Ein Klassikerforumswettbewerb für 2021 - Kommentare und Diskussionen

  • So, den ersten Punkt meiner Leseliste kann ich schon mal abhaken, das erste Stück hab ich gestern gelesen: Tieck, Der gestiefelte Kater. – Ein Theaterstück, das ich mir nur schwer auf der Bühne vorstellen kann (und wenn, dann als ziemlich temporeiches Durcheinander). Es gibt keine "Handlung", die sich irgendwie "entwickelt", statt dessen gibt es einen wilden Mix der Meta-Ebenen, ein satirisches Feuerwerk über den Literatur- bzw. Theaterbetrieb um 1790, den Publikumsgeschmack, die Literaturkritik usw. Eine Inszenierung steht zudem vor dem Problem, dass zwar einerseits "nichts passiert", andererseits aber viel Theatermaschinerie aufgeboten werden muss (in einer Szene erscheint unvermittelt eine pompöses Kulisse aus der "Zauberflöte", die großen Applaus bekommt und nach "Da capo!"-Rufen aus dem Publikum (das zum Stück gehört) noch einmal, gänzlich ohne Akteure, gezeigt wird, um tosenden Beifall zu bekommen).


    Ziemlich lustig, aber für die heutige Bühne müsste man das wohl stark überarbeiten und aktualisieren. Sätze und Szenen, die um 1790 witzig waren, sind das heute ja nur noch mit relativ viel historischem Wissen, ansonsten verpuffen die Scherze und satirischen Spitzen. Ich muss mir mal die Bearbeitung von Tankred Dorst besorgen.

  • Richtig, vieles bei Tieck geht auf Tagesaktualität zurück und ist ohne kommentierende Einordnung kaum zu verstehen. Ähnlich wie bei Brentano. Um so tragischer, dass es bis heute keine seriöse kritische oder zumindest kommentierte Tieck-Ausgabe gibt. Der Suhrkamp-Versuch ist ja nach nur wenigen Ausgaben beschämend im Sande verlaufen.

  • So, Tiecks "Verkehrte Welt" hab ich jetzt auch gelesen. Er geht da noch einen Schritt weiter als beim "Kater".


    Der Vorhang geht auf; das Theater stellt ein Theater vor


    heißt die erste Regieanweisung und Tieck setzt dann immer noch eins drauf und gelangt zum Theater im Theater im Theater im Theater (wenn ich mich da jetzt nicht verzählt habe). Was das Publikum auf der ersten Ebene erst recht verwirrt:

    Zitat

    SCÄVOLA. Es ist gar zu toll. Seht, Leute, wir sitzen hier als Zuschauer und sehn ein Stück; in jenem Stück sitzen wieder Zuschauer und sehn ein Stück, und in jenem dritten Stück wird jenen dritten Akteurs wieder ein Stück vorgespielt.

    […]

    DER ANDRE. Nun denkt euch, Leute, wie es möglich ist, daß wir wieder Akteurs in irgendeinem Stücke wären, und einer sähe nun das Zeug so alles durcheinander! Das wäre doch die Konfusion aller Konfusionen.

    Dabei hat das nunja "Hauptstück" diesmal tatsächlich so etwas wie eine Handlung: Der Darsteller des Scaramuz hat auf seine Rolle keine Lust mehr und will lieber den Apollo spielen, er übernimmt den Parnaß und kommerzialisiert ihn, Apollo wird Schäfer, am Ende gibt's eine Rebellion, man stürzt den König Scaramuz und Apollo übernimmt wieder.


    Das wird alles in einem ständigen Wechsel der Rollen und Ebenen präsentiert (wobei Scaramuz sich zeitweillg für einen echten König hält), Grünhelm, eine Figur aus dem Publikum, will auch mal was erleben und steigt auf die Bühne (und begeht am Ende Selbstmord, indem er wieder ins Publikum springt, weil er keine Lust auf Krieg & Revolution hat), Pierrot will dagegen nicht mehr auf die Bühne und begibt sich ins Publikum usw.


    Insgesamt ein ziemliches Durcheinander mit sehr viel Theaterdonner und Tricks (natürlich taucht auch der Maschinist auf, sowohl als Maschinist wie als Schauspieler, der den Maschinisten spielt) und es gibt wieder jede Menge satirische Spitzen gegen die Literatur und das Theatergeschehen um 1790 und Anspielungen auf die frz. Revolution, Sottisen gegen Kirche & Regierung.


    Die verschiedenen Bezüge waren wohl schon kurz nach der Entstehung des Stücks anscheinend erklärungsbedürftig waren, hat Tieck doch in späteren Bearbeitungen (~1815) einiges umgeschrieben und konkretisiert:

    Zitat

    In diesen … Fällen wurde, auf Kosten von Leichtigkeit und Kürze, so etwas wie ein Sachkommentar eingearbeitet, den die zeitliche Distanz offenbar schon damals notwendig gemacht hatte

    heißt es da im Materialien-Teil meiner Ausgabe (de Gruyter, Berlin 1964).


    Das Stück beginnt mit dem Epilog und endet mit dem Prolog, der dann verwundert feststellt, dass niemand mehr im Theater ist:

    Zitat

    PROLOGUS. […] Doch ich sehe soeben, es ist kein Zuschauer da, der diesen so notwendigen Prologus anhören könnte.

    ZUSCHAUER. Wir sitzen hinter der Gardine, Herr Prologus, beim Herrn Skaramuz.

    PROLOGUS. So will ich also auch zu ihm gehn. Ich empfehle mich. – (Er verbeugt sich sehr ehrerbietig gegen die leeren Bänke und geht ab).

    GRÜNHELM. Nun ist der ganze Prolog an mich gerichtet gewesen, der ich eine der Hauptpersonen im Stücke selber war, und doch ist er mich gar nicht gewahr geworden, und doch bin ich hier der einzige Mensch! Es ist immer sehr wunderbar, und verdient wohl eine Untersuchung der Philosophen. – Aber ich tue wohl gut, nach Hause zu gehn, und meiner wirklichen Frau von meinen wunderbaren Begebenheiten diesseit und jenseit der Lampen zu erzählen, denn die Verbindung mit der Thalia war nur eine Komödienheirat. (Er geht.)

    Nachtrag: Scaramuz ist übrigens praktisch zeitlos:

    Zitat

    SKARAMUZ (nachdenkend). Die Regierung ist nunmehr in der schönsten Verfassung. Man kann nicht mehr Verstand haben, als ich besitze, und ich denke gewiß noch zu niedrig von mir. Bescheidenheit ist mein vorzüglichster Fehler, den ich mir mit der Zeit noch ganz abgewöhnen muß. – Manchmal schwindelt mir vor mir selber, wenn ich meine Größe ermesse; dann möcht ich den Hofpoeten wohl ein Buch in Dialogen von mir schreiben lassen. Aber der Hofpoet schreibt nicht erhaben genug.

  • Ich habe das erste Buch meiner Leseliste "klassischer Phantastica" beendet: "Die Besessenen" von Witold Gombrowicz. Es gibt hier eine sehr zutreffende Rezension dazu, der ich eigentlich nichts hinzuzufügen habe.
    Das Buch ist streckenweise auf recht triviale Art geschrieben; man merkt die ursprüngliche Form des Fortsetzungsromans noch - die Spannung wird ständig hochgehalten und manchmal auf ziemlich bemühte Weise. Der Lesespaß wird dadurch nicht getrübt. Ich habe es recht gern gelesen, auch und vielleicht gerade weil es streckenweise in Richtung Trash abgleitet. Etwa wenn der Hellseher mit allen Anzeichen des Entsetzens kommentiert: "Das ist der seltsamste Bleistift, mit dem ich es je zu tun hatte!" und schon auf der nächsten Seite erneut: "Er (der Bleistift) ist der schlimmste Gegenstand, den ich je in die Hand genommen habe!" :D:D

  • Gombrowicz’ "Besessnen" hab ich auch im Regel stehen und allen Anschein nach auch irgendwann mal gelesen (das dtv-Taschenbuch zeigt jedenfalls eindeutige Lektürespuren) – aber daran hab ich selbst mit deinen Anmerkungen und dem Klappentext nur sehr, sehr undeutliche Erinnerungen. Ich glaube mich erinnern zu können, dass ich ihn ziemlich lustig fand …


    Tja.


    Ich hab derweil meine Leseliste um ein Stück erweitert, das ich auch gleich gelesen habe: Ludwig Tieck, "Prinz Zerbino, oder die Reise nach dem guten Geschmack, gewissermassen eine Fortsetzung des gestiefelten Katers." Das Stück (1799) wird immer zusammen mit dem "Kater" (1797) und der "Verkehrten Welt" (1798) genannt, also dachte ich mir, liest du das halt auch.


    Thematisch ist es ähnlich, aber programmatischer. Es geht, grob gesagt, um "Poesie" vs. "Aufklärung" bzw. "Romantik" vs. "Rationalismus": Die ungefähre Haupthandlung: Prinz Zerbino ist von der "Poesie" befallen, die Krankheit greift schon im Palast um sich (die Bediensteten fangen an zu schwärmen und reden, zu ihrem eigenen Erschrecken, in Versen), der Zauberer Polykomikus behandelt den Prinzen und verschreibt eine "Reise nach dem guten Geschmack". Der Prinz bricht auf, trifft unterwegs allerlei Volk, gerät an eine allegorische Schmiede und eine allegorische Mühle (die unbrauchbares Zeug von sich geben und auch veralbert werden), kommt in den Garten der Poesie (wo er Dante, Ariost, Cervantes etc trifft), wird aber nicht geheilt, gerät in Wahnsinn und will das Stück zurückdrehen, schiebt die Kulissen szenenweise zurück, der Verfasser tritt auf und versucht, ihn zu beruhigen, Zerbino wird in den Kerker geworfen, schwört dort der Poesie ab und bekennt sich zur Aufklärung. Dazu kommen verschiedene Nebenhandlungen (Schäfer, Waldbruder, unglücklich Liebende, die allesamt ihr Happy End finden und noch ein paar weitere Figuren & Szenen mehr), die aber allesamt eher skizziert als ausgeführt sind und nur lose zusammenhängen. Zudem tritt das Wetter, die Vegetation und auch das Mobiliar als handelnde Personen auf, es gibt ein satirisches Marionetten-Theater, einige Figuren reflektieren über ihre Rolle, die ihnen der Verfasser vorgeschrieben hat. Ein "Stück im Stück" wie der "Kater" oder "Die verkehrte Welt" ist es allerdings nicht.


    Das sechs (!) Akte werden von einem "Jäger" verbunden, der als Prolog, Chorus und Epilog auftreten muss:

    Das Stück hat seine amüsanten Passagen und eine ganze Reihe satirischer Spitzen gegen den Literaturbetrieb (Wielands "Oberon" und "Don Sylvio" werden etwa als flache Kopien von Ariost und Cervantes kritisiert), aber im Großen & Ganzen ist das ein ziemlicher Murks und vor allem viel zu lang und chaotisch. Nimmt man den "Kater" als Maßstab, ist "Die verkehrte Welt" rd. 1,3 mal, der "Zerbino" satte 3,4 mal so lang und hat eine Unmenge an Personal (also ein klassisches Lesedrama, das sich praktisch nicht aufführen lässt, was beim "Kater" und der "verkehrten Welt" ja durchaus geht und gelegentlich auch gemacht wurde). Die Verse des nunja "poetischen Teils" sind obendrein oft sehr dünn-dämliches Geplätscher – ich hab diese Passagen gegen Ende dann nur noch überflogen, das wurde mir entschieden zu doof.


    "Gewissermaßen eine Fortsetzung des gestiefelten Katers" ist der "Zerbino" insofern, als das Stück an dem Königshof seinen Anfang nimmt, an dem im "Kater" der Bauerssohn Gottlieb mit Unterstützung des Katers Hinze landet und schließlich die Prinzessin heiratet. Einiges Personal aus dem Kater tritt auch hier wieder auf, der Kater selbst ist königlicher Berater "Hinze von Hinzenfeld" mit von der Partie.

  • Vielen Dank für deine ausführlichen Anmerkungen zu Ticks Theaterstücken, giesbert. Ich kenne Tieck nur ganz wenig, zwei Novellen und die Märchen halt, von den Theaterstücken nichts. Interessant, wie modern die Technik wirkt, so zeitgebunden die satirischen Seitenhiebe auch sein mögen. Die Idee von der Welt als Theater ist zwar fast so alt wie das Theater selbst, aber dies in eine Inszenierung hineinzubringen, und auch immer das Medium selbst zu thematisieren erscheint wirklich sehr modern. Allerdings scheint es nach deinen Ausführungen, als wolle Tieck immer etwas zu viel und gewönne dadurch zu wenig.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Nun zu meiner eigenen Lektüre:

    Habe "Die Ahnen" von Freytag begonnen und bald den ersten Band durch, der in der frühen Völkerwanderungszeit - Mitte des vierten Jahrhunderts - spielt. Schon sehr zopfig, und über das Frauenbild darf man gar nicht nachdenken -wir wandeln in diesem Buch nicht auf einer Menschen-, sondern auf einer Männererde - , aber doch spannend und soweit ich bisher nachprüfen konnte, den äußeren Daten nach historisch korrekt. Der Burgenbau dieser frühen Zeit, die Landwirtschaft, das Leben an den Höfen der Lokalfürsten und Könige werden auch ausführlich beschrieben, aber gar nicht so trocken wie ich es bei einem "Professorenroman" eigentlich erwartet hätte. Nerven tut etwas die altertümelnde Sprache: Da aus der Zeit des germanischen Altertums keine schriftlichen Dokumente vorliegen, hat sich Freytag hier wohl am Ton des germanischen Heldenepos orientiert und das wirkt denn doch etwas aufgesetzt. Andererseits würde es auch komisch klingen, wenn diese Figuren heutigen Alltagssprech in den Mund nämen. Ach ja, das männliche Gefolge eines (Heerführer)königs und Lokalfürsten besteht nach Freytag aus "Knaben", egal ob 15 oder 50, das wirkt schon ein bisschen komisch. Er nimmt das wohl als Vorform von "Knappe".

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Interessant, wie modern die Technik wirkt, so zeitgebunden die satirischen Seitenhiebe auch sein mögen. Die Idee von der Welt als Theater ist zwar fast so alt wie das Theater selbst, aber dies in eine Inszenierung hineinzubringen, und auch immer das Medium selbst zu thematisieren erscheint wirklich sehr modern.

    Tieck hatte natürlich Vorbilder, im Nachwort meiner Ausgabe der "Verkehrten Welt" wird auf Aristophanes verwiesen oder auf Holbergs "Ulysses von Ithacia", das ich nicht kenne, aber in dem anscheinend auch der Dichter auftritt und für Verwirrung sorgt. Das Stück muss dann abgebrochen werden, weil die Kostümverleiher auf die Bühne kommen und die Kostüme zurückverlangen.


    Gleichzeitig haben Tiecks Stücke aber auch weitergewirkt, etwa bis zu Pirandellos "Sechs Personen suchen einen Autor" oder Anoulihs "Die Grotte". Das ist übrigens ein tolles Stück, Anoulih zieht da alle bühnenwirksamen Register, ganz großartiges Boulevard-Theater. Im besagten Nachwort wird Anoulih als "moderner Kotzebue" tituliert, was ich etwas ungerecht finde - dass Anoulih keine Angst vor effektvollen Szenen und Dialogen hat, ist imho kein Argument gegen seine Stücke, das fulminante "Der arme Bitos oder das Dinner der Köpfe" fällt mir da ein (jetzt wollte ich kurz mal nach der richtigen Schreibweise googlen und bin dabei über einen zeitgenössischen Artikel bei Spiegel online vom 14.11.1956 gestolpert - lesenswert).


    Und bei Pirandello fällt mir immer der hübsche Vierzeiler von Karl Kraus ein:


    Ein schaler Witz zwischen Schein und Sein,

    Rosinen schmecken nach Kuchen.

    Der Autor aber bildet sich ein,

    daß sechs Personen ihn suchen.


    Aufführen ließen sich der "Kater" und die "Verkehrte Welt" heute durchaus, aber sie müssten wohl gründlich überarbeitet werden, dazu ist die Satire in den Stücken einfach zu zeitgebunden. Der "Zerbino" ist dagegen wohl gar nicht erst für die Bühne gedacht gewesen (und imho auch als Lesedrama misslungen).

  • So, nach dem Stück ist vor dem Stück: Als nächstes war dann Ifflands "Die Jäger" an der Reihe, ein "Ländliches Sittengemälde in fünf Aufzügen". Zu Iffland heißt es in der Wikipedia:

    Zitat

    Als Dramatiker ist er in der Sittenschilderung am bedeutendsten; seine Stücke zeigen weniger moralisierende Breite als vielmehr eine außerordentliche Bühnen- und Menschenkenntnis und eine gemütlich-sittliche Tendenz.

    Das verquollenen Deutsch deutet auf eine Quelle so um 1950 hin ;-), aber es trifft auf "Die Jäger" jedenfalls so halbwegs zu: Es gibt jede Menge "gemütlich-sittliche" Szenen aus dem Haushalt der Oberförsters, moralisiert wird zwar gehörig, aber jetzt nicht so breit ausgewalzt. Allerdings werden die üblichen bürgerlichen Ideale gefeiert und gepriesen, dieser "Glück im Winkel"-Quatsch und das Gesellschaftsbild/-ideal ist schon arg gruselig.


    Da gibt es auf der einen Seite die Familie des Oberförsters mit dem Oberförster als gottgewollter oberster Instanz (und der nicht umsonst Oberförster ist), seiner Frau, die sich um Küche, Garten und Hochzeiten kümmert, deren ungestümen Sohn Anton, der sittsamen Pflegetochter und Waise Friederike und dem treuen Diener Rudolph. Auf der anderen Seite steht der arrogante und korrupte Amtmann (übrigens von Iffland gespielt), seine zickige und eingebildete Tochter Kordelchen und der (nur namentlich auftauchende) Sohn Peter; eine "Frau Amtmann" wird, wenn ich das richtig sehe, nicht einmal erwähnt: Die Familie des Amtmanns ist also gewissermaßen schon von Haus aus beschädigt.


    Beide Familien haben mehr oder weniger sprechende Namen: Der Oberförster heißt "Warberger", der Amtmann "von Zeck". Dazwischen steht der verschlagene und intrigante Matthes, der zu Beginn des Dramas noch Diener beim Oberförster ist, sein Dienstverhältnis aber bereits gekündigt hat und zum Amtmann wechselt. Zudem gibt es Personal dazwischen: Bauern, einen Schulzen, Wirtin, Bedienung und Gäste in einem Gasthaus, Jägerburschen.


    Anton liebt Friederike, sie liebt ihn, die Mutter aber hätte gern Anton mit Kordelchen und Friederike mit Peter verkuppelt. Die Oberförsterin ist gegen die Heirat von Anton und Friederike, da sie unterschiedliche Konfessionen haben, aber der Oberförster und der Pastor reden ihr gut zu und natürlich lässt sie sich überzeugen. Anton hat von Umstimmung seiner Mutter allerdings nichts mitbekommen, rennt davon und will unter die Soldaten. Angeblich aber soll er den Matthes ermordet haben, Anton wird festgenommen, es gibt ein paar sehr sentimentale Szenen, in denen der Oberförster, die Oberförsterin, Friederike und der Pastor versuchen, den Amtmann – der die Anklageschrift bewusst boshaft abgefasst hat, weil der Oberförster zuvor einem Korruptionsversuch aufrecht widerstanden hat – umzustimmen, dann klärt sich der angebliche Mord auf (Matthes ist nur verwundet und es war auch nicht Anton, sondern der alte Diener Fritz (den Matthes aus seiner Stellung gemobbt hat und der jetzt vor dem finanziellen Ruin steht) und die bürgerliche Familie des Oberförsters ist wieder heil.


    Die Sittsamkeit Friederikes wird übrigens u.a. dadurch illustriert, dass sie nach zweijährigem Aufenthalt aus der Stadt zurück kommt, und die Fragen von Kordelchen nach der neuesten Mode etc. nicht zu beantworten weiß ;-).


    Iffland war generell ein sehr erfolgreicher und einflussreicher Autor (er und Kotzebue haben praktisch das Bühnengeschehen der Zeit – also Ende 18./Anfang 19. Jahrhunderts – bestimmt), die "Jäger" waren wohl eines seiner erfolgreichsten Stücke überhaupt. Im Nachwort des Reclam-Heftes heißt es:

    Zitat

    Am Berliner Theater stammt mehr als ein Drittel des Repertoires der Jahre 1790 bis 1830 aus Ifflands und Kotzebues Feder, und in dem Zeitraum von 1786 bis 1885, also bis nach dem Kulturkampf, den Gründerjahren und den Sozialistengesetzen, werden 'Die Jäger', freilich mit abnehmender Häufigkeit, 160-mal gegeben.

    Warum das Stück übrigens "Die Jäger" heißt, erschließt sich mir nicht so recht: Jagd & Jäger tauchen nur am Rand auf, und als äh "Gattungsbegriff" (mir fällt auf die Schnelle nichts besseres ein ;-)) für die ideale Oberförsterfamilie scheint mir der Titel auch nicht wirklich zu taugen.


    Abweichend von meiner Leseliste schieb ich jetzt noch rasch von Iffland "Der Komet" dazwischen, das ist "Eine Posse in Einem Aufzug", also sehr kurz, und für Schmidts "Kaff auch Mare Crisium" nicht ganz unwichtig.

  • Also Ifflands "Der Komet" muss niemand lesen. Das Stück ist ausschließlich erwähnenswert, weil Schmidt es in "Kaff auch Mare Crisium" von Schulkindern aufführen lässt. Was, wenn man das Stück mal gelesen hat, mehr als unwahrscheinlich ist (nicht nur, dass eine Laienbühne das aufführt, sondern dass es überhaupt irgendjemand aufführt). Schmidt zitiert auch nur klug ausgewählte Sätze, die zum Gesamtgefüge von "Kaff" passen. (Es geht um den Buchbinder Balder, dem ein Scharlatan eingeredet hat, dass ein Komet die Erde zerstören werde, damit der Scharlatan die Tochter und das Geld Balders bekommt.)


    Dann stand Gustav Freytags "Die Journalisten" auf dem Programm. Das Personenverzeichnis beginnt mit:


    Oberst a.D. Berg

    Ida, seine Tochter

    Adelheid Runeck

    Senden, Gutsbesitzer

    Professor Oldendorf, Redakteur


    … und da war eigentlich schon klar, worum es in dem Stück geht: Dass der Herr Professor die Tochter des Generals bekommt. Bekommt er auch. Ein fürchterliches Stück, aber ein seinerzeit (UA: 8.12.1852) sehr erfolgreiches. Interessant für die Entwicklung der dt. Literatur nach 1848, aber ansonsten kann ich davon nur abraten. Und den gar nicht mal so latenten Antisemitismus möchte ich gar nicht erst erwähnen.

  • Nach Iffland und Freytag wollte ich mal was wirklich Gutes lesen und griff zu Oscar Wildes "Ernst – und seine tiefere Bedeutung" (The Importance of Being Earnest"). Ich wurde nicht enttäuscht. Von Wilde kannte ich bislang nur etwas Prosa (also den Dorian Gray und die Märchen) und ein paar Essays, keine Dramen.


    "Ernst" gehört mit Abstand zum witzigsten und komischsten, was ich bislang gelesen habe. Eine ungemein temporeiche Verwechslungs- und Verwirrungskomödie mit vielen eleganten Sticheleien gegen die viktorianischen Ideale. Das würde ich wirklich sehr gern auf der Bühne sehen, das muss ein sehr großer Spaß sein. (Die Stichelei geht schon im Titel los, aber dazu müsste ich größere Passagen aus dem Nachwort abtippen, dazu bin ich jetzt zu faul ;-).)


    Gelesen habe ich die Übersetzung von Bernd Eilert (Haffmans, Zürich 1999), der wohl als einziger Übersetzer auf Wildes ursprüngliche Fassung in vier Akten zurückgreift. Das Stück wurde bei seiner UA am 14.2.1895 (auf Wunsch des Intendanten und Regisseurs George Alexander) auf drei Akte gekürzt, 1899 erschien diese Fassung im Druck, und alle dt. Übersetzungen haben sich daran gehalten.


    Wilde selbst scheint seine ursprüngliche Fassung bevorzug zu haben. Nach einer Probe soll er gesagt haben:

    Zitat

    Ja, das Stück ist ganz gut. Ich entsinne mich, einmal selbst etwas Ähnliches geschrieben zu haben, und das war sogar noch brillanter.

    Der Übersetzer merkt noch an:

    Zitat

    Im Vierakter treten nicht bloß zwei zusätzliche Figuren auf, von denen zumindest eine zum komischen Verwirrspiel erheblich beiträgt, der unterschlagene Akt enthält auch noch ein paar Schlenker, die so abwegig sind, daß sie jeden Versuch einer Psychologisierung vereiteln sollten.

    Wie man an dieser Anmerkung wohl schon merkt, darf man von dem Stück keinen Realismus oder glaubwürdige Figuren erwarten, bekommt dafür aber sehr viel Wortwitz und absurde Handlungen. (In seiner Ironie und Verspottung sozialer Konventionen und viktorianischen Benimm- und Verhaltensregeln ist es natürlich "realistisch".)


    Jedenfalls eine nachdrückliche Empfehlung, das Stück sollte man kennen.

  • Ein nettes Wiedersehen: The Importance of Being Earnest war bei uns Oberstufelektüre, so um 1975 rum. Das broschierte Heftchen habe ich noch heute in meinem Regal stehen, mitsamt meinen krakeligen Randnotizen.


    Für die meisten unter uns war das die erste Begegnung mit der zivilisatorischen Errungenschaft der Gurkenstulle.

  • Zitat

    Für die meisten unter uns war das die erste Begegnung mit der zivilisatorischen Errungenschaft der Gurkenstulle.

    Meine Töchter, damals um die 20, waren so begeistert von dem Film, dass wir einmal samstagnachmittags alle Gurkenbrötchen essen mussten. Keiner war amused. =O

  • Meine Töchter, damals um die 20, waren so begeistert von dem Film, dass wir einmal samstagnachmittags alle Gurkenbrötchen essen mussten. Keiner war amused. =O

    Wahrscheinlich sind die Briten deshalb auch so witzig-selbstironisch: Wenn ein Gurkensandwich als Höhepunkt gesellschaftlicher Eleganz zelebriert wird, gehört dazu schon eine Menge Geschmeidigkeit im Stil, um den Inhalt zu adeln.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)