Was lest ihr gerade?

  • Ich habe gerade noch einmal "Das Bildnis des Dorian Gray" gelesen und war erstaunt, wie modern diese Geschichte ist, von der man - wenn man den Plot kennt - eher eine gehäufte Ladung Moralinsaures erwarten würde.

  • diese Geschichte ist, von der man - wenn man den Plot kennt - eher eine gehäufte Ladung Moralinsaures erwarten würde.

    Moralinsaures von Oscar Wilde? Hm ... ich kenne seinen Brief "De profundis" nicht, der eine Ausnahmestellung in seinem Werk einnimmt, nach allem, was ich darüber weiss - aber ansonsten hätte ich Wilde jetzt nie mit Moralin in Verbindung gebracht. :)

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • Nein, ich meinte ja auch nicht bezogen auf Oscar Wilde, sondern ausdrücklich auf die Grundzüge des Plots.
    "Bildschöner junger Mann wünscht, sein Porträt möge an seiner Stelle altern, was in Erfüllung geht - das Porträt nimmt zunehmend Züge der Lasterhaftigkeit und des Verfalls an, während der junge Mann mit dem Antlitz der Unschuld moralisch verfällt - bis er, entsetzt über die Veränderung des Porträts, dieses und damit sich selbst zerstört" - also? Also stirbt, wer Böses tat, wie es im Don Giovanni heißt.
    Schon die Vorstellung, dass (abgesehen von der ganz normalen Alterung, Falten etc.) sich die "Lasterhaftigkeit" in irgendeiner Form im Aussehen quasi abdrückt, ist ja irgendwie von einer moralischen Grundhaltung geprägt.
    Eine Wendung, die ich - gerade vor diesem Hintergrund - sehr gelungen finde, ist Dorians Versuch, sich zu bessern. Seine Besserung leitet er daraus her, dass er eine junge Frau, die sich in ihn verliebt hat, "verschont". Erwartungsvoll entblättert er das Porträt in der Annahme, es sähe nun weniger grauslich aus als vorher - Irrtum! Zu den abstoßenden Zügen der Gemeinheit und des Lasters kommt nun noch die Scheinheiligkeit hinzu.

  • Ja, volle Zustimmung: Das Bildnis des Dorian Grey erzählt eine raffinierte und tiefgehende Fabel, die sich zudem standhaft weigert, zu altern. Trotzdem gehört das Buch zu denjenigen, über die ich mich immer ernstlich geärgert habe und es bis auf den heutigen Tag noch tue. Warum das so ist, möchte ich an dem folgenden Textauszug deutlich machen:


    Zitat

    Das Warten wurde unerträglich. Die Zeit schien ihm mit bleiernen Füßen zu schleichen, während er von ungeheuren Stürmen dem schroffen Grat eines schwarzen Abgrunds zugeschleudert wurde. Er wußte, was dieses Warten für ihn bedeutete; er sah es und drückte schaudernd mit seinen feuchten Händen die brennenden Lider zusammen, als wolle er dem Hirn die Sehkraft nehmen und die Augäpfel in ihre Höhle sperren. Es war umsonst. Das Hirn hatte seine eigene Nahrung, von der es sich mästete, und die Phantasie, die von der Angst ins Groteske gesteigert war, drehte und wand sich vor Schmerz wie ein lebendes Wesen, tanzte wie eine schnöde Puppe in einem Schaukasten und grinste durch bewegliche Masken hindurch. Dann blieb plötzlich die Zeit für ihn stehn. Ja, die blinde, langsam atmende Zeit rührte sich nicht mehr, und, da sie tot war, jagten entsetzliche Gedanken mit furchtbarer Schnelligkeit über ihn hin und wühlten eine gräßliche Zukunft aus ihrem Grab und zeigten sie ihm. Er starrte darauf, und ihre Entsetzlichkeit machte ihn zu Stein.

    Unerträglich, ungeheuer, schroff, schwarz, schaudernd, brennend, entsetzlich, furchtbar, grässlich - und zum Abschluss nochmals eine Entsetzlichkeit, alles in das Tollhaus dieser wenigen Zeilen gesperrt, die bizarren Bilder noch gar nicht mitgerechnet. Es mag wohl schwerer sein, dies so zu formulieren, dass es mit wenigen scharfen Bildern, präzisen Metaphern und ohne den überbordenden Ballast an Ausschmückungen das Entsetzen des Helden glaubhaft erzählen kann. Wenn das gelingt, ist die Wirkung beim Leser aber auch viel nachhaltiger: so, wie sich Blaskapelle und Kammermusik voneinander unterscheiden.


    Kurz: jemand hätte Herrn Wilde auf ein Glas Port und eine Zigarette beiseite nehmen und ihm diesen hysterischen Gestus ausreden sollen. So aber zieht sich eine außer Rand und Band geratene Sprache durch das Buch und zieht es dort, wo es darauf angekommen wäre, formal auf eine Schauergeschichte herunter.


    Und im Übrigen bin ich ganz allgemein der Meinung:

    Zitat

    Notiz zum Adjektiv: wenn du nicht ganz sicher bist, lasse es weg.


    Mark Twain, Pudd'nhead Wilson. A Tale.

  • Möglicherweise hat sich Wilde in jenen Passagen an Huysmans orientiert. Jenes Buch, das - neben dem blasierten Lord Henry - Dorian charakterlich "verdirbt", ist "Gegen den Strich" von Huysmans. Ich habe "Gegen den Strich" nicht gelesen, wohl aber "Tief unten", das von überkandidelt-geschmäcklerischen Schilderungen mit einer Flut von Adjektiven wimmelt.

    In der Leserunde, in der ich den Dorian Gray gelesen habe, kam übrigens auch Kritik an der überbordenden Beschreibung von Dorians Sammlungen auf, die Edelsteine, kostbaren Stoffe und Kuriositäten. Einige Leserinnen haben diese Abschnitte mehr oder weniger überschlagen. Ich muss sagen, ich lese sowas gerne. Solche Sammelwut war wohl typisch für die Zeit. Bei Wiki steht dazu: "Die abwechslungssüchtige Anverwandlung historischer Epochen und fremder Kulturen, die Dorian Gray betreibt, ist in diesem Kontext fast schon parodistisch" - wir würden sie wohl heute als "kulturelle Aneignung" verurteilen. Ich fühle mich dabei ein wenig an Flauberts Bouvard und Péchuchet erinnert, der solchen Sammelimpetus schlicht als bürgerliche Dummheit charakterisiert.

  • Ich hab jetzt endlich Muriel Sparks "In sturmzerzauster Welt – Die Brontës" gelesen. Das Buch heißt im Original "The Essence of the Brontës" und versammelt verschiedene Essays Sparks, als Hauptteil (mit rd. 300 Seiten der gut 500) die "Briefe der Brontës". Wobei "... der Brontës" etwas übertrieben ist – es gibt zwar gelegentlich Brief von Anne, Emily und Branwell, aber ca. 95% stammen von Charlotte. Und das ist auch gleich die Krux, wenn man sich mit den Brontës beschäftigt: Charlotte ist die wohl wichtigste Quelle, aber, natürlich, parteiisch.


    Was besonders bei Emily Brontë ein Problem wird. Hier ist die biographische Faktenlage ausgesprochen dürftig und das populäre Bild von Emily als je nun "einsames, weltverachtendes Genie" und dergleichen verdankt sich zu großen Teilen den Texten, die Charlotte lange nach dem Tod ihrer Schwester geschrieben hat. Das gilt auch für die Zeugnisse anderer Personen, denen erst nach Emilys Tod und unter der Wirkung von "Wuthering Heights" eingefallen zu sein scheint, dass Emily immer schon etwas sonderbar gewesen sein soll.


    Spark analysiert die verfügbaren Quellen zu Emily Brontës Leben, zieht ihre eigenen Schlüsse – Emily ist Mystikerin und auch wieder nicht, es ist nicht ganz einfach, Sparks Analyse auf den Begriff zu bringen ;-) – und will zumindest die Möglichkeit, dass Emily in ihren letzten Lebensjahren geistig verwirrt gewesen sein könnte oder davor stand, geistig verwirrt zu werden, nicht ausschließen. Was nichts an Sparks bedingungsloser Bewunderung für Emilys leider nur sehr schmales Werk ändert, das für Spark zu den besten und sehr solitären Leistungen der englischen Literatur zählt, die das 19. Jahrhundert hervorgebracht hat.


    Bedauerlich ist allerdings, dass dem Band ein vernünftiger Kommentar fehlt, was insbesondere bei den Briefen ärgerlich ist - manche Zusammenhänge hätte man doch gern erklärt bekommen.


    Rundweg ärgerlich ist der letzte Teil, eine Auswahl der Gedichte von Emily Brontë – der ist schlicht unlesbar. Die Gedichte werden von Spark in den höchsten Tönen gelobt, aber als deutschsprachiger Leser kann man dem nicht folgen, sind die Gedichte doch einfach in anspruchslose Prosazeilen übersetzt worden. Dazu ein Beispiel aus einem Gedicht ("God of Visions"), das leider leider nur in einem kurzen Auszug aufgenommen wurde:


    O thy bright eyes must answer now,

    When Reason, with a scornful brow,

    Is mocking at my overthrow;

    O thy sweet tongue must plead for me

    And tell why I have chosen thee!


    Stern Reason is to judgement come

    Arrayed in all her forms of gloom:

    Wilt thou my advocate be dumb?

    No, radiant angel, speak and say

    Why I did cast the world away;


    […]


    Speak, God of Visions, plead for me

    And tell why I have chosen thee!


    Das liest sich in der schlichtweg katastrophalen Übersetzung so:


    O antworten muß nun dein helles Auge

    Wenn mit verächtlicher Miene Vernunft

    Meine Niederlage mit Spott bedeckt;

    Deine süße Zunge muß sprechen für mich

    Und sagen, weshalb ich dich habe gewählt!


    Gericht will halten die strenge Vernunft

    Mit ihrm Trübsinn herausgeputzt:

    Willst du stumm sein, mein Advokat?

    Nein, strahlender Engel, sprich und sag,

    Weshalb ich die Welt beiseite warf,


    […]


    Sprich, Gott der Gesichte, verteidige mich

    Und sag, weshalb ich dich habe gewählt!


    Das ist so ziemlich das schlimmste, was man den Zeilen von Emily Brontë antun kann …


    Arno Schmidt übersetzt das in seinem wunderschönen Brontë-Essay übrigens so (und weil es da auftaucht, hab ich das überhaupt ausgewählt ;-)):


    Rechtfert’ge Du mit hellem Blick –

    wenn Nüchternheit, schwerfällig, dick,

    auch spottet über mein Geschick –

    : mit güldnem Mund tritt Du hervor,

    und künd’, warum ich Dich erkor!


    Verstand & Ernst sitzt zu Gericht,

    be=robt, mit nüchternem Gesicht –

    Du schweigst doch, mein Verteid’ger nicht?

    Nein, Feuergeist; tritt an zum Streit;

    : ich warf die Wirklichkeit beiseit’!


    […]


    : Gott der Gesichte, tritt hervor;

    und künd’, warum ich Dich erkor!

  • Arno Schmidt übersetzt das in seinem wunderschönen Brontë-Essay

    Kleiner Nachtrag: Inzwischen hab ich einen Artikel zu Schmidts Übersetzungsproben der Gedichte Emily Brontës gelesen: es geht gar nicht gut für Schmidt aus, der sich atemberaubende Eingriffe bis hin zur Verfälschung erlaubt, damit das alles in das Emily-Bild passt, das er in seinem Essay entwirft.

  • Ich fürchte, ich muss Suassunas "Der Stein des Reiches" von meiner Liste streichen. Das ist eine brasilianische Volkserzählung aus der Perspektive eines Hochstaplers, der sich einbildet, ein Recht auf die Königswürde in einem (mehr oder weniger imaginierten) Reich vom heiligen Stein zu haben. Wenn man ein bisschen googelt, entdeckt man im Zusammenhang mit diesem Buch immer wieder die Stilbezeichnung "Neobarock". Ununterbrochen ziehen heldenhafte Reiterzüge in Lederkluft durch die Gegend, ballern herum, es werden Leute geköpft und Frauen vergewaltigt, und die Liste sehr ähnlich klingender langer Namen wird immer länger. Ich empfinde das als sehr anstrengend, zumal ich keine richtige geistige Verbindung zu dem Ganzen herstellen kann. Habe versucht, es als Schelmenroman zu lesen; der Erzähler ist ja offensichtlich ein Betrüger, aber mit der nötigen ironischen Distanz finde ich erst recht keinen Zugang. Irgendwann ist die Distanz halt so groß, dass es mich gar nicht mehr interessiert.

    Falls irgendjemand das Buch haben möchte, einfach melden. Bei mir steht es jetzt seit ca. 30 Jahren ungelesen und ich glaube nicht, dass das noch was wird. Es ist eine sehr hübsche Ausgabe von Klett Cotta, zwei Bände im Schuber - ich glaube, ich habe das damals bei Zweitausendeins gekauft ...

  • Zuletzt habe ich Band 2 der Neapolitanischen Saga von Elena Ferrante gelesen und Band 3 auch schon begonnen.

    "Das blaue Zimmer" von Georges Simenon. Da habe ich noch einige kleinere Romane Simenons aus dem Kampa Verlag im Regal stehen, die immer eine schöne Abwechslung und Spannung für zwischendurch garantieren.

    Ansonsten ein paar Novellen nebenbei, wovon mich eine besonders beeindruckt hat:

    Conrad Ferdinand Meyer – Das Amulett

    Eine hervorragende Novelle, sprachlich ein Genuss, besticht "Das Amulett" durch seine Dichte und den historischen Hintergrund, der in der Bartholomäusnacht seinen traurigen Höhepunkt findet.

    Auf gerade einmal 60 Seiten konstruiert Meyer eine hochinteressante und spannende Erzählung, in der thematisch vor allem die religiösen Konflikte der verschiedenen Figuren den historisch nicht ganz sattelfesten Leser zu ausführlicher Recherche einladen.
    Ich bin auf die weiteren Novellen Meyers sehr gespannt!


    Von meiner Liste habe ich eine Erzählung aus Louis-Rene des Forets' "Das Kinderzimmer" gelesen, die den Titel "Die großen Augenblicke eines Sängers" trägt und davon erzählt, wie Frederic Molieri, Musiker im Orchestergraben der Oper, eher durch Zufall zu einem gefeierten Opernsänger wird, seine unglaubliche Gabe aber scheinbar bewusst wieder verliert oder sabotiert. Der Ruhm, Sein und Schein, Liebe bzw. die Liebe zu einem Bild, einer Stimme, die nicht wirklich der Person dahinter gilt, sind Themen dieser sehr interessanten Erzählung. Sie macht Lust auf die restlichen drei.

  • Ich bin auf die weiteren Novellen Meyers sehr gespannt!

    Eine gute Wahl. Wenn ich zwei Tipps loswerden darf: "Angela Borgia" und "Die Hochzeit des Mönchs". Bei dem letzteren verrate ich nicht zu viel, wenn ich die Meinung kundtue, dass die Einrahmung der Handlung durch zwei desaströs endende Hochzeitsfeste ohne weiteres als Kommentar zu Meyers traumatischen Eheerfahrungen gelten darf.

  • Eine gute Wahl. Wenn ich zwei Tipps loswerden darf: "Angela Borgia" und "Die Hochzeit des Mönchs". Bei dem letzteren verrate ich nicht zu viel, wenn ich die Meinung kundtue, dass die Einrahmung der Handlung durch zwei desaströs endende Hochzeitsfeste ohne weiteres als Kommentar zu Meyers traumatischen Eheerfahrungen gelten darf.

    Vielen Dank für die Vorschläge! Dann werde ich diese Novellen als nächstes angehen. "Jürg Jenatsch" wurde hier im Forum auch schon ein paar Mal erwähnt.

    Kleiner Nachtrag: Inzwischen hab ich einen Artikel zu Schmidts Übersetzungsproben der Gedichte Emily Brontës gelesen: es geht gar nicht gut für Schmidt aus, der sich atemberaubende Eingriffe bis hin zur Verfälschung erlaubt, damit das alles in das Emily-Bild passt, das er in seinem Essay entwirft.

    Ich wollte nur mal kurz loswerden, dass ich diesen Vergleich höchst interessant finde, wie überhaupt die Gegenüberstellung von Übersetzung und Original im Allgemeinen, die im Feuilleton ja manchmal nur unzureichend berührt wird.

    Also besten Dank für Beiträge wie diesen, die ich gerne lese!


    Edit: Haha, da will ich mich beim Wort "Feuilleton" nicht blamieren und werde von der "intelligenten Oberfläche" gleich überführt, die den Link zu Wikipedia gleich mit einbettet. =O;)

  • Edit: Haha, da will ich mich beim Wort "Feuilleton" nicht blamieren und werde von der "intelligenten Oberfläche" gleich überführt, die den Link zu Wikipedia gleich mit einbettet.

    Feuilleton muss ich praktisch auch immer nachschlagen ;-).


    Ad rem: Jules Vernes "Robur" ist ein langweiliger Mist. Und natürlich werden mal wieder technische Allmachtsphantasien Gassi geführt und es gibt diverse nationalistische und rassistische Töne, die einem doch eher unangenehm aufstoßen.


    Also hab ich zur Entspannung gleich mal wieder "Die falsche Kiste" von Stevenson / Osbourne gelesen. Auch jetzt, bei der ca. fünften oder sechsten Lektüre immer noch ein sehr amüsanter Roman. Das müsste mal neu aufgelegt werden, da kann man dann auch gleich ein paar Kommentare beifügen, manche satirischen Anspielungen erschließen sich heute ja nicht mehr so ohne weiteres – und was eine Tontine ist, die den Motor des verzwickten Plots bildet, sollte man auch erklären.

  • "Tonti ist tot, und ich bin noch nie jemandem begegnet, der auch nur so tut, als trauere er ihm nach ..."
    (Sinngemäß aus dem Gedächtnis zitiert)
    Soweit ich mich erinnere, wird das Prinzip doch im Text erklärt, oder? Das Tontine-Vermögen wird dem letzten Überlebenden einen Augenblick unter die Nase gehalten und der ist wahrscheinlich taub und bekommt nichts mehr mit von seinem Glück.

  • (Sinngemäß aus dem Gedächtnis zitiert)

    Ziemlich gut: "Tonti ist tot, und ich habe noch nie jemanden gesehen, der auch nur so getan hätte, als traure er ihm nach". Beim zweiten Zitat hat dein Gedächtnis auch ganz gut mitgespielt:

    Zitat

    … dem letzten Überlebenden unter die Nase gehalten und der ist wahrscheinlich taub, so daß er nicht einmal mehr etwas von seinen Erfolg hören kann, und liegt gewiß auch schon im Sterben, so daß es aufs gleiche herausgekommen wäre, wenn er verloren hätte.

    Wenn ich mich an meine erste Lektüre richtig erinnere, war mein Problem schlicht, dass ich sowohl Tonti als auch sein System der Rentenversicherung für eine Erfindung der beiden Autoren gehalten habe ;-). Aber das macht ja nichts, hat man das erste Kapitel und den Aufbau der Bühne hinter sich, erwartet einen ja nur noch das schiere Vergnügen.

  • Der Wikipedia entnehme ich übrigens, dass auch in Agatha Christies "16.50 Uhr ab Paddington" eine Tontine eine Rolle spielt. Das muss da aber anders übersetzt oder erklärt worden sein, jedenfalls hab ich den Krimi ein, zwei Jahre vor der "Falschen Kiste" gelesen, und ich kann mich nicht erinnern, an irgendeiner Stelle etwas nicht verstanden zu haben.

  • Den dicken historischen Roman über Walther von der Vogelweide habe ich nun durch. Ist zwar nur ein Unterhaltungsroman, hat mir aber wieder Lust auf die Lektüre von Walthers Lied -und Spruchdichtung gemacht.

    Was für ein unglaublich persönlicher und frecher Kerl das war ( und damit meine ich nicht den aus dem Roman, sondern den, der aus seinem Werk ersichtlich wird). Für seine Epoche muss der eine wirkliche Herausforderung gewesen sein. Auch wenn er immer wieder seine Brotherrn lobt, gibt es in diesen politischen Sprüchen fast immer kleine Fallstricke, die auf politische Fehler des Gelobten hinweisen, oder auch Warnungen und oft auch Walthers sehr frei ausgesprochenen persönlichen Forderungen. So etwas kenne ich sonst nur von dem mehr als 200 Jahre jüngeren Oswald von Wolkenstein.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Ich hab nach einer kurzen Lesepause jetzt mit Tobias Smolletts "Roderick Random" begonnen. Das Buch steht jetzt auch ca. 30 Jahre ungelesen im Regal, wird mal Zeit. Ich hab um die gut 500 Seiten bislang immer einen Bogen gemacht, weil mir das Buch seinerzeit beim ersten Anlesen nicht so recht zusagte, aber jetzt gefällt mir der Roman eigentlich ganz gut (ich hab aber erst 100 Seiten gelesen). Mich stört zwar der doch recht burschikose Humor (ausgekippte Nachttöpfe, Stürze in Misthaufen, Prügeleien etc.), aber das liest sich doch recht angenehm und unangestrengt weg. Mal sehen, ob ich das durchhalte, den "Gil Blas", auf den sich Smollett bezieht, hab ich jedenfalls ungefähr nach der Hälfte beiseite gelegt. Am Gil Blas kritisiert Smollett (imho völlig zurecht) die lockere, ziemlich unzusammenhängende Reihung diverser Szenen / Episoden als unrealistisch, entsprechend hängen bei ihm die einzelnen "Abenteuer", die sein Ich-Erzähler zu bestehen hat, auch besser zusammen, es gibt anscheinend so etwas wie einen roten Faden. Und realistischer scheint er mir auch zu sein, auf den ersten 100 Seiten begleiten wir Roderick Random auf seinem Weg von Schottland nach London – die Beschreibungen der Reisemittel und Wirtshäuser um 1740 wirken auf mich jedenfalls realistisch ;-).

  • Ich habe die Erzählung "Abschied" von Sigrid Undset eingeschoben, die es bei Gutenberg zum Download gibt. Sigrid Undset erzählt auch hier, wie so oft, aus Männerperspektive, schafft es aber trotzdem, eine Art Emanzipationsgeschichte zu schreiben: Der Held ist gutmeinender, aber ziemlich schlaffer Hallodri, der am liebsten mit seiner Pfeife und dem Grogglas auf dem Sofa sitzen möchte, während seine Lebensgefährtin Olga "wirtschaftend ein und aus geht". Er ist Witwer, hat zwar ein Kind mit Olga, sie aber bisher nicht geheiratet, weil er den Krach mit seinem erwachsenen Sohn fürchtet - lieber wurschtelt er mit einem Dauerprovisorium weiter. Zudem hält er es in keiner Arbeit lange aus. Das einzige, was er wirklich gut kann, ist, ein liebevoller Vater zu sein. Hier gelingen Undset einige sehr anrührende Szenen. Eine stark verknappte Geschichte übrigens - man muss sich sehr vieles dazu denken, wenn man es richtig verstehen will.