Cervantes: Don Quijote

  • Ich habe Kapitel 43 gelesen und bin so langsam unangenehm berührt ob dieser ganzen Leute, die nach und nach in der Schenke eintreffen, ganz zufällig gerade da sind, aber mit allen anderen bekannt oder verwandt sind ...

    Immerhin wird immer wieder Dorotea ausdrücklich erwähnt als gewitzte, kluge und einfühlsame Frau. Das versöhnt mich.

    Es geht dem Ende zu. Ich kann im Moment nicht zusichern, dass ich gleich mit Teil 2 beginne. Vielleicht wende ich mich erstmal einem aneren Buch zu.

  • Hallo zusammen, ich kämpfe mich mühsam durch das Buch. Ich versuche zumindest jeden Abend ein Kapitel zu lesen, bin jetzt mit Kapitel 19 fertig. Mal schauen, wie lange das so geht. Evtl. ist mal wieder nicht der richtige Zeitpunkt, dieses Buch zu lesen. Ich habe leider auch wenig zur Lektüre zu sagen, ich finde da wohl nicht den richtigen Zugang, tut mir leid. Aber es ist interessant, eure Eindrücke zu lesen :winken:.

  • Don Quijote ist endlich eingesperrt worden, nachdem er wieder Radau gemacht hat.

    Ich komme zu Kapitel 47. Es gibt wohl noch eine Liebesgeschichte und - vermute ich - Heirat. Überhaupt haben im Moment die ganzen Verliebten mehr Raum als Don Quijote selbst.

  • Nachdem Gontscharow zum Oblomow geworden ist und Ihr, Thopas und Zefira, droht, schlapp zu machen, will ich versuchen, Euch bei der Stange zu halten. Wie ich mehrmals erwaehnt habe, hatte ich das gesamte Buch, also den ersten und zweiten Teil, im letzten Winter schonmal gelesen, nach mehreren vergeblichen Anlaeufen in den Jahren davor. Der erste Teil ist mir damals auch sauer geworden, vor allem durch die eingeschobenen und eingearbeiteten Liebesgeschichten und die Schwierigkeit, die mangelnde Plausibilitaet unbeachtet zu lassen. Der zweite Teil hat mich dann auch den ersten in einem anderen Licht sehen lassen. Durch die Lektuere von Thomas Manns Meerfahrt mit DQ ist mir manches noch deutlicher und lieber geworden. In dem Zusammenhang ist interessant, dass Thomas Mann obwohl er schreibt, dass dem zweiten Teil die Frische des ersten fehle und er Goethe mit der Aussage zitiert, die Motive seien durch den ersten Teil erschoepft worden (alles aus meinem sehr maessigen Gedaechtnis, nicht woertlich!), schreibt Th. M. dann aber auch: "Auffaellig in der Tat machen sich die betreffenden Stellen und Episoden durch ihre Sonderbarkeit, die Ausgefallenheit ihrer Motive, die auf eine weitlaeufige Herkunft deutet; und kennzeichnend ist, dass sie sich im zweiten, geistig wuerdevolleren Teil des Werkes finden. Thomas Mann beschaeftigt sich dann auch vornehmlich mit diesem zweiten Teil, gibt ausfuehrlich den Inhalt einzelner Kapitel wieder und seine (tiefschuerfenden) Gedanken dazu. Jetzt kommt ein Gedanke von mir, nachdem ich mich bisher nicht mit eigenen Gedanken hervorgetan habe: Wenn Cervantes diesen zweiten Teil nicht geschrieben haette, der seine Entstehung (wie es bei den Experten heisst) nur der Tatsache verdankt, dass ein anderer bereits eine Fortsetzung geschrieben hatte und ihm materiellen und immateriellen Verdienst damit schmaelerte, haette - so vermute ich - der erste Teil die Jahrhunderte nicht, oder allenfalls als gekuerzte "Kinderbuchfassung" ueberdauert. Der zweite Teil ist fuer Leute wie mich, die keine Profiliteraten sind, die Beglaubigung fuer den Rang des ersten. Thomas Mann schreibt ja auch sehr schoen und meiner eigenen "Lese-Erfahrung" entsprechend, dass Cervantes das Werk mit sehr bescheidenen Zielen begonnen habe und dass es ihm unter der Hand immer groesser geworden sei. Ja, dieser Prozess, dass seine Achtung vor dem eigenen Werk mit dessen Fortschreiten staendig gewachsen sei, sei fuer ihn (Th. Mann) das Interessanteste (so aehnlich).

    Also haltet durch und wenn Ihr das beim ersten Teil nicht mehr koennt, nehmt Euch den zweiten Teil vor und habt keine anderen Goetter daneben in dieser Zeit. Wenn Ihr den zweiten Teil gelesen habt, geht Ihr vermutlich von selbst wieder zurueck zum ersten, dahin, wo Ihr aufgehoert habt. Bitte schreibt auch hier weiter, ich komme dann immer mal zwischenrein mit Gedanken aus der Meerfahrt und vielleicht hab ich ja sogar mal eigene.

    if all you have is a hammer, all you see looks like a nail.

  • Nachdem Gontscharow zum Oblomow geworden ist

    ^^:D

    Bin ich gar nicht :saint: ,...immerhin bin ich in Kap. XXX II.

    Ich weiß im übrigen gar nicht, was ihr habt. Der Roman wird doch immer besser! Das 31. Kapitel mit dem wer- weiß- wievielten köstlichen Gespräch zwischen D.Q. und Sancho Panza toppt in seiner Skurrilität alle bisherigen. Köstlich auch, dass D.Q. einigen seiner Schützlinge und Geretteten zum zweiten Mal begegnet und mit den Folgen seiner Aktionen konfrontiert wird. So muss er sich von Andres, dem von seinem Herrn misshandelten und von D.Q. „geretteten“ Bauernjungen, sagen lassen: „Solltet Ihr mir, Herr fahrender Ritter, nochmal begegnen, dann helft und steht mir um Gottes willen bloß nicht bei (…), überlasst mich meinem Unglück, das so groß nicht sein wird wie das, was mir durch Euer Gnaden Hilfe entsteht, den Gott verfluchen soll, wie alle fahrenden Ritter, die die Welt je gesehen hat.“ D.Q., der Tragikomiker, der (ein umgekehrter Mephisto ) stets das Gute will und das Üble schafft.

    Ich muss jetzt erst noch ein bisschen weiterlesen, die „Novelle vom maßlos Wissbegierigen“ ( „vom törichten Vorwitz“bei euch) bevor ich auf meine Eindrücke näher eingehe.


    P.S.

    Im DQ ist eine schoene Stelle ueber die Unzulaenglichkeit der Uebersetzungen (WO?).


    Die von dir gesuchte Stelle befindet sich im Kapitel Von der vergnüglichen und gründlichen Prüfung, welcher der Pfarrer und der Barbier die Bibliothek unseres geistvollen Hidalgos unterzogen (Kap.VI, Mitte)

    Faszinierend , wie Cervantes hier und auch sonst literaturtheoretische Betrachtungen in seinen Roman einflicht.


  • Ach, da freue ich mich aber, Gontscharow, dass Du weiter an Bord bist und Deinen Spass hast! Ich denke ja auch, dass der Roman, wenn man mal den richtigen Blick hat, ganz grossartig ist. Die von Dir genannten Stellen finde ich auch so schoen. Womit ich Schwierigkeiten habe, sind die "Novellen". Jetzt heute-journal.

    if all you have is a hammer, all you see looks like a nail.

  • Ich vermelde mit Freuden, dass ich mit Buch I fertig bin. Am Schluss wurde es noch mal richtig witzig, die Geschichte mit der schönen Leandra, deren Schicksal daran schuld ist, dass das ganze Tal voll ist mit dichtenden Schaf- und Ziegenhirten, die alle miteinander um Leandra seufzen, war so herrlich absurd.

    Da ich das dicke Buch halb durch habe und es bisher gar nicht wehgetan ist, werde ich gleich mit Buch II weitermachen.

  • schoen, Zefira, dass es auch Dir gefallen hat und Du nun auch den zweiten Teil in Angriff nimmst. Du wirst nicht enttaeuscht werden. Es gibt auch wieder ganz herrliche Cliff-hanger und auch sonst ist alles da. Thomas Mann fand, dass die Geschichte mit den Loewen der Hoehepunkt des ganzen Werkes sei und ihm hat das Gespraech ueber Erziehung und Berufswahl DQs mit dem Gruenmantel beonders gut gefallen. Und ganz grossartig und ohne Beispiel in der Literatur fand er, dass DQ und SP im zweiten Teil mit Leuten zusammentreffen, die den ersten Teil gelesen haben und sie aufgrund dessen "hofieren". Er zieht auch ab und zu Parallelen zu dem von ihm in der Zeit geschriebenen Josephsroman und da u.a. zum Thema Erniedrigung und Erhoehung, was er - wohl zutreffend - als zutiefst christlich-juedisch bezeichnet und das ja im DQ exzessiv vorkommt. Als besonders erniedrigend, mehr als alle Pruegel und Steinwuerfe, empfand Mann die Episode, in der DQ seinen Helm mit den schmilzenden Ziegenkaese aufsetzt, den ihm SP in seine Not reicht, wobei dann DQ denkt, dass sein Gehirn auslaeuft....

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  • Habe die ersten zehn Kapitel gelesen. Das ist wirklich amüsant: Sancho hat von seinem Herrn gelernt und schwadroniert noch schlimmer als dieser.

    Speziell in dem Kapitel, als es um die Begegnung mit "Dulcinea" geht, benimmt sich Don Quijote wie jeder vernnftige Mensch. Statt sich darüber zu freuen und ihn darin zu unterstützen, führt sich Sancho wie ein Verrückter auf - allerdings wider besseres Wissen und "aus List". Ob das eine gute Wahl ist?

  • Nachdem Du Buecher paralell lesen kannst (Maron, interessante Diskussion), bist Du ja sicher auch faehig, schonmal ein Kapitel vorzuziehen. Wenn Du mal ganz viel Spass an Sancho Pansas Reden haben willst, lies mal Kapitel 31. Herrlich.

    if all you have is a hammer, all you see looks like a nail.

    Einmal editiert, zuletzt von Volker () aus folgendem Grund: Rechtschreibekorrektur (wieder mal paralell vorne mit zwei ll geschrieben).

  • (...) benimmt sich Don Quijote wie jeder vernnftige Mensch. Statt (...) ihn darin zu unterstützen, führt sich Sancho wie ein Verrückter auf

    ^^

    Auch im ersten Teil verhalten sich D.Q.und S.P. oft komplementär. Sie tauschen quasi die Rollen, um gemeinsam dann wieder die gewohnte sich ergänzende Kombination von Eigenschaften und Verhaltensweisen abzugeben. So z. B, wenn D.Q.sich in volkstümlichen Sprüchen ergeht und Sancho hochgestochen wie sonst D.Q. daherredet.

    Ich werde ebenfalls in den nächsten Tagen Teil eins beendet haben und fahre dann mit dem zweiten Band fort.

  • Leider hat ja diese Leserunde groessere Luecken, auch weil ich gemeint hatte, ich muesse vor- lesen. Damit es aber ueberhaupt mal mit dem Schreiben weitergeht, schreibe ich nochmal ein wenig, in der Hoffnung, dass Ihr dann wieder "richtig" einspringt:

    Also ich bin jetzt da, wo die beiden Protagonisten beim Herzog sind. Dieser hat Sancho Pansa die ersehnte Statthalterschaft versprochen. Zunaechst einfach so. Dann hat er sie mittels abenteuerlicher "Possen" an die Bedingung geknuepft, dass Sancho Pansa sich "freiwillig" 3300 Geisselhiebe verabreicht, was angeblich notwendig ist um Dulcinea zu entzaubern (SP ist von der Herzogin so "verrueckt" geredet worden, dass er zuletzt wirklich glaubt, Dulcinea sei verzaubert, obwohl er ja selbst der "Zauberer" war). Nachdem SP soweit war, darin einzuwilligen, wird eine neue Huerde aufgebaut: Er muss hinter DQ die Kruppe eines hoelzernen Pferdes besteigen, das angeblich mit affenartiger Geschwindigkeit durch die Luft saust, damit DQ in einem fernen Koenigreich einen Zauberer stellen und besiegen kann, um 12 durch diesen Zauberer bebartete Kammerfrauen wieder zu entbarten. Auch das laesst sich SP schliesslich gefallen und nun steht er kurz davor Statthalter zu werden. DQ gibt ihm dazu Ratschlaege auf den Weg, die m.E. in der Mehrzahl auch heute noch fuer alle Regierenden beherzigenswert waeren.

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  • Ich bin noch dabei, lieber Volker. Ich habe vorgestern das Kapitel gelesen, in dem Don Quijote Ziegenkäse im Helm hat und glaubt, sein Gehirn lauf aus, und in dem er - äußerst tollkühn - gegen zwei Löwen kämpfen will. Das hat mich wirklich beeindruckt.

    Leider kam mir gestern ein kleines Buch von Julien Green in die Quere, in das ich bloß mal einen Blick werfen wollte, und dann hat es mich nicht mehr losgelassen.

    Aber das schließe ich heute ab und morgen geht es mit dem "Löwenritter" (neuer Name!) weiter.

  • Danke, Zefira, die Loewenszene ist fuer Th. Mann in der Meerfahrt der Hoehepunkt des gesamten Werkes und die Szene mit dem Ziegenkaese zitiert er als die aeusserste Erniedrigung.

    if all you have is a hammer, all you see looks like a nail.

  • Don Q. ist von einem Herzogpaar auf ihr Schloss eingeladen worden. Hier zeigt sich wieder Sancho als äußerst beredt, wirft mit Sprichwörtern um sich, die nicht immer passen, weiß aber durchaus witzig und unterhaltsam zu erzählen. Es ist schon toll, wie diese Figur sich gesteigert hat.

    Bin bei Kapitel 32.


    Hier ein schönes Bild von Delacroix, es heißt "Don Quichotte in seiner Bibliothek".

    Ich kaufe mir seit vielen Jahren den Harenberg-Kunstkalender, einen Tagesabreißkalender. Die Abrisse, die mir gefallen, benutze ich als Lesezeichen. Dieses hier liegt seit 2002 in meiner Ausgabe des Don Quijote.


    [Blockierte Grafik: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/7/72/Eug%C3%A8ne_Delacroix_-_Don_Quichotte_dans_sa_biblioth%C3%A8que.jpg/379px-Eug%C3%A8ne_Delacroix_-_Don_Quichotte_dans_sa_biblioth%C3%A8que.jpg]

  • So, und nun habe ich endlich Urlaub und mir vorgenommen, euch hinterher zu lesen. Wenn's dann bei euch fertig ist und die Leserunde geschlossen wird, eröffne ich halt einen Nachreich-Thread.

    Erstmal habe ich - wie immer, wenn ich klassische Literatur lese - den Kindler-Artikel zum Werk und dann das Vorwort von Anton M.Rothbauer, dessen Übersetzung auch mir vorliegt, gelesen. Nun einigermaßen vorgewarnt bin ich in die Lektüre des Romans bzw. erstmal des Vorworts eingestiegen und habe mich schon amüsiert. Wunderbar, wie hier die großen Dichter des 16. und frührerer Jahrhunderte ihr Fett wegkriegen. Sehr interessant fand ich auch die Gedichte mit den fehlenden Endsilben: In der deutschen Übersetzung funktioniert das gut, weil unsere Wortendungen in der Mehrheit unbetont und sich ähnlich sind, so dass man den Reim sowohl auf dem Wortkern als auch auf der nur im Kopf ergänzten Endung hat. Wie das im Spanischen funktioniert, weiß ich nicht, da ich die spanischen Wortendungen nicht kenne.
    Bezeichnend für die zumindest vordergründige Anlage als Satire ist auch, dass jeder der Hauptgestalten in den Einführungsgedichten ein berühmtes Pendant zur Seite gestellt wird, das die Außerordentlichkeit des Cervantischen Personals lobt. Sogar Rocinante (von dem ich immer dachte, er sei eine Stute, wohl wegen "Gouvernante" und ähnlichen Wörtern :wink:) wird gleich zweimal angedichtet und erweist sich im zweiten Gedicht als Stoiker, der sich mit den Gegebenheit abfindet und sie durchleidet.

    Nun in ich im zweiten Kapitel und erstaunt, wie schnell es hier in medias res geht. Ich dachte, es gäbe noch zahlreiche Vorstellungen und EInblicke in Jugend und Werdegang des Protagonisten: Aber nein, in den 50ern angekommen setzt er ganz plötzlich die Vorstellung um, das Programm seiner geliebten Ritterromane im eigenen Leben praktisch umzusetzen.
    Aber anscheinend hat er auch wehrhafte Ahnen, denn Rüstung, Waffen und Helm finden sich zwar altersmüde, aber wiederherstellbar in seinen Räumlichkeiten.

    Hoffentlich nervt es euch nicht, wenn ich euch jetzt hinterherhinke.

    Volker , übrigens vielen Dank für den Thomas Mann - Tipp: Ich las den Text schon mal zu Beginn der 90er, habe aber natürlich alles vergessen. Wenn ich weiter vorgedrungen bin, werde ich auch den Mann nochmal lesen.


    Ich lese übrigens den entsprechenden Band in der Zweitausendeins-Werkausgabe, ein Lizendruck nach der Fischer-Werkausgabe, mein Band ist kleinen Formats und wiegt knapp 700 g.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Zitat

    Hoffentlich nervt es euch nicht, wenn ich euch jetzt hinterherhinke.

    Selbstverständlich nicht; wir haben ja alle ein unterschiedliches Lesetempo. Volker ist mir weit voraus.

    Mit Rosinante ging es mir übrigens genauso. Ich hielt das für einen ganz normalen Frauennamen. Aber der Herr Rosinante hat ja im Lauf des Romans mehrfach Begegnungen mit Stuten und entsprechend verliebte Anwandlungen ...

  • Schoen dass Du wieder dabei bist, finsbury. Ja, - leider - bin ich immer noch etwas voraus. Weil ich ein sehr langsamer Leser bin, hatte ich vor- gelesen, aber weil die Lust am Lesen beim zweiten Mal mit mir durchgegangen ist, ging es tatsaechlich auch schneller. Weil ich nun nicht immer schon alles verraten wollte und auch nicht so gut im Zusammenfassen bin, habe ich auch keine "Inhaltsangaben" gemacht. Gontscharow und Zefira haben sich, wohl wegen des unterschiedlichen Fortschritts, auch damit zurueckgehalten. Ich finde es gut, dass Du das nachholst und lese das gerne! Ich muss gestehen, dass die Gedichte beim ersten Lesen im Winter 16/17 nicht "zu mir gegangen" sind, wie die Pfaelzer so schoen sagen. Jetzt gefielen sie mir schon besser. Nachdem Du sie beschrieben hast, auch die Sache mit den Endungen, knoepfe ich sie mir nochmal vor. Von der Meerfahrt habe ich bei Amazon eine ueberraschend schoene Ausgabe bekommen. Ich hatte mir zwei Varianten bestellt, die eine von Insel hatte den typischen netten Insel-Einband (hardcover) und enthielt nur den Text. Die andere war - fuer mich despektierlich scheinend - als "Pappband" bezeichnet und irgendwo stand, es seien Fotos drin und ich vermutetete, dass es keinen Text enthalten wuerde, vielleicht aber Fotos von Thomas Mann bei seiner ersten Atlantikueberquerunge 1934. Das Baendchen wurde ziemlich spaet geliefert und enthielt zu meiner Ueberraschung den Text, Fotos von Thomas Mann usw. wie gedacht, aber dann auch noch Fotos all der Luxusdampfer mit denen Thomas Mann danach noch den Atlantik ueberquerte und deren Namen mir aus meiner fruehen Jugend gelaeufig waren mit technischen und anderen Angaben: "Copyright 1945 by Beermann Fischer Stockholm....fuer diese Ausgabe:2002 S.Fischer ....... ISBN 3-10-048513-0". Mit dem Rosinante ist es mir ergangen wie Euch. Er ist aber fast so keusch wie sein Herr, Zefira, aber wie dieser wird er immer mal wieder in Versuchung gefuehrt und erliegt ihr (fast), das sind auch immer sehr schoene Stellen. Das Bild von Delacroix ist SEHR schoen, er ist einer meiner Lieblinge. Ja, und die Entwicklung der Figur des Sancho Pansa ist grossartig. Don Quichote ist ja von Anfang an vielschichtiger angelegt und kann und darf sich deshalb kaum entwickeln(?). (jetzt macht die Kiste wieder was sie will. Schrecklich)

    if all you have is a hammer, all you see looks like a nail.

  • Vielen Dank, Volker und Zefira , für euren Zuspruch.

    Mittlerweile habe ich das vierzehnte Kapitel abgeschlossen und fühle mich noch nicht gelangweilt (was ja auch schlimm wäre, immerhin habe ich gerade mal etwas mehr als 10 % gelesen). Diese episodische Schreibweise gefällt mir ganz gut, und man kennt sie ja auch noch aus den Barockromanen, von denen ich im letzten Jahr zwei las. Auch da wiederholen sich die Muster immer wieder. Cervantes allerdings verwendet diese Muster bisher ausschließlich satirisch.


    Wunderbar ist natürlich das erste gemeinsame Abenteuer mit Sancho Pansa, der berühmte Kampf mit den Windmühlen. Ob nur einmal ein solcher Kampf gegen Dinge stattfindet? Vielleicht ist diese kurze Szene - abgesehen von dem wirklich genialen Einfall - auch deshalb so berühmt, weil sie am Anfang des Romans steht und deshalb noch von vielen gelesen wurde, die später aufgegeben haben^^ (Wer weiß, wie es mir noch damit gehen wird...) .


    Vorher habe ich mich auch sehr amüsiert über das Fegefeuer, das der Priester und Barbier über die Ritterromane und Verwandtes verhängt haben. Aber hier ging es mir so wie dir, Volker : Ich setzte moderne Maßstäbe an und fragte mich, wie man einfach so über das (in der damaligen Zeit zusätzlich noch sehr kostbare) Eigentum eines anderen verfügen konnte. Aber wo kein Kläger, da kein Richter: Die beiden stellen es ja so an, dass DQ es für - in seiner Welt - ganz normal hält, dass ihm ein böser Zauberer einfach sein Bücherzimmer hinweg gehext hatte - im übrigen eine Vorstellung, die für uns Bibliomane kaum zu ertragen ist :wegrenn:.


    Ich finde es auch, wie du, Zefira , oben erwähnst, interessant, wie DQ mit der Frage der Ernährung umgeht: Besonders ist auffällig, dass er bei seinen bescheidenen Speisewünschen bisher nie daran denkt, dass sich SP vielleicht gerne mal öfter den hungrigen Wanst vollschlagen würde, während er von seinen bescheidenen Wünschen durchaus absieht und Täubchen sowie Ziegenfleisch nicht verschmäht, wenn sie ihm angeboten werden.


    Und nun die letzten, von mir gelesenen Kapiteln (11-14): Cervantes macht sich nicht nur über die Ritterromane, sondern auch über die ausufernden Schäfereien seiner Zeit lustig. In Marcelina verliebte junge Männer jeden Standes kleiden sich in Schäferklamotten und wandeln ihr nach, sterben sogar für sie bzw. dafür, dass sie nicht auf ihre selbstverliebten Gefühlsprojektionen eingeht.

    Ganz stark finde ich Marcelas Rede im 14. Kapitel: Das ist schon ein richtiges Stück rhetorisch brillant hergeleiteter Frauenemanzipation, wie Marcela hier klarstellt, dass sie kein Objekt für in Gefühlsprojektionen versteckte Begierden ist, sondern ihren Wert in sich und nicht in ihrem Aussehen trägt und sich deshalb dieses unter Schwärmerei versteckten männlichen Besitzanspruches entzieht und sich in die freie Natur zurückzieht (hier schon eine Andeutung des späteren romantischen Eskapismus). Hier setzt sich DQ endlich mal für die richtige Frau ein, im Gegensatz zur scheinbaren Errettung der Biscayerin, die durch ihn fast ihren Kammerherrn verliert.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Wenn ich hier jetzt etwas reinschreibe, geht das natuerlich chronologisch schrecklich durcheinander. Aber nachdem das ja alles sowieso nicht nach der Reihe geht, mache ich es trotzdem. Ich bin jetzt im 54. Kapitel des zweiten Buches, in dem Sancho Pansa einen der damals aus Spanien ausgewiesenen "Mauren", seinen ehemaligen Nachbarn, trifft. Ueber dieses Kapitel hat sich Thomas Mann sehr ausfuehrlich und empathisch geaeussert, zu meiner Ueberraschung aber ohne auf die aktuellen Verhaeltnisse in Deutschland direkt einzugehen, die 1934 doch schon deutlich Zuege der Judenverfolgung zeigten. Indirekt denke ich aber schon, dass er bei der Niederschrift das sich abzeichnende Schicksal der Juden vor Augen hatte. Allerdings passt die letzte Passage nicht recht dazu. Ihr werdet sehen. Er war halt vermutlich ein vorsichtiger Mann, aehnlich wie Cervantes. Das, worum es in dem Kapitel geht, ist leider auch heute wieder von bedrueckender Aktualitaet. Im Folgenden zitiere ich auszugsweise Thomas Mann, der seinerseits wieder aus der Uebersetzung Ludwig Tiecks zitiert. Diese Zitate schreibe ich kursiv: "Sehr fesselnd und bedeutend ist ...die Episode vom Morisken Ricote,.....aus Sanchos Dorf, der den Ausweisungsedikten gemaess Spanien hat verlassen muessen und, von Heimweh getrieben in Pilgrimskleidung sich wieder dort einschleicht. Das Kapitel ist eine kluge Mischung von Loyalitaetsbezeigungen, von Kundgebungen der strengen Christkatholizitaet des Verfassers, seiner untadeligen Untertaenigkeit vor .....Philipp III. und dem lebendigsten menschlichen Mitgefuehl fuer das furchtbare Schicksal der maurischen Nation (sic! Volker), die vom Bannbefehl des Koenigs getroffen, ohne jede Ruecksicht auf individuelles Leid der - vermeintlichen - Staatsraison geopfert und ins Elend getrieben wird. Durch das eine erkauft sich der Autor die Erlaubnis zum andern: aber ich (Th. Mann) vermute, es ist immer empfunden worden, dass das erstere politisches Mittel zu zweiten war und die Aufrichtigkeit des Dichters so recht erst beim zweiten beginnt.Er legt dem Ungluecklichen selbst die Gutheissung der Befehle Seiner Majestaet in den Mund......weil er von den Anschlaegen der Seinen gewusst habe.....Die schaendlichen Anschlaege bleiben.... (aber)...im schamhaften Dunkel.......darum sei es nicht gut gewesen, die Schlange im Busen zu naehren und den Feind im eigenen Hause zu haben. Die Sachlichkeit und Maessigung, die der Autor dem Denken des schwer Getroffenen verleiht, sind bewundernswert. Aber unvermerkt gleiten sie zusammen in ein anderes Fahrwasser. Gerecht, sagt der Maure, sei die Strafe der Verbannung gewesen.......in Wirklichkeit aber die allerschrecklichste, womit man ihn und sein Volk nur habe zuechtigen koennen. Wo wir auch sind, beweinen wir Spanien, denn hier wurden wir doch geboren und es ist unser wahres Vaterland. Nirgends finden wir die Aufnahme, die unser Ungluck fordert, und in der Barbarei (Berberei) und in allen Teilen Afrikas, wo wir glaubten aufgenommen, geehrt und geschmeichelt zu werden, dort kraenkt man uns und misshandelt man uns am meisten. So faehrt der spanische "Mohr" zu klagen fort, bitterlich, dass es ans Herz greift." (Volker: Es folgen noch weitere Details der Liebe zu Spanien und des Schmerzes ueber den Heimatverlust),

    Weiter mit Thomsa Mann: "Niemand verkennt, dass durch diese Kundgebunge einer nicht zu ertoetenden Heimatliebe und natuerlichen Verbundenheit die zerknirschten Redensarten von der Schlange im Busen, dem Feind im Hause und der grossen Gerechtigkeit der Ausweisungsgesetze weigehend Luegen gestraft werden. Das Herz des Dichters, das im zweiten Teil von Ricotes Rede zu Wort kommt, spricht eine ueberzeugendere Sprache als seine vorsichtig unterwuerfige Zunge: Er hat Mitleid mit diesen Gehetzten und Ausgestossenen , die so gute Spanier sind wie er selbst und irgend einer; denn in Spanien, das nach ihrer Ausmerzung nicht reiner, sondern nur aermer sein wird, sind sie geboren, es ist ihr wahres, natuerliches Vaterland.....

    .....Cervantes als armer, abhaengiger Literat hat die Loyalitaet nur allzu noetig........

    ...Ricote erzaehlt, von Itanlien habe er sich nach Deutschland gewandt und dort eine Art Frieden gefunden. Denn Deutschland, das sei ein gutes, duldsames Land, seine Einwohner saehen nicht auf "Kleinigkeiten", jeder lebe da, wie es ihm gut duenke und an den meisten Orten koenne man in aller Gewissensfreiheit leben."

    Und nun faehrt Thomas Mann mit den fuer mich im Jahr 1934 unbegreiflichen Worten fort: "Da war es dann an mir, patriotischen Stolz zu empfinden, mochten auch die Worte schon alt sein die ihn mir erweckten. Es ist immer angenehm, aus fremdem Munde das Lob der Heimat zu hoeren." Der einzige (versteckte) Hinweis auf eine Distanzierung von der aktuellen Lage liegt im Hinweis auf Alter der Worte.

    if all you have is a hammer, all you see looks like a nail.