute Idee, weil ich selbst schon einer seeehr modernen Variante von Shakespeares "Der Widerspenstigen Zähmung" gescheitert bin, weil ich das Stück vorher weder gelesen noch in einer originaltreueren Fassung gesehen hatte. Aber wenn man ein Drama/eine Oper/... bereits kennt, ist es sicher interessant, sich verschiedene Inszenierungen anzuschauen.


    Gruß,
    Bluebell

    "Date a girl who reads. Date a girl who spends her money on books instead of clothes. She has problems with closet space because she has too many books. Date a girl who has a list of books she wants to read, who has had a library card since she was twelve."

  • Hallo!
    Ich denke das könnte interessant sein, aber letzendlich ist es nicht mehr wirklich das Original die "Drei Schwestern". Es ist dann mehr eine neuere, abgeänderte Form. In einer Hinsicht wird ja dann mehr oder weniger eine neue Geschichte erzählt aber andererseits würde mich dass auch stören, wenn ich das Buch mag.
    Was ich als künstlerische Freiheit billige, wäre, wie die Bühne aufgebaut wird. Ich war mal bei einer Aufführung von "Das Käthchen von Heilbronn" (hoffe es wird so geschrieben?) und da haben sie mehre Stühle übereinander gestellt und das sollte dann eine Burg darstellen. Das fand ich witzig!
    summerle :winken:

  • Hallo zusammen !


    Oh je, eine schwierige Frage ! Eigentlich gefallen mir Inszenierungen, die auch etwas Interpretationsarbeit leisten ganz gut. Oft bekommt man dadurch den Anstoß zu neuen Gedanken und Möglichkeiten, oft sind sie ein Hinweis auf aktuelle Bezüge. Deshalb finde ich orginalgetreue Inszenierungen meist langweilig.


    Es erscheint mir aber eine weitgehende Bearbeitung, wenn eine Person weggelassen oder am Text sonstwas geändert wird. Das erinnert mich immer an die Filme "frei nach ... ". Wenn du dich aber, wie ich dich kenne, schon mit dem Stück auseinandergesetzt hast, zumindest es gelesen hast, würde ich es mir trotzdem anschauen. Es könnte doch spannend sein, wie sich das Stück nach der Bearbeitung darstellt.


    Gruß von Steffi

  • Hallo zusammen,
    in dieser Hinsicht bin ich vielleicht sehr konservativ, aber von modernisierten Aufführungen halte ich herzlich wenig. Vielleicht liegt das auch daran, daß ich hier in Münster mit solchen Aufführungen geradezu 'verwöhnt' werde (ich meine ich habe in einem anderen Post schon einmal von dieser Hamlet-Aufführung berichtet... ist mir in leidvoller Erinnerung geblieben).
    Ich will das Stück sehen, wie der Autor es vorgesehen hat. Natürlich liegen viele Dinge im Ermessensspielraum des Regisseurs, aber dies sollte alles in den vorgegebenen Bahnen verlaufen. Wenn ich also z.B. in Schillers Kabale und Liebe als Szenenanweisung lese: "Zimmer beim Musikus. Miller steht eben vom Sessel auf und stellt seine Violoncell auf die Seite. An einem Tisch sitzt Frau Millerin noch im Nachtgewand und trinkt ihren Kaffee.", dann erwarte ich, daß dies auch entsprechend (unter Berücksichtigung der Epoche, in der das Stück spielt) umgesetzt wird. Natürlich muß daß ganze Bühnenbild nicht furchtbar pompös sein, aber ich will einen Sessel, einen Tisch, einen Kaffee und einen 'Raum', der mich zumindest an das Zimmer eines Musikus' denken läßt. In Münster würde diese Szene vermutlich etwa so aussehen: Wir sehen eine nahezu leere Bühne, vielleicht hat sich jemand die Mühe gemacht, eine Büste von Beethoven in die Ecke zu stellen. Miller steht von seinem Barhocker auf, er trägt einen goldfarbenen Anzug (der scheint in Münster das Lieblingsstück des Ausstatters zu sein, jedenfalls taucht er immer wieder auf) aber keine Schuhe oder Socken und natürlich hat er kein Violoncell in der Hand, vermutlich nicht einmal irgendetwas Geigenartiges, höchst wahrscheinlich überhaupt kein Instrument. Neben ihm sitzt Frau Millerin auf einem großen knallroten Kissen. Sie hat vielleicht eine Tasse in der Hand, wahrscheinlich deutet sie diese aber nur mäßig gelungen an. Sie trägt ein Nachthemdchen, daß ihr tatsächlich stehen würde, wäre sie zwanzig Jahre jünger und das Nachthemd neuer. Auf dem Kopf trägt sie Lockenwickler, die sie das ganze Stück über nicht ablegt. Beim zweiten Blick entpuppt sich entweder Miller als Frau oder die Millerin als Mann.
    Ich weiß nicht, aber irgendwie sprechen mich solche Inszenierungen nicht so richtig an...
    Gruß
    Berch


  • Hallo ikarus,


    toll, dass Du auch ein Theaterforum anmahnst. Na, vielleicht wird es ja noch was.


    Zu Deiner Frage: Na ja, normalerweise sollen sich die Theatermacher schon an die Vorgaben des Autors halten, aber es gibt natürlich auch Ausnahmen. z.B. habe ich mal Goethes "Stella" innerhalb einer Woche zweimal in Frankfurt gesehen: Einmal im Schauspiel und einmal im Goethetheater. (Ich kannte das Stück aber auch schon). Das Schauspielhaus spielte in schöner realistischer Dekoration mit allen vorgeschriebenen Rollen (sechs?), das Goethetheater (eine Off-bühne) spielte ohne Dekoration und nur mit den drei Hauptfiguren. Kurz: Beide Aufführungen haben mir gefallen, aber wahrscheinlich war die auf die Hauptfiguren konzentrierte Vorstellung sogar intensiver, da auf das wesentliche konzentriert.


    Wenn also bei den Drei Schwestern, zwei Dienerrollen gestrichen sind, würde ich da doch reingehen, wenn allerdings zwei der drei Schwestern fehlen, und statt dessen ein Bruder auftaucht, lass es.


    Gruß von Hubert und viel Spaß im Theater

  • Hallo zusammen !


    An Klassikern schätze ich, dass eine Interpretation und eine Reflexion auf heutige Gegebenheiten möglich sind - oder dass deren Aussage über einen langen Zeitraum gültig sind. Gerade diesen Anspruch kann eine moderne Inszenierung leisten, indem die ausgewählten Requisiten (goldener Anzug, rotes Kissen etc. :zwinker: ) auf diese Aussagen hinweisen, also eine Art Hilfestellung zu Sichtweise des Regisseurs geben.


    Es stellt sich doch die Frage, was hatte Schiller im Sinn, wenn er Miller als Musiker darstellt, könnte diese Intention auf die heutige Zeit übertragen auch ein Bauarbeiter sein usw.


    Oder sollen die Theaterinszenierungen nur ein Sittengemälde sein, ein Abbild der damaligen Zeit ? Wenn ich aber dann nichts von dem Stück vorher weiß, wie wohl die Mehrzahl der Zuschauer, wie soll ich die Rolle als Musiker interpretieren oder hat das womöglich gar keinen Einfluß auf das Stück und die Handlung ?


    Ich finde es schon spannend, zu ergründen, ob sich Parallelen zur heutigen Welt ergeben oder ob sich die Umstände geändert haben. letztendlich sieht man im Theater ja doch nur eine Interpretation des Stückes - ob vom Regisseur, den Schauspielern oder dem Marketing geprägt (vielleicht locken einfach nackte Darsteller mehr Leute ins Theater :rollen: ).


    Aber natürlich sollte auch meiner Meinung nach alles im Rahmen bleiben und logisch nachvollziehbar sein.


    Gruß von Steffi

  • Hallo zusammen


    Danke für die Schilderung eurer Theatererlebnisse. Ich habe im Grunde nichts gegen moderne Klassiker-Inszenierungen und sehe es genau so wie Steffi:


    Zitat

    An Klassikern schätze ich, dass eine Interpretation und eine Reflexion auf heutige Gegebenheiten möglich sind - oder dass deren Aussage über einen langen Zeitraum gültig sind.


    Ich war schon oft verblüfft, wie aktuell die Aussage mancher Klassiker immer noch ist und dies wurde mir durch eine "moderne" Inszenierung erst so richtig deutlich. Zuletzt bei einer Aufführung von Molieres "Tartuffe". Beim Lesen des Stücks konnte ich damit relativ wenig anfangen. Erst während der Aufführung erschloss sich mir die Problematik der Verführbarkeit durch religöse Sektiererei, Esoterik und New Age.
    Ich habe dieses Jahr auch schon eine ähnliche Erfahrung wie Hubert mit seinem Goethe gemacht, daß weniger mehr sein kann. Bei einer Aufführung von Ibsens "Gespenster" bestand die Dekoration lediglich aus einem schwarzen Raum und einem Sessel. Ohne abgelenkt zu sein konnte man sich so nur auf die Dialoge konzentrieren, wodurch das Spiel eine große Intensität erlangte.


    Hubert schrieb:

    Zitat

    Wenn also bei den Drei Schwestern, zwei Dienerrollen gestrichen sind, würde ich da doch reingehen, wenn allerdings zwei der drei Schwestern fehlen, und statt dessen ein Bruder auftaucht, lass es.


    Das hoffe ich doch sehr, daß wenigstens die Hauptpersonen noch alle vorhanden sind. Ich werde es jetzt wohl so machen, daß ich mich mit diesem Stück beschäftigen werde und mir dann die Vorstellung ansehe. Vielleicht hat Steffi ja recht:


    Zitat

    Es könnte doch spannend sein, wie sich das Stück nach der Bearbeitung darstellt.


    Danke für eure Meinungen.


    Viele Grüße
    ikarus

    "Der Umgang mit Büchern bringt die Leute um den Verstand" (Erasmus von Rotterdam)

  • Hi Zusammen,
    bearbeiten darf man sicher vieles. Vergleiche können dann auch durchaus interessant sein, aber die Hauppersonen sollten nun wirklich vorhanden sein. Ansonsten könnte man die Aufführung dann auch einfach "Schwestern" frei nach.... nennen. Damit wenigstens dem Publikum klar ist, worauf sie sich einlassen.
    Grüße

  • die neue Inszenierung von Shakespeares' 'Maß für Maß' am Münchner Residenztheater


    [URL=http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,301984,00.html]Maß für Maß[/url] Wort für Wort


    VG Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

  • Hallo JMaria


    Danke für den Link.

    Dieter Dorns Shakespeare-Inszenierungen sind einfach der Wahnsinn! Glücklicherweise werden sie meist vom Fernsehen aufgezeichnet und dann auf 3Sat gezeigt. So wie morgen Abend, 29. Mai, um 20.15 Uhr "Der Kaufmann von Venedig". Das als kleiner Tip am Rande. Ich freue mich jedenfalls darauf.


    Viele Grüße
    ikarus

    "Der Umgang mit Büchern bringt die Leute um den Verstand" (Erasmus von Rotterdam)

  • Zitat von "ikarus"

    Hallo JMaria


    Danke für den Link.

    Dieter Dorns Shakespeare-Inszenierungen sind einfach der Wahnsinn! Glücklicherweise werden sie meist vom Fernsehen aufgezeichnet und dann auf 3Sat gezeigt. So wie morgen Abend, 29. Mai, um 20.15 Uhr "Der Kaufmann von Venedig". Das als kleiner Tip am Rande. Ich freue mich jedenfalls darauf.


    Viele Grüße
    ikarus


    Hallo Ikarus
    Danke für den Hinweis, das wäre mir wie stets entgangen und da "Der Kaufmann von Venedig" auch in dem Spiegelartikel kurz erwähnt wurde, war ich neugierig und schon kommt dein TV-Tip. Geniales Timing.
    :blume:
    Grüße von
    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

  • Hallo zusammen !


    "Der Kaufmann von Venedig" - den habe ich vor Jahren während der Göppinger Theatertage (ich hoffe, die gibts noch ?) gesehen. Dort spielen immer Laiengruppen und es waren in dieser Inszenierung junge Schauspielschüler aus Baden-Württemberg. Das war das tollste Theatererlebnis, das ich bisher hatte, wie gebannt starrte das Publikum auf die Bühne und ich vergaß alles um mich herum. Nach dem Ende gab es erstmal eine betroffene Schweigeminute, so intensiv war das Erlebte. Leider habe ich bisher sowas nie wieder erlebt - zugegeben, in letzter Zeit war ich gar nicht mehr im Theater, nur noch Oper.



    Gruß von Steffi

  • Hallo Ikarus
    Hallo Steffi
    Hallo zusammen,


    ich habs mir aufgenommen und konnte heute bereits 2 Stunden von der Aufführung genießen. Ich bin sehr beeindruckt von der Inszenierung, das Bühnenbild (gigantisch), die kraftvolle Darbietung. Toll.


    Ich bin auf den Rest gespannt, sind ja noch ca. 1,25 Stunden.


    Viele Grüße
    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

  • Zitat von "ikarus"

    . Jetzt habe ich mit einigem Entsetzen in der Vorankündigung gelesen, daß die Regisseurin zwei Figuren gestrichen und dafür eine dazuerfunden habe :entsetzt:


    Hallo Ikarus


    auch hier in diesem Bericht hat eine Regisserin ein Tschechow-Thema umgesetzt.


    Vielleicht ist es für den einen oder anderen von Interesse: [url=http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,302105,00.html]Iwanow[/url]


    LG Maria

  • Hallo zusammen,


    habe eure Diskussion aufmerksam gelesen.
    Ein Aspekt ist mir bei modernisierten Inszenierungen oft zusätzlich wichtig. Ich glaube, dass das Theater (der Regisseur) nicht nur, aber auch die Aufgabe hat sich im Sinne eines künstlerischen Prozesses über seine Vorlage hinauszubewegen. Auch Literaten beziehen sich auf ihre Vorlagen, denken in andere Richtungen, setzen sich kritisch auseinander oder heben etwas ins Bewusstsein der Zeit, das vielleicht nicht mehr so präsent ist. In diesem Sinne begreife ich auch einen Teil der Theaterarbeit. Es ist eine Auseinandersetzung der Regisseure mit den teils "klassischen" Vorlagen.
    Das kann natürlich gut, aber auch sehr schlecht gemacht sein (was wiederum ganz subjektiv wahrgenommen wird). Die ersten Beckett-Inszenierungen in Paris waren ein Skandal. Heute gehören sie zum guten Ton.
    Gut gemachte Inszenierungen, die meiner Meinung nach auch einmal drastisch vom Original abweichen können, können in diesem Sinne schon eine Bereicherung für mich sein. Wichtig finde ich dann, dass man den "klassischen" Stoff kennt, ihn gelesen hat und günstigsten Falls auch eine werksgetreue Inszenierung bereits anschauen konnte. Denn nur so kann ich die Abweichungen und somit die dahinterstehende Intention einordnen. Deshalb hat Theater immer auch die Aufgabe klassische Autoren weiterhin auch werksgetreu zu inszenieren.


    Übringens muss mir eine modernisierte Inszenierung nicht unbedingt gefallen, um sie iinteressant, im Sinne von diskussionswürdig zu finden. Mancher Theaterabend ist auch gut, weil man über die Inszenierung streiten kann.


    In diesem Sinne
    Grüße,
    Michael